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Sonntag, 9. November 2014

Bach: Brandenburg Concertos; Concerto Köln (Berlin Classics)

„Warum sollten wir die Brandenbur- gischen aufführen und im Studio produzieren, wo es doch schon so viele exemplarische Aufnahmen auf dem Markt gibt?“ Das Ensemble Concerto Köln hat diese Frage sehr ernsthaft diskutiert – und sich dann doch zu einer Einspielung ent- schlossen. Die Musiker sahen durchaus Möglichkeiten, die populären Werke in neuem Glanz erstrahlen zu lassen. Dazu hat das Ensemble in erster Linie in Bachs Noten geschaut – mit geschärftem Blick und dem Ziel, den bestehenden Sichtweisen Neues hinzuzufügen. Insbesondere beim Klang und bei der Instrumentierung fanden sich da tatsächlich Ansatzpunkte. 
So entschied sich Concerto Köln, wie schon bei der Einspielung von Bachs Orchestersuiten, bei der Stimmung erneut für den Kammerton 392 Hertz, der zu Bachs Zeiten in Frankreich gebräuchlich war. „Im tiefen Kammer- ton erscheinen die hohen Passagen der Trompete deutlich idiomatischer und es ist ein weicheres Zusammmenspiel im Solistenquartett möglich“, erläutert Lorenzo Alpert, Fagottist des Ensembles. Dafür musste allerdings die Trompete entsprechend angepasst werden – denn der Kammerton liegt heute im modernen Sinfonieorchester teilweise sogar über 440 Hertz. 
Hohen Aufwand betrieb das Ensemble zudem um die „Fiauti d’Echo“, die Bach im vierten Konzert vorsieht. Sie wurden nach alten Zeichnungen und Beschreibungen von dem Schweizer Flötenbauer Andreas Schöni nach- gebaut. Entstanden sind Doppelflöten, die auf der einen Seite laute und auf der anderen Seite leise Töne produzieren. Allerdings ist der Effekt erstaun- lich dezent; so kann das ein Flötist auch auf der Altblockflöte spielen, wenn diese halbwegs Qualität hat. 
Nachgedacht haben die Musiker zudem über die Besetzung der Continuo-Gruppe; dafür wurden jeweils Violone und Cembalo mit Sorgfalt ausge- wählt. So entschied sich das Ensemble insbesondere beim vierten und fünften Konzert für ein Instrument nach Johann Heinrich Gräbner, nachgebaut 2001 von Christian Fuchs. Die sächsische Clavierbauer-Dynastie Gräbner genoss einst einen hervorragenden Ruf. Sie baute klangschöne Cembali, und weil einer der Gräbner-Söhne zu den Schülern Bachs gehörte, wird angenommen, dass der Thomaskantor mit diesen Instrumenten vertraut gewesen sein sollte. 
Auch sonst achten die Musiker auf viele kleine Details. Wer die Konzerte gut kennt, der wird sich daran erfreuen. Concerto Köln – das steht für historische Aufführungspraxis auf höchstem Niveau; nicht umsonst haben die Musiker zahlreiche Auszeichnungen erhalten. Überraschungen sind da nicht zu erwarten, doch wer Präzision und Seriosität schätzt, der wird diese Aufnahme anderen vorziehen. 

Sonntag, 10. März 2013

Bach: The Brandenburg Concertos (Winter & Winter)

