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Mittwoch, 26. Juli 2017

Kind of Jazz (Genuin)

Die Musikstücke, die François Benda für seine sechste CD bei Genuin ausgewählt hat, wird man im Konzert eher selten hören. Gemeinsam mit seinem Vater, dem Pianisten Sebastian Benda (1926 bis 2003), hat er im Jahre 2001 Werke aus dem Grenzbereich zwischen der sogenannten „E-Musik“ und dem Jazz eingespielt. Das ist eine ausgesprochen interessante Region, wie man bereits beim ersten Stück feststellen wird: Die Three Preludes von George Gershwin (1898 bis 1937) – ursprünglich komponiert für Klavier, und hier in einer Bearbeitung für Klarinette und Klavier zu hören – lassen erahnen, dass New York in den 20er Jahren musikalisch enorm viel zu bieten hatte. Gershwin griff vieles davon auf. 
Auch Joseph Horovitz, Jahrgang 1926, kennt offenbar keine Berührungs- ängste. Die jazzige Sonatina für Klarinette und Klavier schrieb er 1981 für seinen Freund Gervase de Peyer. Erwin Schulhoff (1894 bis 1942) sah in Jazzrhythmen eine Chance, die Avantgarde sinnlich zu machen, vital. In seiner Hot-Sonate aus dem Jahre 1930 verknüpfte er klassische Musik und Jazz. Benda spielt dieses aufmüpfige Musikstück, das ursprünglich für Altsaxophon entstanden ist, in einer Version für Klarinette. 
Dass die beiden Musiker geniale Grenzgänger sind, zeigt sich auch bei der Sonate für Klarinette und Klavier von Leonard Bernstein (1918 bis 1990). Sie war das erste veröffentlichte Werk des Komponisten, der sich seinen Musikunterricht finanzierte, indem er in einer Jazzband musizierte und Arrangements schrieb. Was für ein Sound! Lustvoll musizieren Vater und Sohn, und wer sie hört, der wird sich den Kopf ganz sicher nicht über Genregrenzen zerbrechen. Diese Aufnahme lässt uns genießen, wie farbenreich und betörend doch eine Klarinette klingen kann. Großartig spielt auch der Pianist Sebastian Benda; er zeigt, wie innig ein musikali- scher Dialog sein kann. Moderne kann eben sehr viel Spaß machen. Komplettiert wird die CD durch eine Sonate des Kosmopoliten Daniel Schnyder (*1961). 

Sonntag, 30. Oktober 2016

Pro Contra! Works for Bassoon & Contrabassoon (Challenge Classics)

Das Fagott und sein tieferer Bruder, das Kontrafagott, sind die Leiden- schaft von Simon Van Holen. Das ist keineswegs selbstverständlich, denn diese Instrumente sind quasi die Kellerkinder der modernen Musik: Zwar werden sie im Orchester benö- tigt. Aber Musik wird schon seit der Wiener Klassik nur noch ausnahms- weise für sie komponiert. Im Barock war dies anders; damals schätze man Klangfarben, Abwechslung und war in der Gestaltung von Konzerten wie in der Kammermusik offenbar deutlich experimentierfreudiger. 
Simon Van Holen hat trotzdem nicht Vivaldis Fagottkonzerte eingespielt, sondern nach Werken gesucht, die für das moderne Fagott geschrieben worden sind und seine Möglichkeiten konsequent nutzen. Dabei hat er, neben einer klangschönen Sonate für Fagott und Violoncello (?) KV 292 von Wolfgang Amadeus Mozart und dem aparten Quartett für Fagott, zwei Violen und Violoncello op. 46 Nr. 1 von Franz Krommer, auch drei zeit- genössische Werke ausgewählt. 
Von Erwin Schulhoff (1894 bis 1942) stammt, so Van Holen, das erste Musikstück für Kontrafagott solo überhaupt. Es heißt Baßnachtigall, stammt aus dem Jahre 1922, und trieft nur so von Sarkasmus – was aber Schulhoff, Schüler von Max Reger, nicht daran hinderte, trotzdem grandiose Musik zu schreiben. Simon Van Holen spielt dieses virtuose Stück hinreißend, und er zeigt auf dieser CD exemplarisch, dass ein Fagott weit mehr ist als eine zusätzliche Bass-Stimme im Orchester. 
Dazu nutzt er auch das zweite Stück für Kontrafagott, ein Concertino von Kees Olthuis (*1940), das das ultratiefe Blasinstrument kombiniert mit einem Streichquintett erklingen lässt. Jean Françaix (1912 bis 1997) scheint sich um musikalische Moden erfreulich wenig geschert zu haben. Sein Divertissement für Fagott und – in diesem Falle – Streichquintett ist in der Tat unterhaltsam – und ziemlich eigenwillig. Man staunt, wenn man dann liest, dass diese prickelnde Musik im Jahre 1942 entstanden ist. 
Entstanden ist diese CD, weil Simon Van Holen 2013 den Prix de Salon, eine Auszeichnung des Business-Netzwerkes des Royal Concertgebouw Orchestra, erhalten hat, welche die Karriere junger Orchestermusiker voranbringen soll. Kollegen aus dem Orchester haben auch an der Ein- spielung mitgewirkt – zu hören sind Sylvia Huang und Mirelys Morgan Verdecia, Violine, Frederik Boits und Martina Forni, Viola, Honorine Schaeffer, Violoncello und Pierre-Emmanuel de Maistre, Kontrabass. 

