Eine Sinfonie von Carl Friedrich Abel (1723 bis 1787) wurde lange für ein Werk von Wolfgang Amadeus Mozart (1756 bis 1791) gehalten. Der Achtjährige hatte sie 1764 bei seinem Aufenthalt in London eigenhändig kopiert, um sich zu üben und daran zu lernen. Insbesondere der Mittelsatz dieser Sinfonie scheint das Wunderkind tief beeindruckt zu haben.
Michael Schneider spürt mit seinem Ensemble La Stagione Frankfurt solch musikalischen Verwandt- schaften nach. Die Auseinander- setzung mit dem Schaffen Abels führt in ein interessantes Kapitel der Musikgeschichte: Ursprünglich waren Sinfonien Vorspiele, Ouvertüren, die die Aufmerksamkeit des Publikums erwecken und auf ein nachfol- gendes, gewichtiges Werk lenken sollten. Zum Ende des 18. Jahrhunderts aber wurde die Sinfonie zu einem selbständigen und höchst bedeutenden Genre; bereits in der Wiener Klassik erlebte sie in der erneuerten Form eine erste Blütezeit.
Die vorliegende Aufnahme mit den sechs Sinfonien op. VII führt uns zu den Anfängen dieser Entwicklung: „Was Abels Sinfonien so unver- wechselbar macht unter denen seiner Zeitgenossen, sind also nicht deren Kopfsätze in (später so genannter) Sonatenform, auch nicht seine Finalsätze, die ausnahmslos und meist in Rondoform geradezu volkstümliche Tänze wie schnelle Kontretänze oder Menuette darstellen: es sind vielmehr seine langsamen Mittelsätze, die – zumeist als Andante bezeichnet und häufig in ,sempre piano'-Dynamik – eine neue und durchaus eigene Musiksprache sprechen“, schreibt Michael Schneider im Beiheft zu dieser CD. „Und von diesen sind es auch nicht in erster Linie jene galanten oder empfindsamen Beispiele wie die aus den Sinfonien G-Dur oder C-Dur , sondern die geradezu ,hymnischen' liedartigen Sätze für Streicher alleine wie die aus den in Sinfonien B-Dur und F-Dur.“
Die Musiker von La Stagione Frankfurt verstehen ihr Metier, und sie präsentieren Abels Sinfonien hinreißend. Dabei betont Schneider besonders die Tatsache, dass diese Werke kontinentale und englische Traditionen verbinden. Falls sich aber nun jemand für Musikgeschichte nicht interessiert – man kann diese Einspielung auch einfach so genießen. Es lohnt sich!
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Samstag, 20. Januar 2018
Freitag, 3. Januar 2014
Telemann: Wind Concertos Vol. 8 (cpo)
Wer Ohren hat, zu hören, der wird spätestens durch diese CD davon überzeugt, dass Georg Philipp Telemann (1681 bis 1767) keineswegs der Langweiler und Vielschreiber war, zu dem ihn Musikwissenschaftler später erklärt haben. Auf insgesamt acht CD hat Michael Schneider mit seinen Ensembles La Stagione Frankfurt und Camerata Köln zahlreiche Bläserkonzerte des Komponisten eingespielt.
Ob man wirklich von einer „Gesamteinspielung“ sprechen kann, darüber äußert Telemann-Experte Professor Wolfgang Hirschmann im Beiheft begründete Zweifel. Abwechslung aber bietet die Aufnahme reichlich, das wird schon beim Blick auf die Besetzungen der einzelnen Werke deutlich; so sind Konzerte für Block- sowie Traversflöten und Fagott ebenso dabei wie Konzerte für Hörner, für Oboe, für Trompete und zwei Oboen, für Oboe'amore, ja, sogar für zwei Chalumeaux, zumeist gemeinsam mit Streichern und Basso continuo.
Zwar erklärte Telemann 1718 in seiner Autobiographie, dass seine Konzerte „mehrentheils nach Franckreich riechen“. Doch woher auch immer der Komponist seine Anregungen bezogen hat – immer stellt man fest: Es ist am Ende Telemann, was in den Noten steht. Er schöpfte aus einem schier unerschöpflichen Vorrat von Formen, Klangideen und Melodien, und er verwandelte das musikalische Material durch seinen unverkennbaren Personalstil.
