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Sonntag, 17. Dezember 2017

Johann Michael Bach, Johann Christoph Bach - Complete Organ Music (Brilliant Classics)

Bei Brilliant Classics sind auf drei
CD die vollständigen Orgelwerke Johann Michael und Johann Christoph Bachs erschienen. Diese Weltersteinspielung ist Stefano Molardi zu verdanken, der sich damit erneut als exzellenter Kenner der nord- und mitteldeutschen Orgel- schule erweist. 

Der Organist, der aus Cremona stammt, hat das Orgelwerk von Johann Sebastian Bach bereits mit Sorgfalt studiert und für Brilliant Classics vollständig eingespielt. Nun stellt er die Orgelmusik weiterer Mitglieder der Bach-Familie vor: Johann Christoph Bach (1642 bis 1703) wirkte als Organist erst an der Arnstädter Schlosskapelle, dann an der Georgenkirche in Eisenach, wo er zudem als Cembalist in der Hofkapelle musizierte. Er war mit Johann Pachelbel befreundet, und gilt als der bedeutendste Komponist der weitverzweigten Musikerfamilie Bach in seiner Generation. 
Johann Michael Bach (1648 bis 1694) war zunächst Amtsnachfolger seines älteren Bruders als Organist in Arnstadt, später wurde er dann Organist und Stadtschreiber in Gehren, unweit von Ilmenau im Thüringer Wald. Er war der Vater von Maria Barbara Bach, der ersten Frau von Johann Sebastian Bach. Und die beiden Brüder waren Onkel des späteren Thomaskantors, der wiederum ihre Werke sehr schätzte. 
Ihre kunstvoll kontrapunktischen Orgelchoräle und Variationen haben den den jungen Johann Sebastian ohne Zweifel beeindruckt und geprägt. Sie sind aber weniger der norddeutschen Schule als vielmehr thüringischen Vorbildern und italienischen Traditionen in Nachfolge Frescobaldis verbunden. 
Stefano Molardi hat für diese Einspielung ein historisches Instrument ausgewählt, das sich in der Neuwerkskirche am Rande der Altstadt von Erfurt befindet, auch Cruciskirche genannt. Diese Orgel wurde in den Jahren 1732 bis 1737 von dem Erfurter Orgelbauer Franz Volckland (1696 bis 1779) angefertigt. Sie verfügt über 28 Register auf zwei Manualen und Pedal; klanglich beeindruckt sie durch einen enormen Farbenreichtum. 2000 bis 2003 wurde das Instrument durch die Potsdamer Orgelbaufirma Schuke restauriert. 

Montag, 13. November 2017

Duruflé: Complete Organ Works; Flamme (cpo)

Maurice Duruflé (1902 bis 1986) hat nur sehr wenige Kompositionen hinterlassen. Seine Orgelmusik passt in einen Notenband; obwohl Duruflés Gesamtwerk nur 14 Opuszahlen umfasst, gilt er als einer der bedeutendsten Orgelkomponisten des 20. Jahrhunderts. 
Der Organist war ein Schüler von Charles Tournemire und Louis Vierne; außerdem studierte er am Pariser Conservatoire, wo er für seine Leistungen vielfach mit Preisen ausgezeichnet wurde. Seine Lehrer schätzen den jungen Musiker sehr. Vierne, Organist an Notre Dame, wollte Duruflé sogar zu seinem Nachfolger machen. Doch dieser nahm dann die Organistenstelle an St. Étienne-du-Mont in Paris an. Dort blieb er bis zum Ruhestand. 
Duruflé war ein brillanter Konzertorganist. Gemeinsam mit seiner Ehefrau, der Organistin Marie-Madeleine Chevalier, ging er in Europa und in den USA auf Konzertreisen. Er war auch Uraufführungssolist des Orgelkonzerts von Francis Poulenc. 
Die Kompositionen von Maurice Duruflé beruhen einerseits auf der Gregorianik, mit ihrer modalen Melodik und Harmonik. Andererseits führen sie Traditionen des musikalischen Impressionismus weiter, wie wir ihn von Ravel und Debussy kennen. Außerdem sind sie durch seine hohen Qualitätsansprüche geprägt, die auch vom Interpreten Präzision fordern. 
Friedhelm Flamme, Kirchenmusikdirektor in Göttingen, hat nun für cpo das gesamte Orgelwerk Duruflés an der Mühleisen-Orgel der Stiftskirche zu Bad Gandersheim eingespielt. Dieses Instrument verfügt ergänzend zu Hauptwerk und Positiv über ein expressiv-romantisches Schwellwerk. Mit insgesamt 50 Registern kann es sowohl für barocke als auch für klassische Musik genutzt werden; es ist aber auch möglich, orgelsinfonische Werke darauf zu spielen. Gebaut wurde diese Orgel von der Manufacture d'orgues Mühleisen aus Straßburg; sie wurde am Ostersonntag 2000 eingeweiht. 
Diese Aufnahme beweist, dass spätromantische Klänge ebenfalls perfekt zu diesem Instrument passen. Flamme musiziert großartig, und die Orgel ist auch zu Hause mit prächtiger Klangfülle zu erleben. Dem Aufnahme- team ist es gelungen, diesen Klangraum in einer Mehrkanal-Aufnahme so zu erfassen, dass man beim Anhören dieser Super Audio CD mitunter das Gefühl hat, in der Kirche zu sitzen. Grandios! 

