Ein ganz besonderes Konzept hat sich Francesca Aspromonte für ihr Debütalbum bei dem Label Pentatone überlegt: Die junge italienische Sopranistin konzentriert sich auf Prologe, die einst, in der frühen Barockoper, wie ein Vorwort der eigentlichen Handlung vorangestellt waren.
In diesen Eröffnungszenen betritt eine allegorische Figur die Bühne und bereitet das Publikum auf das kommende musikalische Drama vor. Mitunter verweist sie auch auf den Anlass, dem das Werk gewidmet ist – beispielsweise eine Hochzeit, die Geburt eines Thronfolgers oder der Geburtstag eines Fürsten. Und natürlich berichtet sie über sich selbst, sie singt von Gott und der Welt, und verblüffend oft auch über die Szenerie und über das Wetter.
„Auf dieser CD beginnt eine Oper niemals richtig, denn mit jedem neuen Track stellen wir eine neue Begrüßung und einen neuen Anfang vor“, schreibt Francesca Aspromonte im Beiheft, das übrigens mit viel Sorgfalt zusammengestellt ist. „Doch dann steigen diese allegorischen Figuren von ihrem Sockel hinab, verlassen die Bühne, reichen ihre Hand dem Hörer, der auf dem Sofa liegt, und flüstern ihm ins Ohr, woher sie kommen ... welche Farbe das Haar der Königin hat … wie schön und sternenklar der Himmel der Mitsommernacht ist … in Venedig.“
In Claudio Monteverdis L'Orfeo, einer der ersten Opern überhaupt, betritt zum Prolog La Musica höchstpersönlich die Bühne. Auch Amor, Venus, die Harmonie, die Stadt Rom oder La Gloria Austriaca, der Ruhm Österreichs, gehören zum ziemlich bunten Reigen jener Figuren, die Textdichter und Komponisten einst aufboten, um das Publikum auf ihre Oper einzustimmen.
Gemeinsam mit Enrico Onofri, dem Leiter des Ensembles Il pomo d’oro, hat Francesca Aspromonte für dieses Album Prologe von Claudio Monteverdi, Giulio Caccini, Francesco Cavalli, Stefano Landi, Luigi Rossi, Pietro Antonio Cesti, Alessandro Stradella und Alessandro Scarlatti ausgewählt. Mit ihren Prologen haben diese Komponisten Miniaturen geschaffen, auf die die Musiker nun zu Recht verweisen. Denn sie sind eine Welt für sich, deren Entdeckung sich lohnt – kleine Opern vor der Oper, und oftmals auch Opern über Oper. Sehr beachtlich, und von Francesca Aspromonte gemeinsam mit Il pomo d’oro auch sehr ansprechend präsentiert. Musikgeschichte kann so unterhaltsam sein!
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Sonntag, 30. Juni 2019
Freitag, 3. Mai 2019
Scarlatti: Responsories for Holy Week - Holy Saturday (Deutsche Harmonia Mundi)
„Forse Sua Altezza Reale si degnerà di accettare l'offerta di questo debole parto della mia corta abilità nel porre in Musica li Mottetti Sacri, allo stile sodo del Palestrina (..) Se piacerà, li Responsi potranno trovar sostegno nel basso per l'Organo, quantunque le voci in solitudine mi sembrino talvolta più convenienti al dramma del Redentore, che fu senza sostegno, solo e rinnegato.“ So soll sich Alessandro Scarlatti in einem Brief geäußert haben, den er zusammen mit den Noten der Responsorien an den Großherzog der Toskana gesandt haben soll. Für Cosimo III. de' Medici hatte Scarlatti damals bereits mehrfach Opern geschrieben; 1702 war er auch selbst in Florenz, um dort eine Aufführung zu leiten. Und wenn obige Erinnerung, die der Kapellmeister von Santa Maria del Fiore zu Papier gebracht hat, zutrifft, dann könnten die Responsorien erstmals 1708 in Florenz erklungen sein.
Es sind Werke von großer Ausdruckskraft, als Zyklus durchkomponiert, ungemein emotional. Zu Recht gilt Alessandro Scarlatti (1660 bis 1725) als „Erneuerer der Barockmusik“. Er führte die dreisätzige Sinfonia mit der Abfolge schnell – langsam – schnell ein, die er regelmäßig an den Anfang seiner Opern setzte. Alle anderen italienischen Opernkomponisten übernahmen dies schon sehr bald. Außerdem schrieb Scarlatti Sonate a quattro, und schuf damit quasi den Vorgänger des modernen Streichquartettes.
Für diese CD wurden die Responsorien für den Karsamstag durch vier Motetten und vier Orgelstücke des Komponisten ergänzt. La Stagione Armonica unter Leitung von Sergio Balestracci gestaltet dieses Programm gemeinsam mit dem Organisten Carlo Steno Rossi. „Emotional packende Musik zu Ostern – mustergültig interpretiert“, wirbt das Label; ein Urteil, das ich voll bestätigen kann.
Es sind Werke von großer Ausdruckskraft, als Zyklus durchkomponiert, ungemein emotional. Zu Recht gilt Alessandro Scarlatti (1660 bis 1725) als „Erneuerer der Barockmusik“. Er führte die dreisätzige Sinfonia mit der Abfolge schnell – langsam – schnell ein, die er regelmäßig an den Anfang seiner Opern setzte. Alle anderen italienischen Opernkomponisten übernahmen dies schon sehr bald. Außerdem schrieb Scarlatti Sonate a quattro, und schuf damit quasi den Vorgänger des modernen Streichquartettes.
Für diese CD wurden die Responsorien für den Karsamstag durch vier Motetten und vier Orgelstücke des Komponisten ergänzt. La Stagione Armonica unter Leitung von Sergio Balestracci gestaltet dieses Programm gemeinsam mit dem Organisten Carlo Steno Rossi. „Emotional packende Musik zu Ostern – mustergültig interpretiert“, wirbt das Label; ein Urteil, das ich voll bestätigen kann.
Dienstag, 26. September 2017
Monteverdi / Rossi: Balli & Sonate (Ricercar)
Vor 450 Jahren wurde Claudio Monteverdi (1567 bis 1643) geboren. Der Komponist, der aus Cremona stammte, erhielt seine musikalische Ausbildung bei Marc'Antonio Ingegneri, dem Kapellmeister der Kathedrale.
Mit fünfzehn Jahren veröffentlichte Monteverdi seine ersten Werke, die Sacrae Cantiunculae. 1590 wurde er an den Hof des Herzogs Vincenzo I. Gonzaga in Mantua engagiert, wo er zunächst als Gambist und Sänger tätig war, bis er dann 1601, nach seiner Rückkehr aus Flandern, zum Hofkapellmeister berufen wurde. Nach dem Tode des Herzogs 1612 wurde Monteverdi entlassen.
