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Donnerstag, 19. Dezember 2019

Telemann's Garden (Pentatone)

Georg Philipp Telemann (1681 bis 1767) war nicht nur als Musiker produktiv. Mit großer Leidenschaft pflegte er auch seinen Garten: „Ich bin unersättlich, wenn es um Hyazinthen und Tulpen geht, gierig nach Ranunkuli und besonders nach Anemonen“, so schrieb der Komponist an einen Freund. 
Das Elephant House Quartet ließ sich davon inspirieren und lädt mit seinem Debütalbum bei Pentatone zu einem Spaziergang durch das Werk von Telemann ein. Diese musikalische Blütenlese ergab eine farbenfrohe, abwechslungsreiche Kollektion kammermusikalischer Pretiosen – mitunter duftig, dann wieder tänzerisch grazil, und immer elegant und ausgewogen. 
Der Zuhörer hat daran ebenso Vergnügen wie die Mitglieder des Ensembles – Bolette Roed, Blockflöte, Aureliusz Goliński, Violine, Reiko Ichise, Viola da gamba und Allan Rasmussen, Cembalo: „Moreover, each flower ebbs and flows between solo and quartet performances, hence creating a perpetual story“, erklären die Musiker in ihrem Geleitwort zu dieser CD. „Out of the silence, the evocative sound of harpsichord awakens the senses, and through some of Telemann's most dramatic masterpieces, one's passion unfolds. As flowers wither, the last note fades away into silence.“ Vom ersten bis zum letzten Ton berückend. 

Freitag, 30. August 2019

Händel: Concerti grossi Op. 6 (Pentatone)

Die ersten sechs Concerti grossi op. 6 von Georg Friedrich Händel (1685 bis 1759) hat die Akademie für Alte Musik Berlin unter der Leitung ihres Konzertmeisters Bernhard Forck neu eingespielt. Diese zweite CD des renommierten Ensembles bei Pentatone ist zugleich der Auftakt zu einer Händel-Trilogie. Denn die zweite Hälfte der Concerti grossi op. 6 sowie die Concerti grossi op. 3 sollen nachfolgend die Reihe komplettieren. 
Darauf kann man sich freuen, denn schon die erste Aufnahme ist exquisit. Das 1982 gegründete Originalklang-Ensemble bietet nicht nur langjährige Erfahrung, sondern auch ein hinreißendes Zusammenspiel mit sagenhafter Präzision und einem fein ausbalancierten Orchesterklang. Von Routine keine Spur – die Einspielung klingt frisch, klar strukturiert, und begeistert durch viele kleine Details. Auch klangtechnisch ist diese CD erstklassig. Meine unbedingte Empfehlung! 

Sonntag, 30. Juni 2019

Prologue (Pentatone)

Ein ganz besonderes Konzept hat sich Francesca Aspromonte für ihr Debütalbum bei dem Label Pentatone überlegt: Die junge italienische Sopranistin konzentriert sich auf Prologe, die einst, in der frühen Barockoper, wie ein Vorwort der eigentlichen Handlung vorangestellt waren. 
In diesen Eröffnungszenen betritt eine allegorische Figur die Bühne und bereitet das Publikum auf das kommende musikalische Drama vor. Mitunter verweist sie auch auf den Anlass, dem das Werk gewidmet ist – beispielsweise eine Hochzeit, die Geburt eines Thronfolgers oder der Geburtstag eines Fürsten. Und natürlich berichtet sie über sich selbst, sie singt von Gott und der Welt, und verblüffend oft auch über die Szenerie und über das Wetter. 
„Auf dieser CD beginnt eine Oper niemals richtig, denn mit jedem neuen Track stellen wir eine neue Begrüßung und einen neuen Anfang vor“, schreibt Francesca Aspromonte im Beiheft, das übrigens mit viel Sorgfalt zusammengestellt ist. „Doch dann steigen diese allegorischen Figuren von ihrem Sockel hinab, verlassen die Bühne, reichen ihre Hand dem Hörer, der auf dem Sofa liegt, und flüstern ihm ins Ohr, woher sie kommen ... welche Farbe das Haar der Königin hat … wie schön und sternenklar der Himmel der Mitsommernacht ist … in Venedig.“ 
In Claudio Monteverdis L'Orfeo, einer der ersten Opern überhaupt, betritt zum Prolog La Musica höchstpersönlich die Bühne. Auch Amor, Venus, die Harmonie, die Stadt Rom oder La Gloria Austriaca, der Ruhm Österreichs, gehören zum ziemlich bunten Reigen jener Figuren, die Textdichter und Komponisten einst aufboten, um das Publikum auf ihre Oper einzustimmen. 
Gemeinsam mit Enrico Onofri, dem Leiter des Ensembles Il pomo d’oro, hat Francesca Aspromonte für dieses Album Prologe von Claudio Monteverdi, Giulio Caccini, Francesco Cavalli, Stefano Landi, Luigi Rossi, Pietro Antonio Cesti, Alessandro Stradella und Alessandro Scarlatti ausgewählt. Mit ihren Prologen haben diese Komponisten Miniaturen geschaffen, auf die die Musiker nun zu Recht verweisen. Denn sie sind eine Welt für sich, deren Entdeckung sich lohnt – kleine Opern vor der Oper, und oftmals auch Opern über Oper. Sehr beachtlich, und von Francesca Aspromonte gemeinsam mit Il pomo d’oro auch sehr ansprechend präsentiert. Musikgeschichte kann so unterhaltsam sein! 

