Das Theater war, zumindest in der Vergangenheit, keine politisch korrekte Kunst. So scherten sich die Opernkomponisten früherer Jahrhunderte einen Krümel um Figur, Geschlecht oder Hautfarbe ihrer Darsteller. Arien wurden oftmals für den jeweiligen Sänger maßgeschneidert – oder eben für die Sängerin.
Sonntag, 15. August 2021
Baroque Gender Stories (Deutsche Harmonia Mundi)
Das Theater war, zumindest in der Vergangenheit, keine politisch korrekte Kunst. So scherten sich die Opernkomponisten früherer Jahrhunderte einen Krümel um Figur, Geschlecht oder Hautfarbe ihrer Darsteller. Arien wurden oftmals für den jeweiligen Sänger maßgeschneidert – oder eben für die Sängerin.
Samstag, 2. Januar 2021
Bach: Entfliehet, ihr Sorgen (Deutsche Harmonia Mundi)
Zwei weitere Kantaten von Johann Sebastian Bach hat Alexander Grychtolik rekonstruiert und mit seinem Ensemble Deutsche Hofmusik eingespielt. Für beide Werke, die in Bachs Leipziger Zeit entstanden sind, waren bislang nur Texte vorhanden. Um sie wieder aufführen zu können, suchte der Cembalist und Dirigent daher nach anderen Werken des Komponisten, die als Parodievorlage für solche Gelegenheitskompositionen gedient haben könnten – oder nach Arien und Chören, in denen Bach selbst seinerzeit musikalische Ideen wiederverwendet hat.
Denn weltliche Kantaten wurden für den jeweiligen Anlass geschrieben – war das Fest vorbei, gab es keinen Grund, sie nochmals aufzuführen. Zur Krönung des sächsischen Kurfürsten Friedrich August II., der 1734 in Krakow als August III. auch polnischer König wurde, lieferte Bach einem unbekannten Auftraggeber für eine Huldigung in Leipzig die Kantate Blast Lärmen, ihr Feinde! Verstärket die Macht (BWV 205a). Sie spielt mit ihrem Titel auf den soeben siegreich beendeten Thronfolgekrieg an, der nach dem Tode August des Starken um die polnische Königskrone ausgefochten wurde. Als Vorlage für diese Kantate diente das Dramma per musica „Der zufriedengestellte Aeolus“ (BWV 205), das dafür mit einem neuen Text versehen wurde.
Die Schäferkantate Entfliehet, ihr Sorgen (BWV 249a), erklungen 1725 als Tafelmusik zum Geburtstag von Herzog Christian von Sachsen-Weißenfels auf Schloss Neu-Augustusburg, gilt als weltliche Urfassung des Osteroratoriums BWV 249. Mit dem Libretto begann zudem die Zusammenarbeit zwischen Bach und seinem Textdichter Picander.
Allerdings fehlten dieser Geschichte über zwei Schäferinnen, die auf ihrem Weg zum Geburtstagsfest des Herzogs zwei Hirten treffen, bislang Rezitative. Diese wurden daher durch Grychtolik stilsicher ergänzt. Und wer das Osteroratorium kennt, mit all seinen Seltsamkeiten, der wird beim Anhören dieser CD all das verstehen, was ihm bei der „Recyclingversion“ musikalisch seltsam vorgekommen ist. Was für eine Offenbarung! Musiziert wird zudem exzellent. Solisten der Aufnahme sind Miriam Feuersinger, Sopran, Elvira Bill, Alt, Daniel Johannsen, Tenor und Stephan MacLeod, Bass.
Dienstag, 22. Dezember 2020
Christmas in Europe (Deutsche Harmonia Mundi)
Einer der besten Chöre der Welt singt Weihnachtslieder aus den unterschiedlichsten Regionen Europas: Einmal mehr hat sich Thomas Hengelbrock mit dem von ihm 1991 gegründeten Balthasar-Neumann-Chor auf musikalische Entdeckungsreise begeben. Und so erklingen auf diesem Album Weihnachtslieder in 16 verschiedenen Sprachen von Italienisch bis Isländisch und von Katalanisch bis Tschechisch. Schlagwerk und Orgel begleiten die Sängerinnen und Sänger dezent dabei.
