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Sonntag, 16. Mai 2021

Fremde Heimat (Oehms Classics)


 Das Wandern und der Wanderer sind zentrale Sujets der deutschen Romantik. Der Reiz der großen weiten Welt, die Entdeckungslust und der Verlust von Heimat – das sind Erfahrungen, die nicht nur die Dichter, sondern auch Komponisten zu großartigen Werken bewegt haben. Rafael Fingerlos hat eine Liedauswahl zusammengestellt, die vom frohen Aufbruch über die Begegnung mit der Fremde bis hin zur Entfremdung vom Beschreiten des Lebensweges erzählt. 
Die CD macht deutlich, dass abseits von Schuberts Winterreise viel zu entdecken ist. Rafael Fingerlos gelingen zudem sensible, tiefgreifende Liedinterpretationen – und Sascha El Mouissi begleitet den Bariton feinfühlig am Klavier. 

Sonntag, 4. Oktober 2020

Staatskapelle Berlin - Legendary Eterna Recordings (Berlin Classics)

 

Die Staatskapelle Berlin feiert 450jähriges Bestehen – und Berlin Classics gratuliert mit einer 5-CD-Box zu diesem Jubiläum. Das Label hat dafür legendäre Aufnahmen des Orchesters mit Otmar Suitner und Günther Herbig herausgesucht. Sie wurden seinerzeit in der Christus-Kirche Berlin-Schöneweide aufgenommen, und bei Eterna als Schallplatte veröffentlicht. 

Für die Neuedition wurden diese Einspielungen nun neu von den Originalbändern remastert. Otmar Suitner leitete die Staatskapelle Berlin von 1964 bis 1990. Freuen darf man sich auf feinsinnige Interpretationen der Mozart-Ouvertüren ebenso wie auf Musik von Richard Strauss und Paul Dessau, die Suitner allesamt besonders schätzte. 

Neben Strauss‘ Symphonischer Phantasie aus Die Frau ohne Schatten wurde für diese Kollektion auch Penthesilea von Hugo Wolf sowie die Musik zu Kleists Das Käthchen von Heilbronn op. 17 von Hans Pfitzner ausgewählt; für beides hatte sich Suitner besonders eingesetzt. Zu hören sind zudem Bruckners Siebente und Mahlers Zweite; Günther Herbig, der in den 70er Jahren viele Konzerte mit der Staatskapelle dirigierte, wird ebenfalls mit einer CD geehrt. Darauf erklingen Mendelssohns Sommernachtstraum sowie die Orchestermusik Nr. 4 von Paul Dessau. 


Mittwoch, 30. Oktober 2019

Across The Lake (Genuin)

Sie kommen längst nicht mehr nur vom Bodensee, und sie haben eine gemeinsame Leidenschaft: Das Ensemble Lake Brass, gegründet 2010 als Hornquartett, ist heute mit zwölf Hörnern, zwei Tenorhörnern, Tuba und drei Schlagzeugern üppig besetzt. Seit 2017 wird Lake Brass von Norbert Stertz, Professor für Horn an der Hochschule für Musik Detmold, geleitet. Und die Musiker stammen aus vielen verschiedenen Ländern. Auf ihrer ersten CD bei Genuin präsentieren sie einen satten Blechbläsersound mit imposantem Fundament. Was für eine Tiefblechgruppe! 
Das Programm ist abwechslungsreich. Zu hören ist Filmmusik von Hans Zimmer, Steve Jablonsky, Trevor Jones, John Powell und John Williams, dazu Sinfonisches von Gustav Mahler, Kammermusik von Dmitri Schostakowitsch, Felix Mendelssohn Bartholdys berühmter Chor Abschied vom Walde in einem Arrangement für Lake Brass, und auch zwei Premieren sind dabei: Die Bodensee Fantasie von Kerry Turner und Zerberus von Alexander Reuber, speziell für das Ensemble geschrieben, erklingen in Weltersteinspielung. Man staunt einmal mehr darüber, wie nuancen- und farbenreich Blechbläser musizieren können. Es ist herrlich, der Sound ist großartig, das kann man mit Worten gar nicht erfassen. Wer den Hörnerklang liebt, der sollte sich diese CD auf gar keinen Fall entgehen lassen. 

