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Montag, 22. Juni 2020

Marsalis: Violin Concerto, Fiddle Dance Suite (Decca)

Diese Musik ist so nur in Amerika möglich: Wynton Marsalis hat ein Konzert für Nicola Benedetti geschrieben, und darin anglo-keltische mit afroamerikanischen Musiktraditionen vereint. „Scored for symphony orchestra, with tremendous respect for the demands of that instrument, it is nonetheless written from the perspective of a jazz musician and New Orleans bluesman”, schreibt der Komponist im Beiheft zu dieser CD. 
Das darf man gern wörtlich nehmen; so finden sich in diesem Werk sowohl schottische Klänge – als Referenz an die Herkunft der Geigerin – als auch Elemente aus Blues und Jazz. Diese Mixtur ist durchaus sehr anspruchsvoll. „The shared vocabulary between the jazz orchestra and the modern orchestra sits largely in the areas of texture and instrumental technique. Form, improvisation, harmony, and methods of thematic development are very different. The biggest challenges are: how to orchestrate the nuance and virtuosity in jazz and blues for an ensemble not versed in those styles (a technical issue); and how to create a consistent groove without a rhythm section (a musical/philosophical issue)”, berichtet Wynton Marsalis. „Because modern living is an integrated experience, it is never difficult to discover organic connections. Turning those insights into something meaningful and playable, however, is another story.” 
Das Ergebnis lässt staunen – diese Musik überwältigt mit ihrer Vielschichtigkeit, und einem komplexen Geflecht aus Bezügen. Jazz ist gewiss präsent, aber er steht nicht ausschließlich im Vordergrund. Marsalis‘ Musik erscheint voll Energie, und Nicola Benedetti meistert die vier Sätze von der vexierbildhaften Rhapsody bis hin zum finalen temperamentvollen Hootenanny mit großer Leidenschaft. Begleitet wird sie bei ihrer musikalischen Reise durch amerikanische Klanglandschaften vom Philadelphia Orchestra unter Leitung von Cristian Măcelaru. Und weil es so schön war, folgt auf der CD anschließend noch Marsalis‘ Fiddle Dance Suite for Solo Violin. 

Samstag, 16. Mai 2020

Danny Elfman (Sony)

1111 Takte lang ist das Violinkonzert, das Danny Elfman für Sandy Cameron geschrieben hat. Der Komponist, der aus Los Angeles stammt, ist bislang vor allem mit Filmmusik in Erscheinung getreten. Er schuf die Filmmusiken unter anderen für Batman, Nightmare before Christmas, Men in Black, Desperate Housewives oder die berühmte Titelmusik zu The Simpsons. Für sein Schaffen wurde Elfman mit Emmys und Grammys ausgezeichnet. 
„A few years ago I came to the conclusion that I didn’t just want to write orchestral music totally free from the influence of film, I virtually had to in order to keep my sanity”, meint Elfman. Der Komponist beschloss daher, in jedem Jahr eine Auszeit zu nehmen, um Musik für den Konzertsaal zu schreiben.
Die Idee, ein Violinkonzert für Sandy Cameron zu schaffen, entstand, nachdem er die Solistin bei einem Konzert in Prag erlebt hatte, wo sie den Komponisten mit einer Kadenz sehr beeindruckte. Dieses Vorhaben freilich hatte seine Tücken: „The violin is, to me, a very intimidating solo instrument, and violin concertos were not part of my repertoire of classical music listening”, berichtet Elfman.  „So of course I agreed to write one. The challenge was too great to pass up. Having no clue what really entailed, I felt that somehow I would figure out exactly how to write a violin Concerto, later…” 
Als der Termin dann herankam, begann Elfman, jede Menge Violinkonzerte anzuhören und zu studieren, um von den Klassikern zu lernen. „One thing became abundantly clear“, stellte Elfman fest: „writing a violin concerto would require far more discipline than anything I had done previously, and would be even more difficult to execute than I’d imagined.” 
Beim Komponieren arbeitete Elfman eng mit Cameron zusammen; die Solistin legte besonderen Wert darauf, dass die Musik sowohl emotional als auch technisch anspruchsvoll wird. Der Komponist wiederum wollte ein Werk erschaffen, das sowohl Filmmusik-Fans als auch das typische Klassik-Publikum anspricht. 
Beides ist gelungen. Elfmans Musik ist ebenso anspruchsvoll wie ausdrucksstark. Sie ist farbenreich, mitunter poetisch, manchmal auch ironisch, doch oft auch dramatisch und kraftvoll, und fordert vom Solisten Virtuosität ebenso wie Emotion. Und die Interpretation durch Sandy Cameron, die hier mit dem Royal Scottish National Orchestra unter Leitung von John Mauceri musiziert, ist exzellent. 
Fast noch besser gefällt mir allerdings das Klavierquartett von Danny Elfman, das im zweiten Teil der CD zu hören ist. Es ist ein krasses Stück Moderne, und es wird vom Philharmonic Piano Quartet Berlin, bestehend aus Andreas Buschatz, Violine, Matthew Hunter, Viola, Knut Weber, Violoncello – allesamt Mitglieder der Berliner Philharmoniker – und dem Pianisten Markus Groh großartig vorgestellt. Das fünfsätzige Werk erinnert mich mehr an die Streichquartette von Dmitri Schostakowitsch als an Filmmusik, und es ist doch ganz klar ein Elfman. Überraschung! 