Sonntag, 20. März 2016

Kuhnau: Complete Organ Music (Brilliant Classics)

Für seine Neueinspielung sämtlicher Orgelwerke Bachs erhielt Stefano Molardi viel Kritikerlob. Nun hat sich der Organist, Cembalist, Musik- wissenschaftler und Dirigent dem Schaffen von Bachs Vorgänger zugewandt: Johann Kuhnau (1660 bis 1722) verknüpfte in seinen Werken geschickt diverse Trends und musikalische Innovationen der Musik nördlich der Alpen, wobei er sich auch durch die Affetti der italieni- schen Meister inspirieren ließ. 
Dass er einmal als das Muster eines Gelehrten gelten sollte, das war dem Musiker allerdings nicht an der Wiege gesungen worden. Kuhnau war der Sohn eines Tischlers. Er stammte aus Geising im Erzgebirge, und begann seine Ausbildung als Ratsdiskantist an der Dresdner Kreuzschule. 1680 wurde Kuhnau der Pest wegen nach Zittau geschickt, um dort, mit finan- zieller Unterstützung durch wohlhabende Bürger, am Gymnasium weiter- zulernen. Zur Ratswahl komponierte er eine Motette, die offenbar so gelungen war, dass die Stadtväter ihm daraufhin die Vertretung der vakanten Stelle des Kantors und Organisten antrugen. 
1682 ging Kuhnau zum Studium nach Leipzig. 1684 wurde er Organist an der Thomaskirche, 1701 als Nachfolger Johann Schelles Thomaskantor und Musikdirektor der drei Leipziger Hauptkirchen. Leider ist von seinen Vokalwerken kaum etwas auf CD zu finden; bekannt sind vor allem seine Stücke für das Klavier, weil etliche davon im Druck erschienen sind und weit verbreitet waren. 
An den Silbermann-Orgeln im Freiberger Dom und der Marienkirche Rötha hat Molardi große Teile des Orgelwerks Kuhnaus eingespielt. Die Klangpracht dieser berühmten Instrumente zu loben, das hieße Eulen nach Athen tragen – wer sich für historische Orgeln interesssiert, und sie tat- sächlich noch nicht gehört hat, der sollte bald nach Sachsen reisen. 
Die bedeutendsten Musikstücke, die Kuhnau für Tasteninstrumente geschaffen hat, sind ohne Zweifel die Sonaten der Musikalischen Vor- stellung einiger biblischer Historien (1700), in denen er sechs Geschich- ten aus dem Alten Testament in Musik umgesetzt hat. So berichtet die erste Sonate von der Schlacht zwischen David und Goliath. Man hört beispiels- weise die Israeliten vor Angst schlottern, dann den Stein aus der Schleuder fliegen und Goliath zu Boden stürzen. Großes Kino! Die letzte Sonate schildert, wie Jakob, der Stammvater der zwölf Stämme Israels, nach seinem Tode von seiner Familie aus Ägypten nach Kanaan gebracht wird, wo er, wie gewünscht, an demselben Ort begraben wird wie sein Großvater Abraham. 
Molardi spielt zudem die sieben Sonaten der Frischen Clavierfrüchte (1696), sowie einige ausgewählte Stücke aus der zweiteiligen Clavier-Uebung (1689/92), einer Kollektion von Suiten. Die zweite dieser Sammlungen enthält außerdem die Sonate in B–Dur. Sie gilt als erster Versuch, diese zuvor nur für Streichinstrumente übliche Form auf das Clavier zu übertragen; Kuhnau wird mithin als der Erfinder der Klavier- sonate betrachtet. Dieses gewichtige Oeuvre komplettiert Molardi noch um einige weitere bedeutende Werke, die nicht im Druck erschienen, aber handschriftlich überliefert worden sind. Ein Beispiel dafür ist die Toccata A-Dur - „a lovely example of how the style of Frescobaldi's Italian toccata could be creatively mixed with that of Froberger“, so der Organist im Beiheft, „along with fugue elements typical of Pachelbel and the compo- sers of central Germany.“ 