Donnerstag, 15. November 2018

Herz-Tod (Decca)

Die Liebe und der Tod – das sind die Themen, denen sich der Bassist Günther Groissböck gemeinsam mit seinem Klavierbegleiter Gerold Huber mit dieser Einspielung zuwendet. Ausgewählt hat der Sänger dafür die Vier ernsten Gesänge von Johannes Brahms, die Michelangelo-Lieder von Hugo Wolf, die Rückert-Lieder von Gustav Mahler – und die Wesendonck-Lieder von Richard Wagner. 
Sie sind hier zum ersten Male auf CD mit einer Männerstimme zu hören. „Mich hat die Klangsprache der Wesendonck-Lieder schon immer fasziniert, da sie eben dem Tristan an vielen Stelle so nahesteht“, erläutert Günther Groissböck in einem Interview, das im Beiheft nachzulesen ist: „Außerdem habe ich im Text keine verbindliche Geschlechtszugehörigkeit entdeckt, sodass ich mir einfach gedacht habe: Warum denn nicht mal diese ,gender-neutralen' Lieder als Mann singen, weil es ja auch Titel wie ,Schmerzen' oder ,Stehe still' gibt, zu denen etwas draufgängerisches Testosteron sehr gut passt, wie ich finde.“ 
Der Österreicher ist ein gefragter Wagner-Sänger. Sein Bass ist prachtvoll, aber der Liedgesang wirkt mitunter etwas kühl und zurückhaltend; in der Textausdeutung erscheint mir beispielsweise Hans Hotter viel stärker. Gerold Huber allerdings erweist sich einmal mehr als kongenialer Klavierpartner. Es ist beeindruckend, mit welchem Feingefühl er mit dem Sänger in einen Dialog tritt, wie sensibel er auf jede Nuance im Ausdruck reagiert. So wird aus dem Klavierpart weit mehr als eine Begleitung. Huber zeigt immer wieder, wieviel der Pianist zum Gesamtkunstwerk Lied beitragen kann. 

Montag, 19. März 2018

Unvergänglichkeit - Michaela Schuster (Oehms Classics)

Unvergänglichkeit nannte Erich Wolfgang Korngold seinen Liederzyklus, und Michaela Schuster wählt Zyklus und Idee zum Kern des Programmes für ihre zweite CD, die jüngst bei Oehms Classics erschienen ist. Die Mezzosopranistin hat offenbar ein Faible für das große Thema Zeit – ihre erste CD mit dem Titel Morgen! und mit Liedern von Johannes Brahms, Robert Schumann, Max Reger und Richard Strauss begeisterte ebenfalls bereits durch ein kluges Konzept. 
Nun folgt also das zweite Album, und hier sind Lieder von Gustav Mahler, Max Reger Kurt Weill in Korngolds Zyklus quasi hineingeflochten. Sie ergänzen diese Liederfolge, und setzen mitunter nachdenkliche, mitunter auch kecke Akzente. Dieses Programm ist rundum schlüssig, und zugleich überraschend und extravagant. Ähnliches lässt sich über den Liedvortrag von Michaela Schuster sagen. 
Die Sängerin gestaltet jedes einzelne Lied mit großer Sorgfalt, und mit brillanter Technik und Artikulation. Man versteht wirklich jedes Wort, und man kann jeden musikalischen Gedanken nachvollziehen. Das macht diese CD zum Erlebnis – und in Matthias Veit hat die Mezzosopranistin zudem einen exzellenten Liedbegleiter an ihrer Seite. Großartig! 

Montag, 17. Oktober 2016

Mahler: The 9 Symphonies (Tudor)

Auch wenn es sich möglicherweise noch nicht überall herumgesprochen hat – aber: Die Bamberger Symphoni- ker sind ein Weltklasseorchester. Das bestätigt einmal mehr diese Sammel- box mit den neun Sinfonien von Gustav Mahler, erstklassig aufgeführt in den Jahren 2003 bis 2011. Ausdrucksstark, präzise und mit sorgsam herausgearbeiteten Details wird hier agiert. 
Chefdirigent Jonathan Nott schaut mit kühlem, ja, mit misstrauischem Blick in die Partitur. Nichts ist hier idyllisch und harmlos. Nott verzichtet auf auf- gesetztes Pathos und überflüssige Sentimentalisierung; er lotet akribisch aus, was im Notentext steht, und akzeptiert dabei insbesondere auch die Brüche und Abgründe. Damit macht er Klangeffekte hörbar, die Mahler offenbar wichtig waren, die aber beim Beharren auf der spätromantischen Aufführungspraxis mit ihren diversen Rubati eher verschmiert und verdeckt werden. Nott setzt auf Strukturen und Farben, und er hat ein grandioses Gespür für das richtige Zeitmaß. Das Ergebnis ist unglaublich spannend, dramatisch und mitreißend. Atemberaubend! 

