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Dienstag, 30. April 2019

Bach: St Mark Passion (MDG)

1731, am Karfreitag, wurde in Leipzig die Markus-Passion von Johann Sebastian Bach erstmals aufgeführt. Dies wissen wir, weil uns ein Abdruck des Textes überliefert ist. Er stammt, wie auch das Libretto der Matthäus-Passion, von Christian Friedrich Henrici, bekannter unter seinem Pseudonym Picander. Aus dem Jahre 1744 ist ein weiterer Textdruck vorhanden; ein Vergleich ergibt, dass Bach sein Werk für diese Aufführung überarbeitet und um zwei Arien ergänzt hat. 
Die Texte sind vor allem deshalb für uns heute so interessant, weil von Bachs Markus-Passion keine einzige Note auf uns gekommen ist. Weder die Partitur noch irgendeine Stimme war aufzuspüren. Bekannt ist allerdings, dass Bach etliche seiner Kompositionen mehrfach verwendete; das sogenannte Parodieverfahren wurde seinerzeit viel genutzt. Dabei erhielt eine Arie oder ein Chor einfach einen neuen Text – fertig! 
Die Bach-Forschung hat daher akribisch geprüft, welche Werke des Komponisten zu Picanders Texten passen könnten. Und sie hat festgestellt, dass der Eingangs- und der Schlusschor sowie drei Arien wahrscheinlich in der Trauerode Lass, Fürstin, lass noch einen Strahl BWV 198 zu finden sind. Mit aufmerksamem Blick konnten so vier der acht Arien sowie die meisten Choräle identifiziert werden. 
Es hat zudem etliche Versuche gegeben, die fehlenden Teile zu ergänzen – modern, historisierend oder unter Rückgriff auf originale Musik von Bach und seinen Zeitgenossen. Kirchenmusikdirektor Andreas Fischer, Kantor und Organist an der Hauptkirche St. Katharinen in Hamburg, legt auf dieser Doppel-CD nun seine Version vor. Dieser Fassung liegen durchweg und ausschließlich Kompositionen Bachs zugrunde, auch bei den Rezitativen. 
Sie haben in diesem Passionsoratorium besonderes Gewicht, weil der Gang der Handlung nur selten durch Arien unterbrochen wird. Ähnlich bedeutend sind aber die Choralstrophen; sie beziehen die Gemeinde in das Heilsgeschehen quasi mit ein. Und es sind ziemlich viele – eine dankbare Aufgabe für die Hamburger Cantorey St. Catharinen. 
Für sein Experiment konnte Andreas Fischer zudem das renommierte Ensemble Bell' arte Salzburg gewinnen, das von der Geigerin Annegret Siedel geleitet wird. Der Zuhörer darf sich darüber freuen; man lausche nur den Gambenpartien, die von den Musikern wirklich großartig gespielt werden. Und auch das Solistenquintett ist mit Katherina Müller, Jan Börner, Matthias Bleidorn, Manfred Bittner und Richard Logiewa überzeugend besetzt. 

Donnerstag, 17. Dezember 2015

Himlische Weyhnacht (Berlin Classics)

