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Mittwoch, 4. Januar 2017

Vinci: Catone in Utica (Decca)

Als die Oper Catone in Utica von Leonardo Vinci nach einem Libretto von Pietro Metastasio 1728 in Rom am Teatro delle Dame erstmals erklang, standen ausschließlich Männer auf der Bühne. Frauen durften in der Stadt, in der der Papst residierte, nicht auftreten. Und so wurden nicht nur die heroischen männlichen Rollen dieser Oper – Cesare, Fulvio und Arbace – sondern auch die beiden weiblichen Rollen, Marzia und Emilia, von Kastraten gesungen. Tiefere Männerstimmen waren seinerzeit nur in den Partien der Bösewichte und der Senioren zu hören. So war auch hier der betagte Titelheld mit einem Tenor besetzt. 
Bei der Uraufführung waren gleich drei große Stars zu hören: Cesare, der Eroberer, der Catone, den letzten aufrechten Verfechter der römischen Republik, belagert, wurde von Giovanni Carestini gesungen. Die Partie der Marzia, der Tochter Catones, die Cesare liebt, aber aus politischen Gründen Arbace heiraten soll, komponierte Vinci für Giacinto Fontana, einen Sänger, der Frauenrollen so erfolgreich verkörperte, dass ihn das Publikum Farfallino – „kleiner Schmetterling – nannte. Und der Arbace, König von Numidien und ein treuer Verbündeter Catones, wurde von Giovanni Minelli gesungen. 
Die Oper bietet große Gefühle, grandiose Szenen, ganz erstaunliche Musik, und am Ende eine herbe Enttäuschung – denn Catone tötet sich selbst, er stirbt quälend langsam auf offener Bühne, und Cesare verflucht seinen Sieg und wirft den Lorbeer weg. Niemand bekommt, was er wollte; auch die Verliebten finden nicht zueinander. Bei den Römern ist diese Oper wohl durchgefallen, denn die fanden das Finale gar nicht witzig. Metastasio jedenfalls änderte später das Libretto; er ließ von Catones Tod nur noch berichten, und den Liebespaaren verpasste er das gewohnte lieto fine
Gleich vier Countertenöre konnte Decca für diese Einspielung von Catone in Utica  aufbieten: Valer Sabadus ist als Marzia zu hören und Vince Yi als Emilia, Franco Fagioli sang den Cesare, und Max Emanuel Cencic den Arbace. Die Partie des Catone übernahm Tenor Juan Sancho, und als Fulvio ist der Tenor Martin Mitterrutzner zu hören. Das Ensemble Il Pomo d’Oro musiziert gewohnt gekonnt unter Leitung von Riccardo Minasi. Die Aufnahme ist ein leidenschaftliches Plädoyer für die Auseinandersetzung mit noch immer in den Archiven schlummernden barocken Opernschät- zen; sie wurde zu Recht 2016 mit einem Echo Klassik ausgezeichnet. 

Sonntag, 5. Mai 2013

Hasse reloaded - Valer Barna-Sabadus (Oehms Classics)

Mit dieser CD tritt Countertenor Valer Barna-Sabadus gegen das Kritikerurteil an, die höfische Musik des 18. Jahrhunderts sei gekünstelt und verstaubt. "Mit Johann Adolph Hasse habe ich einen noch zu Lebzeiten hoch- verehrten Komponisten gewählt, der heutzutage allerdings zu Unrecht in Vergessenheit geraten ist", schreibt der junge Sänger im Beiheft. "Seine Musik wieder zu entdecken, reizte mich vor allem wegen der spannungsreichen Verbindung von Händelscher Dramatik und der instrumentalen Virtuosität eines Vivaldi."
So wirkte Barna-Sabadus bei der Wiederentdeckung von Hasses Oper Didone abbandonata am Münchner Prinzregententheater mit. Aus dieser Produktion, die hier im Blog bereits vorgestellt wurde, ging auch sein Debüt-Album hervor. Darauf sind noch einmal die ebenso virtuosen wie ausdrucksstarken Arien, die Hasse für die Figur des Iarba (und für Venturo Rocchetti, erster Soprankastrat der Dresdner Hofoper) komponiert hat, zu hören. Zusätzlich singt der Countertenor die Solokantate La Gelosia, die Hasse 1762 für den Wiener Hof ge- schrieben hat, sowie eine Einlage-Arie, verfasst von Porpora 1734 in London für ein Pasticcio zu Hasses Oper Artaserse. Gesungen hat diese "Koffer-Arie" damals der berühmte Farinelli. 
Valer Barna-Sabadus überzeugt durch seinen frische, bewegliche und gut geführte Stimme, die durch eine fundierte Tiefe, vor allem aber durch eine unglaubliche Höhe begeistert. Der Sänger wird einmal mehr versiert von der Hofkapelle München unter Michael Hofstetter begleitet. 