Doch schon ein Jahr später wurde er zum Kapellmeister des Markusdoms in Venedig ernannt, und er brachte innerhalb kurzer Zeit die Kirchen- musik der Serenissima zu enormer Blüte. Berühmt wurde Claudio Monteverdi vor allem als Komponist weltlicher und geistlicher Vokalmusik. Seine Marienvesper, seine Madrigale und vor allem auch die ersten Opern der Musikgeschichte haben bis zum heutigen Tage einen festen Platz im Repertoire nicht nur der spezialisierten Alte-Musik-Ensembles.
Einen gänzlich anderen Zugang zum Schaffen des Komponisten wählte Clematis für diese CD: Die Musiker präsentieren Monteverdi als Schöpfer von beeindruckender Instrumentalmusik. Um die Werke des Komponisten in ihrem musikalischen Umfeld zu verorten, haben sie das Programm auch durch Musikstücke einiger Zeitgenossen komplettiert – die meisten davon stammen von Salomone Rossi (1570 bis 1630), der als Geiger am Hof von Mantua musizierte.
Das Ensemble Clematis hat sich bei der Besetzung für Geigen, Bratschen und Violoncello entschieden; außerdem erklingen Lirone, Theorbe, Gitarre, Orgel und Cembalo. Den Gesangspart übernahm Tenor Zachary Wilder. Eine handwerklich sehr solide Einspielung, klangschön und voll Melancholie. Passend zur Jahreszeit; mein Vorschlag: Mit einem guten Glas Rotwein vorm Kamin genießen!
Mit fünfzehn Jahren veröffentlichte Monteverdi seine ersten Werke, die Sacrae Cantiunculae. 1590 wurde er an den Hof des Herzogs Vincenzo I. Gonzaga in Mantua engagiert, wo er zunächst als Gambist und Sänger tätig war, bis er dann 1601, nach seiner Rückkehr aus Flandern, zum Hofkapellmeister berufen wurde. Nach dem Tode des Herzogs 1612 wurde Monteverdi entlassen.
Doch schon ein Jahr später wurde er zum Kapellmeister des Markusdoms in Venedig ernannt, und er brachte innerhalb kurzer Zeit die Kirchen- musik der Serenissima zu enormer Blüte. Berühmt wurde Claudio Monteverdi vor allem als Komponist weltlicher und geistlicher Vokalmusik. Seine Marienvesper, seine Madrigale und vor allem auch die ersten Opern der Musikgeschichte haben bis zum heutigen Tage einen festen Platz im Repertoire nicht nur der spezialisierten Alte-Musik-Ensembles.
Einen gänzlich anderen Zugang zum Schaffen des Komponisten wählte Clematis für diese CD: Die Musiker präsentieren Monteverdi als Schöpfer von beeindruckender Instrumentalmusik. Um die Werke des Komponisten in ihrem musikalischen Umfeld zu verorten, haben sie das Programm auch durch Musikstücke einiger Zeitgenossen komplettiert – die meisten davon stammen von Salomone Rossi (1570 bis 1630), der als Geiger am Hof von Mantua musizierte.
Das Ensemble Clematis hat sich bei der Besetzung für Geigen, Bratschen und Violoncello entschieden; außerdem erklingen Lirone, Theorbe, Gitarre, Orgel und Cembalo. Den Gesangspart übernahm Tenor Zachary Wilder. Eine handwerklich sehr solide Einspielung, klangschön und voll Melancholie. Passend zur Jahreszeit; mein Vorschlag: Mit einem guten Glas Rotwein vorm Kamin genießen!
Samstag, 1. Juli 2017
Farina: Sonate e Canzoni (Pan Classics)
Betrachtet man die Entwicklung des Geigenspiels, gehört das 17. Jahr- hundert mit zu den spannendsten Epochen der Musikgeschichte. Leila Schayegh hat für diese CD einige äußerst interessante Werke aus dieser Zeit zusammengestellt. Die meisten dieser Musikstücke stammen von Carlo Farina (um 1604 bis 1639). Dieser Geiger, der aus Mantua stammte, wurde 1625 nach Dresden berufen, wo er unter Heinrich Schütz als Konzertmeister in der Hofkapelle des sächsischen Kurfürsten musizierte.
Als bei Hofe durch den 30jährigen Krieg das Geld knapp wurde, sah sich Johann Georg I. gezwungen, das Orchester aufzulösen. Farina kehrte zunächst wieder nach Italien zurück; er ging dann nach Danzig und schließlich nach Wien. Einige seiner Werke sind in fünf Sammlungen überliefert, die in den Jahren 1626 bis 1628 in Dresden gedruckt wurden. Schayegh hat ihre Auswahl durch drei Stücke ergänzt, die aus derselben Zeit stammen und in einer Breslauer Handschrift zu finden sind. Sie zeigen, wie das virtuose Violinspiel italienischer Provenienz Musiker in Deutschland beeindruckt und beeinflusst hat.
Die Geigerin spürt konsequent dem historischen Klang nach. Das geht so weit, dass sie sogar die „alten“ Haltungen erprobt: „Wir haben uns für die vorliegende Aufnahme an Bildern und Texten orientiert, die zeigen, dass die Violine zur Zeit Farinas in Italien, Frankreich und im norddeutschen Raum meist nicht auf dem Schlüsselbein, sondern weiter unten, oberhalb der Brust, angesetzt wurde“, berichtet Leila Schayegh in einem Geleitwort. „Dazu gehörte auch eine andere Bogenhaltung: der Daumen hielt den Bogen unter dem Frosch, auf dem Übergang zum Haar. (..) Schließlich wurden auf die Violine noch vier reine Darmsaiten gespannt, ein Setting, das den Gesamtklang aufhellt und gleichzeitig aufrauht. Nun fühlt sich das Spiel plötzlich ganz anders an. Die Bogenhand ist etwas unflexibler, da Daumen und Finger weiter voneinander entfernt sind. Das Gewicht des rechten Arms hängt tief und schwer in den Saiten. Die linke Hand hält die Violine gänzlich allein, das Instrument schwingt fast frei auf minimaler Auflagefläche. Auch in den schwierigsten Passagen (..) ist kein Schlüsselbein als Unterlage mehr da, kein Kopf, keine Schulter, die auch nur kurz zu Hilfe eilen könnten. Beim Cello wird der Klang etwas indirekter und feiner, vielleicht auch etwas sandiger, bei der Violine konkreter, penetranter, roher.“
Diese Veränderungen prägen diese Aufnahme ganz erstaunlich. Bei ihrem beinahe meditativen Violinspiel begleiten Daniele Caminiti, Erzlaute, Jonathan Pesek, Violoncello und Viola da gamba, und Jörg Halubek, Cembalo und Continuo-Orgel, die Geigerin. Zwei Toccaten für Cembalo von Michelangelo Rossi (1601 bis 1656) sowie das beeindruckende Il Ciarlino Capriccio Chromatico von Pietro Paolo Melli (1579 bis 1623) runden das Programm ab.