Montag, 22. Februar 2016

Buxtehude: The Complete Organ Works (Dacapo)

Eine exzellente Gesamtaufnahme der Orgelmusik von Dieterich Buxtehude (1637 bis 1707) hat das dänische Label Dacapo Records auf den Markt gebracht. Die Box bündelt sechs CD, die bereits separat erhältlich waren: Organistin Bine Bryndorf hat die Orgelwerke in den Jahren 2002 bis 2007 auf fünf histori- schen Orgeln rund um die Ostsee eingespielt. 
Für diese Aufnahmen hat sie Instrumente ausgewählt, die einen Bezug zum Lebens- weg ihres berühmten Kollegen haben: An der Kirche St. Maria in Helsingborg, damals dänisch, heute schwedisch, war Buxtehudes Vater Johann Organist, und später begann der junge Dieterich Buxtehude dort seine Musikerlaufbahn. Das Instrument, das sich heute dort befindet, wurde in den Jahren 1997 bis 2000 durch den schwedischen Orgelbauer Robert Gustavsson aus Härnösand nach einem Konzept von Mads Kjersgaard geschaffen. Es ist ein neues Instrument im Stil der Buxtehude-Zeit. 
Von Helsingborg aus wechselte Buxtehude einst an die Marienkirche Helsingör. Die Orgel dort wurde um 1640 von dem sächsischen Orgelbauer Johan Lorentz angefertigt und, während Buxtehude dort Organist war, durch Hans Christoph Fritzsche umgebaut. Dieses Instrument ist nicht erhalten; die Orgel, die sich heute in dem historischen Gehäuse befindet, hat das Unternehmen Marcussen & Son 1997 im Stil einer dänischen Orgel von 1650 neu gebaut. Zu hören sind zudem die Düben-Orgel der Deutschen Kirche St. Gertrud in Stockholm, rekonstruiert 2004 durch Grönlunds Orgelbyggeri Gammelstad/Schweden, die Arp-Schnitger-Orgel der Kirche St. Jacobi zu Hamburg, und die Stellwagen-Orgel der Kirche St. Jakobi zu Lübeck. Dort spielte Bryndorf auch ein Orgelpositiv von 1673. Es stammte aus der Werkstatt des Hamburger Orgelbauers Jochim Richborn; aller- dings war das eigentliche Instrument seit dem 19. Jahrhundert verloren und nur das Gehäuse erhalten. Die kleine Orgel wurde 2003 durch Mads Kjersgaard nach historischem Vorbild neu zum Leben erweckt. 
Dass diese Aufnahmen seinerzeit von der Kritik hoch gelobt worden sind, verwundert nicht. Bryndorf spielt wirklich bewundernswert, und registriert eher zurückhaltend. Klar strukturiert und gut durchdacht, bringt sie Buxte- hudes Musik hervorragend zur Geltung – diese Box bietet ganz eindeutig eine der besten Gesamteinspielungen von Buxtehudes Orgelwerk, die derzeit zu bekommen sind. 

Sonntag, 10. Januar 2016

Bach: Early Organ Works (MDG)