Donnerstag, 15. August 2013

Portrait (Genuin)

10 for Brass – das sind zwölf exzellente junge Blechbläser, die sich der Kammermusik ver- schrieben haben. Martin Gierden, Anne Heinemann, Rudolf Lörinc, Lukas Paulenz und Andre Schoch, Trompete, Swantje Vesper und Felix Wilmsen, Horn, Jan Donner, Matthias Haakh, Johannes Weidner und Florian Zerbaum, Posaune, sowie Alexander Tischendorf, Tuba, musizieren seit 2010 gemeinsam in dieser Formation. Sie studieren überwiegend an verschiedenen deutschen Musik- hochschulen. Einige der jungen Bläser haben bereits Engagements bei namhaften Orchestern. 
Die Musiker wurden mit einer Vielzahl von Preisen ausgezeichnet; so haben sie 2011 beim Deutschen Musikwettbewerb ein Stipendium erhalten. Ihre Konzerte kommen beim Publikum wie bei der Presse gut an – kein Wunder, dass sie nun auch eine CD vorlegen wollen. Das erste Album hat das Blechbläser-Ensemble teilweise über Crowd- funding finanziert. 
Die Mühe hat sich gelohnt, denn das Debüt ist gelungen. Die Werke, die die Zwölf dafür ausgewählt haben, reichen von Giovanni Gabrieli bis zu Duke Ellington, und von Händels bekannter Ankunft der Königin von Saba bis zur Bruckner-Etüde für das tiefe Blech aus der Feder von Enrique Crespo, dem langjährigen Spiritus rector von German Brass. Die Bläser von 10 for Brass begeistern mit ihrem satten, runden, harmonischen Ensembleklang. Ihr Spiel ist wirklich perfekt, und ihre Spielfreude überträgt sich auf den Hörer; allerdings dürfen sie gern noch etwas mehr Temperament entwickeln. Wer Bläsermusik liebt, der sollte dieses Album auf keinen Fall verpassen – es lohnt sich! 

Dienstag, 13. August 2013

Pohádka. Dvorák - Janácek - Mahler - Suk (Es-Dur)

Dem kleinen Hamburger Label Es-Dur ist mit Pohádka ein großer Wurf gelungen. David Geringas und Ian Fountain haben für dieses Programm Musik ausgewählt, die allerdings – anders, als der Titel zunächst vermuten lässt – keineswegs nur Märchen erzählt. Was die Herren Josef Suk (1874 bis 1935), Antonín Dvorák (1841 bis 1904), Leos Janácek (1854 bis 1928) und Gustav Mahler (1860 bis 1911) mit dem Thema des Albums verbindet, das erfährt der geneigte Hörer aus dem liebevoll gestalteten Beiheft.
Doch das ist letzten Endes Nebensache. Denn diese Einspielung ist einfach hinreißend. Den beiden Musikern zu lauschen, das ist ein absolutes Vergnügen. Man könnte jetzt darüber sinnieren, ob man Mahlers berühmte Lieder wirklich für Violoncello und Klavier bearbeiten muss – aber letzten Endes folgt man Geringas und Fountain gespannt, bis zum letzten Takt. Was für ein Dialog zwischen den Instrumenten, was für eine Spannung und Intensität! Hier sind zwei großartige Musikerpersönlichkeiten, zu erleben, jeder ein Meister, und auch ihr Zusammenspiel ist einfach nur grandios.

