Mozart und Salieri, zwei große Komponisten, als Rivalen, ja Feinde – das wäre eine Geschichte, so ganz nach dem Geschmack der Boulevardpresse! Auch für ein Drama ergibt dies einen famosen Plot, wie jeder weiß, der Milos Formans genialen Film Amadeus gesehen hat, nach dem gleichnamigen Theaterstück von Peter Shaffer.
Antonio Salieri (1750 bis 1825) war in Wien als Hofkapellmeister bereits etabliert, als Wolfgang Amadeus Mozart (1756 bis 1791) dort antrat, um sich als freischaffender Musiker zu behaupten. Fakt ist: Salieri ließ Mozarts Werke aufführen; er selbst dirigierte 1791 die Uraufführung von Mozarts g-Moll-Sinfonie KV 550, und nach Mozarts Tod übernahm er die Ausbildung seines jüngsten Sohnes Franz Xaver Wolfgang.
Das Interesse an neuer Musik beim Publikum in Wien und auch Prag jedenfalls dürfte groß genug gewesen sein, um Musikerpersönlichkeiten Raum zu bieten, wenn sie nur Qualität hatten. Und Salieri wird von all seinen Zeitgenossen übereinstimmend als äußerst liebenswürdig und kollegial geschildert. Alles andere ist wohl ins Reich der Legende zu verweisen.
Auf dieser Doppel-CD hat das Prague Sinfonia Orchestra unter der Leitung von Christian Benda eine Auswahl aus dem Werk beider Komponisten so geschickt zusammengestellt, dass Gemeinsamkeiten und Unterschiede klar erkennbar werden.
Besonders spannend ist in diesem Zusammenhang die Kantate Per la ricuperata salute di Ofelia aus dem Jahre 1785, Sie entstand als eine Gemeinschaftskomposition von Salieri, Mozart und einem weiteren Musiker, der sich hinter dem Pseudonym „Cornetti“ verbarg und bis zum heutigen Tag nicht sicher identifiziert werden konnte, auf einen Text von Lorenzo da Ponte. Die Existenz des Werkes war nur durch zeitgenössische Zeitungsannoncen belegt, in denen das Werk vom Wiener Verlag Artaria beworben wurde. Sowohl der Text als auch die Musik galten als ver- schollen. Doch dem Musikwissenschaftler Timo Jouko Herrmann gelang es im Dezember 2015, in den Beständen der Prager Nationalbibliothek eine bei Joseph von Kurzböck gedruckte Ausgabe aufzuspüren.
Das ursprünglich für Sopran und Tasteninstrument geschriebene Werk erklingt nun also in Weltersteinspielung, und zwar in einer von Christian Benda erstellten Orchesterversion. Es singt Dagmar Williams vom Philharmonischen Chor Prag.
Die mitreißend musizierte Aufnahme gibt jedem Zuhörer die Möglichkeit, selbst zu vergleichen. Und man wird sehr bald feststellen, was seinerzeit die übliche Praxis war – und wie krass Mozart oftmals davon abwich.
Posts mit dem Label Benda werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Benda werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Dienstag, 22. Oktober 2019
Samstag, 29. Dezember 2018
Galanterie - Das Quantz Collegium (K&K)
Von den „historischen“ Kostümen und den albernen Perücken, die diese Musiker tragen, sollte man sich nicht abschrecken lassen. Denn das Quantz Collegium, in den 30er Jahren gegründet von dem Flötisten Ernst Friedrich Wilhelm Bodensohn, musiziert grandios. Das Ensemble lädt seit 1957 jeweils im Sommer zur Konzertreihe Festliche Serenaden in das Schloss Favorite bei Rastatt.
Seit 1982 ist Jochen Baier der Flötist des Quantz Collegiums, das sich vor allem mit Kammermusik der Barock- zeit und der Klassik beschäftigt. Dabei stehen auch immer wieder Werke von weniger bekannten Komponisten auf dem Programm, die wohl, falls notwendig, sogar mit einigem Aufwand aus Quellen zugänglich gemacht werden. Das dürfte auch für dieses Programm erforderlich gewesen sein, das durchweg mit Entdeckungen begeistert.
Der vorliegende Konzertmitschnitt ist im Mai 2018 entstanden. Einmal mehr erfassen Josef-Stefan Kindler und Andreas Otto Grimminger die einzigartige Atmosphäre, die das Musizieren im Gartensaal des „Porzellanschlosses“ Favorite prägt. Mit ihrem Label K&K sind sie seit Jahren darauf spezialisiert, herausragende Konzerte möglichst authentisch für die Nachwelt aufzuzeichnen.
Ein solches Konzert ist auf dieser CD quasi mitzuerleben. Denn was das Quantz Collegium unter dem Stichwort „Galanterie“ zusammengetragen hat, das sind außerordentlich abwechslungsreiche und musikalisch lohnende Raritäten. Neben der Flöte rückt dieses Programm ganz besonders die Bratsche ins Scheinwerferlicht. Sie ist das Solo-Instrument zweier Konzerte von Christoph Graupner (1683 bis 1760) und Georg Philipp Telemann (1681 bis 1767); außerdem erklingen ein Flötenkonzert von Friedrich Wilhelm Heinrich Benda (1745 bis 1814) sowie ein Doppelkonzert für Flöte und Bratsche von Graupner. Und das Quantz Collegium spielt diese Kostbarkeiten derart hinreißend, lebendig und getragen von Musizierlust, dass es rundum eine Freude ist. Unbedingt anhören!
Seit 1982 ist Jochen Baier der Flötist des Quantz Collegiums, das sich vor allem mit Kammermusik der Barock- zeit und der Klassik beschäftigt. Dabei stehen auch immer wieder Werke von weniger bekannten Komponisten auf dem Programm, die wohl, falls notwendig, sogar mit einigem Aufwand aus Quellen zugänglich gemacht werden. Das dürfte auch für dieses Programm erforderlich gewesen sein, das durchweg mit Entdeckungen begeistert.
Der vorliegende Konzertmitschnitt ist im Mai 2018 entstanden. Einmal mehr erfassen Josef-Stefan Kindler und Andreas Otto Grimminger die einzigartige Atmosphäre, die das Musizieren im Gartensaal des „Porzellanschlosses“ Favorite prägt. Mit ihrem Label K&K sind sie seit Jahren darauf spezialisiert, herausragende Konzerte möglichst authentisch für die Nachwelt aufzuzeichnen.
Ein solches Konzert ist auf dieser CD quasi mitzuerleben. Denn was das Quantz Collegium unter dem Stichwort „Galanterie“ zusammengetragen hat, das sind außerordentlich abwechslungsreiche und musikalisch lohnende Raritäten. Neben der Flöte rückt dieses Programm ganz besonders die Bratsche ins Scheinwerferlicht. Sie ist das Solo-Instrument zweier Konzerte von Christoph Graupner (1683 bis 1760) und Georg Philipp Telemann (1681 bis 1767); außerdem erklingen ein Flötenkonzert von Friedrich Wilhelm Heinrich Benda (1745 bis 1814) sowie ein Doppelkonzert für Flöte und Bratsche von Graupner. Und das Quantz Collegium spielt diese Kostbarkeiten derart hinreißend, lebendig und getragen von Musizierlust, dass es rundum eine Freude ist. Unbedingt anhören!
Mittwoch, 5. September 2018
Viola Galante (Avi-Music)
„Originalkompositionen für Bratsche als Solo-Instrument finden sich in der Zeit vor 1775 ausgesprochen selten“, schreiben Pauline Sachse und Phillip Schmidt im Beiheft zu dieser CD. Unterstützt durch Ludger Rémy, hat sich die Musikerin dennoch auf die Suche begeben – und durchaus lohnenswertes aufgespürt.
„Wir wünschen Ihnen viel Freude beim Hören dieser größtenteils vergessenen Sonaten“, heißt es im Beiheft. „Ihre Ohren sind vermutlich die ersten, die ihnen seit über 250 Jahren Gehör schenken.“
Die einzige Sonate auf dieser CD, die nicht für die Viola, sondern für die Viola da gamba entstanden ist, stammt von Carl Philipp Emanuel Bach – allerdings hat der Komponist die „Bratschen-Version“ eigenhändig autorisiert. Sie unterscheidet sich vom Original ohnehin nur durch Oktavierungen von Tönen, die für die Bratsche zu tief liegen, in zwei Takten.
