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Dienstag, 5. Januar 2021

Franck: Le Chasseur maudit (Naxos)


 In Le Chasseur maudit erzählt César Franck mit sinfonischen Mitteln die Geschichte eines Jägers, der am Sonntag statt zum Gottesdienst auf die Pirsch geht, und mit dem es dann ein schreckliches Ende nimmt. 

Auf dieser CD erklingt diese erste erfolgreiche Komposition Francks neben dem wagnerianischen anmutenden Les Éolides sowie dem üppig orchestrierten Poème symphonique Psyche. Es musiziert das Royal Scottish National Orchestra mit den RCS Voices unter Leitung von Jean-Luc Tingaud. Geboten wird auf diesem Album eine farbenprächtige, leidenschaftliche Interpretation der drei Repertoire-Raritäten. 

Montag, 28. Oktober 2019

Mireille Mathieu - Mes Classiques (Sony)

Wohl jeder Klassikfreund hat seine Lieblingsmelodien, und mitunter lässt man sich vielleicht auch dazu hinreißen, laut mit dem Orchester mitzusingen. Doch während Sie und ich das in den heimischen vier Wänden tun, möglicherweise beim Putzen oder aber unter der Dusche, hat ein Weltstar ein Album daraus gemacht: Mit „Mes Classiques“ erfüllt sich Mireille Mathieu einen Lebenstraum und zollt ihren liebsten klassischen Werken Tribut. Sie wählte bekannte Melodien von Komponisten wie Tschaikowsky, Mozart, Brahms, Schubert, Fauré und Händel aus und ließ sie von Textern und Arrangeuren zu Liedern umarbeiten. 
Wer also schon immer einmal hören wollte, wie Mireille Mathieu, mit ihrer charakteristischen Stimme, das Thema aus Tschaikowskis erstem Klavierkonzert, César Francks Panis Angelicus oder aber Händels berühmte Arie Lascia ch'io pianga anstimmt, dem sei dieses Album empfohlen. Wir lauschen respektvoll (gesungen wird immerhin in sieben verschiedenen Sprachen!) und freuen uns über das Beiheft mit vielen Fotos, die die Sängerin in großer Robe in der Prager Burg zeigen. 

Freitag, 25. Oktober 2019

War & Peace - 1618:1918 (Deutsche Harmonia Mundi)

Andreas Hammerschmidt neben Friedrich Hollaender, Samuel Scheidt und Heinrich Schütz neben Hanns Eisler – auf dieser Doppel-CD bringt die Lautten Compagney höchst unterschiedliche Musikstücke zusammen. Zwei Jahreszahlen verbinden die Zeithorizonte: 1618 begann der Dreißigjährige Krieg, und 1918 endete der Erste Weltkrieg. Beide verwüsteten ganze Regionen Europas und brachten die Menschen in Not und Elend. 
„Angst“, „Katastrophe“, „Vergäng- lichkeit“ und „Sehnsucht“ stehen als Überschriften über den vier Kapiteln, in denen die Musiker um Wolfgang Katschner sowohl Barockmusik als auch Klänge aus dem frühen 20. Jahrhundert miteinander kombiniert haben. Sopranistin Dorothee Mields gibt sowohl den Klageliedern als auch der Hoffnung auf Frieden und auf ein friedvolles Leben Stimme. Sie singt ergreifend und berührend, wobei mir ihr engelsreiner Gesang freilich besser zu den barocken Melodien zu passen scheint als zu den doch oft recht ruppigen Liedern aus dem Berlin der 20er Jahre. Großartig sind die Arrangements von Bo Wiget und Ensembleleiter Wolfgang Katschner. Eisler, Hollaender und Satie in frühbarockem Klanggewand - das ist sehr spannend. 

Samstag, 12. Januar 2019

Telemann: Per Tromba & Corno da Caccia (Ricercar)