Sonntag, 23. Dezember 2018

Gospel Christmas (Pentatone)

Da wir gerade bei regionalen Traditionen waren – hier gibt es satten Sound zur Weihnacht! Leidenschaft statt Besinnlichkeit, heiße Rhythmen statt beschauliche Klänge bietet dieses Album, das man unmöglich unbewegt anhören kann. Seit 20 Jahren lädt der Northwest Community Gospel Chorus gemeinsam mit The Oregon Symphony alljährlich zum Gospel Christmas. 
Diese wuchtige Woge von Lobpreis reißt einen auch am Lautsprecher vom Hocker. Was für Stimmen! Und was für Arrangements! Der Live-Mitschnitt aus Portland bringt jede Menge Weihnachtsfreude und Lebenslust zu uns, und natürlich jene ganz spezielle Spiritualität, wie man sie in amerikanischen Kirchen erleben kann. Selbst Händels Messias beginnt da zu tanzen. Great! 

Montag, 27. August 2018

Cantata - yet can I hear... (Pentatone)

Was ist eine Kantate? Mit dieser Frage hat sich Bejun Mehta sehr intensiv auseinandergesetzt. Angefangen hatte alles mit einer einzigen Arie, berichtet der Sänger im Beiheft zu dieser CD: „In 2015, I stumbled upon the aria ,Yet Can I Hear That Dulcet Lay' and fell madly in love. It is simple, direct, ravishing. I knew immediately that I want to sing the aria myself, and it eventually became the first building block of the program you now hold in your hands.“ 
Der amerikanische Countertenor hat für diesen CD eine sehr persönliche Auswahl an geistlichen und weltlichen Solo-Kantaten aus der italienischen, deutschen und englischen Tradition zusammengestellt, von virtuos bis besinnlich, in großen und kleinen Besetzungen. So erklingen unter anderem Georg Friedrich Händels Kantate Mi palpita il cor HWV 132c, Johann Sebastian Bachs Kantate Ich habe genug BWV 82, Antonio Vivaldis Pianti, sospiri e dimander mercede RV 676 oder Johann Christoph Bachs berühmtes Lamento Ach, dass ich Wassers g'nug
Bejun Mehta singt phantastisch; dank seiner exzellenten Technik gelingt es ihm mühelos, Virtuosität und Ausdruck zu verbinden. Jede Phrase ist überlegt gestaltet, nichts dem Zufall überlassen. Begleitet wird der Countertenor von der Akademie für Alte Musik Berlin. Die Instrumenta- listen – hervorgehoben seien an dieser Stelle nur die Solisten Xenia Löffler, Oboe, und Christoph Huntgeburth, Traversflöte – sind ebenfalls großartig. 
Das Label Pentatone hat dieser Einspielung obendrein eine ansprechend gestaltete Box und ein ausführliches dreisprachiges Beiheft spendiert, in dem auch sämtliche Kantatentexte nachzulesen sind. Kurz und gut: Eine Edition, von der sich nur Positives berichten lässt. Meine Empfehlung! 

