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Dienstag, 5. Mai 2015

Brahms: Violin Concerto; Kavakos (Decca)

Auf seinem zweiten Album bei Decca spielt Leonidas Kavakos das Violinkonzert von Johannes Brahms. Es ist ein Werk, das dem Komponisten eher wie eine Sinfonie geraten ist. An die Musiker stellt dieses Konzert zwar enorme Anforderungen, aber es gibt ihnen zugleich wenig Gelegenheiten, ihre Virtuosität publikumswirksam zu demonstrieren. Erst im Finale darf der Solist wirklich loslegen. Ob dieses Konzert wohl auch so erfolgreich geworden wäre, wenn es nicht seinerzeit Joseph Joachim uraufgeführt hätte, darüber kann man spekulieren. Brahms' Geigerfreund jedenfalls hatte eine Menge erfolgreicher Schüler, und so wird das Brahms-Konzert bis zum heutigen Tage sehr viel gespielt. 
Kavakos hatte das Gewandhausorchester Leipzig an seiner Seite – eine bessere Partnerschaft kann man sich für dieses Konzert wohl kaum wünschen; die Leipziger musizieren auch hier wunderbar. Im Beiheft kann man nachlesen, dass der Solist und Gewandhauskapellmeister Riccardo Chailly sich für diese Interpretation an den Metronomzahlen orientierten, die weiland Joachim für das Konzert notierte und die sich in seinem Nachlass fanden. Man wird dann erstaunt feststellen, dass der Maestro mit seinen Musikern zwar oftmals ein flottes Tempo wählt, der Solist allerdings ebenso häufig ganz eigene Tempi spielt. Ein Hörvergnügen ist das nicht. 
Die CD wird komplettiert durch Béla Bartóks Rhapsodien in der Fassung für Violine und Klavier Nr. 1 BB 94 und Nr. 2 BB 96 sowie durch Brahms' Ungarische Tänze Nr 1, 2, 6 und 11 in einer Bearbeitung von Joseph Joachim. Kavakos wird dabei am Klavier begleitet durch Péter Nagy. Mir persönlich ist der Bartók in dieser Aufnahme zu wenig Wirtshaus, und auch der Brahms könnte mehr Feuer vertragen. Schade. 

Donnerstag, 19. August 2010

Brahms: Händel-Variationen, Walzer, Rhapsodien; Ragna Schirmer (Berlin Classics)

"128 Jahre nachdem Georg Fried- rich Händel seine B-Dur Suite für Cembalo veröffentlicht hatte, entdeckte Johannes Brahms die ,Aria' aus eben jener Suite und formte mit 25 Variationen und einer großen Fuge über dieses Thema einen Kosmos romanti- scher Klavierkunst, der in der Literatur seinesgleichen sucht", schreibt Ragna Schirmer. "Da mir persönlich die Händel-Aria auch sehr am Herzen liegt, reizte es mich, wiederum 148 Jahre später intensiv an diesem großen Werk von Johannes Brahms zu arbeiten." Um das Bild abzurunden, hat die Pianistin die Variationen über ein Thema von Händel op. 24 mit den 16 Walzern op. 39 und den Zwei Rhapsodien op. 79 kombiniert.
"Ich habe eine eigene Liebhaberei für die Form der Variation und meine, diese Form könnten wir wohl mit unserem Talent und unsrer Kraft noch zwingen", schrieb Brahms 1879 an einen Freund. Selbst Wagner, der Brahms nicht unbedingt wohlgesonnen war, musste einräumen, nachdem er das Werk 1863 in Wien gehört hatte: "Hier sieht man, was noch in den alten Formen geleistet werden kann, wenn einer kommt, der sie zu gebrauchen weiß." 
Ragna Schirmer spielt die Variationen nah am Thema Händels. Sie vermeidet pianistische Effekthaschereien, und stellt ausschließlich die musikalische Struktur in den Mittelpunkt. Damit macht sie deut- lich, wie fein die Textur dieses Werkes ist, und mit welcher Sorgfalt es gearbeitet wurde. Dass sie durchaus auch der romantischen großen Geste gewachsen ist, zeigt sie in den beiden Rhapsodien. Dabei handelt es sich um äußerst anspruchsvolle, aber auch ansprechende Werke, die für den Konzertsaal geschrieben sind - vollgriffig, aber dennoch raffiniert und von unglaublicher Intensität.
Mit Delikatesse hingegen behandelt Schirmer die Walzer - ein Tribut des gebürtigen Hamburgers an seine Wahlheimat Wien. Sie waren für die gutbürgerliche Hausmusik bestimmt, und erschienen in einer vier- und einer zweihändigen Fassung. "Die Walzer sind entzückend und berührend schlicht und edel gehalten", schreibt die Pianistin. "Da in der zweihändigen Fassung gegenüber der vierhändigen einige Begleitfiguren fehlen, habe ich diese an manchen Stellen ergänzt." Auch hier nimmt sich Ragna Schirmer zurück, und lässt das Werk wirken - doch nicht gänzlich ohne Augenzwinkern. Diese Walzer laden nicht zum Tanz, sie erscheinen eher als musikalische Albumblätter - poetisch, farbenreich, teils leidenschaftlich, teils besinnlich. Schirmer gestaltet überlegen - eine CD, die zum Nachspüren und Genießen einlädt.