Johann Christian Schieferdecker (1679 bis 1732) stammte aus Teuchern, einem kleinen Städtchen unweit von Weißenfels. Sein Vater war Schulrektor, Kantor und Organist; er unterrichtete auch den fünf Jahre älteren Reinhard Keiser, mit dem Schieferdecker junior offenbar eng befreundet war.
Beide setzten ihre Ausbildung zu- nächst an der Thomasschule und anschließend an der Universität in Leipzig fort. In der Messestadt komponierten sie zudem ihre ersten Opern. Keiser ging dann nach Hamburg - und holte Schiefer- decker nach; ab 1702 wirkte er als Cembalist am Hamburger Opern- haus am Gänsemarkt, für das er auch fleißig komponierte.
Diese Leidenschaft für die Oper teilte der junge Musiker mit einem renommierten Kollegen der älteren Generation: In Lübeck suchte damals Dieterich Buxtehude, Organist an der Marienkirche, einen Nachfolger. Der sollte allerdings nicht nur Amt und Bürgerrecht er- halten, sondern auch Buxtehudes schon etwas in die Jahre gekomme- ne Tochter Anna Margareta heiraten. Diese Bedingung verschreckte die Bewerber Johann Mattheson und Georg Friedrich Händel - Schieferdecker nahm an; allerdings hatte er bereits ein gutes Jahr lang Buxtehude assistiert, als dieser 1707 starb, und wusste, worauf er sich einließ.
Schieferdecker musizierte nicht nur im Gottesdienst. Er führte auch die sogenannten Abendmusiken weiter, Kirchenkonzerte, die durch die Kaufleute der Stadt finanziert wurden - eine Tradition, die schon Buxtehudes Vorgänger Franz Tunder begründet hatte. Es ist bekannt, dass Schieferdecker dafür eine Vielzahl von Kantaten geschrieben hat. Doch überliefert wurde davon leider so gut wie nichts. Insofern ist es eine kleine Sensation, dass nun doch drei Kantaten für Bass, zwei Violinen und Basso continuo in Brüssel aufgespürt werden konnten. Gesungen werden sie auf dieser CD von Klaus Mertens. Auch In te domine speravi, ein Geistliches Konzert für Tenor, Violine und Basso continuo, vermittelt einen Eindruck davon, wie Schieferdecker solche Werke gestaltete. Zu hören ist hier Jan Kobow, der sich damit erneut als ein exzellenter, klug gestaltender Sänger empfiehlt. Komplettiert werden diese vier Weltersteinspielungen durch zwei der XII Musicalischen Concerte des Komponisten, Ouvertürensuiten im Stile der Zeit, die 1713 in Hamburg im Druck erschienen sind. Dem Ensemble Hamburger Ratsmusik um die Gambistin Simone Eckert kann man für dieses Engagement nicht genug danken. Denn diese CD zeigt deutlich, dass Schieferdecker keineswegs nur eine Randgestalt des reichen norddeutschen Musiklebens jener Zeit war.
Posts mit dem Label Schiefferdecker werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Schiefferdecker werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Dienstag, 17. Juli 2012
Samstag, 26. Mai 2012
Music for Hautbois Band (Genuin)
Die Oboe kam aus Frankreich, wo beispielsweise täglich während der Parade die Grande Écurie, eine Kapelle aus 24 Instrumentalisten, vom Pferd herab musizierte. Und was dem Sonnenkönig gefiel, das wollten auch alle anderen euro- päischen Höfe haben. So kam es, dass Hautboistenbanden binnen kurzen allerorten, und nicht nur im Felde, sondern auch bei Hofe, ja sogar in der Oper aufspielten.
Philipp Krieger (1649 bis 1725) beispielsweise, ab 1680 Kapell- meister in Weißenfels, unterstanden nicht nur die Regimentshaut- boisten. Ab 1695 existierte an dem mitteldeutschen Hof auch eine Oboenkapelle für die Kammer- und Theatermusik. Die Werke, die der Komponist für diese Ensembles schuf, sind leider verschollen - mit Ausnahme von drei Suiten aus der Lustigen Feld-Musik, die er 1704 dem Kauffmännischen Collegium Musicum seiner Vaterstadt Nürn- berg widmete.
Marianne Richert Pfau hat diese Werke nun mit ihrem Ensemble Toutes Suites bei Genuin eingespielt. Die Barockoboistin musiziert gemeinsam mit Julia Belitz und Nils Jönsson, Oboe, Regina Sanders, Barockfagott, Achim Weigel, Violone und Anke Dennert, Cembalo.
Die drei Partien aus Kriegers Feld-Musik beginnen jeweils mit einer ausladenden Ouverture, gefolgt von musikalischen Miniaturen, die Szenen schildern, die man noch heute unschwer nachvollziehen kann. Sie verleugnen ihre Herkunft aus dem Felde nicht; neben grazilen Tänzen erklingen gelegentlich durchaus auch ruppigere Sätze. Die Musiker zelebrieren diese beredten Klänge mit Leidenschaft; und man wundert sich, wieviel Abwechslung ein solches Mini-Ensemble bieten kann.