Wer diese CD hört, der wird über die Schaffenskraft des Komponisten staunen, und sich über die exzellente Qualität der Einspielung freuen. Die Musiker um Schneider spielen großartig. Noch schöner wäre es, wenn nun bald eine Gesamtaufnahme der Telemann-Konzerte folgen würde, in denen Bläser und Streicher in gemischten Besetzungen konzertieren. Ich bin mir sicher, dass dies weitere Entdeckungen ermöglichen würde.
Ob man wirklich von einer „Gesamteinspielung“ sprechen kann, darüber äußert Telemann-Experte Professor Wolfgang Hirschmann im Beiheft begründete Zweifel. Abwechslung aber bietet die Aufnahme reichlich, das wird schon beim Blick auf die Besetzungen der einzelnen Werke deutlich; so sind Konzerte für Block- sowie Traversflöten und Fagott ebenso dabei wie Konzerte für Hörner, für Oboe, für Trompete und zwei Oboen, für Oboe'amore, ja, sogar für zwei Chalumeaux, zumeist gemeinsam mit Streichern und Basso continuo.
Zwar erklärte Telemann 1718 in seiner Autobiographie, dass seine Konzerte „mehrentheils nach Franckreich riechen“. Doch woher auch immer der Komponist seine Anregungen bezogen hat – immer stellt man fest: Es ist am Ende Telemann, was in den Noten steht. Er schöpfte aus einem schier unerschöpflichen Vorrat von Formen, Klangideen und Melodien, und er verwandelte das musikalische Material durch seinen unverkennbaren Personalstil.
Wer diese CD hört, der wird über die Schaffenskraft des Komponisten staunen, und sich über die exzellente Qualität der Einspielung freuen. Die Musiker um Schneider spielen großartig. Noch schöner wäre es, wenn nun bald eine Gesamtaufnahme der Telemann-Konzerte folgen würde, in denen Bläser und Streicher in gemischten Besetzungen konzertieren. Ich bin mir sicher, dass dies weitere Entdeckungen ermöglichen würde.
Freitag, 18. Mai 2012
Telemann: Wind Concertos Vol. 7 (cpo)
Das Ensemble La Stagione hat unter Michael Schneider für cpo sämtliche Bläserkonzerte von Georg Philipp Telemann einge- spielt. Dies ist nun die vorletzte CD der Reihe, und sie macht erneut deutlich, wie effektvoll, farben- reich und handwerklich versiert Telemann komponierte.
Er nutzte sowohl französische Stil- elemente als auch den "italiäni- schen Rock", und kombinierte beides gern mit Ideen, die er in jungen Jahren der polnischen Tanzmusik abgelauscht hatte, die Telemann offenbar ebenfalls sehr schätzte.
Ein ganz besonderes Bonbon ist ohne Zweifel das Concerto in D-Dur für Corno da caccia, Streicher und Basso continuo. Jörg Schulteß wagt sich an die außerordentlich anspruchsvolle Solopartie, und er bewältigt dieses Virtuosenstückchen souverän. Hervorragend ge- spielt sind aber auch all die anderen Bläserkonzerte; die Musiker des Ensembles La Stagione zeigen zudem, dass man Telemann durchaus schätzen muss - denn seine Musik hat viele Facetten, und ist immer für eine Überraschung gut.
Er nutzte sowohl französische Stil- elemente als auch den "italiäni- schen Rock", und kombinierte beides gern mit Ideen, die er in jungen Jahren der polnischen Tanzmusik abgelauscht hatte, die Telemann offenbar ebenfalls sehr schätzte.
