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Montag, 9. August 2021

Le Violoncelle à l'École de Paris (Oehms Classics)

 

Der erste Weltkrieg hat Europa verändert. Insbesondere das Bürgertum orientierte sich neu, und talentierte Musiker aus Osteuropa zog es nun verstärkt nach Paris. Der Cellist Wen-Sinn Yang hat gemeinsam mit Oliver Triendl, Klavier, eine Auswahl an Werken zusammengestellt, die deutlich macht, wie diese jungen Komponisten die europäische Musik beeinflusst haben. 

Er konzentrierte sich dabei auf eine Gruppe von Musikern, für die der Verleger Michel Dillard, der sich auf die Verbreitung von Werken in Paris lebender ausländischer Komponisten spezialisiert hatte, 1925 den Begriff École de Paris kreierte. Zu hören sind Werke des Ungarn Tibor Harsányi (1898 bis 1954), des Polen Alexandre Tansman (1897 bis 1986), des Tschechen Bohuslav Martinů (1890 bis 1959), des Russen Alexander Tcherepnin (1899 bis 1977) und des Rumänen Marcel Mihalovici (1898 bis 1985). Sie alle sind – mit Ausnahme von Martinů, der letztendlich in der Schweiz lebte – bis an ihr Lebensende in Paris geblieben. 

Gemeinsam ist ihnen allen, dass sie ihrer Herkunft musikalisch stets verbunden geblieben sind. So haben sie sich darum bemüht, zentrale Elemente der schwer notierbaren Volksmusik ihrer jeweiligen Heimat in die allgemeine Notenschrift zu übertragen. Auch in den ausgewählten Werken, die teilweise renommierten Solisten wie Gregor Piatigorsky oder Pablo Casals gewidmet sind, finden sich Spuren dieses Ringens. 

Es sind hochinteressante Kompositionen, die Wen-Sinn Yang gemeinsam mit Oliver Triendl auf diesem Album vorstellt. Die beiden Musiker machen mit dieser Einspielung deutlich, dass die Musik der École de Paris sehr zu unrecht viel zu wenig beachtet wird. So sind einige Werke auf dieser CD in Ersteinspielung zu hören. Dass auch die Interpretation erstklassig ist, versteht sich bei diesem Künstlerduo quasi von selbst. Unbedingte Empfehlung! 


Donnerstag, 28. November 2019

Saint-Saens: Works for Violin and Orchestra (Naxos)

Mit Leidenschaft, feinem Sinn für musikalische Differenzierung und technischer Brillanz begeistert Tianwa Yang auch bei dieser CD mit Musik von Camille Saint-Saëns (1835 bis 1921). Die Solistin musiziert hier gemeinsam mit dem Malmö Symphony Orchestra, das von Marc Soustrot dirigiert wird. Introduction et Rondo capriccioso op. 28, Caprice andalou op. 122 oder die Havannaise in E-Dur op. 83 profitieren von Yangs ganz besonderer Beziehung zu spanischer Musik. Bei La Muse et le Poète op. 132 ist einmal mehr auch der Cellist Gabriel Schwabe zu hören, der sich erneut als ein grandioser Duo-Partner erweist. Einen weiteren Glanzpunkt setzt die Solistin im Morceau de concert in G-Dur op. 62; dieses Meisterwerk würde man auch im Konzert gern öfters hören. 

Brahms: Violin Concerto / Double Concerto (Naxos)

Dass Tianwa Yang auch Standardrepertoire kann, zeigt sie beim Violinkonzert von Johannes Brahms (1833 bis 1897). Dieses spielt sie wirklich phänomenal; sie musiziert technisch brillant, klug strukturiert und mit herrlichem, beseelten Ton. Unterstützt wird sie dabei durch das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin unter Antoni Wit, das in der bewährten Akustik der Berliner Jesus-Christus-Kirche seinen Part zu dieser Aufnahme beiträgt, die an Klangschönheit kaum zu übertreffen ist. Auf der CD erklingt zudem Brahms' populäres Doppelkonzert, das Tianwa Yang gemeinsam mit dem Berliner Cellisten Gabriel Schwabe interpretiert. Wie diese beiden Solisten miteinander in den Dialog treten, das ist einfach großartig. Eine Einspielung, die bis zur letzten Note spannend bleibt. 

Lalo: Symphonie espagnole (Naxos)

Unter den derzeit amtierenden Geigenvirtuosen ist Tianwa Yang eine Klasse für sich. Drei Aufnahmen liegen vor mir auf dem Schreibtisch, auf denen sich die Violinistin sehr unterschiedlichem Repertoire zuwendet. Doch sie musiziert stets mit unglaublicher Energie, mit sagenhaftem Elan, und mit einer Technik, die ihr alle Freiheiten gibt. Bei Tianwa Yang sitzt jeder Akkord und jeder Akzent, nichts ist hier Zufall – und doch wirkt das alles so gelöst, so entspannt, dass man nur staunen kann. 
Faszinierend ist insbesondere auch jenes Album, mit dem Tianwa Yang zwei höchst virtuose Violinkonzerte aus Spanien vorstellt: Auf dem Programm stehen das Concierto español, das der Geiger Joan Manén (1883 bis 1971) einst für sich selbst geschrieben hat, und die Symphonie Espagnole, komponiert seinerzeit von Édouard Lalo (1823 bis 1892) für seinen Freund Pablo de Sarasate. Beide Konzerte bestechen durch melodischen Reichtum und spanisches Kolorit; das Konzert von Manén bietet dazu außerdem noch eine gehörige Portion Hollywood-Romantik. Kaum zu glauben, dass dieses Violinkonzert von einem Fünfzehnjährigen (!) komponiert wurde. 
Eingespielt hat Tianwa Yang die beiden Konzerte mit dem Orquestra Simfònica de Barcelona i Nacional de Catalunya, und am Pult steht ihr mit Darrell Ang dabei einer der besten jungen Dirigenten zur Seite. Beim renommierten Besançon Dirigierwettbewerb war es ihm gelungen, alle drei Hauptpreise zu erringen. Mit dieser Aufnahme nun veranlassten die Musiker die Musikkritik zu Lobeshymnen. Ihre Interpretation von Lalos Symphonie espagnole gilt zu Recht als neue Referenzaufnahme. Und dem ersten der drei Violinkonzerte von Joan Manén haben sie mit dieser CD wohl wieder den Weg auf das Konzertpodium gebahnt – danke für die Wiederentdeckung!

