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Montag, 12. Dezember 2016

Telemann: Advent Cantatas (cpo)

Georg Philipp Telemann (1681 bis 1767) war stets darauf bedacht, seine Werke drucken und breit vertreiben zu lassen. Den Kantatenjahrgang 1726/1727 hat der Komponist daher gleich so gestaltet, dass Arien aus den Kantaten herausgelöst und separat musiziert werden können. Diesen „Auszug“ publizierte er in einzelnen Lieferungen, die parallel nach Beginn des Kalenderjahres verfügbar waren. 
In seinem Vorwort schreibt Tele- mann, seine Sammlung sei für den Privatgebrauch vorgesehen – also in erster Linie für die häusliche Andacht in gutbetuchten Kreisen; und deshalb sind die Gesangpartien so geschrieben, dass sowohl für hohe als auch für tiefere Stimme jeweils passende Stücke zu finden sind. Und auch wenn die Arien im Original mit Instrumenten begleitet werden, sei das Continuo eigens mit dem Ziel verfasst worden, dass die ursprüngliche Begleitung, so Telemann, „verhoffentlich nicht vermisset werden wird“
Kantaten-Arien für die Advents- und Weihnachtszeit aus dieser Kollektion hat die Sopranistin Gudrun Sidonie Otto mit ihrem GSO Consort und dem Bariton Ingolf Seidel im Jahre 2013, jahreszeitlich passend, in einem Konzert im Rahmen der Magdeburger Sonntagsmusiken vorgetragen. Ein kurzes Gastspiel gibt zudem der Altus David Erler, begleitet von Caroline Kang, Violoncello, Karl Nyhlin, Gallichon, und Aleksandra Grychtolik, Cembalo/Orgel. Der Live-Mitschnitt ist nun bei cpo erschienen. 
Die Arien beziehen sich auf die Evangelien des jeweiligen Sonntages. Es wird vermutet, dass die Texte der Eisenacher Musiker und Sekretär Johann Friedrich Helbig geschrieben hat. Telemanns Vertonung setzt das Wort eindrucksvoll in Musik um. Allerdings lässt die Beschränkung auf eine Singstimme und Generalbass, bei aller Bemühung der Ausführenden, nach einer gewissen Zeit dann doch Abwechslung vermissen. Christine Schwark, Violoncello, Michael Freimuth, Laute und Theorbe, und Wolf- gang Brunner, Cembalo und Orgelpositiv, bringen die Klangfarben ihrer Instrumente gekonnt zum Einsatz – doch irgendwann kommt beim Zuhörer Sehnsucht nach den originalen Ritornellen und Melodie-Instru- menten auf.

Sonntag, 24. März 2013

Biber: Rosenkranz-Sonaten, Siedel (Berlin Classics)

Über das Leben und Werk von Heinrich Ignaz Franz Biber (1644 bis 1704) wurde hier im Blog bereits des öfteren geschrieben. Der böhmische Musiker wirkte zunächst in der Hofkapelle des Fürstbischofs von Olmütz, um dann nach zwei Jahren offenbar ohne Genehmigung seines Dienstherrn nach Salzburg zu wechseln, wo er schließlich zum Hofkapellmeister aufstieg. Und vom Kaiser Leopold I. wurde der Musiker obendrein für sein grandioses Geigenspiel 1690 als Truchseß in den Adelsstand erho- ben. 
Annegret Siedel hat nun eines der bekanntesten Werke dieses Violin- virtuosen, die sogenannten Rosenkranz-Sonaten, gemeinsam mit Michael Freimuth, Theorbe, Hermann Hickethier, Viola da gamba und Violone, und Margit Schultheiß, Orgel, Cembalo und Barockharfe, bei Berlin Classics eingespielt. Das ist ein anspruchsvolles Unter- fangen, denn wie dieses Werk einst geklungen hat, das kann man nur vermuten. Überliefert ist eine Reinschrift, die Biber vermutlich eigenhändig für seinen Dienstherren, Erzbischof Max Gandolph Graf von Kuenheim, angefertigt hat. In dieser Partitur sind in zwei Zeilen die Partie der Violine und der bezifferte Bass notiert.  Alles andere bleibt der Phantasie und dem Sachverstand der Ausführenden überlassen. 
Nur eine der 15 Sonaten sowie die abschließende Passacaglia lässt sich auf einer normal gestimmten Geige spielen, die anderen erfor- dern umgestimmte Instrumente. Die sogenannte Skordatur war zu Bibers Zeiten sehr beliebt, weil sie die klanglichen Möglichkeiten der Violine enorm erweitert. Schon Reinhard Goebel klagte jedoch einst darüber, dass über das Skordatur-Spiel in den zeitgenössischen Pu- blikationen nur wenige Informationen zu finden sind. Die Darmsaiten, mit denen historische Violinen üblicherweise ausgestattet sind, lassen dies erst recht zu einer heiklen Angelegenheit werden. Denn sie verstimmen sich leicht, und tönen, über die Lagen betrachtet, ohnehin nie ganz sauber. Was sich daraus ergibt, wenn man eine Geige umstimmt, das mag sich jeder selbst vorstellen. Annegret Siedel hat aus dieser Misere einen eleganten Ausweg gefunden: Sie spielt gleich neun verschiedene Violinen aus dem 17. und 18. Jahrhundert. 
Anders als Goebel, dessen 1991 bei der Deutschen Grammophon erschienene Einspielung mit dem Ensemble Musica Antiqua Köln als Referenz gelten darf, und der in erster Linie auf Brillanz setzt, betont Siedel den meditativen Charakter dieser Stücke. Sie wählt sowohl bei den Violinen als auch im Continuo einen eher warmen, sonoren Ton, und konzentriert sich auf den geistlichen Untertext, der auch durch das Motto der jeweiligen Sonate herausgestellt wird. Sie besinnt sich auf den Rosenkranz, und macht ihn zum Mittelpunkt der Sonaten. Biber, der offenbar ein frommer Mann war, hätte dies sicherlich gut gefallen. Und auch das schön gestaltete Cover sowie das Beiheft nebst einem Nachdruck des Rosenkranz-Bruderschaftsblattes, dem Biber einst die Illustrationen für sein prächtiges Manuskript entnahm, begeistern. 