Die frühesten publizierten Kompositionen für Bratsche in England stammen von William Flackton (1709 bis 1798), im Hauptberuf Buchhändler. Er hatte festgestellt, dass für die Bratsche Literatur fehlt – und gleich selbst vier Sonaten geschrieben. Eine davon ist auf dieser CD zu hören.
Die vier nachfolgenden Werke erklingen in Weltersteinspielungen. Die erste dieser Sonaten stammt von Giorgio Antoniotto (vermutlich 1692 bis 1776). Er stammte aus Mailand, und könnte sich einige Jahre in den Niederlanden und in London aufgehalten haben. Überliefert sind von ihm vor allem Werke für das Violoncello; in der Library of Congresss in Washington fanden sich aber auch Manuskripte von zwei Bratschen- sonaten. Eine davon wird von Julia Sachse und Andreas Hecker vorgestellt; sie erscheint insbesondere aufgrund ihrer mitunter kühnen Harmonik reizvoll.
Franz Benda (1709 bis 1786) wirkte als Geiger am Hofe Friedrich des Großen; ab 1771 war er Konzertmeister des musikliebenden Königs. Er komponierte fast ausschließlich für die Violine – allerdings hat er auch zwei Bratschensonaten geschrieben. Abschriften befinden sich im Notenarchiv der Sing-Akademie zu Berlin. Sie sind auf dieser CD beide zu hören.
Last but not least erklingt ein Trio von Christlieb Siegmund Binder (1723 bis 1789). Dieser Musiker war Cembalist und Komponist am Dresdner Hof. Nach 1764 wirkte er dort als Organist an der katholischen Hofkirche. Seine Werke bieten insbesondere dem Cembalisten einen attraktiven Part – das Tasteninstrument ist hier nicht Begleiter, sondern ebenfalls Solist, und setzt im Wechselspiel mit der Bratsche durchaus eigene Akzente.
Julia Sachse und Andreas Hecker musizieren souverän und mit enormer Spielfreude; es ist ein Vergnügen, ihnen zuzuhören. Für diese Einspielung haben die beiden Musiker bewusst historische Instrumente und eine historische Stimmung verwendet: Die Viola hat Giovanni Paolo Maggini 1610 in Brescia angefertigt; Sachse spielt sie hier mit Darmsaiten und mit einem Bogen nach spätbarocken Vorbildern aus der Werkstatt von Thomas Gerbeth. Andreas Hecker spielt ein Cembalo nach einem Instrument von Michael Mietke, gebaut von Bruce Kennedy 2000 in Amsterdam. Gestimmt wurde auf 415 Hz und nach Neidhardt („für eine große Stadt“). Dies bringt tatsächlich eine recht deutlich wahrnehmbare Tonartencharakteristik und damit zusätzliche Farbe in ein ohnehin ziemlich abwechslungsreiches Programm. Wer den sonoren Klang der Bratsche liebt, der sollte diese CD unbedingt anhören – vom ersten bis zum letzten Ton gelungen!
„Wir wünschen Ihnen viel Freude beim Hören dieser größtenteils vergessenen Sonaten“, heißt es im Beiheft. „Ihre Ohren sind vermutlich die ersten, die ihnen seit über 250 Jahren Gehör schenken.“
Die einzige Sonate auf dieser CD, die nicht für die Viola, sondern für die Viola da gamba entstanden ist, stammt von Carl Philipp Emanuel Bach – allerdings hat der Komponist die „Bratschen-Version“ eigenhändig autorisiert. Sie unterscheidet sich vom Original ohnehin nur durch Oktavierungen von Tönen, die für die Bratsche zu tief liegen, in zwei Takten.
Die frühesten publizierten Kompositionen für Bratsche in England stammen von William Flackton (1709 bis 1798), im Hauptberuf Buchhändler. Er hatte festgestellt, dass für die Bratsche Literatur fehlt – und gleich selbst vier Sonaten geschrieben. Eine davon ist auf dieser CD zu hören.
Die vier nachfolgenden Werke erklingen in Weltersteinspielungen. Die erste dieser Sonaten stammt von Giorgio Antoniotto (vermutlich 1692 bis 1776). Er stammte aus Mailand, und könnte sich einige Jahre in den Niederlanden und in London aufgehalten haben. Überliefert sind von ihm vor allem Werke für das Violoncello; in der Library of Congresss in Washington fanden sich aber auch Manuskripte von zwei Bratschen- sonaten. Eine davon wird von Julia Sachse und Andreas Hecker vorgestellt; sie erscheint insbesondere aufgrund ihrer mitunter kühnen Harmonik reizvoll.
Franz Benda (1709 bis 1786) wirkte als Geiger am Hofe Friedrich des Großen; ab 1771 war er Konzertmeister des musikliebenden Königs. Er komponierte fast ausschließlich für die Violine – allerdings hat er auch zwei Bratschensonaten geschrieben. Abschriften befinden sich im Notenarchiv der Sing-Akademie zu Berlin. Sie sind auf dieser CD beide zu hören.
Last but not least erklingt ein Trio von Christlieb Siegmund Binder (1723 bis 1789). Dieser Musiker war Cembalist und Komponist am Dresdner Hof. Nach 1764 wirkte er dort als Organist an der katholischen Hofkirche. Seine Werke bieten insbesondere dem Cembalisten einen attraktiven Part – das Tasteninstrument ist hier nicht Begleiter, sondern ebenfalls Solist, und setzt im Wechselspiel mit der Bratsche durchaus eigene Akzente.
Julia Sachse und Andreas Hecker musizieren souverän und mit enormer Spielfreude; es ist ein Vergnügen, ihnen zuzuhören. Für diese Einspielung haben die beiden Musiker bewusst historische Instrumente und eine historische Stimmung verwendet: Die Viola hat Giovanni Paolo Maggini 1610 in Brescia angefertigt; Sachse spielt sie hier mit Darmsaiten und mit einem Bogen nach spätbarocken Vorbildern aus der Werkstatt von Thomas Gerbeth. Andreas Hecker spielt ein Cembalo nach einem Instrument von Michael Mietke, gebaut von Bruce Kennedy 2000 in Amsterdam. Gestimmt wurde auf 415 Hz und nach Neidhardt („für eine große Stadt“). Dies bringt tatsächlich eine recht deutlich wahrnehmbare Tonartencharakteristik und damit zusätzliche Farbe in ein ohnehin ziemlich abwechslungsreiches Programm. Wer den sonoren Klang der Bratsche liebt, der sollte diese CD unbedingt anhören – vom ersten bis zum letzten Ton gelungen!
Mittwoch, 26. Juli 2017
Kind of Jazz (Genuin)
Die Musikstücke, die François Benda für seine sechste CD bei Genuin ausgewählt hat, wird man im Konzert eher selten hören. Gemeinsam mit seinem Vater, dem Pianisten Sebastian Benda (1926 bis 2003), hat er im Jahre 2001 Werke aus dem Grenzbereich zwischen der sogenannten „E-Musik“ und dem Jazz eingespielt. Das ist eine ausgesprochen interessante Region, wie man bereits beim ersten Stück feststellen wird: Die Three Preludes von George Gershwin (1898 bis 1937) – ursprünglich komponiert für Klavier, und hier in einer Bearbeitung für Klarinette und Klavier zu hören – lassen erahnen, dass New York in den 20er Jahren musikalisch enorm viel zu bieten hatte. Gershwin griff vieles davon auf.
Auch Joseph Horovitz, Jahrgang 1926, kennt offenbar keine Berührungs- ängste. Die jazzige Sonatina für Klarinette und Klavier schrieb er 1981 für seinen Freund Gervase de Peyer. Erwin Schulhoff (1894 bis 1942) sah in Jazzrhythmen eine Chance, die Avantgarde sinnlich zu machen, vital. In seiner Hot-Sonate aus dem Jahre 1930 verknüpfte er klassische Musik und Jazz. Benda spielt dieses aufmüpfige Musikstück, das ursprünglich für Altsaxophon entstanden ist, in einer Version für Klarinette.