Dienstag, 9. Juli 2019

Raphaela Gromes - Offenbach (Sony)

In diesem Jahr feiert die Musikwelt den 200. Geburtstag des Komponisten Jaques Offenbach (1819 bis 1880). Über den Lebensweg des Jubilars, der in Köln als Jakob Offenbach zur Welt kam, wurde in diesem Blog bereits an anderer Stelle berichtet. Bevor der Musiker für die Bühne komponierte, hatte er selbst bereits eine ziemlich erfolgreiche Karriere als Cellist: „Er ist groß, mager und außerordenlich bleich“, so schrieb die Pariser Zeitschrift L'Artiste im Jahre 1843 über Offenbach. „Wenn sein Bogen die Saiten vibrieren lässt, dann scheint sich zwischen dem Künstler und seinem Instrument eine jener geheimnisvollen Beziehungen anzubahnen, von denen Hoffmann so wundervoll erzählt hat. Mit seinen langen Haaren, seinem schmalen Wuchs und seiner geistvollen Stirn könnte man ihn für eine Gestalt aus den phantastischen Erzählungen Hoffmanns halten. Mit einem Wort, er wird der Liszt des Violoncellos sein, oder vielmehr, er ist es schon.“ 
Und so ist es überaus erfreulich, dass Raphaela Gromes nun zum Jubiläum ein Album vorlegt, das uns Jacques Offenbach als Cellisten zeigt. Denn wenn man diese exquisite Musik hört, dann fragt man sich, warum diese Kompositionen nicht sehr viel bekannter sind. Kaum zu glauben – doch die letzte größere Einspielung mit Stücken des Komponisten für Cello und Klavier erschien vor sagenhaften 40 Jahren! 
Seitdem sind einige Manuskripte wiederentdeckt worden, so dass Raphaela Gromes mit ihrem langjährigen Klavierpartner Julian Riem auf dieser CD eine virtuose, von Offenbach noch in Köln komponierte Tarantelle in Weltersteinspielung präsentieren kann. 
Zu den ausgewählten Werken des Komponisten für Cello und Klavier gehören zudem Danse bohémienne, Deux Âmes au ciel, Introduction et valse mélancolique, Rêverie au bord de la mer, La Course en traîneau sowie die Elegie Les Larmes de Jacqueline. Offenbachs Musik beeindruckt mit Esprit, melodischer Schönheit und Raffinesse. Sie klingt, für mein Empfinden, eher nach Rossini als nach Liszt. 
An den Solisten stellen diese teilweise enorm anspruchsvollen Stücke hohe Anforderungen. Raphaela Gromes musiziert mit schönem Ton, mit Ausdruck und Spielfreude, dass es eine Freude ist. Und gemeinsam mit ihrem langjährigen Mentor, dem Münchner Cello-Professor Wen-Sinn Yang, spielt die junge Cellistin auch eines von Offenbachs 36 Violoncello-Duos: Op. 54, Nr. 3 in E-Dur, ein ziemlich kapriziöses Stück – brillant und sehr reizvoll. Wer es weniger ausgefallen mag, der wird sich freuen, wenn ganz am Schluss Offenbachs wohl berühmteste Melodie erklingt, die Barcarolle aus der Oper Hoffmanns Erzählungen, in einem neuen Arrangement für zwei Violoncelli und Klavier von Julian Riem. Hinreißend! Bravi! 

Montag, 23. Juli 2018

Live from Taipei (Oehms Classics)

Der Cellist Wen-Sinn Yang war in der Saison 2016/17 Artist in Residence beim Taiwan Philharmonic in Taipei. Das Nationale Symphonieorchester (NSO) – unter diesem Namen ist es ebenfalls bekannt – gehört zu den besten Orchestern im asiatischen Raum. Es wird seit 2010 von dem Dirigenten Shao-Chia Lü geleitet. 
Er ist ein Meister der filigranen Gestaltung, mit einem ausgeprägten Sinn für Klangfarben und subtile Nuancen. Auf dieser CD sind drei Live-Mitschnitte von Cellokonzerten zu hören, die Wen-Sinn Yang mit dem NSO gespielt hat. Die Aufführungen wurden vom Publikum derart gefeiert, dass sich das Label Oehms Classics entschloss, sie zu veröffent- lichen.
Das lohnt sich durchaus. Insbesondere die Interpretation des Cellokon- zertes e-Moll op. 85 von Edward Elgar (1857 bis 1934) ist hochspannend; Yang und Lü setzen dabei in erster Linie auf Schönklang statt auf Drama. Das verleiht dem Stück eine erstaunliche Leichtigkeit, ohne jedoch oberflächlich zu wirken. Yang musiziert mit hellem, singenden Ton, schwungvoll, aber eher lyrisch und innig. Beim Cellokonzert von Robert Schumann (1810 bis 1856) ist mir das dann fast schon etwas zu viel Kantilene, und zu wenig dramatischer Kontrast. 
Das Cellokonzert von Erich Korngold (1897 bis 1957) ist kurz, aber rundum faszinierend. Es wird sowohl vom Solisten als auch vom Orchester hinreißend gespielt – man höre nur den Dialog zwischen Soloflöte und Solo-Cello, so ziemlich in der Mitte. Schon allein deswegen lohnt sich diese CD. Unbedingte Empfehlung! 

