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Samstag, 4. Mai 2019

Lasso - Striggio - Padovano: The Royal Wedding, Munich 1568 (Deutsche Harmonia Mundi)

1568 wurde in München die Hochzeit des bayerischen Erzherzogs Wilhelm V. mit Renata von Lothringen gefeiert. Es war ein großes Fest, das sagenhafte 18 Tage dauerte. Und natürlich kamen zu den Feierlich- keiten der Hochadel und Gesandte aus ganz Europa. 
Dass auch die Hofkapelle dazu mit Außerordentlichem aufwartete, versteht sich wohl von selbst. Hofkapellmeister Orlando di Lasso (1532 bis 1594) komponierte speziell für diesen Anlass Messen und Motetten. Er führte mit seinen Sängern und Musikern aber auch auserlesene Werke von Zeitgenossen auf, wie die Missa à 24 von Annibale Padovano (1527 bis 1575) und die vierzigstimmige Motette Ecce beatam lucem von Alessandro Striggio (1536 bis 1592). Die Klangpracht, die die Hofkapelle aufbieten konnte, muss überwältigend gewesen sein. 
Herzog Albrecht ließ sich diesen Prunk gern etwas kosten – so standen damals neben dem Hofkapellmeister auch zwölf Sängerknaben, gut 40 erwachsene Sänger, zwölf Bläser und Streicher, drei Organisten, ein Kalkant, ein Orgelbauer und ein Kapellmeister in seinen Diensten. Wie sie zur Fürstenhochzeit aufspielten, das hat der Hofsänger Massimo Troiano glücklicherweise ausführlich beschrieben. Er hat aber nur Besetzungsangaben notiert, und dazu einige wenige Namen von Komponisten. 
Musikwissenschaftlern ist es nun gelungen, Musikstücke zu identifizieren, die seinerzeit erklungen sein könnten. Die Forschungsergebnisse sind die Grundlage für diese herrliche CD, auf der das vielfach preisgekrönte Instrumentalensemble Musica Fiata unter seinem Leiter Roland Wilson zusammen mit dem Vokalensemble La Capella Ducale die spektakulären Münchener Hochzeitsmusiken in Ausschnitten präsentiert. Zu hören sind neben einer Missa festiva, vorgetragen von drei Chören, die sich jeweils noch einmal in zwei Gruppen teilten, auch die kompletten Musiken, die das Bankett am Tage der Trauung begleitet haben. Es hatte acht Gänge, man kann sich also vorstellen, wie abwechslungsreich auch die Klänge waren, die die Hofkapelle dazu dargeboten hat. Zwar endete es ursprünglich mit einer Motette von Orlando di Lasso, aber Wilson konnte der Versuchung nicht widerstehen und ersetzte dieses originale Werk durch Striggios berühmtes Ecce beatam lucem, das eigentlich erst zum Abschluss der Feierlichkeiten am 7. März 1568 erklungen ist. 
Neben bekannten Instrumenten wie Violinen, Zink, Flöten, Posaunen und Laute sind auch Instrumente wie Dolzaina und Cornamusa zu hören, die extra für diese Aufnahme rekonstruiert worden sind. Außerdem bricht Wilson mit dem Brauch, die alten Musikstücke in originaler Lage aufzuführen. Denn die Forschung konnte nachweisen, dass in München seinerzeit eigentlich durchweg transponiert wurde. Das hat verblüffende klangliche Effekte, die auf dieser CD zu bestaunen sind. Grandios, unbedingt anhören! 

Montag, 25. Juni 2012

Striggio: Mass for 40 and 60 voices (Glossa)

Die Fotos im Beiheft verraten es: Dirigent Hervé Niquet steht nicht nur im übertragenen Sinne im Mittelpunkt der vorliegenden Aufnahme. Das hat seinen Grund: Diese Messe, von Alessandro Striggio (um 1536 bis 1592) für den Großherzog von Florenz kompo- niert, sprengt alle herkömmlichen Dimensionen. 
Die Medici feierten gern und prachtvoll; besonderen Glanz er- hielten aber traditionell die Fest- lichkeiten am Johannistag, dem 24. Juni, da sie dem Schutzpatron der Stadt Florenz galten. Dazu gehörte auch eine feierliche Messe in der Kathedrale Santa Maria del Fiore, die nach einem großen Feuerwerk den Schlusspunkt setzte. Und deshalb sollte sie auch besonders spektakulär ausfallen. Es erklang beispielswiese diese Messe Striggios für fünf achtstimmige Chöre, im Agnus Dei sind sogar 60 Stimmen vorgesehen; Aufwand und Effekt müssen gigantisch gewesen sein.
Das lässt sich noch immer nachvollziehen, wie diese CD beweist. Die Version des Messpropriums, die hier gesungen wird, stammt von Francesco Corteccia (1502 bis 1571), der zur Zeit Striggios Kapell- meister an der Kathedrale war. Introitus, Alleluia und Communio aus seiner Feder erklingen hier in Weltersteinspielung. Striggios Missa sopra Ecco sì beato giorno und seiner Motette Ecce beatam lucem wurde zudem Musik von Orazio Benevolio (1605 bis 1672) zur Seite gestellt. Er hat den barocken Monumentalstil mit besonderer Hingabe perfektioniert. So schrieb er 1628 für die Einweihung des Salzburger Münsters eine 48stimmige Messe für zwölf Chöre, die aber leider nicht überliefert ist. 
Wer schon immer einmal hören wollte, wie es klingt, wenn 60 Sänger zugleich - und jeder eine separate Stimme - singen, der sollte diese CD unbedingt anhören. Es lohnt sich. Das Label Glossa konnte für diese Aufnahme Manuel Mohino verpflichten, der sich als exzellenter Ton- ingenieur erweist und die SACD-Aufnahmetechnik brillant einsetzt, um nicht zuletzt die räumlichen Effekte dieser Musik nachvollziehbar zu machen. Denn die Sänger wurden bei der Aufnahme in der Pariser Kirche Notre-Dame du Liban gemeinsam mit den Instrumentalisten von Le Concert Spirituel im Kreis um den Dirigenten herum platziert. Die Mikrophone befanden sich im Zentrum – wer also schon immer einmal im Wohlklang baden wollte, der darf sich hier auf eine be- sonders faszinierende SACD-Surround-Klangerfahrung freuen. Wer ein solches Musikerlebnis live genießen kann, der ist wahrlich zu be- neiden. 