Mittwoch, 17. April 2013

Hasse: Didone abbandonata (Naxos)

Johann Adolph Hasse (1699 bis 1783) schrieb Didone abbando- nata 1742 anlässlich des Geburts- tages des polnischen Königs und sächsischen Kurfürsten August III. Die Oper erzählt die Geschichte der Didone, der verwitweten Königin von Karthago, die, von Enea ver- lassen und von dem afrikanischen König Iarba bedrängt, letztendlich in den Tod geht.
Das Werk ist insofern eine Rarität, als es auf das lieto fine, das für die Opera seria doch recht typisch ist, verzichtet - Textdichter Pietro Metastasio wagte sich hier einmal an einen tragischen Schluss. 
Hasse war mit dem Dichter eng befreundet, und vertonte etliche seiner Libretti. Die beiden Künstler hatten sich in Italien kennen- und schätzengelernt, wo Hasse, der Sohn eines Organisten aus Bergedorf bei Hamburg, von 1722 bis 1725 bei Nicola Porpora und Alessandro Scarlatti seine musikalische Ausbildung vervollständigte. In Neapel begann dann Hasses Karriere als Opernkomponist, die ihn schließlich als Hofkapellmeister nach Dresden führte. In Neapel heiratete Hasse auch die Sängerin Faustina Bordoni.
Für diese Sopranistin, die in ganz Europa gefeiert wurde, komponierte Hasse die Partie der Didone - es ist also eine schwierige Aufgabe, die die junge Sängerin Theresa Holzhauser achtbar meistert. Valer Barna-Sabadus ist in der Rolle des Iarba zu hören. Der junge Countertenor hat die halsbrecherischen Koloraturen des afrikanischen Königs bereits auf seiner Solo-CD "Hasse reloaded" vorgetragen - hier singt er sie noch einmal, live, ebenso souverän und nun ergänzt auch um die Rezitative. Wie er in seiner letzten Arie buchstäblich in den Trümmern steht, siegreich, und doch statt eines Triumphgesanges ein Klagelied anstimmt, das ist großes Kino.
Die Partie des Enea übernahm Flavio Ferri-Benedetti, ebenfalls ein Countertenor.  Dieser Held wird durch Hasses Musik entblättert, er erweist sich als ein Feigling und als eitler Gockel; der Sänger macht dies auch hörbar. Selene, die Schwester Didones, singt Magdalena Hinterdobler. Araspe, den Vertrauten Iarbas, singt Maria Celeng. Und als Osmida, Didones machtgieriger General, der zu Iarba überläuft, ist der Bariton Andreas Burkhart zu hören.
Lautes Gepolter erinnert den Zuschauer daran, dass es sich bei dieser Aufnahme um einen Live-Mitschnitt handelt. Die Inszenierung dürfte, wenn man die Bühnengeräusche recht interpretiert, wohl ziemlich bewegungsintensiv gewesen sein. Den Opernfreund wird das nicht weiter stören, denn Didone abbandonata war gut 240 Jahre lang überhaupt nicht auf der Bühne präsent. Und es war eine Hochschul- aufführung der Bayerischen Theaterakademie August Everding 2011 im Prinzregententheater München, der wir die Wiederentdeckung dieses Werkes verdanken. Insofern sind kleine Schwächen einiger Sänger absolut zu entschuldigen. 
Begleitet werden die jungen Gesangssolisten durch die Hofkapelle München unter der Leitung von Michael Hofstetter. Den Einsatz des Orchesters kann man nicht genug loben - nicht nur, weil es phantas- tisch spielt. Rüdiger Lotter, der Konzertmeister dieses Ensembles, hatte die Oper aufgespürt, und die Hasse-Gesellschaft München war dabei behilflich, das Notenmaterial nach der Handschrift, die sich in Venedig befindet, für eine Aufführung verfügbar zu machen. Besten Dank dafür - und vielleicht inspiriert diese Einspielung ja dazu, auch die anderen Opern Hasses auf die eine oder andere Bühne zu bringen. Das wäre wirklich wünschenswert. 