Samstag, 12. September 2020
Suoni amorosi (Deutsche Harmonia Mundi)
Lauten und Theorben sind mittlerweile wieder zu hören. Aber das Hackbrett und seine Verwandten erklingen, außerhalb der Brauchtumspflege, eher selten. Dieses Saiteninstrument wird mit kleinen Hämmerchen angeschlagen. Birgit Stolzenburg lässt hier Salterio, Dulce Melos, Dulcimer und Kontrabass-Hackbrett erklingen. Hans Brüderl spielt Vihuela, Renaissancegitarre, Renaissancelaute und Theorbe, und gemeinsam zeigen die beiden Musiker, welche Vielfalt an Klangmöglichkeiten dieses Instrumentarium ermöglicht. Dafür hat das Duo Gioco di Salterio Werke vom 14. bis zum 18. Jahrhundert ausgewählt. Berückend!
Donnerstag, 19. März 2020
Time stands still - Cantus Thuringia (Deutsche Harmonia Mundi)
In kleiner Besetzung lässt das Ensemble Songs, Anthems und Ayres von altenglischen Meistern erklingen. Die Einspielung beginnt mit O Lord, in thee is all my trust von Thomas Tallis, ganz schlicht und klar.
„Dieses Stück gibt die Richtung vor“, erklärt Christoph Dittmar, Alto, der das Ensemble als primus inter pares leitet. „Reinheit und Schlichtheit sind hier programmatisch.“
Die Musiker Silvia Müller, Blockflöte, Christoph Sommer, Laute und Theorbe, Dietrich Haböck, Viola da gamba und Mikhail Yarzhembovskiy, Cembalo und Orgel, begleiten nicht nur den Gesang. Sie stellen auch einige Instrumentalstücke vor, die das Programm abrunden – eine Suite von Matthew Locke, ein Pasticcio aus Werken Henry Purcells sowie zwei Lautenwerke von John Dowland.
Time stands still, das zentrale Werk der CD, steht auch wie eine Schwelle zwischen Kompositionen, die sich zuvor der himmlischen und danach eher der irdischen Liebe zuwenden. Die Zeit hält zudem den Atem an, wenn sich Silvia Müller mit der Blockflöte zu den Sängern gesellt, ihre Linien ganz im Stil der damaligen Zeit auszierend.
Eine sehr reizvolle Option; Cantus Thuringia hat eigens dafür „Stücke ausgewählt, bei denen die Blockflöte diminuierend (..) hinzutritt, mal als Ober-, mal als Mittelstimme – zumal dieses Instrument in England und bis ins 18. Jahrhundert hinein äußerst beliebt war“, so Dittmar. „An einigen Höfen waren sogar ganz Blockflötenensembles fest engagiert.“
Dienstag, 17. März 2020
Circle Line (Deutsche Harmonia Mundi)
Der Titel bezieht sich aber auch auf die Musikgeschichte. So erschien 1968 „Music as a Gradual Process“, ein Aufsatz von Steve Reich, in dem der amerikanische Komponist schrieb: „I am interested in perceptible processes. I want to be able to hear the process happening throughout the sounding music. To facilitate closely detailed listening a musical process should happen extremely graduality.” Dieser viel beachtete Text gilt als Geburtsurkunde der Minimal Music.
Dass Repetition in der Musikgeschichte auch schon viel früher als formbildendes Prinzipien genutzt wurde, verdeutlicht diese Einspielung: Die Lautten Compagney verbindet Musik der Frührenaissance mit Minimal Music. Musiziert wird überwiegend mit dem Instrumentenbestand der „Alten“ Musik. Doch auch ein Saxophon sowie Schlagwerk sind beteiligt; die Aufnahme zeigt, dass Moderne nur ein Etikett ist – alle Werke können mit diesen Klängen durchaus faszinierend wirken. In scheinbar endloser Reihe folgen aufeinander Kompositionen von Philip Glass, John Cage, Meredith Monk, Steve Reich, Peter A. Bauer, Wim Mertens und Guillaume Dufay. An Anfang und am Ende steht Glass‘ Train To Sao Paulo – exzellente Filmmusik, man sieht den Zug förmlich vor sich. Und dann verknüpft die Lautten Compagney mit der „Neuen“ Musik gekonnt und beständig sorgsam ausgewählte Kompositionen von Dufay. Diese Circle Line über Jahrhunderte funktioniert ganz erstaunlich gut. Derart kenntnisreich verschachtelt, arrangiert, kombiniert und übereinander gelegt, ist am Ende das Ergebnis mehr als die Summe aller Teile – was für ein Kunstwerk, bravi!