Samstag, 23. April 2011

Striggio: Mass in 40 Parts (Decca)

Alessandro Striggio d.Ä. (1536/37 bis 1592) war der natürliche Sohn und Erbe eines Aristokraten aus Mantua. 1559 ging er an den Hof von Herzog Cosimo I. de Medici in Florenz. Sein gehobener sozialer Rang ermöglichte ihm eine Doppel- karriere als Musiker und Diplomat. Beides war eng miteinander ver- knüpft. So reiste er 1567 im Winter quer durch Europa, um Maximilian II., dem neuen Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, im Namen seines Herrn eines seiner Werke, die Missa Ecco si beato giorno, zu präsentierten. Striggio traf den Kaiser in Brünn und berichtete, dieser sei entzückt gewesen. 
Der Komponist reiste weiter nach München, wo die Messe für Herzog Albert V. erklang - sehr wahrscheinlich unter der Leitung von Orlan- do di Lasso - und ging dann anschließend nach Paris, wo er eine außerliturgische Aufführung vor dem jungen Charles IX. und seiner Mutter Catherine de Medici, einer Kusine Cosimos, leitete. Brieflich bat er dann seinen Dienstherrn, noch England aufsuchen zu dürfen, was ihm offenbar auch gestattet wurde. 
Auch dort scheint er sein Werk vorgestellt zu haben. Ein Zeitgenosse, der die Aufführung möglicherweise miterlebt hat, berichtet, diese Musik - "whence the Italians obteyned the name to be called Apices of the world" - habe eine himmlische Harmonie verbreitet. Und ein Herzog habe gefragt, ob es nicht auch in England jemanden gebe, der ein solches Werk zu schaffen in der Lage sei. Thomas Tallis solle sich doch daran versuchen - was der auch tat, indem er Spem in alium schrieb, eine ebenfalls 40stimmige Motette, die zwar einige der italienischen Kompositionstechniken adaptiert, aber zugleich den Kontrapunkt, den Striggio sorgsam meidet, geradezu meisterhaft einsetzt. Dadurch entstehen außerordentlich faszinierende Disso- nanzen - und Tallis gelang so ein Kunstwerk, das dem Vorbild des italienischen Kollegen mindestens ebenbürtig ist. 
Etliche Werke Striggios sind überliefert, darunter sieben Bücher mit Madrigalen sowie die Madrigalkomödie Il cicalamento delle donne al bucato. Sein gleichnamiger Sohn schrieb später übrigens das Libretto zu Monteverdis Orfeo. Robert Hollingworth hat nun mit dem Ensem- ble I Fagiolini für das Label Decca eine hochinteressante Auswahl der Werke Alessandro Striggios eingespielt. Sie beginnt mit der Motette Ecce beatam lucem, die im April 1591, wohl im Dom von Florenz, päpstlichen Gesandten zu Ehren im Rahmen eines aufwendigen Spek- takels erstmals aufgeführt wurde. Dabei scheinen - wie im Theater - maskierte und kostümierte Sänger und Instrumentalisten dank Wolkenmaschinen durch den Raum "geschwebt" zu sein. Und wie man hört, verstand man sich nicht nur in Venedig trefflich auf die Gestal- tung von mehrchörigen Gesängen. 
Aus dem erfolgreichen Werk wurde dann in zwei Schritten die Paro- diemesse Missa Ecco si beato giorno, ein ganz erstaunliches Musik- stück, teilweise sogar sechzigstimmig. Sie galt als verloren, doch dann wurden vor einiger Zeit die Stimmbücher in Paris entdeckt. So er- klingt sie hier auf dieser CD als Weltersteinspielung, gefolgt von einigen Madrigalen Striggios, die übrigens erneut zeigen, wie im
16. Jahrhundert Musik zur Repräsentation und als Mittel der Politik genutzt wurde. 
Als zusätzliche kleine Kostbarkeit enthält die CD ein kurzes Stück von Vincenzo Galilei, mit dem Striggio befreundet war. Und natürlich wird Tallis' Spem in alium vorgetragen, erstmals nach einer neuen Edition von Hugh Keites. Die Besetzung und die Verteilung der einzel- nen Stimmen hat Hollingworth klug überlegt; zu dem gigantischen Solistenensemble - Chor kann man diese Formation nicht wirklich nennen - kommen ganze Scharen an Instrumentalisten, die durchweg historisch korrekt streichen, blasen und zupfen. Das Ergebnis klingt grandios. Diese CD ist ein Ereignis - und wohl dem, der technisch so ausgestattet ist, dass er die räumlichen Effekte, die durch die Mehr- chörigkeit zustande kommen, wahrnehmen und genießen kann.