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Mittwoch, 28. März 2018

Schütz: Johannespassion (Carus)

Mit der Johannespassion komplet- tiert der Dresdner Kammerchor unter Hans-Christoph Rademann seine Einspielung der drei Passionen von Heinrich Schütz. Die zentrale Gestalt in diesem A-Cappella-Werk ist der Evangelist, der die Passionserzählung rezitierend vorträgt, oftmals im Wechselgesang mit dem Sänger, der den Part des Jesus gestaltet. Auch dieser hat an musikalischen Mitteln kaum mehr zur Verfügung als eine Art Psalmodie. Als Solisten sind in diesen Partien Jan Kobow und Harry van der Kamp zu hören; sie singen schlicht, ganz auf den Text bezogen, und ausdrucksstark. 
Der Chor eröffnet und beschließt die Passion; aus ihm treten die Soliloquenten hervor, wie Pilatus, Petrus sowie die Knechte und die Magd des Hohepriesters. Ihm obliegen aber vor allem auch die zumeist kurzen Turbae-Chöre. Schütz gestaltete sie kantig und dramatisch: Die Meinungsführer schreien los, und die anderen stimmen ein. Hier hat der Dresdner Kammerchor einen starken Auftritt. Mit seinem beeindruckend homogenen Chorklang und seiner konsequenten Orientierung am Sprachgestus gelingt ihm eine Interpretation, die dauerhaft Maßstäbe setzt. 
Die Einspielung erhielt vollkommen zu Recht den Jahrespreis der Deutschen Schallplattenkritik. Ergänzt wird das Programm durch zwei Erstaufnahmen – eine Vertonung der Deutschen Litanei Martin Luthers und die Abensmahlsmotette Unser Herr Jesus Christus in der Nacht, da er verraten ward – sowie den Evangeliendialog Ach Herr, du Sohn Davids. Dabei werden die Sänger durch Lee Santana, Theorbe, Frauke Hess, Violone, und Ludger Rémy, Orgelpositiv, begleitet. 

Samstag, 24. Dezember 2016

Euch ist ein Kindlein heut geborn (Carus)

„Wer sich die Musik erkiest, hat ein himmlisch Werk gewonnen; denn ihr erster Ursprung ist von dem Himmel selbst genommen, weil die lieben Engelein selber Musikanten sein“, reimte einst Martin Luther. Fünf Lieder des Reformators für die Adventszeit und das Weihnachtsfest sind auf dieser CD zu hören – in Bearbeitungen, die von den ersten Kantoren in der Reformationszeit selbst oder aber von der nachfolgen- den Musikergeneration geschaffen worden sind. 
Das Musterbeispiel eines evange- lisch-lutherischen Kantors war ohne Zweifel Johann Walter (1496 bis 1570). Er hatte in Leipzig studiert, und ging nach Torgau, um dort als Sänger und Komponist in der ernestinischen Hofkapelle zu wirken. Nach dem Tode seines Dienstherren, Kurfürst Friedrich der Weise, wurden die Hofsänger aber nicht weiter beschäftigt. Walter blieb dennoch in Torgau; 1526 gründete er die Stadtkantorei, um, ganz im Sinne Luthers, die neue Kirchenmusik aufführen zu können. Dazu kam 1530 noch ein Schulkanto- rat, in dem der Nachwuchs ausgebildet wurde. Damit schuf Johann Walter ein Vorbild, das in vielen anderen Städten kopiert wurde und Generationen von Kantoren prägte; nicht zuletzt durch sein Geystliches GesangkBuch- leyn wurde er quasi zum Urkantor der Reformation. 
Auf dieser CD ist er ebenso vertreten wie viele seiner Kollegen. Denn die Hamburger Ratsmusik unter Leitung von Simone Eckert stellt gemeinsam mit den Sopranistinnen Veronika Winter und Ina Siedlaczek und Tenor Jan Kobow die ausgewählten Lieder jeweils in sehr vielen verschiedenen Versionen vor. Jede Strophe wird anders gestaltet; es erklingen Werke der unterschiedlichsten Komponisten, in verschiedensten Besetzungen vor- getragen, vom schlichten Kantionalsatz bis hin zu komplexen mehrstim- migen Versionen, teilweise auch reinen Instrumentalsätzen. Das alles wird sehr klangschön vorgetragen; wer sich für die Anfänge der evangelischen Kirchenmusik interessiert, der sollte sich diese CD unbedingt anhören. Und auch sonst ist sie ein würdiger Auftakt zum Lutherjahr. 

