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Donnerstag, 28. Juli 2016

Scene! - Christiane Karg (Berlin Classics)

Wenn besondere Stimmen bedeutende Komponisten inspirierten, dann sind oftmals Konzertarien entstanden, Nachfolgerinnen der Solo-Kantate, wenn man so will – allerdings wesentlich dramatischer, exaltierter. „Nach meiner CD mit Mozart- und Gluck-Arien hielt ich es für richtig, einen Schritt über die Klassik hinaus und etwas weiter im Fach zu gehen, ohne dass ich nun eine Isolde werden möchte“, erläutert Christiane Karg im Beiheft zu dieser CD ihre Hinwen- dung zu diesem anspruchsvollen Repertoire. „Ich bin Mitte Dreißig und will nicht bei den leichten Damenrollen hängenbleiben. Dass es mit anderen Farben weitergeht, ist ganz normal.“ 
Nach dem grandiosen Strauss-Liederalbum „Heimliche Aufforderung“ ist die vierte CD der Sopranistin wieder eine Orchesteraufnahme. Neben ihrem bewährten Klavierbegleiter Malcolm Martineau hat daran das Ensemble Arcangelo unter Jonathan Cohen mitgewirkt, und die Geigerin Alina Pogostkina. Sie gestaltet ein ausdrucksstarkes Violinsolo für die Konzert- arie Infelice pensier von Felix Mendelssohn Bartholdy, auf dieser CD zu hören in der Londoner Erstfassung. Mit all diesen Partnern ist Christiane Karg bestens vertraut, was offenbar eine gute Basis für die gemeinsame Arbeit an den virtuosen Stücken geschaffen hat. 
Einmal mehr hat die Sängerin ein faszinierendes Programm zusammen- gestellt, diesmal gruppiert um Ludwig van Beethovens Ah, perfido!, uraufgeführt 1796 in Leipzig von der Prager Star-Sopranistin Josepha Duschek. Ergänzt wird es zudem durch Konzertarien von Joseph Haydn und Wolfgang Amadeus Mozart. 
Was sie an diesen Arien fasziniert? „Riesige Emotionen auf kleinstem Raum und im Mittelpunkt verlorene Gestalten – Verlorenheit, die auch in Hass umschlagen kann. Darum geht es, und das will ich zeigen.“ Gelungen ist das Christiane Karg exzellent. Sie singt beeindruckend, farbenreich und mit einer gehörigen Portion Theatralik. Dass die Sopranistin für diese CD nun mit einem Echo Klassik ausgezeichnet wird, ist nur angemessen. Gratulation! 

Dienstag, 17. Februar 2015

Love and loss (Hyperion)

Die Liebe und der Verlust – das ist ein klassisches Thema aller Kunst. Es hat Maler und Bildhauer ebenso inspiriert wie Dichter und Kompo- nisten. Es ist daher eine kluge Idee, dieses Pärchen zum Motto einer CD zu machen, zumal, wenn es um Werke aus den Madrigalbüchern 6, 7 und 8 von Claudio Monteverdi (1567 bis 1643) geht. In seinen Kompositio- nen kann man heute noch den Weg von der Polyphonie der Renaissance hin zum monodischen Stil der Barockmusik nachvollziehen. Der Musiker bezeichnete diese beiden Möglichkeiten, Musik zu gestalten, als prima bzw. seconda pratica. Seine Madrigale zeigen uns unüberhörbar: Monteverdi war Ausdrucksstärke wichtiger als die althergebrachten Regeln. 
Mit seinem Werk, darunter waren auch einige der ersten Opern überhaupt, gehört Monteverdi zu den Vätern der modernen Musik in Europa. Sein Schaffen kann man gar nicht hoch genug schätzen – und seine Madrigale sind in jeder Hinsicht höchst anspruchsvoll. Das Ensemble Arcangelo unter Jonathan Cohen hat bei Hyperion eine Auswahl davon eingespielt. In einem zentralen Stück dieses Albums, dem grandiosen Combattimento di Tancredi e Clorinda, singt zudem James Gilchrist. Der Tenor, von Haus aus eigentlich Mediziner, hat sehr viel Erfahrung im Bereich der „Alten“ Musik. Er gestaltet seine Partie versiert, und begeistert mit exzellenter Textverständlichkeit. Aber stimmlich bringt ihn das Stück im genere con- citato mitunter an Grenzen; die Vokalisten von Arcangelo sind ebenfalls nicht durchweg ein Vergnügen. Die Instrumentalisten hingegen sind eine Wucht – man höre nur das erste Stück, Volgendo il ciel, mit den fröhlich dahintanzenden Blockflöten, oder die eingeschobene Ciaccona von Tarquinio Merula. 
Monteverdis Werke sind offenbar eine Herausforderung für Sänger; insbesondere die Abschnitte, in denen nach ellenlangen Noten urplötzlich rasante Läufe folgen, sind wohl nicht ohne weiteres zu bewältigen. Die Auszierungspraxis der damaligen Zeit ist aus heutiger Sicht ohnehin nicht ganz einfach nachzuvollziehen. So prächtig wie diese Musik ist – wahrscheinlich sollte man dieses Repertoire dennoch den Spezialisten überlassen. Nur mit Engagement allein wird es nicht gelingen, Monteverdi adäquat aufzuführen.