Dass die beiden Musiker geniale Grenzgänger sind, zeigt sich auch bei der Sonate für Klarinette und Klavier von Leonard Bernstein (1918 bis 1990). Sie war das erste veröffentlichte Werk des Komponisten, der sich seinen Musikunterricht finanzierte, indem er in einer Jazzband musizierte und Arrangements schrieb. Was für ein Sound! Lustvoll musizieren Vater und Sohn, und wer sie hört, der wird sich den Kopf ganz sicher nicht über Genregrenzen zerbrechen. Diese Aufnahme lässt uns genießen, wie farbenreich und betörend doch eine Klarinette klingen kann. Großartig spielt auch der Pianist Sebastian Benda; er zeigt, wie innig ein musikali- scher Dialog sein kann. Moderne kann eben sehr viel Spaß machen. Komplettiert wird die CD durch eine Sonate des Kosmopoliten Daniel Schnyder (*1961).
Auch Joseph Horovitz, Jahrgang 1926, kennt offenbar keine Berührungs- ängste. Die jazzige Sonatina für Klarinette und Klavier schrieb er 1981 für seinen Freund Gervase de Peyer. Erwin Schulhoff (1894 bis 1942) sah in Jazzrhythmen eine Chance, die Avantgarde sinnlich zu machen, vital. In seiner Hot-Sonate aus dem Jahre 1930 verknüpfte er klassische Musik und Jazz. Benda spielt dieses aufmüpfige Musikstück, das ursprünglich für Altsaxophon entstanden ist, in einer Version für Klarinette.
Dass die beiden Musiker geniale Grenzgänger sind, zeigt sich auch bei der Sonate für Klarinette und Klavier von Leonard Bernstein (1918 bis 1990). Sie war das erste veröffentlichte Werk des Komponisten, der sich seinen Musikunterricht finanzierte, indem er in einer Jazzband musizierte und Arrangements schrieb. Was für ein Sound! Lustvoll musizieren Vater und Sohn, und wer sie hört, der wird sich den Kopf ganz sicher nicht über Genregrenzen zerbrechen. Diese Aufnahme lässt uns genießen, wie farbenreich und betörend doch eine Klarinette klingen kann. Großartig spielt auch der Pianist Sebastian Benda; er zeigt, wie innig ein musikali- scher Dialog sein kann. Moderne kann eben sehr viel Spaß machen. Komplettiert wird die CD durch eine Sonate des Kosmopoliten Daniel Schnyder (*1961).
Donnerstag, 19. Januar 2017
Rossini: Complete Ouvertures (Naxos)
Da wir gerade bei Gioachino Rossini waren – eine vollständige Einspie- lung seiner Ouvertüren ist bei Naxos erschienen. Nur noch einige wenige dieser Werke erinnern daran, dass die Oper neapolitanischer Prägung einst durch eine Sinfonia eröffnet wurde – dreiteilig, und mit einem möglichst prägnanten Kopfsatz, der das Publi- kum überraschen und dazu veranlas- sen sollte, die Gespräche einzustellen und sich auf die Musik zu konzentrie- ren.
Rossinis Ouvertüren gehen darüber deutlich hinaus: Sie sind wie ein Fenster, das schon einmal den Blick freigibt auf die Handlung der jewei- ligen Oper, bevor sich dann der Vorhang hebt. Sie sind witzig, sie sind dramatisch, und sie sind unverwechselbar – jede einzelne Ouvertüre ist ein Meisterwerk. Und auf vier (CD) sind sie hier alle versammelt, von La gazza ladra bis zu Bianca e Falliero und von La Cenerentola bis zu Il barbiere di Siviglia, eingespielt vom Prague Sinfonia Orchestra unter Christian Benda. Das Orchester, eigentlich das Prague Chamber Orchestra in erweiterter Besetzung, musiziert präzise und ausgesprochen dynamisch. Und Benda arbeitet den jeweiligen Charakter der Ouvertüre klar heraus, was Rossinis musikalische Einfälle bestens zur Geltung bringt. Sehr gelungen!
Rossinis Ouvertüren gehen darüber deutlich hinaus: Sie sind wie ein Fenster, das schon einmal den Blick freigibt auf die Handlung der jewei- ligen Oper, bevor sich dann der Vorhang hebt. Sie sind witzig, sie sind dramatisch, und sie sind unverwechselbar – jede einzelne Ouvertüre ist ein Meisterwerk. Und auf vier (CD) sind sie hier alle versammelt, von La gazza ladra bis zu Bianca e Falliero und von La Cenerentola bis zu Il barbiere di Siviglia, eingespielt vom Prague Sinfonia Orchestra unter Christian Benda. Das Orchester, eigentlich das Prague Chamber Orchestra in erweiterter Besetzung, musiziert präzise und ausgesprochen dynamisch. Und Benda arbeitet den jeweiligen Charakter der Ouvertüre klar heraus, was Rossinis musikalische Einfälle bestens zur Geltung bringt. Sehr gelungen!
Donnerstag, 1. Januar 2015
Il Violino Boemo (Supraphon)
Aus Böhmen kamen im 18. Jahr- hundert zahlreiche talentierte Komponisten und Musiker, berühmte Hornisten beispielsweise, aber auch nicht wenige exzellente Geiger. Diese CD sucht nach den Spuren, die diese Virtuosen in Prag hinterlassen ha- ben. Dabei fanden sich glücklicher- weise einige Werke von Frantisek Benda (1709 bis 1786), der mehrfach unter abenteuerlichen Umständen den Dienstherrn wechselte, am kur- sächsischen Hof musizierte, und schließlich als Geiger in der Hof- kapelle Friedrichs des Großen zu hohen Ehren kam. Benda war berühmt für sein adagio – für seine Melodien und für seine Ausdrucksstärke.
In Dresden wirkte auch Frantisek Jiránek ((1698 bis 1778). Er stand zunächst im Dienst des Grafen Wenzel Morzins, der den Musiker so schätzte, dass er ihn für zwei Jahre zur Ausbildung nach Venedig schickte. Nach dem Tode des Grafen wurde das Orchester aufgelöst; Jiránek musizierte dann als bestbezahltes Mitglied in der Privatkapelle des Grafen Brühl in Dresden. In Sachsen blieb er bis an sein Lebensende.
Josef Antonín Gurecký (1709 bis 1769) war, wie auch sein älterer Bruder Václav Matyás, bei dem Olmützer Bischof und Kardinal Wolfgang Hannibal von Schrattenbach beschäftigt. Er scheint sich einige Zeit in Dresden aufgehalten und um eine Anstellung bei Hofe bemüht zu haben. Als er damit keinen Erfolg hatte, kehrte er nach Mähren zurück, und trat erneut in die Dienste des Olmützer Bischofs; dieser hieß mittlerweile Jakob Ernst von Liechtenstein-Kastelkorn. 1743 wurde Gurecký Kapellmeister am Olmützer Dom. Von ihm stammt die technisch wohl ambitionierteste Violinsonate auf dieser CD. Sie erinnert mit ihren vier Sätzen an die traditionelle sonata da chiesa, ist aber im galanten Stil verfasst und verlangt vom Violinsolisten nicht nur Fingerfertigkeit. Lenka Torgersen, Barockvioline, Václav Luks, Cembalo und Libor Masek, Violoncello, stellen all diese Entdeckungen souverän vor.
In Dresden wirkte auch Frantisek Jiránek ((1698 bis 1778). Er stand zunächst im Dienst des Grafen Wenzel Morzins, der den Musiker so schätzte, dass er ihn für zwei Jahre zur Ausbildung nach Venedig schickte. Nach dem Tode des Grafen wurde das Orchester aufgelöst; Jiránek musizierte dann als bestbezahltes Mitglied in der Privatkapelle des Grafen Brühl in Dresden. In Sachsen blieb er bis an sein Lebensende.