"The Celebration", nennt das Label Winter und Winter diese ganz be- sondere Bach-Edition. Sie entführt den Hörer in das Jahr 1721 zu einem grandiosen Barockfest. Wer sich das Bild auf dem Cover anschaut, der ahnt, dass es nicht einfach um eine weitere Aufnahme der berühmten Brandenburgi- schen Konzerte geht. 
Die beiden CD sowie das Beiheft wurden ebenfalls liebevoll gestal- tet; das Beiheft erzählt in einer Art Tagebuch über die Jahre 1717 bis 1723, die Johann Sebastian Bach als Kapellmeister am Hofe des Fürsten Leopold von Anhalt-Köthen verbrachte. Auch die CD erzählen eine Geschichte - sie führen die Zuhörer mitten hinein in ein höfisches Fest, mit dem 1721 in Köthen die Sommersonnenwende gefeiert wird. 
Die Musik zu dieser Klanggeschichte stammt von Johann Sebastian Bach. Man hört die Gäste in Kutschen zum Fest herbeirollen. Die Hofe der Pferde klappern auf dem Pflaster; Hunde bellen, und Jagdhörner geben Signale. Aus der Ferne sind bereits die ersten Töne von Bachs neuem Werk zu hören, den Six Concerts Avec plusieurs Instruments, gewidmet Markgraf Christian Ludwig von Brandenburg-Schwedt. Von dem Adressaten der Widmung freilich hat Bach keine Antwort erhal- ten, und auch kein Honorar. Die Musik, die später unter dem Namen Brandenburgische Konzerte weltberühmt werden sollte, erklingt nun also in Köthen. Das Orchester ist mit Hörnern, Trompeten und Streichern üppig besetzt, und es musiziert wunderbar. Wer sich nicht daran stört, dass das Knattern des Feuerwerks gleich mehrfach in die Musik hinein erklingt, begleitet von den Ahs und Ohs des staunenden Publikums, der wird diese stimmungsvolle Einspielung mit der Freitagsakademie mögen - leider liefert die Doppel-CD aber nur den Soundtrack zum rauschenden Fest. 

Sonntag, 29. April 2012

Bach: Brandenburg Concertos (Tafelmusik)

Das Tafelmusik Baroque Orchestra, 1979 gegründet und seit 1981 ge- leitet von Jeanne Lamon, ist Kana- das gefeiertes Originalklang-En- semble. Das Orchester mit Sitz in Toronto musiziert auf historischen Instrumenten oder ihren Nach- bauten. 
1993/94 hat Tafelmusik Bachs Brandenburgische Konzerte ein- gespielt. Dabei erweist sich, das das Ensemble bei Flöten, Strei- chern und Cembalo gut bis exzellent besetzt ist. Der Klang der Blechbläser  und der Oboen aber ist, vorsichtig gesagt, gewöhnungs- bedürftig - mein Fall ist das nicht. Überhaupt lässt die Aufnahme streckenweise Spielfreude, Leidenschaft und Dynamik vermissen. Das ist alles ganz solide, aber auch nicht mehr. Es fehlt an Würze, an Akzenten und oftmals auch an Gestaltungsideen. Und so rettet auch das schön gemachte, sehr informative Booklet diese Doppel-CD nicht. Schade. 

Montag, 9. April 2012

Bach: Brandenburg Concertos; Schreier (Newton Classics)

Bach schrieb die Six Concerts / Avec plusiers instruments. / Dédiées / A Son Altesse Royalle / Monseigneur / Cretien Louis / Marggraf de Brandenbourg, als er noch in Köthen war. Der Adressat der Widmung, Markgraf Christian Ludwig von Brandenburg, war zwar ein Musikfreund, doch das winzige Ensemble, das in seiner Berliner Residenz aufspielte, hätte diese Konzerte niemals aufführen können. Möglicherweise wollte sich Bach aber für andere Aufga- ben in Berlin empfehlen - und da war der Onkel des Preußenkönigs bestimmt eine gute Reverenz. Und obwohl Bach auf ältere Werke zurückgriff, die er umformte und bearbeitete, führte er dabei doch französische und italienische Vorbilder geradezu exemplarisch zu- sammen. Das muss zu Bachs Zeiten kühn und neu gewesen sein. 
Das Kammerorchester Carl Philipp Emanuel Bach hat 1992 unter der Leitung von Peter Schreier die sechs Konzerte eingespielt. Es ist eine schöne Aufnahme, und man freut sich darüber, dass Newton Classics sie nun wieder zugänglich gemacht hat. Schreier nimmt die schnellen Sätze mitunter rasant. Die langsamen aber sind wunderschön aus- musiziert, insbesondere dort, wo tiefe Streicher beteiligt sind. Und die Solisten, die an der Aufnahme seinerzeit mitgewirkt haben, sind durchweg erstklassig. 