Sonntag, 10. Dezember 2017

Humperdinck: Hänsel und Gretel (Pentatone)

Am 31.Dezember 2016 nahm Marek Janowski mit Beethovens Neunter seinen Abschied als langjähriger Chefdirigent des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin. Mit diesem Ensemble hatte er im Berliner Mu- sikleben deutliche Akzente gesetzt; so hat Janowski die Opern von Richard Wagner konzertant aufgeführt – mit einem handverlesenen Sängerensem- ble, und, da ohne szenisches Geschehen, gänzlich auf die Musik konzentriert. 
Am 23. Dezember 2016 ließ er darauf Engelbert Humperdincks Märchen- oper Hänsel und Gretel folgen, erneut in einer konzertanten Vorstellung, deren Mitschnitt nun bei Pentatone veröffentlicht wurde. Das bunte Bild auf dem Cover aber täuscht - denn Janowski ging es leider mitnichten um eine reizvoll-magische Kinder-Weihnachtsoper. Auch wenn der Kinderchor der Staatsoper Unter den Linden, geleitet von Vinzenz Weissenburger, wunderbar gesungen hat. Aber diese Vorstellung war wohl eher für ein ergrautes Publikum bestimmt, das die Magie vor allem in der engen Verbindung zwischen Humperdinck und Richard Wagner sah. 
Denn Janowski stellte diese Verknüpfung in den Vordergrund; er spürte den Wagner-Anklängen feinsinnig nach. Und er fand eine Menge Stellen, wo man es wagnern lassen kann - so massiv war mir das noch nie aufgefallen, und es ist die Frage, ob dies wirklich musikalisch derart zentral ist. 
Denn im Gegenzug ließ der Dirigent dafür so manches zurückstehen, was Humperdinck ausgemacht hätte. Bei aller Inspiration durch das Erlebnis Bayreuth - aber ist er nicht doch deutlich mehr als nur ein Wagner-Epi- gone? So gab es also, auf den Tag genau 123 Jahre nach der Uraufführung durch die Staatskapelle Weimar unter Richard Strauss, in der Philhar- monie mit dem trefflich musizierenden Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin ein Kinderstuben-Weihfestspiel: „Reisbrei! Reisbrei!“ statt „Rhein- gold! Rheingold!“ 
Der Live-Mitschnitt bietet reichlich Drama; man höre nur die Auftritte von Ricarda Merbeth als verzweifelte Mutter und Albert Dohmen als angesäuselter Vater. Großes Kino! doch leider versteht man bei Frau Merbeth kaum ein Wort. Der Text aber ist nun einmal Bestandteil des Gesamtkunstwerkes Oper, daran ist nicht zu rütteln. 
Alexandra Steiner als Gretel und Katrin Wundsam als Hänsel hält man beim Anhören vom Timbre her für eine vertauschte Besetzung – und zu Kindern im Grundschulalter passen diese vibratoreichen, hubraumstarken Stimmen gleich gar nicht. So mangelt es den Szenen der Kinder an Verspieltheit und an Charme, wallalaweia. Auch bei diesen Sängerinnen lässt zudem die Textverständlichkeit erheblich zu wünschen übrig. 
Als Sandmännchen ist Annika Gerhards zu hören, und Alexandra Hutton als Taumännchen. Die Partie der Knusperhexe gestaltet Christian Elsner – und er übernimmt diese Aufgabe mit Hingabe. Der Tenor hat hörbar Spaß an dem so gar nicht netten Treiben der Rosine Leckermaul, und so kann sich beim dritten Akt endlich auch ein Zuhörer amüsieren, der Wagner womöglich weniger wonniglich findet. Das ist unter dem Strich allerdings enttäuschend; insgesamt finde ich diesen Live-Mitschnitt so gar nicht zauberhaft. Schade! 

Samstag, 17. Dezember 2016

Tchaikovsky: Ballet Suites for Piano Duo (Pentatone)