Donnerstag, 28. November 2019

Brahms: Violin Concerto / Double Concerto (Naxos)

Dass Tianwa Yang auch Standardrepertoire kann, zeigt sie beim Violinkonzert von Johannes Brahms (1833 bis 1897). Dieses spielt sie wirklich phänomenal; sie musiziert technisch brillant, klug strukturiert und mit herrlichem, beseelten Ton. Unterstützt wird sie dabei durch das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin unter Antoni Wit, das in der bewährten Akustik der Berliner Jesus-Christus-Kirche seinen Part zu dieser Aufnahme beiträgt, die an Klangschönheit kaum zu übertreffen ist. Auf der CD erklingt zudem Brahms' populäres Doppelkonzert, das Tianwa Yang gemeinsam mit dem Berliner Cellisten Gabriel Schwabe interpretiert. Wie diese beiden Solisten miteinander in den Dialog treten, das ist einfach großartig. Eine Einspielung, die bis zur letzten Note spannend bleibt. 

Samstag, 17. März 2018

Anton & Paul Wranitzky (Sony)

Konzerte von Paul Wranitzky (1756 bis 1808) und Anton Wranitzky (1761 bis 1820) präsentieren die georgische Geigerin Veriko Tchumburidze und die Schweizer Cellistin Chiara Enderle auf dieser CD. 
Es handelt sich in beiden Fällen um Weltersteinspielungen – was die beiden jungen Musikerinnen, die bei diesem Aufnahmeprojekt von der Orpheum-Stiftung zur Förderung junger Solisten unterstützt wurden, als Privileg, aber auch als große Herausforderung wahrgenommen haben. 
„Wenn wir Interpreten unsere Stücke einstudieren, profitieren wir häufig von der schnellen Verfügbarkeit der Werke, Interpretationen und Aufnahmen. Dies bedeutet, dass wir schließlich mehr als genügende – fast unbewusste und ungewollte – Vorstellungen von der Aufführungspraxis des jeweiligen Werkes haben“, räumt Veriko Tchumburidze ein. „Ohne diesen Zugriff sind wir uns jedoch selbst überlassen. Dies brachte mich dazu, mich selbst zu fragen, wie der seinerzeit umjubelte Violinvirtuose Wranitzky sein eigenes Meisterwerk wohl aufgeführt hätte. Was hätte er mir gesagt, wenn ich im Wien seiner Zeit gelebt und ihm dieses Konzert vorgespielt hätte? Es war für mich enorm bereichernd, über diese Fragestellungen nachzudenken.“ 
Das Cellokonzert von Paul Wranitzky ist „ein extrovertiertes, virtuoses Werk, das mich am ehesten an die Cellokonzerte von Haydn und Boccherini erinnert. Ich konnte kaum glauben, dass ich noch nie auf dieses charmante Stück gestoßen war“, schreibt Chiara Enderle. „Es ist ein ehrgeiziges Werk, ziemlich lang und sehr anspruchsvoll für den Solisten. Bei der Arbeit daran (..) habe ich großen Respekt vor den Cello-Virtuosen der damaligen Zeit gewonnen – sie müssen wirklich ,was drauf gehabt' haben!“ 
Die beiden Solistinnen musizieren sehr engagiert gemeinsam mit dem Münchener Kammerorchester, das unter Leitung von Howard Griffiths ausgesprochen temperamentvoll begleitet. Mit Paul Wranitzkys Sinfonie D-Dur op. 16 Nr. 3 setzt das Ensemble auch noch einen eigenständigen Akzent. 

Freitag, 9. Dezember 2016

Brahms: Violin Concerto / Double Concerto; Accardo (Eloquence)

Wer von Felix Mendelssohn Barthol- dys Violinkonzert spricht, meint damit üblicherweise das populäre Konzert in e-Moll op. 64 – ein Kuriosum der Musikgeschichte, denn der Komponist hatte in seinen Jugendjahren bereits ein komplettes Violinkonzert in d-Moll geschrieben. Es war für Eduard Rietz bestimmt; aus unerfindlichen Gründen ist es dann aber in Vergessenheit geraten, bis schließlich Yehudi Menuhin 1952 die Autographen in die Hände bekam, und eine erste Edition veröffentlichte. Salvatore Accardo spielte beide Kon- zerte 1976 für Philips mit Charles Dutoit und dem London Philharmonic Orchestra ein. 
Und noch eine weitere großartige Aufnahme hat das Label Eloquence zum 75. Geburtstag des italienischen Geigers im Oktober 2016 wieder zugäng- lich gemacht: Mit Kurt Masur und dem Gewandhausorchester Leipzig hat Accardo 1978, ebenfalls für Philips, zwei wichtige Konzerte von Johannes Brahms eingespielt – das Violinkonzert in D-Dur, op. 77, und das Konzert für Violine, Violoncello und Orchester in a-Moll op. 102, letzteres gemein- sam mit Heinrich Schiff. 