Bläsermusik von Georg Philipp Telemann (1681 bis 1767) präsentiert das Ensemble Eolus auf seiner Debüt-CD. Die Formation ist neu, aber die Musiker sind durchaus bekannt; insbesondere Jean-François und Pierre-Yves Madeuf haben als Blechbläser, die auf historischen Instrumenten und in originaler Spielweise musizieren, hohes Renommee. 
Das Ensemble Eolus kombiniert Barocktrompete und Naturhorn mit Oboen und Fagott. Madeuf vertritt die These, dass all diese Instrumente zunächst in der Militärmusik eingesetzt worden sind, bevor sie Bestandteil der Hofkapellen wurden: „Pour ce premier CD de'l ensemble Eolus, il nous a semblé important de nous éloigner de l'idée convenue que nous pouvons avoir de la musique de chambre pour vents de l'époque baroque afin d'en retrouver toute la saveur originelle de ses origines régimentaires“, schreibt der Musiker im Beiheft. „Ainsi, seules deux pièces de ce program- me font appel au clavecin (instrument d'intérieur) pour la basse continue et nous avons donc privilégié des œvres avec le basson comme seul instrument de basse spécifié par le compositeur.“ 
Und in der Tat hat Telemann unter anderem einen Marsch komponiert, auf dessen Manuskript sich der Vermerk findet, „Komponiert für das Stück-Schiessen der Artillerie“. In diesem Falle wird die Besetzung – zwei Hörner, drei Oboen und Fagott – durch eine Trommel komplettiert. 
Seine Suiten und Konzerte allerdings, sowie ein Konzert für zwei Hörner und Fagott von Maximilian Fiedler, das die Musiker wegen seiner aparten Besetzung mit aufgenommen haben, waren mit Sicherheit für die Hofmusik bestimmt. In der sächsischen Hofkapelle gab es hinreichend Solisten, die den mitunter aberwitzig virtuosen Partien gewachsen waren. 
Die Musiker des Ensemble Eolus haben damit ebenfalls keine Schwierigkeiten. Sie sind eine Klasse für sich – und diese Einspielung ist es auch. Bei diesen Bläserklängen vergisst man sogar, darüber zu staunen, dass gar keine Streicher beteiligt sind. Furios! 

Donnerstag, 6. September 2018

Vater unser - German Sacred Cantatas (Ricercar)

Eine Kollektion protestantischer Sakralmusik aus dem 17. Jahr- hundert hat das Ensemble Clematis auf dieser CD zusammengestellt. Die Werke entstammen überwiegend der Sammlung Düben; einige davon erklingen in Weltersteinspielung. Den Gesangspart hat der Counter- tenor Paulin Bündgen übernommen. 
Immer wieder staunt man, welch hohes Niveau doch die Kirchenmusik damals hatte. David Pohle (1624 bis 1695) und Johann Theile (1646 bis 1724) beispielsweise waren Schüler von Heinrich Schütz; ihre Werke sind nicht weniger beeindruckend als die bekannten geistlichen Konzerte von Johann Christoph Bach (1642 bis 1703) oder Johann Michael Bach (1648 bis 1694). Doch auch längst vergessene Komponisten wie Johann Wolf- gang Franck, der in Ansbach am Hofe und in Hamburg am Gänsemarkt-Opernhaus tätig war, der Mühlhäuser Johann Rudolph Ahle oder Heinrich Schwemmer,der als Kantor in Nürnberg an St. Sebald wirkte, überraschen mit handwerklich gelungenen, ausdrucksstarken Kompositionen. 

Montag, 23. April 2018

Emotions (MDG)

Emotions, Gefühle, nannten Alexandra Troussova und Kirill Troussov ihre jüngste CD. Die Geschwister, die sich dem Klavier und der Geige verschrieben haben, offenbaren mit dieser Entscheidung erneut eine Vorliebe für intelligent gestaltete Konzeptalben. Denn schon ihr Debüt bei Dabringhaus und Grimm, mit dem Titel Memories, überraschte mit höchst sachkundiger Musikauswahl – und mit exzellenter musikalischer Qualität. 
Das gilt ohne Einschränkungen auch für Emotions. Auf dieser CD haben die beiden Musiker um die Violinsonate von César Franck und die Sonate für Violine und Klavier in G-Dur von Maurice Ravel noch drei kleinere Werke gruppiert, die aber keineswegs unbedeutend sind. Schon die beiden Stücke zu Beginn, Mélancolie und Andantino quietoso op. 6, machen deut- lich, dass der Organist Franck in seiner Kammermusik nicht nur techni- sche Brillanz, sondern in erster Linie auch die Gabe fordert, wunderbare Melodien ansprechend in Szene zu setzen. 
Die beiden Musiker bescheren dem Zuhörer so manchen Gänsehaut-Moment. Selbst bei größter dramatischer Intensität gelingt es den Troussovs, transparent und klar strukturiert zu spielen. Die Geschwister musizieren schon seit ihrer Kindheit gemeinsam. Sie haben dabei einen Grad an Vertrautheit erreicht, der ihnen unglaubliche agogische Freiheiten ermöglicht – für die Interpretation romantischer Musik ist das ein großes Plus. 
Man höre nur den zweiten Satz von Ravels Sonate, mit dem Titel Blues. Er klingt tatsächlich wie improvisiert. Und die populäre Tzigane wird bei diesem Duo von rasantem Virtuosenfutter zu allerbester, ausdrucks- starker Kammermusik. Vom ersten bis zum letzten Ton überzeugt diese Einspielung mit unerhörtem Farbenreichtum. Da kann man nur staunen – und die hervorragende Aufnahme macht auch das Timbre von Troussovs Brodsky-Stradivari, auf der seinerzeit Tschaikowskis Violinkonzert erstmals gespielt worden ist, und den Klang des legendären Steinway-Konzertflügels „Manfred Bürki“ erlebbar. Rundum erstklassig, unbedingt zu empfehlen! 