Josef Antonín Gurecký (1709 bis 1769) war, wie auch sein älterer Bruder Václav Matyás, bei dem Olmützer Bischof und Kardinal Wolfgang Hannibal von Schrattenbach beschäftigt. Er scheint sich einige Zeit in Dresden aufgehalten und um eine Anstellung bei Hofe bemüht zu haben. Als er damit keinen Erfolg hatte, kehrte er nach Mähren zurück, und trat erneut in die Dienste des Olmützer Bischofs; dieser hieß mittlerweile Jakob Ernst von Liechtenstein-Kastelkorn. 1743 wurde Gurecký Kapellmeister am Olmützer Dom. Von ihm stammt die technisch wohl ambitionierteste Violinsonate auf dieser CD. Sie erinnert mit ihren vier Sätzen an die traditionelle sonata da chiesa, ist aber im galanten Stil verfasst und verlangt vom Violinsolisten nicht nur Fingerfertigkeit. Lenka Torgersen, Barockvioline, Václav Luks, Cembalo und Libor Masek, Violoncello, stellen all diese Entdeckungen souverän vor.
Samstag, 23. Februar 2013
Benda: Six Sonatas (Aeolus)
Jirí Antonín Benda (1722 bis 1795), bekannter als Georg Anton Benda, wirkte als Hofkapellmeister des Herzogs Friedrich III. in Gotha. Er stammte aus einer böhmischen Musikerdynastie; seine Brüder Franz und Johann musizierten in der Hofkapelle Friedrichs von Preußen. Der Kronprinz veranlasste schließlich die Übersiedlung der ganzen Familie nach Potsdam. Dort vollendete Georg Anton seine Ausbildung, und erhielt 1742 ebenfalls eine erste Anstellung in der preußischen Hofkapelle. 1750 ging er dann nach Gotha, wo er nicht nur musizierte und das Orchester leitete, sondern auch komponierte - und der Herzog förderte ihn dabei. So schickte er Benda 1765 auf eine Bildungsreise nach Italien.
Dort hat der Komponist eine Menge Anregungen erfahren. Insbeson- dere das Theatralische faszinierte Benda, so dass er schließlich für die Seylersche Theatergesellschaft mit den berühmten Schauspielern Ekhof und Iffland, die 1774 nach Gotha kam, Bühnenwerke mit Musik schrieb - das Melodram, eine gänzlich neue Gattung, war geboren.
Auch in seinen Clavierwerken - Sechs Sonaten aus dem Jahr 1757 erklingen auf dieser CD - ist das Bestreben Bendas, Musik und thea- tralische Gestik miteinander zu verknüpfen, bereits zu erkennen. Sie erinnern an Werke Carl Philipp Emanuel Bachs - und entwickeln eine musikalische Sprache, die die traditionellen rhetorischen Figuren des Barock durch eigene Erfindungen ersetzt. So gibt Benda dem soge- nannten Empfindsamen Stil seiner Zeit ganz eigene Akzente. Langweilig jedenfalls sind die Sonaten nicht, die Bernhard Klapproth hier in großartiger Weise eingespielt hat.
Wer diese Aufnahme gehört hat, der dürfte zudem nachfühlen können, warum das Clavichord mit seinem wandelbaren Klang das bevorzugte Instrument jener Tage war, in denen eine ästhetische Debatte geführt wurde, deren Ziel die Ablösung des als "schwülstig" empfundenen, stark reglementierten Barock durch "Natürlichkeit" war. Hier erklingt ein Instrument des Dresdner Klavierbauers Joseph Gottfried Horn (1739 bis 1797). Wo er dieses Handwerk erlernt hat, das ist unklar - doch dieses Clavichord aus dem Jahre 1788, das sich heute in der Sammlung Beurmann befindet, ist ein hervorragendes Instrument mit einem wundervollen, silbrigen Ton.
Dort hat der Komponist eine Menge Anregungen erfahren. Insbeson- dere das Theatralische faszinierte Benda, so dass er schließlich für die Seylersche Theatergesellschaft mit den berühmten Schauspielern Ekhof und Iffland, die 1774 nach Gotha kam, Bühnenwerke mit Musik schrieb - das Melodram, eine gänzlich neue Gattung, war geboren.
Auch in seinen Clavierwerken - Sechs Sonaten aus dem Jahr 1757 erklingen auf dieser CD - ist das Bestreben Bendas, Musik und thea- tralische Gestik miteinander zu verknüpfen, bereits zu erkennen. Sie erinnern an Werke Carl Philipp Emanuel Bachs - und entwickeln eine musikalische Sprache, die die traditionellen rhetorischen Figuren des Barock durch eigene Erfindungen ersetzt. So gibt Benda dem soge- nannten Empfindsamen Stil seiner Zeit ganz eigene Akzente. Langweilig jedenfalls sind die Sonaten nicht, die Bernhard Klapproth hier in großartiger Weise eingespielt hat.
Wer diese Aufnahme gehört hat, der dürfte zudem nachfühlen können, warum das Clavichord mit seinem wandelbaren Klang das bevorzugte Instrument jener Tage war, in denen eine ästhetische Debatte geführt wurde, deren Ziel die Ablösung des als "schwülstig" empfundenen, stark reglementierten Barock durch "Natürlichkeit" war. Hier erklingt ein Instrument des Dresdner Klavierbauers Joseph Gottfried Horn (1739 bis 1797). Wo er dieses Handwerk erlernt hat, das ist unklar - doch dieses Clavichord aus dem Jahre 1788, das sich heute in der Sammlung Beurmann befindet, ist ein hervorragendes Instrument mit einem wundervollen, silbrigen Ton.
Samstag, 13. Oktober 2012
Rossini: Complete Overtures 1 (Rossini)
Eine langsame, spannungsvolle Einleitung, gefolgt von einem schmissigen Hauptteil, in dem üb- licherweise zwei Themen kontrast- reich und gekonnt gesteigert werden - das sind die typischen Strukturen der Ouvertüren von Gioachino Rossini (1792 bis 1868). Das musikalische Material für diese Werke stammte dabei nicht unbe- dingt aus der betreffenden Oper. Ideen hatte der maestro genug, so dass nahezu jede Ouvertüre einen Knalleffekt als Überraschung für die Zuhörer bereit hält. 39 Opern hat der Komponist geschrieben. Die meisten davon sind aus dem Repertoire verschwunden, was mögli- cherweise an den Libretti und Texten liegen könnte. Die Ouvertüren hingegen werden noch immer gern gespielt, viele von ihnen sind beliebte Konzertstücke.
Auch das Prager Sinfonieorchester mag offenbar die rasanten Werke. Unter seinem künstlerischen Leiter Christian Benda spielt das Ensemble derzeit eine Gesamtaufnahme aller Rossini-Ouvertüren auf insgesamt vier CD für das Label Naxos ein. Die erste davon ist nun erschienen. Sie enthält die Ouvertüren zu La gazza ladra, Semirami- de, Elisabetta, Regina d'Inghilterra - bekannter durch ihre Zweit- verwertung für Il barbiere di Siviglia - Otello, Le siège de Corinthe und Ermione. Letztere enthält einen Klagegesang, den die gefangenen Trojaner anstimmen. Er wird auf dieser CD vom Prager Philharmo- nischen Chor gesungen. Ergänzt wird diese Kollektion durch eine Konzertouvertüre, die Rossini 1808 im Auftrag eines gewissen Agostino Triossi schrieb; sie ist bekannt als Sinfonia al Conventello. Sie folgt der gleichen Grundstruktur wie die Opern-Ouvertüren. Eines ihrer Themen hat Rossini übrigens später in seiner Oper Il Signor Bruschino wiederverwendet.
Die Prague Sinfonia musiziert ordentlich, aber leider nicht wirklich mitreißend. Rossinis Ouvertüren sind eigentlich Champagner - doch hier prickelt nichts, das ist eher die Bier-Version, mit einer soliden Portion Stammwürze und Schaumkrone.
