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Samstag, 16. Mai 2020

Danny Elfman (Sony)

1111 Takte lang ist das Violinkonzert, das Danny Elfman für Sandy Cameron geschrieben hat. Der Komponist, der aus Los Angeles stammt, ist bislang vor allem mit Filmmusik in Erscheinung getreten. Er schuf die Filmmusiken unter anderen für Batman, Nightmare before Christmas, Men in Black, Desperate Housewives oder die berühmte Titelmusik zu The Simpsons. Für sein Schaffen wurde Elfman mit Emmys und Grammys ausgezeichnet. 
„A few years ago I came to the conclusion that I didn’t just want to write orchestral music totally free from the influence of film, I virtually had to in order to keep my sanity”, meint Elfman. Der Komponist beschloss daher, in jedem Jahr eine Auszeit zu nehmen, um Musik für den Konzertsaal zu schreiben.
Die Idee, ein Violinkonzert für Sandy Cameron zu schaffen, entstand, nachdem er die Solistin bei einem Konzert in Prag erlebt hatte, wo sie den Komponisten mit einer Kadenz sehr beeindruckte. Dieses Vorhaben freilich hatte seine Tücken: „The violin is, to me, a very intimidating solo instrument, and violin concertos were not part of my repertoire of classical music listening”, berichtet Elfman.  „So of course I agreed to write one. The challenge was too great to pass up. Having no clue what really entailed, I felt that somehow I would figure out exactly how to write a violin Concerto, later…” 
Als der Termin dann herankam, begann Elfman, jede Menge Violinkonzerte anzuhören und zu studieren, um von den Klassikern zu lernen. „One thing became abundantly clear“, stellte Elfman fest: „writing a violin concerto would require far more discipline than anything I had done previously, and would be even more difficult to execute than I’d imagined.” 
Beim Komponieren arbeitete Elfman eng mit Cameron zusammen; die Solistin legte besonderen Wert darauf, dass die Musik sowohl emotional als auch technisch anspruchsvoll wird. Der Komponist wiederum wollte ein Werk erschaffen, das sowohl Filmmusik-Fans als auch das typische Klassik-Publikum anspricht. 
Beides ist gelungen. Elfmans Musik ist ebenso anspruchsvoll wie ausdrucksstark. Sie ist farbenreich, mitunter poetisch, manchmal auch ironisch, doch oft auch dramatisch und kraftvoll, und fordert vom Solisten Virtuosität ebenso wie Emotion. Und die Interpretation durch Sandy Cameron, die hier mit dem Royal Scottish National Orchestra unter Leitung von John Mauceri musiziert, ist exzellent. 
Fast noch besser gefällt mir allerdings das Klavierquartett von Danny Elfman, das im zweiten Teil der CD zu hören ist. Es ist ein krasses Stück Moderne, und es wird vom Philharmonic Piano Quartet Berlin, bestehend aus Andreas Buschatz, Violine, Matthew Hunter, Viola, Knut Weber, Violoncello – allesamt Mitglieder der Berliner Philharmoniker – und dem Pianisten Markus Groh großartig vorgestellt. Das fünfsätzige Werk erinnert mich mehr an die Streichquartette von Dmitri Schostakowitsch als an Filmmusik, und es ist doch ganz klar ein Elfman. Überraschung! 

Samstag, 6. Juli 2019

Mozart: Piano Quartets K. 493 & K. 478 (Challenge)

Gleich drei Mitglieder der Familie Kuijken musizieren im gleichnamigen Quartett: Veronika Kuijken ist am Klavier zu hören, ihr Vater Sigiswald Kuijken spielt Violine und ihre Schwester Sara Kuijken Viola. Michel Boulanger übernahm den Violoncello-Part; lange Jahre saß hier Wieland Kuijken am Pult, doch der Bruder und Onkel musste nun altersbedingt passen. 
Subtil, perfekt aufeinander abgestimmt und mit wunderbarer Kantilene interpretiert das Kuijken-Quartett die Klavierquartette KV 493 und 478 von Wolfgang Amadeus Mozart. „Die beiden Klavierquartette, entstanden 1785 und 1786, sind allumfassend; sie verbinden den Reiz eines Miniatur-Klavierkonzertes einerseits und das Geheimnis und die Intimität der himmlischsten Kammermusik andererseits. Mozart schuf diese Gattung praktisch neu“, schreibt Veronika Kuijken im Beiheft der CD. „Seine Behandlung dieser vier Instrumente als gleichwertige Partner hatte es in der Tat zu seiner Zeit so noch nicht gegeben. Die Stille, (..) die ich im langsamen Satz des zweiten Klavierquartetts erfahre, ist wie Balsam, während mich die intensive Ausdruckskraft der beiden ersten Sätze sprachlos macht.“ Auch der Zuhörer erfreut sich an dem sensiblen Spiel der vier Musiker – das Album bietet Mozart so recht zum Genießen. 

Mittwoch, 2. August 2017

Mariani Klavierquartett - "Idee fixe" Vol. 1 (GWK Records)