Donnerstag, 23. Juni 2016

Saint-Saens - Lalo - Martin (Oehms Classics)

Zwei renommierte Musiker präsentieren ein rein französisches Programm. Den Cellisten Wen-Sinn Yang und den Dirigenten Michael Hofstetter eint offenbar die Lust an Entdeckungen ebenso wie die Vorliebe für schnörkelloses Auf-den-Punkt-Musizieren. Der Solist hat mit dem Philharmonischen Orchester Gießen, das Hofstetter derzeit als Generalmusikdirektor leitet, roman- tisches Repertoire erkundet – und dabei Interessantes aufgespürt. 
Auf das berühmte Cellokonzert Nr. 1 a-Moll op. 33 von Camille Saint-Saëns (1835 bis 1921) folgt die Ballade für Cello und Orchester von Frank Martin (1890 bis 1974). Der Pfarrerssohn stammt aus Genf, er ist einer der bekanntesten Schweizer Komponisten. Seine ausdrucksstarke Ballade wird vom Violoncello dominiert; das Stück erscheint im Mittelteil geradezu dramatisch, doch dann endet es rundum harmonisch. Édouard Lalo (1823 bis 1892) ist in Lille geboren. Seine Familie kommt aus Spanien. Und als sein „wahres musikalisches Heimatland“ betrachtete Lalo Deutschland; er engagierte sich sehr dafür, das Publikum für die Werke der deutschen Romantik zu begeistern. In seinem Cellokonzert d-Moll hat all dies Spuren hinterlassen. Man hört Gitarrenklänge und spanische Leidenschaft, Melodien, die auch von Schumann stammen könnten – und im letzten Satz wird dann getanzt. 
Wen-Sinn Yang erweist sich einmal mehr als ein großartiger Cellist; technisch ist er jeder Herausforderung gewachsen. Und er gestaltet mit noblem Ton und mit Temperament, aber ohne Zuckerguss und ohne überzogenes Pathos. Damit liegt er hörbar auf einer Linie mit Hofstetter. Bravi! 

Samstag, 10. Oktober 2015

Souvenirs - Musiktage with Rudens Turku & friends (Oehms Classics)

Souvenirs heißt eine neue CD aus dem Hause Oehms Classics. Sie enthält Aufnahmen, die in einem Zeitraum von drei Jahren entstanden sind, als ein klingendes Andenken an Konzerte bei den Starnberger bzw. Seefelder Musiktagen. Dieses Musikfest, ins Leben gerufen und geleitet von dem Geiger Rudens Turku, bringt alljährlich gestandene Musiker, Studierende und Dozenten sowie natürlich das Publikum zusammen. Einige Ausschnitte aus dem umfangreichen Programm, das neben Konzerten auch beispielsweise Meisterkursen und Vorträge beinhaltet, sind nun auf dieser CD zu hören. Die Auswahl der Stücke hat sehr viel Charme, und die Liste der Mitwirkenden ist ebenso lang wie illuster. Zu hören sind András Adorján, Flöte, Rudens Turku und Lena Neudauer, Violine, Franz Halasz, Gitarre, Malte Refardt, Fagott, Wen-Sinn Yang, Violoncello und Yumiko Urabe sowie Adrian Oetiker, Klavier. Diese exzellenten Musiker bereiten dem Zuhörer ein grandioses Musikfest; die Programmfolge wirkt fast wie ein Hauskonzert – aber was für eines! Unbedingt anhören! 

Donnerstag, 16. Juli 2015

Visions - Chamber Musik by Franz Liszt (Oehms Classics)

Wer Lust hat auf eine große Portion Pathos, der sollte sich eine CD aus dem Hause Oehms Classics anhören: Ingolf Turban, Violine, Wen-Sinn Yang, Violoncello, und Lukas Maria Kuen spielen Kammermusik von Franz Liszt (1811 bis 1886). Bei den Streichquartetten werden sie zudem durch Barbara Turban und Martin-Albrecht Rohde unterstützt. Die Musiker gestalten phantastisch; sie haben Mut zum ganz weiten Atem, aber sie spielen zugleich immer delikat, nie überzogen. 
Damit ermöglichen sie auch dem Zuhörer so manche Entdeckung: Die Werke des Komponisten für Streicher sind wenig bekannt, aber dennoch erstaunlich reizvoll. Es sind teilweise frühe Kompositionen, inspiriert durch die Begegnungen mit Paganini, Berlioz und Chopin sowie durch die Gedichte Lamartines. Nachdem Liszt sich entschieden hatte, wieder Konzerte zu spielen, entstanden weitere Musikstücke, beispielsweise das Klaviertrio Pester Karneval, die ungari- sche Melodien in die europäische Musik integrierten. 
In späteren Jahren wurden die Streicher für Liszt zum Medium der Klage. Seine Erste und Zweite Elegie für Violoncello und Klavier sind Klage- gesänge, und der Valse Caprice aus den Soirées de Vienne, nach dem neunten der Valses nobles von Franz Schubert, wirkt in diesem Umfeld wie ein Totentanz. Das Arrangement für die Geige stammt in diesem Falle von David Oistrach, und nicht von Liszt selbst. 
Die Musik aus den achtziger Jahren hat Liszt selbst „Totenkammerstücke“ genannt. In ihnen erklingt das Echo einer Reise nach Venedig, wo Liszt im Dezember 1882 den kranken Richard Wagner besucht hat. La lugubre gondola nimmt bereits die letzte Reise in der Trauergondel vorweg. Im Februar 1883 starb Wagner, und sein Leichnam wurde aus Venedig zur Beisetzung nach Bayreuth gebracht. RW – Venezia ist Liszts Reaktion auf die Nachricht vom Ableben des Freundes. Es ist das einzige „reine“ Klavierstück auf dieser CD, doch es gehört an diese Stelle und erleichtert dem Hörer ohne Zweifel auch den Zugang zu den anderen Spätwerken. Die CD endet konsequenterweise mit dem Streichquartett Am Grabe Richard Wagners – zur Totenfeier im Mai 1883 in der ursprünglichen Klavier- fassung von Liszt in Weimar gespielt. Der Quartettsatz erinnert an Lohengrin und Parsifal; mit seinen ätherischen Klängen weist er in ein Jenseits, das doch Erlösung verheißt.

