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Montag, 31. Januar 2022

Busoni: The 6 Sonatas (Hänssler Classics)


 Mit dieser CD setzt sich Victor Nicoara dafür ein, dass das Werk von Ferruccio Busoni (1866 bis 1924) nicht in Vergessenheit gerät. Deshalb hat der Pianist für sein Solo-Debüt die sechs Sonatinen eingespielt, die Busoni zwischen 1910 und 1920 komponierte. Komplettiert wird dieses anspruchsvolle Programm durch Nuit de Noel, drei Albumblätter sowie das Fragment einer Sonatina quasi Sonata aus dem Jahre 1914. Dies wiederum inspirierte Nicoara zu seiner Quasi Sonatina, welche er zum Abschluss präsentiert. 

„Busoni was very fond of architecture and, upon following both evidence and intuition, I believe he thought of music in a spatial sense“, schreibt der rumänische Pianist, der am Royal College of Music in London Klavier und auch Komposition studiert hat und jetzt in Berlin lebt. „Thus, it is my wish to take the listener on a journey through the sound chambers of Busoni’s mind. With some patience, what at first seems opaque, a puzzling labyrinth, will later reveal itself to be an edifice full of both great orderly refinement and mysterious corners.“ 

Ferruccio Busoni wuchs in Empoli, westlich von Florenz, auf. Die Eltern, eine Pianistin und ein Klarinettenvirtuose, begannen schon früh mit seiner musikalischen Ausbildung. Als Busoni sieben Jahre alt war, gab er in Triest seine erstes Konzert am Klavier, und er komponierte seine ersten Klavierstücke. Zwei Jahre später spielte das Wunderkind vor Publikum bereits Mozarts c-Moll-Konzert KV 491. 

Busoni studierte am Wiener Konservatorium und unterrichtete in Leipzig, Helsinki, Moskau und Boston. 1894 ging er nach Berlin. Während des Weltkrieges lebte der Musiker in Zürich. 1920 kehrte Busoni nach Berlin zurück, wo er bis zu seinem viel zu frühen Tod eine Meisterklasse an der Berliner Akademie der Künste unterrichtete. Er prägte zahlreiche Musikerpersönlichkeiten, wie Philipp Raphael Jarnach, Edgar Varèse, Kurt Weill oder Leo Kestenberg. 

Das enorme musikalische Spektrum, das Busoni vertrat, machen die Sonatinen exemplarisch sichtbar. Die Sonatina super Carmen (1920) zeigt, wie Busoni romantische Virtuosentraditionen aufgriff. Die Komposition, die er zu Papier brachte, übertrifft an Vertracktheit wohl selbst Liszts wildeste Tastenfantasien. Doch stark geprägt hat Busoni vor allem seine intensive Auseinandersetzung mit dem Werk von Johann Sebastian Bach. Als Meister des Kontrapunkts zeigt ihn die Sonatina brevis in Signo Joannis Sebastiani Magni (1918), die den Zuhörer aber auch an Reger denken lässt. 

Farbenrausch und Eleganz hingegen bietet die erste Sonatina (1910), die eher an impressionistische Klänge erinnert. Doch in all diesen Experimenten bleibt Busoni immer bei sich. Nicht nur als Dirigent und Musiktheoretiker setzte er sich für zeitgenössische Musik ein. Die Sonatinen wirken wie das Echo jener Überlegungen, die er seinerzeit in seinem „Entwurf einer neuen Ästhetik der Tonkunst“ (1907/1916) erläutert hat. Man höre nur die Sonatina Seconda (1912) – harmonisch ein Wagnis, und rhythmisch hochkomplex. 

„To me, Busoni’s music is at once very intimate and very distant. It tries to guess at the unknowable far away and deep within, living at the limits of our spiritual perception in each direction“, schreibt Victor Nicoara im Beiheft. „It constantly hints at something, without revealing it directly. I tried to search for this quality in sound. The acoustik of the Meistersaal, coupled with the characterful old Steinway – once used by Wilhelm Kempff to record the complete Beethoven Sonatas – and with Sebastian Nattkemper’s magical sound engineering powers brought me to the closest approximation of what I had in mind.“ 

Der rumänische Pianist interpretiert Busonis Musik mit Noblesse, allerfeinster Klaviertechnik und spektakulärem musikalischen Gestaltungsvermögen. Diese Einspielung ist sehr beeindruckend, und mit seiner Quasi Sonatina setzt Victor Nicoara ein ebenso würdiges wie poetisches Finale. Chapeau! 

Sonntag, 9. Januar 2022

Mozart: Serenades (Hänssler Classic)


 Eine kleine Nachtmusik von Wolfgang Amadeus Mozart (1756 bis 1791) – nunmehr eingespielt von den Berliner Barock Solisten. Gibt es neue Erkenntnisse, oder hatte das renommierte Ensemble einfach Lust darauf, das zu spielen, was alle spielen? 

„Es ist zwar längst alles gesagt, nur noch nicht von Jedem“, ätzt der Leiter des Ensembles, Reinhard Goebel, in seinem obligatorischen Essay im Beiheft über die Gebräuche der Klassikszene. Das gilt freilich nicht nur für all die Beethoven-Zyklen und Vivaldi-„Vier Jahreszeiten“, sondern auch für all die anderen musikalischen Dauerbrenner aus früheren Jahrhunderten. 