Mittwoch, 3. Januar 2018

Franck: Offertoires & Pièces posthumes (Aeolus)

Noch einmal Orgelmusik von César Franck – diesmal allerdings eingespielt an einer großen französischen romantischen Orgel: Elke Völker widmet sich auf dieser CD ausgewählten Frühwerken des belgischen Wahl-Franzosen. Es handelt sich dabei um weniger bekannte Stücke, die aber belegen, wie aus einem exzellenten Pianisten innerhalb von zwei Jahrzehnten ein versierter Organist wurde, der die Entwicklung der Orgelmusik entscheidend mit beeinflusste. 
Zugleich stellt die Organistin ein Instrument vor, das auf Aufnahmen eher selten zu hören ist: Die Orgel der neogotischen Basilika Notre-Dame in Bonsecours, nördlich von Rouen, wurde 1857 durch Aristide-Cavaillé-Coll errichtet. Der Orgelbauer ergänzte das Instrument 1879 durch ein selbstständiges Pedal mit vier Registern. In späteren Jahren erfolgten weitere Veränderungen, die der Orgel einen deutlich sinfonischeren Charakter gaben und das Instrument erneut erweiterten. Seit 1997 steht die Orgel unter Denkmalschutz; 1999/2000 wurde sie restauriert, und ist heute wieder in dem Zustand, den Cavaillé-Coll in den Jahren 1888/89 hergestellt hatte, mit 29 Registern auf drei Manualen - von denen eines ein Koppelmanual ist - und Pedal. Allerdings wurde dabei der erweiterte Tonumfang aus dem 20. Jahrhundert beibehalten. Ein grandioses Instrument, und eine großartige Einspielung! Elke Völker musiziert sehr hörenswert, und auch technisch ist die Aufnahme exzellent. 

Samstag, 30. Dezember 2017

Franck: L'Organiste (MDG)

