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Donnerstag, 16. Juli 2015

Visions - Chamber Musik by Franz Liszt (Oehms Classics)

Wer Lust hat auf eine große Portion Pathos, der sollte sich eine CD aus dem Hause Oehms Classics anhören: Ingolf Turban, Violine, Wen-Sinn Yang, Violoncello, und Lukas Maria Kuen spielen Kammermusik von Franz Liszt (1811 bis 1886). Bei den Streichquartetten werden sie zudem durch Barbara Turban und Martin-Albrecht Rohde unterstützt. Die Musiker gestalten phantastisch; sie haben Mut zum ganz weiten Atem, aber sie spielen zugleich immer delikat, nie überzogen. 
Damit ermöglichen sie auch dem Zuhörer so manche Entdeckung: Die Werke des Komponisten für Streicher sind wenig bekannt, aber dennoch erstaunlich reizvoll. Es sind teilweise frühe Kompositionen, inspiriert durch die Begegnungen mit Paganini, Berlioz und Chopin sowie durch die Gedichte Lamartines. Nachdem Liszt sich entschieden hatte, wieder Konzerte zu spielen, entstanden weitere Musikstücke, beispielsweise das Klaviertrio Pester Karneval, die ungari- sche Melodien in die europäische Musik integrierten. 
In späteren Jahren wurden die Streicher für Liszt zum Medium der Klage. Seine Erste und Zweite Elegie für Violoncello und Klavier sind Klage- gesänge, und der Valse Caprice aus den Soirées de Vienne, nach dem neunten der Valses nobles von Franz Schubert, wirkt in diesem Umfeld wie ein Totentanz. Das Arrangement für die Geige stammt in diesem Falle von David Oistrach, und nicht von Liszt selbst. 
Die Musik aus den achtziger Jahren hat Liszt selbst „Totenkammerstücke“ genannt. In ihnen erklingt das Echo einer Reise nach Venedig, wo Liszt im Dezember 1882 den kranken Richard Wagner besucht hat. La lugubre gondola nimmt bereits die letzte Reise in der Trauergondel vorweg. Im Februar 1883 starb Wagner, und sein Leichnam wurde aus Venedig zur Beisetzung nach Bayreuth gebracht. RW – Venezia ist Liszts Reaktion auf die Nachricht vom Ableben des Freundes. Es ist das einzige „reine“ Klavierstück auf dieser CD, doch es gehört an diese Stelle und erleichtert dem Hörer ohne Zweifel auch den Zugang zu den anderen Spätwerken. Die CD endet konsequenterweise mit dem Streichquartett Am Grabe Richard Wagners – zur Totenfeier im Mai 1883 in der ursprünglichen Klavier- fassung von Liszt in Weimar gespielt. Der Quartettsatz erinnert an Lohengrin und Parsifal; mit seinen ätherischen Klängen weist er in ein Jenseits, das doch Erlösung verheißt.

Donnerstag, 7. März 2013

Spohr: Grand Duo (cpo)

Louis Spohr (1784 bis 1859) gehört zu jenen Komponisten, deren Werk derzeit allmählich wieder durch Musiker entdeckt wird. Dabei erweist sich, wie sehr das Repertoire durch diese Werke bereichert wird, die lange im Kon- zert überhaupt nicht zu erleben waren.
Dass die Musikwelt auf diese Verluste aufmerksam wird, das ist nicht zuletzt das Verdienst einiger sehr engagierter Labels. So hat beispielsweise cpo  bereits sämt- liche sinfonischen Werke von Louis Spohr in Neueinspielungen veröffentlicht. Auch für die Edition der Violinkonzerte durch cpo gab es großen Beifall.
Nun haben Ingolf Turban und Kolja Lessing eine CD mit Werken für Violine und Klavier vorgelegt. Sie zeigt uns, dass der Violinvirtuose und Hofkapellmeister Spohr auch beim Klavier eher die Diskant- register, klanglich transparente Strukturen und  Eleganz bevorzugte. Im Zusammenspiel mit der Violine bekam das Klavier zudem nicht mehr die führende Stimme, der sich die Violine beiordnet. Spohr folgte nicht mehr dem Modell der Sonata per pianoforte con accompagnamento di violino, sondern er weist schon mit Titeln wie Duo concertant darauf hin, dass beide Partner gleichermaßen mit virtuosen Partien vor das Publikum treten. 
Und auch wenn das Anfang 1837 in Kassel komponierte Grand Duo concertant op. 112 klassischen Prinzipien folgt, von der Sonaten- hauptsatzform im ersten Satz bis hin zum abschließenden Rondo, so klingt das Werk doch ausgesprochen vergnügt und naturverbunden. In den Sechs Salonstücken op. 135 aus den Jahren 1846/47 sind ebenfalls Passagen zu hören, die an Reiseerinnerungen denken lassen. Was Spohr freilich von allzu romantischen Ideen hält, das kann der Hörer am zweiten Teil des Grand Duo concertant erkennen, einem Larghetto, in dem der Komponist zunächst eine biedermeierliche Idylle aufbaut - um sich dann deftig darüber lustig zu machen. 
Ingolf Turban und Kolja Lessing erweisen sich als ideale Besetzung für dieses charmante, aber gelegentlich auch doppelbödige Repertoire. Anders als die Werke Paganinis, wo die Virtuosität stets im Vorder- grund steht, fordert die Musik von Spohr deutlich mehr als Finger- akrobatik. Turban macht deutlich, dass virtuose Passagen bei Spohr immer Bestandteil einer musikalischen Idee sind. Doppelgriffe und Trillerketten sind hier Gestaltungsmittel, und nicht Turnübungen. Und wenn Turban auf einen allzu satten, "romantischen" Ton zumeist verzichtet, dann wirkt dies mitunter wie der Kommentar zum Kommentar. Auch das ist Rezeptionsgeschichte. Wie kühn und modern Spohr komponierte, das zeigt vor allem das Adagio WoO 37 mit seinen harmonischen Überraschungen.  
Turban und Lessing haben gemeinsam schon mehrere CD eingespielt. Diese künstlerische Partnerschaft ist möglicherweise gerade deshalb so fruchtbar, weil Kolja Lessing selbst Geiger ist. Wie eine amüsante Fußnote wirkt es, wenn er hier Spohrs einzige Miniatur für Klavier solo spielt, das heiter-beschwingte Rondoletto op. 149.

Sonntag, 2. Mai 2010

Paganini: Konzerte für Violine und Orchester I- IV; Turban (Telos Music Records)

In Wien wurde er gefeiert, in Berlin mit Argwohn beäugt: Niccolò Pa- ganini, jener Virtuose, der einst Schubert zu der Bemerkung hin- riss, er habe einen Engel singen hören, galt den Deutschen als Teufelsgeiger. Und während einige Musiker wie Schumann oder Liszt in einen wahren Paganini-Taumel gerieten, sahen andere Kollegen seine Konzerte durchaus kritisch: "Seine linke Hand, die immer reine Intonation und seine G-Saite sind bewunderungswürdig", berichtet beispielsweise Louis Spohr 1830 in einem Brief. "In seinen Komposi- tionen und seinem Vortrag ist aber eine so sonderbare Mischung von höchst Genialem und Kindischem und Geschmacklosem, weshalb man sich abwechselnd angezogen und abgestoßen fühlt." Diese Meinung erscheint nicht ganz abwegig; das wird der geneigte Hörer bestätigen, wenn er die vorliegende Einspielung von Paganinis Violinkonzerten I bis IV durch Ingolf Turban und das WDR Rundfunk- orchester Köln unter Lior Shambadal kennengelernt hat. 
Der Solist spielt virtuos und zudem mit Verstand. So entdeckt er manches Detail, das andere gern übersehen. Das Konzert Nr. 1 op. 6, üblicherweise vorgetragen in D-Dur, beispielsweise belässt Turban in jener Tonart, in der die Orchesterstimmen ursprünglich notiert waren - in Es-Dur. Es ist bekannt, dass Paganini gern zu einem Trick griff, der seinem Instrument zu einem besonders strahlenden und erhabenen Klang verhalf. Das Phänomen beruht auf der sogenannten scordatura - und in diesem Falle wird die Violine um einen halben Ton höher gestimmt. Der Violinist aber benutzt Noten, in denen seine Partie einen halben Ton tiefer notiert ist, hier also in D-Dur. So löst Turban ein musikalisches Rätsel - und der Hörer wird sich über den enormen Zugewinn an klanglicher Brillanz freuen.
Ingolf Turban wagt sich zudem an eigene Kadenzen, die - bei aller Freude an artistischen Effekten - in erster Linie den dramatischen Gestus des musikalischen Materials nachvollziehen und sich so nicht in Zirkusmätzchen erschöpfen. Natürlich "geht" eine Phrase auch immer noch schneller, noch rasanter, mit noch mehr Doppelgriffen, Flageolett, Pizzicato und ähnlichem; allerdings geht ein olympischer Wettstreit um Komplexität und Geschwindigkeit am Wesen der Musik vorbei. Virtuosität ist eine Voraussetzung, aber nicht der Endzweck des Musizierens.
Paganini wusste offenbar beide Seiten zu verbinden. Enorme Finger- fertigkeit, clevere Ideen für immer neue Effekte, um ein nach Virtuo- sen süchtiges Publikum zu verblüffen - und ab und an, besonders in den langsamen Sätzen, ahnt man auch jene Tiefe der Empfindung, die Schubert seinerzeit so beeindruckt hat. Doch bevor man allzusehr ins Schwärmen gerät, setzt wieder das Orchester ein - oftmals leider unsensibel, brachial und viel zu laut. Natürlich hat Paganini den Rahmen um die funkelnden Soli mitunter ziemlich grob geschmiedet. Aber muss man den Kontrast gleich derart übertreiben?