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Donnerstag, 12. August 2021

Salieri: Prima la musica; Mozart: Der Schauspieldirektor (Belvedere)


 Kann man eine Oper auch in deutscher Sprache schreiben? Um eine Antwort auf diese Frage zu erhalten, veranstaltete Kaiser Joseph II. einst einen musikalischen Wettbewerb: Er ließ zwei der berühmtesten Komponisten seiner Zeit kommen, und beauftragte sie, ein entsprechendes Werk zu schaffen und bei Hofe aufzuführen. 

Diese Wettbewerbssituation hat Nikolaus Harnoncourt im Jahr 2002 für die Salzburger Mozartwochen nachvollzogen. Mit seinem Concentus Musicus Wien sowie den Solisten Eva Mei, Patricia Petibon, Melba Ramos, Manfred Hemm, Oliver Widmer, Markus Schäfer und Werner Schneyder führte er die beiden Stücke nacheinander an einem Abend auf, so wie es auch 1786 im Rahmen eines prächtigen Festes in Schönbrunn geschehen ist. 

Damals beauftragte der Kaiser Antonio Salieri, Musikdirektor der Hofoper, damit, die Partei der italienischen Oper zu vertreten – und Wolfgang Amadeus Mozart unterbrach seine Arbeit an der Oper Le nozze di Figaro, um für diesen Anlass ein deutsches Singspiel zu Papier zu bringen. 

Die beiden befreundeten Komponisten unterhielten die Gäste aufs allerbeste. Dabei sparten sie auch nicht an Spott für die Theaterpraxis der damaligen Zeit. In Prima la musica e poi le parole machte sich Salieri gemeinsam mit seinem Textdichter Giambattista Casti darüber lustig, wie schnell künstlerische Ansprüche dahinschwinden, wenn der Fürst darauf besteht, dass die neue Oper in vier Tagen fertig zu sein hat – und wenn obendrein hundert Zechinen als Belohnung dafür locken, dass eine bestimmte Sängerin Gelegenheit erhält, sich dem durchlauchtigen Publikum zu präsentieren. 

Salieris „Divertimento teatrale“ in der Art der italienischen Oper parodierte obendrein eine hochdramatische Opera seria, die in Wien in der Saison zuvor sehr erfolgreich gewesen war, und an deren Melodien sowie an die Art und Weise, in der der Starkastrat Luigi Lodovico Marchesi die Titelrolle gesungen hat, sich ganz sicher jedermann noch gut erinnern konnte. 

Etwas weniger subtil ist Mozarts Mini-Singspiel Der Schauspieldirektor. Und weil die Komödie mit Musik in einem Aufzug ohnehin wenig Musik, aber so manchen Scherz bietet, hat Werner Schneyder den Text von Johann Gottlieb Stephanie dem Jüngeren ein wenig modernisiert und darin so manche Anspielung auf das moderne Theaterleben untergebracht. 

Launig startet auch das Doppelalbum – der Maestro lässt es sich nämlich nicht nehmen, eine Einführung zu geben, die er ebenso kenntnisreich wie pointiert gestaltet. Sie ist ebenfalls Bestandteil des vorliegenden Live-Mitschnitts. So dürfte auch das moderne Publikum viel Vergnügen an diesem musikalischen Wettkampf gehabt haben. Die musikalische Qualität des Revivals jedenfalls war exzellent. 


Dienstag, 9. August 2016

Beethoven: Missa solemnis; Harnoncourt (Sony)

Seine letzten Konzerte mit Beethovens berühmter Missa solemnis, beim Styriarte-Festival und bei den Salz- burger Festspielen im Sommer 2015, bezeichnete Nikolaus Harnoncourt als sein musikalisches Vermächtnis. Es waren die letzten Konzerte eines bedeutenden Dirigenten; und es war sein ausdrücklicher Wunsch, dass die bei den Proben und Konzerten in Graz entstandenen Mitschnitte seine letzte Veröffentlichung werden sollten. 
Mit der Missa solemnis hatte Harnoncourt 1992 sein Debüt bei den Salzburger Festspielen gegeben. Mit dem Werk hatte der Musiker zunächst Probleme; bei den Wiener Philhar- monikern hatte er als Cellist immerhin sieben verschiedene Interpreta- tionen kennengelernt – und war mit keiner zufrieden. Erst in hohem Alter gelang es ihm, Beethovens Musik zu erschließen: „Was immer ich als leeres Pathos enpfunden habe, hat sich plötzlich ins Gegenteil verkehrt“, so zitiert das Beiheft Harnoncourt. 
In der Partitur fand er „seinen“ Beethoven, und indem er die Vorgaben des Komponisten so getreu wie nur möglich einzuhalten versuchte, erkannte er sein Ziel: „Das Unerhörte wiederzufinden und erlebbar zu machen“. Um den originalen Klang zu reproduzieren, spielt der Concentus Musicus Wien Streichinstrumente mit Darmsaiten, Naturtrompeten, alte Posaunen, alte Pauken und dazu auch historische Holzblasinstrumente: „Beethoven verlangt in der Missa solemnis Klarinetten in A, in B und in C – aber
C-Klarinetten spielt heute kein Orchester mehr, Heute ist alles transpo- niertes Dur und Moll, die Tonarten-Charakteristik wird einem nicht mehr bewusst“
, so Harnoncourt. Die Einspielung soll die alten Kirchentonarten und die Klangfarben, mit denen Beethoven einst bewusst gestaltete, wieder erlebbar machen. 