Ein ganz besonderes Bonbon ist ohne Zweifel das Concerto in D-Dur für Corno da caccia, Streicher und Basso continuo. Jörg Schulteß wagt sich an die außerordentlich anspruchsvolle Solopartie, und er bewältigt dieses Virtuosenstückchen souverän. Hervorragend ge- spielt sind aber auch all die anderen Bläserkonzerte; die Musiker des Ensembles La Stagione zeigen zudem, dass man Telemann durchaus schätzen muss - denn seine Musik hat viele Facetten, und ist immer für eine Überraschung gut.
Mittwoch, 25. April 2012
Scarlatti: La Colpa, il Pentimento, la Grazia (Capriccio)
Die Passions- und Osterzeit des Jahres 1708 brachte in Rom gleich zwei herausragende musikalische Ereignisse: In der Karwoche, am Mittwoch, erklang im Palazzo des Kardinals und Vizekanzlers des Heiligen Stuhls Pietro Ottoboni ein Passionsoratorium des italieni- schen Altmeisters Alessandro Scarlatti. Und am Ostersonntag folgte darauf im Palazzo des Prinzen Ruspoli die Resurrezione des 23jährigen Georg Friedrich Händel.
Während dieses Werk durch die Händel-Forschung schon vor einiger Zeit wieder erschlossen worden ist, fand Scarlattis Oratorium lange keine Beachtung. Das hat Michael Schneider zum Anlass genommen, La Colpa, il Pentimento, la Grazia 1991 mit dem Orchester und Vokal- ensemble La Stagione erstmals wieder aufzuführen.
Das abendfüllende Oratorio per la Passione di Nostro Signore Gesù Cristo erweist sich als theologisch hoch anspruchsvoller Diskurs zwischen den allegorischen Figuren Schuld, Reue und Gnade. Das Libretto dafür schrieb Ottoboni höchstpersönlich. Eingebettet darin erklingen die Klagegesänge des Jeremias - in italienischer Sprache, was eigentlich damals nicht üblich war. Scarlatti nutzt die Psalmodie, um ihr einen kunstvollen Orchestersatz beizufügen, der die Lamenta- tiones musikalisch ausdeutet. "Scarlattis Werk ist von einer außer- gewöhnlichen Ernsthaftigkeit und einzigartigen Ausdruckstiefe", resümiert Schneider in dem sehr informativen Beiheft. Dies lasse es "auch über die Passionszeit hinaus zu einem bedeutenden Zeugnis der Auseinandersetzung mit den Problemen menschlicher Existenz werden."
Schneider entschied zudem, Scarlattis Oratorio durch die Lamenta- tione per il Mercordi Santo sowie Crocifissione e Morte di Nostro Signore Giesù Cristo, eine Cantate für Altstimme und Orchester, beides von Alessandro Stradella, zu ergänzen. Die Solopartien singen Mechthild Bach und Petra Geitner, Sopran, sowie Kai Wessel, Alt.
Während dieses Werk durch die Händel-Forschung schon vor einiger Zeit wieder erschlossen worden ist, fand Scarlattis Oratorium lange keine Beachtung. Das hat Michael Schneider zum Anlass genommen, La Colpa, il Pentimento, la Grazia 1991 mit dem Orchester und Vokal- ensemble La Stagione erstmals wieder aufzuführen.
Das abendfüllende Oratorio per la Passione di Nostro Signore Gesù Cristo erweist sich als theologisch hoch anspruchsvoller Diskurs zwischen den allegorischen Figuren Schuld, Reue und Gnade. Das Libretto dafür schrieb Ottoboni höchstpersönlich. Eingebettet darin erklingen die Klagegesänge des Jeremias - in italienischer Sprache, was eigentlich damals nicht üblich war. Scarlatti nutzt die Psalmodie, um ihr einen kunstvollen Orchestersatz beizufügen, der die Lamenta- tiones musikalisch ausdeutet. "Scarlattis Werk ist von einer außer- gewöhnlichen Ernsthaftigkeit und einzigartigen Ausdruckstiefe", resümiert Schneider in dem sehr informativen Beiheft. Dies lasse es "auch über die Passionszeit hinaus zu einem bedeutenden Zeugnis der Auseinandersetzung mit den Problemen menschlicher Existenz werden."