Montag, 17. Februar 2020
Air Music (Deutsche Harmonia Mundi)
Die Musiker vergessen aber auch den Atem nicht, was eine menschliche und eine göttliche Dimension mit einschließt. Denn hat nicht Gott einst den Menschen mit seinem Atem belebt? Freilich gehören auch höchst irdische Seufzer in dieses Kapitel, und wie könnte man diese schöner besingen als mit Claudio Monteverdis Dolci miei sospiri?
Die meisten Musikstücke allerdings, die die Capella de la Torre für diese CD ausgewählt hat, sind weit weniger bekannt. So erklingen Werke etwa von Michael Praetorius, Girolamo Frescobaldi oder Anthony Holborne, aber auch von Komponisten, deren Namen wohl nur einigen wenigen Experten etwas sagen.
Die Musik allerdings sagt jedermann etwas – vor allem im dritten Kapitel, wo es um alles geht, was Flügel hat, Kanarienvögel beispielsweise, die Nachtigall oder Engel. Und von den mystischen Bewohnern der Lüfte bis hin zu allerlei Luftschlössern ist es dann nur noch ein kleiner Schritt.
Zu hören sind Instrumental- und Vokalstücke aus dem 15. bis frühen 17. Jahrhundert. Ein abwechslungsreiches Programm mit vielen reizvollen Entdeckungen, von der Capella de la Torre einmal mehr bestens präsentiert. Insbesondere Freunde historischer Bläserklänge werden verzückt lauschen. Bravi!
Mittwoch, 22. Januar 2020
Variety - The Art of Variation (Deutsche Harmonia Mundi)
Auch die barocken Kompositionen geben den Interpreten meist großen Freiraum. Wie sie korrekt aufzuführen sind, darum wurden heftige Debatten geführt, und jede Menge Aufsätze publiziert.
Mittlerweile dürfte klar sein: Die eine unverrückbar „richtige“ Interpretation wird wohl ein Phantom bleiben. Jede Aufführung klingt anders, und das ist auch gut so. Das Chamäleon darf weiter die Farbe wechseln. Und wir Musikliebhaber erfreuen uns an Kompositionen, die anspruchsvoll sind, aber nicht unzugänglich, die herausfordernd und abwechslungsreich sind, und dazu vergnüglich anzuhören.
Barockmusik, in ihren vielen höchst unterschiedlichen Facetten, bereitet noch immer den Interpreten und dem Publikum gleichermaßen Freude. Das gilt auch für das jüngste Album des Ensembles Les Passions de l’Ame aus Bern. Das Orchester für „Alte“ Musik um Konzertmeisterin Meret Lüthi präsentiert Werke der Komponisten Heinrich Ignaz Franz Biber (1644 bis 1704), Johann Joseph Fux (1660 bis 1741) und Johann Heinrich Schmelzer (um 1623 bis 1680).
Zentrales Thema des Programmes ist die Variation, nicht nur in der Barockzeit ein beliebtes Kompositionsverfahren. Die ausgewählten Musikstücke bieten den Musikern vielerlei Möglichkeiten, ihre Virtuosität zu zeigen – und sie sind auch für die Zuhörer höchst attraktiv. Denn sie begeistern durch ihren enormen musikalischen Einfallsreichtum ebenso wie durch spektakuläre Spieltechniken und Show-Effekte. Die Instrumentalisten von Les Passions de l’Ame überzeugen durch Spielfreude und Ausdrucksstärke. Wunderbar, diese Aufnahme hört man sich wirklich gern an.