Auch das beteiligte Solistenquartett – Laura Aikin, Bernarda Fink, Johannes Chum und Ruben Drole – sowie der Arnold Schoenberg Chor sind vertraute Musizierpartner, was Harnoncourt in seinem Anliegen unterstützt. So bleibt am Ende dieser Einspielung wie eines langen und ertragreichen Musikerlebens ein Wort dieses Pioniers der historischen Aufführungspraxis, das ebenso für Beethovens Werk wie generell für die Musik stehen kann: „Wir werden durch Verwandlungen geführt, so dass wir selbst wohl als Verwandelte herauskommen.“

Montag, 8. August 2016

Beethoven: Symphonies 4 & 5; Harnoncourt (Sony)

„Der Concentus und ich haben 2013 im Theater an der Wien, im ,Heimattheater' Beethovens, den Fidelio aufgeführt“, berichtete Nikolaus Harnoncourt in einem Gespräch, das im Beiheft zu dieser CD nachzulesen ist. „Das war der Anlass, der war so ein Augen- und Ohrenöffner für uns, dass aus dem Concentus selbst der Wunsch kam, jetzt müssten wir an die Symphonien gehen. Und dann haben wir erst einmal die Erste und die Zweite Symphonie gespielt, dann die Dritte und nun die Vierte und Fünfte. Wir tasten uns also langsam heran und hoffen dann, den gesamten Zyklus in Graz spielen zu können.“ 
Diese Hoffnung ging leider nicht in Erfüllung; die Kraft hat dafür nicht mehr ausgereicht. Im Dezember 2015, einen Tag vor seinem 86. Geburts- tag, verkündete der Österreicher, der mit vollem Namen Johannes Nicolaus Graf de la Fontaine und d’Harnoncourt-Unverzagt heißt, den Rücktritt vom Dirigentenpult. Am 5. März 2016 ist er dann gestorben. 
Der Musiker, der seine Karriere 1952 als Cellist ausgerechnet bei den Wiener Philharmonikern unter Herbert von Karajan begann, war unermüdlich auf der Suche nach der musikalischen Wahrheit, dem „richtigen“ Klang. So fand er sich bald mit Musikerkollegen im Concentus Musicus Wien zusammen, um in Vergessenheit geratene historische Spieltechniken und verloren gegangenes rhetorisches Verständnis wiederzubeleben. Obwohl er sich lange dagegen gesträubt hatte, begann Harnoncourt in den 70er Jahren, auch als Dirigent zu wirken. Er arbeitete mit renommierten Orchestern, und er erarbeitete mit diversen Ensembles eine Vielzahl von Opern. Gern gab Harnoncourt sein Wissen an die jüngere Generation weiter. So prägte er eine ganze Generation von Musikern und Musikfreunden. Die Styriarte in Graz ist schließlich „sein“ Festival geworden. 
Die Vierte und die Fünfte Symphonie von Ludwig van Beethoven sind Harnoncourts letzte CD-Aufnahme. Im Mai 2015 spielte er beide mit dem Concentus Musicus im Goldenen Saal des Wiener Musikvereins ein, und zwar zum ersten Mal ausschließlich auf Instrumenten, wie sie zur Beethovenzeit genutzt worden sind. Damit erfüllte sich Harnoncourt einen lang gehegten Wunsch. Über die Vierte meint Harnoncourt: „Sie ist wahrscheinlich einfach eine Symphonie, in der Beethoven alle seine musikalischen Kenntnisse eingebracht hat. Seine Kompositionsweise ist hier sozusagen mehr in den gewohnten Bahnen und man hat das Gefühl, er folgt Poesien, sehr poetischen Gedichten. Ich glaube, gerade die Vierte bietet ungeahnt viele Assoziationen und Bilder an.“ 
Auch die Fünfte liest Harnoncourt neu. Es sei „wirklich grotesk, dass sie als ,die' Symphonie schlechthin gilt, weil es wahrscheinlich die einzige Nicht-Symphonie ist von allen.“ Sie beginne nicht einmal mit einem Thema – und das mit dem Schicksal, das an die Pforte klopft, möge man bitte ebenfalls nicht so ernst nehmen: „Das hat angeblich der Anton Schindler, Beethovens Sekretär, darüber nachträglich gesagt, aber der hat so viele Sachen gesagt, die er nicht verstanden hat. Man soll diesen Leuten, die um ein Genie herum sind, nicht alles aufs Wort glauben.“ 
Den Kern des Werkes sieht Harnoncourt im Wechsel von c-Moll nach
C-Dur – und wenn sich dieser Wechsel ereignet, kommen obendrein neue Instrumente hinzu: Drei Posaunen, eine Piccoloflöte und ein Kontrafagott, so erklärt der Dirigent: „Mit Ausnahme des Kontrafagotts sind das die Instrumente der Freiluftmusik.“ Hier öffne sich eine Türe nach außen, ins Freie. Diese Lesart lässt das Ensemble konsequent hörbar werden; das klingt mitunter ungewohnt, aber es ist ohne Zweifel reizvoll.