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Donnerstag, 31. Januar 2013

Vinci: Artaserse (Virgin Classics)

Wollte ein normales Stadttheater diese Oper aufführen - es hätte enorme Probleme mit der Besetzung. Denn Artaserse, ein Hauptwerk des heute nahezu vergessenen Leonardo Vinci (vermutlich 1696 bis 1730), wurde ausschließlich für Männerstimmen komponiert. Als die Oper während der Karnevalssaison 1730 am Teatro delle  Dame in Rom ihre umjubelte Uraufführung erlebte, war Sängerinnen das öffentliche Auftreten noch durch die Kirche verboten. Und so wurden auch die Frauenrollen durch Kastraten übernommen. 
Das hat zur Folge, dass nicht nur die Partien des Königs Artaserse und seines Freundes Arbace mit Sopran-Kastraten besetzt wurden. Auch die der beiden Damen Mandane und Semira, die Schwestern der Helden und jeweils verliebt in den Freund des Bruders, wurden durch Sopran-Kastraten gesungen. Die Partie des abtrünnigen Generals Megabise übernahm ein Alt-Kastrat. Einzig die Rolle des Verschwö- rers Artabano, Kommandant der königlichen Leibwache und Vater Arbaces, wurde für einen Tenor komponiert. Er hat somit kurioser- weise die tiefste Stimme in dieser Oper.  
Sämtliche Partien sind anspruchsvoll. Das ist kein Wunder, denn sie wurden für Stars der römischen Oper komponiert, für Sänger wie Giacinto Fontana, Giovanni Carestini und den damals weithin berühmten Tenor Francesco Tolve. Wie also bringt man diese Oper heute auf die Bühne? Parnassus Art Productions, ein Unternehmen aus Baden/Österreich, das wie ein klassischer Impresario Opern- inszenierungen organisiert, hat für Artaserse gleich fünf junge Coun- tertenöre engagiert. In Anlehnung an die ursprüngliche Tradition brachte diese Produktion, die durch Georg Lang und Max Emanuel Cencic bewerkstelligt wurde, einige der heutigen Stars dieses Stimmfachs gemeinsam auf die Bühne. Zu hören sind außerdem der Coro della Radiotelevisione svizzera aus Lugano sowie das Ensemble Concerto Köln, das sich auf Barockmusik spezialisiert hat, und hier unter Leitung von Diego Fasolis musiziert.
Bei Virgin Classics erschien nun der Mitschnitt - und man muss sagen, dieser Artaserse war wirklich ein musikalisches Ereignis. Zu hören sind die Countertenöre Philippe Jaroussky in der Titelrolle, Max Emanuel Cencic als Mandane, Franco Fagioli als Arbace, Valer Barna-Sabadus als Semira und Juri Mynenko als Megabise. Tenor Daniel Behle hat die Partie des Artabano übernommen. Und obwohl er von Haus aus eigentlich kein Spezialist für "Alte" Musik ist, kommt er mit den Anforderungen erstaunlich gut zurande. So beeindruckt dieses Sängerensemble durch Virtuosität ebenso wie durch die Individu- alität der Sänger, die sich in Timbre und Technik faszinierend unterscheiden. Wer die Barockoper sowie den Klang der hohen Männerstimme schätzt, der sollte sich diese einzigartige Aufnahme unbedingt zulegen - es ist nicht damit zu rechnen, dass man diese Oper in nächster Zeit noch einmal anderweitig anhören kann. 

Mittwoch, 16. Januar 2013

Schumann: Dichterliebe; Behle (Capriccio)