„One evening after a beautiful dinner, a good friend of ours with a love for rare and obscure music, handed us Arensky's arrangement of Tchaikovsky's Nutcracker to play as a piano duet“, berichten Mari und Momo Kodama im Beiheft zu dieser CD. „There and then, we sight-read it over a glass of wine all in the name of fun. The scores turned out to be such wonderful music that we decided to play it in our concerts, and that was a great success! Following that, we looked up on more arrangements made by other famous composers, such as Debussy ans Rachmaninov, of Tchaikovsky's ballets, that a friend had told us about.“ 
Letzten Endes ist daraus dann dieses Album entstanden. Die beiden Schwestern lieben Tschaikowskis Ballettmusiken, vor allem Nussknacker, seit ihrer Kindheit. „We practically grew up with the Nutcracker“, er- innern sich die Pianistinnen. „We were about three or four years old when our music teacher gave us a recording – our first recording of Nutcracker which we played at the time.“ Diese Liebe ist offenbar immer noch sehr lebendig, und prägt das Spiel der beiden Klaviervirtuosinnen. Die Nuss- knacker-Suite, die hier in der Version von Anton Stepanowitsch Arenski (1861 bis 1906) zu hören ist, erklingt äußerst sorgsam ausgearbeitet, und mit einem hinreißenden Farbenreichtum – es ist wirklich eine Pracht. 
Weniger anfangen kann ich mit der Dornröschen-Suite, die einst der 18jährige Sergej Rachmaninow für Klavier zu vier Händen bearbeitet hat. Wie man im Beiheft lesen kann, war auch Tschaikowski einst damit nicht glücklich, und hat umfangreiche Korrekturen vorgenommen. Wie auch immer – mein Favorit ist das nicht. 
Spannend ist allerdings Schwanensee – zu diesem Ballett existieren offenbar gleich zwei Suiten. Die eine, geschaffen vom Moskauer Klavierprofessor Eduard Langer (1835 bis 1905), besteht eigentlich aus sechs Stücken; die Kodama-Schwestern haben daraus zwei berühmte Szenen und den Tanz der kleinen Schwäne ausgewählt. Die andere Suite wurde geschaffen vom blutjungen Claude Debussy (1862 bis 1918), der 1880 Tschaikowskis Mäzenin Nadjeschda von Meck auf ihren Reisen durch Europa begleitete, und ihren Kindern Klavierunterricht gab. Er hat den russischen, den spanischen und den neapolitanischen Tanz für Klavierduo bearbeitet – und das sehr charmant. 

Montag, 17. Oktober 2016

Fantasies Rhapsodies & Daydreams by Arabella Steinbacher (Pentatone)

Fantasien, Rhapsodien und Tag- träume hat Arabella Steinbacher auf dieser CD zusammengefasst – in einer sehr persönlichen Auswahl, die virtuose Bravourstücke mit lyrischen, ausdrucksvollen Werken kombiniert. Das Programm beginnt mit der Carmen-Fantasie von Franz Waxmann (1906 bis 1967) in der Version von Jascha Heifetz. Es folgen Sarasates Zigeunerweisen, The Lark Ascending von Ralph Vaughan Williams (1872 bis 1958), Havanaise op. 83 sowie Introduction et Rondo capriccioso op. 28 von Camille Saint-Saëns (1835 bis 1921), die Méditation aus Thaïs von Jules Massenet (1842 bis 1912), und zum Abschluss erklingt die Tzigane von Maurice Ravel (1875 bis 1937). 
Im Beiheft berichtet die Geigerin, dass sie große Lust darauf hatte, all diese Raritäten einzuspielen, die heutzutage im Konzert nur selten zu hören sind. Üblicherweise, so Steinbacher, studieren Geiger dieses Repertoire in jungen Jahren, um ihre technischen Fertigkeiten daran zu schulen. Die großen Geiger der Vergangenheit, wie Kreisler, Menuhin oder Heifetz, spielten solche Stücke ganz selbstverständlich in ihren Konzertprogram- men, oftmals in eigenen Bearbeitungen. Derzeit gilt das als unangemessen, als unseriös; die meisten Musiker bevorzugen daher Konzerte und Sonaten. 
Das ist ziemlich schade, wie diese CD beweist. Denn geigerische Zirkus- kunststückchen, brillant und mit Geschmack vorgetragen, können durchaus vergnüglich sein. Arabella Steinbacher musiziert klangschön auf ihrer Booth-Stradivari aus dem Jahr 1716, unterstützt vom Orchestre Philharmonique de Monte-Carlo unter Lawrence Foster. Ihr Ton ist hell, klar und beseelt; mitunter freilich auch ein wenig zu brav und harmlos. Zigeunerklänge und tosende Leidenschaften sind ihre Sache eher nicht, aber wenn es um lyrischen Ausdruck geht, dann ist sie in ihrem Element. Wie sie die Lerche zum Himmel hinaufschweben lässt, das ist großes Kino. 