Dazu gehören selbstverständlich auch Mozarts Serenaden. Wie also interpretiert man solche Werke? Goebel rät zum Blick in die Noten – und zwar möglichst in die Original-Quellen, denn Editionen ist nicht zu trauen. Sein Motto: „Wann immer sich der durchschnittliche Musikwissenschaftler zu Themen der Praxis äußert, so ist höchste Vorsicht geboten.“ 

Was dies ganz konkret bringt, das zeigt eindrucksvoll dieses CD-Projekt. Goebel hat wirklich alles hinterfragt, und siehe da! schon in Mozarts eigenhändigem Werkverzeichnis steht geschrieben: „Eine kleine Nacht Musick, bestehend in einem Allegro, Menuett und Trio. Romance, Menuett und Trio, und Finale. – 2 Violini, Viola e Baßi.“ Also keineswegs ein Streichquartett in vier Sätzen. 

Für das verschwundene Menuett, aber mehr noch für Besetzung und Tempi hat Goebel Lösungen gefunden, die überzeugen. Das Programm wird komplettiert durch Adagio und Fuge c-Moll KV 426/546 sowie ein Streicherarrangement von KV 594 (darüber freilich schweigt sich Goebel in seinem ansonsten so beredten Kommentar aus) und die Serenata Notturna KV 239, ein selten gespieltes Opus für Streicher und Pauken. 

Damit bietet die CD den gesamten Bestand an Mozarts Original-Kompositionen für chorisch, also mehrfach besetzte Streicher. Musiziert wird exquisit, fein austariert, ja, mitunter beinahe schon ein wenig manieriert. Manch Streichquartett träumt davon, so aus einem Atem zu musizieren wie die Berliner Barock Solisten. Das hat Klasse. 

Samstag, 24. Juli 2021

Mendelssohn Bartholdy: Te Deum (Hänssler Classic)

 


Was für ein Chorklang! Wenn Frieder Bernius mit dem Kammerchor Stuttgart das Te Deum von Felix Mendelssohn Bartholdy aufführt, dann ist man beinahe geneigt zu vergessen, dass diese Vokalmusik einst nicht für einige wenige professionell trainierte Sänger, sondern für stimmgewaltige Massen von Amateuren komponiert worden ist. 

Dass diese Werke seinerzeit nicht von Profis, sondern von ambitionierten Laien – die Singakademie Berlin hatte zu Mendelssohns Zeiten mehr als 200 Mitglieder! – gesungen worden sind, lässt uns heute nur noch staunen. Dennoch entscheidet sich Bernius gegen einen derartigen Riesenchor; er vertraut nicht nur das Te Deum, sondern auch noch Mendelssohns Hora est und Ave Maria „seinem“ Kammerchor Stuttgart an. 

Eine gute Entscheidung, denn die kleine Besetzung lässt die Polyphonie dieser selten aufgeführten geistlichen Werke in einer Klarheit hervortreten, die begeistert. Es ist herrliche Musik, und sie wird hier in geradezu transzendenter Schönheit zelebriert. Ich habe jede Sekunde dieser Aufnahme genossen. Unbedingt anhören, lohnt sich! 


Dienstag, 5. Januar 2021

Schumann - Klara Min (Hänssler Classic)


 Mit den Klavierwerken Robert Schumanns hat sich Klara Min über eine lange Zeit beschäftigt: „I did not fall in love with him at first sight as I did with Chopin“, meint die Pianistin. Doch die Ausdauer hat sich gelohnt, wie diese CD beweist. 

Zu hören sind Arabeske op. 18, Kreisleriana op. 16 und Carnaval op. 9. Klara Min spielt hinreißend, ihre Interpretation vereint exzellente Technik und tiefes künstlerisches Verständnis. Von leicht und zart über innig und lebendig bis hin zu kraftvoll und resolut findet sie für jedes dieser Werke, fein ausdifferenziert, den passenden Ausdruck. 


Samstag, 16. November 2019

Händel: Concerti grossi op. 3 (Hänssler Classic)

„Der Fetisch ,Originalinstrument' hat ausgedient, nicht aber der profund gebildete Fachmann, der ein Orchester in die Tiefendimension der Kompositionen führt. Denn nicht das Instrument macht die Musik, sondern der Kopf!“ Reinhard Goebel ist ein Freund klarer Worte, und klarer Strukturen. Im Beiheft zu dieser CD gibt er einmal mehr eine fundierte Werkseinführung, und seine überlegene Repertoire-Kenntnis kommt natürlich dann auch der Einspielung zugute: Mit Händels Concerti grossi op. 3 beginnt bei Hänssler Classic eine Serie von Neuaufnahmen barocker Musik. Die Berliner Barock Solisten zeigen unter Leitung von Reinhard Goebel, dass auch scheinbar gut bekannte Werke durchaus noch neue Facetten offenbaren können. 

Mittwoch, 28. August 2019

Bach's Family - Choral Motets (Hänssler Classic)

Mit seinen vielen Schülern, zu denen auch seine Söhne gehörten, hat Johann Sebastian Bach das Musikleben seiner Zeit wohl mehr geprägt als durch seine Werke. Auf dieser CD sind Choralmotetten aus diesem Umfeld zu hören, bestens interpretiert vom Stuttgarter Kammerchor unter Leitung von Frieder Bernius. 
Zwei der dafür ausgewählten Werke stammen von Johann Christoph Friedrich Bach (1732 bis 1795). Der zweitjüngste Bach-Sohn galt an den Tasten als der „stärkste Spieler“ der jüngeren Generation – was kein geringerer als sein Bruder Wilhelm Friedemann Bach festgestellt hat, der ja bekanntermaßen ebenfalls ein Virtuose an Orgel und Cembalo war. Dennoch ist Johann Christoph Friedrich Bach, der zeitlebens als Kammermusiker am Hofe des Grafen Wilhelm von Schaumburg-Lippe in Bückeburg wirkte, eher wenig bekannt. 
Das gilt auch für Johann Christoph Altnickol (1719 bis 1759). Er stammte aus der Oberlausitz; 1744 kam er zum Studium nach Leipzig, und wurde bald darauf auch Bachs Schüler und Assistent. So wurde er zwar kein Pfarrer, aber Organist an der Stadtkirche St. Wenzel in Naumburg, und Bachs Schwiegersohn. 

