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Dienstag, 6. Januar 2015

Schumann: Dichterliebe, Berg: Sieben frühe Lieder (Oehms Classics)

Ein ausgezeichneter Tenor ist zu erleben bei dieser Aufnahme von Robert Schumanns Dichterliebe. So exzellent gesungen hört man das selten. Und obendrein hat sich Arnold Bezuyen gemeinsam mit seinem Klavierpartner Jura Margulis dazu entschieden, auch die vier vor Drucklegung ausgesonderten Lieder Dein Angesicht so lieb und schön und Lehn' deine Wang' an meine Wang' – ursprünglich die Nummern 5 und 6 – sowie Es leuchtet meine Liebe und Mein Wagen rollet langsam – vor- gesehen als die Nummern 15 und 16 – mit einzuschließen. Betrachtet man die Editionsgeschichte, so erscheint dies als eine kluge Wahl. Denn hatte nicht Bote & Bock 1840 die Veröffent- lichung des Zyklus abgelehnt, weil er zu umfangreich sei? Die schiere Menge könnte auch die Ursache dafür gewesen sein, dass schließlich 1844 bei Peters nur 16 der 20 Lieder erschienen sind. 
Ergänzt wird die Dichterliebe auf dieser CD durch die Sieben Frühen Lieder von Alban Berg. Sie werden zumeist von einer Frauenstimme gesungen – was aber mit Blick auf ihren Text eigentlich nicht so recht nachvollziehbar ist. Bezuyen singt diese Stücke, die man aufgrund ihrer imposanten Melodik und ihrer engen Beziehung zwischen Klang und Poesie fast dem Jugendstil zuzuweisen geneigt ist, mit beinahe instrumentalen Linien. 
Der Sänger beeindruckt mit einer großen Stimme, die er aber sanft und sehr geschmeidig zu führen weiß, in der Höhe leicht, strahlend und scheinbar völlig ohne Anstrengung. Es ist kein Wunder, dass der niederländische Tenor an den Opernhäusern von Mailand bis New York und von London bis Bayreuth singt – als Loge ist er bestimmt phantastisch. Arnold Bezuyen erweist sich aber auch ein großartiger Liedersänger, wobei er mehr durch Noblesse beeindruckt und als durch Dramatik. Jura Margulis ist ihm ein formidabler Liedbegleiter; allerdings reicht er an das sprechende Klavierspiel eines Hubert Giesen oder eines Gerald Moore noch nicht heran. 

Donnerstag, 5. April 2012

Benda: Violin Sonatas (with original ornamentation) (Naxos)

Violinsonaten von Franz Benda (1709 bis 1786), Violinist am Hofe Friedrichs des Großen, hatten wir im März bereits in einer Aufnahme der Schola Cantorum Basiliensis vorgestellt. Bei Naxos sind nun weitere Werke in Weltersteinspie- lung erschienen, die sich in jenem legendären Manuskript in der Berliner Staatsbibliothek finden, welches sich dadurch auszeichnet, dass auch die Verzierungen notiert sind, die zu Bendas Lebzeiten jeder Musiker improvisierte. 
Sie wurden also üblicherweise nicht aufgeschrieben, und sind daher in Vergessenheit geraten. In späteren Jahrhunderten wiederum hätten sich Komponisten einen solchen Umgang mit ihrem Werk verbeten; die Partitur wurde zum Gesetz, und Interpreten hatten sie möglichst perfekt zu reproduzieren. 
Heute bemühen sich Musiker, die "alte" Musik in möglichst originalem Klang vorzustellen. Und dazu gehören, neben den "historischen" Instrumenten, auch die passenden Verzierungen - was nicht ganz einfach ist, denn Geschmack war schon zu Bendas Zeiten keine Konstante. Und was für Vivaldi passt, das muss bei nachfolgenden Generationen oder in anderen Regionen nicht unbedingt korrekt sein; dicke Bücher sind darüber schon zu Bachs Zeiten verfasst worden. Sie gelten heute als wichtige Quellen der musikhistorischen Forschung - und wer ein Manuskript wie das der Benda-Sonaten entdeckt, der darf das als Glücksgriff feiern. 
Hans-Joachim Berg, Barockvioline, und Naoko Akutagawa, Cembalo, beweisen mit dieser gelungenen Einspielung, was für ein Verlust es wäre, wenn man solche Quellen nicht hätte. Denn obwohl sie sehr schön ist, wird diese Musik erst durch die Variationen lebendig, mit denen sie Musiker ausgestaltet haben. 
Der exzellente junge Geiger spielt ein Instrument des Mittenwalder Geigenbauers Sebastian Klotz aus dem Jahre 1735, das unverändert erhalten geblieben ist. Die Cembalistin Naoko Akutagawa, die nach ihrem Studium in Japan noch eine Meisterklasse an der Musikhoch- schule in Würzburg absolviert hat, musiziert auf einem Instrument, das Henk van Schevikhoven 1992 in Helsinki nach einem Ruckers-Cembalo angefertigt hat.