Sonntag, 30. Juni 2013

Mahler: Symphonies 2, 4, 7 & 9 / Das Lied von der Erde; Klemperer (EMI Classics)

„Gustav Mahler empfiehlt Herrn Klemperer als einen hervorragend guten und trotz seiner Jugend schon sehr routinierten Musiker, der zur Dirigentenlaufbahn prä- destiniert ist. - Er verbürgt sich für den guten Ausfall eines Versuches mit ihm als Kapellmeister und ist gern bereit, persönlich nähere Auskunft über ihn zu erteilen.“ Die Karte mit dieser Empfehlung trug Otto Klemperer (1885 bis 1973) ein Leben lang bei sich.
Sein großes Talent fiel schon früh auf. Aus heutiger Sicht kann man sich so etwas für eine studentische Aushilfe kaum vorstellen – aber Klemperer dirigierte breits mit 21 Jahren mehr als fünfzig Mal Offenbachs Orpheus in der Unterwelt in der berühmten Inszenierung durch Max Reinhardt. 1907 spielte er dann Gustav Mahler aus einem selbst angefertigten Klavierauszug der Auferstehungssinfonie vor. Der Komponist zeigte sich begeistert – und Klemperer standen plötzlich alle Türen offen.
1933 floh er in die USA. Als er 1946 aus dem Exil zurückkehrte, konnte der Dirigent an seine frühen Erfolge nicht anknüpfen: Der maestro galt als schwierig, als unberechenbar und exzentrisch. Walter Legge gewann den 67jährigen schließlich für das Label EMI. Damit begann eine künstlerische Partnerschaft, der wir einige groß- artige Aufnahmen verdanken. Denn das Philharmonia Orchestra kam mit dem Dirigenten gut zurecht. „Seine Absicht war, die Wahrheit zu finden“, erinnert sich der Produzent. „Musikalität, Rhythmus, solider Klang, feste Tempi, genaue Notenwerte und texturelle Klarheit waren alles, was er verlangte.“
Das prägte auch Klemperers Mahler-Einspielungen. Man wisse, ur- teilte 1967 der Kritiker Ronald Crichton, was man erwarten könne: „big outlines, rock-like rhythms, structure before detail, no lingering by the wayside, no attempt to soften or blend the crystal-clear and often searing orchestration“.
Klemperers Mahler-Verehrung war jedoch höchst selektiv, wie seine Werkauswahl zeigt. An erster Stelle steht nicht nur in dieser CD-Box die Sinfonie Nr. 2, auch als Auferstehungssinfonie bekannt – hier zu hören mit Elisabeth Schwarzkopf und Hilde Rössl-Majdan. Elisabeth Schwarzkopf ist auch die Solistin in der Sinfonie Nr. 4. Die zweite CD enthält zudem eine Auswahl an Orchesterliedern in einer Aufnahme mit Christa Ludwig aus dem Jahre 1964.
Eingespielt hat Klemperer zudem 1968 Mahlers siebente und 1967 die neunte Sinfonie. Den Abschluss der Sechs-CD-Box macht Das Lied von der Erde mit Christa Ludwig und mit dem legendären Tenor Fritz Wunderlich. Allein diese Besetzung würde ausreichen, um die Auf- nahme zu einer Kostbarkeit zu machen.

Dienstag, 5. Juni 2012

Alois. Um Mitternacht (Preiser Records)

Alois Mühlbacher, gehandelt als "Stimmwunder", seit 2005 bei den St. Florianer Sängerknaben, ist von Knabensopran zu einem Jugendli- chen gereift. Seine hohe Stimme hatte er noch, zumindest im ver- gangenen Jahr, als diese Aufnah- men entstanden sind - doch irgend- wann wird auch ihn der Stimm- bruch ereilen. 
Auch in dem Repertoire, das er ge- meinsam mit seinem Chorleiter und Pianisten Franz Farnberger für diese CD ausgesucht hat, zeigt sich sein Abschied von der Kindheit. Ob man einen 16jährigen allerdings wirklich die Lieder eines fahrenden Gesellen von Gustav Mahler singen lassen muss, und die Vier letzten Lieder von Richard Strauss, diese Frage sei gestattet. 
Mahlers Werke nach Texten aus Des Knaben Wunderhorn sind für mich jedenfalls der musikalische Höhepunkt dieser CD. Wie sensibel Mühlbacher hier Stimmungen erfasst und mit seiner Stimme gestaltet, das grenzt schon an Magie. Auch technisch hat der junge Sänger sich erheblich weiterentwickelt; das lässt darauf hoffen, dass er möglicher- weise seine Karriere auch nach dem Stimmbruch fortsetzen kann. Man wünscht es ihm - und eine große Portion Geduld, denn die wird er in Zukunft brauchen. 