Französische Orgelromantik – aus Mecklenburger Dorfkirchen? Jan von Busch, Gymnasiallehrer in Rostock, erkundet schon seit einigen Jahren die Orgellandschaft seiner Wahlheimat. Auf dieser CD präsentiert er die romantischen Kleinorgeln von Friedrich Friese III in Passow, Hanstorf, Alt Bukow, Bülow, Vietlübbe und Bibow – mit original französischer Musik. 
Friedrich Ludwig Theodor Friese (1827 bis 1896), Schweriner Orgelbauer in vierter Generation, absolvierte seine Ausbildung in der väterlichen Werkstatt, und ging dann auf Wanderschaft. So arbeitete er ab 1850 fast zwei Jahre lang bei Carl August Buchholz in Berlin, und anschließend bis 1854 bei Aristide Cavaillé-Coll in Paris. Dort hat er offenbar sehr viel gelernt. Denn die Instrumente, die er geschaffen hat, folgen dem Vorbild seines großen Lehrmeisters – auch wenn Friese in der Heimat letztendlich sehr viel kleinere Orgeln gebaut hat. 1873 ernannte ihn der Großherzog, dem der Kirchbau und die Ausstattung von Kirchen mit Orgeln ein persönliches Anliegen war, zum Hoforgelbauer. 
Friedrich Friese III schuf 109 Orgeln, übrigens durchweg mit mechanischer Traktur, von denen über 70 in originalem Zustand erhalten geblieben oder restauriert worden sind. Seine größten Instrumente befinden sich in der Schweriner Paulskirche (II/P/31) sowie in der Stadtkirche Ludwigslust (III/P/30). Etliche Orgeln aus Frieses Werkstatt hatten aber nur wenige Register und ein angehängtes Pedal. Sie wurden von dem Orgelbauer dennoch mit großer Sorgfalt individuell für den jeweiligen Kirchenraum angefertigt. Und Jan von Busch zeigt mit seiner Aufnahme,dass jedes dieser kleinen Instrumente tatsächlich klanglich eine Welt für sich ist. 
Dafür wählte er den Zyklus L’Organiste von César Franck (1822 bis1890) – höchst anspruchsvoll, und eigentlich für Harmonium oder aber für größere Instrumente, mit Schwellwerk, geschrieben. Diese Kollektion umfasst eine Folge von Magnificat-Vertonungen in Gestalt von Versetten; dabei gehören jeweils drei Dur- und drei Moll-Stücke zusammen. Darauf folgen dann stets ein kurzes Amen sowie ein umfänglicheres Stück, oft Offertoire oder Sortie überschrieben, das noch einmal musikalische Motive der Versetten aufnimmt. 
Es handelt sich dabei also um liturgische Musik, für den Gebrauch im (katholischen) Gottesdienst. Franck hat seinen Zyklus nicht vollendet; sein Ziel war es, eine Sammlung zu schaffen, die sämtliche Tonarten berücksichtigt, und daher auch Stücke mit höchst unterschiedlichem Charakter enthält. So weist der Komponist selbst darauf hin, dass einige sich für die Weihnachtszeit eignen, und andere eher für traurige Anlässe. 
Jan von Busch ist es kongenial gelungen, die ausgewählten Teile jeweils passend einem historischem Instrument zuzuordnen. In Passow erklingen die sieben Stücke in C-Dur und c-Moll, in Hanstorf jene in Des-Dur und cis-Moll, in Alt Bukow, Pour le temps de Noël, die in D-Dur und d-Moll. An der Orgel in Bülow spielt von Busch die Werke in Es-Dur und es-Moll, in Vietlübbe die in e-Moll und E-Dur, und in Bibow Francks Sieben Stücke in F-Dur und f-Moll. 
Er musiziert durchweg schlüssig und überzeugend; dabei nutzt er die Klangmöglichkeiten der kleinen Orgeln wunderbar. Die dynamischen Effekte, die eigentlich auch in den Noten stehen, habe ich nicht vermisst, wenn ich ehrlich sein soll, denn ich war vollauf damit beschäftigt, die herrlichen Klangfarben der Friese-Orgeln zu genießen. Unbedingt anhören, was für eine Entdeckung!

Samstag, 31. Dezember 2016

Yehudi Menuhin - Paul Coker Live (Doron)

Noch eine weitere Aufnahme mit Yehudi Menuhin (1916 bis 1999) – es handelt sich dabei um Mitschnitte von Konzerten, die der große Geiger bereits hochbetagt gegeben hat. Die Klaviersonaten von Johannes Brahms op. 78 und César Franck wurden 1983 in Bern aufgezeichnet; beide Werke gehörten zu den Lieblingsstücken Menuhins. Ergänzt wird die CD durch zwei Zugaben – Pièce en forme de Habanera von Maurice Ravel, in einem Mitschnitt aus Minneapolis, entstanden 1986, und Liebesleid von Fritz Kreisler, in einem Mitschnitt aus der Oper Sydney aus dem Jahre 1988. 
Menuhins Schwester Hephzibah, die eine exzellente Pianistin war und ihren Bruder oftmals im Konzert begleitet hat, war 1981 nach längerer Krankheit gestorben. 1980 bat der Geiger daher den jungen Paul Coker, einen Absolventen der Yehudi Menuhin School, mit ihm ein Konzert in London zu spielen. Im Beiheft zu dieser CD erinnert sich der Pianist, wie er an diesem Abend – und noch vielen nachfolgenden – mit extrem wenig Probenzeit zurechtkommen musste. Die Bedingungen waren oftmals schwierig, so Coker: „We once ,rehearsed' the Bartok rumanian dances on a plane, Menuhin singing and me listening and nodding, and in Bombay I told him that it was a secret wish of mine to play Ravel's Tzigane with him, and he suggested we play in that night for an encore... which we did.“ 
Die letzten zehn Jahre von Menuhins Konzertkarriere war Paul Coker der ständige Klavierbegleiter des Geigers, „playing more or less the whole sonata repertoire together in almost every corner of the world“, so schreibt er im Beiheft. Auf dieser CD ist, für meinen Geschmack, das Klavier mitunter zu stark im Vordergrund zu hören. Aber Yehudi Menuhin beeindruckt dennoch mit seinem Geigenspiel; er musiziert ausdruckssstark nicht zuletzt in den dramatischen Passagen und unglaublich elegant in den beiden Zugaben. Kein Wunder, dass das Publikum, als es nach einigen wenigen Tönen Liebesleid erkennt, spontan in Jubel ausbricht. 

