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Samstag, 23. Juli 2016

Magdalena Kozená - Monteverdi (Deutsche Grammophon)

Die Musik von Claudio Monteverdi machte sie zum Klassikstar: Magda- lena Kožená sang einst als Vertretung der erkrankten Anne Sofie von Otter in seiner Oper L’Incoronazione di Poppea bei den Wiener Festwochen. Dies war der Beginn einer beeindruk- kenden Karriere. 
Monteverdi gehört noch immer zu den Favoriten der tschechischen Mezzo- sopranistin – nicht nur, weil sie seinerzeit mit seinen Stücken Italie- nisch gelernt hat, wie sie im Beiheft berichtet: „Die Qualität seiner Texte ist unglaublich, seine Libretti sind so tief. Oft mag ich in der Oper die Rezitative lieber als die Arien, weil ich als Sänger Geschichten erzählen und mit den Worten spielen möchte. Und Monteverdis Arien sind im Stil des Recitar cantando komponiert, also einer Art rezitierendem Gesang.“ 
Zwölf Stücke wurden für die CD ausgewählt; drei davon sind Instrumental- musik von Monteverdi-Zeitgenossen. Das Barockorchester La Cetra aus Basel, geleitet von Andrea Marcon vom Cembalo aus, erhält so Gelegen- heit, eigene Akzente zu setzen. Mit Magdalena Kožená harmoniert das Orchester prächtig; vermutlich war diese Einspielung nicht das erste gemeinsame Projekt. 
Zu hören sind Ausschnitte aus Monteverdis Oper L'Incoronazione di Poppea, drei Stücke aus den Scherzi musicali, und eine kleine Auswahl aus dem Settimo bzw. dem Ottavo libro de’ madrigali, darunter das berühmte Combattimento di Tancredi e Clorinda und der ebenfalls sehr bekannte Klagegesang Lamento della ninfa. 
Magdalena Kožená beeindruckt durch ihre Ausdrucksstärke. Damit wird sie Monteverdi bestens gerecht, den sie in seinen Werken vor allem als „Geschichtenerzähler“ sieht, „der nicht so sehr an der reinen Schönheit der Stimme oder aufregenden Koloraturen interessiert ist. Ihm ist vor allem wichtig, dass der Sänger die Geschichte so erzählt, dass sie wahrhaftig wird und den Zuhörer berührt.“ Und das gelingt der Sängerin hervorra- gend. Man höre nur den Bericht vom Kampf zwischen dem christlichen Ritter Tancredi und der Sarazenin Clorinda, eigentlich ein Liebespaar. Doch dann begegnen sie sich auf dem Schlachtfeld, und erkennen einander zu spät. Kožená gibt sowohl dem Erzähler als auch die beiden Protagoni- sten Stimme, und gestaltet diese Figuren souverän. „Es war Andrea Marconis Idee, dass ich alle drei Rollen singe“, sagt die Sängerin. „Auf diese Idee wäre ich gar nicht gekommen.“ Das Album enthält mit Pur ti miro und Zefiro torna zudem zwei zauberhafte Duette mit Koloratur- sopranistin Anna Prohaska. Großartig! 

Sonntag, 1. Mai 2011

Mozart Overtures; Marcon (Deutsche Grammophon)

"Von der ouverture haben sie nichts als 14 Täckt. – die ist ganz kurz – wechselt immer mit forte und piano ab; wobey beym forte allzeit die türckische Musick einfällt. – modolirt so durch die töne fort – und ich glaube man wird dabey nicht schlafen können, und sollte man eine ganze Nacht durch nichts geschlafen haben", schrieb Wolfgang Amadeus Mozart seinerzeit an seinen Vater Leopold. Nicht nur die Ouvertüre zur Ent- führung aus dem Serail ist beein- druckend; auch bei den anderen Werken, die Mozart einst seinen Opern und Singspielen voranstellte, dürfte man kaum einnicken - zumindest dann nicht, wenn man hört, was Andrea Marcon und das Basler Barockorchester La Cetra daraus machen. 
Musiziert wird frisch und sinnlich - und zugleich handwerklich über- aus fundiert. Marcon, der einst an der Schola Cantorum Basiliensis studiert hat, lehrt dort heute als Professor. Seit zwei Jahren leitet er zudem La Cetra, das Absolventenorchester der Hochschule, die sich auf Alte Musik spezialisiert hat. Die Präzision in Phrasierung und Artikulation, die die Musiker aus ihrer Auseinandersetzung mit barocker Musik heraus gewohnt sind, bekommt auch Mozarts Musik ganz hervorragend. 
Was man hier erlebt, das ist nicht Kunsthandwerk nebst populärem Sahnehäubchen, sondern Wissen und Können, gepaart mit Respekt vor der Partitur. Marcon lässt Mozart zu Wort kommen - und verhilft so seinen Ouvertüren zu struktureller Klarheit, beeindruckender Durchhörbarkeit und individueller Klangsprache. Das ist ein sehr interessanter Ansatz, denn er zeigt auch die Entwicklung Mozarts von seinen ersten Werken, die noch ganz der barocken Tradition folgen, hin zu seinen späten Opern, die mitunter sogar schon nach Frühromantik klingen. 