Mittwoch, 10. Juli 2013

Wagner: Parsifal (Pentatone Classics)

Die letzte Oper von Richard Wagner hat es in sich: Eigentlich geschieht fast nichts, und das vier Stunden lang. Dabei treten Figuren auf, die alle einen Knacks weg ha- ben – mindestens. Da ist der Grals- könig Amfortas, in dessen Monolo- ge aus gutem Grund mehrfach die Musik Klingsors einbricht. Da ist der Ritter Gurnemanz, zuständig eher für die praktischen Dinge, eine Mutter der Kompanie ohne Sinn für Transzendentes – und trotzdem hat ausgerechnet er die umfangreichste Partie in dieser Oper. 
Da ist Klingsor, der eigentlich auch gern einer der Gralsritter wäre, aber es nicht werden darf, denn er hat sich entmannt, um nicht in Versuchung zu geraten. Er wird abgewiesen, weil die Ritter darin nicht Konsequenz, sondern einen Mangel an Charakterstärke sehen. 
Daraufhin wendet er sich der Magie zu, und in seinem Zauberreich sündigt prompt Amfortas – was ihm die Wunde einbringt, um die sich in dieser Oper alles dreht. 
Zu Klingsors Personal gehört auch Kundry, eine der peinlichsten Frauengestalten der Musikgeschichte überhaupt, und – abgesehen von den Zaubermädchen Klingsors sowie der Mutter des Titelhelden, die aber nur in Erzählungen präsent ist – die einzige weibliche Gestalt in dieser Oper. Parsifal selbst mordet sich fröhlich durch seine Tage. Das beginnt mit dem Schwan, den er im heiligen Tempelbezirk abschießt, und endet ganz sicher nicht damit, dass er Klingsor samt seiner Zauberwelt in Schutt und Asche legt. Das eigentliche Wunder an dieser Oper ist Wagners Musik, die es fertigbringt, dass wir all diesen seltsamen Mumpitz ertragen – und berührt sind, anstatt laut loszulachen. 
Wagners Parsifal ist ohne Zweifel eine Herausforderung für ein En- semble. Marek Janowski hatte das „Bühnenweihfestspiel“ – so nannte Wagner sein Werk – in seinem Wagner-Zyklus mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin gleich an zweite Stelle gesetzt. Und der Live-Mitschnitt der konzertanten Aufführung vom 8. April 2011 ist wirk- lich ein Erlebnis. 
Es ist erklärtermaßen die Absicht Janowskis, Wagners Werke dem Publikum ohne Kompromisse, allein auf die Musik konzentriert, zu vermitteln. Beim Berliner Parsifal ist ihm das gelungen. Die Inter- pretation, die ziemlich nüchtern beginnt, entwickelt zunehmend Sog und Magie. Die Besetzung passt. Zu hören sind Jewgeni Nikitin als Amfortas, Dimitri Iwaschenko als Titurel, Franz-Josef Selig als Gurnemanz, Christian Elsner als – ganz hervorragender – Parsifal, Eike Wilm-Schulte als Klingsor und Michelle DeYoung als Kundry. Doch auch die Gralsritter, Knappen und Blumenmädchen sind ausgezeichnet gesungen. Der eigentliche Star des Abends aber war einmal mehr der Rundfunkchor Berlin. So kraftvoll und präzise dürften die Chöre der Gralsritter selten erklungen sein. All das macht diese vier CD unbedingt hörenswert – meine Empfehlung! 

Sonntag, 30. Juni 2013

Wagner: Tristan und Isolde (Pentatone)