Dienstag, 10. April 2018

Zaderatsky: Piano Works (Hänssler Classic)

Wselowod Petrowitsch Saderatski (1891 bis 1953) gehört zu jenen Komponisten, die Verfolgung und Not durchlitten und dennoch großartige Musik geschrieben haben. Dass er Bürgerkrieg und Stalinzeit überlebt hat, das ist schon an sich ein Wunder. 
Denn Saderatski stammte aus einer russischen Adelsfamilie. Während seines Studiums am Moskauer Konservatorium war Saderatski der Klavierlehrer des Zarensohns und Thronfolgers Alexej Romanow. Und im Bürgerkrieg kämpfte  er unter General Denikin als Offizier der Weißen gegen die Rote Armee. Nach der Gefangennahme rettete Saderatski sein Klavierspiel das Leben - Felix Dsershinski, der Leiter der kommunistischen Geheimpolizei, hörte ihm zu, und schickte ihn dann in die Verbannung. 
Der Lebensweg des Komponisten, ausführlicher nachzulesen in diesem Blog an anderer Stelle, war geprägt von Verfolgung, Haft und Schikane. Selbst wenn er ab 1949 am Konservatorium in Lemberg unterrichten konnte, durfte seine Musik weder im Druck veröffentlicht noch aufgeführt werden. Das Beiheft zu dieser CD-Box ist voll von erschütternden Anekdoten aus jenen Jahren des Grauens. 
Jascha Nemtsov, selbst Sohn eines Gulag-Überlebenden, engagiert sich seit Jahren für die Wiederentdeckung der Musik von Saderatski. Nicht wenige Werke des Komponisten sind leider verloren. In dieser Box stellt Nemtsov auf fünf CD nun die Klaviermusik vor, soweit sie überliefert ist. Enthalten sind, neben den 24 Präludien und Fugen, die Nemtsov bereits separat veröffentlicht hatte, die Zyklen Die Heimat, Die Front und Legenden aus den 40er Jahren, drei Klaviersonaten, 24 Präludien aus dem Jahre 1934, sowie Das Album der Miniaturen, Porzellantassen und Mikroben der Lyrik, entstanden 1929/30. 

Mittwoch, 28. Februar 2018

Season - Lalá Vocalensemble (Hänssler Classic)

Was für ein Sound! Das international preisgekrönte Gesangsquartett Lalá begeistert durch einen unver- wechselbaren Klang – glasklar, harmonisch und perfekt aufeinander eingestimmt. Das neue Album der vier Österreicher heißt Season, und es bietet viel Abwechslung. Denn das Programm reicht vom schwedischen Volkslied über geistliche Musik bis hin zum sanften Pop. Bei letzterem werden die Vokalisten Ilia Staple, Julia Kaineder, Peter Chalupar und Mathias Kaineder durch Georg Haselböck unterstützt, der seinen Part als lebendiges Schlagzeug ebenfalls brillant ausfüllt. Rundum ein Hörvergnü- gen! 

Dienstag, 30. Januar 2018

Bach: Badinerie (Hänssler Classic)

Musik von Johann Sebastian Bach, virtuos vorgetragen auf drei Blockflöten – das bietet diese CD aus dem Hause Hänssler Classic. „Es ist uns ein Vergnügen, diese Stücke, die Bach überwiegend für Tasten- instrumente geschrieben hat, mit Blockflöten zu spielen und sie damit dem großen Meister mit einem Augenzwinkern auf einer ,lebendi- gen Orgel' darzubieten“, schreibt Irmhild Beutler im Beiheft. Das Ensemble Dreiklang Berlin, in dem außerdem Martin Ripper und Sylvia Corinna Rosin mitwirken, spielt in der Tat so homogen, dass man mitunter meint, eine Orgel vor sich zu haben. Selbst die Ansprechgeräusche der Pfeifen sind zu hören. 
Die ausgewählten Werke reichen von kleinen Stücken aus dem Noten- büchlein für Anna Magdalena Bach bis zu Fughetten und Fugen aus dem Clavierbüchlein für Wilhelm Friedemann, von den Französischen und Englischen Suiten bis hin zum Wohltemperierten Klavier und von den Inventionen und Sinfonien über die Triosonaten für Orgel bis hin zur Ouvertüre BWV 1067. 

Mittwoch, 1. November 2017

In Erlkönigs Reich (Hänssler Classic)