Sonntag, 7. Februar 2016

Keiser: Pomona (cpo)

Reinhard Keiser (1674 bis 1739) kam im mitteldeutschen Teuchern, einem Marktflecken zwischen Zeitz und Weißenfels, zur Welt. Sein Vater, ein Organist, verschwand kurz nach der Geburt des Knaben und ward nicht mehr gesehen, so dass das Kind wahrscheinlich allein bei seiner Mutter aufwuchs. 1685 wurde Keiser Schüler der Leipziger Thomasschule, wo er unter Thomaskantor Johann Schelle offenbar auch eine gediegene musikalische Ausbildung erhalten hat. 1693 wurde in Braunschweig seine vermutlich erste Oper aufgeführt; doch trotz Ernennung zum Cammer-Componisten ging Keiser 1704 nach Hamburg, wo er über viele Jahre mit seinen Opern den Spielplan prägte. 1728 wurde der Musiker Kantor am Hamburger Dom. 
Auch wenn die Hansestadt stets darauf bedacht war, ihre Unabhängigkeit zu betonen, so waren sich die Hamburger als gute Diplomaten doch nicht zu schade, ihre Nachbarn zu feiern, wenn es dazu Anlass gab. In der Oper am Gänsemarkt wurden daher auch Festopern aufgeführt – beispielsweise anlässlich von Krönungen, Siegesfeiern oder Geburtstagen. Gesponsert wurde dies übrigens vom Repräsentanten des jeweiligen Staates. So musste 1702 der dänische Resident Hans Statius von Hagedorn tief in die Tasche greifen, als mit Keisers Oper Der Sieg der fruchtbaren Pomona der Geburtstag Friedrichs IV., des Königs von Dänemark, festlich begangen wurde. Dazu waren nicht nur die „Standes-Persohnen“ eingeladen, sie wurden obendrein auf das Beste bewirtet – und die zweite und letzte Vor- stellung endete sogar mit einem Feuerwerk. 
Das Singe-Spiel, komponiert auf ein Libretto von Christian Heinrich Postel, ist witzig und auch ein wenig schlüpfrig, denn neben Königin Louise, Herzogin zu Mecklenburg-Güstrow, war Friedrich IV. noch zwei weiteren Damen „zur linken Hand“ angetraut; eine davon heiratete er 1721, keine drei Wochen nach dem Tode seiner Ehefrau. 
Pomona schildert einen Wettstreit der vier Jahreszeiten, repräsentiert von den entsprechenden Götterpaaren, der von Jupiter entschieden werden soll. Die Wetteifernden werden in ansprechenden Szenen vorgestellt. Dann erwarten sie den Schiedsspruch, was nicht ganz ohne Sticheleien abgeht, und zudem eine Vielzahl von Tänzen ermöglicht. Schließlich erscheint Jupiter – und preist das Geburtstagskind in den höchsten Tönen. Auch Königin Louise wird mit einbezogen – und da Jupiter Friedrich IV. nebst Gemahlin durch Vertumnus, den Gott der Verwandlungsfähigkeit, und Pomona, die Göttin der fruchttragenden Bäume und der Gärten, repräsen- tiert sieht, gewinnen diese auch den Wettstreit – wohl nicht umsonst haben sie zuvor ausgiebig die glückliche Ehe gepriesen. Abschließend gratulieren die Götter noch einmal mit Tanz und Gesang dem Königspaar. 
Für eine Barockoper ist das Werk kurz, und es gibt weder komplizierte Intrigen noch verzwickte Situationen nebst den entsprechenden affekt- betonten Arien. Hier ist alles nett, harmlos und kurzweilig; für Abwechs- lung sorgen in erster Linie die amüsanten musikalischen Einfälle des Komponisten sowie die höchst unterschiedlichen Charaktere, die Postel und Keiser auf die Bühne gebracht haben. Deshalb erfordert diese Oper ein ebenso umfangreiches wie versiertes Solistenensemble. Zu hören sind Melanie Hirsch als Pomona, Doerthe Maria Sandmann als Flora, Olivia Vermeulen als Ceres, Magdalene Harer als Vertumnus (Sopran!), Julian Podger als Mercurius, Knut Schoch als Zephyrus, Jan Kobow als Jasion und als Jupiter, Raimondis Spogis als Bacchus und Jörg Gottschick als Vulcanus. Es musiziert die Capella Orlandi Bremen unter Thomas Ihlenfeldt – und der Zuhörer darf sich über eine erstklassige, stilsicher gestaltete Aufnahme freuen. 