Manchmal ist es gut, wenn das Geld knapp ist. Die Kirchgemeinde in Cappel beispielsweise, zwischen Bremerhaven und Cuxhaven, musste im Jahre 1810 nach einem Brand ihre Kirche wieder aufbauen. Für eine neue Orgel reichte es dann nicht mehr – und so wurde ein Instrument gebraucht gekauft: 1816 setzte Orgelbauer Georg Wilhelmy die Schnitger-Orgel aus der Hamburger St. Johanniskirche nach Cappel um. 
Dabei behielt er die alte Disposition bei; aber die Stimmung wurde verändert und ist nun annhähernd gleichstufig. In späteren Jahrhunderten blieb diese Orgel von Verände- rungen verschont. Sogar die originalen Prospektpfeifen aus Zinn, die typischerweise im Ersten Weltkrieg konfisziert wurden, sind hier erhalten. 
In den 50er Jahren war die Schnitger-Orgel in Cappel so gut gepflegt, dass Helmut Walcha daran seine legendären Bach-Aufnahmen für die Deutsche Grammophon einspielen konnte. Das machte auch das Instrument berühmt. Allerdings baute die Gemeinde in den 70er Jahren in die Kirche eine Heizung ein – was erhebliche Schäden an der Orgel mit sich brachte. Sie sind mittlerweile dank einer Restaurierung beseitigt. Und auf dieser CD präsentiert sich die Schnitger-Orgel in Bestform. Harald Vogel, Experte für die norddeutsche Orgelkunst, hat Orgelmusik des jungen Johannn Sebastian Bach eingespielt. Man darf annehmen, dass Bach das Instrument bei seinen Aufenthalten in Hamburg mehrfach gespielt hat. Doch nicht nur das macht die Orgel, die einst zum Johanneum gehörte, zum idealen Medium für Bachs frühe Werke. 
Klanglich bietet sie sehr viel Abwechslung, und somit schöne Möglichkeiten, durch die Registerwahl zu differenzieren. Dies nutzt Vogel gekonnt aus, um musikalische Strukturen aufzuzeigen. Ganz nebenbei gelingt es ihm, in seinem Programm alle historisch adäquaten Register klingend vorzustellen. Ausgewählt hat der Organist in erster Linie Musik aus der sogenannten Möllerschen Handschrift, die vor allem von Johann Sebastians älterem Bruder Johann Christoph Bach zu Papier gebracht wurde. Sie enthält neben Johann Sebastian Bachs frühesten Orgelwerken auch norddeutsche Orgelmusik. Als Quelle diente auch das Andreas-Bach-Buch, in dem der junge Organist beispielsweise die Fantasia ex c notierte, in Form einer Buchstabentabulatur. 
Choralbearbeitungen aus der Neumeister-Sammlung machen deutlich, wie Bach mitteldeutsche und norddeutsche Einflüsse integrierte. Details erläutert Vogel sehr anschaulich in dem mit großer Sorgfalt erstellten Beiheft zu dieser CD. Folgt man seinen Erklärungen, kann man etliches über die Ausbildung des Musikers lernen: Johann Pachelbel, Georg Böhm, aber auch Reincken, Buxtehude, Bruhns, dazu Vorbilder aus der thüringi- schen Tradition – der junge Bach hat seine Meister mit Fleiß studiert. Das zeigt auch sein „Gesellenstück“, die Fantasia ex Gb duobus subjectis BWV 917, die sich am Schluss der Möllerschen Handschrift befindet und zeigt, was er in Lüneburg bei Georg Böhm gelernt hat. Sie erklingt auf dieser Super Audio CD in Ersteinspielung. 
Eine Reihe von weiteren Werken zeigt uns den jungen Bach als Orgel- virtuosen. Insbesondere auch die Fuga h-Moll über ein Thema von Corelli, Präludium und Fuge g-Moll sowie die berühmte d-Moll-Toccata nutzt Vogel, um deutlich zu machen, wie versiert Bach sein Handwerk verstand. Eine rundum gelungene Aufnahme, in jeder Hinsicht ansprechend. 

Donnerstag, 19. November 2015

Gabrieli: Complete Keyboard Music (Brilliant Classics)

Roberto Loreggian hat das Gesamt- werk von Andrea Gabrieli (1532/33 bis 1585) für Tasteninstrumente, soweit es jedenfalls überliefert ist, für Brilliant Classics eingespielt. Die Box enthält sechs CD und ein Beiheft mit ausführlichen Anmerkungen. Die musikalische Qualität ist berückend: Andrea Gabrieli war der Onkel und Lehrer des berühmten Giovanni Gabrieli; zu seinen Schülern gehörten zudem Hans Leo Haßler oder der Dresdner Hofkapellmeister Rogier Michael. 
Gebrieli stammte aus Venedig, und lernte möglicherweise einige Zeit in Verona bei Vincenzo Ruffo. 1555 war er aber bereits als Organist in Venedig tätig. 1557 bewarb er sich vergeblich um eine Anstellung am Markusdom. 1562 reiste Gabrieli nach Deutsch- land; so begegnete er in München Orlando di Lasso. 
1565 veröffentlichte Gabrieli in Venedig seine Cantiones sacrae; ein Jahr später wurde er dann Organist am Markusdom. Der Musiker schuf neben zahlreichen Vokalwerken auch eine Menge Musik für Tasteninstrumente; nach seinem Tod trug Giovanni Gabrieli diese Werke zusammen und ließ sie in sechs Bänden drucken. Vom vierten Band ist aber offenbar heute kein Exemplar mehr aufzufinden. Eine moderne Edition erschien in den 90er Jahren bei Doblinger. 
Gabrielis Werke, an der Schwelle von der Renaissance zum Barock, sind von großer Pracht; aber für heutige Hörgewohnheiten klingen sie mitunter fremd. Diesen Eindruck wollte Loreggian auch nicht verwischen: „I have sought to render the quality of Venetian sonority of the late 1500s as faithfully as possible“, erläutert der Organist im Beiheft. „To this end I have chosen to play the organ built by Vincenzo Colombi in 1532 for the cathedral in Valvasone, near Pordenone in northern Italy (..), and a copy of a Domenico da Pesaro harpsichord built by Florindo Gazzola in 1990.“ 
Das ist eine exzellente Wahl: Vincenzo Colombi (um 1490 bis 1574) gehört zu den großen Meistern seiner Zunft. Die Orgel in Valvasone, mit ihrem reich verzierten und kunstvoll bemalten Gehäuse, ist das einzige venezianische Instrument aus dem 16. Jahrhundert, das erhalten geblieben ist. Sie wurde im Laufe der Jahrhunderte mehrfach umgebaut, aber bei der letzten Überarbeitung 1999 durch Francesco Zanin so weit wie möglich wieder in den originalen Zustand gebracht. Sie ist mitteltönig gestimmt und steht im hohen Chorton.

