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Dienstag, 16. Februar 2021

Handel: Serse (Deutsche Grammophon)

 


Ein exzellentes Sängerensemble, Sinn für dramatische Effekte und dazu ein Faible für die Sinnlichkeit barocker Klangwelten – das bietet diese Neueinspielung der Oper Serse von Georg Friedrich Händel. Die Titelrolle singt Franco Fagioli. Und wie! Vom populären Ombra mai fu bis hin zur nicht minder berühmten Wutarie Crude furie gibt der argentinische Countertenor der ganzen Palette an Affekten musikalischen Ausdruck. Franco Fagioli lässt uns Händels barockes Spektakel neu hören. Und auch das italienische Barockensemble Il Pomo d’Oro trägt unter Leitung von Maxim Emelyanchev zum Hörvergnügen bei. Hinreißend! 

Sonntag, 30. Juni 2019

Prologue (Pentatone)

Ein ganz besonderes Konzept hat sich Francesca Aspromonte für ihr Debütalbum bei dem Label Pentatone überlegt: Die junge italienische Sopranistin konzentriert sich auf Prologe, die einst, in der frühen Barockoper, wie ein Vorwort der eigentlichen Handlung vorangestellt waren. 
In diesen Eröffnungszenen betritt eine allegorische Figur die Bühne und bereitet das Publikum auf das kommende musikalische Drama vor. Mitunter verweist sie auch auf den Anlass, dem das Werk gewidmet ist – beispielsweise eine Hochzeit, die Geburt eines Thronfolgers oder der Geburtstag eines Fürsten. Und natürlich berichtet sie über sich selbst, sie singt von Gott und der Welt, und verblüffend oft auch über die Szenerie und über das Wetter. 
„Auf dieser CD beginnt eine Oper niemals richtig, denn mit jedem neuen Track stellen wir eine neue Begrüßung und einen neuen Anfang vor“, schreibt Francesca Aspromonte im Beiheft, das übrigens mit viel Sorgfalt zusammengestellt ist. „Doch dann steigen diese allegorischen Figuren von ihrem Sockel hinab, verlassen die Bühne, reichen ihre Hand dem Hörer, der auf dem Sofa liegt, und flüstern ihm ins Ohr, woher sie kommen ... welche Farbe das Haar der Königin hat … wie schön und sternenklar der Himmel der Mitsommernacht ist … in Venedig.“ 
In Claudio Monteverdis L'Orfeo, einer der ersten Opern überhaupt, betritt zum Prolog La Musica höchstpersönlich die Bühne. Auch Amor, Venus, die Harmonie, die Stadt Rom oder La Gloria Austriaca, der Ruhm Österreichs, gehören zum ziemlich bunten Reigen jener Figuren, die Textdichter und Komponisten einst aufboten, um das Publikum auf ihre Oper einzustimmen. 
Gemeinsam mit Enrico Onofri, dem Leiter des Ensembles Il pomo d’oro, hat Francesca Aspromonte für dieses Album Prologe von Claudio Monteverdi, Giulio Caccini, Francesco Cavalli, Stefano Landi, Luigi Rossi, Pietro Antonio Cesti, Alessandro Stradella und Alessandro Scarlatti ausgewählt. Mit ihren Prologen haben diese Komponisten Miniaturen geschaffen, auf die die Musiker nun zu Recht verweisen. Denn sie sind eine Welt für sich, deren Entdeckung sich lohnt – kleine Opern vor der Oper, und oftmals auch Opern über Oper. Sehr beachtlich, und von Francesca Aspromonte gemeinsam mit Il pomo d’oro auch sehr ansprechend präsentiert. Musikgeschichte kann so unterhaltsam sein! 

Mittwoch, 4. Januar 2017

Vinci: Catone in Utica (Decca)