Donnerstag, 31. Januar 2013

Vinci: Artaserse (Virgin Classics)

Wollte ein normales Stadttheater diese Oper aufführen - es hätte enorme Probleme mit der Besetzung. Denn Artaserse, ein Hauptwerk des heute nahezu vergessenen Leonardo Vinci (vermutlich 1696 bis 1730), wurde ausschließlich für Männerstimmen komponiert. Als die Oper während der Karnevalssaison 1730 am Teatro delle  Dame in Rom ihre umjubelte Uraufführung erlebte, war Sängerinnen das öffentliche Auftreten noch durch die Kirche verboten. Und so wurden auch die Frauenrollen durch Kastraten übernommen. 
Das hat zur Folge, dass nicht nur die Partien des Königs Artaserse und seines Freundes Arbace mit Sopran-Kastraten besetzt wurden. Auch die der beiden Damen Mandane und Semira, die Schwestern der Helden und jeweils verliebt in den Freund des Bruders, wurden durch Sopran-Kastraten gesungen. Die Partie des abtrünnigen Generals Megabise übernahm ein Alt-Kastrat. Einzig die Rolle des Verschwö- rers Artabano, Kommandant der königlichen Leibwache und Vater Arbaces, wurde für einen Tenor komponiert. Er hat somit kurioser- weise die tiefste Stimme in dieser Oper.  
Sämtliche Partien sind anspruchsvoll. Das ist kein Wunder, denn sie wurden für Stars der römischen Oper komponiert, für Sänger wie Giacinto Fontana, Giovanni Carestini und den damals weithin berühmten Tenor Francesco Tolve. Wie also bringt man diese Oper heute auf die Bühne? Parnassus Art Productions, ein Unternehmen aus Baden/Österreich, das wie ein klassischer Impresario Opern- inszenierungen organisiert, hat für Artaserse gleich fünf junge Coun- tertenöre engagiert. In Anlehnung an die ursprüngliche Tradition brachte diese Produktion, die durch Georg Lang und Max Emanuel Cencic bewerkstelligt wurde, einige der heutigen Stars dieses Stimmfachs gemeinsam auf die Bühne. Zu hören sind außerdem der Coro della Radiotelevisione svizzera aus Lugano sowie das Ensemble Concerto Köln, das sich auf Barockmusik spezialisiert hat, und hier unter Leitung von Diego Fasolis musiziert.
Bei Virgin Classics erschien nun der Mitschnitt - und man muss sagen, dieser Artaserse war wirklich ein musikalisches Ereignis. Zu hören sind die Countertenöre Philippe Jaroussky in der Titelrolle, Max Emanuel Cencic als Mandane, Franco Fagioli als Arbace, Valer Barna-Sabadus als Semira und Juri Mynenko als Megabise. Tenor Daniel Behle hat die Partie des Artabano übernommen. Und obwohl er von Haus aus eigentlich kein Spezialist für "Alte" Musik ist, kommt er mit den Anforderungen erstaunlich gut zurande. So beeindruckt dieses Sängerensemble durch Virtuosität ebenso wie durch die Individu- alität der Sänger, die sich in Timbre und Technik faszinierend unterscheiden. Wer die Barockoper sowie den Klang der hohen Männerstimme schätzt, der sollte sich diese einzigartige Aufnahme unbedingt zulegen - es ist nicht damit zu rechnen, dass man diese Oper in nächster Zeit noch einmal anderweitig anhören kann. 