Donnerstag, 4. Dezember 2014

Buxtehude: Opera Omnia - Vocal Works; Koopman (Challenge Classics)

Ton Koopman verdanken wir viele bedeutende musikalische Entdek- kungen und Einspielungen. Erinnert sei hier an seine Gesamtaufnahmen des Orgelwerkes sowie der Kantaten von Johann Sebastian Bach. Die Auseinandersetzung mit diesen Werken hat – glücklicherweise – Koopmans Aufmerksamkeit auf einen weiteren Komponisten gelenkt, von dem Bach sehr viel gelernt hat: Dieterich Buxtehude (1637 bis 1707). 
Warum ist Bach seinerzeit im November 1705 vom thüringischen Arnstadt nach Lübeck gewandert, und wieso blieb er dort wesentlich länger, als ihm vom Rat der Stadt zugestanden worden war? Diese Frage trieb wohl auch Koopman um. Eine Antwort liegt nahe: Buxtehudes Vokalmusik erklang an der Marienkirche in Lübeck nicht im regulären Gottesdienst, sondern in den sogenannten Abendmusiken, alljährlich an fünf Sonntagen nach dem Martinstag, also dem 11. November. 
Damit waren die Kompositionen nicht liturgisch gebunden. Buxtehude war sowohl in der Auswahl der Inhalte als auch der Formen frei, und so schuf er Arien, Konzerte und Kantaten auf der Grundlage kirchlicher Hymnen sowie biblischer oder poetischer Texte. In den Abendmusiken erklangen aber auch Instrumentalwerke – und was die Orgelmusik angeht, war Buxtehude der berühmteste Protagonist der Norddeutschen Orgelschule. 
Verblüffenderweise werden seine Werke, insbesondere seine Instrumental- und Vokalmusik, heute bis auf wenige Ausnahmen äußerst selten aufge- führt. Auch wenn Bruno Grusnick (1900 bis 1992) sich große Verdienste um die Erschließung des Notenbestandes insbesondere auch der Sammlung Düben erworben hat, ist eine historisch-kritische Edition derzeit immer noch nur für einige wenige Werke verfügbar. Der Carus-Verlag hat diese Ausgabe begonnen; die Orgelmusik erscheint aber wohl bei Bärenreiter. 
Trotz dieser Schwierigkeiten hat sich Ton Koopman mit seinem Amster- dam Baroque Orchestra and Choir sowie einer großen Schar engagierter Solisten an eine Gesamtaufnahme gewagt. 2005 begann er das Projekt „Dieterich Buxtehude – Opera Omnia“. Mittlerweile ist diese Kollektion vollendet. Koopman hat dafür bei seinem eigenen Label Antoine Marchand den kompletten Buxtehude eingespielt, die Vokal- und Kammermusik ebenso wie die Kompositionen für Orgel und Cembalo, die er selbst auf historischen Instrumenten interpretiert. 
Und man muss sagen, diese Arbeit hat sich gelohnt. Denn die Musik ist wirklich beeindruckend. Die Aufnahmen zeigen allerdings auch, dass die Vokalwerke Buxtehudes zumeist durch eine normale Kantorei nicht ohne weiteres aufzuführen sind. So werden sie wohl Musik für professionelle Ensembles bleiben. Hören freilich möchte man sie gern öfters. 
Man mag sich kaum vorstellen, was für ein Kraftakt die Vorbereitung einer solchen Gesamteinspielung gewesen sein dürfte. Es ist kaum zu glauben, aber Ton Koopman hat im Oktober 2014 seinen 70. Geburtstag gefeiert. Für den Ruhestand hat er gar keine Zeit: Die Webseite verrät es – der Kalender des Dirigenten, Organisten, Cembalisten und Musikwissenschaftlers ist voll wie eh und je. Wir gratulieren, wenn auch mit  Verspätung, und wir freuen uns schon auf die nächsten Projekte. 