Montag, 4. Juli 2016

Jean-Nicolas Savary - The Stradivari of the Bassoon (Pan Classics)

Der Pariser Instrumentenbauer Jean-Nicolas Savary le jeune (1786 bis 1853) hat die Entwicklung des Fagot- tes entscheidend mit beeinflusst. Zeitgenossen galt er als „the Stradi- vari of the bassoon“, so Charles Russel Day 1891; seine Instrumente waren nicht nur in Frankreich, sondern auch in England sehr begehrt und wurden von den besten Musikern seiner Zeit gespielt. Es verwundert daher nicht, dass andere Werkstätten sich an diesen Fagotten mehr oder minder deutlich orientierten. 
Mehr als 60 Fagotte des Instrumentenbauers sind bis zum heutigen Tage erhalten geblieben; einige davon sind auch noch spielbar. In einem For- schungsprojekt an der Hochschule der Künste Bern haben Musikwissen- schaftler Sebastian Werr und Fagottist Lyndon Watts diese Instrumente untersucht und festgestellt, dass eine Entwicklung vom Fagott des späten 18. Jahrhunderts hin zum typischen französischen Basson, mit seinem markanten Klang, zu verzeichnen ist. Verändert habe sich auch die Mechanik; sie wurde von acht auf 17 Klappen erweitert. 
Savary le jeunes Originalinstrumente sind noch heute gesucht – nach- gebaut wurden sie aber bislang nicht. Das wollten die Forschenden ändern, mit dem Ziel, romantische Fagotte für den heutigen Spielbetrieb verfügbar zu machen. Sie fanden ein Savary-Fagott, das sich als Vorbild eignete. Der Schweizer Fagottbauer Walter Bassetto aus Frauenfeld fertigte dann ein Instrument an. Es wird wohl nicht das letzte gewesen sein; die Hochschule jedenfalls will zukünftig jungen Musikern die Auseinander- setzung mit französischer und italienischer Musik jener Zeit in historisch informierter Aufführungspraxis als Vertiefungsrichtung anbieten. 
Auf dieser CD präsentiert Lyndon Watts den Savary-Nachbau; gemeinsam mit Edoardo Torbianelli, Hammerklavier, und Marion Treupel-Franck, Flöte, spielt er Werke von Giuseppe Tamplini (1817 bis 1888), Ludwig van Beethoven (1770 bis 1827), Anton Reicha (1770 bis 1838) und Gioachino Rossini (1792 bis 1868).  

Samstag, 9. Mai 2015

La flûte enchantée (Genuin)

Das 19. Jahrhundert war für die Flöte ein Zeitalter rasanter Veränderung: Neue Materialien, eine neue Mechanik, ein völlig neuer Klang, und ein sehr viel voluminöserer Ton und die Chance der perfekten Intonation sämtlicher Ganz- und Halbtöne faszinierten nicht nur die Flötisten, sondern auch eine Vielzahl von Komponisten. 
Hans-Udo Heinzmann und Elisaveta Blumina haben für ihre neue CD im Hause Genuin drei Werke aus jenem „goldenen Zeitalter der Flöte“ ausgewählt. Die Violinsonate A-Dur von César Franck (1822 bis 1890), dem großen Geiger Eugène Ysaye vom Komponisten als Hochzeitsgabe gewidmet, hatten schon bald sowohl die Flötisten als auch die Cellisten für sich entdeckt. Mit ihrem Schwung und ihren üppigen Phrasen ist sie für die beiden Instrumente in der Tat ebenfalls wie geschaffen. 
Claude Debussy (1862 bis 1918) hingegen hat sein Prélude à l'après-midi d'un faune für Flöte geschrieben, und es wird wohl auch niemand auf die Idee kommen, dieses Werk für eine andere Besetzung bearbeiten zu wollen. Es lebt nicht zuletzt von den Klangfarben, und strahlt eine Sinnlichkeit aus, wie sie sich mit keinem anderen Instrument erzeugen lässt. Die Kla- vierfassung, die auf dieser CD zu hören ist, entstand nicht als Reduktion des Orchestersatzes, sondern sie beruht auf handschriftlichen Skizzen Debussys, die er für seine Arbeit an diesem Stück genutzt hat. 
Als Joseph Jongen (1873 bis 1953) seine Sonate für Flöte und Klavier
op. 77 schrieb, war die Böhmflöte bereits etabliert. Sein Werk ist für das Instrument geradezu maßgeschneidert; sowohl die Technik als auch der ganz spezielle Klang sind in diesem brillanten Opus gefragt. Vom Umgang mit dem musikalischen Material her sind wir da allerdings bereits unüberhörbar im 20. Jahrhundert angekommen. Der erfahrene Flötist Hans-Udo Heinzmann hat an dieser virtuosen Musik hörbar Vergnügen. In Elisaveta Blumina hat er eine hervorragende Partnerin am Klavier, die sensibel begleitet, wo dies erforderlich ist, aber auch auftrumpfen und Akzente setzen kann. 