Als bei Hofe durch den 30jährigen Krieg das Geld knapp wurde, sah sich Johann Georg I. gezwungen, das Orchester aufzulösen. Farina kehrte zunächst wieder nach Italien zurück; er ging dann nach Danzig und schließlich nach Wien. Einige seiner Werke sind in fünf Sammlungen überliefert, die in den Jahren 1626 bis 1628 in Dresden gedruckt wurden. Schayegh hat ihre Auswahl durch drei Stücke ergänzt, die aus derselben Zeit stammen und in einer Breslauer Handschrift zu finden sind. Sie zeigen, wie das virtuose Violinspiel italienischer Provenienz Musiker in Deutschland beeindruckt und beeinflusst hat.
Die Geigerin spürt konsequent dem historischen Klang nach. Das geht so weit, dass sie sogar die „alten“ Haltungen erprobt: „Wir haben uns für die vorliegende Aufnahme an Bildern und Texten orientiert, die zeigen, dass die Violine zur Zeit Farinas in Italien, Frankreich und im norddeutschen Raum meist nicht auf dem Schlüsselbein, sondern weiter unten, oberhalb der Brust, angesetzt wurde“, berichtet Leila Schayegh in einem Geleitwort. „Dazu gehörte auch eine andere Bogenhaltung: der Daumen hielt den Bogen unter dem Frosch, auf dem Übergang zum Haar. (..) Schließlich wurden auf die Violine noch vier reine Darmsaiten gespannt, ein Setting, das den Gesamtklang aufhellt und gleichzeitig aufrauht. Nun fühlt sich das Spiel plötzlich ganz anders an. Die Bogenhand ist etwas unflexibler, da Daumen und Finger weiter voneinander entfernt sind. Das Gewicht des rechten Arms hängt tief und schwer in den Saiten. Die linke Hand hält die Violine gänzlich allein, das Instrument schwingt fast frei auf minimaler Auflagefläche. Auch in den schwierigsten Passagen (..) ist kein Schlüsselbein als Unterlage mehr da, kein Kopf, keine Schulter, die auch nur kurz zu Hilfe eilen könnten. Beim Cello wird der Klang etwas indirekter und feiner, vielleicht auch etwas sandiger, bei der Violine konkreter, penetranter, roher.“
Diese Veränderungen prägen diese Aufnahme ganz erstaunlich. Bei ihrem beinahe meditativen Violinspiel begleiten Daniele Caminiti, Erzlaute, Jonathan Pesek, Violoncello und Viola da gamba, und Jörg Halubek, Cembalo und Continuo-Orgel, die Geigerin. Zwei Toccaten für Cembalo von Michelangelo Rossi (1601 bis 1656) sowie das beeindruckende Il Ciarlino Capriccio Chromatico von Pietro Paolo Melli (1579 bis 1623) runden das Programm ab.
Montag, 10. Oktober 2016
Serpent & Fire (Alpha)
Dido und Cleopatra, literarische Figuren, die noch nach Jahr- hunderten Maler, Dichter und Komponisten inspirierten, hat die Sopranistin Anna Prohaska zum Mittelpunkt dieser CD erkoren. Cleopatra war die letzte Königin des Pharaonenreiches. Um ihre Herrschaft zu sichern, verbündete sie sich mit den Römern, insbesondere mit Gaius Iulius Caesar und, nach dessen Ermordung, mit dem Feldherrn Marcus Antonius. Als dieser von Octavian geschlagen wurde, folgte sie mit ihm in den Tod; die Legende besagt, dass sie sich von einer Schlange beißen ließ.
Dido ist, der Sage nach, eine phönizische Prinzesssin. Sie gründete Karthago, und entzog sich dem Werben des Numidierkönigs Iarbas durch die Selbstverbrennung. Vergil bringt in seiner Aeneis Dido und den aus Troja zurückkehrenden Aeneas zusammen; in dieser Version der Geschichte verlässt der Held die verliebte Königin, die sich daraufhin in sein Schwert stürzt. Die Aeneis gehört zu den beliebtesten Opern-Stoffen; allein das Libretto Didone abbandonata von Pietro Metastasio wurde mehr als vierzigmal (!) vertont.
Auf dieser CD erklingen Arien aus Opernraritäten von Francesco Cavalli (1602 bis 1676), Daniele da Castrovillari (vermutlich 1613 bis 1678), Antonio Sartorio (1630 bis 1681), Henry Purcell (1659 bis 1695), Christoph Graupner (1683 bis 1760), Georg Friedrich Händel (1685 bis 1759) und Johann Adolph Hasse (1699 bis 1783), ergänzt durch gut passende Instrumentalmusik unter anderem von Matthew Locke und Luigi Rossi. Anna Prohaska singt mit einer berückenden Melancholie und mit grandioser Technik, bestens unterstützt durch das Ensemble Il Giardino Armonico unter Giovanni Antonini. Ohne Zweifel eines der schönsten Alben des Jahres!
Dido ist, der Sage nach, eine phönizische Prinzesssin. Sie gründete Karthago, und entzog sich dem Werben des Numidierkönigs Iarbas durch die Selbstverbrennung. Vergil bringt in seiner Aeneis Dido und den aus Troja zurückkehrenden Aeneas zusammen; in dieser Version der Geschichte verlässt der Held die verliebte Königin, die sich daraufhin in sein Schwert stürzt. Die Aeneis gehört zu den beliebtesten Opern-Stoffen; allein das Libretto Didone abbandonata von Pietro Metastasio wurde mehr als vierzigmal (!) vertont.
Auf dieser CD erklingen Arien aus Opernraritäten von Francesco Cavalli (1602 bis 1676), Daniele da Castrovillari (vermutlich 1613 bis 1678), Antonio Sartorio (1630 bis 1681), Henry Purcell (1659 bis 1695), Christoph Graupner (1683 bis 1760), Georg Friedrich Händel (1685 bis 1759) und Johann Adolph Hasse (1699 bis 1783), ergänzt durch gut passende Instrumentalmusik unter anderem von Matthew Locke und Luigi Rossi. Anna Prohaska singt mit einer berückenden Melancholie und mit grandioser Technik, bestens unterstützt durch das Ensemble Il Giardino Armonico unter Giovanni Antonini. Ohne Zweifel eines der schönsten Alben des Jahres!
Freitag, 12. August 2016
Frobergers Reisen (Raumklang)
Das Leben des Johann Jacob Fro- berger (1616 bis 1667) war ein unruhiges. Auch wenn sein Vater Hofkapellmeister in Stuttgart war, und vier seiner Geschwister ebenfalls als Musiker in der Hofkapelle ange- stellt wurden – der Dreißigjährige Krieg dürfte Kindheit und Jugend wohl mit geprägt haben. 1637 starben beide Eltern an der Pest. In diesem Jahr, mit gerade einmal 21 Jahren, wurde Johann Jacob Froberger Organist am Wiener Hof, und schon im November reiste er zum ersten Male nach Italien, zu Girolamo Frescobaldi.
Auf Reisen verbrachte er viele Jahre seines Lebens. Dabei lernte er viele bedeutende Kollegen kennen. In Dresden beispielsweise, wo er im Winter 1649/50 auf der Rückkehr von seiner zweiten Italienreise Station machte, trat er im musikalischen Wettstreit gegen den Hoforganisten Matthias Weckmann an – und gewann nicht nur eine goldene Kette, sondern einen Freund fürs Leben.