Montag, 18. November 2019
Hasse at Home (Deutsche Harmonia Mundi)
Werke, die damals erklungen sein könnten, hat das Ensemble Le Musiche Nove unter der Leitung von Claudio Osele auf dieser CD in einem attraktiven Programm zusammengefasst. Neben Kantaten und Arien, gesungen von Sopranistin Veronika Kralova, sind auch eine Flöten- und eine Cembalosonate sowie eine Sinfonia a violoncello solo zu hören. Dabei handelt es sich fast durchweg um Weltersteinspielungen. Die Noten- editionen dafür hat Claudio Osele nach Handschriften erstellt, die sich heute in Mailand, Wien und Berlin befinden.
Johann Adolph Hasse (1699 bis 1783) schrieb gleich ein ganzes Kapitel Musikgeschichte. Geboren in Bergedorf bei Hamburg, war er in Neapel ebenso präsent wie in Dresden, Wien oder Venedig – und seine Musik war erstaunlich wandlungsfähig. Von frühen Werken, nach dem Vorbild seines Lehrers Alessandro Scarlatti, bis hin zu seinen immer noch innovativen letzten Kompositionen, beinahe schon im Stile der Frühklassik, reicht diese Entwicklung.
Diese CD macht deutlich, dass Hasse stets herrliche Melodien geschaffen hat; er entführt seine Hörer in idyllische Landschaften, und lässt sie Leidenschaften und Emotionen direkt miterleben. Hasse war ein großer Meister der opera seria – und ihre Mittel verwendet er auch in seinen Konzertarien und Kammerkantaten.
Freitag, 25. Oktober 2019
War & Peace - 1618:1918 (Deutsche Harmonia Mundi)
„Angst“, „Katastrophe“, „Vergäng- lichkeit“ und „Sehnsucht“ stehen als Überschriften über den vier Kapiteln, in denen die Musiker um Wolfgang Katschner sowohl Barockmusik als auch Klänge aus dem frühen 20. Jahrhundert miteinander kombiniert haben. Sopranistin Dorothee Mields gibt sowohl den Klageliedern als auch der Hoffnung auf Frieden und auf ein friedvolles Leben Stimme. Sie singt ergreifend und berührend, wobei mir ihr engelsreiner Gesang freilich besser zu den barocken Melodien zu passen scheint als zu den doch oft recht ruppigen Liedern aus dem Berlin der 20er Jahre. Großartig sind die Arrangements von Bo Wiget und Ensembleleiter Wolfgang Katschner. Eisler, Hollaender und Satie in frühbarockem Klanggewand - das ist sehr spannend.
Mittwoch, 2. Oktober 2019
Telemann: Sacred Cantatas (Deutsche Harmonia Mundi)
Zu hören sind die Kantaten All's Glück und Ungelücke, die Kommunion- kantaten Fliehet hin, ihr bösen Tage und Soll ich nicht von Jammer sagen sowie die Kantaten Vater unser im Himmelreich und Herr erhöre meine Stimme. Komplettiert wird das Programm durch zwei Quartette.
Samstag, 4. Mai 2019
Lasso - Striggio - Padovano: The Royal Wedding, Munich 1568 (Deutsche Harmonia Mundi)
Dass auch die Hofkapelle dazu mit Außerordentlichem aufwartete, versteht sich wohl von selbst. Hofkapellmeister Orlando di Lasso (1532 bis 1594) komponierte speziell für diesen Anlass Messen und Motetten. Er führte mit seinen Sängern und Musikern aber auch auserlesene Werke von Zeitgenossen auf, wie die Missa à 24 von Annibale Padovano (1527 bis 1575) und die vierzigstimmige Motette Ecce beatam lucem von Alessandro Striggio (1536 bis 1592). Die Klangpracht, die die Hofkapelle aufbieten konnte, muss überwältigend gewesen sein.