Johann Christian Schieferdecker (1679 bis 1732) schrieb seine Musi- calischen Concerte für das Theater, wo sie als Opernvorspiel oder Zwischenaktmusik erklangen. Der Komponist folgte 1702 seinem Freund Reinhard Keiser nach Hamburg, wo er als Cembalist der Oper am Gänsemarkt wirkte. 1707 wurde er in Lübeck der Nachfolger Dieterich Buxtehudes. Diese CD stellt eine Auswahl konzertanter Suiten vor, die 1713 in Hamburg erschienen sind, und in der Beset- zung das französische Vorbild imitieren - aber in ihren zahlreichen Solopassagen, ihrer kunstvollen melodischen Gestaltung und ihrer Eleganz mitunter eher an ein Concerto grosso erinnern. Hier zeigt sich auch die Klasse der ausführenden Bläser, denn diese Musik dürfte technisch ziemlich anspruchsvoll sein.
Philipp Krieger (1649 bis 1725) beispielsweise, ab 1680 Kapell- meister in Weißenfels, unterstanden nicht nur die Regimentshaut- boisten. Ab 1695 existierte an dem mitteldeutschen Hof auch eine Oboenkapelle für die Kammer- und Theatermusik. Die Werke, die der Komponist für diese Ensembles schuf, sind leider verschollen - mit Ausnahme von drei Suiten aus der Lustigen Feld-Musik, die er 1704 dem Kauffmännischen Collegium Musicum seiner Vaterstadt Nürn- berg widmete.
Marianne Richert Pfau hat diese Werke nun mit ihrem Ensemble Toutes Suites bei Genuin eingespielt. Die Barockoboistin musiziert gemeinsam mit Julia Belitz und Nils Jönsson, Oboe, Regina Sanders, Barockfagott, Achim Weigel, Violone und Anke Dennert, Cembalo.
Die drei Partien aus Kriegers Feld-Musik beginnen jeweils mit einer ausladenden Ouverture, gefolgt von musikalischen Miniaturen, die Szenen schildern, die man noch heute unschwer nachvollziehen kann. Sie verleugnen ihre Herkunft aus dem Felde nicht; neben grazilen Tänzen erklingen gelegentlich durchaus auch ruppigere Sätze. Die Musiker zelebrieren diese beredten Klänge mit Leidenschaft; und man wundert sich, wieviel Abwechslung ein solches Mini-Ensemble bieten kann.
Johann Christian Schieferdecker (1679 bis 1732) schrieb seine Musi- calischen Concerte für das Theater, wo sie als Opernvorspiel oder Zwischenaktmusik erklangen. Der Komponist folgte 1702 seinem Freund Reinhard Keiser nach Hamburg, wo er als Cembalist der Oper am Gänsemarkt wirkte. 1707 wurde er in Lübeck der Nachfolger Dieterich Buxtehudes. Diese CD stellt eine Auswahl konzertanter Suiten vor, die 1713 in Hamburg erschienen sind, und in der Beset- zung das französische Vorbild imitieren - aber in ihren zahlreichen Solopassagen, ihrer kunstvollen melodischen Gestaltung und ihrer Eleganz mitunter eher an ein Concerto grosso erinnern. Hier zeigt sich auch die Klasse der ausführenden Bläser, denn diese Musik dürfte technisch ziemlich anspruchsvoll sein.
Sonntag, 10. April 2011
Stellwagen-Orgel (1659) zu St. Marien Stralsund; Rost (MDG)
Wie köstlich! Eine Orgel-CD, die mit dem Signal des Calcantenglöck- chens beginnt, gefolgt vom Atem- geräusch der Balganlage - das ist geradezu nostalgisch. Und im Beiheft liest man dann, das den Orgelwind für dieses Orgelporträt tatsächlich "statt des Orgelmotors in authentischer Weise die durch Calcanten betätigten 12 Keilbälge" geliefert haben. Und auch sonst stellt man bald fest, dass hier durchweg sachkundige Hände am Werk waren.
Martin Rost ist ohne Zweifel einer der profiliertesten Organisten und Orgelsachverständigen seiner Generation. Er setzt sich seit vielen Jahren für die Restaurierung historischer Orgeln ein, und hat bislang mehr als 80 derartige Projekte fachlich begleitet. Ihm verdanken wir zudem die Wiederentdeckung der verloren geglaubten Archivalien über den Bau der Stellwagen-Orgel der Marienkirche in Stralsund. Eine sorgfältige Bestandsaufnahme sowie vergleichende Unter- suchungen an weiteren Orgeln ermöglichte die Restaurierung dieses kostbaren Instrumentes in den Jahren 2003 bis 2008 - mit dem Ziel der Wiederherstellung des Orgelwerkes in dem Zustand, in dem der Orgelbauer es einst an die Kirchgemeinde übergeben hatte.