Froberger reiste durch Deutschland, die Niederlande, England und Frank- reich, wo er offenbar Louis Couperin in freundschaftlichem Austausch begegnete. Beide schrieben ein Tombeau sur la mort de monsieur Blancroche, für den Sohn der Hofnärrin Heinrichs IV., der, wie die Legende berichtet, in einem Freudenhaus die Treppe hinabstürzte und dabei zu Tode kam. Von Couperin ist zudem ein Prélude à l'imitation de Mr. Froberger überliefert; all diese Werke erklingen auf der vorliegenden Doppel-CD.
Magdalena Hasibeder folgt den Spuren, die Froberger auf seinen Reisen hinterlassen hat. Eine kluge Programm-Idee der österreichischen Organistin und Cembalistin; sie spielt Werke Frobergers und seiner Zeit- genossen, zugeordnet jeweils bestimmten Reisestationen. Dabei zeigt sie zugleich, wie der Orgelvirtuose sich regionalen stilistischen Besonder- heiten angepasst hat, und wie überlegen er selbst Gelegenheitswerke gestaltet hat. Man höre nur das Lamento sopra la dolorosa perdita della Real M.stà di Ferdinando Rè de Romani aus dem Jahre 1656, seine Plainte faite à Londres pour passer la melancholi: la quelle se joüe lentement avec discretion oder seine Allemande faite en passant le Rhin dans un barque en grande peril – der musikalische Bericht über eine Rheinfahrt, bei der wohl so manches schiefgegangen ist. Auch sonst findet sich in der Musik- auswahl so manche Rarität; ich fand das Programm ausgesprochen interessant und abwechslungsreich.
Hasibeder hat sich die dazu passenden Instrumente ausgesucht; sie spielt ein italienisches und ein französisches Cembalo jener Zeit aus der Sammlung historischer Musikinstrumente im Haus der Musik des Landesmuseums Württemberg in Stuttgart, sowie die Wöckherl-Orgel aus dem Jahre 1642 der Franziskanerkirche in Wien. Wie schon auf ihrer letzten CD Vom Stylus phantasticus zur freien Fantasie mit virtuoser Cembalomusik um Johann Sebastian Bach, veröffentlicht ebenfalls bei Raumklang, musiziert Magdalena Hasibeder auch hier ausgesprochen souverän. Wer Barockmusik schätzt, oder einfach nur erfahren möchte, wie Musik in Europa im 17. Jahrhundert geklungen hat, der sollte sich diese Aufnahme nicht entgehen lassen.
Auf Reisen verbrachte er viele Jahre seines Lebens. Dabei lernte er viele bedeutende Kollegen kennen. In Dresden beispielsweise, wo er im Winter 1649/50 auf der Rückkehr von seiner zweiten Italienreise Station machte, trat er im musikalischen Wettstreit gegen den Hoforganisten Matthias Weckmann an – und gewann nicht nur eine goldene Kette, sondern einen Freund fürs Leben.
Froberger reiste durch Deutschland, die Niederlande, England und Frank- reich, wo er offenbar Louis Couperin in freundschaftlichem Austausch begegnete. Beide schrieben ein Tombeau sur la mort de monsieur Blancroche, für den Sohn der Hofnärrin Heinrichs IV., der, wie die Legende berichtet, in einem Freudenhaus die Treppe hinabstürzte und dabei zu Tode kam. Von Couperin ist zudem ein Prélude à l'imitation de Mr. Froberger überliefert; all diese Werke erklingen auf der vorliegenden Doppel-CD.
Magdalena Hasibeder folgt den Spuren, die Froberger auf seinen Reisen hinterlassen hat. Eine kluge Programm-Idee der österreichischen Organistin und Cembalistin; sie spielt Werke Frobergers und seiner Zeit- genossen, zugeordnet jeweils bestimmten Reisestationen. Dabei zeigt sie zugleich, wie der Orgelvirtuose sich regionalen stilistischen Besonder- heiten angepasst hat, und wie überlegen er selbst Gelegenheitswerke gestaltet hat. Man höre nur das Lamento sopra la dolorosa perdita della Real M.stà di Ferdinando Rè de Romani aus dem Jahre 1656, seine Plainte faite à Londres pour passer la melancholi: la quelle se joüe lentement avec discretion oder seine Allemande faite en passant le Rhin dans un barque en grande peril – der musikalische Bericht über eine Rheinfahrt, bei der wohl so manches schiefgegangen ist. Auch sonst findet sich in der Musik- auswahl so manche Rarität; ich fand das Programm ausgesprochen interessant und abwechslungsreich.
Hasibeder hat sich die dazu passenden Instrumente ausgesucht; sie spielt ein italienisches und ein französisches Cembalo jener Zeit aus der Sammlung historischer Musikinstrumente im Haus der Musik des Landesmuseums Württemberg in Stuttgart, sowie die Wöckherl-Orgel aus dem Jahre 1642 der Franziskanerkirche in Wien. Wie schon auf ihrer letzten CD Vom Stylus phantasticus zur freien Fantasie mit virtuoser Cembalomusik um Johann Sebastian Bach, veröffentlicht ebenfalls bei Raumklang, musiziert Magdalena Hasibeder auch hier ausgesprochen souverän. Wer Barockmusik schätzt, oder einfach nur erfahren möchte, wie Musik in Europa im 17. Jahrhundert geklungen hat, der sollte sich diese Aufnahme nicht entgehen lassen.
Freitag, 29. Juli 2016
L'arpa Barberini (Accent)
Diese CD ist einem ganz besonderen Instrument gewidmet: Die „Arpa Barberini“, angefertigt um 1620, ist bis heute nahezu unverändert erhalten geblieben. Nicht nur die aufwendige Verzierung macht diese Harfe außergewöhnlich. So wird die Säule, vergoldet und üppig mit Putten geschmückt, vom Wappen der Barberini gekrönt. Die Saiten der Harfe sind zudem in drei Reihen angeordnet, was das chromatische Spiel in allen Tonarten ermöglicht.
Das kostbare Instrument ist erhalten; es befindet sich heute im Museo Nazionale degli Strumenti Musicali in Rom. Margret Köll musiziert auf einer 2007 angefertigten Kopie, wenn sie auf dieser CD gemeinsam mit der Sopranistin Roberta Invernizzi Musik von Komponisten vorstellt, die mit dem Hof der Barberini in Verbindung zu bringen sind. Die Auswahl ist groß, denn die Barberini waren reich und mächtig; die Familie stellte etliche Kardinäle und sogar einen Papst, Urban VIII. Er verstand sich als Förderer der Künste und der Wisssenschaft, bewahrte seinen Jugendfreund Galileo Galilei vor dem Scheiterhaufen und weihte 1626 den Petersdom ein.
