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Donnerstag, 30. Mai 2019

Schumann: Im wunderschönen Monat Mai (Oehms Classics)

Robert Schumann und Heinrich Heine sind sich begegnet: 1828 reiste der Komponist nach Süddeutschland. Er pilgerte in Bayreuth zum Grabe des Dichters Jean Paul, und in München traf er Heine, der soeben eine Stelle als Redakteur bei den „Neuen allgemeinen politischen Annalen“ angenommen hatte. Schumann staunte über dieses Zusammentreffen: „Er drückte mir freundschaftlich die Hand u. führte mich einige Stunden in München herum – dies alles hatte ich mir nicht von einem Menschen eingebildet, der die Reisebilder geschrieben hatte.“ 
Nach diesem Erlebnis wandte sich Schumann noch einmal mit großem Eifer den Büchern des Poeten zu – und als er dann später begann, Lieder zu schreiben, vertonte er viele Gedichte von Heine. Diese Lieder wählte Sebastian Noack für seine erste CD bei Oehms Classics aus – vor allem den Liederkreis op. 24 und die Dichterliebe op. 48. 
Gemeinsam mit seinem Klavierpartner Manuel Lange hat sich der Bariton dabei entschieden, nicht einfach die üblichen Noten aufs Pult zu legen: Max Friedländer, der Herausgeber, hatte seinerzeit nur jene Lieder transponiert, die für die jeweilige Stimmlage unbequem lagen. Das macht durchaus Sinn, zumal damals Liederzyklen nur selten als solche aufgeführt wurden. 
Will man die Liedfolgen aber komplett singen, geht bei Verwendung der gebräuchlichen Notenausgabe Schumanns ursprüngliche Tonarten-Abfolge verloren. Die Effekte, die der Komponist damit einst beabsichtigte, sind bei dieser Einspielung erstmals nachvollziehbar. Denn Noack und Lange haben die Dichterliebe um eine große Sekunde, den Liederkreis op. 24 um eine kleine Terz abwärts transponiert. Und das macht wirklich etwas aus, man staunt. 
Zu dieser Aufnahme ist ansonsten noch anzumerken, dass die beiden Liedpartner sehr hörenswert miteinander musizieren. Noacks wand- lungsfähiger Bariton und Langes beredter Bösendorfer – man freut sich, eine wirklich gelungene Einspielung. Bravi! 

Montag, 7. Januar 2019

Fritz Wunderlich - Lieder (SWR Music)

Der SWR hat in seine Archive gegriffen, und in dieser 3-CD-Box zahlreiche Aufnahmen zusammen- gestellt, die Fritz Wunderlich als Liedersänger zeigen. So enthält die Kollektion jene legendäre Live-Aufnahme von Robert Schumanns Dichterliebe, aufgezeichnet auf den Schwetzinger Festspielen 1965, die das enorme Gestaltungsvermögen des Tenors in beeindruckender Weise dokumentiert. Dazu hat freilich auch sein Klavierbegleiter Hubert Giesen mit beigetragen, der eine Klasse für sich ist – und der mit Wunderlich intensiv zu arbeiten pflegte. So kamen jene feinen Nuancen zustande, die bis heute begeistern. 
Mit Hubert Giesen hat Fritz Wunderlich auch eine großartige Interpretation von Franz Schuberts Liederzyklus Die schöne Müllerin eingespielt, und dazu einige weitere Lieder von Schubert und Ludwig van Beethoven. Außerdem finden sich in dieser Kollektion Lieder von Johannes Brahms, Hugo Wolf und Richard Strauss; am Klavier begleiten dabei Josef Müller-Mayen und Rolf Reinhardt den Sänger. Insgesamt bietet diese Edition einen Überblick über Wunderlichs Liedgesang, von den Anfängen bis kurz vor seinem viel zu frühen, tragischen Tod. Faszinierend! 

Sonntag, 30. Juli 2017

Thoughts observed (Naxos)

Lieder aus Frankreich und Deutsch- land interpretiert der britische Countertenor Yaniv d'Or auf dieser CD gemeinsam mit dem israelischen Pianisten Dan Deutsch. 
Zu hören sind im Einzelnen L'Invitation au voyage von Henri Duparc (1848 bis 1933), Beau soir, Romance, Nuit d'étoiles und Mandoline, frühe Lieder von Claude Debussy (1862 bis 1918), À Chloris von Reynaldo Hahn und der Zyklus Le bestiaire sowie Vous n'écrivez plus? und Priez pour paix von Francis Poulenc, sowie die 16 Lieder umfassende Dichterliebe von Robert Schumann (1810 bis 1856). 
Diese berühmte Liederfolge ist gut eine Generation vor den Werken der französischen Komponisten auf dieser CD entstanden; für die Interpretation erweist sich dies als ein großer Unterschied. Yaniv d'Or singt sie aber allesamt ziemlich einheitlich, mit schönem Ton und großen Spannungsbögen. Bei den Franzosen passt das gut, bei Schumann weniger. 
Die Dichterliebe fordert mehr als schön gestaltete Linien; und die hohe Stimme an sich wirkt zunächst ungewohnt. Normalerweise ist der Zyklus eine Tenor-Domäne. Yaniv d'Or nutzt als Basis für seine Interpretation allerdings die tiefe Ausgabe – ich denke, es wird wohl sogar die Edition für Bass sein und nicht die für Bariton – und singt dann einfach eine Oktave höher. 
Das ist nicht ganz unproblematisch; unschön wird es, wenn der Sänger dann bei Ich grolle nicht auch noch kneift und die hohe Passage meidet. Da zuckt der Zuhörer schon zusammen. Im Konzert – geschenkt! nicht jeder hat jeden Tag einen guten Tag. Aber ob man einen derart häufig gesungenen Liederzyklus wirklich auf CD veröffentlichen muss, wenn absehbar ist, dass der eigene Stimmumfang dafür eigentlich nicht ausreicht... Tut mir leid, aber ich finde diesen Teil der CD nicht gelungen. 
Dan Deutsch erweist sich als ein versierter Liedbegleiter, der dem Sänger aufmerksam zur Seite steht und an passender Stelle auch selbst Akzente setzt. 