Als die Oper Catone in Utica von Leonardo Vinci nach einem Libretto von Pietro Metastasio 1728 in Rom am Teatro delle Dame erstmals erklang, standen ausschließlich Männer auf der Bühne. Frauen durften in der Stadt, in der der Papst residierte, nicht auftreten. Und so wurden nicht nur die heroischen männlichen Rollen dieser Oper – Cesare, Fulvio und Arbace – sondern auch die beiden weiblichen Rollen, Marzia und Emilia, von Kastraten gesungen. Tiefere Männerstimmen waren seinerzeit nur in den Partien der Bösewichte und der Senioren zu hören. So war auch hier der betagte Titelheld mit einem Tenor besetzt. 
Bei der Uraufführung waren gleich drei große Stars zu hören: Cesare, der Eroberer, der Catone, den letzten aufrechten Verfechter der römischen Republik, belagert, wurde von Giovanni Carestini gesungen. Die Partie der Marzia, der Tochter Catones, die Cesare liebt, aber aus politischen Gründen Arbace heiraten soll, komponierte Vinci für Giacinto Fontana, einen Sänger, der Frauenrollen so erfolgreich verkörperte, dass ihn das Publikum Farfallino – „kleiner Schmetterling – nannte. Und der Arbace, König von Numidien und ein treuer Verbündeter Catones, wurde von Giovanni Minelli gesungen. 
Die Oper bietet große Gefühle, grandiose Szenen, ganz erstaunliche Musik, und am Ende eine herbe Enttäuschung – denn Catone tötet sich selbst, er stirbt quälend langsam auf offener Bühne, und Cesare verflucht seinen Sieg und wirft den Lorbeer weg. Niemand bekommt, was er wollte; auch die Verliebten finden nicht zueinander. Bei den Römern ist diese Oper wohl durchgefallen, denn die fanden das Finale gar nicht witzig. Metastasio jedenfalls änderte später das Libretto; er ließ von Catones Tod nur noch berichten, und den Liebespaaren verpasste er das gewohnte lieto fine
Gleich vier Countertenöre konnte Decca für diese Einspielung von Catone in Utica  aufbieten: Valer Sabadus ist als Marzia zu hören und Vince Yi als Emilia, Franco Fagioli sang den Cesare, und Max Emanuel Cencic den Arbace. Die Partie des Catone übernahm Tenor Juan Sancho, und als Fulvio ist der Tenor Martin Mitterrutzner zu hören. Das Ensemble Il Pomo d’Oro musiziert gewohnt gekonnt unter Leitung von Riccardo Minasi. Die Aufnahme ist ein leidenschaftliches Plädoyer für die Auseinandersetzung mit noch immer in den Archiven schlummernden barocken Opernschät- zen; sie wurde zu Recht 2016 mit einem Echo Klassik ausgezeichnet. 

Dienstag, 23. Februar 2016

Max Emanuel Cencic - Arie Napoletane (Decca)

Arien der neapolitanischen Schule präsentiert Max Emanuel Cencic auf seinem neuen Solo-Album bei dem Label Decca. Der Countertenor singt Werke von Alessandro Scarlatti, Nicola Porpora, Leonardo Leo, Leo- nardo Vinci und Giovanni Battista Pergolesi. Dabei wird er vom Ensemble Il Pomo d'Oro unter Leitung von Maxim Emelyanychev ebenso präzise wie temperamentvoll begleitet. 
Ein ganz erheblicher Anteil dieser Stücke, die ursprünglich für Kastraten komponiert worden sind, ist auf dieser CD in Weltersteinspielung zu hören. In den Koloraturen erscheint die Stimme von Cencic mittlerweile fast ein wenig zu schwer und zu dramatisch; dafür kann er in den lyrischen Stücken mit rundem Klang, perfekter Phrasierung und souveräner Gestaltung beeindrucken. 
Und als Zugabe bieten auch die Musiker eine Weltpremiere: Das Cembalo- konzert in D-Dur von Domenico Auletta (1723 bis 1753), das Solo über- nimmt Maxim Emelyanychev. Man lauscht erstaunt – aber dieses Werk klingt schon sehr nach Klassik. 

Montag, 29. Juli 2013

Venezia - Opera Arias of the Serenissima (Virgin)

Als Antonio Vivaldi 1678 geboren wurde, war der Glanz von Venedig bereits am Verblassen. Die Sere- nissima hatte ihre Position als europäische Großmacht verloren. Doch gefeiert wurde in der Stadt des Dogen noch immer prachtvoll. Besucher aus ganz Europa schwärmten von der Musik, die in den Kirchen erklang – und von den Vorstellungen in den sechs Opernhäusern Venedigs. Sie befanden sich durchweg im Besitz der Patrizier, und wetteiferten miteinander um die spektakulärsten Aufführungen, die besten Komponisten und Musiker und die Stars unter den Sängern jener Zeit. 
In diese Zeit entführt uns eine CD, die Countertenor Max Emanuel Cencic gemeinsam mit dem Ensemble Il Pomo d'oro unter Riccardo Minasi für Virgin Classics eingespielt hat.„Mein Wunsch ist es, die Musik dieses alten Venedig neu zu erobern und die Emotionen und Farben einer Stadt heraufzubeschwören, die einst eine Weltmetro- pole war“, erklärt der Sänger. 
Das ist ihm bestens gelungen. Mit den ausgewählten Opernarien erinnert Cencic vor allem an die legendären Auftritte der Kastraten. Seine Stimme klingt betörend, und seine Technik ist makellos. Der Countertenor verbindet Virtuosität und Ausdrucksstärke; schier endlose, schwerelose Linien, grandiose Koloraturen und seine Stilsicherheit werden auch Kenner entzücken. Die Musiker um Riccardo Minasi sind ihm dabei versierte Begleiter. Bravi!