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Sonntag, 21. April 2013

Williams: Greatest Hits (Telos Music)

Moderne Musik gilt üblicherweise als sperrig und unerfreulich. Steht ein zeitgenössisches Werk auf dem Programm, so löst dies beim Publi- kum oftmals eine Massenflucht aus. Ist sie nicht möglich, so er- zeugt dies Unmut. 
In Metropolen ist den Musikern das zumeist ziemlich egal. In ländlichen Regionen aber kann ein anhaltender Zuhörerschwund durchaus dazu führen, dass der Kapellmeister gehen muss - oder clevere Politiker das Orchester gleich ganz "einsparen". Wie gelingt es einem Orchester in einem solchen Umfeld, Gegenwartsmusik in seine Konzertprogramme ein- zubinden - und damit erfolgreich zu sein? 
Evan Christ, seit 2008 Generalmusikdirektor und somit Leiter des Philharmonischen Orchesters am Staatstheater Cottbus, ist es gelungen, dort sogar einen "composer in residence" zu etablieren, und acht Uraufführungen in acht Konzerten vorzustellen. Für die Saison 2010/2011 erhielt das Orchester die Auszeichnung "Bestes Konzertprogramm" des Deutschen Musikverleger-Verbandes e.V. 
Im Januar 2010 hatte das Ensemble erstmals zu einer John-Williams-Gala eingeladen - "vom Publikum euphorisch gefeiert", wie Martin Schüler, der Intendant des Staatstheaters Cottbus, im Beiheft zu dieser CD versichert. Sie ist dann offensichtlich ein Jahr später entstanden - und wer seine Freude an Star Wars, Harry Potter, E.T. oder an Indiana Jones hat, der wird diese Melodien natürlich sofort wiedererkennen. 
Für seine Filmmusiken hat John Williams, nicht zuletzt durch die Zusammenarbeit mit Steven Spielberg und George Lucas, mittlerweile fünf Oscars bekommen, zudem war er sagenhafte fünfundvierzigmal für den Preis nominiert. Der Komponist hat einen eigenen, sehr typischen Stil mit einem hohen Wiedererkennungswert entwickelt - und ganze Generationen von Kinogängern kennen seine Melodien. "Wie viele von uns bin ich mit der Musik von John Williams aufge- wachsen", zeigt sich auch Evan Christ begeistert von diese Klängen: "Seitdem ich Dirigent bin, wollte ich immer diese gigantische Musik dirigieren. Die Gelegenheit das hat sich erst in Cottbus ergeben." Das Programm bietet eine stimmungsvolle Auswahl aus Williams' Sound- tracks, von Der weiße Hai bis zu Harry Potter und die Kammer des Schreckens, engagiert gespielt vom Philharmonischen Orchester des Staatstheaters Cottbus. 

Donnerstag, 14. März 2013

Il Convegno (Telos Music)

Il Convegno - Die Zusammenkunft oder aber auch Das Stelldichein - heißt ein berühmtes Werk, das der italienische Komponist Amilcare Ponchielli 1868 geschrieben hat, als er noch das Orchester der Stadt Cremona leitete. Deshalb entstand dieses Stück, das bis heute als das Paradestück für Klarinettenduo schlechthin gilt, für die Bläser- solisten und die sogenannte Banda, die typisch italienische Blaskapelle.
Wenn der WDR eigens für die beiden Klarinettisten Andy Miles und Dirk Schultheiß eine Orchesterfassung erstellen lässt, dann hat dies seinen Grund: "Sie sind Mitglieder des WDR Rundfunkorchesters Köln, sprechen und musizieren nach fünfzehn gemeinsamen Dienst- jahren immer noch miteinander, trinken hin und wieder miteinander ein Glas Wein im privaten Rahmen UND musizieren freiwillig und gerne zusammen", so beschreibt ihn Dirk Schultheiß im Begleitheft zu dieser CD.
Ähnlich sonnige Laune verbreitet die Silberscheibe - auch wenn leider nicht durchweg die beiden Virtuosen zu hören sind. "Da die beiden Musiker der Meinung sind, dass Musik für zwei Klarinetten in einer Dauer von sechzig bis siebzig Minuten schwer erträglich ist, haben sie zu den Klarinettenkompositionen korrespondierende Orchesterwerke ausgesucht - alles Aufnahmen mit dem WDR Rundfunkorchester Köln", so Schultheiß.
So ergibt sich eine Zusammenstellung von Aufnahmen, die aus den Jahren 1999 bis 2009 stammen. Zu hören sind zwei Konzertstücke für Klarinette, Bassethorn und Orchester von Felix Mendelssohn Bartholdy, unterbrochen durch das Nocturne aus dem Sommer- nachtstraum. Die Konzertstücke erinnern an die enge Freundschaft zwischen dem Komponisten und zwei Musikern - Heinrich Baermann (1784 bis 1847) und sein Sohn Carl, der wohl auch mit dem Kochlöffel virtuos umzugehen wusste. Denn auf das Titelblatt des einen Stückes schrieb Mendelssohn Bartholdy die launige Widmung "Die Schlacht von Prag. Ein großes Duett für Dampfnudel und Rahmstrudel".
Von Wolfgang Amadeus Mozart erklingen die Ouvertüre zur Oper Titus sowie der zauberhafte Quintettsatz A-Dur KV Anhang 90 für Klarinette, Bassethorn und Streichtrio - leider hat Mozart dieses Werk nicht vollendet, so dass wir uns heute mit dem Fragment bescheiden müssen.
Ob das charmante Konzertstück für zwei Klarinetten und Orchester, der darauf folgt, wirklich von Giaccomo Rossini stammt, das ist nicht unumstritten. Für den Hörer, der daran sein Vergnügen hat, ist dies aber unerheblich. Und Hörvergnügen bereitet diese CD unbestreit- bar. Die beiden Solisten musizieren gekonnt, mit phantastischem Ton und mit hohem Engagement. Ihre Leidenschaft für das Instrument ist zu spüren - und zugleich nimmt man erfreut wahr, dass Miles und Schultheiß offenbar die Gemeinschaft, das Zusammenspiel,  wichtiger nehmen als ihre Virtuosenpersönlichkeit. So ergänzten sie auch hier das durch Klarinetten dominierte Werk um Rossinis Ouvertüre zur Oper Die diebische Elster. Danach folgt Ponchiellis Il Convegno - was für ein Feuerwerk an Musikalität und Musizierlust!