Sonntag, 24. Mai 2015

Recital for Cello & Piano (Oehms Classics)

Wen-Sinn Yang, Professor für Violoncello an der Hochschule für Musik und Theater München, präsentiert hier gemeinsam mit dem Pianisten Adrian Oetiker, der ebenfalls an dieser Hochschule lehrt, ein perfektes Konzertprogramm. Man glaubt es kaum, doch diese Aufnahmen sind im Studio 2 des Bayerischen Rundfunks entstanden. 
Drei bedeutende Werke spielen die beiden Musiker – die Sonatine für Violoncello und Klavier von Zoltán Kodály (1882 bis 1967), die Arpeggione-Sonate D 821 von Franz Schubert (1797 bis 1828) und die Sonate für Pianoforte und Violoncello b-Moll op. 8 von Ernst von Dohnányi (1877 bis 1960). 
Kodály verknüpft in seiner Sonatine ungarische Melodien mit französi- schem Esprit. Dieses eigenwillige Werk, dahingetupft im Stile des Impressionismus, hält im Dialog der beiden Instrumente so manche Überraschung für den Hörer bereit. Bekannter ist die Sonate, die Franz Schubert einst für ein neues Streichinstrument geschrieben hat. Der Arpeggione, offenbar eine Kreuzung aus Gitarre und Cello, konnte sich nicht durchsetzen – Schuberts Musik aber wird sowohl von den Bratschern als auch von den Cellisten sehr geschätzt. Yang macht dieses Werk zum Ereignis; sein Cello-Ton ist wundervoll, unverkennbar, eher schlank und hell. 
Durch Beethoven und Brahms inspiriert ist die Sonate von Dohnányi. Und weil zu einem Konzert natürlich auch Zugaben gehören, spielen die beiden Musiker dann noch, ganz klassisch, das Tambourin chinois op. 3 von Fritz Kreisler 1875 bis 1926), eine Bearbeitung der bekannten Melodie des Figaro aus Rossinis Barbier von Sevilla von Mario Castelnuovo-Tedesco (1895 bis 1968) und die Feldeinsamkeit op. 86 Nr. 2 von Johannes Brahms (1833 bis 1897). 

Mittwoch, 31. Dezember 2014

Popper: Cello Concertos 1-3 (cpo)

David Popper (1843 bis 1913), Sohn eines Prager Synagogenkantors, erhielt seine Ausbildung am Prager Konservatorium bei dem Cellisten August Julius Goltermann. „Famoser Ton, große Technik“, so rühmte Hans von Bülow bereits den 21jährigen. Mit gerade einmal 25 wurde Popper Solo- cellist der Wiener Hofoper – und fünf Jahre später sah er sich gezwungen, diese Stelle wieder aufzugeben, weil der Dienst im Orchestergraben mit seinen solistischen Ambitionen nicht länger zu vereinbaren war.
Popper war aber nicht nur einer der bedeutenden Virtuosen seiner Zeit. Er hat obendrein das Repertoire für „sein“ Instrument um diverse Kompositionen bereichert – darunter nicht nur vier Konzerte und diverse Etüdenbände, sondern auch Miniaturen, wie Gavotten, Polonaisen und dergleichen. Und er hat über seine Schüler und Enkelschüler, die teilweise selbst großartige Lehrer wurden, Generationen von Cellisten mit geprägt. Denn ab 1896 unterrichtete Popper als Professor an dem von Franz Liszt gegründeten Konservatorium in Budapest. Gefeiert wurde er übrigens auch als Kammermusiker, zunächst als Mitglied im Hellmesberger-Quartett, und später dann mit dem Hubay-Popper-Quartett, das er in Budapest gemeinsam mit dem Violinisten Jenö Hubay gründete.
Die ersten drei der vier Violoncello-Konzerte von David Popper hat Wen-Sinn Yang 2011 gemeinsam mit dem WDR Funkhausorchester Köln unter Leitung von Niklas Willén eingespielt; sie sind kürzlich als CD bei cpo erschienen. Es ist frappierend, wie stark die zunehmende Erfahrung Poppers seine musikalische Handschrift geprägt hat. Das erste Konzert
op. 8, entstanden noch während seiner Tätigkeit an der Wiener Hofoper, ist zwar von hohem Anspruch, aber es wirkt auch mitunter etwas akade- misch – es handele sich um einen „typischen Fall von jugendlichem Leichtsinn“ zitiert das Programmheft den Solisten der vorliegenden Aufnahme. Wen-Sinn Yang gelingt es aber im Zusammenspiel mit dem WDR Funkhausorchester, dieses Jugendwerk so spannend zu inter- pretieren, dass man seine Längen gar nicht bemerkt. Technische Klippen scheinen für den Cellisten ohnehin nicht zu existieren. Yangs Ton ist wundervoll, und seine Phrasierung ist schlicht grandios.
Dem zweiten Konzert Poppers, op. 24 aus dem Jahre 1880, hört man seine Erfahrung als reisender Virtuose bereits an. Es ist längst nicht mehr so brav; auch Yang zeigt hier Temperament und Sinn für Dramatik. Das dritte Konzert op. 59 aus dem Jahre 1888 ist wesentlich kürzer. Es wird vermutet, dass es für einen privaten Anlass entstanden ist, zumal das Orchester etwas kleiner besetzt ist. Doch auch dieses eher kompakte Werk beein- druckt mit Schwung und mit schönen Melodien. Es ist umso erstaunlicher, dass Poppers Konzerte im Konzertbetrieb heutzutage eigentlich gar keine Rolle spielen. Vielleicht kann diese gelungene Einspielung daran ja etwas ändern.