Montag, 8. August 2011

Klughardt: Symphonie No 3 / Violin Concerto (cpo)

August Klughardt (1847 bis 1902), geboren in Köthen, besuchte in Dessau das Gymnasium, und er- hielt 1882 als Nachfolger seines Lehrers Eduard Thiele dort das Amt des Hofkapellmeisters. Detailliert findet sich Klughardts Biographie in einem früheren Blog-Beitrag; es sei nur daran erinnert, dass er 1873 in Weimar Wagner kennengelernt und 1876 die ersten Bayreuther Festspiele besucht hatte. Dieses Erlebnis beeindruckte Klughardt sehr. Schon sein Vor- gänger Thiele brachte Wagners Opern auf die Bühne; und im Orche- ster der ersten Bayreuther Festspiele saßen zwölf Musiker aus seiner Hofkapelle. So war es ein Dessauer Hornist, der als erster den Sieg- fried-Ruf blies. Klughardt setzte diese Tradition fort. 1893 fand in Dessau die erste vollständige Aufführung des Rings des Nibelungen statt - was der Residenzstadt endgültig den Ruf eintrug, das "Bayreuth des Nordens" zu sein. 
Klughardt war aber nicht nur ein renommierter Kapellmeister, son- dern auch ein bekannter Komponist, dessen Werke nicht nur in Dessau erklangen. Er schuf vier Opern, zwei Oratorien, fünf Sinfonien sowie eine Reihe kleinerer Orchesterwerke, Kammermusik und Lieder. Das Dessauer Orchester - seit 1992 führt es den Namen Anhaltische Philharmonie Dessau - hat nun bei cpo zwei seiner Werke eingespielt: Die dritte Sinfonie in D-Dur, op. 37, und das Violinkonzert op. 68. 
Klughardts dritte Sinfonie ist bereits 1879 in Neustrelitz entstanden, sie wurde aber in Dessau oft aufgeführt. Sie erklang zudem in Dresden, dirigiert von Schuch, in Berlin, Rostock, Magdeburg, Jena, Riga, Kassel, Amsterdam, Leipzig, Hamburg, Innsbruck, Sondershausen, Düsseldorf, Frankfurt am Main, Wien, München und in vielen anderen Städten - und wurde von Kritik und Publikum offenbar in trauter Eintracht gefeiert. Sie ist ein heiteres, ziemlich beschwingtes Werk, das auch den Musikern Freude bereiten dürfte. Danach jedenfalls klingt diese Aufnahme, die die Dessauer unter Golo Berg eingespielt haben. Die Solistin in Klughardts Violinkonzert ist Mirjam Tschopp. Die Zürcherin konzertiert auf Violine und Viola gleichermaßen, engagiert sich sehr für zeitgenössische Musik und ist zudem bekannt als passionierte Kammermusikerin. 
Das Violinkonzert erscheint als ein Ringen freudiger Abschnitte mit einem an einen Trauermarsch erinnernden Schicksalsmotiv, das immer wieder erklingt, und mitunter ziemlich dominant wird. Selbst im Finale, das vor Lebenslust strotzt, bringt es sich noch einmal, wie ein fernes Echo, in Erinnerung. Solist und Orchester musizieren überwiegend miteinander; es gibt keine großartige Kadenz, und keine ausgedehnten Orchesterpassagen. Das Konzert ist Beethoven näher als Wagner, und es ist nicht recht nachvollziehbar, warum es derart in Vergessenheit geraten konnte. Tschopp jedenfalls lässt erahnen, warum Geiger wie der Franzose Joseph Debroux oder Karl Prill, zu Klughardts Zeiten Konzertmeister des Leipziger Gewandhausorche- sters, dieses Werk sehr schätzten und gern spielten. 

Samstag, 8. Mai 2010

Verwandlung - Lieder eines Jahres. Karg/Kehring (Berlin Classics)

Die Sopranistin Christiane Karg und der Pianist Burkhard Kehring geben eine Lehrstunde in Sachen intelligente Liedgestaltung. Das Programm ist anspruchsvoll, aber auch ansprechend und abwechs- lungsreich: "Das Thema Jahres- zeiten hat mich schon immer fasziniert", erläutert Karg. "Wie kann man klirrende Kälte oder sengende Hitze musikalisch darstellen? Einem Vivaldi ist dies so wunderbar gelungen", meint die Sängerin. "Im Unterschied zu den Orchesterwerken haben wir im Lied das Gedicht, das die Basis der Komposition bildet und mit der Begleitung zu einer Einheit verwoben wird."  Die Auswahl der beiden Solisten reicht von Richard Strauss' Schlechtes Wetter über von Zemlinskys Frühlingstag, Brahms' Sommerabend bis hin zu Schuberts Herbst und Weberns Kahl reckt der Baum.
"Mir gefällt diese Möglichkeit, einen roten Faden innerhalb einer Thematik zu spannen, fernab von Komponist, Musikstil oder eines geschlossenen Opus. Es erfordert Freude am Basteln und kostet viel Zeit", sagt Karg. "Es gibt eine so große Anzahl von wunderbaren Stücken, die zu Unrecht völlig unbekannt sind. Und genau darum geht es mir, einzelne Preziosen, die oft auf den ersten Blick gar nicht als solche erkennbar sind, zu finden und mit anderen, bekannteren Stücken zu kombinieren."  Die Lieder zeigen den Menschen im Kreis- lauf der Natur - und in seinen Stimmungen zwischen glücklichem Überschwang und Melancholie.