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Samstag, 25. August 2018

Couperin: The complete organ masses (Paladino Music)

Dass diese beiden Orgelmessen Wer- ke eines gerade einmal 21jährigen waren, war umstritten. Sie wurden einem Onkel des Komponisten zugeschrieben, der den gleichen Namen trug, aber erheblich reifer an Jahren war. Erstaunlich ist das nicht: François Couperin (1668 bis 1733) entstammte einer Musikerdynastie, die an Format und Bedeutung mit der Familie Bach durchaus zu verglei- chen ist. 
Sein Beiname „Le Grand“ allerdings macht deutlich, dass sein Schaffen selbst in diesem erlesenen Umfeld herausragend war. Das erkannte auch Ludwig XIV., der Couperin 1693 zum Organisten an der Königlichen Kapelle in Versaille ernannte. Als Hofkomponist hatte er geistliche Musik zu liefern. Außerdem wurde Couperin zum Musiklehrer der königlichen Familie, und spielte mit seinen Concerts royaux in kleiner Besetzung Kammerkonzerte, für die er auch Musik komponierte. 
In seinem Schaffen führte er italienische und französische Musiktradi- tionen zusammen. Auch seine frühen Orgelmessen zeichnen sich durch den kreativen Umgang mit dem Althergebrachten aus. Dabei ist eine Messe für den feierlichen Gottesdienst in einer Pfarrkirche bestimmt, die andere ist eine Konventmesse, wie sie im Kloster gebräuchlich war. 
Sie sind beide für eine Musizierpraxis entstanden, bei der die Verse jeweils abwechselnd gesungen und von der Orgel gespielt wurden. Derart alternatim erklingen die Werke auch auf dieser CD. Es singt das Age of Discovery Vocal Ensemble, und der neuseeländische Organist James Tibbles hat für die Einspielung ein ganz besonderes Instrument ausgesucht: Zu hören ist die Orgel der Kirche Notre Dame Rozay-en-Brie, deren Tastaturen wohl die ältesten in spielfähigem Zustand erhaltenen in Frankreich sind. Auch der junge Couperin selbst hat dort musiziert. 

Dienstag, 1. Mai 2018

Merk: 20 etudes for cello solo op. 11 (Paladino Music)

Da wir gerade bei Martin Rummel und seinem Engagement für Cello-Lehrwerke sind, folgt gleich noch eine weitere CD des renommierten Cellisten, der derzeit übrigens als Rektor der School of Music an der Universität Auckland in Neuseeland tätig ist: Eine Aufnahme mit den 20 Etüden op. 11 von Joseph Merk aus dem Jahre 2008 hat Rummel kürzlich bei seinem Label Paladino Music wiederveröffentlicht. 
Einige Werke von Joseph Merk (1795 bis 1852), darunter die Fleurs d'Italie, eine Folge von Fantasien über Motive aus Opern Donizettis und Verdis, hatte Rummel gemeinsam mit dem Pianisten Roland Krüger bereits für Naxos eingespielt. Die Etüden sind für Zuhörer sicherlich ein wenig mühsamer als Valses brillantes, aber man wird feststellen, dass Merk selbst diese Übungsstücke, an denen Musiker ihre Technik schulen, erstaunlich ansprechend und auch abwechslungsreich gestaltete. 
Ursprünglich wollte Merk Geiger werden. Doch dann biss ihn ein Hund so unglücklich, dass er den linken Arm nicht mehr korrekt benutzen konnte. Und so wechselte er zum Violoncello. Unterrichtet wurde der junge Musiker von Philipp Schindlöcker, dem Solocellisten der Hofoper. Mit gerade einmal 18 Jahren wurde Merk ebenfalls in dieses Orchester aufge- nommen; später wurde er zudem Mitglied der Hofkapelle, Kammervirtuo- se und Professor am Wiener Konservatorium. 
Er gab Konzerte in Österreich, in Deutschland und Italien, aber in erster Linie blieb der Cellist Wien verbunden. Der Kritiker Eduard Hanslick schrieb über Merk, er sei als „fleißiger Concertgeber unermüdlich und stets von der Sympathie des Publikums getragen.“ Auch als Musikpäda- goge war Merk ziemlich erfolgreich – und für den Gebrauch im Unterricht schrieb er zwei Bände Etüden. Die 20 Etüden op. 11 sind vermutlich in den 1820er Jahren entstanden und Franz Schubert, mit dem Merk befreundet war, gewidmet. 
Außerhalb Wiens gerieten sie „rasch in Vergessenheit, obwohl darin die klassische Logik des Violoncellospiels nach Jean Louis Duport doku- mentiert ist“, bedauert Rummel. Mit seiner Einspielung sowie einer Notenedition bei Bärenreiter will er das ändern: „Besonders diese 20 Etüden verdienen einen Standardplatz in der Ausbildung eines jeden Cellisten.“ 