Montag, 3. Oktober 2016

Hidden Gems - Ignaz Joseph Pleyel (Ars)

Ignaz Joseph Pleyel (1757 bis 1831) galt zu Lebzeiten als „Componist von erstem Range“, man sah ihn auf Augenhöhe mit seinem Lehrer Joseph Haydn und mit Wolfgang Amadeus Mozart. Pleyel wurde in ganz Europa gefeiert, und seine Werke erschienen in erstklassigen Verlagen. Der Musi- ker erwies sich auch als erfolgreicher Geschäftsmann: In Paris gründete er einen Musikverlag, der rasch zu den Marktführern gehörte. Auch mit seiner Klaviermanufaktur verdiente Pleyel viel Geld. Und als er schließ- lich eine Konzertreihe, die Salons Pleyel, startete, kamen die Reichen und die Schönen, um europäischen Stars wie Frédéric Chopin oder dem Wunderkind Clara Wieck zu lauschen. La Salle Pleyel ist noch heute eine Institution in Paris. 
Die Musik von Ignaz Pleyel geriet allerdings in Vergessenheit – aus uner- findlichen Gründen, wie man nach dem Anhören zweier CD mit Hidden Gems feststellen muss. Sie sind auf Initiative der Internationalen Ignaz Joseph Pleyel Gesellschaft (IPG) entstanden, die sich an seinem Geburts- ort, im niederösterreichischen Ruppersthal, ganz entschieden für das Vermächtnis des Komponisten einsetzt – und sie enthalten wahrhaftige Schätze. Aus dem Jahre 1792 stammen die drei Streichquartette Ben 359, Ben 360 und Ben 361. Es musiziert das Ignaz Pleyel Quartett mit Raimund Lissy und Dominik Hellsberg, Violine, Robert Bauerstatter, Viola und Bernhard Naoki Hedenborg, Violoncello, sämtlich Mitglieder der Wiener Philharmoniker. 
Auf der zweiten CD folgen Pleyels Violinkonzert in C-Dur, Ben 1106, das Bratschenkonzert in D-Dur, Ben 1062 und die Sinfonie in B-Dur, Ben 127/1493. Es musizieren die Camerata pro Musica unter Christian Birn- baum; als Solisten sind Cornelia Löscher, Violine, und Robert Bauerstatter, Viola, zu erleben. Immer wieder verblüfft die Originalität, mit der Pleyel seine Werke gestaltet, sein überaus eleganter Stil und seine liebevolle Instrumentierung, die auch Orchesterinstrumente mit ihren Klangfarben immer wieder aufs Schönste zur Geltung bringt. Man kann der IPG für diese beiden CD mit Entdeckungen nur dankbar sein; sämtliche Werke erklingen in Weltersteinspielungen – und hoffentlich folgen noch viele ähnlich engagierte Aufnahmen nach; es wäre großartig, wenn sie ergänzt würden durch Noteneditionen.

Donnerstag, 18. Februar 2016

Tchaikovsky: Violin Concerto; Stravinsky: Les Noces (Sony)