Das kostbare Instrument ist erhalten; es befindet sich heute im Museo Nazionale degli Strumenti Musicali in Rom. Margret Köll musiziert auf einer 2007 angefertigten Kopie, wenn sie auf dieser CD gemeinsam mit der Sopranistin Roberta Invernizzi Musik von Komponisten vorstellt, die mit dem Hof der Barberini in Verbindung zu bringen sind. Die Auswahl ist groß, denn die Barberini waren reich und mächtig; die Familie stellte etliche Kardinäle und sogar einen Papst, Urban VIII. Er verstand sich als Förderer der Künste und der Wisssenschaft, bewahrte seinen Jugendfreund Galileo Galilei vor dem Scheiterhaufen und weihte 1626 den Petersdom ein.
Freitag, 22. April 2016
Bertali: La Maddalena (Ricercar)
Maria Magdalena hat, ganz beson- ders in der Zeit des Barock, wie kaum eine andere Figur des Neuen Testa- mentes Künstler aller Genres inspiriert. Auch wenn nicht ganz klar wird, was sie zuvor getan hat – nach Reue und Umkehr jedenfalls gehörte sie zu der Schar, die Jesus begleitete, und zu den Zeugen von Passion und Auferstehung.
Für die Inszenierung des Leidens- weges Jesu mit den Mitteln profaner Dramatik ist diese Figur aufgrund ihrer Vielschichtigkeit attraktiv: Natürlich ist Maria aus Magdala eine reuige Sünderin, aber sie wird auch gezeigt als eine schöne, sanfte und sinnliche Frau, die Christus möglicherweise ganz besonders nahe stand. Ihr Schmerz angesichts des Leidens Christi findet seinen Ausdruck in einer Vielzahl von Klageliedern. Ein besonders apartes Beispiel dafür, Lagrime Amare von Domenico Mazzocchi (1592 bis 1665), erklingt am Ende dieser CD.
Mit seinem Ensemble Scherzi Musicali hat Nicolas Achten bei Ricercar aber noch zwei deutlich umfangreichere Werke eingespielt, die Maria Magdalena in den Mittelpunkt stellen. La Maddalena, Sacra Rappresen- tazione wurde 1617 in Mantua aufgeführt – wahrscheinlich zur Hochzeit Ferdinando Gonzagas mit Caterina de'Medici. Dabei handelt es sich um ein Theaterstück, das durch Musik begleitet wurde, die von verschiedenen Komponisten aus dem Umkreis des Hofes geschaffen worden ist. Es erklingen Werke von Claudio Monteverdi, Muzio Effrem, Alessandro Guivizzani und Salomone Rossi.
Antonio Bertali (1605 bis 1669), ab 1649 Hofkapellmeister in Wien, stellte La Maddalena 1663 in den Mittelpunkt eines bewegenden Sepolcro. Diese Passionsoratorien erklangen in der Karwoche vor einem Nachbau des Heiligen Grabes. Es waren szenische Aufführungen; die Sänger traten im Kostüm auf und agierten entsprechend ihrer Rollen. Diese Tradition, die Bertalis Vorgänger Giovanni Valentini ins Leben gerufen haben soll, wurde bis weit ins 18. Jahrhundert gepflegt.
Nach der Einspielung der Motetten von Giovanni Felice Sances begann Achten, sich intensiv mit diesen Sepolcri zu beschäftigen, berichtet er im Beiheft zu dieser CD. „Bertalis La Maddalena unterscheidet sich von an- deren Wiener Oratorien in mehr als einer Hinsicht“, schreibt der Sänger. „Suchen wir hier keine spektakuläre Theatralik, voll von allegorischen Figuren, verschiedenen Aposteln und Heiligen, sondern eher einen starken rhetorischen Ausdruck des Schmerzes im Angesicht des Todes, eine gedankliche Auseinandersetzung mit dem Sinn und der Nichtigkeit des Lebens.“ Vorgetragen wird all dies vorbildlich; eine rundum gelungene Aufnahme, stilsicher und mit beeindruckender Sorgfalt wird hier musiziert. Bravi!
Für die Inszenierung des Leidens- weges Jesu mit den Mitteln profaner Dramatik ist diese Figur aufgrund ihrer Vielschichtigkeit attraktiv: Natürlich ist Maria aus Magdala eine reuige Sünderin, aber sie wird auch gezeigt als eine schöne, sanfte und sinnliche Frau, die Christus möglicherweise ganz besonders nahe stand. Ihr Schmerz angesichts des Leidens Christi findet seinen Ausdruck in einer Vielzahl von Klageliedern. Ein besonders apartes Beispiel dafür, Lagrime Amare von Domenico Mazzocchi (1592 bis 1665), erklingt am Ende dieser CD.
Mit seinem Ensemble Scherzi Musicali hat Nicolas Achten bei Ricercar aber noch zwei deutlich umfangreichere Werke eingespielt, die Maria Magdalena in den Mittelpunkt stellen. La Maddalena, Sacra Rappresen- tazione wurde 1617 in Mantua aufgeführt – wahrscheinlich zur Hochzeit Ferdinando Gonzagas mit Caterina de'Medici. Dabei handelt es sich um ein Theaterstück, das durch Musik begleitet wurde, die von verschiedenen Komponisten aus dem Umkreis des Hofes geschaffen worden ist. Es erklingen Werke von Claudio Monteverdi, Muzio Effrem, Alessandro Guivizzani und Salomone Rossi.
Antonio Bertali (1605 bis 1669), ab 1649 Hofkapellmeister in Wien, stellte La Maddalena 1663 in den Mittelpunkt eines bewegenden Sepolcro. Diese Passionsoratorien erklangen in der Karwoche vor einem Nachbau des Heiligen Grabes. Es waren szenische Aufführungen; die Sänger traten im Kostüm auf und agierten entsprechend ihrer Rollen. Diese Tradition, die Bertalis Vorgänger Giovanni Valentini ins Leben gerufen haben soll, wurde bis weit ins 18. Jahrhundert gepflegt.
Nach der Einspielung der Motetten von Giovanni Felice Sances begann Achten, sich intensiv mit diesen Sepolcri zu beschäftigen, berichtet er im Beiheft zu dieser CD. „Bertalis La Maddalena unterscheidet sich von an- deren Wiener Oratorien in mehr als einer Hinsicht“, schreibt der Sänger. „Suchen wir hier keine spektakuläre Theatralik, voll von allegorischen Figuren, verschiedenen Aposteln und Heiligen, sondern eher einen starken rhetorischen Ausdruck des Schmerzes im Angesicht des Todes, eine gedankliche Auseinandersetzung mit dem Sinn und der Nichtigkeit des Lebens.“ Vorgetragen wird all dies vorbildlich; eine rundum gelungene Aufnahme, stilsicher und mit beeindruckender Sorgfalt wird hier musiziert. Bravi!