Die Musik und nur die Musik steht im Mittelpunkt des konzertanten Wagner-Zyklus, den das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin und Ma- rek Janowski im November 2010 mit der Oper Der fliegende Hollän- der begonnen haben. Der Dirigent ist ganz Herr des Geschehens; er muss sich nicht mit „fachfremden“ Ideen herumplagen, wie denen eines Regisseurs. Aber es lastet damit auch die Verantwortung für das Gelingen der Einspielung sehr weitgehend auf seinen Schultern. 
Das kann gutgehen – muss es aber nicht, wie der Mitschnitt der konzertanten Aufführung von Wagners Oper Tristan und Isolde vom 27. März 2012 zeigt. Es ist bislang die schwächste Aufnahme des Berliner Wagner-Zyklus. 
Zwar steht Janowski für dieses Projekt die internationale Wagner-Sängerelite zur Verfügung. Doch Stephen Gould als Tristan, das ist für meine Ohren ein Totalausfall. Einen solchen Umgang mit einer Partie habe ich selbst in der tiefsten sächsischen Provinz jahrzehntelang nicht mehr erlebt. 
Außerordentlich spannend besetzt sind hingegen die Isolde und die Brangäne. Nina Stemme ist eine grandiose Isolde – kein unbedarftes Königstöchterlein, sondern ziemlich handfest, und voll Leidenschaft. Ihr Sopran klingt dunkler, erfahrener, emotionaler als die Stimme ihrer Vertrauten Brangäne, die hier mit einem schlanken, hellen Timbre überrascht. Die südafrikanische Mezzosopranistin Michelle Breedts zeigt in dieser Rolle zudem, dass Wagners Wurzeln im Belcanto zu finden sind – und wie! Die beiden Damen singen zu hören, das ist ein Erlebnis. Auch Kwangchul Youn als Marke und Johan Reuter als Kurwenal sind große Klasse. 
Rundfunkchor und Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin agieren mit gewohnter Präzision. Allerdings hat Janowski mit Wagners Musik diesmal so seine Probleme. Wer Klangrausch sucht und knisternde Erotik, der wird sich verwundert die Augen reiben. Denn hier wird im Detail wunderschön, aber oft auch verblüffend zügig und seltsam steif musiziert. Janowski setzt auf Struktur statt auf Glut. Spannung kann sich so nicht aufbauen. 

Sonntag, 16. September 2012

Wagner: Die Meistersinger von Nürnberg (Pentatone)

Marek Janowski und das Rund- funk-Sinfonieorchester Berlin (RSB) setzen den konzertanten Wagner-Zyklus mit zehn bedeu- tenden Bühnenwerken fort. Bei Pentatone sind vor einiger Zeit Die Meistersinger von Nürnberg er- schienen. Es handelt sich um den Livemitschnitt der Aufführung vom 3. Juni 2011 - und man muss sagen: Da ist dem Ensemble ein großer Wurf gelungen. 
Das beginnt bei der wirklich erst- klassigen Besetzung, bis hinein in die kleinste Nebenrolle. Albert Dohmen ist ein grandioser Hans Sachs, doch selbst für den Nacht- wächter fand sich mit Matti Salminen ein großartiger Solist. Eigentlich müsste man hier die ganze Sängerriege preisen, die an dieser Aufnah- me mitgewirkt hat. Doch wer die Meistersinger kennt, der weiß um die Länge der Namensliste. So seien hier stellvertretend noch Robert Dean Smith als Ritter Walther von Stolzing benannt, der mit seinem Tenor das Ensemble angemessen überstrahlt, Edith Haller und Michelle Breedt als Eva und Magdalena. Erfreulich ist zudem, dass Dietrich Henschel den Sixtus Beckmesser ziemlich ernsthaft singt, und es weitgehend der Musik überlässt, aufzuzeigen, wie komisch dieser Stadtschreiber ist. Im deutschen Stadttheater wird diese Rolle bedauerlicherweise oft zur Knallcharge - hier kann man erleben, wieviel Potential sie eigentlich hat. 
Großartig sind auch die Chöre, die der Rundfunkchor Berlin, bestens präpariert durch Chorleiter Eberhard Friedrich, kraftvoll und lustvoll zelebriert. Und Marek Janowski ist auf dem besten Wege, mit dem RSB eine Legende zu erschaffen. Statt die Ohren mit Geheimnis- gewaber und Klangmulm zuzukleistern, erfreut dieser Dirigent durch Strukturen; an die Seite der Leitmotive stellt Janowski die Klangrede - was sich bei dieser Oper geradezu anbietet. Köstlich gelingt so die Szene vor Sachs' Werkstatt, wo Eva erst versucht, den Meister auszu- horchen, dann auf Walther trifft, wo Beckmesser sein Ständchen leiert - ständig gestört von den Hammerschlägen des Schusters - und schließlich die Prügelei losbricht, wohl nicht so ganz zufällig, wie die Musik verrät. Das alles wird phänomenal differenziert umgesetzt; man fühlt sich manchmal beinahe wie in einem Hörspiel. So lebendig war Wagner selten zu hören. Auf die Aufführung des gesamten kompletten Ring des Nibelungen in der Saison 2012/13, zum 200. Geburtstag Richard Wagners, darf man sich schon freuen. Janowski hat den Ring in den 80er Jahren bereits einmal mit der Staatskapelle Dresden ein- gespielt. Diese Version gilt bis heute als Referenzaufnahme. 