Mittwoch, 25. Dezember 2013

Freue dich, du Tochter Zion (Carus)

Es muss nicht immer Bach sein, meint Holger Speck – und präsen- tiert mit dem Vocalensemble Rastatt sowie dem Barockorche- ster Les Favorites eine beachtliche Auswahl frühbarocker Advents- und Weihnachtsmusiken. Es sind zumeist wenig bekannte Werke von Komponisten wie Johann Hermann Schein, Andreas Hammerschmidt, Johannes Eccard oder Michael Praetorius. 
Und mit Also hat Gott die Welt geliebt von Johann Rosenmüller sowie O anima mea von Christoph Bernhard sind sogar zwei Welt- ersteinspielungen darunter. Der Chor singt die alten Stücke hinreißend. Und auch die Solisten Maria Bernius und Felicitas Erb, Sopran, sowie Tenor Jan Kobow sowie die Instrumentalisten sorgen für eine große Portion Klangpracht und Feststimmung. Bravi! 

Freitag, 24. Mai 2013

Telemann: Gott Zebaoth in deinem Namen (cpo)

Die Rheinische Kantorei und das Barockorchester Das Kleine Kon- zert haben, geleitet von ihrem Gründer Hermann Max, schon so manche barocke Rarität wieder- entdeckt. Die Konzerte der Musiker und Sänger gehören regelmäßig zu den Höhepunkten einschlägiger Musikfestivals im In- und Ausland. 
Diese CD enthält den Mitschnitt eines Konzertes, dass sie im März 2006 zu den 18. Magdeburger Telemann-Festtagen gegeben haben. Solisten des Abends waren Veronika Winter, Jenny Haecker, Lena Susanne Norin, Jan Kobow und Ekkehard Abele.
Auf dem Programm des Abends standen drei Kantaten von Georg Philipp Telemann (1681 bis 1767). Weine nicht! Siehe, es hat über- wunden der Löwe nach einem Text von Tobias Heinrich Schubart ist für den ersten Ostertag bestimmt. Diese Kantate vereint theatralische Momente – die Tenor-Arie Zürne nur, du alte Schlange würde auch in der Oper begeistern – mit dem festlichen Klang der Pauken und Trom- peten sowie dem Choralgesang, der die Gemeinde mit einbindet. 
Sie verachten das Gesetz des Herrn Zebaoth entstammt einem Kantatenjahrgang nach Texten von Erdmann Neumeister, der unter dem Titel Musicalisches Lob Gottes in der Gemeinde des Herrn 1742 bis 1744 in Nürnberg im Partiturdruck erschienen ist. Für das Kirchenjahr 1736/37 vertonte Telemann die Poetischen Sonn- und Fest-Tages-Betrachtungen von Gottfried Behrndt. Die Kantate Gott Zebaoth in deinem Namen sinniert über das irdische und das himmlische Leben; die Texte sind durchweg Geschmackssache, aber Telemanns Musik entschädigt reich für eventuelles Leiden an der Dichtung. Und die Interpretation durch die Solisten sowie die in diesem Falle ziemlich schlank besetzten Ensembles überzeugt.

