Unter den vielen Aufnahmen der Musikalischen Exequien von Heinrich Schütz, die auf dem Musikmarkt erhältlich sind, ragt diese gleich aus mehreren Gründen heraus. Zum einen wird das Werk, das Schütz einst komponiert hatte, damit es zur Beisetzung seines Paten Heinrich Reuß Posthumus am 4. Februar 1635 - dem Sime- onstag, wie von dem reußischen Landesherrn geplant - vor und nach der Leichpredigt "in eine stille verdackte Orgel angestellet vnd abgesungen" werde, heutzutage gern mit üppiger Instrumenta- tion versehen.
Zum anderen hatte Schütz seinerzeit das Opus nicht für die ausgebil- deten Gesangssolisten geschrieben, die es heute üblicherweise singen, sondern für Schüler des von Heinrich Posthumus gegründeten Gym- nasiums. Schütz hatte also den Klang der jungen Stimmen im Ohr, und er hat die musikalischen Anforderungen bewusst so gestaltet, dass sie durch die Knaben zu bewältigen waren.
Diesem "originalen" Klangbild entspricht diese Einspielung mit den Stuttgarter Hymnus-Chorknaben und ihren jungen Solisten unter Leitung von Rainer Johannes Homburg exzellent, auch wenn sich gelegentlich die Bläser des Ensembles Musica Fiata vernehmen lassen, um die Klangpracht des mehrchörigen Musizierens zu unter- streichen. Schütz hatte sie einst in Venedig kennengelernt, wo er bei Giovanni Gabrieli diese Kunst studiert hatte. Als Hofkapellmeister brachte er dann den Glanz der Serenissima an die Elbe - die überwäl- tigende Wirkung solcher Stücke ist auf dieser CD beim Gesang der drei Männer in feurigen Ofen SWV 448 zu erleben, der hier in Ersteinspie- lung erklingt.
Allerdings war die Freude nicht ungetrübt, denn im Dreißigjährigen Krieg schmolzen auch die Mittel dahin, die der sächsische Kurfürst für seine Hofkapelle auszugeben gewillt war. So übte sich Schütz darin, klein besetzte Werke zu schreiben, die sich durch Altersweisheit, tiefe Frömmigkeit und intensive Textausdeutung auszeichnen. Auch dafür finden sich Beispiele auf der CD. Neben Schütz' Werken sind eine Pa- vane a 8 von Hans Hake sowie eine Suite von Thomaskantor Johann Hermann Schein zu hören. Sie stehen für die Musik der Stadtpfeifer, die bürgerliche Musizierkunst, die sich allmählich neben den höfi- schen und kirchlichen Ensembles etablierte - und durch Musica Fiata unter Roland Wilson hinreißend präsentiert wird.
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Sonntag, 16. Juni 2013
Sonntag, 22. Januar 2012
Schütz: Musikalische Exequien (Carus)
Trauermusiken von Heinrich Schütz hat Hans-Christoph Rade- macher für CD 3 der Schütz-Ge- samteinspielung mit dem Dresdner Kammerchor zusammengestellt. Dabei wird das exzellente Dresdner Ensemble zusätzlich durch junge Solisten unterstützt, die dennoch durchweg sehr viel Erfahrung im Bereich der "Alten" Musik mit- bringen: Dorothee Mields, Anja Zügner, Alexander Schneider, Jan Kobow, Tobias Mäthger, Harry van der Kamp und Matthias Lutze singen Soli mit Strahlkraft, fügen sich aber ebenso selbstverständlich ins Ensemble ein. Der Dresdner Kammerchor musiziert erneut auf höchstem Niveau; an Violone und Orgel lassen sich Matthias Müller und Ludger Rémy hören. So gelingt Rademann eine Hochglanz-Auf- nahme, die in ihrer Perfektion schon fast wieder ein bisschen langwei- lig ist. Spannend ist allerdings das Repertoire - man staunt, doch diese CD enthält vier Weltersteinspielungen. Ganz offensichtlich gibt es in Schütz' Werk noch immer einige Perlen zu entdecken, die bei aller Schütz-Renaissance bislang nicht die verdiente Aufmerksamkeit be- kommen haben.
Mittwoch, 13. Juli 2011
Schütz: Musicalische Exequien (Ricercar)
Die Künstler und die Gelehrten sind es, die ein Gedächtnis stiften. So auch in diesem Falle: Heinrich Reuß Posthumus (1572 bis 1635), Herr zu Gera, Lobenstein und kurzzeitig auch Kranichfeld, hat sich in unruhiger Zeit um sein kleines Land große Verdienste erworben. Er schuf nicht nur die Voraussetzungen für eine jahr- hundertelang anhaltende wirt- schaftliche Blüte der ganzen Re- gion - als die reußische Residenz- stadt Gera 1920 Bestandteil von Thüringen wurde, war sie die größte Stadt des Landes. Er gilt zudem als Freund und Förderer der Künste, insbesondere der Musik, führte die allgemeine Schulpflicht ein und gründete in Gera ein Gymnasium illustre, das übrigens bis zum heuti- gen Tage besteht. Der Komponist Heinrich Schütz, Sohn eines Gast- wirtes aus dem der Residenz benachbarten Bad Köstritz, war sein Patenkind. Und auch wenn Schütz seine musikalische Ausbildung Landgraf Moritz von Hessen-Kassel verdankt, kreuzten sich doch die Wege des Landesherrn und des Musikers spätestens 1615 wieder, als Heinrich Schütz seinen Dienst in der Dresdner Hofkapelle antrat.