Diese Aufnahme habe ich etliche Male angehört – und ich verstehe immer noch nicht, warum Patricia Kopatchinskaja das Violinkonzert von Pjotr Iljitsch Tschaikowski (1840 bis 1893) spielt. 
„You know, for a long time the Tchaikovsky Concerto was alien to me. To my ears it didn't have any music relevant to our time. Need- lessly masticated by anyone no too lazy to practice, misappropriated for exercises in digital dexterity, spat out in competitions. Moronic violinism, that's what I thought of it“, schreibt die Geigerin im Beiheft zu dieser CD.  
Zur Erinnerung: Es ist dieses Konzert, das den Wiener Kritiker Eduard Hanslick einst bescheinigte, es bewege sich eine Weile „maßvoll, musi- kalisch und nicht ohne Geist, bald aber gewinnt die Rohheit Oberhand und behauptet sich bis ans Ende des ersten Satzes. Da wird nicht mehr Violine gespielt, sondern Violine gezaust, gerissen, gebläut.“ Genau so spielt Kopatchinskaja dieses Konzert; sie vermeidet scheu romantische Kantilene und große Bögen, um statt dessen zu zerfetzen, zu schaben und zu kratzen, was der Bogen hergibt. Natürlich kann man Tschaikowski dekonstruieren; man kann ihn musikhistorisch befragen, zergliedern, und spielen, wie man zeitgenössische Musik zu spielen geneigt ist – aber wird das diesem Konzert gerecht? 
Im Beiheft liest man einen langen Aufsatz von Patricia Kopatchinskaja in Briefform, in dem sie dieser Musik nachsinnt. Doch die Bilder, die sie hier schildert – man hört sie leider nicht. Auch Teodor Currentzis schreibt einen solchen Brief, viele Worte, sehr blumig und poetisch. Der griechische Dirigent agiert seit einigen Jahren im russischen Perm, und hat diese Aufnahme mit seinem Ensemble Musica Aeterna mitgestaltet. Bislang sind großartige Klänge aus der sibirischen Provinz zu hören gewesen. Das Mozart-Requiem beispielsweise war grandios. Doch mit diesem Tschaikowski-Violinkonzert, eingepackt in soviel Texte, kann ich nichts anfangen. 
Warum machen diese Musiker nicht einfach Musik – und akzeptieren dabei, dass Romantik schlicht Romantik ist? Dieses Konzert ist nun einmal Vergangenheit, und wenn man sie in die Zukunft holt, dann sollte man das doch bitte behutsam tun und sehr aufmerksam; vielleicht so, wie man eine wertvolle alte Vase aufstellt, um sie respektvoll zu bewundern. Stellt man sie allzu derb in die Zugluft, dann reisst sie der Wind möglicherweise herunter. Man hat dann die Scherben – aber befriedigt das? 
Hanslicks Kritik gipfelte einst in der Feststellung: „Tschaikowskis Violinkonzert bringt uns zum erstenmal auf die schauerliche Idee, ob es nicht auch Musikstücke geben könne, die man stinken hört.“ Wenn man dem künstlerisch nichts hinzuzufügen hat, dann sollte man es vielleicht einfach lassen. 
Für den zweiten Teil der CD wählte Currentzis Les Noces, ein selten zu hörendes Werk von Igor Strawinsky. Das Stück ist besetzt mit einem Sängerquartett, Chor, vier Pianisten und sieben (!) Schlagzeugern. Es schildert eine russische Bauernhochzeit, und wurde als Tanzkantate komponiert, als Ballettmusik. Gewidmet ist es Serge Diaghilev, der es 1923 in Paris mit seinen Ballets Russes uraufgeführt hat. Und dieser Teil der CD ist dann wirklich gelungen. 

Freitag, 8. Januar 2016

Brahms: Violin Concerto; Weithaas (Avi-Music)

Antje Weithaas gibt sich mit Ober- flächlichkeiten nicht zufrieden. Zwei Aufnahmen geben Zeugnis von ihrem Ringen mit der musikalischen Substanz. Die Geigerin hat, zum einen, zwei Werke Ludwig van Beethovens, die eigentlich für kammermusikalische Besetzungen entstanden sind, in Arrangements für Streichorchester eingespielt – die Kreutzer-Sonate in einer Bearbeitung von Richard Tognetti, das Streich- quartett Nr. 11 in f-Moll op. 95 hat sie selbst arrangiert, gemeinsam mit der Kontrabassistin Käthi Steuri. Eingespielt hat Antje Weithaas die beiden Werke mit der Camerata Bern. 
Eigentlich ist es gebräuchlich, große Werke mit einer umfangreichen Besetzung für kleinere Ensembles oder aber Klavier zu bearbeiten. Damit konnte man sie im häuslichen Umfeld studieren und aufführen, was durchaus auch in den Salons des Adels und des Großbürgertums üblich war. Denn wer hat schon ausreichend Platz für ein komplettes Orchester? Ein Mozart-Klavierkonzert mit Streichquartett, Beethovens Eroica für Klavierquartett, oder die komplette Pastorale für Streichsextett – das kann, wenn gekonnt gemacht, wirklich spannend sein. 
Warum aber bringt man ein Streichquartett oder aber eine Violinsonate auf Orchesterformat? Weithaas meint, dass beide Werke Beethovens „sehr symphonisch gedacht“ seien. Die Geigerin sieht in der klanglichen Ver- breiterung einen Schlüssel zum besseren Verständnis des Werkes. Nicht nur Farben und Klänge ändern sich; das Streichquartett beispielsweise kommt mit sehr viel mehr Wucht und Energie daher. 
Auf einer zweiten CD treibt Weithaas dieses Experiment noch weiter: Sie spielt das Brahms-Violinkonzert mit einer eher kleinen Orchesterbe- setzung, kammermusikalisch und ohne Dirigenten, und Brahms' Streich- quintett op. 111, ebenfalls mit einem Streichorchester. Beteiligt sind erneut Musiker der Camerata Bern. „Mit einem anderen Ensemble wäre ich das Abenteuer wahrscheinlich nicht eingegangen“, berichtet die Geigerin. „Das Entscheidende ist, dass jeder einzelne Musiker in einer kammer- musikalischen Idee mit der nötigen symphonischen Energie dabei sein und Verantwortung übernehmen muss.“ 
Das Ergebnis klingt erstaunlich kraftvoll und wuchtig. Das Brahmskonzert sei „ein durchgearbeitetes Stück“, erläutert Weithaas im Beiheft: „Hier haben wir das, was wir von Beethoven eigentlich erwartet hätten: die vollständige, tiefgründige, dichte Durcharbeitung der Motive, die äußerst konsequente Polyphonie. Und das ist wichtig, herausgestellt zu werden, neben der ganzen Schönheit und Melodienseligkeit, die es auch in diesem Werk gibt.“ Weithaas betrachtet das Konzert als „Orchesterwerk mit obligater Solovioline“ – und so spielt sie es auch: Mit Hingabe, aber gänzlich uneitel und zupackend. 