Der Zyklus Dichterliebe von Ro- bert Schumann nach Texten von Heinrich Heine gehört zu jenen Werken, die selbst gestandene Interpreten zum Grübeln bringen. Denn im Konzertsaal sind sie ebenso präsent wie auf Tonträger.
"Bei einem so oft gesungenen Werk kann ich nichts Neues erfinden", sagt Daniel Behle. "Was wir aller- dings bewusst angestrebt haben - und das ist mein Credo für alle Liedeinspielungen -, ist die äußer- ste Schlichtheit. Noch mehr als bei Schubert ist es dem Sänger verboten, den Dichter zu verkitschen, die Emotionen zu vergrößern und damit zu vergröbern."
Der Tenor Daniel Behle präsentiert sich auf dieser CD als ein großarti- ger Liedersänger, der zwischen Schuberts Heidenröslein und Schu- manns Im Rhein, im heiligen Strome eine Vielzahl von Ausdrucks- nuancen aufzeigt. Besonders beeindruckend ist Schuberts Lied Nachthelle für eine Singstimme und vierstimmigen Männerchor mit Begleitung des Pianoforte. Hier erfreuen zwölf Herren des Rias-Kammerchores mit kraftvollem Chorgesang, über den sich strahlend die Solostimme erhebt. 
Schumanns Dichterliebe singt der lyrische Tenor Daniel Behle mit edlem Timbre und analytischem Blick in die Partitur. Seine schlanke, fokussierte Stimmführung und insbesondere auch der Klang seiner Stimme in der Höhe erinnern an Wunderlich - was der Sänger natürlich weiß, und was aber gerade Anlass sein sollte, Wunderlichs Schmachtseufzer nicht zu kopieren. Ansonsten ist Behles Gesang von Manierismen erfreulich frei. 
Mit dem norwegischen Pianisten Sveinung Bjelland steht Behle ein exzellenter Klavierbegleiter zur Seite. Die beiden haben 2009 bereits eine weitere Schubert-CD aufgenommen. Ihre Version des Lieder- zyklus Die schöne Müllerin sollte man vom Ende her hören. Bjelland macht den Bach zu einem Protagonisten des Kammerspiels um den Müllerburschen, der sich aussichtslos in eine Beziehung verrennt, die - daran lässt die Musik keinen Zweifel - niemals bestanden hat. Wenn das Wasser am Ende sein Lied singt, dann ist das hier das Finale jenes Dialoges, den der Müller zu Beginn des Liederzyklus mit dem Bach geführt hat. Und um den Eindruck abzurunden, haben die Musiker noch Auf dem Strom angefügt, ein Rellstab-Lied, das im Konzert selten zu hören ist, weil Schubert eine Stimme dem Solo-Horn zugewiesen hat. Den anspruchsvollen Horn-Part hat auf der CD Ab Koster übernommen. 

Sonntag, 13. November 2011

Vivaldi: Farnace (Virgin Classics)

Keine andere Oper hat Vivaldi so oft vertont wie Farnace, die Geschichte des Pharnakes, König von Pontos, gegen den sowohl die Römer als auch die eigene Schwiegermutter zu Felde ziehen. Zum ersten Male erklang dieses Werk im Februar 1727 in Venedig. Im Herbst des gleichen Jahres wurde sie dort noch einmal aufge- führt, mit einigen Änderungen. Weitere Fassungen schuf Vivaldi 1730 für Prag, 1731 für Pavia, 1732 für Mantua, 1737 für Treviso und 1738 für Ferrara. Dorthin war der Musiker ausgewichen, weil in Venedig mittlerweile Hasse en vogue war. 
Vivaldi sollte in Ferrara in der Karnevalssaison zwei seiner Opern zur Aufführung bringen. Doch die erste war kein Erfolg, und so entschied sich das Theater, lieber kurzfristig ebenfalls eine Oper des "göttlichen Sachsen"  auf die Bühne zu bringen. Vivaldis Farnace blieb ungespielt - und wohl auch unvollendet. Denn die Partitur blieb erhalten. Sie befand sich in Vivaldis persönlicher Musikaliensammlung, enthält ziemlich viele Änderungen gegenüber der Version von 1731, die ebenfalls überliefert ist, und sie bricht nach den zweiten Akt ab. 
Auf der vorliegenden CD erklingt diese Oper nun zum ersten Male in der Fassung, die Vivaldi für Ferrara vorgesehen hatte. Frédéric Delaméa und Diego Fasolis haben den dritten Akt ergänzt. Farnace erweist sich als eine der schönsten Barockopern überhaupt; die Musik ist ungemein ausdrucksstark und  wird hier hervorragend interpre- tiert. Dazu trägt neben dem Ensemble I Barocchisti und dem Coro della Radiotelevisione svizzera aus Lugano unter der Leitung Fasolis auch ein erstklassiges Solistenensemble bei. Max Emanuel Cencic singt die Titelrolle, Daniel Behle den Pompeo und Mary Ellen Nesi die Berenice sowie Ruxandra Donose und Ann Hallenberg Frau und Schwester des besiegten Königs, Karina Gauvin und Emiliano Gonza- lez Toro sind als Gilade und Aquilio, Feldherren der siegreichen Heere, zu hören. Und das ist, man muss es sagen, wirklich ein Erleb- nis. Bravi!