Immer wieder sind sich Heinrich Posthumus und Heinrich Schütz begegnet; und schließlich, nach dem Tode seines Landesherrn, komponierte Schütz die Trauermusik zu seiner Beisetzung - die Musikalischen Exequien nach Bibelversen und Choralstrophen, die der Verstorbene noch zu Lebzeiten zusammengestellt hatte. Damit sollte auch sein Sarg beschriftet werden. Diese CD ist insofern ein Novum, als sie erstmals auch Abbildungen dieses Sarges zeigt. So vermag der Zuhörer das Gesamtkunstwerk zumindest teilweise nachzuvollziehen.
Dem Ensemble Vox Luminis unter Lionel Meunier gelingt dazu eine Hochglanz-Interpretation, wie sie schöner kaum denkbar ist. Und weil noch mehr Musik auf eine CD passt, haben die Sänger und Musi- ker gleich auch noch die anderen Trauermotetten des berühmten Dresdner Hofkapellmeisters mit eingespielt. Lediglich die eingefügte Credo-Vertonung von Samuel Scheidt, eine ältere Aufnahme mit Bernard Foccroulle, passt dazu nicht wirklich.
Immer wieder sind sich Heinrich Posthumus und Heinrich Schütz begegnet; und schließlich, nach dem Tode seines Landesherrn, komponierte Schütz die Trauermusik zu seiner Beisetzung - die Musikalischen Exequien nach Bibelversen und Choralstrophen, die der Verstorbene noch zu Lebzeiten zusammengestellt hatte. Damit sollte auch sein Sarg beschriftet werden. Diese CD ist insofern ein Novum, als sie erstmals auch Abbildungen dieses Sarges zeigt. So vermag der Zuhörer das Gesamtkunstwerk zumindest teilweise nachzuvollziehen.
Dem Ensemble Vox Luminis unter Lionel Meunier gelingt dazu eine Hochglanz-Interpretation, wie sie schöner kaum denkbar ist. Und weil noch mehr Musik auf eine CD passt, haben die Sänger und Musi- ker gleich auch noch die anderen Trauermotetten des berühmten Dresdner Hofkapellmeisters mit eingespielt. Lediglich die eingefügte Credo-Vertonung von Samuel Scheidt, eine ältere Aufnahme mit Bernard Foccroulle, passt dazu nicht wirklich.
Mittwoch, 8. September 2010
Schütz: Musikalische Exequien, Bußpsalmen (cpo)
Als Heinrich Reuß Posthumus 1635 in Gera starb, hatte er sein Haus bestens bestellt. Selbst seine Bei- setzung hatte der Landesherr bereits vorbereitet - vom Datum und Ablauf der Zeremonie über die Reihenfolge, in der die Gäste im Trauerkondukt vom Schloss zur Familiengruft in der städtischen Kirche ziehen sollten, bis hin zum Text, der seinen Lebensweg würdigen sollte.
Denn der reußische Landesvater hatte beschlossen, dass für sein Begräbnis der Tag und das biblische Vorbild Simeons gerade recht komme - was jener seinerzeit beim Anblick des Jesuskindleins sagte, das wird als Nunc dimittis noch heute zur Nacht in wohl jedem Kloster gebetet. Er hatte den Text für seine Leichenpredigt festgelegt. Und er hatte Bibelworte und Kirchenlied-Strophen ausgewählt, und einen Sarg aus Kupfer damit beschriften lassen.
Seine Familie beauftragte schließlich den Dresdner Hofkomponisten Heinrich Schütz, einst im benachbarten Bad Köstritz als reußisches Landeskind geboren, mit der Umsetzung dieser Inszenierung in eine Trauermusik. Schütz schuf die Musikalischen Exequien - eines seiner Meisterwerke, das wie alle anderen auch umgehend aus dem Musik- leben und dem Gedächtnis des Publikums entschwand.
Nun liegt die Wiederentdeckung seines Werkes bereits einige Jahr- zehnte zurück, es sind zahlreiche - auch brillante - Aufnahmen auf dem Markt, und man fragt sich daher, warum es noch eine weitere sein muss. Bei dieser Einspielung mit Weser-Renaissance Bremen unter Manfred Cordes fällt mir dafür, ehrlich gesagt, kein Grund ein. Das ist ja alles ganz solide gemacht. Aber auch ziemlich langweilig. Denn bereits die Besetzung mit neun Sängerinnen und Sängern, Chitarrone und gleich zwei Orgeln sowie - in drei der Bußpsalmen - Harfe erlaubt wenig klangliche und dynamische Differenzierung. Doch genau davon lebt diese Musik. Schade.
Donnerstag, 10. September 2009
Heinrich Schütz: Musikalische Exequien; Schütz-Akademie (Berlin Classics)
"Nacket bin ich vom Mutterleibe kommen, nacket werde ich dahinfahren", wusste Heinrich Reuß Posthumus, Herrscher in dem thüringischen Provinzstädtchen Gera nebst Umgebung. Mehrmal hatte der Dreißigjährige Krieg sein Ländchen gestreift; dass alles Irdische vergänglich ist, das hatten die Menschen damals täglich vor Augen. Und den Tod auch. Mit eigener Hand notierte Heinrich jene Bibelsprüche, die er auf seinen Sarg gemalt haben wollte - und von dem damals weithin berühmten Heinrich Schütz, geboren im benachbarten Bad Köstritz, und seinem Landesherrn lebenslang eng verbunden, wünschte er sich obendrein eine Vertonung, als Trauermusik. Die Schütz-Akademie, ein loser Zusammenschluss von Musikern, die sich vor allem der Musik von Komponisten aus Mitteldeutschland verschrieben haben, hat unter der Leitung von Howard Arman die "Musikalischen Exequien" nebst weiteren zeitgenössischen Begräbnismusiken eingespielt. Eine Aufnahme von hoher Perfektion, man staunt - es ist, als ob die Engel selber singen...
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