Dienstag, 5. Mai 2015

Brahms: Violin Concerto; Kavakos (Decca)

Auf seinem zweiten Album bei Decca spielt Leonidas Kavakos das Violinkonzert von Johannes Brahms. Es ist ein Werk, das dem Komponisten eher wie eine Sinfonie geraten ist. An die Musiker stellt dieses Konzert zwar enorme Anforderungen, aber es gibt ihnen zugleich wenig Gelegenheiten, ihre Virtuosität publikumswirksam zu demonstrieren. Erst im Finale darf der Solist wirklich loslegen. Ob dieses Konzert wohl auch so erfolgreich geworden wäre, wenn es nicht seinerzeit Joseph Joachim uraufgeführt hätte, darüber kann man spekulieren. Brahms' Geigerfreund jedenfalls hatte eine Menge erfolgreicher Schüler, und so wird das Brahms-Konzert bis zum heutigen Tage sehr viel gespielt. 
Kavakos hatte das Gewandhausorchester Leipzig an seiner Seite – eine bessere Partnerschaft kann man sich für dieses Konzert wohl kaum wünschen; die Leipziger musizieren auch hier wunderbar. Im Beiheft kann man nachlesen, dass der Solist und Gewandhauskapellmeister Riccardo Chailly sich für diese Interpretation an den Metronomzahlen orientierten, die weiland Joachim für das Konzert notierte und die sich in seinem Nachlass fanden. Man wird dann erstaunt feststellen, dass der Maestro mit seinen Musikern zwar oftmals ein flottes Tempo wählt, der Solist allerdings ebenso häufig ganz eigene Tempi spielt. Ein Hörvergnügen ist das nicht. 
Die CD wird komplettiert durch Béla Bartóks Rhapsodien in der Fassung für Violine und Klavier Nr. 1 BB 94 und Nr. 2 BB 96 sowie durch Brahms' Ungarische Tänze Nr 1, 2, 6 und 11 in einer Bearbeitung von Joseph Joachim. Kavakos wird dabei am Klavier begleitet durch Péter Nagy. Mir persönlich ist der Bartók in dieser Aufnahme zu wenig Wirtshaus, und auch der Brahms könnte mehr Feuer vertragen. Schade. 

Montag, 3. März 2014

Waghalter: Violin Concerto (Naxos)

Ignatz Waghalter (1881 bis 1949) war das fünfzehnte von zwanzig Kindern einer jüdischen Musiker- familie. Er kam in Warschau zur Welt, und fiel schon im Kindesalter auf, weil er exzellent Geige und Klavier spielte. Als 17jähriger ging er heimlich nach Berlin, um sich dort als Musiker durchzuschlagen – und eine reguläre Ausbildung zu absolvieren. Er wurde ein Schüler von Philipp Scharwenka. Schließlich sorgte Joseph Joachim dafür, dass Waghalter an der Berliner Akademie der Künste bei Friedrich Gernsheim studieren konnte. 1902 erhielt der junge Komponist für seine Sonate für Violine und Pianoforte in f-Moll op. 5 den Mendelssohn-Preis. 
1907 wurde Waghalter unter Artur Nikisch Kapellmeister an der Komischen Oper Berlin; nach einer kurzen Zeit in Essen erhielt er schließlich 1912 das Amt des Chefdirigenten der neu eröffneten Deutschen Oper in Berlin. 1924/25 wurde Waghalter zum Musik- direktor der New Yorker Philharmoniker berufen. Doch der Kunstbetrieb in den USA erschien ihm zu stark kommerziell ausgerichtet. Eine Vertragsverlängerung lehnte er daher ab, und kehrte nach Deutschland zurück. 
Das war keine gute Idee; 1934 floh der Dirigent erst nach Prag und dann nach Wien. 1938, kurz nach dem Anschluss Österreich ans Dritte Reich, konnte Waghalter mit seiner Familie in die USA entkommen. Doch dort gelang es ihm nicht, an frühere Erfolge anzuknüpfen. Er war nun einer von vielen Flüchtlingen; als er 1949 einem Herzinfarkt erlag, wurde er in erster Linie von den Mit-Exilanten betrauert. Und das umfangreiche Werk Waghalters war bald vergessen. 
Das lag nicht zuletzt mit daran, dass der Musiker ein ganz entschiede- ner Verteidiger der Melodie war. Mit Atonalität und Adorno konnte er nichts anfangen; Waghalter fühlte sich der Tradition Schumanns und Brahms' verpflichtet. Das wiederum erschien in der Nachkriegs- zeit überholt und so unmodern, dass sich jahrzehntelang niemand mit dieser Musik befassen wollte. 
Für die Wiederentdeckung des Komponisten engagiert sich nun Violinistin Irmina Trynkos (waghalterproject.com). Sie hat mit dem Royal Philharmonic Orchestra unter Alexander Walker sowie mit dem Pianisten Giorgi Latsabidze wesentliche Werke Waghalters auf CD vorgestellt. Bei Naxos sind nun das inspirierende Violinkonzert op. 15 sowie die Rhapsodie für Violine und Orchester op. 9 in Welterst- einspielung erschienen. Die CD wird komplettiert durch die preisge- krönte Violinsonate des Komponisten, sowie zwei kleinere Stücke. Die Aufnahme ist ein wichtiger Beitrag zur Neubewertung der europäi- schen Musikgeschichte zwischen den Weltkriegen. 