David Jerusalem, Jahrgang 1985, hat nun bei Hänssler Classic, in Koproduktion mit Deutschlandradio, sein Debütalbum veröffentlicht. Auch wenn er mittlerweile in zahlreichen Opernpartien zu erleben war, hat der junge Sänger dafür ein Liedprogramm zusammengestellt, mit Balladen von Carl Loewe (1796 bis 1869) und Franz Schubert (1797 bis 1828). 
Neben bekannten Werken von Loewe, wie Odins Meeresritt, Archibald Douglas, Tom der Reimer oder Die Uhr, sind zahlreiche Lieder Schuberts zu hören, die zumeist eher zu den unbekannteren gehören – Der Zwerg beispielsweise, Auf der Donau, Gruppe aus dem Tartarus, Der Pilgrim oder Wie Ulfru fischt. Der Vergleich ist spannend – und das nicht nur, weil beide Komponisten Goethes Erlkönig vertont haben. 
Auch musikalisch bietet diese Kombination so manche Überraschung. Denn der Zuhörer wird bald feststellen, dass die Lieder klanglich mitunter verblüffend ähnlich sind; der Klavierpart ist bei beiden Komponisten anspruchsvoll und reicht über eine simple Begleitung weit hinaus. David Jerusalem konnte dafür den erfahrenen Pianisten Eric Schneider gewinnen, der dem Bassbariton mit seinem ausdrucksstarken Klavierspiel ein exzellenter Partner ist. Auch wenn noch nicht alles perfekt ist, in manchen Passagen ist mir beispielsweise das Klavier zu laut, beeindrucken beide Musizierpartner durch ihr enormes Gestaltungsvermögen. Loewes Ballade Die Uhr beispielsweise habe ich noch nie besser gehört. Chapeau! 

Freitag, 27. Oktober 2017

Henryk Szeryng plays Nardini, Vieuxtemps, Ravel, Schumann (Hänssler Classic)

Noch einmal eine CD, auf der Henryk Szeryng zu hören ist – und was für ein Programm! Der Geiger hat diese Aufnahmen in den Jahren 1955 und 1957 im Baden-Badener Musikstudio mit dem Sinfonieorchester des SWR unter seinem legendären Leiter Hans Rosbaud eingespielt. Der Hörer darf sich über das e-Moll-Konzert von Pietro Nardini (1722 bis 1793) freuen, das hier in romantischer Bearbeitung erklingt. Darauf folgen das Violinkonzert Nr. 4 in d-Moll op. 31 von Henri Vieuxtemps (1820 bis 1881), und die ausgesprochen virtuose Konzert-Rhapsodie Tzigane von Maurice Ravel (1875 bis 1937). 
Abschließend ist das Violinkonzert in d-Moll von Robert Schumann (1810 bis 1856) zu hören, für das sich Szeryng sehr eingesetzt hat. „Ich kenne die Bedenken gegen dieses Stück“, meinte der Geiger einst, „aber ich billige sie nicht. Man sagt, es sei spröd und undankbar für den Solisten. Ich gebe zu, dass es nicht so geigerisch ist wie andere Konzerte, und dass auch die Instrumentierung nicht immer ganz glücklich ist. Aber es hat wunder- bare Melodien. (..) Wenn das musikalische Material gut ist, dann sollte man einem Komponisten auch einmal dadurch huldigen, dass man seine Schwächen verdeckt.“ 
Technische Schwierigkeiten scheint Szeryng so gar nicht zu kennen. Sein Spiel ist stets makellos, dabei stark im Ausdruck, und sein Geigenton ist kraftvoll, klar und strahlend. Diese alten Aufnahmen aus dem SWR-Archiv, sorgfältig digital überarbeitet, sind wirklich vom ersten bis zum letzten Takt ein Genuss. 

Samstag, 30. September 2017

Wagner: Declarations of Love (Hänssler Classic)

Der Pianist Andrej Hoteev ist immer wieder für eine Überraschung gut. So hat er die Editionen vieler Werke Tschaikowskis anhand der Handschriften überprüft – und sie dann in Urfassungen vorgestellt. Auch die Bilder einer Ausstellung von Modest Mussorgski nebst Liedern hat Chotejew – wie man den Namen eigentlich korrekt transkribieren müssste – anhand der Manuskripte neu ediert, und mit seiner Einspielung nicht nur Kritiker beeindruckt. 
Nun hat sich der Pianist, der seit 1993 in Hamburg lebt, dem Schaffen Richard Wagners (1813 bis 1883) zugewandt. Da ist tatsächlich noch Neues zu entdecken! Hoteev präsentiert auf dieser CD die Vier weißen Lieder in Weltersteinspielung; gesungen werden sie von Maria Bulgakova. Es handelt sich dabei eigentlich um Jugendwerke, die der Komponist 1868 zum Klavierlied-Zyklus zusammenfasste, um sie der schwangeren Cosima zum Geburtstag zu überreichen (die zu diesem Zeitpunkt übrigens noch mit dem Dirigenten Hans von Bülow verheiratet war). Es ist verblüffend, dass dieser vielfach von den Originalliedern abweichende Zyklus zuvor weder jemals gedruckt noch eingespielt wurde. 
Komplettiert wird das Programm durch die Klaviersonate As-Dur, die sogenannte Wesendonck-Sonate, Schlaflos G-Dur für Klavier, die Wesendonck-Lieder und eine Elegie für Klavier in As-Dur mit der bezeichnenden Angabe „Schmachtend“. Andrej Hoteev fasst damit die musikalischen Liebeserklärungen Wagners, gerichtet an Mathilde Wesendonck sowie an seine spätere Frau Cosima, auf einer CD zusammen. Ein interessantes Konzept, und ein gefühlvolles Album. 