Sonntag, 5. August 2012

Tango Royal - Carel Kraayenhof (Pentatone Classics)

Tango trivial, in seiner verkitschten Form. So also klingt das, wenn Musik, die einst in argentinischen Bordells gespielt wurde, bei Hofe angekommen ist. Dass dieser Tanz einmal als "sündhaft" galt, wird man nicht glauben, wenn man diese CD hört. Statt knisternder Spannung gibt's Geigengeschluchze und Gesang. Piazzolla würde staunen - denn soviel Weichspüler war nie. Und auch wenn die Musiker durch- weg ihr Handwerk verstehen, finde ich das Ergebnis schwer erträglich. 

Mittwoch, 6. Juni 2012

Wagner: Der fliegende Holländer (Pentatone)

Einen konzertanten Wagner-Zyklus haben das Rundfunk-Sinfonie- orchester Berlin und Marek Ja- nowski vor zwei Jahren mit der Oper Der fliegende Holländer be- gonnen. Der Mitschnitt der konzer- tanten Aufführung vom 13. No- vember 2010 ist mittlerweile bei Pentatone Classics erschienen.
Der Dirigent hat bereits einen Ring mit der Staatskapelle Dresden eingespielt, der viel Lob erhielt - und auch viel Bedauern, weil hier und da ein Sänger nicht ganz so perfekt passte. Für den Berliner Wagner-Zyklus hingegen steht Janowski die internationale Wagner-Sängerelite zur Verfügung. Und weil auf eine szenische Deutung verzichtet wird, konzentriert sich diese Aufführung allein auf die Musik. 

Das hat Vorteile. So wird die Kontemplation des Zuhörers nicht durch schnöde Bühnengeräusche gestört. Und der Dirigent ist ganz Herr der Interpretation; er muss sich nicht mit beispielsweise einem Regisseur abstimmen, der möglicherweise Figuren und Situationen ganz anders anlegen möchte. Hier zählt die Partitur - und nur die Partitur. Nie zuvor hat man beispielsweise eine Senta und einen Holländer gehört, die im großen Duett, im zweiten Akt, derart aneinander vorbeisingen. Das hat Format. Und musiziert wird durchweg großartig, das Orche- ster folgt Janowski mit einer Hingabe, die sich auszahlt. 
Die Sänger sind ganz überwiegend exzellent, allen voran Matti Salmi- nen, der seinen Daland als braven Familienvater singt, durch und durch bieder, und auf Sicherheit und Wohlstand bedacht. Während er die Schätze des Holländers betrachtet und ihm von seiner Tochter schwärmt, kommt ihm gar nicht in den Sinn, dass er sie soeben ver- schachtert wie eine Ware. 
Albert Dohmen als Holländer hat die notwendige Tiefe und Leiden- schaft; Überdruss und Verzweiflung nimmt man ihm ab. Das gilt übrigens auch für den Jäger Erik, der hier von dem Tenor Robert Dean Smith kraftvoll männlich gezeigt wird und nicht als softer Jammerlappen, wie auf der Bühne nur zu oft zu erleben. Gegen das Traumbild aber kommt der Freund aus Kindertagen nicht an, und so scheitert sein Versuch, um seine Liebe zu kämpfen. 
Ricarda Merbeth singt die Senta; in der Spinnstube kann sie überzeu- gen, aber in den großen Ensembles hat die Stimme ihre Grenzen hörbar erreicht - und der Text, bei Wagner stets im Zentrum der Interpretation, wird vollkommen unverständlich. Schade. Gern lauscht man hingegen Silvia Hablowetz als Amme Mary und Steve Davislim als Steuermann. Diese beiden "kleinen" Partien sind absolut stimmig besetzt. 
Der eigentliche Star dieser Aufführung aber ist der Rundfunkchor Berlin, geleitet von Eberhard Friedrich. Die Chöre sind eine Wucht - und das ist eine Stärke dieser Aufnahme, denn einen derart großen Chor dieser Qualität können selbst bedeutende Opernhäuser übli- cherweise nicht bieten. 
Die Schwächen der Aufnahme? Nun, Wagners Holländer ist für die Bühne geschrieben. Seine Musik ist durch und durch szenisch. Und es ist doch zu spüren, dass aufgrund der konzertanten Aufführungs- situation die Intensität nicht das Niveau erreicht, das man von einem Opernabend erhofft. Das aber macht den eigentlichen Zauber einer solchen Aufnahme aus. Insofern kann ich die grenzenlose Begeiste- rung einiger Kritikerkollegen nicht wirklich teilen. 