Weihnachtliche Musik aus der Zeit nach der Reformation hat das Ensemble Bell'Arte Salzburg unter der Leitung von Annegret Siedel für seine neues Album „Himlische Weynacht“ herausgesucht. Die Musiker haben den wohl bekanntesten Choral Martin Luthers, Vom Himmel hoch, da komm ich her, in den Mittelpunkt ihres Programmes gestellt. Er erklingt in sieben verschiedenen Bearbei- tungen, und gibt den ausgewählten Werken aus dem 17. und 18. Jahr- hundert den festlichen Rahmen. 
Die traditionellen Weihnachtslieder spielen ansonsten auf dieser CD nur am Rande eine Rolle: Ich steh an deiner Krippen hier erklingt in seiner ursprünglichen Fassung, und Wie schön leuchtet der Morgenstern in drei ganz unterschiedlichen Sätzen, eingebettet in eine Violinsonate eines unbekannnten Komponisten. 
Ansonsten enthält diese CD sorgsam ausgesuchte geistliche Konzerte aus der Barockzeit. Diese vom Umfang her meist kleinen, aber ausgesprochen virtuosen Werke bieten sowohl Sängern als auch Instrumentalisten Gelegenheit, ihr Können zu beweisen. 
Besonders gefreut habe ich mich über Mein Herz ist bereit von Nicolaus Bruhns (1665 bis 1697), eines meiner Lieblingskonzerte, das nun damit endlich auch auf CD verfügbar ist. Bruhns war ein Schüler von Dieterich Buxtehude. Er spielte die Geige ebenso gut wie die Orgel – was diesem Werk eine ausgedehnte, konzertante Einleitung beschert hat, in der die Geige brillieren kann. Anschließend konzertieren Sänger und Geiger gemeinsam, wobei jede Menge Tempo- und auch Taktwechsel hohe Anforderungen an Aufmerksamkeit und Präzision stellen. 
Auch Hans Leo Hassler (1564 bis 1612), Heinrich Schütz (1585 bis 1672), sein Schüler Christoph Bernhard (1628 bis 1692), Heinrich Franz Ignaz Biber (1644 bis 1704), Johann Valentin Meder (1649 bis 1719), der aus Wasungen an der Werra stammte und selbst im Baltikum gefragt war, und der Dresdner Hofkomponist Jas Dismas Zelenka (1670 bis 1745) sind auf dieser CD mit Konzerten vertreten. Mit Ausnahme des Magnificat SWV 344 von Heinrich Schütz, das vielleicht am ehesten bekannt ist, handelt es sich dabei durchweg um Raritäten. 
Das Ensemble Bell'Arte Salzburg musiziert ausdrucksstark und gestaltet zusammen mit Marie Luise Werneburg, Sopran, und dem renommierten Bassbariton Klaus Mertens ein ebenso besinnliches wie feierliches, ab- wechslungsreiches Programm. Meine Empfehlung! 

Sonntag, 24. März 2013

Biber: Rosenkranz-Sonaten, Siedel (Berlin Classics)

Über das Leben und Werk von Heinrich Ignaz Franz Biber (1644 bis 1704) wurde hier im Blog bereits des öfteren geschrieben. Der böhmische Musiker wirkte zunächst in der Hofkapelle des Fürstbischofs von Olmütz, um dann nach zwei Jahren offenbar ohne Genehmigung seines Dienstherrn nach Salzburg zu wechseln, wo er schließlich zum Hofkapellmeister aufstieg. Und vom Kaiser Leopold I. wurde der Musiker obendrein für sein grandioses Geigenspiel 1690 als Truchseß in den Adelsstand erho- ben. 
Annegret Siedel hat nun eines der bekanntesten Werke dieses Violin- virtuosen, die sogenannten Rosenkranz-Sonaten, gemeinsam mit Michael Freimuth, Theorbe, Hermann Hickethier, Viola da gamba und Violone, und Margit Schultheiß, Orgel, Cembalo und Barockharfe, bei Berlin Classics eingespielt. Das ist ein anspruchsvolles Unter- fangen, denn wie dieses Werk einst geklungen hat, das kann man nur vermuten. Überliefert ist eine Reinschrift, die Biber vermutlich eigenhändig für seinen Dienstherren, Erzbischof Max Gandolph Graf von Kuenheim, angefertigt hat. In dieser Partitur sind in zwei Zeilen die Partie der Violine und der bezifferte Bass notiert.  Alles andere bleibt der Phantasie und dem Sachverstand der Ausführenden überlassen. 
Nur eine der 15 Sonaten sowie die abschließende Passacaglia lässt sich auf einer normal gestimmten Geige spielen, die anderen erfor- dern umgestimmte Instrumente. Die sogenannte Skordatur war zu Bibers Zeiten sehr beliebt, weil sie die klanglichen Möglichkeiten der Violine enorm erweitert. Schon Reinhard Goebel klagte jedoch einst darüber, dass über das Skordatur-Spiel in den zeitgenössischen Pu- blikationen nur wenige Informationen zu finden sind. Die Darmsaiten, mit denen historische Violinen üblicherweise ausgestattet sind, lassen dies erst recht zu einer heiklen Angelegenheit werden. Denn sie verstimmen sich leicht, und tönen, über die Lagen betrachtet, ohnehin nie ganz sauber. Was sich daraus ergibt, wenn man eine Geige umstimmt, das mag sich jeder selbst vorstellen. Annegret Siedel hat aus dieser Misere einen eleganten Ausweg gefunden: Sie spielt gleich neun verschiedene Violinen aus dem 17. und 18. Jahrhundert. 
Anders als Goebel, dessen 1991 bei der Deutschen Grammophon erschienene Einspielung mit dem Ensemble Musica Antiqua Köln als Referenz gelten darf, und der in erster Linie auf Brillanz setzt, betont Siedel den meditativen Charakter dieser Stücke. Sie wählt sowohl bei den Violinen als auch im Continuo einen eher warmen, sonoren Ton, und konzentriert sich auf den geistlichen Untertext, der auch durch das Motto der jeweiligen Sonate herausgestellt wird. Sie besinnt sich auf den Rosenkranz, und macht ihn zum Mittelpunkt der Sonaten. Biber, der offenbar ein frommer Mann war, hätte dies sicherlich gut gefallen. Und auch das schön gestaltete Cover sowie das Beiheft nebst einem Nachdruck des Rosenkranz-Bruderschaftsblattes, dem Biber einst die Illustrationen für sein prächtiges Manuskript entnahm, begeistern. 