Dienstag, 9. August 2011

Mahler: Das Lied von der Erde (Deutsche Grammophon)

Am 14. Juni 1964 dirigierte Josef Krips ein Konzert der Wiener Symphoniker im Rahmen der Wiener Festwochen, das von der Kritik enthusiastisch gefeiert wurde: Gustav Mahlers (1860 bis 1911) Das Lied von der Erde, gesungen von Fritz Wunderlich und Dietrich Fischer-Dieskau. Schon die Besetzung war eine Sensation, weil die Solopartien in Mahlers Werk üblicherweise mit einer Frauen- und einer Männer- stimme assoziiert werden. 
"Seit der unvergesslichen Aufführung unter Bruno Walter habe ich diese Vokalsymphonie (...) nicht mehr in einer ähnlich ergreifenden, genau auf dem Stil des Werkes nachgebildeten Wiedergabe gehört wie diesmal unter Krips", begeisterte sich beispielsweise Karl Löbl, der Kritiker des Express, "der zu dieser empfindsamen, poetischen Musik eine echte, unverhüllte Beziehung hat und ihre Struktur mit unglaublicher Subtilität nachformt." 
Doch alle Versuche, einen Mitschnitt dieses Ereignisses in akzeptabler Qualität zu veröffentlichen, scheiterten, weil der Zustand der auf- findbaren Bänder dies schlicht nicht hergab. Nun aber ist ein Master- band aus dem Privatbesitz der Familie Krips verfügbar, bei dem es sich möglicherweise um eine direkte Kopie des ORF-Originalbandes handelt. Es wurde mit beträchtlichem Aufwand in den Emil Berliner Studios in Berlin  remastert. Damit wird das legendäre Konzert erstmals auch auf CD in erträglicher Klangqualität zugänglich - ein spannender Beitrag der Deutschen Grammophon zum Mahler-Jahr 2011. 
Obwohl der Orchesterklang gewöhnungsbedürftig ist, begeistern doch die beiden Sänger - hat man Wunderlich erlebt, mag man keinen Hel- dentenor in dieser Partie mehr hören. Und Dietrich Fischer-Dieskau überzeugt durch ein perfektes Legato und seine herrliche, gänzlich unmanirierte Interpretation. So eine Konstellation ergibt sich selten - und Fischer-Dieskau dankte noch Jahre später Krips für "die schönste Aufführung des Liedes von der Erde". Eine der schönsten ist das mit Sicherheit. 

Montag, 1. August 2011

The Ballad Singer (Hyperion)

Die Ballade ist ein alterprobtes Medium, um Geschichten zu er- zählen. Der Name Ballade freilich stand im Mittelalter für ein Tanz- lied; heute bezeichnet das Wort die bekannten und beliebten Strophen- lieder, die bevorzugt von makab- ren, aufregenden oder übernatür- lichen Vorgängen berichten. 
Morde, Schlachten, wundersame Errettung und mysteriöses Ver- hängnis, Wiedergänger, Feen, Elfen und andere Zauberwesen, Liebes- paare, Helden - was das Volk inte- ressierte, das faszinierte oftmals auch die Dichter. Und auch die Komponisten hatten ihr Vergnügen daran, wie diese CD zeigt. Sie enthält eine Vielzahl grandioser Balladen - von Beethovens berühm- ter Vertonung der Ballade vom König mit dem Floh aus Goethes Faust über Werke von Carl Loewe, Franz Schubert, Robert Schumann, Johannes Brahms, Hugo Wolf und vielen anderen, bis hin zu Cole Por- ters ironischem The Tale of the Oyster. Bariton Gerald Finley und Julius Drake am Klavier zelebrieren die zumeist schaurigen Geschich- ten mit Hingabe - musikalisch sind sie brillant, und der Zuhörer wird öfters schmunzeln. 