Montag, 5. November 2012

Music for a While (Berlin Classics)

Christoph Genz hat am King's College in Cambridge studiert. Es wird daher nicht verwundern, wenn er sich auf dieser CD dem Lautenlied zuwendet, das im England des 17. Jahrhunderts in hoher Blüte stand. Der Sänger stellt aber nicht nur einige Lieder von Henry Purcell, Thomas Morley und John Dowland vor. Er zeigt zu- gleich an einigen gut ausgewählten Beispielen, wie die neue Gattung in Deutschland aufgegriffen und wei- terentwickelt wurde. Und man muss sagen, dass diese Liedinterpreta- tionen, die der Tenor gemeinsam mit dem Lautenisten Michael Frei- muth eingespielt hat, zu seinen schönsten Aufnahmen gehören. Genz gestaltet mit Sorgfalt, und sein Gesang wirkt gleichzeitig wunderbar locker und unangestrengt. Wer Lautenlieder liebt, der sollte diese CD auf keinen Fall übersehen. 

Mittwoch, 11. November 2009

Portrait Christoph Genz - Songs and Arias (Berlin Classics)


Diese CD stellt einen Sänger vor, der seit Jahren im Geschäft ist, und bereits mit vielen namhaften Orchestern und Dirigenten musiziert hat. Dennoch erweist sich die Compilation als Überraschung. Denn sie offenbart die überragende gestalterische wie gesangs-technische Brillanz von Christoph Genz.
Der gebürtige Erfurter begann seinen künstlerischen Werdegang, in bester mitteldeutscher Gesangstradition, als Thomaner. Danach studierte er Musikwissenschaft am King's College in Cambridge, und Gesang an der Musikhochschule Leipzig. Genz singt einen strahlenden lyrischen Tenor; er verfügt über eine klare, farbenreiche Stimme.
Die vorliegende CD bringt zunächst englische und deutsche Lautenlieder des 17. Jahrhunderts - schön gesungen, aber einen Tick zu brav. Aufhorchen aber lassen seine Interpretationen von Bach-Kantaten, insbesondere der Solokantate "Ich Armer Mensch, Ich Sündenknecht" BWV 55. Genz beeindruckt nicht nur durch sein herrliches Timbre. Der sichere Einsatz der stimmlichen Mittel ermöglicht ihm insbesondere ein nuancenreiches, ausdrucksvolles Piano, um das ihn so mancher Kollege beneiden dürfte.
Mit drei Kanzonetten Haydns und der "Abendempfindung" Mozarts präsentiert sich der Tenor zudem als ein begnadeter Liedersänger. Genz gestaltet alle Stücke stilsicher und intelligent. Nicht nur darin erinnert er an Peter Schreier. Bislang aber gehört er nicht zu den Stars - warum eigentlich nicht?