Herzog Albrecht ließ sich diesen Prunk gern etwas kosten – so standen damals neben dem Hofkapellmeister auch zwölf Sängerknaben, gut 40 erwachsene Sänger, zwölf Bläser und Streicher, drei Organisten, ein Kalkant, ein Orgelbauer und ein Kapellmeister in seinen Diensten. Wie sie zur Fürstenhochzeit aufspielten, das hat der Hofsänger Massimo Troiano glücklicherweise ausführlich beschrieben. Er hat aber nur Besetzungsangaben notiert, und dazu einige wenige Namen von Komponisten.
Musikwissenschaftlern ist es nun gelungen, Musikstücke zu identifizieren, die seinerzeit erklungen sein könnten. Die Forschungsergebnisse sind die Grundlage für diese herrliche CD, auf der das vielfach preisgekrönte Instrumentalensemble Musica Fiata unter seinem Leiter Roland Wilson zusammen mit dem Vokalensemble La Capella Ducale die spektakulären Münchener Hochzeitsmusiken in Ausschnitten präsentiert. Zu hören sind neben einer Missa festiva, vorgetragen von drei Chören, die sich jeweils noch einmal in zwei Gruppen teilten, auch die kompletten Musiken, die das Bankett am Tage der Trauung begleitet haben. Es hatte acht Gänge, man kann sich also vorstellen, wie abwechslungsreich auch die Klänge waren, die die Hofkapelle dazu dargeboten hat. Zwar endete es ursprünglich mit einer Motette von Orlando di Lasso, aber Wilson konnte der Versuchung nicht widerstehen und ersetzte dieses originale Werk durch Striggios berühmtes Ecce beatam lucem, das eigentlich erst zum Abschluss der Feierlichkeiten am 7. März 1568 erklungen ist.
Neben bekannten Instrumenten wie Violinen, Zink, Flöten, Posaunen und Laute sind auch Instrumente wie Dolzaina und Cornamusa zu hören, die extra für diese Aufnahme rekonstruiert worden sind. Außerdem bricht Wilson mit dem Brauch, die alten Musikstücke in originaler Lage aufzuführen. Denn die Forschung konnte nachweisen, dass in München seinerzeit eigentlich durchweg transponiert wurde. Das hat verblüffende klangliche Effekte, die auf dieser CD zu bestaunen sind. Grandios, unbedingt anhören!
Freitag, 3. Mai 2019
Scarlatti: Responsories for Holy Week - Holy Saturday (Deutsche Harmonia Mundi)
Es sind Werke von großer Ausdruckskraft, als Zyklus durchkomponiert, ungemein emotional. Zu Recht gilt Alessandro Scarlatti (1660 bis 1725) als „Erneuerer der Barockmusik“. Er führte die dreisätzige Sinfonia mit der Abfolge schnell – langsam – schnell ein, die er regelmäßig an den Anfang seiner Opern setzte. Alle anderen italienischen Opernkomponisten übernahmen dies schon sehr bald. Außerdem schrieb Scarlatti Sonate a quattro, und schuf damit quasi den Vorgänger des modernen Streichquartettes.
Für diese CD wurden die Responsorien für den Karsamstag durch vier Motetten und vier Orgelstücke des Komponisten ergänzt. La Stagione Armonica unter Leitung von Sergio Balestracci gestaltet dieses Programm gemeinsam mit dem Organisten Carlo Steno Rossi. „Emotional packende Musik zu Ostern – mustergültig interpretiert“, wirbt das Label; ein Urteil, das ich voll bestätigen kann.
Montag, 17. Dezember 2018
Un Nino nos es nascido (Deutsche Harmonia Mundi)
Das Ensemble Phoenix aus München ergänzt den Gesang, wo es angebracht ist, durch die Klänge von Vihuela, Viola da gamba, Flöte, spanischer Harfe und diverse Schlag- und Effektinstrumente. Auch reine Instrumentalwerke sind zu hören.
