Für eine Aufführung des Oratoriums Die Jahreszeiten von Joseph Haydn sind die Schwetzinger Festspiele der ideale Ort – denn das Schloss befindet sich in einem herrlichen Park. Und so erklang dort dieses Werk zum Eröff- nungskonzert im Jahre 1959, das ganz im Zeichen des 150. Todestages von Joseph Haydn stand. Die Aufnahme, an der unter Leitung von Hans Müller-Kray seinerzeit neben einer illustren Solistenriege der damalige Südfunk-Chor, heute SWR Vokalensemble Stuttgart, sowie der Chor des Hessischen Rundfunks, Frankfurt und das Südfunk-Sinfonieorchester, heute Radio-Sinfonie- orchester Stuttgart des SWR, mitgewirkt haben, ist nun bei Hänssler Classic erschienen.
Das Leben des Menschen inmitten der Natur ist das Thema des Oratori- ums, das Haydn einst nach einer englischen Textvorlage schuf, die Baron Gottfried van Swieten ins Deutsche übersetzt hatte. Mit der Arbeit an diesen Werk begann der Komponist 1799 auf Drängen seines Freundes, der nicht nur Hofbibliothekar und Hobbydichter war, sondern auch der Sekretär einer adeligen Musikgesellschaft, die im Wiener Palais Schwarzenberg regelmäßig Oratorien aufführen ließ. Dort war bereits und mit großem Erfolg Haydns Schöpfung erklungen.
Die Jahreszeiten sollten daran anknüpfen; allein die Arbeit zog sich hin. Denn der Textdichter hatte seine eigenen Vorstellungen davon, wie sein Werk vertonte werden sollte, und diese brachte er auch eifrig ein – der Komponist wiederum zeigte sich genervt von dem Text und von den Vorschlägen seines Freundes van Swieten, der die Lämmer hüpfen hören wollte.
Er wehrte sich dagegen mitunter mit dem Haydn-typischen bärbeißigen Humor. Im dritten Teil, Der Herbst, beispielsweise gibt es ein Solo-Terzett mit Chorfuge („So lohnet die Natur den Fleiß, O Fleiß, o edler Fleiß“), über das Haydn seinerzeit meinte: „Ich bin allezeit fleißig gewesen, aber es ist mir niemals eingefallen, den Fleiß in Musik zu setzen.“ Da der Meister sich derart über den Text mokiert hat, wurde leider seinerzeit dieser Teil gestrichen. Und so fehlt er nun auch hier auf CD; ein Verlust, der aber zu verschmerzen ist, denn die Aufzeichnung ist ohnehin in erster Linie als Zeitdokument interessant. Derart riesige Chöre beispielsweise, die zwar stimmstark auftrumpfen, auf die Signale des Dirigenten offenbar nur äußerst träge reagieren, würde heute wohl niemand mehr für ein Haydn-Oratorium einsetzen.
Bei allen Abstrichen faszinierend ist allerdings noch immer die Leistung der Solisten. Zu hören ist der Bass Kieth Engen als Pächter Simon, Agnes Giebel mit ihrem strahlenden Sopran singt seine Tochter Hanne, und der legendäre Fritz Wunderlich den jungen Bauern Lukas. Vor allem sie machten das Schwetzinger Eröffnungskonzert des Jahres 1959 zu jenem künstlerischen Großereignis, von dem die vorliegende Aufnahme einen lebhaften Eindruck vermittelt.
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Samstag, 3. Dezember 2016
Sonntag, 11. September 2011
Ida Haendel plays Khachaturian & Bartók Violin Concertos (Hänssler)
Ida Haendel ist ein Phänomen. Auf dieser CD finden sich Mitschnitte der Violinkonzerte von Aram Chatschaturjan und Béla Bartók aus den 60er Jahren, entstanden bei Konzerten der Violinistin in Stuttgart mit dem dortigen Radio-Sinfonieorchester. Am Pult stand der legendäre Hans Müller-Kray. Sie sind insofern Raritäten, als die grandiose Geigerin beide Werke nie auf Schallplatte eingespielt hat.
Die Schülerin von Carl Flesch und George Enescu interessiert sich nicht sonderlich für den reinen Wohlklang. Sie gehört erkennbar nicht zur großen Schar der geigenden Fräuleinwunder. Kraftvoll und mit stets überzeugendem Blick für die Struktur stürzt sie sich auf die bei- den höchst anspruchsvollen Werke. Ihr Spiel hat Biss, und Chatscha- turjans großartiges Violinkonzert erschließt sie sich mit beeindruk- kender Leidenschaft. Eine ähnliche Interpretation, voll Kraft und Glut, kennt man sonst nur von David Oistrach - und für den hatte der Armenier Chatschaturjan sein Konzert einst komponiert.