Samstag, 14. März 2015

Albert Schweitzer - Der Organist (ifo Classics)

Albert Schweitzer (1875 bis 1965) war ein Mann von Überzeugung. Aus einem Pfarrhaus im Elsass stammend, studierte er Theologie und Philosophie (und parallel dazu Orgel bei Charles-Marie Widor). Er promovierte gleich doppelt, in Philosophie und Theologie; 1902 erfolgte seine Habilitation. So hätte Schweitzer zweifellos eine grandiose akademische Karriere offengestanden – doch statt dessen entschloss er sich, noch Medizin zu studieren, um dann als Missionsarzt nach Afrika zu gehen. 1913 grün- dete Schweitzer in Gabun das Urwaldhospital Lambaréné. Doch schon 1917 wurde das Ehepaar Schweitzer festgenommen und als Deutsche in Frankreich interniert. Nach dem Kriegsende unternahm Schweitzer alles denkbare, um Geld zu sammeln und nach Afrika zurückkehren zu können, was ihm 1924 dann auch gelang. Er sah das Heil für die Welt im Pazifismus, und wurde 1952 mit dem Friedens- nobelpreis geehrt. 
Ebenso entschieden, wie er in seinen theologischen und politischen Schriften auftrat, engagierte sich Schweitzer auch im Bereich der Musik. Mit großer Leidenschaft setzte er sich für historische Orgeln ein. Er liebte den Klang der alten Silbermannorgeln im Elsass ebenso wie jenen der spätromantischen französischen Orgeln, und trat dafür ein, die Tugenden der französischen und der deutschen Orgelbaukunst miteinander zu verknüpfen. 
Insbesondere mit der Musik Johann Sebastian Bachs beschäftigte er sich sehr intensiv. Bachs Orgelwerke publizierte er gemeinsam mit Widor in einer Urtextedition. Historische Aufnahmen geben Zeugnis davon, wie Schweitzer „seinen“ Bach gespielt haben wollte. Wer da spätromantisches Pathos erwartet, der wird seinen Ohren nicht trauen – der Arzt hat Bachs Noten sehr genau gelesen, und sorgsam darüber nachgedacht. Das Ergeb- nis wirkt geradezu spartanisch und darin sehr modern. 
Eine Auswahl dieser alten Einspielungen ist bei Ifo Classics erschienen. Auf sechs CD sind zudem einige Vorträge und Reden des großen Humani- sten zu hören, sowie einige seiner Lieblingsstücke von Felix Mendelssohn Bartholdy, César Franck und seinem Lehrer Widor. Die Auswahl hat Dr. Wolf Kalipp mit Unterstützung durch viele Sammler und Institutionen zusammengetragen. Die alten Aufnahmen, teilweise noch auf Schellack-Platten, wurden zudem durch den Tonmeister und Restaurator Holger Siedler unglaublich perfekt remastert – kein Knistern und Rauschen, kein schwankender Ton, ja, sogar die Raumakustik hat Siedler mit berücksich- tigt und so auf digitalem Wege ein Wunderwerk erschaffen, das man auf einer modernen Stereoanlage mit Freude anhört. Phantastisch!