Der Initiator dieses Projektes, Bassbariton Joel Frederiksen, hat eine ganz besondere Beziehung zur Musik Lateinamerikas. Denn er ist zwar in den Vereinigten Staaten aufgewachsen, aber mit einer Kolumbianerin verheiratet. „This CD program should evoke the true spirit of Christmas“, schreibt Frederiksen im Beiheft, „universal and not confined to one religion alone: A celebration of hope through the renewal of life. I wish you a Christmas season blessed by the star and illuminated by light, and hope that our music can offer you moments of profundity, contemplation, and joy.“
Sonntag, 11. November 2018
Forgotten chamber works with oboe from the Court of Prussia (Deutsche Harmonia Mundi)
Richtet man den Blick einmal nicht auf den König und auf seinen Flötenlehrer Quantz, so wird man feststellen, dass auch andere Virtuosen am preußischen Hof brilliert haben. Die Oboe wurde in Preußen durchaus geschätzt. So waren an der Hofoper vier Oboisten engagiert. Und der Oboist Johann Christian Fischer, weiland eine Berühmtheit, gastierte 1763 in Berlin. Wie Charles Burney berichtet, wurde diesem „die Ehre zuteil (..), einen Monat lang seine Majestät (..) jeden Tag vier Stunden allein zu akkompagnieren.“
Was damals gespielt wurde, ist heute nicht mehr zu erfahren. Aber Musik der drei Komponisten, die auf dieser CD vertreten sind, könnte vielleicht dabei gewesen sein. So schrieb Johann Gottlieb Graun (1703 bis 1771), ab 1741 Konzertmeister der königlichen Hofkapelle, ein Quintetto à Cembalo Concertato, Flauto Traverso, Violino, Viola da Braccio e Violoncello in a-Moll, das jede Menge Überraschungen bereithält. Und den Violinpart kann, so steht es auf der Stimme vermerkt, auch die Oboe übernehmen.
Christian Gottfried Krause (1717 bis 1770) war eigentlich Rechtsanwalt; dass er aber die Musik sowohl mit Leidenschaft als auch mit Sachverstand betrieb, zeigt seine Triosonate für Oboe, Violine und Basso continuo, die Notturna ebenfalls auf dieser CD vorstellt.
Gleich mit drei Sonaten vertreten ist zudem Johann Gottlieb Janitsch (1708 bis 1763). Er hatte wie Krause in Frankfurt/Oder Jura studiert, sich dann aber für den Musikerberuf entschieden: 1736 wurde er Contravioli- nist der Hofkapelle Friedrichs des Großen. In seiner Wohnung versam- melte sich die sogenannte Freitagsakademie, bei der Hofmusiker gemeinsam mit Liebhabern aus dem Berliner Bürgertum musizierten.
Für diese Veranstaltungen entstanden die beiden Trios und die Quartett- sonate für Traversflöte, Oboe, Viola und Bass, die auf dieser CD erklingen. Das Ensemble Notturna begeistert mit diesem Programm, und macht sehr neugierig auf weitere Entdeckungen – die Archive geben bestimmt noch mehr her!
Mittwoch, 19. September 2018
Concerti Napoletani per Mandolino (Deutsche Harmonia Mundi)
Denn Musik war den Menschen damals wichtig; ob es der Mann auf der Straße war, der bei der Arbeit sang, oder König Karl, der später als Carlos III. in Spanien regieren sollte. Damit möglichst viele Menschen die Stars jener Zeit erleben konnten, ließ er in Neapel ein neues Opernhaus mit sechs Rängen errichten. Es wurde 1737 eröffnet, und es war zu diesem Zeitpunkt das größte der Welt. Doch nicht nur in der Oper gab es eine „neapolitanischen Schule“; auch die Instrumentalmusik Europas wurde durch Musiker aus Neapel mit geprägt.
Besonders beliebt war dort seinerzeit die Mandoline. Das Ensemble Artemandoline präsentiert auf dieser CD auf Originalinstrumenten der Barockzeit als Weltersteinspielung fünf hörenswerte Konzerte, die zugleich Techniken und Klangsprache der neapolitanischen Mandolinenschule demonstrieren. Die ausgewählten Konzerte von Giovanni Paisiello, Giuseppe Giuliano, Domenico Caudioso und Carlo Cecere beeindrucken durch ihren melodischen Einfallsreichtum und virtuose Finesse. Den Solisten Alla Tolkacheva, Mari Fe Pavón und Juan Carlos Muñoz gibt diese Musik reichlich Gelegenheit, zu brillieren.