Samstag, 30. März 2013

Schütz: Lukaspassion & Die Sieben Worte; Rademann (Carus)

Ein illustres Ensemble versammel- te sich im April 2012 in der Stadt- kirche zu Radeberg, um bedeuten- de Werke von Heinrich Schütz (1585 bis 1672) einzuspielen: Mit Die Sieben Worte Jesu am Kreuz, der Lukaspassion sowie der Welt- ersteinspielung des Geistlichen Konzertes Erbarm dich mein, o Herre Gott setzt der Dresdner Kammerchor unter Leitung von Hans-Christoph Rademann die Gesamteinspielung der Werke des Komponisten mit der nunmehr sechsten CD fort. Die exzellenten Chorsänger, aus deren Reihen auch ein großer Teil der solistischen Partien besetzt werden konnte, wurden ergänzt durch Ulrike Hofbauer, Sopran, und Jan Kobow, Tenor. Den Instrumentalpart übernahmen The Sirius Viols - ein Gambenensemble um Hille Perl - sowie Lee Santana, Theorbe, und Ludger Rémy, Orgel. Die Qualitäten dieser Musiker zu rühmen, das hieße Eulen nach Athen tragen.
Einmal mehr lässt das von Rademann geleitete Ensemble Schütz' musikalische Predigten in berückender Eindringlichkeit und Aus- gewogenheit erklingen. Allerdings gerät, zumal in der Lukaspassion, so mancher solistische Beitrag dabei für meinen Geschmack zu stark in die Nähe des Operngesangs. Dort wünscht man sich, dass sich die Mitwirkenden etwas zurücknehmen. Emotionen werden direkt durch Schütz' Musik vermittelt, sie müssen nicht zusätzlich durch den Sänger beim Zuhörer erzeugt werden.

Dienstag, 17. Juli 2012

Schieferdecker: Geistliche Konzerte (Carus)

Johann Christian Schieferdecker (1679 bis 1732) stammte aus Teuchern, einem kleinen Städtchen unweit von Weißenfels. Sein Vater war Schulrektor, Kantor und Organist; er unterrichtete auch den fünf Jahre älteren Reinhard Keiser, mit dem Schieferdecker junior offenbar eng befreundet war. 
Beide setzten ihre Ausbildung zu- nächst an der Thomasschule und anschließend an der Universität in Leipzig fort. In der Messestadt komponierten sie zudem ihre ersten Opern. Keiser ging dann nach Hamburg - und holte Schiefer- decker nach; ab 1702 wirkte er als Cembalist am Hamburger Opern- haus am Gänsemarkt, für das er auch fleißig komponierte. 
Diese Leidenschaft für die Oper teilte der junge Musiker mit einem renommierten Kollegen der älteren Generation: In Lübeck suchte damals Dieterich Buxtehude, Organist an der Marienkirche, einen Nachfolger. Der sollte allerdings nicht nur Amt und Bürgerrecht er- halten, sondern auch Buxtehudes schon etwas in die Jahre gekomme- ne Tochter Anna Margareta heiraten. Diese Bedingung verschreckte die Bewerber Johann Mattheson und Georg Friedrich Händel - Schieferdecker nahm an; allerdings hatte er bereits ein gutes Jahr lang Buxtehude assistiert, als dieser 1707 starb, und wusste, worauf er sich einließ. 
Schieferdecker musizierte nicht nur im Gottesdienst. Er führte auch die sogenannten Abendmusiken weiter, Kirchenkonzerte, die durch die Kaufleute der Stadt finanziert wurden - eine Tradition, die schon Buxtehudes Vorgänger Franz Tunder begründet hatte. Es ist bekannt, dass Schieferdecker dafür eine Vielzahl von Kantaten geschrieben hat. Doch überliefert wurde davon leider so gut wie nichts. Insofern ist es eine kleine Sensation, dass nun doch drei Kantaten für Bass, zwei Violinen und Basso continuo in Brüssel aufgespürt werden konnten. Gesungen werden sie auf dieser CD von Klaus Mertens. Auch In te domine speravi, ein Geistliches Konzert für Tenor, Violine und Basso continuo, vermittelt einen Eindruck davon, wie Schieferdecker solche Werke gestaltete. Zu hören ist hier Jan Kobow, der sich damit erneut als ein exzellenter, klug gestaltender Sänger empfiehlt. Komplettiert werden diese vier Weltersteinspielungen durch zwei der XII Musicalischen Concerte des Komponisten, Ouvertürensuiten im Stile der Zeit, die 1713 in Hamburg im Druck erschienen sind. Dem Ensemble Hamburger Ratsmusik um die Gambistin Simone Eckert kann man für dieses Engagement nicht genug danken. Denn diese CD zeigt deutlich, dass Schieferdecker keineswegs nur  eine Randgestalt des reichen norddeutschen Musiklebens jener Zeit war. 