Donnerstag, 3. März 2011

Salon de Vienne (Gramola)

Wer eine CD mit "schöner" Violin- musik sucht, die man auch der Groß- oder der Schwiegermutter schenken kann, der sollte sich Salon de Vienne vormerken. Dass es Thomas Albertus Irnberger, Violine, und Jörg Demus, Klavier, allerdings keineswegs nur um schmissige Salonstücke geht, wird schon beim ersten Blick auf die ausgewählten Werke deutlich. 
Die CD bietet neben "Klassikern" wie Schön Rosmarin, Liebesleid und Liebesfreud sowie einem Unga- rischen Tanz von Johannes Brahms und der Frasquita-Serenade von Franz Léhar in Transkriptionen von Fritz Kreisler oder dem Ischler Walzer in A-Dur von Johann Strauß Sohn durchaus auch weniger bekanntes, wie die Rumänischen Volkstänze von Béla Bartók, die Romantischen Stücke op. 75 von Antonín Dvorak oder die Romanze für Violine und Klavier op. 51 von Carl Goldmark. Zugleich bemühen sich die beiden Musiker, in ihrer Auswahl einen Blick auf das überaus facettenreiche musikalische Leben im Wien der Jahrhundertwende zu ermöglichen. 
Darin sind sie sehr erfolgreich, und sie überzeugen nicht nur durch die geschickte Zusammenstellung von Werken von Brahms bis Mahler, sondern auch durch ihre Musizierkultur, die wirklich Freude macht. 

Dienstag, 13. Juli 2010

Dietrich Fischer-Dieskau. Ein Portrait (EMI Classics)

"1948, als in Deutschland alles in Trümmern lag, kam da plötzlich ein pausbäckiges Riesenbaby und sang Schubert - mit einer Schön- heit, dass alle wie zum Beten hin- pilgerten", erinnert sich Christa Ludwig an die ersten Auftritte von Dietrich Fischer-Dieskau.
Der junge Bariton war damals gerade aus der Kriegsgefangen- schaft heimgekehrt und setzte sein Studium bei Hermann Weißenborn fort. Im Januar 1948 sang er für den Rias Schuberts Winterreise - und startete damit eine Sängerkarriere, die er erst 1992, bei einer Silvestergala, mit der Schlussfuge aus Verdis Oper Falstaff beendete.
Diese beiden Eckpunkte seiner Gesangskarriere dokumentiert die vorliegende Auswahl aus der umfangreichen Diskographie des Sängers nicht - dafür aber zahlreiche andere Höhepunkte. Das Repertoire des Sängers war enorm, und ist auf über 400 Schallplatten dokumentiert. Deshalb lag also die Herausforderung in der Auswahl. EMI Classics hatte dafür, wie ich meine, ein glückliches Händchen und hat etliche Juwelen in den Archiven aufgespürt. 
Dieses musikalische Porträt zeigt Fischer-Dieskau als Lied- und Opernsänger - und vergisst auch nicht, dass er Bachs Werke sehr geschätzt und gern gesungen hat. In den 60er Jahren entstanden die Aufnahmen von Schuberts Liedzyklen Die schöne Müllerin, Winter- reise und Schwanengesang, ergänzt noch durch einige weitere Lieder. Begleitet wird der junge Sänger hier von Gerald Moore, einem überragenden und erfahrenen Pianisten, bei einem Lied auch von Karl Engel. 
Das beredte Klavierspiel von Gerald Moore geleitet den Sänger auch durch Schumanns Eichendorff-Lieder; eine ganze CD ist dem Komponisten gewidmet. Bei etwa der Hälfte der Lieder ist Hertha Klust am Klavier zu hören. Besonders erfreulich: Je eine CD enthält Lieder von Hugo Wolf und Richard Strauss. Auch hier akkompagniert Moore. 
Die siebte CD gilt dann dem Werk Gustav Mahlers. Die Lieder eines fahrenden Gesellen, aufgezeichnet 1952 mit dem Philharmonia Orchestra unter Wilhelm Furtwängler, und die Kindertotenlieder, eingespielt 1955 mit den Berliner Philharmonikern unter Rudolf Kempe, machen deutlich, wie ausgeprägt das Gestaltungsvermögen des jungen Sängers damals schon war, wie klar seine musikalische Handschrift, und wie exzellent seine Technik. Die Fünf Gesänge aus "Des Knaben Wunderhorn" sowie die Rückertlieder begleitet Daniel Barenboim am Klavier. 
Den Opernsänger Dietrich Fischer-Dieskau zeigt uns die achte CD - mit Arien aus einigen seiner Lieblingspartien, wie Graf Almaviva aus Mozarts Hochzeit des Figaro, Falstaff aus Verdis gleichnamiger Oper, oder Wolfram aus Wagners Tannhäuser
"Es gibt keine zugleich anspruchsvollere, technisch forderndere und stimmlich lohnendere Aufgabe für Sänger als Bachs Musik", resümierte der Sänger dennoch, und meinte: "Der konzertierende instrumentennahe Bach erfordert Geläufigkeit und Spannkraft, der Bach der großen Linie erlaubt belcantistischen Schmelz, der erzählend-dozierende Bach muss mit gebührendem Abstand, aber doch nicht unbeteiligt gesungen werden." Arien aus Bach-Kantaten bringen die CD 9 und 10. Hier sind auch die Berliner Philharmoniker unter Karl Forster zu hören - sowie Irmgard Poppen am Violoncello, Fischer-Dieskaus erste Ehefrau. 
Leider fehlt Brahms in dieser Kollektion; statt dessen gibt's auf der zehnten und letzten CD noch etwas "leichte" Muse, unter anderem Strauss Fledermaus und Der Zigeunerbaron, Otto Nicolais Die lustigen Weiber von Windsor und zwei Raritäten aus der Feder von Felix Mendelssohn Bartholdy. 
Egal, was Fischer-Dieskau singt - er tut es stets wohlüberlegt, mit großer Sorgfalt in Phrasierung und Intonation, und auch der Text ist stets zu verstehen. Sein Timbre ist charakteristisch, seine Stimme klingt klar und hell, und sein Gesang wirkt immer unangestrengt. Auch wenn manche Kritiker anderes sagen - Dietrich Fischer-Dieskau ist ein Phänomen, ein Jahrhundertsänger. Und diese CD-Sammlung bietet zusammengefasst einige seiner besten Aufnahmen.