Samstag, 13. September 2014

Sarasate: Transcriptions and arrangements (Naxos)

Pablo de Sarasate (1844 bis 1908) ge- hörte zu den großen Violinvirtuosen seiner Zeit. Bedeutende Komponisten schufen Werke für ihn; Camille Saint-Saëns beispielsweise widmete Sarasa- te Introduction et rondo capriccioso,  und Édouard Lalo inspirierte der Geiger zur Symphonie espagnole. Doch auf seinen Konzertreisen spielte Sarasate gern auch eigene Stücke, oftmals entstanden aus Tänzen seiner spanischen Heimat. 
Die aus China stammende und in Deutschland lebende Violinistin Tianwa Yang hat für Naxos sämtliche Werke des großen Geigers eingespielt. Die jüngste Veröffentlichung in dieser Serie gilt den Transkriptionen und Bearbeitungen, mit denen Sarasate für sich selbst bekannte Melodien von Bach bis Chopin arrangiert hat. Wie versiert er auch darin war, zeigt exemplarisch das Arrangement des legendären Klavierstücks Guitarra von Moritz Moszkowski, der für sein virtuoses Klavierspiel berüchigt ist. Wer Sarasates Version hört, der wird keine Sekunde vermuten, dieses Werk könnte für ein anderes Instrument entstanden sein als für die Violine. 
Das Geigenspiel von Tianwa Yang ist auch hier wieder beeindruckend. Sie musiziert wunderbar im Einklang mit Markus Hadulla, ihrem versierten Partner am Klavier. Technisch scheint es für die junge Solistin keinerlei Limits zu geben, und zugleich überzeugt sie durch Esprit, Ausdrucksstärke und ihren schönen, runden Ton. Es ist wirklich angemessen, wenn Tianwa Yang nun für ihre Einspielung der Violinkonzerte von Felix Mendelssohn-Bartholdy, ebenfalls bei Naxos, mit dem Echo Klassik in der Kategorie „Nachwuchskünstler/in des Jahres 2014“ für das Instrument Violine aus- gezeichnet wird. Wir gratulieren! 

Donnerstag, 24. Januar 2013

Sarasate: Boléro - Music for Violin and Piano 3 (Naxos)

Das Label Naxos führt seine Sarasate-Edition weiter - auf die Gesamteinspielung der Werke des großen spanischen Violinvirtuosen für Violine und Orchester folgen nun offenbar seine Kompositionen für Violine und Klavier. Zu hören ist erneut die junge chinesische Violinistin Tianwa Yang, sie musi- ziert gemeinsam mit dem Pianisten Markus Hadulla. 
Das erweist sich als eine exzellente Kombination. Yang begeistert ein- mal mehr durch eine phänomenale Technik, Temperament und Charme. Sie setzt die Werke Pablo de Sarasates (1844 bis 1908) gekonnt in Szene, macht aber dennoch keine Zirkusnummern daraus - man könnte fast vergessen, dass es überwiegend virtuose Showstücke sind, so mühelos wirkt Yangs Interpretation. Und Hadulla begleitet die junge Geigerin mit einer Eleganz, die begeistert. Phantastisch!

Donnerstag, 26. April 2012

Leonid Sabaneev: Piano Trios (Genuin)

Leonid Leonidowitsch Sabanejew (1881 bis 1968) war der Sohn eines russischen Gutsbesitzers. Obwohl er schon früh seine musikalische Begabung zeigte und den entspre- chenden Unterricht erhielt, stu- dierte er in Moskau Mathematik und Naturwissenschaften. Im Anschluss an seine Promotion aber widmete er sich der Musik. Sabane- jew komponierte, und schrieb Musikkritiken. Dabei vertrat er extrem moderne Positionen; so verkündete er, die Zukunft der Musik liege in der Ultrachromatik, und forderte die Aufteilung der Oktave in 53 Töne. 
Nach der Revolution 1917 gehörte er zunächst zu den hohen Funktio- nären der jungen UdSSR. So leitete er das wissenschaftliche Komitee des Staatsinstituts für Musikwissenschaft (GIMN) und die Musikab- teilung an der Akademie der Schönen Künste. Und er publizierte in Prawda und Iswestija. 
Als er sah, dass Stalin immer mehr Macht an sich brachte, floh Saba- nejew schließlich 1926 in den Westen, wo er sich in Paris bzw. in Nizza niederließ. So rettete er sein Leben, doch er verlor seine Heimat, wo er offenbar bis heute totgeschwiegen wird. Das ist ein Verlust, wie diese CD beweist. Sie enthält zwei seiner raren Großwerke. Das Trio-Impromptu op. 4 aus dem Jahre 1907 weist noch Spuren spätroman- tischer Strukturen auf. Sie erscheinen wie Spiegelscherben, die auf dem Schutt gelandet sind, und gelegentlich daraus hervorglänzen. Dieses Werk ist so komplex, dass man sich wundert, wie es Ilona Then-Bergh, Violine, Wen-Sinn Yang, Violoncello und Michael Schä- fer, Klavier, gelingt, es trotzdem zum Klingen zu bringen. 
Das gilt noch viel mehr für die Sonate pour Piano, Violon et Violon- celle op. 20 von 1923/24, ein musikalisches Monster mit einer Dauer von über einer halben Stunde, das wie ein Echo der politischen Ereig- nisse jener Jahre erscheint. Mit außerordentlicher formaler Strenge, dem Beharren auf drei Themen, drei Teilen und einer gewaltigen Tripelfuge im Zentrum versucht Sabanejew möglicherweise, die Schrecknisse in eine Struktur zu zwingen. Vergebens; die Musik ist hier wohl klüger als der Komponist. 
Wer diese beiden Werke angehört hat, der ahnt, dass dies wohl das Kammermusik-Ereignis des Jahres gewesen sein könnte. Diese CD dürfte den Musikern und dem Label Genuin Classics zahlreiche Preise und Auszeichnungen bescheren - verdient jedenfalls hätten sie sie. Danke für diese Entdeckung! 