Sonntag, 22. Januar 2012

Schütz: Musikalische Exequien (Carus)

Trauermusiken von Heinrich Schütz hat Hans-Christoph Rade- macher für CD 3 der Schütz-Ge- samteinspielung mit dem Dresdner Kammerchor zusammengestellt. Dabei wird das exzellente Dresdner Ensemble zusätzlich durch junge Solisten unterstützt, die dennoch durchweg sehr viel Erfahrung im Bereich der "Alten" Musik mit- bringen: Dorothee Mields, Anja Zügner, Alexander Schneider, Jan Kobow, Tobias Mäthger, Harry van der Kamp und Matthias Lutze singen Soli mit Strahlkraft, fügen sich aber ebenso selbstverständlich ins Ensemble ein. Der Dresdner Kammerchor musiziert erneut auf höchstem Niveau; an Violone und Orgel lassen sich Matthias Müller und Ludger Rémy hören. So gelingt Rademann eine Hochglanz-Auf- nahme, die in ihrer Perfektion schon fast wieder ein bisschen langwei- lig ist. Spannend ist allerdings das Repertoire - man staunt, doch diese CD enthält vier Weltersteinspielungen. Ganz offensichtlich gibt es in Schütz' Werk noch immer einige Perlen zu entdecken, die bei aller Schütz-Renaissance bislang nicht die verdiente Aufmerksamkeit be- kommen haben. 

Mittwoch, 29. Juni 2011

Telemann and the Leipzig Opera (Pan Classics)