Dienstag, 6. Januar 2015

Schumann: Dichterliebe, Berg: Sieben frühe Lieder (Oehms Classics)

Ein ausgezeichneter Tenor ist zu erleben bei dieser Aufnahme von Robert Schumanns Dichterliebe. So exzellent gesungen hört man das selten. Und obendrein hat sich Arnold Bezuyen gemeinsam mit seinem Klavierpartner Jura Margulis dazu entschieden, auch die vier vor Drucklegung ausgesonderten Lieder Dein Angesicht so lieb und schön und Lehn' deine Wang' an meine Wang' – ursprünglich die Nummern 5 und 6 – sowie Es leuchtet meine Liebe und Mein Wagen rollet langsam – vor- gesehen als die Nummern 15 und 16 – mit einzuschließen. Betrachtet man die Editionsgeschichte, so erscheint dies als eine kluge Wahl. Denn hatte nicht Bote & Bock 1840 die Veröffent- lichung des Zyklus abgelehnt, weil er zu umfangreich sei? Die schiere Menge könnte auch die Ursache dafür gewesen sein, dass schließlich 1844 bei Peters nur 16 der 20 Lieder erschienen sind. 
Ergänzt wird die Dichterliebe auf dieser CD durch die Sieben Frühen Lieder von Alban Berg. Sie werden zumeist von einer Frauenstimme gesungen – was aber mit Blick auf ihren Text eigentlich nicht so recht nachvollziehbar ist. Bezuyen singt diese Stücke, die man aufgrund ihrer imposanten Melodik und ihrer engen Beziehung zwischen Klang und Poesie fast dem Jugendstil zuzuweisen geneigt ist, mit beinahe instrumentalen Linien. 
Der Sänger beeindruckt mit einer großen Stimme, die er aber sanft und sehr geschmeidig zu führen weiß, in der Höhe leicht, strahlend und scheinbar völlig ohne Anstrengung. Es ist kein Wunder, dass der niederländische Tenor an den Opernhäusern von Mailand bis New York und von London bis Bayreuth singt – als Loge ist er bestimmt phantastisch. Arnold Bezuyen erweist sich aber auch ein großartiger Liedersänger, wobei er mehr durch Noblesse beeindruckt und als durch Dramatik. Jura Margulis ist ihm ein formidabler Liedbegleiter; allerdings reicht er an das sprechende Klavierspiel eines Hubert Giesen oder eines Gerald Moore noch nicht heran. 

Mittwoch, 16. Januar 2013

Schumann: Dichterliebe; Behle (Capriccio)

Der Zyklus Dichterliebe von Ro- bert Schumann nach Texten von Heinrich Heine gehört zu jenen Werken, die selbst gestandene Interpreten zum Grübeln bringen. Denn im Konzertsaal sind sie ebenso präsent wie auf Tonträger.
"Bei einem so oft gesungenen Werk kann ich nichts Neues erfinden", sagt Daniel Behle. "Was wir aller- dings bewusst angestrebt haben - und das ist mein Credo für alle Liedeinspielungen -, ist die äußer- ste Schlichtheit. Noch mehr als bei Schubert ist es dem Sänger verboten, den Dichter zu verkitschen, die Emotionen zu vergrößern und damit zu vergröbern."
Der Tenor Daniel Behle präsentiert sich auf dieser CD als ein großarti- ger Liedersänger, der zwischen Schuberts Heidenröslein und Schu- manns Im Rhein, im heiligen Strome eine Vielzahl von Ausdrucks- nuancen aufzeigt. Besonders beeindruckend ist Schuberts Lied Nachthelle für eine Singstimme und vierstimmigen Männerchor mit Begleitung des Pianoforte. Hier erfreuen zwölf Herren des Rias-Kammerchores mit kraftvollem Chorgesang, über den sich strahlend die Solostimme erhebt. 
Schumanns Dichterliebe singt der lyrische Tenor Daniel Behle mit edlem Timbre und analytischem Blick in die Partitur. Seine schlanke, fokussierte Stimmführung und insbesondere auch der Klang seiner Stimme in der Höhe erinnern an Wunderlich - was der Sänger natürlich weiß, und was aber gerade Anlass sein sollte, Wunderlichs Schmachtseufzer nicht zu kopieren. Ansonsten ist Behles Gesang von Manierismen erfreulich frei. 
Mit dem norwegischen Pianisten Sveinung Bjelland steht Behle ein exzellenter Klavierbegleiter zur Seite. Die beiden haben 2009 bereits eine weitere Schubert-CD aufgenommen. Ihre Version des Lieder- zyklus Die schöne Müllerin sollte man vom Ende her hören. Bjelland macht den Bach zu einem Protagonisten des Kammerspiels um den Müllerburschen, der sich aussichtslos in eine Beziehung verrennt, die - daran lässt die Musik keinen Zweifel - niemals bestanden hat. Wenn das Wasser am Ende sein Lied singt, dann ist das hier das Finale jenes Dialoges, den der Müller zu Beginn des Liederzyklus mit dem Bach geführt hat. Und um den Eindruck abzurunden, haben die Musiker noch Auf dem Strom angefügt, ein Rellstab-Lied, das im Konzert selten zu hören ist, weil Schubert eine Stimme dem Solo-Horn zugewiesen hat. Den anspruchsvollen Horn-Part hat auf der CD Ab Koster übernommen.