Freitag, 12. Mai 2017

Geistliche Meisterwerke (Hänssler Classic)

Geistliche Musik in herausragenden Editionen prägt seit der Gründung mit das Profil von Hänssler Classic. Aus der langjährigen Zusammenarbeit mit renommierten Interpreten sind etliche herausragende Projekte ent- standen. Erinnert sei nur an legen- däre Serien wie die Gesamteinspie- lung der Kantaten und Passionen von Johann Sebastian Bach mit der Gächinger Kantorei und dem Bach-Collegium Stuttgart unter Helmuth Rilling. 
Das Label hat nun aus seinen umfangreichen Beständen eine Kollektion zusammmengestellt, die auf immerhin 50 (!) CD Geistliche Meisterwerke vorstellt. Neben bekannten Werken, von Bachs Weihnachts- oratorium bis hin zu Brahms' Ein deutsches Requiem und von Beethovens Missa Solemnis bis hin zu Haydns Oratorium Die Schöpfung, enthält diese Box auch Raritäten. So bekommt der Einsteiger in die Welt der geistlichen Musik eine Sammlung, in der er faktisch alle wichtigen Werke findet – von Heinrich Schütz' Weihnachtsoratorium bis hin zum Requiem von Gabriel Fauré. Doch selbst für Experten hält diese Box so manche Entdeckung bereit: Wer kennt schon Das Liebesmahl der Apostel von Richard Wagner, das Requiem Opus ultimum von Johann Michael Haydn, oder die Große Messe von Johann Ritter von Herbeck? 
Exzellente Sänger, namhafte Orchester, hervorragende Chöre und berühm- te Dirigenten haben an diese Produktionen mitgewirkt; die Liste ist aber zu lang, um sie an dieser Stelle komplett wiederzugeben. Und es wäre nicht gerecht, einzelne Beteiligte herauszuheben. Denn hörenswert ist wirklich alles, was in dieser Box steckt. Viele der Aufnahmen wurden mit Preisen ausgezeichnet. Der Fokus dieser umfangreichen Edition liegt auf den großen Werken der geistlichen Musik vom Barock bis zur Spätromantik, versammelt sind überwiegend Werke aus dem deutschsprachigen Raum. 

Mittwoch, 1. Februar 2017

Bach: Das wohltemperierte Klavier 1; Schlüter (Hänssler Classic)

„Bach ist mein Herzenskomponist, weil er seine Werke, über tausend davon, bewusst mit Soli Deo Gloria versah: Allein Gott die Ehre, dies mit Leidenschaft, Fleiß, Konsequenz und Hartnäckigkeit“, schreibt Ann-Helena Schlüter in ihrem Geleitwort zu dieser CD. Die junge Pianistin, Tochter und Schülerin des Pianisten und Klavierpädagogen Karl-Heinz Schlüter, promoviert derzeit an der Universität Leipzig über Die Kunst der Fuge. Auf CD hat sie, unter anderem, bereits dieses Werk sowie die Goldberg-Variationen eingespielt. Nun lässt sie den ersten Band des Wohltemperierten Klaviers folgen. 
Ann-Helena Schlüter musiziert virtuos, heiter, schwungvoll. Für meinen Geschmack ist diese Einspielung aber ein wenig zu fröhlich, und nicht differenziert genug. Die Fans wird das nicht stören. Und davon hat die Deutsch-Schwedin, liest man beispielsweise ihre Bewertungen bei Amazon, eine Menge. Das liegt nicht zuletzt mit an ihrer Vielseitigkeit: Die junge Musikerin verbindet ihre Karriere als Konzertpianistin mit einer Laufbahn als Singer-/Songwriterin und als Lyrikerin. Sie hat in beiden Disziplinen Wettbewerbe gewonnen und Preise errungen – schaut man genauer hin, wird man allerdings feststellen, dass es nicht die großen sind. Ihre Gedichte haben Verlage veröffentlicht, die nicht zu den bedeutenden gehören, und ihre Aufnahmen sind bislang bei Labels erschienen, die ich, ehrlich gestanden, nicht einmal dem Namen nach kannte. 
Die Texte, in denen sie knapp erläutert, wie sie das Wohltemperierte Kla- vier deutet, sind leider prägnanter als Ihre Interpretationen. Hochbegabt und ein Mehrfachtalent zu sein, das ist wunderbar – aber es ist auch mit der Gefahr verbunden, oberflächlich an die Dinge heranzugehen, zu schnell zu viel zu wollen, und dann feststellen zu müssen, dass die Kraft am Ende nicht ausgereicht hat. 
Bach ist mehr, als man dem Notenbild auf den ersten Blick entnehmen kann. Sein Werk hat eine spirituelle Ebene, die Schlüter selbst anspricht, wenn sie sein Soli Deo Gloria lobt, die sie aber derzeit in ihrem Klavierspiel noch nicht hörbar machen kann. Man darf gespannt sein, wie sich die Pianistin weiterentwickelt – Ann-Helena Schlüter ist zweifellos eine große Begabung, aber man hat das Gefühl, dass sie noch auf der Suche ist. 

Donnerstag, 26. Januar 2017

The Romantic Flute (Hänssler Classic)