Das zweite Violinkonzert von Béla Bartók lebt von der Variation - und von den Volksmusik-Studien des Komponisten, auch wenn er keines- wegs einfach zitiert. Haendel spielt die Variationen zur Variation derart temperamentvoll, dass sie nie langweilig werden. Und, ganz ehrlich, man ist erstaunt, wenn die letzten Takte verklungen sind. Dieser Solistin könnte man stundenlang zuhören.
Die Schülerin von Carl Flesch und George Enescu interessiert sich nicht sonderlich für den reinen Wohlklang. Sie gehört erkennbar nicht zur großen Schar der geigenden Fräuleinwunder. Kraftvoll und mit stets überzeugendem Blick für die Struktur stürzt sie sich auf die bei- den höchst anspruchsvollen Werke. Ihr Spiel hat Biss, und Chatscha- turjans großartiges Violinkonzert erschließt sie sich mit beeindruk- kender Leidenschaft. Eine ähnliche Interpretation, voll Kraft und Glut, kennt man sonst nur von David Oistrach - und für den hatte der Armenier Chatschaturjan sein Konzert einst komponiert.
Das zweite Violinkonzert von Béla Bartók lebt von der Variation - und von den Volksmusik-Studien des Komponisten, auch wenn er keines- wegs einfach zitiert. Haendel spielt die Variationen zur Variation derart temperamentvoll, dass sie nie langweilig werden. Und, ganz ehrlich, man ist erstaunt, wenn die letzten Takte verklungen sind. Dieser Solistin könnte man stundenlang zuhören.
Mittwoch, 5. Mai 2010
Ida Haendel plays Tchaikovsky & Dvorak (Hänssler)
Ida Haendel gehört ohne Frage zu den ganz großen Violinisten dieses Jahrhunderts. In den 50er und 60er Jahren spielte sie gemeinsam mit dem Sinfonie-Orchester des Süddeutschen Rundfunks unter Leitung des damaligen Chef- dirigenten Hans Müller-Kray eine Vielzahl von Violinkonzerten; die Mitschnitte gehören heute wohl zu den kostbarsten Schätzen des SWR-Archives.
Hänssler Classic hat auf der vor- liegenden CD die Konzerte für Violine und Orchester in D-Dur von Peter Tschaikowski und in a-Moll von Antonin Dvorak zusammengefasst. Das passt. Tschaikowskis Violinkonzert, das als Lieblingsstück aller Geiger gilt, spielt auch Ida Haendel seit ihrer Jugend. Nicht ganz so prominent, aber ebenfalls wohlbekannt ist Dvoraks Werk mit seinem herrlichen Schlussrondo, das tschechische Volksmusik zitiert. Beide Konzerte geben der Solistin Gelegenheit, ihre Stärken zu zeigen. Starallüren gehören offensichtlich nicht dazu. Haendel spielt mit beeindruckender Direktheit, Klarheit und Schlichtheit - und mit ver- blüffender emotionaler Kraft. Es ist nicht wirklich wichtig, wenn hier und da eine Phrase misslingt, oder einige Töne unsauber sind, denn hier offenbart sich der Geist, und nicht das Handwerk. Haendel wählt eher langsame Tempi, und sie lässt ihre Geige erzählen - hinreißend!
Montag, 5. April 2010
Verdi: Messa da Requiem (Deutsche Grammophon)
Ein Konzertmitschnitt aus der Stuttgarter Liederhalle, entstanden im November 1960 - in einer Zeit, als die Stars noch in der Nachbar- schaft wohnten, und nicht nur zum Konzert eingeflogen wurden. Auch die Gesangskultur war eine andere, wie dieses Solistenquartett zeigt - da wird miteinander musiziert, statt um die Wette zu tönen. Natürlich sind die vier Sänger keine Spezialisten fürs italienische Fach; selbst Fritz Wunderlich wirkt etwas angestrengt, aber er wäre in solche Partien ganz sicher hineingewachsen, wenn ihm die Lebenszeit dazu vergönnt gewesen wäre. Wer also den legendären Tenor mit diesem Werk hören will, der muss sich mit dieser Aufnahme be- scheiden - und damit abfinden, dass hier neben dem Südfunk-Chor auch der Stuttgarter Lehrergesangsverein und der Bachchor Stuttgart mitsingen, ein wackerer Haufen zwar begeisterter, aber dennoch musikalischer Laien. Auch Hans Müller-Kray, der diese Sänger- scharen sowie das Südfunk-Sinfonieorchester dirigierte, hat ganz sicher nicht das Format eines Karajan oder Toscanini. Wer sich aber mit dem Gedanken anfreunden kann, dass es sich hier um die Auf- zeichnung eines Konzertes mit lokaler Besetzung und ursprünglich auch nur regionaler Relevanz handelt, der wird viel Staunenswertes finden.
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