Als Bach nach Leipzig kam, war die Leipziger Oper schon Geschichte. Sie begann 1692 in einem Hinter- hof am Leipziger Brühl, und zwar auf Initiative von  Nicolaus Adam Strungk (1640 bis 1700), der dafür ein Privileg von seinem Dienst- herrn, dem sächsischen Kurfürsten Johann Georg III., erhielt. Musiziert wurde ausschließlich während der dreimal jährlich stattfindenden Messen; so konnte Strungk auch seinen Dienstpflichten als Hofkapellmeister in Dresden nachkommen. Allerdings scheint die Leipziger Oper finanziell nicht besonders erfolgreich gewesen zu sein; Strungks Biographen berich- ten, der Maestro habe kräftig Geld zusetzen müssen.  
Nach Strungks Tod wurde das Unternehmen zwar von seinen Nach- kommen weitergeführt, lebte aber künstlerisch vom Engagement der Leipziger Studenten. So saßen auch Johann Friedrich Fasch, Johann Georg Pisendel, Christoph Graupner und Gottfried Heinrich Stölzel zeitweise dort im Orchestergraben. Georg Philipp Telemann und Johann David Heinichen, die damals ebenfalls in der Messestadt studierten,  schrieben fleißig Stücke dafür. 
Doch auch die Intrigen rings um den Spielbetrieb müssen erhebliches Format gehabt haben. Streitereien unter den Nachkommen Strungks – er hatte fünf Töchter, die wohl teilweise selbst als Sängerinnen auf der Bühne standen, und obendrein überwiegend mit Musikern ver- heiratet waren – führten endgültig 1720 zum Bankrott der Oper und zur Einstellung des Spielbetriebes. 
Michael Maul, der eine Monographie über die Barockoper in Leipzig geschrieben hat, zählte immerhin 74 Opern, die zwischen Gründung und Untergang dort aufgeführt wurden. Doch die Musik, die seinerzeit erklang, galt lange als verloren. Zwar waren einige Textbücher vor- handen. Doch lediglich von einigen wenigen Arien waren auch Noten überliefert. Dann aber rückte eine Handschrift in den Blickpunkt der Forscher, die sich in der Musikbibliothek Leipzig befindet und auch seit langem bekannt war. Ihr Titel: Musicalische RüstKammer: / auff der Harffe aus allerhand schönen und lustigen / Arien, Menuetten, Sarabanden, Gigven / und Märschen, bestehend aus / allen Thonen. / 1719. 
In dem Buch sind hundert kleine Musikstücke notiert, bei den meisten steht zudem Text, aber kein Urheber. Deshalb wurde lange vermutet, es handele sich um eine Sammlung von Modetänzen, denen ein Harfenspieler willkürlich deutsche Texte unterlegt hat. Jetzt haben Musikwissenschaftler genauer hingesehen - und festgestellt, dass die Texte aus den Libretti der Leipziger Opern stammen. So darf man davon ausgehen, dass jener unbekannte Harfenspieler seinerzeit in seinem Buch die beliebtesten Stücke zusammengetragen hat, die damals in Leipzig gesungen wurden - viele davon stammten von der Opernbühne. Der Tenor Jan Kobow und das United Continuo En- semble haben einige davon auf dieser CD wieder zum Klingen ge- bracht.
Sie sind amüsant bis frech, musikalisch nicht ohne Anspruch, und komödiantisch oftmals wahre Leckerbissen. Bachpreisträger Kobow lässt sich das nicht entgehen. Mit seiner unbändigen (und unüber- hörbaren) Spiellust gleicht  er aus, dass das Continuo nur begrenzt Farbe und Abwechslung bringen kann. Jörg Meder, Viola da gamba und Violone, Axel Wolf, Theorbe, Dennis Götte, Erzlaute und Ba- rockgitarre, Bernward Jaime Rudolph, Barockgitarre, Zita Miki- janska, Cembalo und Margit Schultheiß, Harfe, musizieren routiniert. Doch die originalen Stimmen sind nun einmal verloren. Wie das Opernorchester zu Telemanns Zeiten tatsächlich besetzt war, und wie es geklungen hat, das wird sich über Vergleiche nur annähernd erkunden lassen. Insofern ist diese Rekonstruktion, gerade weil sie diese Leerstelle hörbar macht, durchaus gelungen. 

Dienstag, 14. Dezember 2010

Bach: Weihnachtsoratorium; Max (cpo)