Freitag, 10. Februar 2012

Xuefei Yang - Bach Concertos (EMI Classics)

"Bach ist einer der größten Kom- ponisten, der je gelebt hat. Seine Musik ist zeitlos", meint Xuefei Yang. "Es ist einfach wunderbar, solch große Musik auf der Gitarre spielen zu können." Weil der Thomaskantor aber nicht für das Instrument komponiert hat, setzt auch sie auf Bearbeitungen - und zwar auf eigene. Die chinesische Gitarristin hat für ihre CD die beiden Violinkonzerte BWV 1041 und 1042 ausgewählt, sowie das Cembalokonzert BWV 1052, und hat daraus Gitarrenkonzerte gemacht, die sie gemeinsam mit dem Elias Streichquartett vorträgt.
"Die Sonaten und Partiten für Solovioline sind gitarristisches Standardrepertoire geworden", begründet Yang ihre Auswahl. "Ich arbeite schon seit einigen Jahren an diesen Werken und mag sie wirklich gern. Deshalb fragte ich mich, ob nicht auch Bachs wunderbare Violinkonzerte auf der Gitarre möglich wären." Die Musikerin stellte fest, dass sich die Violinstimme auf der Gitarre spielen ließ. "Außerdem sah ich, dass Bach die beiden Konzerte selbst für Cembalo bearbeitet hatte. So bekam ich eine gute Vorstellung davon, wie sie auf einem mehrstimmigen Instrument klingen könn- ten, und das prägte meine Transkription." 
Auch das d-Moll-Cembalo- konzert soll ursprünglich ein Violinkonzert gewesen sein. Es war aber deutlich schwieriger, es für Gitarre zu arrangieren, berichtet Yang, "weil die Musik so intensiv und so sehr aufs Cembalo zugeschnitten ist". 
Bei der Arbeit an den Konzert-Arrangements orientierte sie sich an Bachs Bearbeitungspraxis. "Die Werke sollte wie Gitarrenkonzerte klingen", so Yang. "Ich nahm mir also Bachs eigene Cembalo-Ein- richtungen der Violinkonzerte vor, um damit meine Gitarren-Transkriptionen zu beseelen, und orientierte mich am stilistischen Vorbild seiner Lautentranskriptionen." Um den Klang der Gitarre zur Geltung kommen zu lassen, entschied sich die Musikerin zudem für die Begleitung durch ein Streichquartett. 
Die drei Konzerte ergänzte Yang durch das erste Präludium BWV 846 aus dem Wohltemperierten Clavier, transponiert von C-Dur nach A-Dur, ansonsten aber textgetreu vorgetragen auf einer siebensaitigen Gitarre von Paul Fischer. Bei den Konzerten spielt die Gitarristin ein klangstarkes Instrument von Greg Smallman, für die Solowerke eine Gitarre mit Fichtendecke aus der Werkstatt von Karl-Heinz Roem- mich mit einem hellen, klaren Klang - was ohne Zweifel insbesondere für die Violinsonate g-Moll BWV 1001 exzellent passt. Sie hat Yang für diese CD ausgewählt, "weil Bach die Fuge dieses Werkes selbst für Laute eingerichtet hat und sie mich als erstes zu den Violinkonzerten führte." Um der Gitarre gerecht zu werden, erklingt die Solosonate allerdings in a-Moll. Und zum Abschluss gönnt sich die Gitarristin das berühmte Air aus der Orchestersuite D-Dur BWV 1068. 
Yang beherrscht ihr Instrument grandios gut - doch diese spieltech- nische Stärke verleitet die Gitarristin, mitunter auch zuviel des Guten zu tun. Ihre Arrangements erscheinen romantisch; man meint mitunter, eher Vivaldi zu hören als Bach, und mitunter erscheint mir da die Grenze zum Kitsch überschritten. Wer eine Synthese aus Bach und Flamenco mag, der wird diese CD lieben - mein Geschmack ist sie eher nicht. 

Dienstag, 3. Mai 2011

Sarasate: Music for Violin and Orchestra 3 (Naxos)

Die junge chinesische Violinistin Tianwa Yang - Jahrgang 1987 - legte kürzlich bei Naxos den drit- ten Teil ihrer Gesamteinspielung der Werke des großen spanischen Violinvirtuosen Pablo de Sarasate (1844 bis 1908) für Violine und Orchester vor. Ihre Technik ist erneut exzellent, und ihre Gestal- tung zeugt von einem ausgepräg- ten Sinn für den musikalischen Effekt, ohne aber gar zu zirzensisch zu werden. 
Yang spielt die Konzertfantasie über Mozarts Zauberflöte op. 54 sowie den ersten Solopart von Navarra op. 33 auf einem Instrument Sarasates, einer Violine von Jean Baptiste Vuillaume aus dem Jahre 1842. Den zweiten Solopart dieses Stückes sowie das charmante Muineiras op. 32, die Nouvelle fantaisie sur Faust de Gounod op. 13, die Barcarolle vénitienne op. 46 sowie  Introduction et Caprice-Jota op. 41 spielt sie auf der von ihr normalerweise genutzten Violine, die aus derselben Werkstatt stammt.  Begleitet wird sie vom Orquesta Sinfónico de Navarra, gegründet 1879 von Sarasate, und bei dieser Aufnahme dirigiert von Ernesto Martínez Izquierdo, der das Orchester seit 1997 leitet.
Wer Sarasate sagt, der kommt an der jungen Solistin nicht mehr vor- bei, die sich zunehmend zu einer Expertin für sein ziemlich umfang- reiches Werk entwickelt. In dieser enzyklopädischen Vollständigkeit, wie sie Naxos hier offenbar anstrebt, ist seine Musik ohnehin nie zuvor auf Tonträger zugänglich gemacht worden.  