Auch das Prager Sinfonieorchester mag offenbar die rasanten Werke. Unter seinem künstlerischen Leiter Christian Benda spielt das Ensemble derzeit eine Gesamtaufnahme aller Rossini-Ouvertüren auf insgesamt vier CD für das Label Naxos ein. Die erste davon ist nun erschienen. Sie enthält die Ouvertüren zu La gazza ladra, Semirami- de, Elisabetta, Regina d'Inghilterra - bekannter durch ihre Zweit- verwertung für Il barbiere di Siviglia - Otello, Le siège de Corinthe und Ermione. Letztere enthält einen Klagegesang, den die gefangenen Trojaner anstimmen. Er wird auf dieser CD vom Prager Philharmo- nischen Chor gesungen. Ergänzt wird diese Kollektion durch eine Konzertouvertüre, die Rossini 1808 im Auftrag eines gewissen Agostino Triossi schrieb; sie ist bekannt als Sinfonia al Conventello. Sie folgt der gleichen Grundstruktur wie die Opern-Ouvertüren. Eines ihrer Themen hat Rossini übrigens später in seiner Oper Il Signor Bruschino wiederverwendet.
Die Prague Sinfonia musiziert ordentlich, aber leider nicht wirklich mitreißend. Rossinis Ouvertüren sind eigentlich Champagner - doch hier prickelt nichts, das ist eher die Bier-Version, mit einer soliden Portion Stammwürze und Schaumkrone.
Sonntag, 15. Juli 2012
Benda: Violin Concertos; Zenatý (Supraphon)
Franz Benda (1709 bis 1786), erster Violinist und später dann Konzertmeister in der Hofkapelle Friedrichs des Großen, gilt als der bedeutendste böhmische Geiger des 18. Jahrhunderts. Über seinen Lebensweg wurde in diesem Blog bereits an anderer Stelle berichtet. Erinnert sei daran, dass Benda einen Teil seiner Ausbildung als Chorknabe absolvierte, zunächst in Prag und dann in Dresden. Der Gesang blieb das Fundament seiner Musik; Sanglichkeit zeichnet auch die Werke aus, die auf dieser CD zu hören sind.
Benda war ein Meister der melodischen Erfindung, der Kantilene. Und so legt Ivan Zenatý, der gemeinsam mit der Prager Kammerphilhar- monie vier Violinkonzerte seines Landsmanns für Supraphon einge- spielt hat, diese Werke auch an. Sie klingen in seiner Interpretation bereits sehr klassisch. Zenatý verzichtet auf umfangreiche Auszierun- gen, wie sie zu Bendas Zeiten eigentlich noch üblich gewesen waren, und konzentriert sich lieber auf den Klang und auf die Melodie. Der Geiger, der als Professor an der Hochschule für Musik in Dresden lehrt, überzeugt durch seinen schönen Ton und durch sein farben- reiches Spiel. Und die Prager Kammerphilharmonie, die bei dieser Aufnahme in Streichquartett-Besetzung antritt, ergänzt durch einen Kontrabass und Cembalo, sekundiert dabei aufs Beste.
Benda war ein Meister der melodischen Erfindung, der Kantilene. Und so legt Ivan Zenatý, der gemeinsam mit der Prager Kammerphilhar- monie vier Violinkonzerte seines Landsmanns für Supraphon einge- spielt hat, diese Werke auch an. Sie klingen in seiner Interpretation bereits sehr klassisch. Zenatý verzichtet auf umfangreiche Auszierun- gen, wie sie zu Bendas Zeiten eigentlich noch üblich gewesen waren, und konzentriert sich lieber auf den Klang und auf die Melodie. Der Geiger, der als Professor an der Hochschule für Musik in Dresden lehrt, überzeugt durch seinen schönen Ton und durch sein farben- reiches Spiel. Und die Prager Kammerphilharmonie, die bei dieser Aufnahme in Streichquartett-Besetzung antritt, ergänzt durch einen Kontrabass und Cembalo, sekundiert dabei aufs Beste.
Dienstag, 8. Mai 2012
Solo for the King (Supraphon)
Das bislang schönste Album zum 300. Geburtstag Friedrichs des Großen ist nun bei Supraphon erschienen. Die tschechische Flötistin Jana Semerádová hat gemeinsam mit Lenka Torgersen, Barockvioline, Hana Fleková, Barockcello und Bertrand Cuiller am Cembalo ein Programm ein- gespielt, das durch seine Origina- lität ebenso begeistert wie durch musikalische Qualität.
Semerádová ist eine ausgewiesene Spezialistin für "Alte" Musik. So leitet sie das Ensemble Collegium Marianum, und unterrichtet an der Karlsuniversität Prag Studierende im Fach Barocke Traversflöte. Auf dieser CD belegt sie, dass der Ton dieser Flöte, die üblicherweise aus Holz besteht und eher nicht über Klappen und Mechanik verfügt, durchaus sauber und wandlungsfähig sein kann. Sie zeigt zudem, dass man auch eine Barockflöte hochvirtuos spielen kann.
Ihre Interpretation von Bachs h-Moll-Sonate BWV 1030 oder zwei Stücken aus dem Musikalischen Opfer kann sich neben den Aufnah- men der Kollegen, die moderne Böhm-Flöten spielen, ohne Probleme hören lassen. Und die anderen Werke, die sie auf dieser CD vorstellt, sind ohnehin Raritäten. So hat sie aus dem reichen Schaffen von Friedrichs Flötenlehrer Johann Joachim Quantz drei Tanzsätze für Flöte solo ausgewählt. Friedrichs Cembalist Carl Philipp Emanuel Bach ist mit einem Duetto in e-Moll für Flöte und Violine vertreten. Von Johann Philipp Kirnberger hat Semerádová eine Sonata a tre in g-Moll ausgewählt, und von Frantisek Benda die Sonate in e-Moll für Flöte und Basso continuo.
Wer ihrem Spiel lauscht, der kann sich durchaus in ein Konzert am Hofe Friedrichs II. versetzt fühlen - dominiert durch die Flöte, das Instrument, das der König bevorzugte, der sich jedoch auch sonst mit herausragenden Virtuosen umgab. Seine Hofkapelle war eines der führenden Orchester jener Jahre. Auch davon vermittelt Semerádová mit ihrer geschickten Werkauswahl eine Ahnung.
Semerádová ist eine ausgewiesene Spezialistin für "Alte" Musik. So leitet sie das Ensemble Collegium Marianum, und unterrichtet an der Karlsuniversität Prag Studierende im Fach Barocke Traversflöte. Auf dieser CD belegt sie, dass der Ton dieser Flöte, die üblicherweise aus Holz besteht und eher nicht über Klappen und Mechanik verfügt, durchaus sauber und wandlungsfähig sein kann. Sie zeigt zudem, dass man auch eine Barockflöte hochvirtuos spielen kann.
Ihre Interpretation von Bachs h-Moll-Sonate BWV 1030 oder zwei Stücken aus dem Musikalischen Opfer kann sich neben den Aufnah- men der Kollegen, die moderne Böhm-Flöten spielen, ohne Probleme hören lassen. Und die anderen Werke, die sie auf dieser CD vorstellt, sind ohnehin Raritäten. So hat sie aus dem reichen Schaffen von Friedrichs Flötenlehrer Johann Joachim Quantz drei Tanzsätze für Flöte solo ausgewählt. Friedrichs Cembalist Carl Philipp Emanuel Bach ist mit einem Duetto in e-Moll für Flöte und Violine vertreten. Von Johann Philipp Kirnberger hat Semerádová eine Sonata a tre in g-Moll ausgewählt, und von Frantisek Benda die Sonate in e-Moll für Flöte und Basso continuo.
Wer ihrem Spiel lauscht, der kann sich durchaus in ein Konzert am Hofe Friedrichs II. versetzt fühlen - dominiert durch die Flöte, das Instrument, das der König bevorzugte, der sich jedoch auch sonst mit herausragenden Virtuosen umgab. Seine Hofkapelle war eines der führenden Orchester jener Jahre. Auch davon vermittelt Semerádová mit ihrer geschickten Werkauswahl eine Ahnung.
Donnerstag, 5. April 2012
Benda: Violin Sonatas (with original ornamentation) (Naxos)
Violinsonaten von Franz Benda (1709 bis 1786), Violinist am Hofe Friedrichs des Großen, hatten wir im März bereits in einer Aufnahme der Schola Cantorum Basiliensis vorgestellt. Bei Naxos sind nun weitere Werke in Weltersteinspie- lung erschienen, die sich in jenem legendären Manuskript in der Berliner Staatsbibliothek finden, welches sich dadurch auszeichnet, dass auch die Verzierungen notiert sind, die zu Bendas Lebzeiten jeder Musiker improvisierte.