Donnerstag, 21. Juli 2011

Salzburg Barock (Berlin Classics)

Diese schöne CD mit der Soprani- stin Emma Kirkby und dem En- semble Bell'arte Salzburg unter Annegret Siedel spürt der groß- artigen musikalischen Vergangen- heit der Stadt nach. In der einsti- gen fürsterzbischöflichen Residenz wirkten zur Zeit des Barock heraus- ragende Musiker, wie die Hofka- pellmeister Steffano Bernardi - der eigens für die Weihe des Salzbur- ger Domes 1628 herrliche mehr- chörige Kompositionen schuf -, Abraham Megerle und Andreas Hofer. Bis zum heutigen Tage berühmt sind Hofkapellmeister Heinrich Ignaz Franz Biber und Hoforganist Georg Muffat; auch sie trugen dazu bei, dass Salzburg als "Rom nördlich der Alpen" galt.
Nach Bibers Tod übernahm Matthias Siegmund Biechteler sein Amt; ihm folgte Carl Heinrich Biber nach. Wenig bekannt ist allerdings, dass Töchter dieser Kapellmeister in das Benediktinerinnenstift Nonnberg eingetreten sind, wo ebenfalls auf höchstem Niveau musiziert wurde. So wirkte die älteste Tochter Bibers dort 13 Jahre lang als Kapell- meisterin und Regens chori. Diese CD bietet gleich zwei Kostproben ihrer Kunst - und natürlich eine dramaturgisch geschickt zusammen- gestellte Auswahl von Werken der oben benannten Komponisten. 

Sie werden von Emma Kirkby und den Musikern von Bell'arte Salz- burg in der erwarteten Qualität vorgetragen. Wer sich für - überwie- gend geistliche - Barockmusik begeistern kann, der sollte sich das Album unbedingt besorgen. 

Sonntag, 4. April 2010

Concerti d'Amore - Bell'Arte Salzburg (Berlin Classics)