Samstag, 26. Februar 2011

Haydn: Cello Concertos (Oehms Classics)

Aufnahmen von Haydns Cello- konzerten gibt es viele - doch diese hier unterscheidet sich gewaltig von allen anderen. Der Grund dafür ist der Solist. Gute und sehr gute Cellisten finden sich weltweit in großer Zahl - doch Wen-Sinn Yang ist, ohne Zweifel, mittlerweile eine Klasse für sich. 
Wer sein Cellospiel hört, der ver- gisst, dass das Musizieren harte Arbeit ist, die sehr viel Reflexion und auch sehr viel Disziplin ver- langt. "Haydns Cellokonzerte lassen sich ganz unterschiedlich ,anpacken': historisierend, ein wenig peppig oder - wie wir es nun versucht haben - im besten Sinne klassisch-gediegen und klangschön", erläutert Yang in dem sehr informativen Beiheft. "Die Überlegung, ob man einen gewählten ästhetischen Mittelweg, der ohne Extremismen auskommt, als schwerer oder leichter ansieht, sei dabei hintangestellt. (...) 
Ich glaube nicht, dass es in diesen beseelten, von Noblesse gepräg- ten Werken Haydns irgendwelche Schockerlebnisse zu vermitteln gibt. Vielmehr gilt es sicherzustellen, dass sich keine äußerlichen Effekte in den Vordergrund drängen, sich keine bloße Zurschau- stellung intimer Gefühle ereignet, immer eine gewisse Form gewahrt wird." 
Schon bei den ersten Takten wird das Wunder hörbar: So beschwingt, so federleicht schwebend, so elegant und mit derart schönem Ton spielt nur Yang diese Werke. Sein Vortrag ist nicht nur enorm präzise, er begeistert auch durch seine ungeheure Musikalität. Es ist ein bisschen so wie mit der berühmten Geige im Märchen, die alle Leute zum Tanzen zwingt: Alles, was Yang anfasst, das beginnt zu klingen.
Damit steckt der Cellist auch seine Mitmusiker an - in diesem Falle die Accademia d'Archi Bolzano, mit der er kongenial harmoniert. Yang schildert das Verfahren so: "Wenn ich gespielt habe, wurde die Streicherakademie  Bozen vom Konzertmeister Georg Egger zusam- mengehalten, was für ein Kammerorchester von 15 Instrumenta- listen absolut üblich ist. Damit mich alle genau sehen konnten, habe ich zu den Kollegen hinmusiziert. Bei den Tutti habe ich mir dann erlaubt, ein wenig ,herumzuwedeln', wozu ich vorab auch aufgefor- dert worden bin." 
Und weil die CD nach den beiden Concerti in C-Dur und in D-Dur noch ein wenig Platz bietet, gibt es noch ein weiteres Stück, das Musik- freunden sehr bekannt vorkommen wird: "Dahinter verbirgt sich Haydns G-Dur-Violinkonzert", berichtet Yang. "In meinem Eltern- haus gab es davon eine Platte, die ich als kleiner Junge häufig gehört habe. Die Geigenstimme spiele ich nun eine Oktave tiefer auf dem Cello - in der besten Lage des Instruments." Die Idee dazu, so der Cellist, hatte Konzertmeister Egger. "Die Kadenzen stammen von mir. Kadenzen schreiben, das mache ich sehr gerne", lacht Yang. "Dafür bin ich sogar in den ,Cello-Keller', auf die C-Saite, hinabgestiegen. Die Geiger werden sich wundern!"  

Mittwoch, 19. Januar 2011

Beethoven: Sonatas & Variations (Profil)

Der Live-Mitschnitt eines Konzer- tes in der Tonhalle Zürich. Das Programm ist nicht gerade das, was einen spontan aus dem Haus locken würde - Wen-Sinn Yang, Cello, und Werner Bärtschi, Klavier, spielen zunächst Zwölf Variationen über ein Thema aus Händels Oratorium "Judas Maccabäus" WoO 45 - volkstüm- lich bekannt auch als "Tochter Zion, freue dich". Es folgen die Sonaten F-Dur und g-Moll op. 5/1 und 2, sowie die Zwölf Variationen über das Thema "Ein Mädchen oder Weibchen" aus Mozarts Oper "Die Zauberflöte" op. 66. 
Schon nach wenigen Takten bricht spontan Begeisterung aus: Das ist Musik, unglaublich! Yang und Bärtschi musizieren mit einer Leiden- schaft, die regelrecht ansteckt. Diese beiden Klangmagier verzau- bern alles, was sie spielen; sie machen aus der simpelsten Melodie ein Erlebnis, und aus einem Arpeggio eine Offenbarung. Dabei harmonie- ren sie stets wunderbar miteinander. 
Diese CD ist ein Ereignis. Denn sie zeigt, dass sich Musik eben doch nicht auf die korrekte Wiedergabe von Noten reduzieren lässt. Es braucht auch Geist, Witz und ein Fünkchen Gespür - und auf dieser Aufnahme gibt's ein wahres Feuerwerk davon. Bravi! 