Die Silberflöte mit zylindrischer Bohrung, entwickelt von Theobald Böhm (1794 bis 1881), ist heute das Standardinstrument, das Flötisten weltweit nutzen. Doch bevor es soweit war, gab es eine lange Übergangszeit, in der Flöten in erstaunlich vielen verschiedenen Bauweisen gespielt worden sind. 
Die alten Traversflöten – die aller- dings bereits Klappen hatten – wurden von führenden Flötisten der damaligen Zeit nur ungern aufge- geben. Sie schätzten die klanglichen Differenzierungsmöglichkeiten, die ihnen diese Instrumente boten. Für jeden Ton existierten zahlreiche unterschiedliche Griff-Versionen, die von den Virtuosen zur Nuancierung eingesetzt wurden. Anton Bernhard Fürstenau (11792 bis 1852), Erster Flötist der Dresdner Hofkapelle, schrieb 1833: „Die Töne der Böhm-Flöte sind schön gleichmäßig, die Arpeggios sind rein und der Ton spricht leicht und mit ungewöhlicher Stärke an. Aber eben diese Ausgeglichenheit zerstört den Charakter der Flöte.“ Er meinte damit die frühe Böhm-Flöte, eine konische Ringklappenflöte. Sie wurde in einzelnen Orchestern bis in die 30er Jahre gespielt, und dürfte somit die Flöte der Romantik sein. 
Auch wenn sie heute wenig bekannt sind – aber in dieser Zeit entstanden Werke für die Flöte in ganz enormer Zahl. Eine Auswahl davon präsen- tieren Dorothea Seel und Christoph Hammer auf diesem Album – stilecht vorgetragen auf einer konischen Ringklappenflöte von Julius Max Bürger, angefertigt um 1890 nach Böhms Modell von 1832, und auf einem Ham- merklavier aus der Werkstatt von Johann Baptist Streicher, entstanden um 1870. 
Er erklingen die Sonate Undine für Flöte und Klavier op. 167 von Carl Reinecke, die Variations sur une valse de Schubert op. 21 von Theobald Böhm, Introduktion, Thema und Variationen von Richard Strauss, die Rhapsodie für Flöte und Pianoforte op. 27 von Josef Rheinberger sowie die bekannte Fantasie pastorale hongroise op. 26 von Albert Franz Doppler. Nicht nur das Repertoire, auch der Klang bietet so manche Überraschung. 

Dienstag, 20. Dezember 2016

Edition Carl Philipp Emanuel Bach (Hänssler Classic)

Eine enorme Box mit Musik von Carl Philipp Emanuel Bach (1714 bis 1788) legt Hänssler Classic all jenen auf den Gabentisch, die nicht dem Irrtum verfallen sind, es habe zwischen Johann Sebastian Bach und der Wiener Klassik im deutsch- sprachigen Raum eigentlich keine Musik gegeben, die man kennen müsste. 
Carl Philipp Emanuel Bach war der zweite überlebende Sohn von Johann Sebastian Bach. „In der Komposition und im Clavierspielen habe ich nie einen anderen Lehrmeister gehabt als meinen Vater“, soll „CPE“ später berichtet haben. Es war offensichtlich eine gute Schule; schon 1738 engagierte Kronprinz Friedrich von Preußen den Musiker. Viele Jahre lang begleitete der „Berliner Bach“ dann als Erster Cembalist den König beim Flötenspiel. Das war nicht immer eine Idylle, wie sie das berühmte Gemälde vom Hofkonzert in Sanssouci ver- muten lässt. Erinnert sei nur daran, dass in diesen Zeitraum auch der Sie- benjährigen Krieg fällt, mit verheerenden Auswirkungen. 
Als 1767 Taufpate Georg Philipp Telemann starb, wurde Carl Philipp Emanuel Bach sein Nachfolger als städtischer Musikdirektor und Kantor am Johanneum in Hamburg. Dort hatte er eine Vielzahl von Aufführungen in allen fünf Hauptkirchen zu leiten, er komponierte die erforderliche, überwiegend geistliche, Musik und vernachlässigte darüber zugleich das Konzertieren nicht. Er hatte einen exquisiten Freundeskreis und pflegte eine umfangreiche Korrespondenz; in seinem gastfreundlichen Hause gingen nicht nur Musikerkollegen gern aus und ein. Letztendlich war der „Hamburger“ Bach zu Lebzeiten um vieles berühmter als sein Vater. 
Die Nachwelt freilich flicht auch dem Musiker keine Kränze. Und während in Berlin dank Felix Mendelssohn Bartholdy Bachs Matthäuspassion „wiederentdeckt“ und bejubelt wurde, geriet das Werk von Carl Philipp Emanuel Bach in Vergessenheit. Und es dauerte lange, bis er wieder geschätzt und geehrt wurde. 
Noch Beethoven meinte respektvoll: „Von Emanuel Bachs Klaviersachen habe ich nur einige Sachen, und doch müssen einige jedem wahren Künst- ler gewiss nicht allein zum hohen Genuss, sondern auch zum Studium dienen.“ Doch bis heute existiert keine vollständige Notenedition. Auf CD sind in den letzten Jahren aber immer breitere Ausschnitte des Schaffens von Carl Philipp Emanuel Bach zugänglich geworden. Sein umfangreiches Werk umfasst nahezu alle Gattungen; am häufigsten allerdings kompo- nierte er für das „Clavier“, unter welchem Begriff seinerzeit sämtliche Tasteninstrumente, vom flüsterleisen Clavichord bis hin zur Orgel, zusam- mengefasst wurden. 
Die vorliegende Box bietet auf 54 CD die bislang umfassendste Kollektion von Musik des großen Meisters der Empfindsamkeit. Auf 26 CD finden sich Werke für das Clavier, durchweg in Aufnahmen mit Ana-Marija Markino- va. Klavierkonzerte sind auf weiteren vier CD in den exzellenten Einspie- lungen mit Michael Rische zu hören; die Cembalokonzerte sowie ein Teil der Sinfonien mit Ludger Rémy und seinem Ensemble Les Amis de Philippe sowie mit Florian Birsak und der Camerata Salzburg unter Roger Norring- ton. Die Hamburger Sinfonien hat das Stuttgarter Kammerorchester unter Wolfram Christ eingespielt. Die Cello-Konzerte sind in der Aufnahme mit Julian Steckel und dem Stuttgarter Kammerorchester vertreten, die Oboenkonzerte mit József Kiss und dem Ferenc Erkel Chamber Orchestra. Die Flötenkonzerte spielt Patrick Gallois mit der Toronto Camerata, die Flötensonaten Dorothea Seel mit Christoph Hammer am Fortepiano. Kammermusik mit Traversflöte gibt es zudem in einer Aufnahme mit dem Collegium Pro Musica. Sonaten für Cembalo und Violine haben Roberto Loreggian und Federico Guglielmo eingespielt. In das Orgelwerk teilen sich Friedemann Johannes Wieland und Luca Scandali. 
Die Quartalsmusiken sowie Hamburgische Festmusiken – geschaffen anlässlich der Amtseinführung zweier Pastoren – erklingen mit der Himlischen Cantorey und Les Amis de Philippe unter Leitung von Ludger Rémy. Das Magnificat ist in einer Einspielung mit Arleen Augér, Helen Watts, Kurt Equiluz, Wolfgang Schöne sowie der Gächinger Kantorei und dem Bach-Collegium Stuttgart unter Helmuth Rilling zu hören. 
Die Aufzählung ist, im Bereich der Instrumentalmusik, damit noch nicht ganz vollständig; es wird aber deutlich, welche Schätze hier gehoben worden sind. Wer sich einen ersten Überblick über das Werk Carl Philipp Emanuel Bachs verschaffen will, der kann dies mit der Box ganz hervor- ragend – und auch der Kenner findet so manche Rarität. Sehr lohnend! 