Der Lübecker Friedrich Stellwagen (1603 bis 1660) hat in der Stral- sunder Marienkirche sein größtes und wohl auch schönstes Instru- ment errichtet. Wenige Monate vor seinem Tod, im Oktober 1659, vollendet, war es mit 51 klingenden Registern, verteilt auf Hauptwerk, Oberpositiv, Rückpositiv und Pedal Höhepunkt und Abschluss seines Lebenswerkes. Durch Kriegsgeschehen, nicht immer sachgemäße Umbauten und mangelhafte Instandhaltung erlitt die Stellwagen-Orgel im Laufe der Jahrhunderte etliche Blessuren. 1943 wurde sie aus der Kirche entfernt, und in einem Gutshaus eingelagert. Während St. Marien den Krieg ohne Schäden überstand, lässt sich das von der Orgel nicht gerade sagen. Dennoch erreichte der damalige Organist Dr. Dietrich W. Prost in den 50er Jahren die Wiederherstellung des Instrumentes.
Die Stellwagen-Orgel ist letztendlich die einzige große Barockorgel, die in einer der norddeutschen Backstein-Basiliken erhalten geblieben ist. In Werkaufbau und Klangkonzept gleicht sie ihren berühmten Schwestern in der Lübecker Marienkirche und der Hamburger Katharinenkirche, die heute beide nicht mehr existieren. Martin Rost hat für sein Orgelporträt neben Werken Dietrich Buxtehudes, der als Inbegriff norddeutscher Orgelkunst gilt, auch die seiner Vorgänger Peter Hasse, Franz Tunder, sowie seiner Schüler Nicolaus Bruhns, Johann Sebastian Bach und Christian Schiefferdecker ausgewählt. Daran demonstriert er einerseits die Klangvarianten und Möglich- keiten der Stellwagen-Orgel; andererseits aber auch die Entwicklung der Orgelmusik innerhalb von gut hundert Jahren. Eine rundum gelungene CD, die einen beeindruckenden Klangeindruck vermittelt.
Martin Rost ist ohne Zweifel einer der profiliertesten Organisten und Orgelsachverständigen seiner Generation. Er setzt sich seit vielen Jahren für die Restaurierung historischer Orgeln ein, und hat bislang mehr als 80 derartige Projekte fachlich begleitet. Ihm verdanken wir zudem die Wiederentdeckung der verloren geglaubten Archivalien über den Bau der Stellwagen-Orgel der Marienkirche in Stralsund. Eine sorgfältige Bestandsaufnahme sowie vergleichende Unter- suchungen an weiteren Orgeln ermöglichte die Restaurierung dieses kostbaren Instrumentes in den Jahren 2003 bis 2008 - mit dem Ziel der Wiederherstellung des Orgelwerkes in dem Zustand, in dem der Orgelbauer es einst an die Kirchgemeinde übergeben hatte.
Der Lübecker Friedrich Stellwagen (1603 bis 1660) hat in der Stral- sunder Marienkirche sein größtes und wohl auch schönstes Instru- ment errichtet. Wenige Monate vor seinem Tod, im Oktober 1659, vollendet, war es mit 51 klingenden Registern, verteilt auf Hauptwerk, Oberpositiv, Rückpositiv und Pedal Höhepunkt und Abschluss seines Lebenswerkes. Durch Kriegsgeschehen, nicht immer sachgemäße Umbauten und mangelhafte Instandhaltung erlitt die Stellwagen-Orgel im Laufe der Jahrhunderte etliche Blessuren. 1943 wurde sie aus der Kirche entfernt, und in einem Gutshaus eingelagert. Während St. Marien den Krieg ohne Schäden überstand, lässt sich das von der Orgel nicht gerade sagen. Dennoch erreichte der damalige Organist Dr. Dietrich W. Prost in den 50er Jahren die Wiederherstellung des Instrumentes.
Die Stellwagen-Orgel ist letztendlich die einzige große Barockorgel, die in einer der norddeutschen Backstein-Basiliken erhalten geblieben ist. In Werkaufbau und Klangkonzept gleicht sie ihren berühmten Schwestern in der Lübecker Marienkirche und der Hamburger Katharinenkirche, die heute beide nicht mehr existieren. Martin Rost hat für sein Orgelporträt neben Werken Dietrich Buxtehudes, der als Inbegriff norddeutscher Orgelkunst gilt, auch die seiner Vorgänger Peter Hasse, Franz Tunder, sowie seiner Schüler Nicolaus Bruhns, Johann Sebastian Bach und Christian Schiefferdecker ausgewählt. Daran demonstriert er einerseits die Klangvarianten und Möglich- keiten der Stellwagen-Orgel; andererseits aber auch die Entwicklung der Orgelmusik innerhalb von gut hundert Jahren. Eine rundum gelungene CD, die einen beeindruckenden Klangeindruck vermittelt.
Abonnieren
Posts (Atom)