Donnerstag, 30. Dezember 2010

Sarasate: Music for Violin and Orchestra 2 (Naxos)

Pablo de Sarasate (1844 bis 1908) begann seine Ausbildung auf der Geige als Fünfjähriger. Mit acht Jahren war er bereits so gut, dass sich ein Mäzen fand, der ihm das Studium in Madrid finanzierte. Mit Stipendien von Königin Isabella II. und der Provinz Navarra wechselte er anschließend im Alter von zwölf Jahren an das Pariser Konserva- torium, wo er ein Schüler von Jean-Delphin Alard wurde. Drei Jahre später startete er seine Solistenkarriere. 
Sarasate war als Virtuose berühmt - und viele Zeitgenossen schrieben Werke für ihn, unter anderem Saint-Saens, Bruch, Wieniawski, Dvorák oder Lalo. Sarasate komponierte aber auch selbst eine Vielzahl von Stücken für sein Instrument. Auf dieser CD hat die junge chinesische Violinistin Tianwa Yang einige davon eingespielt - so die berühmten Fantasien über Carmen op. 25 und über Gounods Roméo et Juliette, op. 5. Solche Opernparaphrasen machten Sarasate bekannt, sie führten aber auch dazu, dass er zunächst als musikalisches Leicht- gewicht galt. Darunter litt insbesondere sein deutscher Kollege Joseph Joachim, der sich als sehr viel seriöser empfand, aber in der Gunst des Publikums ebenso wie bei den Gagen oftmals hinter seinem spanischen Kollegen zurückstehen musste. 
Mit den Canciones rusas op. 49 bedankte sich Sarasate bei seinem russischen Publikum. El canto del ruisenor op. 29 imitiert kunstvoll den Gesang einer Nachtigall. Eduard Lalo war von diesem Stück so beeindruckt, dass er es orchestrierte. La Chasse op. 44 widmete Sarasate seinem brillanten belgischen Kollegen César Thomson - und Yang zeigt, dass dieses kühne Virtuosenstück noch heute durchaus in der Lage ist, Zuhörer zu verblüffen. Das gilt erst recht für das letzte Stück auf dieser CD, Jota de Pablo op. 52, mit seiner enormen tech- nischen Raffinesse. Yang spielt exzellent, virtuos und überzeugend. Begleitet wird sie vom Orquesta Sinfónico de Navarra, gegründet 1879 von Sarasate, und bei dieser Aufnahme dirigiert von Ernesto Martínez Izquierdo, der das Orchester seit 1997 leitet.

Dienstag, 24. August 2010

Davidoff: Cello Concertos 3 & 4 (cpo)

Es gibt doch noch wirkliche Über- raschungen für Klassikfreunde. Diese CD bringt gleich mehrere davon: Davidoff? Nein, mit Zigar- ren hat diese Aufnahme nichts zu tun. Der gebürtige Kurländer Carl Juljewitsch Davidoff  (1838 bis 1889), Sohn eines Arztes und Amateurgeigers, hat Mathematik studiert - und nebenher eifrig Cello geübt; seine Lehrer waren Heinrich Schmitt und Carl Schuberth. 
Nach dem Examen 1858 erlaubte ihm der Vater, nach Leipzig zu gehen, um dort an dem berühmten Konservatorium seine musikali- sche Ausbildung fortzusetzen. Das Cello allerdings, so ist überliefert, ließ Davidoff zu Hause - dem jungen Mann ging es wohl eher um die Musiktheorie. Doch dann wollte ein Kommilitone dem Professor ein Klaviertrio vorstellen, das er geschrieben hatte. 
Ein Geiger fand sich; der Komponist selbst setzte sich ans Klavier, und Davidoff meinte, er könne "ein wenig" auf dem Violoncello spielen. Man gab ihm ein Leihinstrument - und kurz darauf wurde ihm eine Stelle im Gewandhausorchester angeboten. Bereits am 15. Dezember 1859 stellte Davidoff als Solist in Leipzig sein Cellokonzert op. 5 vor; im Jahr darauf übernahm er die Cello-Klasse von Friedrich Grütz- macher am Leipziger Konservatorium. 
1862 kehrte er nach Russland zurück. Dort war er von 1862 bis 1882 als Solocellist an der Kaiserlichen Oper und als Professor an dem soeben von Anton Rubinstein gegründeten Konservatorium in Sankt Petersburg tätig. Von 1876 bis im Jahre 1887 war er sogar dessen Direktor, musste den Posten jedoch räumen, weil er eine Affäre mit einer schönen Klavierschülerin hatte - was aufflog und einen unge- heuren Skandal verursachte. All das erfährt der Leser aus dem Beiheft zu dieser CD, mit einem kenntnisreichen und sehr lesenswerten Aufsatz von Eckhardt van den Hoogen - Überraschung Nummer zwei. Davidoff  komponierte Cellokonzerte, vier an der Zahl, sowie Lieder, Balladen und Kammermusik. Außerdem schrieb er eine Violoncello-Schule.
Tschaikowski, sein Mitbewerber um die Direktorenstelle, pries ihn als den Zaren unter den Cellisten und widmete ihm sein Capriccio Italien. Das ist auf dieser CD nicht aufgezeichnet - dafür aber, Über- raschung Nummer drei, das Nocturne op. 19 Nr. 4, das Pezzo Capriccioso op. 62 und das Andante cantabile aus dem ersten Streichquartett D-Dur op.11.
Die eigentliche Überraschung aber ist der Solist, den ich hier zum ersten Male gehört habe - und der vom ersten bis zum letzten Takt begeistert: Wen-Sinn Yang, viele Jahre lang Solocellist im Sympho- nieorchester des Bayerischen Rundfunks, seit 2005 Professor an der Musikhochschule München, spielt Davidoffs Konzerte mit einer Leichtigkeit, die ich hinreißend finde. Er stellt die eleganten Werke derart souverän vor, dass man sich fragt, warum diese attraktiven, melodiösen und zugleich kraftvollen Konzerte nicht längst zum Repertoire eines jeden Cellisten gehören. Grandios! Er spielt so klangschön, so überlegt und zugleich so virtuos, dass man atemlos lauscht. Was für ein Erlebnis! 
Auch das Shanghai Symphony Orchestra unter Terje Mikkelsen, das ihn hier begleitet, ist zunächst eine Überraschung. Bei den Davidoff-Konzerten jedenfalls. Die Tschaikowski-Stücke hingegen versinken im orchestralen Mulm; am Arrangement allein kann das nicht liegen. Dazu kommen einige schiefe Töne, insbesondere seitens der Blech- bläser - schade. Ein Weltklasse-Orchester klingt anders.