Samstag, 8. Mai 2010

Verwandlung - Lieder eines Jahres. Karg/Kehring (Berlin Classics)

Die Sopranistin Christiane Karg und der Pianist Burkhard Kehring geben eine Lehrstunde in Sachen intelligente Liedgestaltung. Das Programm ist anspruchsvoll, aber auch ansprechend und abwechs- lungsreich: "Das Thema Jahres- zeiten hat mich schon immer fasziniert", erläutert Karg. "Wie kann man klirrende Kälte oder sengende Hitze musikalisch darstellen? Einem Vivaldi ist dies so wunderbar gelungen", meint die Sängerin. "Im Unterschied zu den Orchesterwerken haben wir im Lied das Gedicht, das die Basis der Komposition bildet und mit der Begleitung zu einer Einheit verwoben wird."  Die Auswahl der beiden Solisten reicht von Richard Strauss' Schlechtes Wetter über von Zemlinskys Frühlingstag, Brahms' Sommerabend bis hin zu Schuberts Herbst und Weberns Kahl reckt der Baum.
"Mir gefällt diese Möglichkeit, einen roten Faden innerhalb einer Thematik zu spannen, fernab von Komponist, Musikstil oder eines geschlossenen Opus. Es erfordert Freude am Basteln und kostet viel Zeit", sagt Karg. "Es gibt eine so große Anzahl von wunderbaren Stücken, die zu Unrecht völlig unbekannt sind. Und genau darum geht es mir, einzelne Preziosen, die oft auf den ersten Blick gar nicht als solche erkennbar sind, zu finden und mit anderen, bekannteren Stücken zu kombinieren."  Die Lieder zeigen den Menschen im Kreis- lauf der Natur - und in seinen Stimmungen zwischen glücklichem Überschwang und Melancholie.