Dienstag, 27. Dezember 2011

Bach: Organ Masterworks Vol. II; Koito (Claves)

Kei Koito hat die seltene Gabe, zu erspüren, was eine Orgel in Kombi- nation mit dem Kirchenraum, die sie umgibt, einzigartig macht. Das unterscheidet sie von vielen anderen Organisten, die ebenfalls brillant spielen, denen aber dieses Gespür fehlt - und es macht ihre Einspielungen so faszinierend.
Auf dieser CD ist sie an der Silber- mann-Orgel der Katholischen Hofkirche in Dresden zu erleben. Sie spielt Werke, die man vielleicht am ehesten in der Zeit um das Ende des Kirchenjahres verorten könnte, jenen Wochen zwischen Totengedenken und Vorfreude auf das Weihnachtsfest. So folgt auf Toccata und Fuge in d-Moll BWV 565 Nun komm der Heiden Heiland, und zwar gleich in drei verschiede- nen Varianten, aus den Leipziger Chorälen. In derselben Sammlung findet sich auch Herr Jesu Christ, dich zu uns wend
Die Fantasie c-Moll BWV 562 verweist auf Frankreich - und die Organistin lässt darauf gleich noch die Ouvertüre nach französischer Art BWV 831 folgen, mit Rücksicht auf die Orgel transponiert nach
c-Moll. Eine Rarität ist auch die Kombination aus Toccata, Adagio und Fuge C-Dur BWV 564, die Koito im Anschluss daran spielt. 

Nach Wachet auf, ruft uns die Stimme BWV 645, einem der Schübler-Choräle, folgen Fantasie und Fuge in g-Moll BWV 542. Bach hat sie einst geschrieben, als er sich in Hamburg um eine Organistenstelle bewarb. Die hätte er sogar bekommen, doch er weigerte sich dieses Amt zu kaufen - und blieb in Köthen. Sein wuchtiger Auftritt im stylus phantasticus beeindruckt noch heute, und Kei Koito setzt neben die dramatischen Ausbrüche der Fantasie die strenge Regelmäßigkeit der anschließenden Fuge, die überraschend heiter endet. 
Bachs Kantate Gottes Zeit ist die allerbeste Zeit wird von einer Sona- tina eingeleitet. Koito spielt sie hier in einer Fassung von Alexandre Guilmant für Orgel, die dem Original klanglich erstaunlich dicht folgt. Man meint, die Blockflöten zu hören, die jenes Wiegenlied anstimmen, das andeutet, dass Christen sanft und im Vertrauen auf Gott ent- schlummern. Die Organistin registriert souverän, und nutzt die Klangmöglichkeiten, die ihr das wundervolle Silbermann-Instrument bietet, ganz hervorragend. Mit In dir ist Freude BWV 615, das übli- cherweise freudig das neue Jahr begrüßt, klingt die CD schwungvoll-tänzerisch aus. Wer Bach liebt, aber auch eine nicht ganz orthodoxe Sicht auf sein Werk akzeptabel findet, wenn sie musikantisch über- zeugt, der wird diese Aufnahme mögen. 

Montag, 25. April 2011

Pachelbel: Clavier Music Vol. 2 (MDG)

Johann Pachelbel (1653 bis 1706) gehört zu jenen Organisten, die die süddeutsche Orgeltradition ent- scheidend mit prägten. Er begann seine musikalische Laufbahn als stellvertretender Organist in Wien am Stephansdom, ging 1677 als herzoglicher Hoforganist nach Eisenach, und wechselte 1678 an die Predigerkirche nach Erfurt. Dort gab er Johann Christoph Bach Orgelunterricht - und dieser wird sein frisch erworbenes Wissen mit seinem jüngeren Bruder Johann Sebastian geteilt haben. 1690 trat Pachelbel in den Dienst der Herzo- gin Magdalena Sybilla in Stuttgart, zog aber schon zwei Jahre später angesichts einer drohenden französischen Invasion weiter als Stadt- organist nach Gotha. 1695 kehrte er als Nachfolger seines früheren Lehrers Caspar Wecker an die Sebalduskirche in seine Heimatstadt Nürnberg zurück. Dort wirkte er bis zu seinem Tode 1706.
Pachelbel war ein Wanderer zwischen den Welten - als Organist und Komponist arbeitete er, wie viele andere Musiker auch, sowohl gemäß der süddeutsch-katholischen als auch der norddeutsch-protestanti- schen Musiktradition. Knappe Toccaten für den katholischen Gottes- dienst oder umfangreiche Choralbearbeitungen als Begleitmusik zum evangelischen Abendmahl - was der jeweilige Dienstherr wünschte, das schuf der Künstler. 
Franz Raml spielt derzeit Pachelbels Werk für das audiophile Label Dabringhaus und Grimm ein. Kritisch muss man vorwegstellen: Die Silbermann-Orgel der Petrikirche Freiberg klingt zwar prächtig, er- scheint aber nicht gerade repräsentativ für die süddeutschen Orgeln jener Zeit. Eine überzeugende Begründung für die Auswahl dieses Instruments bleibt Raml auch im - ansonsten recht informativen - Beiheft schuldig.
Raml hat aus den verfügbaren Pachelbel-Editionen jeweils die ihn überzeugende ausgewählt; seine Entscheidung begründet er im Beiheft. Er registriert nachvollziehbar, und spielt grundsolide - auch am Cembalo hört man ihm gerne zu. Insofern darf man sich auf die Fortsetzung der Gesamtaufnahme freuen, die sich vermutlich noch einige Jahre hinziehen wird, und auch für die Zukunft die eine oder andere Entdeckung verspricht. 