Sonntag, 17. Juli 2016

Paul Badura-Skoda - Tänze aus Wien (Gramola)

„Er tanzte nie, war aber stets bereit, sich ans Klavier zu setzen, wo er stundenlang die schönsten Walzer improvisierte; jene, die ihm gefielen, wiederholte er, um sie zu behalten und in der Folge aufzuschreiben“, berichtete Leopold von Sonnleithner über Franz Schubert (1797 bis 1828). Zwei ganze Notenbände sind es schließlich geworden. Paul Badura-Skoda spielt auf seiner CD Tänze aus Wien etliche davon, teilweise zusam- mengestellt zu einer Walzerkette. 
Ein zweiter Schwerpunkt sind Polkas nach Melodien von Johann Strauß II (1825 bis 1899), arrangiert von Otto Schulhof (1889 bis 1958), dem verehrten Lehrer Badura-Skodas. „Otto Schulhof war ein typisch Wiener Phänomen“, erinnert sich der Pianist im Beiheft. „Mit seiner enormen Musikalität und seiner verblüffenden technischen Meisterschaft hätte er eine Weltkarriere als Pianist machen können. Weil ihm aber lange Reisen und mühsame Hotelübernachtungen zu unbequem waren, zog er vor, der beliebteste Klavierbegleiter in Wien zu werden. Er begleitete alles, was Sang und Rang hatte, seine Fähigkeit, vom Blatt zu lesen, war phänomenal, seine frühen Schallplatten mit Pablo Casals sind Legende.“ Wie Schulhof bekannte Melodien, unter anderem aus der Operette Die Fledermaus, in seinen schwungvollen Tänzen verarbeitet hat, das ist hörenswert – und wie Paul Badura-Skoda musiziert, das begeistert. Große Klavierkunst! Unbedingt anhören! 

Donnerstag, 7. Juni 2012

Slavonic Dances (Genuin)

Originalwerke für Klavier zu vier Händen von tschechischen Kom- ponisten finden sich auf dieser CD. Ihre Biographie hat zudem durch- weg einen Bezug zur Stadt Prag, so dass die Stücke auch aufzeigen, wie sie sich Musikwelt in der Goldenen Stadt innerhalb von etwa hundert Jahren verändert hat. 
Die Slawischen Tänze op. 46 von Antonín Dvorák entstanden 1878. Der Berliner Verleger Fritz Sim- rock war durch Johannes Brahms auf den jungen Tschechen hinge- wiesen worden, und beauftragte ihn, Klaviermusik zu vier Händen zu komponieren, analog Brahms' Ungarischen Tänzen. Seine Kalkulation ging auf: Auch Dvoráks sieben Tänze waren ein großer Erfolg. 
Zdenek Fibich war ein Schüler Bedrich Smetanas. Er war Kapellmei- ster, Chorleiter und schließlich Operndramaturg an Nationaltheater in Prag. Seine Sonate in B-Dur op. 28 für Klavier zu vier Händen widmete er "seinem lieben Freund Antonín Dvorák"
Erwin Schulhoff stammte aus Prag. Das hochbegabte Kind verdankte es einer Empfehlung Dvoráks, dass er bereits mit sieben Jahren Klavierunterricht bei Jindrich Kahn erhielt, und wenig später ins Konservatorium aufgenommen wurde. Schulhoff studierte in Wien, Leipzig, Köln und Berlin, unter anderem bei Max Reger. Er gehörte zu den ersten europäischen Komponisten, die den Jazz als Inspirations- quelle nutzten. Auch sonst engagierte sich Schulhoff im Sinne der musikalischen Avantgarde; in den 30er Jahren wandte er sich aller- dings dem "sozialistischen Realismus" zu, begann, Propaganda-Musik zu schreiben, und wollte in die Sowjetunion übersiedeln. Das ist ihm dann leider nicht mehr geglückt. 1941 wurde er verhaftet und auf der Wülzburg bei Weißenburg in Bayern interniert. Dort starb er im August 1942 - halb verhungert, krank, erschöpft und entkräftet. In seinem Werk Ironien op. 34 parodiert er die Musik der versunkenen Donaumonarchie - und die musikalischen Moden der Nachkriegszeit. 
Abschließend erklingen auf dieser CD die Variationen über ein Thema von Pergolesi von Ilja Hurník. Dieses Werk aus dem Jahre 1985, das mit dem Grand Prix des Kompositionswettbewerbes für Klavierduo der Piano Assoziation of Japan ausgezeichnet würde, ist hier in Welt- ersteinspielung zu hören. 
Auch Pianistin Romana Danhel-Kolb stammt aus Prag. Beim Studium in der Klavierklasse von Professor Grigory Gruzman lernte sie Oliver Kolb kennen. Das Paar musiziert seit 2005 gemeinsam, und hat sich auf das vierhändige Klavierspiel spezialisiert. Diese CD belegt, dass eine eheliche Harmonie sich auch auf das Konzertieren positiv aus- wirkt; das Klavierduo Danhel-Kolb spielt präzise abgestimmt, mit Sinn für Klangfarben und einer gehörigen Portion Temperament.