Viel und vieles wurde geschrieben über das Weihnachtsoratorium von Johann Sebastian Bach. Darauf verweist auch Hermann Max im Beiheft zu der vorliegenden Super Audio-Doppel-CD. Leider begibt er sich in seinem Text ziemlich rasch ins Reich der Spekulation - dabei bietet Bachs Notentext doch so viel interessantes; ob Bach "modern" komponieren wollte, erscheint mir angesichts dieses gewaltigen Werkes hingegen eher eine von jenen Fragen, wie sie heute vorzugsweise die Kollegen vom Boulevard stellen.
Warum also noch eine weitere Einspielung des Weihnachtsorato- riums, das im CD-Regal schon in etlichen Aufnahmen zu finden ist - und einige davon sind ja gar nicht schlecht. Das innovative Aufzeich- nungsverfahren mag sicher für einige Technikfreaks ein Kaufargu- ment sein. Doch ist die neue Aufnahme besser als ihre Vorgänger? Bringt sie neue Ideen, zeigt sie Strukturen auf, ist sie von besonderer musikalischer Qualität? 
Neugierig startet man den Player - und erschrickt sofort über die Dominanz und den ungewohnt flachen Klang der Pauken. Willkommen im Reich der historical correctness. Nun ja - die Rheinische Kantorei ist bei dieser Interpretation gerade einmal mit 16 Sängerinnen und Sängern besetzt. Und das Barockorchester Das Kleine Konzert spielt ebenfalls mit schlanker Besetzung, wobei aber das Continuo jeweils mit Violoncello, Violone, Fagott, Orgel und Cembalo vergleichsweise üppig ausgestattet ist. 
Die Chöre nimmt Max zügig, aber nicht flüchtig. Der Chor singt ge- schmeidig, und hat keine Mühe, diesen Tempi zu folgen. Veronika Winter, Sopran, Wiebke Lehmkuhl, Alt, Jan Kobow, Tenor und Markus Flaig, Bass, singen klangschön und solide, aber nicht umwer- fend. Am meisten beeindruckt mich Jan Kobow dort, wo er die Partie des Evangelisten singt. Die Arien sind ansonsten durchweg sehr konventionell gestaltet; insbesondere bei der Wahl der Tempi ist Max von beeindruckender Inkonsequenz (Beispiel: Frohe Hirten - die Aufforderung, zu eilen, dürfte ganz sicher niemand ernst nehmen, wenn sie so lässig-tänzerisch vorgetragen wird). Vom Orchester sind leider nicht nur schöne Töne zu hören - Originalklang hin, Barock- musik her, das ist keine Entschuldigung, Profis müssen das bringen. Tut mir leid, aber diese Aufnahme kann ich nicht empfehlen.

Sonntag, 12. Dezember 2010

Graupner: Frohlocke, werte Christenheit (cpo)

In Darmstadt war es in der Ad- ventszeit 1727 "nebelig und kalt", schrieb Hofkapellmeister Christoph Graupner (1683 bis 1760) seinerzeit in einem Brief. Vize-Hofkapellmeister Gottfried Grünewald war seit längerem erkrankt. Das war ein Problem, denn Grünewald war zugleich der einzige Vokal-Bassist der Hof- kapelle. 
So musste Graupner nicht nur sämtliche Werke für die Feiertage alleine liefern und die Auffüh- rungen leiten. Er musste sich außerdem etwas einfallen lassen, um das Fehlen des Sängers zu kompensieren: Wie bringt man einen Chor zum Klingen, ohne Bass? Am zweiten Feiertag aber feierte obendrein sein Dienstherr, Landgraf Ernst Ludwig, Geburtstag, so dass die Kirchen- kantate an diesem Tage besonders prächtig auszufallen hatte. 
Graupner löste das Problem, indem er Weihnachtskantaten kompo- nierte, die mit der in der Tat sehr ungewöhnlichen Besetzung Sopran - Alt - Tenor auskommen - und trotzdem so gut klingen, dass man längere Zeit fasziniert lauscht, bevor man bemerkt, dass diesem Ensemble eigentlich die tiefste Stimme fehlt. Eines dieser kuriosen Werke, die Kantate Von Gott will ich nicht lassen, erklingt auf dieser CD - wobei allerdings im Choral dann doch ein Bassist mitsingt; wer damals diese Partie übernommen hat, das wird wohl ein Geheimnis bleiben.
Die vier anderen Weihnachtskantaten Graupners, die für diese CD ausgewählt wurden, sind durchweg nach 1740 entstanden. Sie zeigen den Darmstädter Hofkapellmeister als überaus versierten Musiker, der auf Pauken und Trompeten verzichten kann - und mit Eleganz und Virtuosität überzeugt. 
Das gilt auch für die Musiker, die auf dieser CD zu hören sind: Veronika Winter, Sopran, Franz Vitzthum, Alt, Jan Kobow, Tenor und Markus Flaig, Bass ergeben ein überaus stimmiges Ensemble, das gemeinsam mit dem etablierten Barockorchester Das Kleine Konzert unter Hermann Max durch engagiertes Musizieren und präzise Klangrede begeistert. Bravi!