Freitag, 4. Juni 2010

Patricia Petibon: Rosso (Deutsche Grammophon)

Die französische Sopranistin Patricia Petibon singt Arien des italienischen Barock. Ihre Auswahl umfasst einige "Hits" des Genres, wie Händels Lascia ch'io pianga - aber auch eine ganze Reihe von Raritäten. Und es ist schön, dass Petibon nicht nur die bekannten Namen wie Händel, Vivaldi, Scarlatti und Stradella ins Spiel bringt, sondern auch Stücke von Komponisten ausgesucht hat, die ein wenig in Vergessenheit geraten sind, wie Antonio Sartorio, Nicola Porpora oder Benedetto Marcello. 
Ihre Auswahl ermöglicht es ihr zudem, ein breites Spektrum an Emotionen zu zeigen. Da finden sich Trauer und Verzweiflung neben Wut und Aggression, leidenschaftliche Liebe und laszive Verführung neben ordinärer Selbstdarstellung, Sehnsucht und Erfüllung neben Enttäuschung und mörderischer Rachsucht.
All diesen Gefühlen verleiht die Sängerin mit ihrer Stimme Ausdruck. Sie wird perfekt geführt, und erlaubt Petibon den Einsatz einer weiten Skala an Nuancen und Klangfarben. Sie verfügt über ein berückendes Pianissimo ebenso wie über ein enormes Stimmvolumen, so dass sie sogar nahezu ohne Vibrato und ohne zu forcieren im Bedarfsfalle gewaltig an Lautstärke zulegen kann. Sie kann geheimnisvoll-dunkel klingen, schlicht und gerade heraus, hell und strahlend oder metallisch-spitz, und sie bewegt sich dabei mit einer Sicherheit durch die Register, dass der Zuhörer nur staunen kann. 
Petibon gestaltet all ihre Partien mit großer Intelligenz und zugleich mit beeindruckender Empathie. Dabei ist es ihr vollkommen egal, ob ihre Töne "schön" sind, wenn sie nur stimmig sind. Selbst das Augen- zwinkern singt sie mit, immer im Wettstreit mit dem Venice Baroque Orchestra unter Andrea Marcon, das bereits einige Stars glatt an die Wand gespielt hat. Was für ein Sinn für Theatralik! Auf der Bühne dürfte diese Sängerin eine furiose Erscheinung sein. Und dass der Deutschen Grammophon kein gescheiterer Titel als "Rosso" für diese CD eingefallen ist, das kann sie verkraften.

Samstag, 16. Januar 2010

Vivaldi: Concertos for two violins (Deutsche Grammophon)


Vivaldi gehört ohne Zweifel zu den "Vätern" der Gattung Instrumental-konzert. Er schrieb jede Menge Solokonzerte, unter anderem mehr als 250 Violinkonzerte, doch auch Werke für viele andere Instrumente, in nahezu jeglicher Anzahl und Kombination. Die innovative musikalische Form, die er auf Grundlage der Triosonate entwickelte, wurde europaweit bewundert und kopiert.
Vivaldi, der das Instrument selbst virtuos beherrschte, stellte hohe Anforderungen an die Solisten seiner Violinkonzerte - gern auch als Doppelkonzert mit zwei höchst anspruchsvollen Solopartien. Viktoria Mullova und Giuliano Carmignola haben an solchen Herausforderungen hörbar Vergnügen. Sie werden vom Venice Baroque Orchestra unter Andrea Marcon am Cembalo, historisch-authentisch, begleitet.

Montag, 10. August 2009

amor profano - Vivaldi Arias - Simone Kermes (Deutsche Grammophon)

Nach "amor sacro", einer CD mit Motetten von Vivaldi, legt Simone Kermes nun ein weiteres Album vor mit durchaus weltlichen Arien des Venezianers. Obwohl auch sie vom Venice Baroque Orchestra unter Andrea Marcon begleitet wird, unterscheidet sich diese Einspielung grundlegend von der Kozenas. Die Kermes beginnt furios, steigert sich, angefeuert durch das Orchester, bald zum Orkan, und zeigt nur in einigen wenigen Stücken, dass sie auch spannungsvolle, langsame Tempi durchaus zu gestalten vermag. In diesen Arien ist sie stark. Zwar gelingen ihr auch die schnellsten Koloraturen bestechend sauber. Doch mit der Strahlkraft der melodischen Stücke können die rasanten nicht durchweg mithalten. Man mag nicht hören, dass Singen Arbeit ist - und nicht daran denken, dass es tausender Stunden Tonleiterstudien bedarf, bis die Töne in einem solchen Tempo treffsicher perlen. Ein gewisses metallisches Timbre in der Höhe mag als Gestaltungsmittel durchgehen. -- Die stärkste CD der Kermes ist dies ganz sicher nicht.

Magdalena Kozena - Vivaldi (Deutsche Grammophon)

Ein Vater, der seiner Frau befohlen hat, sich selbst und seinen Sohn zu töten. Eine Mutter, die nicht nur von ihrem Mann verstoßen und aus dem Palast verjagt wird, sondern just in diesem Moment obendrein die Entführung ihres Sohnes beobachten muss. Ein junger Mann, der einen Befehl nicht befolgt hat, und nun im Gefängnis sitzt und seine Hinrichtung erwartet. Mit Leidenschaft spürt Mezzosopranistin Magdalena Kozena Menschen in Extremsituationen nach, und in Vivaldis Opern wurde sie reichlich fündig. Sie erweist sich als Meisterin der Melancholie, zeigt aber zugleich in einigen Stücken, dass sie auch die rasante Tour durchaus beherrscht. Der Bartoli freilich, der seinerzeit mit ihrem Vivaldi-Album der große Durchbruch gelang, mit ihrem Temperament und mit ihrem dunklen Timbre, liegt dies wohl besser. Magdalena Kozenas Stärke liegt hörbar in der großen, schmerzlichen Linie, spannungsgeladen, stimmungsvoll. Andrea Marcon und das Venice Baroque Orchestra tragen sie dabei, verzichten aber keineswegs darauf, eigene Akzente zu setzen. So entsteht ein in der Summe grandioses Album, das man immer wieder hören möchte.