Mit Klavierquartetten von Gabriel Fauré (1845 bis 1924) und seinem Schüler George Enescu (1881 bis 1955) startet das Mariani Klavier- quartett eine Folge von Aufnahmen, die sich offenbar damit auseinander- setzen soll, wie Komponisten ihr musikalisches Material organisieren. 
Den Begriff der Idée fixe – nicht ganz frei von Zweideutigkeit, denn er wird auch von der Psychiatrie verwendet – könnte man im Bereich der Musik vielleicht am ehesten auf das Leit- motiv, musikalischer Grundgedanke einer Komposition, beziehen. Der Einsatz von Leitmotiven ist eine Erfindung der Romantik; Louis Spohr beispielsweise hat sie genutzt, Carl Maria von Weber, Hector Berlioz, in seiner Symphonie fantastique, und César Franck, der wiederum ein Vorbild war für Gabriel Fauré. 
Damit sind wir bei dieser Einspielung angekommen. Sie beginnt mit Faurés Klavierquartett Nr. 2 g-Moll op. 45 aus dem Jahre 1886. Dieses Stück startet gewaltig, kraftvoll, sehr energisch. Und wenn Faurés Musik gelegentlich auch elegante, lyrische Passagen aufweist, so beeindruckt sie doch vor allem durch ihre orchestrale Wucht. Pianist Gerhard Vielhaber schafft dafür die klangliche Basis, doch im Klavierquartett ist sein Part letztendlich nicht der einer Begleitung, sondern vielmehr einer musika- lischen Partnerschaft mit den Streichern. Auch Philipp Bohnen, Violine, Barbara Buntrock, Viola, und Peter-Philipp Staemmler, Violoncello, musizieren großartig, mit beeindruckender Sensibilität und Intensität. 
Wie bewundernswert das Zusammenspiel der vier Quartettpartner funktioniert, das wird beim zweiten Werk auf der CD besonders deutlich. Das Klavierquartett Nr. 1 D-Dur op. 16 von George Enescu, Erstling des Komponisten in dieser Gattung aus dem Jahre 1909, ist nicht nur dem Umfang nach ein Solitär. Enescu hat seine Ideen recht penibel notiert – was von den Musikern große Aufmerksamkeit und enorme Präzision fordert. „Das Ergebnis ist ein Meisterwerk der Polyphonie“, so beschreibt es Pianist Vielhaber in seinem Begleittext: „Der rote Faden wird von Instrument zu Instrument gereicht, so dass eine pulsierende räumliche Klangwelt entsteht, die einen vom ersten bis zum letzten Ton umgibt.“ Faszinierend. 

Donnerstag, 29. Juli 2010

Felix Mendelssohn Bartholdy: Piano Quartet / Piano Sextet (Genuin)

Obwohl Felix Mendelssohn Bartholdy nur 38 Jahre alt wurde, hat er ein sehr beachtliches Werk hinterlassen. Das liegt nicht zuletzt daran, dass er bereits im Kindes- alter begann, Musik zu komponie- ren. Einige dieser frühen Werke sind überliefert.
Wer die ersten Klavierquartette hört, der mag kaum glauben, dass dies Werke eines Teenagers sind. Diese CD beginnt mit dem Klavierquartett op. 3 in h-Moll, entstanden im Winter 1824/25 - da war Mendelssohn gerade einmal 15 Jahre alt. Uraufgeführt wurde es in Paris, wo der Junior vom stolzen Vater der dortigen Musikwelt präsentiert wurde. Auf der Rückreise besuchte die Familie Goethe, dem das Opus gewidmet ist - und natürlich erklang es am Frauenplan: "Felix produzierte sein neuestes Quartett zum Erstaunen von jeder- mann", schrieb der Dichter an seinen Freund Zelter, der auch der Lehrer des Jünglings war; "diese persönliche hör- und vernehmbare Dedikation hat mir sehr wohlgetan." 
Das Münchner Klaviertrio hat, verstärkt durch Musikerfreunde, im vergangenen Jahr bei den Münchner Opernfestspielen das Klavier- quartett sowie das Klaviersextett op. 110, das noch vor dem Quartett entstanden ist, gespielt. Es ist ein ganz erstaunliches Werk, das von den Streichern dominiert wird. Bei Genuin erschien der Live-Mit- schnitt von diesem Konzert in der Allerheiligen Hofkirche. 
Donald Sulzen, Klavier, Michael Arlt, Violine und Gerhard Zank, Violoncello werden unterstützt durch Tilo Widenmeyer und Ruth Elena Schindel, Viola, sowie Alexander Rilling, Kontrabass. Sie musizieren wie aus einem Guss, perfekt aufeinander abgestimmt; jeder Instrumentalist hat seine Soli, tritt aber dann wieder ins Accompagnato zurück. Vielleicht hätte das ganze musikalische Gewebe insgesamt ein bisschen luftiger sein dürfen - aber sonst bleiben hier kaum Wünsche offen.

Montag, 10. Mai 2010

Wunderkind - Mendelssohn Piano Quartets (Deutsche Grammophon)

Felix Mendelssohn Bartholdy war mehrfach zu Gast im Hause Goethe. Als Zwölfjähriger wurde er erst- mals durch seinen Lehrer Zelter bei dem Geheimen Rat vorgeführt, wo man ihn sorgsam prüfte - und bestaunenswert fand. Insbesondere das Klavierspiel und die Klavierquartette des Knaben beeindruckten die Weimarer. 
Zwei dieser Jugendwerke hat das Fauré Quartett hier eingespielt - das dritte Klavierquartett, eigentlich bekannt als Quartett
Nr. 2 f-Moll op. 2 (MWV Q 13), Zelter zugeeignet, und das vierte und letzte, Nr. 3 h-Moll op. 3 (MWV Q 17), gewidmet Goethe. 

Erika Geldsetzer, Violine, Sascha Frömbling, Viola, Konstantin Heid- rich, Violoncello und Dirk Mommertz am Flügel nehmen die Stücke mit Temperament und Esprit. Sie kommen federleicht daher, wie kleine Wölkchen am Junihimmel. Doch Vorsicht, diese Dingerchen haben es erstaunlich in sich. "Dieses ewige Wirbeln und Drehen führt mir die Hexentänze des Blocksbergs vor Augen", meinte Goethe seinerzeit zum dritten Satz "seines" Quartettes. Die Musiker wahren die Balance, und zeigen uns zwei wunderhübsche, poetische Werke, die man wieder und wieder hören möchte.