Gustav Mahler und sein Klavier (Preiser Records)

Am 9. November 1905 spielte Gustav Mahler in Leipzig auf einem Welte-Klavier vier seiner Werke. Gestanzte Papierrollen dokumen- tierten jedes Detail des Vortrags, und ein pneumatischer Mechanis- mus ermöglichte die Wiedergabe der derart aufgezeichneten Musik entweder mit Spezialinstrumenten oder mit Hilfe sogenannter Vorsetzer, die vor ein beliebiges Klavier gestellt werden konnten.
Zwar ist die Firma Welte & Söhne schon lange untergegangen. Doch die meisten von den gut 5.500 Ein- spielungen auf Welte-Rollen sind noch aufzufinden, und auch Klaviere mit Welte-Mechanismus gibt es noch.
Für das vorliegende Tondokument aber hatte Preiser Records eine ganz besondere Idee: Mahler spielt Mahler auf Mahlers Flügel; dank Vorsetzer ist das technisch kein allzu großes Problem. Aber welcher Flügel ist Mahlers Flügel?
Preiser entschied sich für das Instrument, das Alma Schindler und Gustav Mahler 1902 zur Hochzeit bekamen: Einen Blüthner aus  diesem Jahr, mit kreuzsaitiger Bespannung, Blüthner-Patentmechanik und gusseisernem Jubiläumsrahmen, aber ohne Aliquotsaiten. Mahlers Witwe schenkte das Instrument 1948 der Stadt Wien; seit  1965 befindet er sich als Dauerleihgabe in der Sammlung alter Musik- instrumente in der Neuen Burg.
Die Aufnahmen dokumentieren den Stil der damaligen Zeit, inklusive kräftiger Zuspitzung, wo der Künstler etwas für wichtig hielt. So schärfte Mahler die Punktierungen im ersten Satz seiner Fünften Symphonie deutlich. Bei den Liedern springt er zwischen der Gesangsstimme und der Begleitung; er ergänzt sie um vollstimmige Akkorde und Basstöne, spielt nicht notierte Arpeggierungen und nachschlagende Melodienoten - und modifiziert das Tempo, wie ihm das jeweils angemessen erschien. Weniger wichtige Passagen nimmt Mahler oftmals flüchtig. Wer jemals in einem Provinztheater einen Korrepetitor bei der Arbeit erlebt hat, der wird davon nicht überrascht sein - und, bei allem Respekt, aber ein bisschen klingt die Aufnahme auch so. Wer sich mit historischer Musizierweise beschäftigt, der wird diese CD höchst interessant finden. 

Freitag, 12. Februar 2010

Mahler 5 - Simón Bolívar Youth Orchestra of Venezuela, Gustavo Dudamel (Deutsche Grammophon)

Mahlers Fünfte, gespielt von einem Laienorchester - geht denn das? zumal, wenn keiner der Musiker älter ist als 25 Jahre? Es geht - wenn es sich um das Simón Bolívar Jugendorchester von Venezuela handelt. In diesem Orchester spielen die besten Nachwuchs- musiker eines Systems, das sich sistema nennt, und sich in einem Satz zusammenfassen lässt: Jedem Kind sein Instrument. Auch und gerade dem aus dem Ghetto. Gustavo Dudamel, mittlerweile weltweit ein gefragter Dirigent, ist selbst aus dieser Schule hervor- gegangen. Mahlers Fünfte ist für ihn ein besonderes Stück, denn er leitete diese Sinfonie 2004 beim Gustav-Mahler-Dirigierwettbewerb der Bamberger Symphoniker - und gewann. Vorher war er nur Insidern bekannt; anschließend startete seine internationale Karriere.
An dieser Einspielung fällt eines sofort auf: Die lange Namensliste der jungen Musikerinnen und Musiker, die daran mitgewirkt haben. 22 erste Violinen, 20 zweite Violinen, 21 Bratschen, 16 Celli, ein Dutzend Kontrabässe, sieben Hörner, fünf Flöten, drei Harfen, und so weiter - das ist wahrlich eine würdige Besetzung für ein Mahler-Werk. 
Und das Wunder geschieht: Die Jugendlichen spielen hochprofessio- nell. Die schweren Partien meistern sie ohne Zagen und Klagen. Und die Orchestersoli erklingen absolut perfekt. Dudamel hat alle Möglichkeiten, zu gestalten. "Das Orchester braucht eine unglaubliche Technik und große Sensibilität", sagt der Dirigent, "es gibt in diesem Werk den extremen Ausdruck von Glück, Traurigkeit, Schwermut und Hoffnung. Manche sagen, man benötige viele Jahre Lebenserfahrung, um all diese Emotionen durchgemacht zu haben und sie vermitteln zu können. Ich glaube, das Wichtigste ist, sie zu fühlen und zu spielen."