Donnerstag, 23. Juni 2011

Mozart: The Violin Concertos; Fischer (Pentatone)

Die Geige ist das Instrument des jungen Wolfgang Amadeus Mozart. Der Sechzehnjährige wurde 1772 vom Salzburger Erzbischof Collo- redo als Konzertmeister engagiert. Ein Blick auf diese Box macht deutlich, wie viele Werke er in den darauffolgenden Jahren für dieses Instrument schuf.
Doch nach seiner Paris-Reise 1777/78 wird aus diesem Schaf- fensstrom ein Rinnsal. Mozart hat die Geige an den Nagel gehängt. Er erkundete statt dessen lieber das Hammerklavier, das sein neues Medium wird. Der Grund dafür wird uns unbekannt bleiben; Mozarts Vater, der ein berühmter Geigen- lehrer war, mahnte den Sohn jedenfalls vergebens.
Julia Fischer hat gemeinsam mit dem Netherlands Chamber Orchestra unter Yakov Kreizberg sämtliche Violinkonzerte Mozarts nebst Sinfonia concertante, Adagio, Rondo und Concertone ein- gespielt. Die junge Solistin – Jahrgang 1983, seit 2006 lehrt sie als Professorin an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt/Main – setzt ganz auf einen schlanken, konzentrierten Ton. Sie spielt Mozarts Violinkonzerte beinahe, als wären es Opernarien, und stellt die Virtuosität ganz in den Dienst der Melodie. Man hört ihr gern zu, denn sie absolviert selbst die schwierigsten Passagen mit spielerischer Leichtigkeit, und lässt ihre Guadagnini von 1742 singen. So schön kann Mozart sein.

Donnerstag, 19. August 2010

Tartini: 3 Violin Concertos (Pentatone Classics)

Giuseppe Tartini hat nahezu aus- schließlich Werke für sein Instru- ment komponiert - die Violine, für die er mehr als 200 Sonaten schrieb, und über 125 Konzerte. Drei davon enthält diese Super Audio CD - die Violinkonzerte in A-Dur, D.96, in B-Dur, D.117 und in G-Dur, D.78. "Per bon sonare, bisogna bon cantare", soll Tartini einst gesagt haben - um gut zu klingen, muss man gut singen. 
Das fiel Salvatore Accardo nicht schwer, der diese Aufnahme 1973 mit den I Musici eingespielt hat. Sie ist wirklich zauberhaft, und deshalb ist es sehr erfreulich, dass Pentatone Classics sie jetzt  wieder zugänglich macht - zumal sie obendrein perfekt Quadro-remastered wurde. Hörvergnügen garantiert!

Sonntag, 27. Juni 2010

Mozart: Complete Church Sonatas (Pentatone Classics)

Hieronymus Graf Colloredo, Fürsterzbischof  von Salzburg, pflegte die Tradition, nach der Epistel anstelle des gesungenen Graduale eine Epistelsonate spielen zu lassen. Mozarts Dienstherr hatte zudem eine klare Vorstellung davon, wie diese Werke beschaffen zu sein hatten: Kurz sollten sie sein; denn die ganze Messe durfte nicht länger als eine Dreiviertelstunde dauern.
Mozart fand dafür außerordentlich kreative Lösungen - und Daniel Chorzempa hat sie 1972 mit den Deutschen Bachsolisten unter Helmut Winschermann für eine Gesamtaufnahme eingespielt. Was für eine zauberhafte Doppel-Super-Audio-CD! Glasklarer, durchhörbarer Klang, Charme und Witz. Und was für ein Instrument! Die Orgel der Zisterzienser Stiftskirche in Wilhering bei Linz an der Donau wurde 1746 von Nikolaus Rummel sen. erbaut und ist bis heute im Originalzustand erhalten. Ihr Klang ist hell, lebendig und frisch; was perfekt zu Mozarts Musik passt.
Der Komponist schuf neben seinen 17 Kirchensonaten übrigens nur noch drei weitere Werke für mechanische Orgel. Für die Königin der Instrumente hingegen schrieb der Hoforganist kein einziges Stück.