Sie wurden also üblicherweise nicht aufgeschrieben, und sind daher in Vergessenheit geraten. In späteren Jahrhunderten wiederum hätten sich Komponisten einen solchen Umgang mit ihrem Werk verbeten; die Partitur wurde zum Gesetz, und Interpreten hatten sie möglichst perfekt zu reproduzieren.
Heute bemühen sich Musiker, die "alte" Musik in möglichst originalem Klang vorzustellen. Und dazu gehören, neben den "historischen" Instrumenten, auch die passenden Verzierungen - was nicht ganz einfach ist, denn Geschmack war schon zu Bendas Zeiten keine Konstante. Und was für Vivaldi passt, das muss bei nachfolgenden Generationen oder in anderen Regionen nicht unbedingt korrekt sein; dicke Bücher sind darüber schon zu Bachs Zeiten verfasst worden. Sie gelten heute als wichtige Quellen der musikhistorischen Forschung - und wer ein Manuskript wie das der Benda-Sonaten entdeckt, der darf das als Glücksgriff feiern.
Hans-Joachim Berg, Barockvioline, und Naoko Akutagawa, Cembalo, beweisen mit dieser gelungenen Einspielung, was für ein Verlust es wäre, wenn man solche Quellen nicht hätte. Denn obwohl sie sehr schön ist, wird diese Musik erst durch die Variationen lebendig, mit denen sie Musiker ausgestaltet haben.
Der exzellente junge Geiger spielt ein Instrument des Mittenwalder Geigenbauers Sebastian Klotz aus dem Jahre 1735, das unverändert erhalten geblieben ist. Die Cembalistin Naoko Akutagawa, die nach ihrem Studium in Japan noch eine Meisterklasse an der Musikhoch- schule in Würzburg absolviert hat, musiziert auf einem Instrument, das Henk van Schevikhoven 1992 in Helsinki nach einem Ruckers-Cembalo angefertigt hat.
Sie wurden also üblicherweise nicht aufgeschrieben, und sind daher in Vergessenheit geraten. In späteren Jahrhunderten wiederum hätten sich Komponisten einen solchen Umgang mit ihrem Werk verbeten; die Partitur wurde zum Gesetz, und Interpreten hatten sie möglichst perfekt zu reproduzieren.
Heute bemühen sich Musiker, die "alte" Musik in möglichst originalem Klang vorzustellen. Und dazu gehören, neben den "historischen" Instrumenten, auch die passenden Verzierungen - was nicht ganz einfach ist, denn Geschmack war schon zu Bendas Zeiten keine Konstante. Und was für Vivaldi passt, das muss bei nachfolgenden Generationen oder in anderen Regionen nicht unbedingt korrekt sein; dicke Bücher sind darüber schon zu Bachs Zeiten verfasst worden. Sie gelten heute als wichtige Quellen der musikhistorischen Forschung - und wer ein Manuskript wie das der Benda-Sonaten entdeckt, der darf das als Glücksgriff feiern.
Hans-Joachim Berg, Barockvioline, und Naoko Akutagawa, Cembalo, beweisen mit dieser gelungenen Einspielung, was für ein Verlust es wäre, wenn man solche Quellen nicht hätte. Denn obwohl sie sehr schön ist, wird diese Musik erst durch die Variationen lebendig, mit denen sie Musiker ausgestaltet haben.
Der exzellente junge Geiger spielt ein Instrument des Mittenwalder Geigenbauers Sebastian Klotz aus dem Jahre 1735, das unverändert erhalten geblieben ist. Die Cembalistin Naoko Akutagawa, die nach ihrem Studium in Japan noch eine Meisterklasse an der Musikhoch- schule in Würzburg absolviert hat, musiziert auf einem Instrument, das Henk van Schevikhoven 1992 in Helsinki nach einem Ruckers-Cembalo angefertigt hat.
Dienstag, 6. März 2012
Friedrich II "Der Grosse" und seine Hofkomponisten (Crystal Classics)
Friedrich II. (1712 bis 1786) engagierte für sein Orchester einige der besten Musiker seiner Zeit. Am Hof des Preußenkönigs wirkten unter anderem Carl Philipp Emanuel Bach, Johann Joachim Quantz, die Brüder Graun und Franz Benda. Wer wissen will, welche Musik Friedrich schätzte, dem bietet diese Doppel-CD einen ersten Höreindruck.
Die Aufnahmen stammen aus dem Archiv von Capriccio; sie sind zumeist von hoher Qualität. Zu hören sind unter anderem Flötisten wie Eckart Haupt, Manfred Friedrich und Christoph Huntgeburth, Christine Schornsheim, Cembalo, sowie die Berliner Barock-Compagney, die Dresdner Barocksolisten und das Kammerorchester "Carl Philipp Emanuel Bach" unter Hartmut Haen- chen.
Die Aufnahmen stammen aus dem Archiv von Capriccio; sie sind zumeist von hoher Qualität. Zu hören sind unter anderem Flötisten wie Eckart Haupt, Manfred Friedrich und Christoph Huntgeburth, Christine Schornsheim, Cembalo, sowie die Berliner Barock-Compagney, die Dresdner Barocksolisten und das Kammerorchester "Carl Philipp Emanuel Bach" unter Hartmut Haen- chen.
Samstag, 3. März 2012
Benda: Violin Sonatas (Glossa)
"Er bildete sich wie alle großen Genies selber", rühmte Christian Friedrich Daniel Schubart den Musiker Franz Benda (1709 bis 1786). "Der Ton, den er aus seiner Geige zog, war der Nachhall einer Silberglocke. Seine Harpeggi sind neu, stark, voll Kraft; die Applica- turen tief studiert und sein Vor- trag ganz der Natur der Geige an- gemessen. Er spielte zwar nicht so geflügelt, wie es jetzt unsere raschen Zeitgenossen verlangen; aber desto saftiger, tiefer, einschneidender. Im Adagio hat er bey- nahe das Maximum erreicht: er schöpfte aus dem Herzen - und drang in die Herzen, und man hat mehr als einmahl Leute weinen sehen, wenn Benda ein Adagio spielte."
Benda komponierte überwiegend für sein Instrument, die Violine. Überliefert sind unter anderem etwa 150 Sonaten, nicht zuletzt des- halb, weil sie von seinen Schülern und Kollegen immer wieder abge- schrieben wurden. In der Staatsbibliothek zu Berlin befindet sich unter anderem jene Sammlung, aus der die Werke stammen, die auf der vorliegenden CD zu hören sind. Sie ist eine ganz besondere Kostbarkeit - denn sie enthält 34 Sonaten Bendas mit ausnotierten Verzierungen, die auf separaten Notensystemen ergänzt worden sind. Der heutige Hörer wird staunen, was man damals alles als "Verzie- rung" ansah - und wie weit die Musiker seinerzeit von der "originalen", notierten Version abgewichen sind.
Das macht diese Einspielung der Schola Cantorum Basiliensis spannend. Und Geigerin Laila Schayegh, Felix Knecht am Violoncello sowie der versierte Cembalist Václav Luks - allesamt ausgewiesene Experten für "Alte" Musik - sorgen dafür, dass aus diesen Noten-Skizzen wieder Musik wird, die so hinreißend klingt, wie dies von Bendas Zeitgenossen berichtet worden ist. Bravi!
Benda komponierte überwiegend für sein Instrument, die Violine. Überliefert sind unter anderem etwa 150 Sonaten, nicht zuletzt des- halb, weil sie von seinen Schülern und Kollegen immer wieder abge- schrieben wurden. In der Staatsbibliothek zu Berlin befindet sich unter anderem jene Sammlung, aus der die Werke stammen, die auf der vorliegenden CD zu hören sind. Sie ist eine ganz besondere Kostbarkeit - denn sie enthält 34 Sonaten Bendas mit ausnotierten Verzierungen, die auf separaten Notensystemen ergänzt worden sind. Der heutige Hörer wird staunen, was man damals alles als "Verzie- rung" ansah - und wie weit die Musiker seinerzeit von der "originalen", notierten Version abgewichen sind.