Schneider entschied zudem, Scarlattis Oratorio durch die Lamenta- tione per il Mercordi Santo sowie Crocifissione e Morte di Nostro Signore Giesù Cristo, eine Cantate für Altstimme und Orchester, beides von Alessandro Stradella, zu ergänzen. Die Solopartien singen Mechthild Bach und Petra Geitner, Sopran, sowie Kai Wessel, Alt.
Sonntag, 4. Dezember 2011
Geistliche Musik der Bach Familie (Capriccio)
Für diese 5-CD-Box hat das Label Capriccio das hauseigene Archiv durchsucht - und darin viel Hörenswertes gefunden. Da wären dann also drei CD mit Aufnahmen, die von der Rheinischen Kantorei und dem Orchester Das Kleine Konzert unter Hermann Max mit diversen Solisten eingespielt worden sind. Hier finden sich Raritäten wie die Osterkantate Gott hat den Herrn auferwecket Wq 244, Heilig Wq 217 für Solo-Alt, zwei vierstimmige Chöre und zwei Orchester sowie die Kantate Anbetung dem Erbarmer Wq 243 von Carl Philipp Emanuel Bach (1714 bis 1788).
Von Johann Ernst Bach (1722 bis 1777) stammt die Motette Meine Seele erhebt den Herrn sowie Das Vertrauen der Christen auf Gott, Eine Ode auf den 77. Psalm für Tenor, Chor und Orchester. Johann Christoph Friedrich Bach (1732 bis 1795) ist vertreten mit Wachet auf, rufet uns die Stimme, einer Motette für vierstimmigen Chor und Basso continuo. Wilhelm Friedemann Bach (1710 bis 1784) schuf Erzittert und fallet, eine Kantate zum Ostersonntag, und Johann Ludwig Bach (1677 bis 1731) Gedenke meiner, mein Gott, eine Motette zu 8 Stimmen und Basso continuo, sowie eine Trauermusik. Der Dresdner Kammerchor sowie das Ensemble La Stagione Frankfurt unter Michael Schneider steuern ein Tantum ergo T 209/7 für vier Solostimmen, Chor und Orchester von Johann Christian Bach (1735 bis 1782) bei.
Motetten und einige Choralsätze sowie die Chorsätze zum Magnificat von Johann Sebastian Bach (1685 bis 1750) singt der Rostocker Motettenchor, begleitet von den Instrumentalsolisten der Capella Fidicina Leipzig; diese Aufnahme dirigierte Hartwig Eschenburg. Die Capella Fidicina Leipzig unter ihrem Leiter Hans Grüss sowie eine Vielzahl von Solisten sind auch zu hören auf einer CD mit Kantaten aus dem Alt-Bachischen Archiv - Ach bleib bei uns, Herr Jesu Christ und Ach wie sehnlich wart' ich der Zeit von Johann Michael Bach (1648 bis 1694), Siehe, wie fein und lieblich ist von Georg Christoph Bach (1642 bis 1697) und Meine Freundin, du bist schön, eine Hochzeitskantate von Johann Christoph Bach (1642 bis 1703). Zwar sind die einzelnen Interpretationen von unterschiedlicher Qualität, doch eine solche Sammlung ist rar und reizvoll - und die Box sei daher hier empfohlen.
Von Johann Ernst Bach (1722 bis 1777) stammt die Motette Meine Seele erhebt den Herrn sowie Das Vertrauen der Christen auf Gott, Eine Ode auf den 77. Psalm für Tenor, Chor und Orchester. Johann Christoph Friedrich Bach (1732 bis 1795) ist vertreten mit Wachet auf, rufet uns die Stimme, einer Motette für vierstimmigen Chor und Basso continuo. Wilhelm Friedemann Bach (1710 bis 1784) schuf Erzittert und fallet, eine Kantate zum Ostersonntag, und Johann Ludwig Bach (1677 bis 1731) Gedenke meiner, mein Gott, eine Motette zu 8 Stimmen und Basso continuo, sowie eine Trauermusik. Der Dresdner Kammerchor sowie das Ensemble La Stagione Frankfurt unter Michael Schneider steuern ein Tantum ergo T 209/7 für vier Solostimmen, Chor und Orchester von Johann Christian Bach (1735 bis 1782) bei.