Donnerstag, 11. Januar 2018

Popper: High School of Violoncello Playing op. 73 (Paladino Music)

Wenn man diese Aufnahmen hört, dann will man es kaum glauben: Was Martin Rummel hier spielt, das sind Etüden – und zwar hochgradig vertrackte. David Popper (1843 bis 1913) gehört zu den besten Cellisten aller Zeiten. Er begann seine Karriere als Orchestermusiker; 1868 wurde er Solocellist der Wiener Philharmoniker. Doch schon bald waren seine Konzertverpflichtungen so umfangreich, dass er diese Stelle wieder aufgab. 
Auch als Komponist war Popper sehr erfolgreich; doch nachdem er dann an die Königliche Akademie für Musik in Budapest berufen wurde, konzentrierte er sich vor allem darauf, seine Studenten zu unterrichten, und sie bestmöglich auf das Berufsleben vorzubereiten. Zu diesem Zweck schrieb er in den Jahren 1901 bis 1905 jene 40 Etüden, die dann als Hohe Schule des Violoncellospiels op. 73 bekannt geworden sind. 
„Sie sind die erste Sammlung von Etüden für unser Instrument,die den neuen Anforderungen des Repertoires und der konstanten Verbesserung der Spieltechnik in jener Zeit gerecht werden“, erläutert Rummel, der übrigens auch die Neuausgabe dieser Werke bei Bärenreiter als Herausgeber betreut hat. „Die Großtat besteht aus meiner Sicht darin, sich in jeder Etüde auf ein oder zwei technische Schwierigkeiten zu konzentrieren (..) Dieselbe kompositorische und instrumentale Geschicklichkeit, die Popper in vielen seiner für das Konzertleben geschriebenen Stücke zur Erzeugung von musikalischen oder virtuosen Effekten beweist, nützt er in der Hohen Schule des Violoncellospiels an vielen Stellen, alles möglichst vertrackt oder unbequem zu schreiben – lediglich das Ziel im Auge, den Spieler möglichst umfassend mit allen denkbaren Schwierigkeiten, die weniger celloerfahrene Komponisten ausbrüten könnten, zu konfrontieren.“ 

Mittwoch, 25. Februar 2015

Claviorganum (Paladino Music)