Sonntag, 25. Januar 2015

Franck: Gehet hin in alle Welt (MDG)

Melchior Franck (um 1580 bis 1639) stammte aus dem sächsischen Städt- chen Zittau. Über den Lebensweg des Musikers ist wenig bekannt. Als gesichert gilt allerdings, dass er in Augsburg die Schule besuchte und ein Schüler von Hans Leo Haßler war. Mit ihm ging er dann auch nach Nürnberg, wo er als Schulgehilfe an St. Egidien tätig war. 1603 wirkte er bereits als Hofkapellmeister des kunstinteressierten Herzogs Johann Casimir in Coburg. 
In seinen letzten Lebensjahren wurde Franck von schweren Schicksals- schlägen getroffen. Der Dreißigjährige Krieg mit Plünderungen, Bränden und Seuchen ereilte 1632 auch Coburg; der Musiker verlor wohl dadurch Weib und Kind. Dazu kam 1633 der Tod seines Dienstherren, der zur Auflösung der Hofhaltung führte. Da die beiden Ehen Johann Casimirs kinderlos geblieben waren, übernahm sein Bruder Johann Ernst die Regierung; er blieb allerdings in Eisenach. Franck wurde zwar nicht entlassen, aber aus zwei Eingaben, die er 1635 und 1638 an den Fürsten richtete, wissen wir, dass er zuletzt in Sorgen und Not lebte. 
Von seinen Zeitgenossen wurde Melchior Franck sehr geschätzt. Als Komponist war er ungemein produktiv. Er schuf geistliche wie weltliche Vokalwerke sowie Instrumentalmusik. Diese CD präsentiert eine Auswahl aus seinen Gemmulae Evangeliorum Musicae. Dabei handelt es sich um 66 Evangelienmotetten in deutscher Sprache, entstanden für den Gebrauch „in den geringsten Cantoreyen“, so Franck. Es ist ein kompletter Satz von Evangeliumsvertonungen für das ganze Kirchenjahr. 
Die musikalisch eher schlichten vierstimmigen Sätze erklangen bei der zentralen Lesung im protestantischen Gottesdienst. Entsprechend große Bedeutung hat daher der Text, der durch den Komponisten musikalisch ausgedeutet wird. Franck übersetzt das Bibelwort in klingende Bilder, doch davon kommt leider nicht viel beim Zuhörer an: Der Norddeutsche Kammerchor unter Leitung seiner Gründerin Maria Jürgensen singt zwar sauber, aber auch sterbenslangweilig. Es gelingt den Sängern nicht, die Emotionen, die in der Musik „verpackt“ sind, zu erkennen und in eine entsprechende Phrasierung und dynamische Differenzierung umzusetzen. Schade! 

Freitag, 12. Dezember 2014

Lauter Freude, lauter Wonne (Rondeau)

Den Jubel und den sanften Frohsinn der Weihnachtszeit haben drei Musiker aus Hannover auf eine CD gebracht. Sopranistin Ute Engelke, Blockflötistin Elisabeth Schwanda und Ulfert Smidt, der Organist der Marktkirche, interpretieren Musik aus vier Jahrhunderten. Die ausgewählten Werke reichen vom verspielt-verzierten Puer nobis nascitur aus dem Fluyten Lust-Hof von Jacob van Eyck für Blockflöte solo bis zur eher gravitätischen Pastorale für Orgel solo von César Franck, von den traumschönen, aber eher wenig bekannten Bicinien von Michael Praetorius bis hin zu der populären Arie Schafe können sicher weiden von Johann Sebastian Bach und von Monteverdis höchst anspruchsvoller Motette Exulta Filia Sion bis hin zu der romantischen Orgel-Phantasia Jul von Otto Olsson. Ute Engelkes schlank geführte, strahlende Sopranstimme, das virtuose Flötenspiel von Elisabeth Schwanda und das souveräne Musizieren von Ulfert Smit an der Chor-Ensemble-Orgel ergänzen sich perfekt; die ganze Einspielung ist geprägt von einer hinreißenden Musizierfreude. Bravi!

Donnerstag, 4. Dezember 2014

Organ Music for Christmas (Brilliant Classics)

Das Wort noël steht in der franzö- sischen Sprache sowohl für das Weihnachtsfest als auch für das Weihnachtslied. Dies macht bereits deutlich, wie eng beides miteinander verknüpft ist. Es wird daher nicht verwundern, dass Organisten aus Frankreich zu allen Zeiten nicht nur weihnachtliche Musik, sondern auch wundervolle Liedbearbeitungen geschaffen haben. Auf dieser CD stellt Christian Lambour eine stimmungs- volle Auswahl solcher Werke vor, unter anderem von Pierre und Jean-Francois Dandrieu, Michel Corrette, Claude Balbastre, Alexandre Guilmant und César Franck. Er musiziert an der Orgel der ehemaligen Benediktiner-Abtei Neu St. Johann im Kanton St. Gallen. 