Motetten und einige Choralsätze sowie die Chorsätze zum Magnificat von Johann Sebastian Bach (1685 bis 1750) singt der Rostocker Motettenchor, begleitet von den Instrumentalsolisten der Capella Fidicina Leipzig; diese Aufnahme dirigierte Hartwig Eschenburg. Die Capella Fidicina Leipzig unter ihrem Leiter Hans Grüss sowie eine Vielzahl von Solisten sind auch zu hören auf einer CD mit Kantaten aus dem Alt-Bachischen Archiv - Ach bleib bei uns, Herr Jesu Christ und Ach wie sehnlich wart' ich der Zeit von Johann Michael Bach (1648 bis 1694), Siehe, wie fein und lieblich ist von Georg Christoph Bach (1642 bis 1697) und Meine Freundin, du bist schön, eine Hochzeitskantate von Johann Christoph Bach (1642 bis 1703). Zwar sind die einzelnen Interpretationen von unterschiedlicher Qualität, doch eine solche Sammlung ist rar und reizvoll - und die Box sei daher hier empfohlen.
Montag, 11. Juli 2011
Telemann: Ich hoffete aufs Licht (cpo)
"Meine Harfe ist eine Klage wor- den, und meine Pfeiffe ein Weinen" - dieses Bibelwort, das Bestandteil des umfangreichen Textes ist, be- schreibt die Gedanken der Ham- burger bei der Nachricht vom Ableben von Kaiser Karl VII. Der Wittelsbacher, dessen Wirken mit dem zeitgenössischen Bonmot "et Caesar et nihil" ziemlich gut cha- rakterisiert ist, war am 20. Januar 1745 in München an der Gicht ge- storben.
Im Lande tobte der Österreichi- sche Erbfolgekrieg, mit dem gleich mehrere deutsche Fürsten Maria Theresia das Erbe des Hauses Habsburg streitig machen wollten, nachdem ihr Vater, Kaiser Karl VI., ohne einen männlichen Nach- kommen verstorben war. Zwar waren die Hamburger bislang von Kämpfen verschont geblieben. Doch fürchtete die Hansestadt, die als Freie Reichsstadt unmittelbar dem Kaiser unterstand, das Machtstre- ben des dänischen Königshauses, das die reichen Kaufleute nur zu gern zu Untertanen gehabt hätte.
So kam die Trauer um den Kaiser in Hamburg, das Instabilität fürch- tete, durchaus von Herzen. Die Hansestadt setzte eine vierwöchige Landestrauer an, und beauftragte Georg Philipp Telemann, den städti- schen Director Musices, eine Trauermusik zu komponieren. Das war ein schwieriges Unterfangen, denn dieses Werk sollte in allen fünf Hauptkirchen der Stadt gleichzeitig aufgeführt werden. Der Hambur- ger Chorus musicus aber verfügte maximal über acht Sänger und
18 Instrumentalisten, verrät das sehr informative Beiheft zu dieser CD. Aus diesem Grunde wurden für den Trauergottesdienst zahlreiche Musiker aus der Umgebung herangeholt. Telemanns Unterlagen zei- gen, dass in jeder Kirche vier Sänger und ein 14- bis16köpfiges Orche- ster musizierten - die gedämpften Trompeten, Pauken und Streicher nebst Continuo wirken in dieser schmalen Besetzung erst recht wie der Nachhall einstiger kaiserlicher Pracht.
Auch Telemanns Werk selbst ist erstaunlich schlicht und geradlinig. Selbst die Arien verzichten weitgehend auf Koloraturen; die Sing- stimme folgt dem Sprachmetrum. Diese herbe Musik klagt erstaunlich wenig und tröstet nicht, und kurz vor Schluss spricht der Text aus, was die Gemeinde viel mehr beschäftigt als das Hinscheiden des wenig glücklichen Kaisers: "Verbinde, Höchster, nun einmahl / des Teut- schen Reichs bisher entzweyte Hüter / zur holden Eintracht der Gemüther, / und zu beglückter Kayserwahl."