Montag, 23. September 2013

Enchanted Forest - Anna Prohaska (Deutsche Grammophon)

„It's fascinating to see how we can use the voice to manipulate listeners' emotions, and how deeply this concept is rooted in our consciousness“, zitiert das Beiheft dieser CD die Sängerin Anna Prohaska. Die Sopranistin stellt fest, dass incantare bzw. enchanter – jemanden oder etwas verzaubern cantare bzw. chanter, also das Wort singen, zur Wurzel hat. Zauberwesen sind, ebenso wie Verzauberte, daher immer wieder dankbare Protagonisten für Opern. Einige Beispiele dafür präsentiert Anna Prohaska hier gemeinsam mit dem auf Barockmusik spezialisierten Ensemble Arcangelo unter Jonathan Cohen. 
Die starken Affekte der barocken Oper, zum Ausdruck gebracht in virtuosem Gesang, sind für Sänger, die die heutzutage übliche Aus- bildung absolviert haben, ganz offenkundig eine Herausforderung. Für die Partien jener Elfen, Nymphen und Zauberinnen bedarf es einer blitzsauberen Technik, stupender Geläufigkeit, wie sie nur durch jahrelanges, beharrliches Training zu erreichen ist – und den Mut, diese irrwitzigen Gesangsstücke dann auch noch mit Ausdruck vorzutragen. 
Prohaska überzeugt mehr mit gefühlvollen, schlanken Linien als mit wilden Koloraturen; Monteverdis Lamento della ninfa und O let me weep aus Henry Purcells Fairy Queen gelingen ihr deutlich besser als Vivaldis oder Händels rasante Arien. Das Lyrische liegt ihr ohne Zweifel, und da sie obendrein blutjung ist und gut aussieht, wird ihr das Publikum zu Füßen liegen. Das kritische Ohr aber vermag diese CD nicht zu bezaubern - von Barockrausch kann keine Rede sein. 

Mittwoch, 10. Oktober 2012

Amoretti - Christiane Karg (Berlin Classics)

Christiane Karg hat für diese CD ein Programm zusammengestellt, das Arien von Wolfgang Amadeus Mozart, Christoph Willibald Gluck und André-Ernest-Modeste Grétry klug kombiniert. Einerseits staunt man darüber, wie sehr die italieni- sche Oper, bei allen Reformbestre- bungen, damals in ganz Europa das Geschehen auf den Bühnen prägte. 
Andererseits fasziniert die Sängerin, die 2006 in Salzburg ihr Debüt gegeben hat, durch eine Stimme, die sich von den üblichen Susanna- und Musetta-Stimmchen deutlich abhebt. Da ist zum einen die enorme Geläufigkeit, mit der Karg durch Koloraturen turnt, ohne jemals die Kontrolle über den Ton und das Timbre zu verlieren. Und da ist zum anderen diese sagenhafte Wandlungsfähigkeit, mit der sie ihren lieblichen, hellen Sopran nach Belieben eindunkeln kann. Diese seidenweiche Stimme klingt niemals schrill oder grell. Den Zuhörer erfreut zudem Kargs berückendes Piano, und die sängerische Intelligenz, mit der sie ihre Partien gestaltet. 
So lauscht man gern dem Streifzug der charismatischen Sängerin durch die Untiefen und Tiefen der Gefühle, bei dem sie vom Ensemble Arcangelo unter Jonathan Cohen hervorragend begleitet wird. Bravi! 

Montag, 2. Juli 2012

Arias for Guadagni (Hyperion)