Freitag, 22. April 2011

Schumann: Sämtliche Orgelwerke (Berlin Classics)

Die große Orgel der Stadtkirche Winterthur stand ursprünglich im Kloster Salem nördlich des Boden- sees. Das dreimanualige Instru- ment mit 42 Registern, 1768 von dem seiner Herkunft nach ober- schwäbischen, aber in französi- scher Tradition ausgebildeten Orgelbauer Karl Joseph Riepp (1710-1775) erbaut, wurde 1809 von Salem nach Winterthur um- gesetzt.
In der darauffolgenden Zeit wurde das Instrument immer wieder umgebaut - so auch 1888 durch die Orgelbaufirma E. F. Walcker aus Ludwigsburg, die das vorhandene Pfeifenmaterial umarbeitete und neue Register hinzufügte. Umgestellt wurde zudem auf die damals neu entwickelte Kegellade. So entstand hinter dem alten Prospekt aus Salem faktisch ein neues Instrument mit 52 Registern; erstaunlicher- weise wird es in der Chronik des Unternehmens, das bis zum heutigen Tage existiert, mit keinem Wort erwähnt. 
Die Walcker-Söhne, die die Firma damals führten, waren bekannt als brillante Intonateure. Es ist schade, dass auch in den Jahren danach die Umbauten an der Orgel weitergingen - so hat man in den 30er Jahren unter dem Einfluss der Orgelbewegung versucht, dieses herrliche romantische Instrument durch neue Register zu ergänzen und auf Barockorgel zu trimmen. Das Ergebnis mag man sich gar nicht vorstellen. 
In den 80er Jahren entschied sich die Gemeinde dann zur fast voll- ständigen Rekonstruktion des Walcker-Umbaus von 1888. Den Auf- trag erhielt die Firma Kuhn aus dem schweizerischen Männedorf. Das war eine kluge Entscheidung, wie auf dieser CD zu hören ist. Organist Mario Hospach-Martini beginnt mit den Sechs Studien in kanonischer Form op. 56 - und zunächst meint man, ein französisches Instrument zu hören. 
Doch diese Orgel klingt nicht so druckvoll und massiv wie die Orgeln von Aristide Cavaillé-Coll, der Eberhard Friedrich Walcker und seine Werke übrigens gut kannte. Insbesondere im Plenum werden die Unterschiede deutlich; und in den Vier Skizzen für Pedalflügel op. 58 sowie den Sechs Fugen über BACH op. 60 gibt Hospach-Martini die Zurückhaltung in der Registrierung, die er anfangs zeigt - was den Sechs Studien gut bekommt - dahin, und führt das Instrument in seiner ganzen Klangfülle vor. 

Dienstag, 23. November 2010

Masaaki Suzuki plays Buxtehude (BIS)

Um Dieterich Buxtehude (um 1637 bis 1707) zu hören und bei ihm Unterricht zu nehmen, reiste Johann Sebastian Bach 1705 vom thüringischen Arnstadt nach Lübeck - mehr als 400 Kilometer, zu Fuß. Diesen "Bildungsurlaub" verlängerte Bach obendrein eigenmächtig, was ihm einigen Ärger bescherte. 
Bachs Entscheidung wird verständ- lich, wenn man die Werke Buxte- hudes hört. Er war der berühm- teste Vertreter der Norddeutschen Orgelschule, und mit Formvorgaben ging er sehr virtuos - man könnte auch sagen kreativ bis ignorant - um. Seine Choralvorspiele gleichen mitunter rhetorischen Rätselstücken, was die Gemeinde jedoch offenbar mit norddeutscher Gelassenheit ertrug, und mit seinen "Abendmusiken", oratorienähnlichen geistlichen Aufführungen in der Adventszeit, etablierte er sogar die wohl ersten öffentlichen Konzerte in Deutschland.
Der brillante japanische Organist und Musikhistoriker Masaaki Suzuki spielt eine kleine, aber feine Auswahl aus Buxtehudes großartigem Orgelwerk. Dafür hat er zwei Instrumente ausgesucht, die in ihrer Grundsubstanz aus dem 17. Jahrhundert und von Orgelbauern stammen, die Buxtehude schätzte. Diese Orgeln befinden sich in den Dörfern Altenbruch und Lüdingworth, drei Kilometer voneinander entfernt, bei Cuxhaven an der Elbmündung. Es waren reiche Dörfer, und die Instrumente haben die entsprechenden Dimensionen und auch klanglich ein Format, das den großen Orgeln der Hansestädte in nichts nachsteht. Suzuki demonstriert die hohe Kunst Buxtehude- scher Orgelmusik - und lässt zugleich das Klangspektrum der beiden Orgeln erahnen. Das Ergebnis ist ein ausgesprochenes Hörvergnügen. Diese Musik war bisher selten in einer so delikaten und zugleich so formbewussten Interpretation zu erleben.