Mit einer Besetzung, wie sie Telemann bei einer Aufführung unter normalen Umständen zur Verfügung gestanden hätte, hat Michael Schneider mit seinem Ensemble La Stagione Frankfurt Ich hoffete aufs Licht im vergangenen Jahr zu den Telemann-Festtagen in Magdeburg vorgestellt. Wie die "Orchester"musiker, sind auch die acht Sänger ausgewiesene Experten in Sachen Alte Musik. Zu hören sind Gabriele Hierdeis und Annegret Kleindopf, Sopran, Dmitri Jegorow und Ulrike Andersen, Alt, Georg Poplutz und Benjamin Kirchner, Tenor sowie Nils Cooper und Stephan Schreckenberger, Bass. Die CD präsentiert den Mitschnitt des Konzertes vom 20. März 2010 - und man hört sie gern. Denn hier wird ebenso fundiert wie solide musiziert. Die Solisten teilen sich in Arien und Chöre; alles klingt ausgewogen, gut durchdacht und sorgsam abgestimmt. Bravi!
Im Lande tobte der Österreichi- sche Erbfolgekrieg, mit dem gleich mehrere deutsche Fürsten Maria Theresia das Erbe des Hauses Habsburg streitig machen wollten, nachdem ihr Vater, Kaiser Karl VI., ohne einen männlichen Nach- kommen verstorben war. Zwar waren die Hamburger bislang von Kämpfen verschont geblieben. Doch fürchtete die Hansestadt, die als Freie Reichsstadt unmittelbar dem Kaiser unterstand, das Machtstre- ben des dänischen Königshauses, das die reichen Kaufleute nur zu gern zu Untertanen gehabt hätte.
So kam die Trauer um den Kaiser in Hamburg, das Instabilität fürch- tete, durchaus von Herzen. Die Hansestadt setzte eine vierwöchige Landestrauer an, und beauftragte Georg Philipp Telemann, den städti- schen Director Musices, eine Trauermusik zu komponieren. Das war ein schwieriges Unterfangen, denn dieses Werk sollte in allen fünf Hauptkirchen der Stadt gleichzeitig aufgeführt werden. Der Hambur- ger Chorus musicus aber verfügte maximal über acht Sänger und
18 Instrumentalisten, verrät das sehr informative Beiheft zu dieser CD. Aus diesem Grunde wurden für den Trauergottesdienst zahlreiche Musiker aus der Umgebung herangeholt. Telemanns Unterlagen zei- gen, dass in jeder Kirche vier Sänger und ein 14- bis16köpfiges Orche- ster musizierten - die gedämpften Trompeten, Pauken und Streicher nebst Continuo wirken in dieser schmalen Besetzung erst recht wie der Nachhall einstiger kaiserlicher Pracht.
Auch Telemanns Werk selbst ist erstaunlich schlicht und geradlinig. Selbst die Arien verzichten weitgehend auf Koloraturen; die Sing- stimme folgt dem Sprachmetrum. Diese herbe Musik klagt erstaunlich wenig und tröstet nicht, und kurz vor Schluss spricht der Text aus, was die Gemeinde viel mehr beschäftigt als das Hinscheiden des wenig glücklichen Kaisers: "Verbinde, Höchster, nun einmahl / des Teut- schen Reichs bisher entzweyte Hüter / zur holden Eintracht der Gemüther, / und zu beglückter Kayserwahl."