Samstag, 25. Juli 2015
L'Arte dei Piffari (Pan Classics)
Der Zink war ein typisches Instru- ment der Stadtpfeifer. Auch wenn er aus Holz oder aus Elfenbein besteht und Grifflöcher hatte – geblasen wurde er wie eine Trompete. Seine Blütezeit erlebte dieses historische Musikinstrument im 17. Jahrhundert. Die ersten Zinken im 15. Jahrhundert waren wahrscheinlich kleine Instru- mente in Sopranlage. Sie wurden als Oberstimme im Posaunen-Ensemble benötigt – denn die Posaune, ein weiteres wichtiges Instrument der Stadtpfeifer, erklingt typischerweise in Alt- oder Tenorlage oder sogar noch tiefer. Mit dem Aufkommen „echter“ konzertanter Instrumentalmusik verloren Zink und Posaune allerdings ihre Bedeutung; der Adel und somit auch die Bürgerschaft, die den Adel imitierte, bevorzugte Saiten- und Streichinstrumente.
Auf dieser CD lässt das Ensemble Ventosum die vergessene Kunst der frühbarocken Musiker wieder aufleben. Die exzellenten Bläser spielen italienische Musik aus der Zeit von um 1580 bis 1700. Die ausgewählten Werke, beispielsweise das Maria Stabat ad monumentum von Andrea Gabrieli (1532/33 bis 1585) für Zink solo, oder aber Sinfonia & Gagliarda à cinque von Salomone Rossi (um 1570 bis 1630) verdeutlichen das hohe Niveau, auf dem damals in den Metropolen Italiens musiziert wurde. Zu hören ist auch O doctor optime von Giovanni Bassano (um 1558 bis 1617), jenem Instrumentalisten, für den vermutlich Giovanni Gabrieli seine virtuosen Zink-Partien schrieb. Bassanos „Ricercate, passagi et cadentie“ ist für alle, die sich für die Musizierpraxis des ausgehenden 16. Jahrhun- derts interessieren, eine wichtige musikhistorische Quelle. Eine ähnliche Abhandlung veröffentlichte sein Vorgänger im Amt des Leiters der Musikschule am Markusdom, Girolamo dalla Casa (gestorben 1601), der hier auf der CD vertreten ist mit einem prächtigen Jubilate Deo à sei. Die Liste der Komponisten liest sich ohnehin wie ein Who's who der italieni- schen Musik jener Epoche, von Palestrina bis Neri und von Marenzio bis Perti. Das Programm ist klanglich erstaunlich abwechslungsreich, und musiziert wird grandios. Meine unbedingte Empfehlung!
Auf dieser CD lässt das Ensemble Ventosum die vergessene Kunst der frühbarocken Musiker wieder aufleben. Die exzellenten Bläser spielen italienische Musik aus der Zeit von um 1580 bis 1700. Die ausgewählten Werke, beispielsweise das Maria Stabat ad monumentum von Andrea Gabrieli (1532/33 bis 1585) für Zink solo, oder aber Sinfonia & Gagliarda à cinque von Salomone Rossi (um 1570 bis 1630) verdeutlichen das hohe Niveau, auf dem damals in den Metropolen Italiens musiziert wurde. Zu hören ist auch O doctor optime von Giovanni Bassano (um 1558 bis 1617), jenem Instrumentalisten, für den vermutlich Giovanni Gabrieli seine virtuosen Zink-Partien schrieb. Bassanos „Ricercate, passagi et cadentie“ ist für alle, die sich für die Musizierpraxis des ausgehenden 16. Jahrhun- derts interessieren, eine wichtige musikhistorische Quelle. Eine ähnliche Abhandlung veröffentlichte sein Vorgänger im Amt des Leiters der Musikschule am Markusdom, Girolamo dalla Casa (gestorben 1601), der hier auf der CD vertreten ist mit einem prächtigen Jubilate Deo à sei. Die Liste der Komponisten liest sich ohnehin wie ein Who's who der italieni- schen Musik jener Epoche, von Palestrina bis Neri und von Marenzio bis Perti. Das Programm ist klanglich erstaunlich abwechslungsreich, und musiziert wird grandios. Meine unbedingte Empfehlung!
Montag, 16. Juni 2014
Mortale, che pensi? (Destino Classics)
Einmal mehr hat das Ensemble Atalante um Erin Headley eine Entdeckungsreise in das römische Musikleben zur Zeit des 17. Jahr- hunderts unternommen. Dabei haben die Sänger und Musiker erneut Kantaten aufgespürt, die es wert sind, dem Archivschlaf ent- rissen zu werden. Sie stammen von den Komponisten Luigi Rossi (1597 bis 1653), Giacomo Carissimi (1605 bis 1674), Alessandro Stradella (1639 bis 1682), Domenico Mazzocchi (1592 bis 1665) und Giovanni Antonio Leone. Über letzteren weiß man nicht viel mehr als den Namen; bei einem weiteren Autor nicht einmal diesen. Das ist aber alles nicht wichtig, denn die Musik, die Atalante hier wieder- entdeckt hat, ist grandios. Mehr davon! Wünschenswert wäre zugleich eine Noten-Edition. Denn nur so gelangen diese Werke tatsächlich zurück auf das Konzertpodium.
Dienstag, 19. Juni 2012
Lamentarium (Destino Classics)
"Quod non fecerunt barbari, fece- runt Barberini", ätzte ein Spottvers über das Adelsgeschlecht, das - zu Geld und damit auch zu Macht gelangt - sogar einen Papst stellte. Urban VIII., auf dem Stuhl Petri von 1623 bis 1644, prägte Rom aber nicht nur durch seine Bauwut, der Teile des Kolosseums sowie die Bronzeplatten auf dem Dach des Pantheons zum Opfer fielen (was die Römer mit dem obigen Spruch kommentierten). Die Barberini waren auch große Kunstmäzene, und der Musik sehr zugetan. So bereicherten sie Buchbestand und Musikaliensammlung des Vatikans; insbesondere Kardinal Francesco Barberini, ein Neffe des Papstes, trug eine umfangreiche Bibliothek zusammen, die später Bestandteil der vatikanischen Bibliothek wurde.
Aus diesem Corpus stammt ein großer Teil der Werke, die auf der vorliegenden CD zu hören sind. Sie stammen von Luigi Rossi (1597 bis 1653), Marco Marazzoli (1602 bis 1662), Marc'Antonio Pasqualini (1614 bis 1691) und Domenico Mazzocchi (1592 bis 1665) - und sind zumeist Lamenti, eindrucksvolle Klagegesänge, die zu jener Zeit groß in Mode waren. Nadine Balbeisi, Sopran, und Theodora Baka, Mezzo- sopran, singen diese wundervollen Werke ausdrucksstark und mit schlank geführter, vibratoarmer Stimme. Das passt hier großartig. Und die drei Instrumentalstücke geben den Musikern von Atalante um Erin Headley Gelegenheit, zu zeigen, dass ein Gambenconsort, fallweise ergänzt um Lirone, Cembalo, Arpa Doppia und Chitarrone, weitaus mehr ist als "nur" ein Continuo-Ensemble.