Die Paraderolle des Kastraten Gae- tano Guadagni (1728 bis 1792) war der Orpheus - Gluck hat seine Oper Orfeo ed Euridice für diesen Sänger geschaffen, was nicht ohne Risiko war: "Die Rolle passte ihm wie an- gegossen", meinte Textdichter Calzabigi, "in anderer Hand wäre sie eine Katastrophe gewesen."
Und obwohl sich das Traumteam Gluck-Calzabigi-Guadagni schon wenig später, nach dem Misserfolg der Oper Telemaco, in der der Kastrat ebenfalls die Titelrolle sang, erledigt hatte, behielt der Sänger die Partie des Orpheus mehr als 20 Jahre lang in seinem Repertoire. Dass er sich mit dieser Figur derart identifizierte, mag auch in seiner Biographie begründet liegen.
Guadagni stammte aus einer Musikerfamilie; auch die drei Schwe- stern und sein Bruder waren Opernsänger. Der Kastrat begann seine Karriere 1746 als Mitglied des renommierten Chores der Basilika des Heiligen Antonius zu Padua. Zugleich sang er aber mit Begeisterung Opern, was dazu führte, dass er seine Stelle in der cappella bald wieder verlor. 1748 kam der Sänger mit einer Buffa-Truppe nach London. Sie ging dort bald bankrott, doch Guadagni wurde Händel vorgestellt, der von seiner Stimme sehr angetan war.
Diese CD enthält eine Reihe von Arien, die der Komponist speziell für den Kastraten geschrieben hat. Sie zeigen, dass er keineswegs nur die Phrasierung und das Legato-Singen in großen Bögen exzellent beherrschte. Auch Koloraturen und Verzierungen wusste er offenbar kunstvoll zu gestalten. 
In den europäischen Musikmetropolen wurde Guadagni bald schon gefeiert. So sang er unter anderem in Paris und Versaille, in Wien, München - und in Padua, wo er 1768 in Gnaden wieder aufgenommen und mit einem Gehalt ausgestattet wurde, das deutlich über dem des Konzertmeisters Tartini und auch des Kapellmeisters Valotti lag. An seinen Konzertreisen störte sich nun niemand mehr. Guadagni war ein Star. Davon profitierte seine Wahlheimat Padua, denn der Künst- ler glänzte nicht nur mit seinem Gesang an den großen Kirchenfesten. Er stiftete zudem große Summen und kümmerte sich um städtische Projekte. 
Auch Iestyn Davies begann seine Karriere in einem Chor: Er war choral scholar im St. John's College der Cambridge University, wo er zunächst Archäologie und Anthropologie studierte, bevor er sich dazu entschloss, an die Royal Acadamy of Music zu wechseln. Mittlerweile hat der Countertenor bedeutende Partien an etlichen wichtigen Opernhäusern dieser Welt gesungen. Mit dem Ensemble Arcangelo unter Jonathan Cohen hat Davies bereits Kantaten von Porpora aufgenommen; die Guadagni-Arien führen diese erfreuliche Zusammenarbeit nun in der denkbar schönsten Weise weiter. Hier sind Partner am Werk, die aufeinander hören, und miteinander gestalten - und das Ergebnis begeistert einmal mehr. Die eingestreute Orchester-Sinfonie in D-Dur von Carl Philipp Emanuel Bach zeigt zudem, dass auch Arcangelo durchaus spannende Akzente zu setzen versteht. Von diesen jungen Musikern darf man noch viel erwarten.  

Samstag, 26. Mai 2012

Porpora Cantatas (Hyperion)

Das Ölgemälde von Philip Mercier, das wir als Coverbild dieser CD sehen,  hängt in der National Por- trait Gallery in London. Es zeigt ein Konzert auf einer Freilichtbühne in Kew Gardens um 1733, mit über- aus illustren Musikern: Die Mando- line spielt Prinzessin Caroline Eli- sabeth, am Violoncello sehen wir Frederick Louis, den Prinzen von Wales, und am Cembalo seine Schwester Anne, die zukünftige Prinzessin von Oranien. Dem Vortrag lauscht mit einem Buch in der Hand Prinzessin Amelia Sophie. Die Szene erscheint durchaus realistisch. 
Friedrich Ludwig, der älteste Sohn des britischen Königs Georgs II. August, war ein leidenschaftlicher Musikfreund. Er förderte die Opera of the Nobility (und machte damit Händel und seinem King's Theatre das Leben schwer), und er spielte mit Begeisterung Cello. Besonders gern musizierte er offenbar gemeinsam mit dem Kastraten Farinelli, der sang und sich dabei auch am Cembalo begleitete. Er kam 1734 nach London, wo er in einer Truppe um seinem früheren Lehrer Nicola Antonio Porpora, zu der auch Senesino gehörte, mit Händels Ensemble konkurrierte. Drei Jahre später waren beide Opern-Unter- nehmen pleite, und der Sänger zog weiter.
Für Farinelli dürften vermutlich die vorliegenden Kantaten Porporas entstanden sein. Sie beruhen auf Texten Metastasios, sind erstmals 1735 im Druck erschienen und Prince Frederick of Wales gewidmet. Die Kantaten nutzen die virtuosen Gesangskünste der Sänger, aber sie sind keine akrobatischen Nummernprogramme. Countertenor Iestyn Davies hat hörbar Vergnügen an den Einfällen Proporas, und seinem Gesang lauscht man zunehmend mit Begeisterung. Denn dies ist eine schöne Stimme, die sehr klug und blitzsauber geführt ist. Davies wird begleitet vom Ensemble Arcangelo unter Leitung von Jonathan Cohen, der obendrein den markanten Cello-Part übernimmt. Eine Entdeckung! und vielleicht können die Musiker ja demnächst mit einer weiteren CD auch die ersten sechs Kantaten dieser Sammlung vorstellen - das erscheint doch sehr lohnend.