Samstag, 5. November 2016

C.P.E. Bach: Piano Concertos (Hänssler Classic)

Mit dem Klavierkonzert hat sich Carl Philipp Emanuel Bach (1714 bis 1788) sein ganzes Leben lang inten- siv beschäftigt. Sein erstes Klavier- konzert schrieb der zweitälteste Sohn von Johann Sebastian Bach als 18jähriger, noch an der Thomas- schule in Leipzig. In seinem Todesjahr vollendete er in Hamburg sein letztes Klavierkonzert. Mehr als 50 dieser Werke schuf der Komponist in all den Jahren; und wer da Massenware vermutet, der irrt gewaltig. Das beweist auch Michael Rische, der inzwischen, nun mit der Kammersymphonie Leipzig, etliche dieser Konzerte eingespielt hat. 
Im Gesamtwerk des „Hamburger“ Bach gibt es ohne Zweifel noch viel zu entdecken. Dazu zählt auch das Konzert für zwei Klaviere und Orchester Wq. 46, zu hören auf Vol. III, gespielt von Rische gemeinsam mit Rainer Maria Klaas. Unüberhörbar macht der berühmteste der Bach-Söhne deutlich, dass er ein neues Kapitel der Musikgeschichte aufzuschlagen gedenkt: An die Stelle des althergebrachten Kontrapunktes setzt der Kom- ponist die Arbeit mit dem Motiv, seine Verknüpfung und Verwandlung. Carl Philipp Emanuel Bach kennt die Erwartungen des Publikums; er spielt mit ihnen, und wenn alle glauben, genau zu wissen, wie es weitergehen muss, dann sorgt er für Überraschungen. Auch Rollen verändern sich: Der Pianist tritt aus dem Orchester heraus;  er ist nicht mehr primus inter pares, sondern er wird zum Solisten. 
Wie spielt man nun diese Musik des Überganges, der Innovationen, heute? Rische musiziert auf einem modernen Flügel, und er nutzt dessen Möglich- keiten auch voll aus – allerdings dezent, wohlüberlegt, ganz auf Klang und Tongebung orientiert. Er brilliert in den äußeren Sätzen, und lässt in den langsamen Mittelsätzen das Klavier singen, mit ganz viel Gefühl. Der Pianist konzertiert sowohl bei CD III als auch bei CD IV gemeinsam mit der Kammersymphonie Leipzig. Dieses Ensemble, 2007 von Mitgliedern des MDR Sinfonieorchesters gegründet, setzt die Tradition des Leipziger Rundfunk-Kammerorchesters fort. Es musiziert kraftvoll und sensibel, präzise und aufmerksam – zu den Klavierkonzerten Carl Philipp Emanuel Bachs passt das ausgezeichnet. 

Sonntag, 2. Oktober 2016

CPE Bach: Cello Concertos; Steckel (Hänssler Classic)

„Aus der Seele muss man spielen, nicht wie ein abgerichteter Vogel“, forderte Carl Philipp Emanuel Bach (1714 bis 1788). Er war Johann Sebastian Bachs zweitältester Sohn, und er wirkte ab 1738 als Kammer- virtuose am Hof Friedrichs II. von Preußen, und ab 1768 als Nachfolger seines Taufpaten Georg Philipp Tele- mann als städtischer Musikdirektor und Kantor am Gymnasium Johan- neum in Hamburg. 
Seine drei Violoncello-Konzerte schrieb er noch während seiner Jahre als Cembalist Friedrichs des Großen – allerdings nicht für seinen Dienstherrn, sondern für die bürgerliche Musikalische Gesellschaft in Berlin und Potsdam. Sie haben seinerzeit zur Emanzipation des Cellos und zu seiner Loslösung aus dem Continuo mit beigetragen. Und sie stellen noch heute ziemlich hohe Anforderungen an den Solisten und seine Technik; im Konzert sind sie eher selten zu hören. 
Umso erfreulicher ist es, dass Julian Steckel sie nun gemeinsam mit dem Stuttgarter Kammerorchester, unter künstlerischer Leitung der Konzert- meisterin Susanne von Gutzeit, komplett eingespielt hat. 
Der Cellist, der unter anderem den ARD-Musikwettbewerb 2010 gewonnen hat und 2012 mit einem Echo Klassik ausgezeichnet wurde, musiziert mäßig historisierend, und ganz im Sinne Carl Philipp Emanuel Bachs. Er spürt den Klangeffekten nach, die der Komponist durch den Einsatz der unterschiedlichen Register des Instrumentes offenbar bewusst gesetzt hat. Der Cellist spielt mit leicher Hand. Auf Vibrato verzichtet Steckel weitge- hend, dafür reizt er Kontraste sehr lebhaft aus, und begeistert durch kluge Phrasierung. Das Stuttgarter Kammerorchester ist dem Solisten dabei ein kongenialer Partner. Bravi! 