Aus diesem Corpus stammt ein großer Teil der Werke, die auf der vorliegenden CD zu hören sind. Sie stammen von Luigi Rossi (1597 bis 1653), Marco Marazzoli (1602 bis 1662), Marc'Antonio Pasqualini (1614 bis 1691) und Domenico Mazzocchi (1592 bis 1665) - und sind zumeist Lamenti, eindrucksvolle Klagegesänge, die zu jener Zeit groß in Mode waren. Nadine Balbeisi, Sopran, und Theodora Baka, Mezzo- sopran, singen diese wundervollen Werke ausdrucksstark und mit schlank geführter, vibratoarmer Stimme. Das passt hier großartig. Und die drei Instrumentalstücke geben den Musikern von Atalante um Erin Headley Gelegenheit, zu zeigen, dass ein Gambenconsort, fallweise ergänzt um Lirone, Cembalo, Arpa Doppia und Chitarrone, weitaus mehr ist als "nur" ein Continuo-Ensemble.
Donnerstag, 5. Januar 2012
Muffat: Propitia Sydera - Concerti grossi (Stradivarius)
Georg Muffat (1653 bis 1704) war ein Schüler von Jean-Baptiste Lully. Er studierte in Ingolstadt Jura, und ging dann auf die Suche nach einer Anstellung. Muffat fand sie schließlich 1678 in Salzburg, als Domorganist und Kammerdiener bei Erzbischof Max Gandolph Graf von Kuenburg.
Sein Dienstherr scheint den Musi- ker geschätzt zu haben, denn er finanzierte ihm einen längeren Aufenthalt in Italien, wo Muffat bei Bernardo Pasquini, einem der besten Organisten und Cembalisten der damaligen Zeit, "die Welsche Manier auf dem Clavier erlernet". In Rom lernte Muffat unter ande- rem Arcangelo Corelli kennen, der ihn sehr beeindruckte und sein Werk prägte.
1690 ging Muffat nach Passau an den Hof des Kardinals Fürstbischof Johann Philipp von Lamberg, wo er bis an sein Lebensende als Hof- kapellmeister und Pagenoberhofmeister wirkte. Muffat war ein Mittler zwischen der italienischen und der französischen Musiktradition. Dabei bewies er viel Stilgefühl, wie diese CD beweist: Das Ensemble La Concordanza, das von Irene De Ruvo am Cembalo geleitet wird, hat für Stradivarius einige seiner Werke im italienischen Stil eingespielt. Dabei handelt es sich um vier Concerti grossi und eine Sonata a violino solo - ein Solitär im Werk des Komponisten; vielleicht hat er das Werk für den berühmten Violinvirtuosen Heinrich Ignaz Franz Biber geschrieben, der ebenfalls am Hof in Salzburg wirkte. Stefano Rossi, der erste Geiger von La Concordanza, trägt das Werk hier vor.
Die Werke Muffats verbinden italienische Leichtigkeit mit französi- scher Eleganz (und gelegentlich, vor allem im Orgelwerk, auch deut- scher Formstrenge). Diese Aufnahme macht uns auf wundervolle Musik aufmerksam, die bislang auch unerklärlichen Gründen nicht die Beachtung gefunden hat, die sie verdient. La Concordanza überzeugt mit einer Interpretation voll Charme und Delikatesse. Bravi!
Sein Dienstherr scheint den Musi- ker geschätzt zu haben, denn er finanzierte ihm einen längeren Aufenthalt in Italien, wo Muffat bei Bernardo Pasquini, einem der besten Organisten und Cembalisten der damaligen Zeit, "die Welsche Manier auf dem Clavier erlernet". In Rom lernte Muffat unter ande- rem Arcangelo Corelli kennen, der ihn sehr beeindruckte und sein Werk prägte.
1690 ging Muffat nach Passau an den Hof des Kardinals Fürstbischof Johann Philipp von Lamberg, wo er bis an sein Lebensende als Hof- kapellmeister und Pagenoberhofmeister wirkte. Muffat war ein Mittler zwischen der italienischen und der französischen Musiktradition. Dabei bewies er viel Stilgefühl, wie diese CD beweist: Das Ensemble La Concordanza, das von Irene De Ruvo am Cembalo geleitet wird, hat für Stradivarius einige seiner Werke im italienischen Stil eingespielt. Dabei handelt es sich um vier Concerti grossi und eine Sonata a violino solo - ein Solitär im Werk des Komponisten; vielleicht hat er das Werk für den berühmten Violinvirtuosen Heinrich Ignaz Franz Biber geschrieben, der ebenfalls am Hof in Salzburg wirkte. Stefano Rossi, der erste Geiger von La Concordanza, trägt das Werk hier vor.
Die Werke Muffats verbinden italienische Leichtigkeit mit französi- scher Eleganz (und gelegentlich, vor allem im Orgelwerk, auch deut- scher Formstrenge). Diese Aufnahme macht uns auf wundervolle Musik aufmerksam, die bislang auch unerklärlichen Gründen nicht die Beachtung gefunden hat, die sie verdient. La Concordanza überzeugt mit einer Interpretation voll Charme und Delikatesse. Bravi!
Sonntag, 24. Juli 2011
The Queen's Music (BIS Records)
Und da wir gerade bei Emma Kirkby waren - auch auf dieser CD ist sie zu hören, gemeinsam mit Susanne Rydén, und zwar diesmal mit Musik aus Schweden. Dort traf 1652 eine Gruppe italienischer Musiker und Instrumentenbauer ein, die der Bassist Alessandro Cecconi im Auftrag von Königin Kristina angeworben hatte.
Wer wissen will, was sie am Hof in Uppsala vorgetragen haben, dem geben zwei Handschriften Aus- kunft. Eine davon befindet sich heute in der Bibliothek des Christ Church College in Oxford. Sie kam dorthin über den englischen Botschafter Bulstrode Whitelocke. Er berichtet in seinem Tagebuch am 27. März 1654, wie er die Kapelle der Königin besuchte, um ihre italienischen Musiker zu hören. Einige von ihnen dinierten mit dem Gesandten, sie sangen für ihn - und schenkten ihm einen Notenband. Er enthält die modernste Musik der damaligen Zeit: Arien und Kantaten für zwei und drei Sänger von den damals führenden italienischen Komponisten Luigi Rossi, Antonio Cesti und Giacomo Carissimi - gehobene Unterhaltung, die raffiniert mit den althergebrachten Floskeln der höfischen Liebe spielt.
Die Sopranistinnen Emma Kirkby und Susanne Rydén sowie Counter- tenor Mikael Bellini und Bariton Peter Harvey singen einige dieser hübschen, hochvirtuosen Werke, begleitet von Mime Yamahiro Brinkmann am Violoncello und Lars Ulrik Mortensen, Cembalo. Und weil Abwechslung erfreut, wurde die Musica del Signor Angelo Micheli / Uno de Musici della Capella / de Reyna di Swecia um einige Instrumentalstücke von Girolamo Frescobaldi ergänzt. Perfekt!