Mittwoch, 16. Mai 2012

Café - Orient meets Okzident (Berlin Classics)

1669 brachte Soliman Aga, der Gesandte von Sultan Mohammed IV., den Kaffee nach Paris. Adel und Großbürgertum waren faszi- niert, und schon bald begeisterten sie sich nicht nur für den "Türken- trank", sondern auch für das Inte- rieur seines Stadthauses. Madame de Pompadour ließ sich in den Klei- dern einer Haremsdame malen. Europas Eliten feierten Kostüm- feste im türkischen Stil. 
Einzig die Österreicher waren von der Türkenmode nicht hingerissen. Die Erinnerung an die Feldzüge der Türken, die 1529 zum ersten Male Wien belagert hatten, war noch präsent. Und 1683 standen die Truppen des Osmanischen Reiches schon wieder vor den Toren der Stadt. 
Als sie nach der zweiten Belagerung Wiens abzogen, blieben unter an- derem Säcke mit Kaffee zurück. Die Bürger hielten den Inhalt zu- nächst, so wird berichtet, für Kamelfutter. Ein Kundschafter freilich konnte bald das Rätsel lüften - und sicherte sich das Privileg, "solches orientalisches Getränck auf 20 Jahr allein zu verkauffen". 
Beeindruckt zeigten sich die Wiener aber von der türkischen Heeres- musik. Johann Joseph Fux imitierte sie in seiner Suite Turcaria - eine musikalische Beschreibung der Belagerung Wiens durch die Türken anno 1683. Und viele andere Komponisten waren davon ebenfalls sehr angetan. 
Wie die fremdartigen Klänge in die europäische Musik integriert wur- den, das demonstriert das Pera Ensemble auf dieser CD - und macht sich einen Spaß daraus, die Musiktraditionen des Morgen- und des Abendlandes zu vermischen. So mogeln die Musiker in die Schau- spielmusik, die Jean-Baptiste Lully für Molières Komödie Le bourgeois gentilhomme komponiert hat, ein Stück von Ali Ufki (1610 bis 1675). Der Organist, der ursprünglich Wojciech Bobowsky hieß, stammte aus einer Breslauer Hugenottenfamilie und wurde von den Tataren nach Istanbul verschleppt. Er konvertierte zum Islam, und wirkte am Hofe des Sultans als Dolmetscher und Musiker.  Zu hören sind auf dieser CD sowohl europäische Werke, teilweise gespielt auf orientalischen Instrumenten, als auch "original" türkische Musik. Es singen Yaprak Sayar, Sopran, und Countertenor Valer Barna-Saba- dus.


Montag, 5. März 2012

Baroque Oriental (Berlin Classics)

Es sind ungewöhnliche Klänge, die das Pera Ensemble hier vorstellt. Gegründet 2005 von den aus Istanbul stammenden Musikern Mehmet C. Yesilcay und Ihsan Özer, kombiniert es die Traditio- nen der osmanischen Hofmusik auf authentischen Instrumenten mit "Alter" Musik aus Europa. 
Das bringt zum einen faszinierende Klangfarben. Zum anderen zeigt es aber auch, dass ein Austausch zwi- schen den Kulturen stattgefunden hat. So kam ein Wojciech Bobowski, geboren 1610 in Galizien und später verschleppt von den Tataren, an den Hof des Sultans, wo er zum Islam konvertierte und unter dem Namen Ali Ufki wirkte. Weil er die Musik, die damals in Istanbul gespielt wurde, in einer eigens dafür von ihm entwickelten Notenschrift aufzeichnete, lässt sich heute nachvollziehen, was um 1650 bei Hofe erklungen ist. 
Die Viola d'amore fand den Weg aus Europa nach Istanbul, die Laute hingegen hat ihre Ursprünge im arabischen Instrument Al-Ud. Und nicht erst zur Mozart-Zeit würzten europäische Komponisten ihre Werke gern mit einer Prise orientalisch-exotischer Wendungen. Wer hören möchte, wie Monteverdi klingt, wenn er von türkischen Musikern gespielt wird, der wird an dieser CD seine Freude haben.