Mittwoch, 16. November 2011

Bach: Concerts avec plusieurs instruments - Vol. I à VI (Alpha)

Das französische Ensemble Café Zimmermann hat seine Bach-Einspielung abgeschlossen, und legt nunmehr die sechs erfolg- reichen Alben dem geneigten Hörer auch in einer Box auf den Gabentisch - inklusive eines sehr informativen Beiheftes, das nun auch deutsche Übersetzungen aller Texte enthält. 
Die Musiker haben versucht, die Konzertsituation nachzuvollzie- hen, wie sie zu Bachs Zeiten im Zimmermannischen Kaffeehaus in Leipzig möglicherweise ausgesehen hat. Dort erfreute das Collegium musicum - von Telemann gegründet, mit Studenten besetzt und jahrelang von Johann Sebastian Bach geleitet -, regelmäßig die Gäste mit einem bunten Programm. Die Musiker spielten einmal wöchent- lich, zu Messezeiten sogar zweimal in der Woche. Zur Unterhaltung des interessierten Publikums müssen so jährlich hunderte Konzerte erklungen sein. 
Erwiesen ist, dass Bach dafür etliche seiner Werke, die er für das mit exquisiten Bläsern und Streichern besetzte Orchester am Köthener Hof geschaffen hatte, für Cembalo bearbeitet hat. Auch einige Werke seiner Kollegen ereilte dieses Schicksal. Und so enthält CD 6 eine musikalische Kuriosität: das Konzert für vier Cembali und Streicher in a-Moll BWV 1065, nach dem Concerto für vier Solo-Violinen und Streicher in h-Moll op. 3 Nr. 10 aus der berühmten Sammlung L'Estro armonico von Antonio Vivaldi. Wie Bach diese Aufgabe gelöst hat, das vermag durchaus zu verblüffen und zu begeistern. 
Das Solo-Cembalo scheint im Zimmermannischen Kaffeehaus regel- mäßig Partien übernommen zu haben, die eigentlich für Violine, Oboe oder Traversflöte komponiert worden sind. Wahrscheinlich reichte die Kunstfertigkeit der Studiosi dafür nicht aus; an virtuosen Cemba- listen hingegen scheint in Leipzig kein Mangel gewesen zu sein. Denn mitunter konzertierten sie, wie die vorliegenden Aufnahmen zeigen, sogar zu zweit oder gar zu dritt. 
Um Werkgruppen scheren sich die französischen Musiker herzlich wenig. Sie kombinieren Ouvertüren, Brandenburgische und Solo- konzerte nach Lust und Laune zu abwechslungsreichen Programmen. Musiziert wird frisch, aber nicht auf bloße Geschwindigkeit versessen, lustvoll-tänzerisch und bassbetont. Natürlich sind die jungen Exper- ten, die sich im Ensemble Café Zimmermann versammeln, mit den Konventionen vertraut - aber sie scheren sich wenig darum, und das ist auch gut so. Wer Bach einmal gänzlich ohne museale Staubwolken hören möchte, dem sei daher diese Box wärmstens empfohlen. 

Samstag, 9. Januar 2010

Bach: Brandenburgische Konzerte (Decca)


Von einem Leipziger Kapellmeister wird fast zwangsläufig erwartet, dass er Lokalheroen wie Mendels- sohn, Schumann und, vor allem, Bach dirigiert. Riccardo Chailly stellt sich dieser Tradition, und präsentiert dieser Tage im Gewandhaus Bachs Branden- burgische Konzerte. Später werden noch die Matthäus-Passion und das Weihnachtsoratorium folgen. Und dank Decca können sich alle diese Musik aus der mitteldeut- schen Messestadt ins Wohnzimmer holen.
Nun ist das Gewandhausorchester aber kein Barock-Schnellboot, sondern eher ein musikalischer Supertanker, geprägt durch Beethoven, Brahms und Bruckner. Wenn ein derartiger Klangkörper gegen zarte Blockflötenklänge aufspielt, dann lässt das Schlimmes befürchten.
Doch die Katastrophe bleibt aus. (Auch wenn Originalklang-Puristen das möglicherweise anders sehen werden!) Die alten Stücke und ein modernes Sinfonieorchester - das muss kein unüberwindbarer Gegensatz sein. Und das liegt wohl in erster Linie am klugen Konzept des Gewandhauskapellmeisters: Chailly wählt zumeist flotte Tempi; er setzt auf Schwung und auf klare Akzente. So gelingt ihm eine Interpretation im Geiste Mendelssohns; ein Leipziger Bach mit romantischen Wurzeln, durchaus verblüffend - und überraschend akzeptabel.