Samstag, 16. Oktober 2010

A virtuoso faceoff (Alba)

Heinrich Ignaz Franz Biber (1644 bis 1704) und Georg Muffat (1653 bis 1704) waren beide Angestellte des Salzburger Erzbischofs Max Gandolph Graf von Kuenburg. Biber, einer der besten Geiger seiner Zeit, kam aus Böhmen, und wirkte in Salzburg zunächst als Vizekapellmeister und später als Kapellmeister. In Anerkennung seiner herausragenden Virtuosität wurde er 1690 vom Kaiser geadelt, und durfte sich zudem eines üppigen Salärs erfreuen. Muffat, ein Schüler von Jean-Baptiste Lully, war Domorganist in Salzburg. Der Erzbischof schickte ihn 1680 zur Weiterbildung nach Italien; in Rom lernte Muffat unter anderem Arcangelo Corelli kennen, von dem er offenkundig sehr beeindruckt war, denn er schrieb anschließend Concerti grossi nach seinem Vorbild. 
Das Konzept der vorliegenden CD ist ein imaginärer Wettstreit beider Musiker um die Gunst ihres Dienstherrn. Ein solches Szenario ist zwar wenig realistisch, aber dennoch dramaturgisch und musikalisch reizvoll - macht es deutlich, wie vielgestaltig Barockmusik selbst innerhalb einer einzigen Residenz sein konnte. Petri Tapio Mattson, Violine, Markku Mäkinen, Orgel, und Eero Palviainen, Erzlaute, zeigen zudem, dass es in Finnland exzellent ausgebildete Musiker gibt, die den Vergleich mit bekannten Stars der Barock-Szene nicht scheuen müssen.

Montag, 22. März 2010

Bach: Organ Masterworks Vol. I; Kei Koito (Claves)

Die Organistin Kei Koito lebt in Lausanne. Dort unterrichtet sie seit 1992 am Konservatorium den künstlerischen Nachwuchs, und initiierte das Bach-Festival und den Grand Prix Bach der Stadt.
Auf der großen Schnitger-Orgel der Martini-Kirche von Groningen hat sie diese CD eingespielt, die offensichtlich Nachfolger haben soll. Für die vorliegende Aufnahme wählte sie etliche Werke aus Bachs Weimarer Zeit.
Das Programm ist ausgesprochen clever zusammengestellt. Koito startet mit Präludium und Fuge e-Moll BWV 548; es folgen Präludium und Fuge in A-Dur BWV 536/536a und in a-Moll, BWV 543. Zwischen diesen "Großwerken" erklingt dann jeweils die Orgel-Bearbeitung eines Kirchenliedes oder Chorals.
Das setzt nicht nur einen Rahmen, in dem die grandiosen Fugen um so stärker wirken. Koito nutzt diesen Kontrast zudem, um die unterschiedlichsten Register und damit Klangfarben dieses herrlichen Instrumentes zu demonstrieren. 
Bach selbst hat häufig Stücke transkribiert. So ist eine Orgelversion des vierten Satzes seiner Sonate für Viola da Gamba und Cembalo G-Dur BWV 1027 überliefert; Koito fügte noch den ersten Satz hinzu - und auch den ersten Satz der Sonate für Violine und Cembalo E-Dur BWV 1016 bearbeitete sie für Orgel. Wer das nicht weiß, dem wird diese Tatsache gar nicht auffallen. Auch das zeigt die hohe Qualität dieser Aufnahme; hier ist jede Phrase wohlstrukturiert, jede Registrierung bestens überlegt und jede Verzierung akzeptabel. 
Die CD endet mit der Orgelfassung des Kirchenliedes Schmücke dich, O liebe Seele BWV 654. Mendelssohn und Schumann hörten sie einst bei einem Konzert in der Leipziger Thomaskirche. Schumann zeigte sich beeindruckt: "Um den Cantus firmus hingen vergoldete Blätter- gewinde, und eine Seligkeit war dareingeschlossen, daß Du mir selbst gestandest, wenn das Leben Dir Hoffnung und Glauben genommen, so würde Dir dieser Choral alles neue bringen", so schrieb er. Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen.