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Samstag, 3. Juli 2021

Buxtehude: Early Organ Works (MDG)

 

Harald Vogel, Professor an der Hochschule für Künste Bremen, ist mit der norddeutschen Orgelmusik und auch mit der Orgellandschaft vertraut wie kaum ein anderer. Er hat zahlreiche Aufnahmen eingespielt, Orgelwerke wichtiger Komponisten ediert, als Orgelsachverständiger Kirchgemeinden bei der Erhaltung und Restaurierung ihrer Instrumente unterstützt, Neubauprojekte begleitet, und vieles mehr. Die Liste seiner Schüler ist lang und 2018 ehrte die Hansestadt Lübeck Harald Vogel mit dem Buxtehude-Preis – eine Auszeichnung mit Symbolkraft, denn in jenem Jahr jährt sich der Dienstantritt Dieterich Buxtehudes an der Lübecker Marienkirche zum 350. Male. 

In der Tat hat sich Harald Vogel wie kein zweiter um das historische Orgelspiel und ganz speziell um das Werk Buxtehudes verdient gemacht. So hat er für MDG auf 17 historischen Orgeln eine Gesamtaufnahme der Kompositionen des großen norddeutschen Organisten eingespielt. 

Die frühesten Überlieferungen der Orgelwerke Buxtehudes finden sich im Codex E. B., entstanden 1688 in Dresden. Diese Handschrift enthält sowohl Werke aus der italienisch-süddeutschen als auch der norddeutschen Orgeltradition. MDG fasste, passend zur Preisverleihung, seinerzeit sämtliche Buxtehude-Werke aus dem Codex auf einer CD zusammen. Dabei erklingt, als Rarität, die Ersteinspielung einer Sonate mit obligater Gambe, entstanden als Musik zur Kommunion. Sie wird von dem renommierten Gambisten Thomas Fritzsch gemeinsam mit Vogel gespielt. 

Das eigentlich spannende aber an dieser Neuedition ist die Vielfalt der Orgeln: Nacheinander erklingen Instrumente, die Buxtehude selbst gespielt hat, wie die Orgeln in Torrlösa, Helsingör, Hamburg-St. Jacobi und Lübeck-St. Jacobi, sowie weitere Orgeln, die Buxtehude möglicherweise besucht hat, im Dom zu Roskilde sowie in Pilsum, Norden-St. Ludgeri und die rekonstruierte Orgel im Herrenhaus Damp. Zu erleben sind die unterschiedlichsten Stimmungen und Register. Damit vermittelt die CD einen Eindruck von der farbenreichen Klangwelt, in der sich Buxtehude einst bewegte. Hochinteressant! 


Sonntag, 10. Januar 2016

Bach: Early Organ Works (MDG)

Manchmal ist es gut, wenn das Geld knapp ist. Die Kirchgemeinde in Cappel beispielsweise, zwischen Bremerhaven und Cuxhaven, musste im Jahre 1810 nach einem Brand ihre Kirche wieder aufbauen. Für eine neue Orgel reichte es dann nicht mehr – und so wurde ein Instrument gebraucht gekauft: 1816 setzte Orgelbauer Georg Wilhelmy die Schnitger-Orgel aus der Hamburger St. Johanniskirche nach Cappel um. 
Dabei behielt er die alte Disposition bei; aber die Stimmung wurde verändert und ist nun annhähernd gleichstufig. In späteren Jahrhunderten blieb diese Orgel von Verände- rungen verschont. Sogar die originalen Prospektpfeifen aus Zinn, die typischerweise im Ersten Weltkrieg konfisziert wurden, sind hier erhalten. 
In den 50er Jahren war die Schnitger-Orgel in Cappel so gut gepflegt, dass Helmut Walcha daran seine legendären Bach-Aufnahmen für die Deutsche Grammophon einspielen konnte. Das machte auch das Instrument berühmt. Allerdings baute die Gemeinde in den 70er Jahren in die Kirche eine Heizung ein – was erhebliche Schäden an der Orgel mit sich brachte. Sie sind mittlerweile dank einer Restaurierung beseitigt. Und auf dieser CD präsentiert sich die Schnitger-Orgel in Bestform. Harald Vogel, Experte für die norddeutsche Orgelkunst, hat Orgelmusik des jungen Johannn Sebastian Bach eingespielt. Man darf annehmen, dass Bach das Instrument bei seinen Aufenthalten in Hamburg mehrfach gespielt hat. Doch nicht nur das macht die Orgel, die einst zum Johanneum gehörte, zum idealen Medium für Bachs frühe Werke. 
Klanglich bietet sie sehr viel Abwechslung, und somit schöne Möglichkeiten, durch die Registerwahl zu differenzieren. Dies nutzt Vogel gekonnt aus, um musikalische Strukturen aufzuzeigen. Ganz nebenbei gelingt es ihm, in seinem Programm alle historisch adäquaten Register klingend vorzustellen. Ausgewählt hat der Organist in erster Linie Musik aus der sogenannten Möllerschen Handschrift, die vor allem von Johann Sebastians älterem Bruder Johann Christoph Bach zu Papier gebracht wurde. Sie enthält neben Johann Sebastian Bachs frühesten Orgelwerken auch norddeutsche Orgelmusik. Als Quelle diente auch das Andreas-Bach-Buch, in dem der junge Organist beispielsweise die Fantasia ex c notierte, in Form einer Buchstabentabulatur. 
Choralbearbeitungen aus der Neumeister-Sammlung machen deutlich, wie Bach mitteldeutsche und norddeutsche Einflüsse integrierte. Details erläutert Vogel sehr anschaulich in dem mit großer Sorgfalt erstellten Beiheft zu dieser CD. Folgt man seinen Erklärungen, kann man etliches über die Ausbildung des Musikers lernen: Johann Pachelbel, Georg Böhm, aber auch Reincken, Buxtehude, Bruhns, dazu Vorbilder aus der thüringi- schen Tradition – der junge Bach hat seine Meister mit Fleiß studiert. Das zeigt auch sein „Gesellenstück“, die Fantasia ex Gb duobus subjectis BWV 917, die sich am Schluss der Möllerschen Handschrift befindet und zeigt, was er in Lüneburg bei Georg Böhm gelernt hat. Sie erklingt auf dieser Super Audio CD in Ersteinspielung. 
Eine Reihe von weiteren Werken zeigt uns den jungen Bach als Orgel- virtuosen. Insbesondere auch die Fuga h-Moll über ein Thema von Corelli, Präludium und Fuge g-Moll sowie die berühmte d-Moll-Toccata nutzt Vogel, um deutlich zu machen, wie versiert Bach sein Handwerk verstand. Eine rundum gelungene Aufnahme, in jeder Hinsicht ansprechend. 

Mittwoch, 6. Mai 2015

Sweelinck: Organ Works Vol. 1 (MDG)

Jan Pieterszoon Sweelinck (1562 bis 1621) entstammte einer Organisten- dynastie. Sein Vater, der als Organist an der Oude Kerk in Amsterdam tätig war, starb, als der Knabe elf Jahre alt war. Mit gerade einmal fünfzehn Jahren wurde der Sohn dann sein Amtsnachfolger. In seinen Werken verknüpfte Sweelinck Anregungen aus der italienischen, der flämischen und der englischen Musiziertradition. Er war für seine Improvisationen berühmt; Musikfreunde aus ganz Europa reisten nach Amsterdam, um ihn spielen zu hören. Er unterrichtete so viele herausragende Schüler, dass ihn noch Mattheson als den „hamburgischen Organistenmacher“ rühmte. So gehörten Samuel Scheidt, Johann Praetorius, Heinrich Scheidemann und Andreas Düben zu seinen Schülern. Auch der niederländische Organist Cornelius Conradi wurde von Sweelinck ausgebildet. Er wirkte von 1597 bis zu seinem Tode 1603 in Lemgo. 
Das Instrument, auf dem Conradi einst gespielt hat, stellt Harald Vogel auf dieser CD vor, die zugleich der Beginn einer Gesamteinspielung von Sweelincks Orgelwerk ist: Die Schwalbennest-Orgel in St. Marien zu Lemgo „ist die einzige Orgelanlage dieser Art aus der Zeit vor dem 30jährigen Krieg in Deutschland, die äußerlich gut erhalten ist und sich noch am ursprünglichen Aufstellungsort befindet“ , erläutert der Orgel-Experte im Beiheft. Er kennt das Instrument wirklich gut, denn er hat seine Wiederherstellung durch den Orgelbauer Rowan West und den Orgel-Forscher Koos van de Linde mit betreut. „Die Spuren am Instrument und Vergleiche zu erhaltenen Renaissance-Orgeln in den Niederlanden und Norddeutschland haben eine Rekonstruktion möglich gemacht, die dem legendären Ruf dieser Orgel (..) gerecht wird.“ Über Details informiert das Beiheft, das mit großer Sorgfalt zusammengestellt worden ist. Es unterstreicht den Anspruch des Labels Dabringhaus und Grimm, das sein Publikum offenbar nicht nur mit Aufnahmen in allerbester Klangqualität unterhalten will, sondern stets auch umfangreiche Informationen mit anbietet. 
Auf dieser CD präsentiert Harald Vogel daher nicht nur Orgelwerke Sweelincks in historisch adäquater Registrierung. Er führt auch die Register der Schwalbennest-Orgel vor und macht seine Hörer auf Zusammenklänge und Kontraste aufmerksam. Auf die Fortsetzung dieser Gesamtaufnahme darf man schon sehr gespannt sein. 

Samstag, 3. April 2010

Bach: Matthäus-Passion; Mauersberger (Berlin Classics)

Bei Wieder-Anhören dieser Auf- nahme ist man zunächst erstaunt: Was, so langsam haben die Gebrüder Mauersberger seinerzeit die Matthäus-Passion dirigiert? Das Instrumentalvorspiel jedenfalls schleppt sich dahin. Doch dann setzt der Chor ein, und plötzlich stimmen die Relationen. Denn die Eindringlichkeit und die Glaubens- wucht dieser Aufnahme verträgt sich nicht mit dem Eilzugtempo und jener beschwingten Phrasie- rung, wie sie derzeit, "historisch informiert", noch der Kantor im letzten Dorf anstrebt.
Wenn Peter Schreier hier das Evangelium vorträgt, dann ist das nicht nur Gesangskunst, sondern darüber hinaus unüberhörbar auch ein Bekenntnis des christlichen Glaubens - was von den DDR-Funktionä- ren scharf bekämpft wurde. In diesem Kontext wird Bachs Matthäus- Passion von  einer Musikaufzeichnung zum künstlerischen Vermächt- nis.
Denn diese Aufnahme entstand 1970 - in einer Zeit, in der Rudolf Mauersberger um den Fortbestand "seiner" Kruzianer fürchten und ringen musste. Jahre beständiger Schikane und kleinlicher Macht- kämpfe lagen hinter ihm, und die Verhältnisse wurden nicht besser. Man stelle sich vor, dass der Kreuzkantor im Alter von 82 Jahren am 6. Februar 1971 noch sein "Dresdner Requiem" eigenhändig dirigierte, um die Übergabe der Amtsgeschäfte an seinen Nachfolger gesichert zu wissen - am 22. Februar 1971 ist er gestorben.
In einer solchen Umgebung und unter solchen Bedingungen wiegen das Herzblut und die Inbrunst, mit der hier musiziert wird, doppelt. Diese CD belegt: Rudolf Mauersberger und sein jüngerer Bruder Erhard, der 1961 Thomaskantor wurde, konnten zudem die beiden traditionsreichen sächsischen Knabenchöre in diesem schwierigen Umfeld auf hohem sanglichen Niveau halten. Obwohl die Aufnahme in der Lukaskirche Dresden entstand, musiziert das Gewandhaus- orchester Leipzig mit seinen erstklassigen Solisten. Und die Continuo-Orgeln spielen Thomasorganist Hannes Kästner und Kreuzorganist Herbert Collum.
Als besondere Stärke dieser Einspielung erweisen sich die überwie- gend exzellenten Gesangssolisten, mit denen selbst die kleinsten Partien besetzt sind. Neben dem Evangelisten Peter Schreier sind beispielsweise Theo Adam als Jesus, Siegfried Vogel als Petrus, Johannes Künzel als Judas und Hermann Christian Polster als Pontius Pilatus zu hören. Wer könnte Adele Stolte "Blute nur, du liebes Herz" klagen hören, oder Annelies Burmeisters ergreifende "Erbarme dich"- Arie, ohne Ostern zu erfassen? Die Tenor-Arien singt Hans-Joachim Rotzsch; er wurde übrigens Mauersbergers Nachfolger als Thomas- kantor, und sein Rücktritt 1991 ist dem Chor leider nicht gut bekommen. 
Obwohl ganz im Sinne der DDR-"Erbe-Pflege", also nicht-"historisch authentisch" und mit modernen Instrumenten eingespielt, und obwohl letztendlich nicht jeder Ton perfekt sitzt, gehört dieses Dokument für mich zu den Referenzaufnahmen von Bachs "großer Passion". Die Aufnahme gibt Zeugnis von jener großartigen mitteldeutschen Musiktradition, die vorreformatorischer Zeit entspringt, die Uniformen, Stiefel und Gleichschritt überlebt hat - und hoffentlich auch unser vollelektronisches Zeitalter überdauern wird.