Das Kunsthistorische Museum Wien verfügt über eine umfangreiche Sammlung historischer Musik- instrumente. Erstaunlich viele davon sind spielbar. So stellt das Museum auf dieser CD gemeinsam mit Paladino Music das Claviorganum vor – ein Orgelklavier, bei dem ein Cembalo oder ein Tafelklavier mit einem truhenförmigen Orgelwerk kombiniert wurde. Ein solches Instrument ermöglicht ein abwechs- lungsreiches Spiel mit einer Vielzahl von Klangvarianten: Clavier und Orgel können jeweils alleine gespielt werden, oder aber gemeinsam, wobei seitens der Orgel sogar verschiedene Register genutzt werden können. 
Das Claviorganum gilt als ausgesprochene Rarität; es sind nur sehr wenige Exemplare erhalten. Das ist verständlich, denn das Instrument, das jeweils als Einzelstück angefertigt wird, ist aufwendig und daher kostspielig. Es scheint noch heute gelegentlich Enthusiasten zu geben, die ein Claviorga- num in Auftrag geben. In früheren Jahrhunderten dürften es vor allem begüterte adelige Musikliebhaber gewesen sein, die sich diesen Luxus geleistet haben. So hat das Wiener Museum dieses Claviorganum aus der Fürstlich Liechtensteinschen Sammlung angekauft. 
Angefertigt wurde es von dem Wiener Orgel- und Klavierbaumeister Franz Xaver Christoph (1733 bis 1793) um 1785. Es ist wohltemperiert gestimmt – was beim Tafelklavier für heutige Ohren etwas gewöhnungsbedürftig klingt. Spannend erscheint bei dem Kombinationsinstrument, dass der Musiker durch seinen Anschlag entscheiden kann, ob das Clavier oder aber die Orgel klanglich im Vordergrund steht. 
Leider sind auch die Musikstücke für dieses seltene Instrument Raritäten. Deshalb hat Thomas Schmögner für diese CD Klavierwerke zusammen- gestellt, die die Stärken des Claviorganums bestens zur Geltung kommen lassen. So erklingen Präludien von Johann Georg Albrechtsberger, komponiert ausdrücklich für Kleinorgel, Präludien des jungen Beethoven, die Zeugnis geben von seiner Beschäftigung mit dem Werk Bachs, und eine Fantasie von Carl Philipp Emanuel Bach, die die Stimmung des Claviorga- nums so richtig hörbar macht. Ein frühes Beispiel aus dem Bereich der Programmmusik ist die Sonate militare von Ferdinand Kauer (1751 bis 1831), die mit Hilfe der Musik Kämpfe zwischen den Türken und den Truppen des Zaren auf der Krim darstellt. 
Mozarts Fantasie in d-Moll demonstriert insbesondere den Farbenreich- tum des Instrumentes; sein berühmtes Adagio für Glasharmonika klingt darauf erstaunlich ähnlich wie auf dem Original. Das liegt aber auch mit daran, dass Schmögner echt ein Händchen hat für die Möglichkeiten des Claviorganums – und das hat durchaus seine Reize. Schlussstück der CD ist eine Fantasie von Joseph Preindl (1756 bis 1823) über Themen aus Haydns Oratorium Die Jahreszeiten. Dabei handelt es sich um ein Widmungswerk für Prinzessin Leopoldine von Liechtenstein. Sehr hübsch!

Mittwoch, 5. September 2012

Franz Geissenhofs Instrumente (Paladino Music)

Nur sehr wenige Instrumente aus der Werkstatt Franz Geissenhofs (1753 bis 1821) sind überliefert. Dabei war er der bedeutendste Geigenbauer zur Zeit der Wiener Klassik; seinen Zeitgenossen galt er sogar als "Wiener Stradivarius".
Geissenhof stammte aus Füssen, seinerzeit eine Hochburg des Instrumentenbaus. Wie viele Handwerker aus dieser Gegend ging er in die Musikmetropole Wien. Dort arbeitete er zunächst als Geselle; nach dem Tode seines Meisters 1781 übernahm er dann das Geschäft und führte es weiter. Die Instrumente, die er anfertigte, folgten zunehmend italienischem Vorbild; Antonio Stradivari wurde, wenn man so will, Geissenhofs zweiter Lehrmeister. Das hatte deutliche Auswirkungen auf die Ge- stalt, aber auch auf den Klang seiner Geigen. 
Musiker wussten, was sie an Geissenhofs Instrumenten hatten. Und auch unter seinen Kollegen war der Geigenbauer hoch angesehen. Es wird jedoch berichtet, dass er kein Instrument herausgab, mit dem er nicht völlig zufrieden war. Zu Wohlstand brachte er es damit leider nicht. Seine Wohnung, in der er auch arbeitete, bestand aus einem einzigen Zimmer und einer winzigen Küche. Wie er dort gemeinsam mit seiner Frau gelebt haben mag (und Lehrlinge hat er ja immerhin auch ausgebildet!), das möchte man sich gar nicht vorstellen.
Die vorliegende CD präsentiert gleich vier Instrumente aus Geissen- hofs Werkstatt - ein komplettes Quartett, das sich heute in der Sammlung des Kunsthistorischen Museum Wien befindet. Das Quatuor Mosaiques spielt Werke von Joseph Woelfl (1773 bis 1812), einem Schüler von Leopold Mozart und Michael Haydn. Er war ein exzellenter Pianist und ein ebenso erfolgreicher Komponist. Seine Werke erinnern sowohl an Haydn als auch an die Mannheimer Schule. Geissenhofs Instrumente mit ihrem charakteristischen Klang kommen dabei gut zur Geltung. 