Mit einer Besetzung, wie sie Telemann bei einer Aufführung unter normalen Umständen zur Verfügung gestanden hätte, hat Michael Schneider mit seinem Ensemble La Stagione Frankfurt Ich hoffete aufs Licht im vergangenen Jahr zu den Telemann-Festtagen in Magdeburg vorgestellt. Wie die "Orchester"musiker, sind auch die acht Sänger ausgewiesene Experten in Sachen Alte Musik. Zu hören sind Gabriele Hierdeis und Annegret Kleindopf, Sopran, Dmitri Jegorow und Ulrike Andersen, Alt, Georg Poplutz und Benjamin Kirchner, Tenor sowie Nils Cooper und Stephan Schreckenberger, Bass. Die CD präsentiert den Mitschnitt des Konzertes vom 20. März 2010 - und man hört sie gern. Denn hier wird ebenso fundiert wie solide musiziert. Die Solisten teilen sich in Arien und Chöre; alles klingt ausgewogen, gut durchdacht und sorgsam abgestimmt. Bravi!
Dienstag, 31. Mai 2011
Il primo uomo - Arias for Nicolini; Egorov (Deutsche Harmonia Mundi)
"He acted to Perfection, and did not sing much inferior. His Variations in the Airs were excellent", schwärmte der Komponist John Galliard über einen Sänger, der zu Lebzeiten europaweit einer der ganz großen Stars war: Nicolo "Nicolini" Grimaldi (1673 bis 1732) war primo uomo assoluto - ein Kastrat, dessen Stimme in Umfang und Klang so einzigartig war, dass große Komponisten wie Händel und Scarlatti bedeutende Partien eigens für ihn schrieben.
Mit zwölf Jahren debütierte Nicolini in Neapel. Seine ersten Erfolge hatte er als Sopranist in Opern von Francesco Provenzale und Alessandro Scarlatti. 1699 debütierte er in Rom, 1700 in Venedig, und während auf den Bühnen Europas sein Stern empor stieg, wurde seine Stimme immer tiefer. 1708 kam Nicolini nach England, wo das Publikum zuvor offenbar noch keine Kastraten erlebt hatte. So wurde er nicht nur gefeiert, sondern auch bespöttelt - doch die Euphorie überwog spätestens, nachdem Nicolini 1711 bei der Uraufführung von Händels Oper Rinaldo die gleichnamige Titelpartie übernommen hatte. Dem Sänger gelang es innerhalb von drei Jahren, das verwöhn- te und eher skeptische britische Publikum für die italienische Oper zu begeistern.
Diese CD stellt vier wichtige Opernpartien Nicolinis vor, die er von den Anfängen seiner Karriere bis 1715 gesungen hat: Rinaldo und Amadigi von Händel sowie Tigrane und die Partie des Icilio aus La Caduta de' Decemviri von Scarlatti, mit der seine Gesangskarriere begann. Auf der Bühne stand er bis an sein Lebensende; 1732, mit 58 Jahren, hatte er die Hauptrolle in Salustia übernommen, der ersten Oper von Giovanni Battista Pergolesi, doch während der Pro- ben erkrankte der Sänger und starb.
Seine Zeitgenossen lobten sein Auftreten ebenso wie seinen Gesang. So nannte der Dichter Joseph Addison Nicolini "the greatest perfor- mer in dramatic Music that is now living or that perhaps ever appeared on a stage." Das sind hohe Ansprüche für das Debüt des jungen russischen Countertenors Dmitri Jegorow, der auf der vor- liegenden CD gemeinsam mit dem Orchester La Stagione Frankfurt unter Michael Schneider musiziert. Der Sänger stammt aus St. Pe- tersburg und hat an der Chorschule der Staatlichen St. Petersburger Glinka-Kapelle eine Ausbildung zum Organisten, Chorleiter und Kirchenmusiker absolviert. Diese solide musikalische Basis hat er dann noch durch ein Gesangsstudium in Mainz bei Professorin Claudia Eder ergänzt.
Jegorow hat eine angenehme, warm timbrierte Stimme, die er sehr gezielt führen und einfärben kann. Sein Stimmumfang ist enorm, die Geläufigkeit vielleicht hier und da noch ausbaufähig. Aber die Intensität, mit der er beispielsweise das legendäre Cara sposa gestaltet, beeindruckt. So hofft man, dass dem jungen Sänger eine Karriere beschieden sein möge, die jener Nicolinis ähnelt - möge er klug mit seinen Ressourcen umgehen; sie sind ohne Zweifel beacht- lich.
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