Donnerstag, 10. Oktober 2013

Paganini: Violin Concerto No. 5 (Naxos)

Noch eine CD mit Werken von Niccolò Paganini (1782 bis 1840), seufzt der Rezensent, und drückt die „Play“-Taste. Doch schon das erste Stück, das erklingt – das Moto perpetuo op. 11 – lässt aufhorchen. Und im Anschluss daran überzeugt dann das fünfte Violinkonzert vollends, diese Aufnahme bis zum Schluss anzu- hören. 
Iwan Potschekin musiziert wirklich brillant, und sein Zusammenspiel mit dem Russian Philharmonic Orchestra unter Dmitri Jablonski ist vom ersten bis zum letzten Ton eine Freude. Die Musiker spielen Paganinis Werke nicht als virtuose Solisten-Turnübung mit Orchesterhintergrund, sie nehmen sie vielmehr ernst und gestalten sie mit großer Sorgfalt. Das Ergebnis begeistert – dies ist eine der besten Paganini-Einspielungen, die ich je gehört habe. Und die I palpiti op. 13 setzen einen würdigen Schluss- punkt. 

Montag, 8. August 2011

Klughardt: Symphonie No 3 / Violin Concerto (cpo)

August Klughardt (1847 bis 1902), geboren in Köthen, besuchte in Dessau das Gymnasium, und er- hielt 1882 als Nachfolger seines Lehrers Eduard Thiele dort das Amt des Hofkapellmeisters. Detailliert findet sich Klughardts Biographie in einem früheren Blog-Beitrag; es sei nur daran erinnert, dass er 1873 in Weimar Wagner kennengelernt und 1876 die ersten Bayreuther Festspiele besucht hatte. Dieses Erlebnis beeindruckte Klughardt sehr. Schon sein Vor- gänger Thiele brachte Wagners Opern auf die Bühne; und im Orche- ster der ersten Bayreuther Festspiele saßen zwölf Musiker aus seiner Hofkapelle. So war es ein Dessauer Hornist, der als erster den Sieg- fried-Ruf blies. Klughardt setzte diese Tradition fort. 1893 fand in Dessau die erste vollständige Aufführung des Rings des Nibelungen statt - was der Residenzstadt endgültig den Ruf eintrug, das "Bayreuth des Nordens" zu sein. 
Klughardt war aber nicht nur ein renommierter Kapellmeister, son- dern auch ein bekannter Komponist, dessen Werke nicht nur in Dessau erklangen. Er schuf vier Opern, zwei Oratorien, fünf Sinfonien sowie eine Reihe kleinerer Orchesterwerke, Kammermusik und Lieder. Das Dessauer Orchester - seit 1992 führt es den Namen Anhaltische Philharmonie Dessau - hat nun bei cpo zwei seiner Werke eingespielt: Die dritte Sinfonie in D-Dur, op. 37, und das Violinkonzert op. 68. 
Klughardts dritte Sinfonie ist bereits 1879 in Neustrelitz entstanden, sie wurde aber in Dessau oft aufgeführt. Sie erklang zudem in Dresden, dirigiert von Schuch, in Berlin, Rostock, Magdeburg, Jena, Riga, Kassel, Amsterdam, Leipzig, Hamburg, Innsbruck, Sondershausen, Düsseldorf, Frankfurt am Main, Wien, München und in vielen anderen Städten - und wurde von Kritik und Publikum offenbar in trauter Eintracht gefeiert. Sie ist ein heiteres, ziemlich beschwingtes Werk, das auch den Musikern Freude bereiten dürfte. Danach jedenfalls klingt diese Aufnahme, die die Dessauer unter Golo Berg eingespielt haben. Die Solistin in Klughardts Violinkonzert ist Mirjam Tschopp. Die Zürcherin konzertiert auf Violine und Viola gleichermaßen, engagiert sich sehr für zeitgenössische Musik und ist zudem bekannt als passionierte Kammermusikerin. 
Das Violinkonzert erscheint als ein Ringen freudiger Abschnitte mit einem an einen Trauermarsch erinnernden Schicksalsmotiv, das immer wieder erklingt, und mitunter ziemlich dominant wird. Selbst im Finale, das vor Lebenslust strotzt, bringt es sich noch einmal, wie ein fernes Echo, in Erinnerung. Solist und Orchester musizieren überwiegend miteinander; es gibt keine großartige Kadenz, und keine ausgedehnten Orchesterpassagen. Das Konzert ist Beethoven näher als Wagner, und es ist nicht recht nachvollziehbar, warum es derart in Vergessenheit geraten konnte. Tschopp jedenfalls lässt erahnen, warum Geiger wie der Franzose Joseph Debroux oder Karl Prill, zu Klughardts Zeiten Konzertmeister des Leipziger Gewandhausorche- sters, dieses Werk sehr schätzten und gern spielten. 

Sonntag, 26. Juni 2011

Schirokkos Telemann (Ambitus)

„Neuentdeckte Geistliche Arien“, steht als Untertitel wie ein Motto über dieser CD. Sie befinden sich in dem Manuskript Etliche Geistliche Arien, TWV 10:13 bis 10:20, aus der Staatsbibliothek Hamburg – acht Stück sind es also, und sie sind sämtlich auf dieser CD zu finden. Die Musiker des Ensembles Schirokko um Rachel Harris haben sie um Telemanns Violinkonzert in a-Moll sowie durch passende Cho- ralstrophen ergänzt, die instru- mentaliter vorgetragen werden. An einer Stelle grüßt mit der großartigen Arp-Schnitger-Orgel, gespielt durch Martin Böcker, sogar der Ort, an dem diese Aufnahme aufge- zeichnet wurde – die Kirche Ss. Cosmae et Damiani Stade. Diese Werke Telemanns  waren lang verschollen; sie lagen als "Beute- kunst" in St. Petersburg, und wurden erst 1992 in die Bestände der Staatsbibliothek Hamburg zurückgeführt. Die Texte der Arien sind im Beiheft – anders als auf der CD, die einer musikalischen Logik folgt – in ihrer korrekten Reihenfolge abgedruckt. Sie mahnen, ganz im Stile der Zeit ihrer Entstehung, zu einem Gott gefälligen Leben und drohen Sündern die entsprechenden Strafen an. 
Das liest sich heute gewöhnungsbedürftig; und so fühlte sich Rachel Harris, die Gründerin und Leiterin des Ensembles Schirokko Hamburg, dazu herausgefordert, sie im Beiheft durch einen Essay über das Glück und den Müßiggang zu begleiten. Ob dieser Aufsatz tiefer geht als Telemanns Texte, das freilich mag jeder selbst ent- scheiden.
Die Arien jedenfalls sind hörenswert, und Sopranistin Tanya Aspelmeier singt mit geschmeidiger, fokussierter, schlanker Stimme, was man ebenfalls mit Vergnügen anhört. Ihre Textverständlichkeit freilich könnte besser sein, was jedoch bei diesen Stücken wenig ins Gewicht fällt. Die Musiker des Ensembles Schirokko zeigen sich engagiert, und sie überzeugen mit Witz  und Spielfreude. Bravi!

Karlowicz: Serenade - Violin Concerto (Naxos)

Mieczyslaw Karlowicz (1876 bis 1909) gehört zu den polnischen Patrioten, die sich um die Jahr- hundertwende unter dem Banner des "Jungen Polen" formierten. Dabei hatte er den größten Teil seiner Kindheit und Jugend mit- nichten in Polen verbracht. Als der Knabe sechs Jahre alt war, ver- kauften seine Eltern ihr Gut in Wiszniew - heute gehört die Region zu Litauen - und lebten zunächst in Heidelberg, Prag und Dresden, um dann nach Warschau zu ziehen. 
Karlowicz erhielt bereits als Siebenjähriger in Dresden Violinstunden; später studierte er an der Musikakademie Warschau sowie in Berlin und Leipzig. Er komponierte seine ersten Werke, und wirkte als Vor- sitzender der Musikgesellschaft Warschau. Die Serenade in C, op. 2, war sein erstes Werk für Orchester. Sie entstand im Rahmen seines Studiums bei Hendryk Urban, und wurde 1897 bei einem Konzert speziell mit Werken von Studierenden in Berlin uraufgeführt. Sie zeigt einen Komponisten, der die Klangmöglichkeiten eines Streich- orchesters bereits routiniert einsetzt, und die Zuhörer immer wieder durch unerwartete harmonische Wendungen überrascht. Leider ist das Werk Karlowicz' im Umfang eher bescheiden; der Musiker begeisterte sich für das Leben in der Hohen Tatra, insbesondere auch für das Bergsteigen und Skifahren. 1909 kam er in einer Lawine ums Leben. Obendrein ging ein Teil seiner Manuskripte während des Zweiten Weltkrieges in Warschau verloren.  
Desto verdienstvoller ist die Gesamtaufnahme seiner Werke, die Naxos derzeit schrittweise erarbeitet. Auf der vorliegenden CD musiziert die Filharmonia Narodowa, das Warschauer Philharmo- nische Orchester. Antoni Wit, der das Orchester seit 2002 leitet, zaubert mit seinen Musikern Klangfarben, und platziert die Serenade auf der Schwelle zwischen Romantik und Moderne. Ilja Kaler ist der Solist des Violinkonzertes. Der Geiger stammt aus einer russischen Musikerfamilie, und studierte am Moskauer Konservatorium bei Viktor Tretjakow, Leonid Kogan, Sinaida Gilels und Abram Stern. Er gewann Goldmedaillen beim Paganini-, Sibelius- und Tschaikowski-Wettbewerb, drei bedeutenden Violinwettbewerben, und musiziert weltweit mit führenden Orchestern. Kaler ist zudem ein gefragter Musikpädagoge; er unterrichtet als Professor an Musikhochschulen in den USA, wo er auch lebt. Kaler spielt brillant; da wird jede Phrase mit Sorgfalt gestaltet, und jeder Bogenstrich erfolgt wohlüberlegt. 
Karlowicz' Violinkonzert  in A-Dur, op. 8, entstand 1902 für den polnischen Geiger Stanislaw Bacewicz, einem Studienkameraden aus Warschauer Tagen. Man merkt es dem Konzert durchaus an, dass sein Komponist das Instrument exzellent beherrscht hat; es steht durch- aus in der Tradition der großen Virtuosenkonzerte des 19. Jahrhun- derts, aber es erschöpft sich darin nicht. Insofern ist es erstaunlich, dass dieses ausdrucksstarke Konzert so selten im Konzert erklingt. Auf dieser CD zeigt Ilja Kaler, dass es nicht nur ein anspruchsvolles, sondern auch ein attraktives Werk ist, dem man einen festen Platz im Repertoire wünscht. 