Das macht diese Einspielung der Schola Cantorum Basiliensis spannend. Und Geigerin Laila Schayegh, Felix Knecht am Violoncello sowie der versierte Cembalist Václav Luks - allesamt ausgewiesene Experten für "Alte" Musik - sorgen dafür, dass aus diesen Noten-Skizzen wieder Musik wird, die so hinreißend klingt, wie dies von Bendas Zeitgenossen berichtet worden ist. Bravi!
Samstag, 26. November 2011
FlötenKönig - Emmanuel Pahud (EMI Classics)
Der Flötenkönig - das ist mitnich- ten Emmanuel Pahud, der Solo- flötist der Berliner Philharmoniker, trotz der albernen Kostümierung, in der er auf dem Cover dieser CD zu sehen ist. Im Januar 2012 jährt sich zum 300. Male der Geburtstag Friedrichs II. von Preußen, auch Friedrich der Große genannt. Und so wird dies vermutlich nicht die letzte CD sein, die in den kommen- den Monaten dem Monarchen gewidmet werden wird, der mit derselben Leidenschaft Flöte spielte, mit der er auch seine Soldaten exerzierte.
"Es ist eines, Geschichte aus einem Geschichtsbuch zu lernen, Daten, Fakten und Zitate zu einem Gesamtbild zu addieren. Für mich als Musiker ist ein weiterer Schlüssel, um diese historische Epoche zu verstehen, die Musik selbst", meint Emmanuel Pahud in seinem Essay "Der neue Geist zu Hofe", beigefügt im Beiheft dieser Doppel-CD - Copyright by Axel Brüggemann, da wundert sich der Leser allerdings: Von wem stammt denn dieser Text - vom Musiker, oder von einem Musikjournalisten? Noch staunend, liest man weiter: "Schließlich funktioniert sie ähnlich wie die Sprache. Sie wandelt sich mit ihrer Zeit: neue Vokabeln werden erfunden und die Grammatik erweitert, um ein verändertes Lebensgefühl auszudrücken."
Um diesen Übergang deutlich werden zu lassen, hat der Flötist - oder war es die Mannschaft von EMI Classics, man ist sich da schon nicht mehr ganz sicher - Werke ganz unterschiedlicher Komponisten ne- beneinander gestellt. "Johann Sebastian Bach war ein Perfektionist der Form: er hat mit komplexen Systemen und Harmonien gearbei- tet, ja gar mit mathematischen Codes und sie durch seine Genialität belebt", meint Pahud. "Die nächste Generation hat diese alten Formen durchaus aufrecht erhalten, es wurden weiterhin Solostücke oder Sonaten geschrieben. Aber die Freiheit innerhalb der alten Formen wurde durch Carl Philipp Emanuel Bach, durch Quantz und auch durch Friedrich selbst erweitert. Man erkennt das daran, dass die Taktzahlen nicht mehr genau stimmen, dass alles interaktiver wirkt - und dass die Musiker suchen, was man im Jazz die ,Blue Note' nennt. Eine Stimmung, einen individuellen Ausdruck."
Der Schritt vom Barock in die Ära der Aufklärung spiegele sich in der Alltagskultur in Preußen und in seiner Musik wieder, so der Flötist: "Wer genau hinhört, versteht, wie sehr die Musiker von den moder- nen Ideen geprägt waren - und wie sie daran gearbeitet haben, sie in Musik zu übersetzen. Jeder auf seine Art." Und in seiner Position, denn da erkennt Pahud enorme Unterschiede. "Ebenso wie die Stücke Carl Philipp Emanuel Bachs, der zwar auch mit den Konventionen seines Vaters gebrochen hat, bleiben Quantz' Kompositionen Werke eines Untergebenen." Die Werke Friedrichs hingegen seien "am schwierigsten zu spielen", sagt der Flötist: "Das liegt daran, dass sie den Duktus des Herrschers tragen. Er bestimmt die Regeln, er ent- scheidet, was richtig und falsch ist." Nun ja.
Für diese CD hat Pahud exzellente Mitstreiter, allen voran Trevor Pinnock am Cembalo, der sich seit vielen Jahren der Alten Musik verschrieben hat, und hier die Kammerakademie Potsdam ebenso versiert führt, wie man das von seinen Aufnahmen mit dem von ihm gegründeten Ensembe The English Concert gewohnt ist. Die jungen Musiker spielen frisch und engagiert. Bei den Sonaten, allen voran die Triosonate aus Bachs Musikalischem Opfer BWV 1079, wirken dann allerdings Matthew Truscott, Violine, und Jonathan Manson, Violon- cello, mit.
Beide sind ausgewiesene Experten für Barockmusik; desto mehr verwundert es allerdings, dass sie hier nicht "richtige" Barockmusik spielen, sondern eine Aufführungspraxis pflegen, die man bestenfalls als historisch informiert bezeichnen könnte. Emmanuel Pahud spielt für die Musik, mit der er sich hier beschäftigt, schlicht das falsche Instrument. Wer das berühmte Gemälde genau betrachtet, das Friedrich beim Musizieren in Sanssouci zeigt, dem wird auffallen, dass der König mitnichten eine Böhm-Flöte mit Klappenmechanismus in Händen hält. Die gab es damals nämlich noch gar nicht. Und durch den Gebrauch einer Traversflöte ergeben sich nicht nur ganz andere technische Herausforderungen für den Solisten, es ergibt sich auch grundsätzlich ein gänzlich anderer Klang.
Insofern hinterlässt diese CD nicht den allerbesten Eindruck - bei aller technischen Brillanz. Natürlich ist Pahud ein sehr guter Solist, aber die Quantz-Konzerte sowie etliche Werke der beiden Bachs hat auf der Querflöte auch beispielsweise der Dresdner Flötist Eckart Haupt ein- gespielt. Wenn ich ganz ehrlich sein soll - diese Aufnahmen gefallen mir besser, auch wenn sie mittlerweile schon einige Jährchen auf dem Buckel haben. Ich finde sie stimmiger, musikantischer - und darum wird auch nicht so ein Rummel betrieben.
"Während der Aufnahme dieser CD passierte etwas, das mich faszinierte: Ich musste für jedes Werk in eine andere Rolle schlüpfen. Jeder Komponist, der Freidenker Friedrich, sein Lehrer Quantz, der revolutionäre Carl Philipp Emanuel Bach und Anna Amalia von Preußen haben aus unterschiedlichen Positionen komponiert", berichtet Pahud. "Bei allen unterschieden sich der Tonfall und der Sprachduktus der Musik. Für uns als Interpreten ist das eine große Herausforderung. So sind die einzelnen Stücke dieser CD zu kleinen Opern geworden, die von unterschiedlichen Menschen erzählen. Irgendwann formte sich aus all den Mosaiken für mich ein Bild über das Treiben, das Denken und den Geist am Hofe Preußens." Spätestens dort kann ihm der Zuhörer garantiert nicht mehr folgen; und vielleicht hätte EMI Classics auch generell das Beiheft etwas stärker auf die Musik und etwas weniger auf die Person Friedrichs ausrichten sollen. Informationen statt Klischee und Preußenkönig, gern auch ein paar Zeilen über die Musiker. So übertönt das Marke- ting-Getrommel die Flötentöne. Schade.
"Es ist eines, Geschichte aus einem Geschichtsbuch zu lernen, Daten, Fakten und Zitate zu einem Gesamtbild zu addieren. Für mich als Musiker ist ein weiterer Schlüssel, um diese historische Epoche zu verstehen, die Musik selbst", meint Emmanuel Pahud in seinem Essay "Der neue Geist zu Hofe", beigefügt im Beiheft dieser Doppel-CD - Copyright by Axel Brüggemann, da wundert sich der Leser allerdings: Von wem stammt denn dieser Text - vom Musiker, oder von einem Musikjournalisten? Noch staunend, liest man weiter: "Schließlich funktioniert sie ähnlich wie die Sprache. Sie wandelt sich mit ihrer Zeit: neue Vokabeln werden erfunden und die Grammatik erweitert, um ein verändertes Lebensgefühl auszudrücken."