Montag, 31. Dezember 2012

Weihnachten in der Kreuzkirche Chemnitz (Auris Subtilis)

Die Innigkeit häuslicher Andacht und die Wucht des Orgelklangs verbindet diese CD, die im Juni 2010 in der Chemnitzer Kreuz- kirche eingespielt worden ist. Sie beginnt, wie könnte es anders sein, mit einem Präludium und der dazugehörigen Fuge von Johann Sebastian Bach, sehr hörenswert gespielt von Steffen Walther, Kantor und Organist des Gottes- hauses. 
Es folgen drei Lieder aus dem Schemelli-Gesangbuch, die Pastorale E-Dur von César Franck, die Cinq Prères pour Chant et Orgue op. 231c von Darius Milhaud, die Weihnachtslieder op. 8 von Peter Cornelius und die Variationen über ein geistliches Volkslied op. 33 von Karl Hoyer. 
Der Sänger Gotthold Schwarz wird stets begleitet durch die Orgel. Er ist auf sehr vielen CD zu hören, doch zumeist in Partien, die eigentlich einen "echten" Bass erfordern. Was da zu hören ist, das hat mich nicht begeistert. Hier ist er einmal tatsächlich als Bariton zu erleben, teilweise sogar in ziemlich hoher Lage - und ich muss sagen, dass ich angenehm überrascht bin, so unangestrengt, samtweich und elegant klingt seine Stimme. Mehr davon! 

Montag, 5. November 2012

Music for a While (Berlin Classics)

Christoph Genz hat am King's College in Cambridge studiert. Es wird daher nicht verwundern, wenn er sich auf dieser CD dem Lautenlied zuwendet, das im England des 17. Jahrhunderts in hoher Blüte stand. Der Sänger stellt aber nicht nur einige Lieder von Henry Purcell, Thomas Morley und John Dowland vor. Er zeigt zu- gleich an einigen gut ausgewählten Beispielen, wie die neue Gattung in Deutschland aufgegriffen und wei- terentwickelt wurde. Und man muss sagen, dass diese Liedinterpreta- tionen, die der Tenor gemeinsam mit dem Lautenisten Michael Frei- muth eingespielt hat, zu seinen schönsten Aufnahmen gehören. Genz gestaltet mit Sorgfalt, und sein Gesang wirkt gleichzeitig wunderbar locker und unangestrengt. Wer Lautenlieder liebt, der sollte diese CD auf keinen Fall übersehen. 

Dienstag, 3. April 2012

Cello Jewels - Esther Nyffenegger, Cello (Divox)

Sieben CD enthält diese Box, und sie enthält Aufnahmen mit der Cellistin Esther Nyffenegger und dem Pianisten Gérard Wyss aus den 70er Jahren, sowie eine CD, die im Jahre 2000 aufgezeichnet wurde, und bei der Annette Weis- brod am Klavier zu hören ist. 
Versammelt ist nahezu die gesamte Cello-Literatur, die auf Haydn und Boccherini gefolgt ist. Ob man Beethovens Sonaten "romantisch" nennen sollte, das mögen Musik- historiker entscheiden. Sie werden hier jedenfalls durch seine drei Variationen-Werke komplettiert. Es folgen Brahms' Sonaten, sowie eine Cello-Sonate von Ernst von Dohnànyi und einige Fantasiestücke von Robert Fuchs - die beiden Komponisten gehörten zum Brahms-Freundeskreis. Enthalten sind weiter Schuberts Arpeggione-Sonate, die Cello-Sonaten von Felix Mendelssohn Bartholdy, die Fünf Stücke im Volkston von Robert Schumann, eine Cello-Sonate von Chopin, eine von Grieg und eine von Cèsar Franck, die eigentlich eine Violin- sonate war. Den Abschluss bilden Sonaten von Richard Strauss und Hans Pfitzner, beides Frühwerke, sowie Märchen und Presto von Leos Janácek. 
Die Interpretationen sind Geschmackssache. Ich muss gestehen, dass ich bereits vor dem Beethoven kapituliert habe. Er wird durch das Klavier dominiert; ein derartiges Pathos und einen solchen Mangel an Feingefühl und Humor muss man nicht mögen.