Wer wissen will, was sie am Hof in Uppsala vorgetragen haben, dem geben zwei Handschriften Aus- kunft. Eine davon befindet sich heute in der Bibliothek des Christ Church College in Oxford. Sie kam dorthin über den englischen Botschafter Bulstrode Whitelocke. Er berichtet in seinem Tagebuch am 27. März 1654, wie er die Kapelle der Königin besuchte, um ihre italienischen Musiker zu hören. Einige von ihnen dinierten mit dem Gesandten, sie sangen für ihn - und schenkten ihm einen Notenband. Er enthält die modernste Musik der damaligen Zeit: Arien und Kantaten für zwei und drei Sänger von den damals führenden italienischen Komponisten Luigi Rossi, Antonio Cesti und Giacomo Carissimi - gehobene Unterhaltung, die raffiniert mit den althergebrachten Floskeln der höfischen Liebe spielt.
Die Sopranistinnen Emma Kirkby und Susanne Rydén sowie Counter- tenor Mikael Bellini und Bariton Peter Harvey singen einige dieser hübschen, hochvirtuosen Werke, begleitet von Mime Yamahiro Brinkmann am Violoncello und Lars Ulrik Mortensen, Cembalo. Und weil Abwechslung erfreut, wurde die Musica del Signor Angelo Micheli / Uno de Musici della Capella / de Reyna di Swecia um einige Instrumentalstücke von Girolamo Frescobaldi ergänzt. Perfekt!
Donnerstag, 21. Juli 2011
Rossi: Cleopatra (Naxos)
Lauro Rossi (1812 bis 1885) gehört zur großen Schar jener italieni- schen Opernkomponisten, die im Laufe der Jahre dem Vergessen anheimgefallen sind. Er hat in Nea- pel studiert. Zwei seiner Lehrer, Niccolò Zingarelli und Giovanni Furno, waren damals populäre Komponisten; zu ihren Schülern gehört unter anderem Vincenzo Bellini. Auch Girolamo Crescentini, ein weltberühmter Kastraten- sopran, Gesangslehrer und Kom- ponist, war einer seiner Lehrer.
1830 schuf Rossi seine erste Oper. Bald wurde Gaetano Donizetti auf den jungen Musiker aufmerksam, und verhalf ihm zu einer Kapell- meisterstelle am Teatro Valle in Rom. Rossis zehnte Oper, La casa disabitata, wurde 1834 an der Mailänder Scala uraufgeführt. 1850 wurde Rossi Direktor des Mailänder Konservatoriums. Insgesamt komponierte er 29 Opern; zu seinen Lebzeiten war er geachtet, be- liebt und erfolgreich.
In Cleopatra, seiner vorletzten Oper, erstmals aufgeführt 1876, bringt Rossi nicht zufällig das alte Ägypten auf die Bühne. Die exoti- sche Kultur jenes Landes, die schon die Römer fasziniert hatte, regte etliche Komponisten zu Werken an - man denke nur an Verdis Aida, fünf Jahre zuvor entstanden. Exotische Klänge wird man in Rossis Oper allerdings vergebens suchen. Musik und Bühnengeschehen sind so italienisch, wie es eine romantische Oper in der Tradition des Belcanto nur sein kann; allerdings erreicht Rossi nicht das dramati- sche Ausdrucksvermögen Verdis. Cleopatra wurde in Turin und in Neapel gespielt, und dann vergessen.
2008 brachte Pier Luigi Pizzi das Werk wieder auf die Bühne. Es erklang zum Sferisterio Opera Festival in Macerata, dem Geburtsort Rossis, und liegt nun im Mitschnitt bei Naxos vor. Die Aufführung hat einige sehr schöne Momente, aber auch Stellen, wo man sich an das Stadttheater erinnert fühlt. Musiziert und gesungen wird routiniert, aber nicht überragend. Wer sich für italienische Oper interessiert, sollte diese CD dennoch unbedingt seiner Sammlung hinzufügen; ich glaube nicht, dass Rossis Oper dauerhaft zurück auf die Bühne finden wird.
1830 schuf Rossi seine erste Oper. Bald wurde Gaetano Donizetti auf den jungen Musiker aufmerksam, und verhalf ihm zu einer Kapell- meisterstelle am Teatro Valle in Rom. Rossis zehnte Oper, La casa disabitata, wurde 1834 an der Mailänder Scala uraufgeführt. 1850 wurde Rossi Direktor des Mailänder Konservatoriums. Insgesamt komponierte er 29 Opern; zu seinen Lebzeiten war er geachtet, be- liebt und erfolgreich.
In Cleopatra, seiner vorletzten Oper, erstmals aufgeführt 1876, bringt Rossi nicht zufällig das alte Ägypten auf die Bühne. Die exoti- sche Kultur jenes Landes, die schon die Römer fasziniert hatte, regte etliche Komponisten zu Werken an - man denke nur an Verdis Aida, fünf Jahre zuvor entstanden. Exotische Klänge wird man in Rossis Oper allerdings vergebens suchen. Musik und Bühnengeschehen sind so italienisch, wie es eine romantische Oper in der Tradition des Belcanto nur sein kann; allerdings erreicht Rossi nicht das dramati- sche Ausdrucksvermögen Verdis. Cleopatra wurde in Turin und in Neapel gespielt, und dann vergessen.
2008 brachte Pier Luigi Pizzi das Werk wieder auf die Bühne. Es erklang zum Sferisterio Opera Festival in Macerata, dem Geburtsort Rossis, und liegt nun im Mitschnitt bei Naxos vor. Die Aufführung hat einige sehr schöne Momente, aber auch Stellen, wo man sich an das Stadttheater erinnert fühlt. Musiziert und gesungen wird routiniert, aber nicht überragend. Wer sich für italienische Oper interessiert, sollte diese CD dennoch unbedingt seiner Sammlung hinzufügen; ich glaube nicht, dass Rossis Oper dauerhaft zurück auf die Bühne finden wird.
Dienstag, 28. September 2010
Passion and Lament (Dorian)
Salomon Rossi (ca. 1570 bis 1630) war der erste jüdische Komponist der Musikgeschichte, von dem man mehr weiß als nur den Namen. Rossi wurde 1587 als Sänger und Musiker am Hofe des Herzogs Vincenz I. zu Mantua engagiert. Dort war auch seine Schwester als Sängerin beschäftigt. Mehr als hundert Werke von Rossi sind überliefert; die meisten davon erschienen zwischen 1589 und 1628 im Druck.
Rossi komponierte Instrumental- werke und zahlreiche Madrigale für Singstimmen, zusammengefasst in mehreren Madrigalbüchern. Daneben entstand 1623 die Sammlung „Ha-shirim asher li-Shelomo“, Psalmen und Gesänge in hebräischer Sprache. Sechs dieser Werke, die jüdische und europäische Musik- traditionen elegant kombinieren, enthält die vorliegende CD, dazu die Stabat Mater von Heinrich Ignaz Franz von Biber in Ersteinspielung und das Oratorium Jephta von Giacomo Carissimi, dem Erfinder des biblischen Oratoriums.
Es musiziert The Bach Sinfonia unter Daniel Abraham - hinreißend sauber, hochglanzpoliert perfekt, und in der Konsequenz leider auch gähnend langweilig. Bemängelt werden muss hier zudem die völlige Unverständlichkeit des Textes. Schade.
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