Um diesen Übergang deutlich werden zu lassen, hat der Flötist - oder war es die Mannschaft von EMI Classics, man ist sich da schon nicht mehr ganz sicher - Werke ganz unterschiedlicher Komponisten ne- beneinander gestellt. "Johann Sebastian Bach war ein Perfektionist der Form: er hat mit komplexen Systemen und Harmonien gearbei- tet, ja gar mit mathematischen Codes und sie durch seine Genialität belebt", meint Pahud. "Die nächste Generation hat diese alten Formen durchaus aufrecht erhalten, es wurden weiterhin Solostücke oder Sonaten geschrieben. Aber die Freiheit innerhalb der alten Formen wurde durch Carl Philipp Emanuel Bach, durch Quantz und auch durch Friedrich selbst erweitert. Man erkennt das daran, dass die Taktzahlen nicht mehr genau stimmen, dass alles interaktiver wirkt - und dass die Musiker suchen, was man im Jazz die ,Blue Note' nennt. Eine Stimmung, einen individuellen Ausdruck."
Der Schritt vom Barock in die Ära der Aufklärung spiegele sich in der Alltagskultur in Preußen und in seiner Musik wieder, so der Flötist: "Wer genau hinhört, versteht, wie sehr die Musiker von den moder- nen Ideen geprägt waren - und wie sie daran gearbeitet haben, sie in Musik zu übersetzen. Jeder auf seine Art." Und in seiner Position, denn da erkennt Pahud enorme Unterschiede. "Ebenso wie die Stücke Carl Philipp Emanuel Bachs, der zwar auch mit den Konventionen seines Vaters gebrochen hat, bleiben Quantz' Kompositionen Werke eines Untergebenen." Die Werke Friedrichs hingegen seien "am schwierigsten zu spielen", sagt der Flötist: "Das liegt daran, dass sie den Duktus des Herrschers tragen. Er bestimmt die Regeln, er ent- scheidet, was richtig und falsch ist." Nun ja.
Für diese CD hat Pahud exzellente Mitstreiter, allen voran Trevor Pinnock am Cembalo, der sich seit vielen Jahren der Alten Musik verschrieben hat, und hier die Kammerakademie Potsdam ebenso versiert führt, wie man das von seinen Aufnahmen mit dem von ihm gegründeten Ensembe The English Concert gewohnt ist. Die jungen Musiker spielen frisch und engagiert. Bei den Sonaten, allen voran die Triosonate aus Bachs Musikalischem Opfer BWV 1079, wirken dann allerdings Matthew Truscott, Violine, und Jonathan Manson, Violon- cello, mit.
Beide sind ausgewiesene Experten für Barockmusik; desto mehr verwundert es allerdings, dass sie hier nicht "richtige" Barockmusik spielen, sondern eine Aufführungspraxis pflegen, die man bestenfalls als historisch informiert bezeichnen könnte. Emmanuel Pahud spielt für die Musik, mit der er sich hier beschäftigt, schlicht das falsche Instrument. Wer das berühmte Gemälde genau betrachtet, das Friedrich beim Musizieren in Sanssouci zeigt, dem wird auffallen, dass der König mitnichten eine Böhm-Flöte mit Klappenmechanismus in Händen hält. Die gab es damals nämlich noch gar nicht. Und durch den Gebrauch einer Traversflöte ergeben sich nicht nur ganz andere technische Herausforderungen für den Solisten, es ergibt sich auch grundsätzlich ein gänzlich anderer Klang.
Insofern hinterlässt diese CD nicht den allerbesten Eindruck - bei aller technischen Brillanz. Natürlich ist Pahud ein sehr guter Solist, aber die Quantz-Konzerte sowie etliche Werke der beiden Bachs hat auf der Querflöte auch beispielsweise der Dresdner Flötist Eckart Haupt ein- gespielt. Wenn ich ganz ehrlich sein soll - diese Aufnahmen gefallen mir besser, auch wenn sie mittlerweile schon einige Jährchen auf dem Buckel haben. Ich finde sie stimmiger, musikantischer - und darum wird auch nicht so ein Rummel betrieben.
"Während der Aufnahme dieser CD passierte etwas, das mich faszinierte: Ich musste für jedes Werk in eine andere Rolle schlüpfen. Jeder Komponist, der Freidenker Friedrich, sein Lehrer Quantz, der revolutionäre Carl Philipp Emanuel Bach und Anna Amalia von Preußen haben aus unterschiedlichen Positionen komponiert", berichtet Pahud. "Bei allen unterschieden sich der Tonfall und der Sprachduktus der Musik. Für uns als Interpreten ist das eine große Herausforderung. So sind die einzelnen Stücke dieser CD zu kleinen Opern geworden, die von unterschiedlichen Menschen erzählen. Irgendwann formte sich aus all den Mosaiken für mich ein Bild über das Treiben, das Denken und den Geist am Hofe Preußens." Spätestens dort kann ihm der Zuhörer garantiert nicht mehr folgen; und vielleicht hätte EMI Classics auch generell das Beiheft etwas stärker auf die Musik und etwas weniger auf die Person Friedrichs ausrichten sollen. Informationen statt Klischee und Preußenkönig, gern auch ein paar Zeilen über die Musiker. So übertönt das Marke- ting-Getrommel die Flötentöne. Schade.
Samstag, 25. Dezember 2010
Georg & Franz Benda: Flute Sonatas (Hungaroton)
In der Giedde-Sammlung der Königlichen Bibliothek Kopenhagen befindet sich eine Abschrift von vier Flötensonaten von Franz Benda und elf Flötensonaten von Georg Benda. Die Brüder - sie hießen eigentlich Frantisek und Jiri Antonín - gehören zu jenen böhmi- schen Musikern, die im 18. Jahr- hundert ihre Heimat verließen, um andernorts, irgendwo in Europa, anerkannt zu werden und ihren Lebensunterhalt zu verdienen.
Franz Benda, der ältere Bruder, kam schon als Zehnjähriger nach Dresden, wo er als Kapellknabe an der Katholischen Hofkirche diente und im Geigenspiel unterwiesen wurde. Mit 14 Jahren begann er, eigene Stücke zu komponieren. Er spielte in verschiedenen Hofkapellen, und lernte schließlich in Dresden Quantz kennen, der ihm eine Anstellung als Erster Geiger am Hof des preußischen Kronprinzen in Ruppin verschaffte. Franz Benda wurde später Konzertmeister und nach Quantz' Tod auch der wichtig- ste musikalische Ratgeber Friedrichs des Großen.
1742 ermöglichte es der König dem Musiker, seine Familie nach Berlin zu holen. So gab Benda seinen Brüdern Joseph und Georg Unterricht auf der Geige, seiner Schwester Anna Franziska Gesangs- stunden. Dies erwies sich als Ausgangspunkt für eine Dynastie von Berufsmusikern, die bis heute existiert; Georg Benda beispielweise war zunächst Geiger in der Hofkapelle Friedrichs, und wurde dann 1750 Hofkapellmeister des Herzogs Friedrich III. von Sachsen-Gotha. Er gilt als Schöpfer des Melodrams, und war zu Lebzeiten sehr populär.
Die Flötensonaten werden die Gebrüder Benda vermutlich für Friedrich den Großen geschrieben haben. Der König beherrschte das Instrument virtuos, und entsprechend anspruchsvoll ist auch der Solopart dieser galanten Werke. Veronika Oross - sie spielt übrigens eine Flöte von August Richard Hammig, Markneukirchen, ein ausgesprochen klangschönes Exemplar - bereitet dies keinerlei Probleme. Die Solistin nimmt die Sonaten temperamentvoll, und gestaltet trotz des zügigen Tempos ganz wunderbar. Ihr Ton begeistert ebenso beständig wie ihre Phrasierung, und auch Kousay Mahdi am Barockcello und Angelika Csizmadia am Nachbau eines Nachbaus eines Ruckers-Cembalos tragen dazu bei, dass sich der Zuhörer keine Sekunde langweilt. Brillant!
Abonnieren
Posts (Atom)