Dienstag, 31. Juli 2018
Monteverdi: La dolce vita (Deutsche Harmonia Mundi)
So zitiert das Beiheft zu dieser CD Michelangelo Torcigliani, der einst den Text geschrieben hat zu einer heute verlorenen Oper von Claudio Monteverdi (1567 bis 1643).
Diese Aufmerksamkeit der Seele richten Dorothee Mields und die Lautten Compagney unter Leitung von Wolfgang Katschner auf das Schaffen des einstigen Kapellmeisters am Markusdom in Venedig. Diese CD bietet eine wunderbare Best-of-Auswahl, wobei es den Musikern um Katschner eher darum geht, das Wesen dieser damals so kühnen Musik zu erfassen, als diese bis ins Detail korrekt historisierend vorzutragen.
Die Lautten Compagney präsentiert Monteverdis Kompositionen schwungvoll und höchst lebendig. In Dorothee Mields fand das renommierte Ensemble dafür auch die perfekte Sängerin. Mit ihrer ausdrucksstarken, schlanken und beweglichen Stimme erweist sie sich als ideale Interpretin der berühmten Madrigale, Canzonetten, Lamenti und Psalmvertonungen. Hinreißend!
Freitag, 8. Juni 2018
Baroque Twitter (Deutsche Harmonia Mundi)
In diesem Blog haben wir bereits mehrfach Alben vorgestellt, die sich den kunstvoll imitierten Vogel- gesängen widmen. Nuria Rial und Maurice Steger haben nun gemeinsam mit dem Kammer- orchester Basel eine CD eingespielt, die zu weiteren Entdeckungen einlädt. Die spanische Sängerin und der Flötenvirtuose begeistern mit einem sorgsam zusammengestellten Programm, das neben einigen bekannten Werken auch etliche Kostbarkeiten enthält, die bislang in Archiven geschlummert haben.
So erklingen neben Arien von Andrea Stefano Fiorè, Leonardo Vinci, Francesco Gasparini, Pietro Torri, Tomaso Albinoni, Johann Adolf Hasse, Antonio Vivaldi und Alessandro Scarlatti – teils mit, teils ohne Flötenpart – auch Sonaten und Konzerte von Francesco Mancini, Charles Dieupart und Antonio Vivaldi.
Der schlanke, bewegliche Sopran von Nuria Rial harmoniert dabei aufs Beste mit dem Klang von Stegers Blockflöten. Und das Kammerorchester Basel, geleitet von seinem Konzertmeister Stefano Barneschi, ist den beiden Solisten ein kongenialer Partner. Hinreißend!
Dienstag, 10. April 2018
Rediscovered Treasures from Dresden (Deutsche Harmonia Mundi)
Was? Man weiß nicht, wer diese Musik komponiert hat?? Aber wie soll man sie dann würdigen – gilt doch seit der Romantik der Künstler als zwar begnadete, aber zumeist auch tragische Figur. Denn der faire Ausgleich für überdurchschnittliche Begabung ist beständiges Leiden. Wer daran zweifelt, der lese nur, was die Zeitung mit den vier Buchstaben tagtäglich über Stars und Sternchen berichtet.
Das Genie, so das romantische Konzept, ringt seine Werke seiner Seele und auch seiner Biograpie ab, und bei einem großen Künstler wird daher traditionell auch irgend ein großes Defizit vermutet. So entstehen Legenden; man denke nur an die Geschichte vom ewig notleidenden Mozart, der zum Schluss an unbekannter Stelle in einem Armengrab verscharrt worden sei.
Dass Musiker noch im Barock mitunter ziemlich umfangreich aus Werken von Kollegen zitierten, oder bestimmte Stücke immer wieder neu verwendeten – man denke beispielsweise an Händels Arien oder an Bachs Kantaten – passt aber nicht so recht in dieses Konzept vom Originalgenie. Auch Anonymität verstört, denn in diesem Falle fehlt die enge Verknüp- fung von Urheber und Werk.