Sonntag, 23. Januar 2011

Graupner: Fagott- und Violinkonzerte (Carus)

Mehr als 40 Konzerte hat der Darmstädter Hofkapellmeister Christoph Graupner (1683 bis 1760) komponiert - die meisten davon für Bläser. So enthält diese CD allein vier Konzerte für Fagott, eines davon, das Konzert in C-Dur GWV 301 in Weltersteinspielung. Doch auch Graupners einziges Solokonzert für Violine in A-Dur GMV 337 findet sich in Welterst- einspielung, ebenso wie das Konzert für Chalumeau, Fagott und Violoncello C-Dur GWV 306. 
Graupners Konzerte überraschen durch viele unkonventionelle Wendungen und eine gewisse Kantigkeit des musikalischen Materials, das eher nach Haydn klingt als nach Corelli. Sie sind virtuos, aber es sind keine Barockkonzerte mehr. 
Friedemann Wezel, Professor für Violine an der Leipziger Musikhoch- schule, hat die Konzerte gemeinsam mit dem außerordentlich versier- ten Fagottisten Sergio Azzolini und Christian Leitherer, einem Spezia- listen für historisches Klarinettenspiel, sowie dem Ensemble Il Capriccio eingespielt. Zu hören sind historische Instrumente oder Kopien von Instrumenten aus jener Zeit, so ein Bass-Chalumeau, eine Rarität aus der Familie der Klarinetten, das aber runder und dunkler klingt als eine Klarinette, und ein Fagott nach einem Original aus dem Jahre 1720, mit dem typischen weichen Klang des Barockfagottes. 
Diese CD ist die Einladung zu einer faszinierenden musikalischen Zeitreise - inklusive der Entdeckung weiterer Werke eines Kompo- nisten, der seine Schaffenszeit nahezu ausschließlich in Darmstadt verbracht hat, und deshalb noch gründlicher dem Vergessen anheim gefallen ist als beispielsweise seine Zeitgenossen Bach, Kuhnau oder Heinichen. Es ist schön, dass anlässlich seines 250. Todestages im vergangenen Jahr etliche Graupner-Einspielungen erschienen sind - diese hier gehört ohne Zweifel zu den besten davon.

Samstag, 15. Januar 2011

Schumann - Philippe Graffin (Onyx)

Das Cellokonzert in a-Moll op. 129 von Robert Schumann ist sehr bekannt; weit weniger bekannt ist, dass der Komponist selbst es auch für Violine bearbeitete. Diese Version widmete er seinem Freund Joseph Joachim. 1851, ein Jahr später, schrieb er in schneller Folge zwei Violinsonaten: "Die erste Violinsonate hat mir nicht gefallen", so Schumann, "da habe ich denn noch eine zweite gemacht, die hoffentlich besser geraten ist." 
Der französische Geiger Philippe Graffin hat für Onyx diese Werke eingespielt, das "Violinkonzert" gemeinsam mit der Deutschen Radio Philharmonie Saarbrücken Kaiserslautern unter Christoph Poppen - ich konnte mich auch bei mehrmaligem Anhören nicht dafür begei- stern. Das liegt zum einen daran, dass bereits Schumann die Violin- version wesentlich schwächer, süßlicher geraten ist das das Cello-Original. Wird dann noch "schön" musiziert, wie in diesem Falle, dann kann das nicht mehr überzeugen. 
Weit besser gefallen mir die 3 Romanzen für Violine und Klavier op. 22 von Clara Schumann, die Graffin gemeinsam mit Pianistin Claire Désert ziemlich temperamentvoll nimmt, statt "romantisch" in Spitzendeckchenmanier. Das gilt auch für die Violinsonate Nr. 2 d-Moll op. 121 von Robert Schumann, wo den beiden eine hinreißend intensive Interpretation gelingt.