Mittwoch, 3. August 2016

Celebrating David Geringas (Hänssler Classic)

Mit einer CD ehrt Hänssler Classic den Cellisten David Geringas, der jüngst seinen 70. Geburtstag feierte. Dazu wurden Aufnahmen zusam- mengestellt, die man fast durchweg als Meilensteine seines musikali- schen Weges betrachten kann. Die Auswahl war sicherlich nicht einfach, denn der Musiker hat fast hundert CD eingespielt; viele davon wurden mit Preisen ausgezeichnet. Zu hören ist beispielsweise der erste Satz, Allegro, aus dem Streichquin- tett in fis-Moll op. 63 von Walter Braunfels, interpretiert von Geringas gemeinsam mit dem Grigolts-Quartett. Für diese Aufnahme gab es 2013 den Echo Klassik sowie den Supersonic Award. 
Die CD beginnt mit dem ersten Satz aus der Sonate Nr. 2 D-Dur op. 58 von Felix Mendelssohn Bartholdy. „Ich war in Moskau einer der wenigen Cellisten, der seine Sonaten überhaupt gespielt hat“, berichtet Geringas im Beiheft. „Im ersten Konzert, das ich mit meiner Frau Tatjana nach der Geburt unseres Sohnes Alexander gegeben habe, stand die zweite Sonate von Mendelssohn auf dem Programm. (..) Rostropowitsch saß übrigens damals im Konzert, und das hatte für meine Frau angenehme Folgen: Sie bekam ihre erste Anstellung als Lehrerin am Moskauer Konservatorium.“ 
Immer wieder hat Geringas auch Musikstücke uraufgeführt, darunter etliche Werke von Komponisten aus seiner Heimat Litauen. So erklingt auf dieser CD Musik von Osvaldas Balakauskas, Anatolijus Šenderovas und Vytautas Laurušas. „Das ganze Schaffen von Balakauskas ist so anders, so schwer zugänglich, mit so vielen technischen Problemen verbunden, dass es für mich eine der größten Herausforderungen wurde“, erläutert der Cellist. An die Grenzen des Unmöglichen zu gehen, ein tiefgreifendes Verständnis auch für komplexe Musik zu erarbeiten und durch das eigene Musizieren die Absichten der Komponisten hörbar zu machen, darauf legte bereits Mstislaw Rostropowitsch größte Wert, bei dem David Geringas einst studierte. „Man muss stets so spielen, als ob man das Stück zum ersten Mal spielt – aber fundiert durch ein großes Wissen“, unterstreicht der Musiker; im Beiheft ist das komplette, sehr interessante Gespräch nachzulesen, das Jan Brachmann mit David Geringas geführt hat. 
Das Programm wird abgerundet durch weniger avantgardistische Klänge: Gemeinsam mit dem Geiger Dmitry Sitkovetsky und dem Pianisten Jascha Nemtsov spielt Geringas einen Satz aus Schostakowitschs Trio op. 67. Gleichsam eingerahmt wird alles durch Werke von Jean Sibelius und Edvard Grieg; am Klavier begleitet den Cellisten dabei Ian Fountain. 

Mittwoch, 27. Juli 2016

Beethoven: Sämtliche Werke für Violoncello und Klavier (Hänssler Classic)

„Sie wissen, wie man einen Ochsen in eine Nachtigall verwandelt“, meinte einst der Philosoph Voltaire zum Cello-Virtuosen Jean-Louis Duport (1749 bis 1819). Nachdem es lange vor allem als Generalbass- instrument eingesetzt wurde, setzte damals eine Wiederentdeckung des Violoncellos auch als Soloinstrument ein. So musizierte Ludwig van Beethoven (1770 bis 1827) im Jahre 1796 auf der einzigen größeren Reise seines Lebens in Potsdam im Schloss Sanssouci gemeinsam mit Duport, dem Cellolehrer des Königs Friedrich Wilhelm II. von Preußen, der eben- falls brillant Violoncello gespielt haben soll. Der Komponist widmete dem Monarchen schließlich seine Sonaten op. 5. 
Beethoven liebte den Klang des Violoncellos, seinen ebenso edlen wie wandlungsfähigen Ton. Nur für das Klavier hat er mehr Werke geschaffen. Bei Hänssler Classic ist jetzt auf drei CD eine Gesamteinspielung sämtli- cher Musikstücke erhältlich, bei denen Beethoven beide Lieblingsinstru- mente eingesetzt hat. Eingespielt wurde sie von David Geringas, Violon- cello, gemeinsam mit dem Pianisten Ian Fountain. 
Die Musiker hatten vor einigen Jahren die Stimmen für die neue Urtext- ausgabe eingerichtet, die im G. Henle Verlag erschienen ist. Wie tief- greifend sie sich mit den Cellokompositionen Beethovens auseinander- gesetzt haben, das spürt man in dieser Aufnahme in nahezu jedem Takt. Cellist und Pianist musizieren bis ins kleinste Detail aufeinander abgestimmt. Jedes Werk ist mit einer Sorgfalt gearbeitet, die beeindruckt. Eine großartige Einspielung, die neben den fünf Sonaten für Klavier und Violoncello auch die drei Variationszyklen sowie die Hornsonate op. 17 in Beethovens Fassung für Violoncello und die Duosonate op. 64 umfasst.