Bei der Erschließung von Archivbeständen sind Werke, die sich nicht einem Komponisten zuordnen lassen, daher ein wenig benachteiligt. Das gilt auch für die Notenbibliothek, die einst in dem berühmten „Schranck No:2“ gefunden wurde und sich heute in der Sächsischen Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek in Dresden befindet. Sie stammt zum großen Teil aus dem Nachlass des Konzertmeisters Johann Georg Pisendel (1687 bis 1755), und enthält eine gewaltige Anzahl von Notenhand- schriften.
In den Fächern 1 bis 28 befanden sich Werke von Adam bis Zipoli, sorg- sam alphabetisch geordnet. Es folgen drei Fächer mit Sammelhandschrif- ten, ein Fach, dessen Inhalt leider verloren gegangen ist, und dann, in den Fächern 33 bis 40, folgen die Anonyma. Einiges davon konnte die Musikwissenschaft mittlerweile Komponisten zuordnen. Doch es warten noch immer genug Rätsel in diesem Notenbestand – und wer sich damit befassen will, der muss heute auch nicht mehr nach Dresden reisen, über dicken Findbüchern grübeln, und dann darauf warten, im Lesesaal in den Originalen blättern zu dürfen, unter dem wachen Blick des Aufsichts- personals. Heute sind all diese Handschriften im Internet zugänglich, jederzeit und für jedermann.
Ein wenig wundert man sich da schon, dass nicht mehr Musiker daran gehen, diese Schätze zu heben. Dass sich die Mühe lohnt, zeigt diese CD, die übrigens durchweg Weltersteinspielungen enthält. Bei der Auswahl habe man „zwei Tage lang sämtliche Concerti aus den Handschriften mit dem ganzen Ensemble“ einfach durchgespielt, berichtet Müller. Für fünf Konzerte haben sich die Musiker dann entschieden.
Das La Folia Barockorchester musiziert mit Präzision und Temperament. Mein persönlicher Favorit ist das Concerto à 5 obligati in F-Dur. Es ist sehr wahrscheinlich zur Zeit August des Starken entstanden. Konzertmeister war damals der Flame Jean Baptiste Woulmyer. Der Amtsvorgänger Pisendels orientierte sich am französischen Vorbild – nachfolgende Generationen schauten eher nach Italien.
Dienstag, 13. Februar 2018
Andreas Scholl und Dorothee Oberlinger - Small gifts (Deutsche Harmonia Mundi)
Aus den „geringen Talenten“, die Bach sich dort zuschreibt, „kleine Gaben des Himmels“ zu machen, das ist nicht unbedingt die perfekte Übersetzung. Aber sei es, wie es sei – Bach hört man doch immer wieder gern, und die Musiker, die an dieser CD mitgewirkt haben, müssen auch keineswegs auf ihre „schwachen Talente“ verweisen. Zumal sie für dieses Album den renommierten Countertenor Andreas Scholl gewinnen konnten, der neben der Solokantate Vergnügte Ruh, beliebte Seelenlust BWV 170 auch noch einige weitere Arien aus Bach-Kantaten singt, die durch den Dialog zwischen Altstimme und Blockflöte geprägt sind.
Komplettiert wird dieses schöne Programm durch drei bekannte Instrumentalstücke. Dorothee Oberlinger ist eine versierte Musikerin, und die Kollegen, die ihr im Ensemble 1700 zur Seite stehen, lassen sich ebenfalls inspiriert und schwungvoll hören. Dazu haben sie ausgiebig Gelegenheit. Die Brandenburgischen Konzerte Nr. 4 und Nr. 2 sind mir aber fast ein wenig zu zupackend gespielt, hier hätte ich mir dann doch mehr Eleganz gewünscht.
An zentraler Stelle steht schließlich das Cembalokonzert in f-Moll BWV 1056 – es erklingt auf dieser CD in einer Version für eine Forthflute in B. Vermutet wird, dass die beiden Ecksätze ursprünglich Bestandteil eines Violinkonzertes waren, während für den Mittelsatz angenommen wird, dass er ursprünglich für Oboe d'amore entstanden ist. Insofern folgt die Neubearbeitung einer Praxis, die Bach selbst vielfach geübt hat. Ein interessantes Experiment, mit einem überzeugenden Ergebnis.



