Freitag, 24. Juni 2011

Bach: Cello Suites; Rummel (Paladino Music)


„1890 streifte Pablo Casals, Student im zweiten Jahr an der Musikschule und noch keine
14 Jahre alt, mit seinem Vater durch das Hafengebiet von Bar- celona, als sie zufällig eine kleine Musikalienhandlung entdeckten. Casals suchte eigentlich nach Literatur, die er bei seiner Arbeit im Café spielen könnte, womit er seine Ausbildung finanzierte. Da- bei stieß er auf eine verschlissene Grützmacher-Ausgabe der Bach-Suiten. Als er sie zuhause probierte, packte ihn diese Musik dermaßen, daß er sie in den folgenden drei- undachtzig Jahren täglich spielte und unermüdlich in die Welt hinaustrug.“
Diese Geschichte erfährt der Leser aus dem Beiheft zu der vorliegenden CD.
„Es ist ein erstaunlicher Gedanke, daß die Cellosuiten von Bach vor etwa hundert Jahren so wenig bekannt waren, daß ein junger Cellist, dem es bestimmt war, der größte seiner Zeit zu werden, sie nur durch Zufall entdeckte. Diese Musik war bereits seit mehr als einem Jahrhundert in Vergessenheit geraten, als Robert Schumann versuchte, die Dinge richtigzustellen, indem er eine Version mit Klavierbegleitung veröffentlichte, obwohl Anna Magdalena Bachs Manuskript, das in der Preußischen Staatsbibliothek aufbewahrt wird, eindeutig den Titel ,6 Suiten à Violoncello senza basso’ trägt. Julius Klengel hatte die Sonaten zwar in Leipzig in seinem Unter- richtsprogramm, aber man konnte sie nicht im Konzert hören, da sie mehr als technische Übungen angesehen wurden.“
Der Text von Graham Whettam stammt aus dem Jahre 1997, und weist auch in den Erläuterungen zu den einzelnen Stücken einige Merkwürdigkeiten auf. So meint der Autor, das Cello biete nur wenig Möglichkeiten zum Kontrast: „Die Größe des Instruments bedingt eine begrenzte Spannweite der Hand, was durch die damalige Spieltechnik noch größere Hürden darstellte. Fugen, wie in den Violinsonaten, standen nicht zur Debatte, und sogar heute kenne ich nur zwei Fugen für Cello solo, beides Werke des 20. Jahrhunderts.“
Cellist Martin Rummel nutzte ohnehin als Arbeitsgrundlage in erster Linie eine Abschrift von Johann Peter Kellner. Der Organist, Lehrer und Kantor wirkte im thüringischen Gräfenroda, und interessierte sich offenbar sehr für die Werke Bachs. In seinem Nachlass fanden sich Abschriften mit einem Umfang von mehr als hundert Seiten – darunter auch eine Kopie der Cellosuiten, datiert auf das Jahr 1726. Musikwissenschaftler vermuten, dass sie direkt von Bachs verlorener Urfassung abgeschrieben wurden. Doch die Sechs Suonaten pour le Viola de Basso, wie Kellner das Werk überschrieb, sind offenbar nicht frei von Fehlern, so dass sich jeder Cellist letzten Endes nicht nur seine eigenen Phrasierungen und Fingersätze, sondern auch seine eigene Version des Notentextes erarbeiten muss.
Rummel vertritt eine ausgesprochen romantische Werkauffassung; mit Barockmusik hat diese Einspielung nicht viel zu tun. Und ein flottes Tempo geht zwar grundsätzlich in Ordnung, allerdings sollte der Solist auch dann noch in der Lage sein, Läufe sicher, sauber und mit einer gewissen Eleganz zu spielen. Auf dieser CD wird, bei allem Anspruch, vieles verwischt und vertuscht. Mein Fall ist das nicht.