Barockmusik bringt mitunter Klangwelten hervor, die gänzlich anders sind als jene, die wir heute gewohnt sind. Dafür sind diese charmanten Stücke exzellente Beispiele. Schon das erste Con- certo E-Dur TWV 53:E1 von Georg Philipp Telemann kombiniert Instrumente, die im modernen Orchester so nicht mehr gespielt werden.
Die Traversflöte, aus Holz und gänzlich ohne Klappenmechanik, klingt wesentlich sanfter als die heute gebräuchliche Böhm-Flöte. Die Oboe d'amore, aufgrund ihrer interessanten Klangfarbe nie gänzlich aus dem Orchester verschwunden, ist etwas länger als die gewöhnliche Oboe und verfügt über einen kugelförmigen Schallbecher, dem sie ihren weichen, elegischen Ton verdankt. 
Die Viola d'amore sieht aus wie eine Kreuzung zwischen Violine und Viola, aber in Form einer Viola da gamba, gern auch mit fünf, sechs oder sieben Spielsaiten und dazu mehr oder minder reichlich mit zusätzlichen Resonanzsaiten ausgestattet. Sie klingt lieblich - und hat es Annegret Siedel angetan, die für diese CD vier prachtvolle Werke ausgewählt hat, um dieses Instrument in Bestform zu präsentieren. Die anderen Mitglieder des Ensembles Bell'Arte Salzburg haben ebenfalls hörbar Vergnügen an diesen Raritäten.
Ein solches Repertoire erklingt aber auch nicht alle Tage. Denn Christoph Graupner, Hofkapellmeister zu Darmstädt, hat eine Menge Musik für eine Besetzung geschrieben, die man möglicherweise erst einmal ausbuchstabieren muss: Gefordert ist hier ein Chalumeau - dabei handelt es sich um eine faktisch ausgestorbene Instrumenten- familie, ähnlich den Klarinetten. Sie klingen aber nicht so durch- dringend und strahlend wie beispielsweise die Barock-Clarinette, sondern sanglicher, wärmer, intimer. Diese Instrumente, die man heute kaum noch dem Namen nach kennt, waren in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts offenbar weit verbreitet und sehr beliebt.
Das mag vielleicht auch daran liegen, dass sich die Hofgesellschaften jener Tage gern die Zeit in bukolischer Idylle vertrieben - und durch Graupners köstliche Ouvertüre F-Dur GWV 450 hört man ganz eindeutig übermütige Lämmchen springen. Sein Concerto B-Dur GWV 343, die zweite Weltersteinspielung auf dieser CD, gibt sich etwas elegischer. Aber beide Stücke sind reizvolle Entdeckungen. Man darf gespannt darauf sein, was sich im Archiv weiterhin finden wird; denn schließlich ist Graupner-Jahr. 
Zwischen die beiden Werke des Darmstädters gruppierte Siedel Vivaldis Concerto a-Moll RV 397 für Viola d'amore, Streicher und Continuo. Es ist zwar hochvirtuos, aber formal auch sehr konventionell. Das Werk hat es erstaunlich schwer, sich neben den beiden Stücken Graupners zu behaupten, die von originellen musikalischen Einfällen nur so sprühen. Die Musiker von Bell'Arte spielen mit der gewohnten Präzision und Musizierlust; und für die sonnigen Frühlingstage ist diese CD genau das richtige - meine Empfehlung!

Mittwoch, 23. Dezember 2009

Stylus phantasticus (Berlin Classics)


Was ist "stylus phantasticus"? Eine hervor-ragende Möglichkeit jedenfalls, tradierte Formen auszureizen bis an ihre Grenzen - und noch ein gehöriges Stückchen darüber hinaus, wie diese CD beweist. Die norddeutschen Meister des 17. Jahrhunderts setzten auf den Wechsel von freien Passagen, die teilweise wie improvisiert klingen, und streng dem Kontrapunkt folgenden Abschnitten, die jedoch mitunter durch ihre überaus kühne harmonische Gestaltung verblüffen.
Ob Dietrich Buxtehude, Nicolaus Adam Strungk, Matthias Weckmann, Johann Vierdanck oder weniger bekannte Komponisten wie Samuel Peter Sidon, Dietrich Becker oder Thomas Baltzer - es ist erstaunlich, wie unterschiedlich sie die Freiheiten nutzten, die ihnen diese musikalische Innovation brachte. Die Partita in a-moll, komponiert von Johann Adam Reincken für zwei Violinen, Viola da gamba und Cembalo, bearbeitete später Johann Sebastian Bach für Cembalo solo.
Das Ensemble Bell'Arte Salzburg - Annegret Siedel und Ulrike Titze, Barockviolinen, Matthias Müller, Viola da gamba, Zvi Meniker, Cembalo und Margit Schultheiss, Orgel - hat für diese CD eine Reihe typischer Stücke ausgewählt, und das sowohl mit sozusagen pädagogischer Sorgfalt als auch dramaturgischem Geschick. Das Ergebnis ist in jeder Hinsicht gelungen: Eine abwechslungsreiche, spannungsvolle Aufnahme, mit Lust musiziert. Das hört man gern.

Dienstag, 12. Februar 2008

In Nativitate Domini - Festliche Weihnachtsmusik (Berlin Classics)

„In Nativitate Domini – Festliche Weihnachtsmusik“ legt Edel Classics dem Musikfreund auf den Gabentisch. Die CD ist in der Tat eine Überraschung, denn sie bietet eine zauberhafte Auswahl wenig bekannter Musikstücke aus dem Barock, klug zusammengestellt und bemerkenswert sauber interpretiert. Da finden sich Biber, Schmeißer und Hammerschmidt neben Vierdanck, Vejvanosky oder Lechler. Das Ensemble Bell’Arte Salzburg musiziert, gemeinsam mit den Sängerinnen Emma Kirkby und Susanne Rydén. Wer die Nase voll hat von der vorweihnachtlichen Dauerberieselung mit Kaufhauseinheitsmusik - diese CD ist eine Oase für die Ohren!