Sonntag, 2. Mai 2010

Paganini: Konzerte für Violine und Orchester I- IV; Turban (Telos Music Records)

In Wien wurde er gefeiert, in Berlin mit Argwohn beäugt: Niccolò Pa- ganini, jener Virtuose, der einst Schubert zu der Bemerkung hin- riss, er habe einen Engel singen hören, galt den Deutschen als Teufelsgeiger. Und während einige Musiker wie Schumann oder Liszt in einen wahren Paganini-Taumel gerieten, sahen andere Kollegen seine Konzerte durchaus kritisch: "Seine linke Hand, die immer reine Intonation und seine G-Saite sind bewunderungswürdig", berichtet beispielsweise Louis Spohr 1830 in einem Brief. "In seinen Komposi- tionen und seinem Vortrag ist aber eine so sonderbare Mischung von höchst Genialem und Kindischem und Geschmacklosem, weshalb man sich abwechselnd angezogen und abgestoßen fühlt." Diese Meinung erscheint nicht ganz abwegig; das wird der geneigte Hörer bestätigen, wenn er die vorliegende Einspielung von Paganinis Violinkonzerten I bis IV durch Ingolf Turban und das WDR Rundfunk- orchester Köln unter Lior Shambadal kennengelernt hat. 
Der Solist spielt virtuos und zudem mit Verstand. So entdeckt er manches Detail, das andere gern übersehen. Das Konzert Nr. 1 op. 6, üblicherweise vorgetragen in D-Dur, beispielsweise belässt Turban in jener Tonart, in der die Orchesterstimmen ursprünglich notiert waren - in Es-Dur. Es ist bekannt, dass Paganini gern zu einem Trick griff, der seinem Instrument zu einem besonders strahlenden und erhabenen Klang verhalf. Das Phänomen beruht auf der sogenannten scordatura - und in diesem Falle wird die Violine um einen halben Ton höher gestimmt. Der Violinist aber benutzt Noten, in denen seine Partie einen halben Ton tiefer notiert ist, hier also in D-Dur. So löst Turban ein musikalisches Rätsel - und der Hörer wird sich über den enormen Zugewinn an klanglicher Brillanz freuen.
Ingolf Turban wagt sich zudem an eigene Kadenzen, die - bei aller Freude an artistischen Effekten - in erster Linie den dramatischen Gestus des musikalischen Materials nachvollziehen und sich so nicht in Zirkusmätzchen erschöpfen. Natürlich "geht" eine Phrase auch immer noch schneller, noch rasanter, mit noch mehr Doppelgriffen, Flageolett, Pizzicato und ähnlichem; allerdings geht ein olympischer Wettstreit um Komplexität und Geschwindigkeit am Wesen der Musik vorbei. Virtuosität ist eine Voraussetzung, aber nicht der Endzweck des Musizierens.
Paganini wusste offenbar beide Seiten zu verbinden. Enorme Finger- fertigkeit, clevere Ideen für immer neue Effekte, um ein nach Virtuo- sen süchtiges Publikum zu verblüffen - und ab und an, besonders in den langsamen Sätzen, ahnt man auch jene Tiefe der Empfindung, die Schubert seinerzeit so beeindruckt hat. Doch bevor man allzusehr ins Schwärmen gerät, setzt wieder das Orchester ein - oftmals leider unsensibel, brachial und viel zu laut. Natürlich hat Paganini den Rahmen um die funkelnden Soli mitunter ziemlich grob geschmiedet. Aber muss man den Kontrast gleich derart übertreiben?