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Mittwoch, 23. März 2016

Rolle: Matthäuspassion (cpo)

Es ist sehr verdienstvoll, dass cpo mittlerweile bereits mit der dritten Veröffentlichung an Johann Heinrich Rolle (1716 bis 1785) erinnert. Der Kantor und Organist hat nicht nur attraktive Musik geschrieben. Als sich der preußische Hof während des Siebenjährigen Krieges nach Magdeburg zurückzog, inklusive der exzellenten Hofkapelle, etablierte Rolle öffentliche Konzerte, die sehr beliebt waren und denen die Bürgerschaft ebenso wie der Adel lauschte. 
Rolle war der Sohn eines Kantors, und wuchs zunächst in Quedlinburg, später in Magdeburg auf. Sein Vater übernahm die musikalische Ausbildung des Knaben, der in jungen Jahren bereits als Komponist und ab 1734 auch als Organist an der Magdeburger Petrikirche wirkte. 1737 begann Rolle in Leipzig mit dem Studium der Jurisprudenz. Ob er während seiner Studienjahre an der Pleiße auch musiziert hat, im Collegium musicum oder beispielsweise bei Kantaten- aufführungen, und ob er Bach kennengelernt hat, darüber ist nichts bekannt. 
Nach dem Studium ging Rolle nach Berlin, eigentlich als Justitiar. Doch schon 1740 wurde er als Violinist und Bratschist Kammermusikus in der Hofkapelle Friedrichs II. 1746 erhielt der Musiker einen Ruf als Organist an die Hauptkirche St. Johannis in Magdeburg. Dort befand sich damals eine große dreimanualige Orgel von Arp Schnitger mit 62 Registern. Als sein Vater 1751 starb, wurde Rolle als Kantor am Altstädtischen Gymna- sium sowie als städtischer Musikdirektor dessen Amtsnachfolger. 
Rolle hat eine große Anzahl an Liedern, Motetten, Kantaten, Oratorien und Passionsmusiken sowie diverse Instrumentalwerke komponiert. Nach einer Auswahl an Motetten sowie seinem Weihnachtsoratorium ist nun bei cpo auch die Matthäuspassion aus dem Jahre 1748 in Ersteinspielung erschienen. Sie erzählt das Passionsgeschehen in größeren dramatischen Szenen, wobei die einzelne Abschnitte nahtlos ineinander übergehen, gereiht durch Choralstrophen. In Arien und Chören wird zudem, ganz im Sinne der Aufklärung, das Evangelium kommentiert und erklärt. 
Die Musik, die Rolle dafür geschaffen hat, ist ausgesprochen reizvoll, originell und wirklich gelungen. Solisten sind Ana-Marija Brkic, Sopran, Sophie Harmsen, Alt, die Tenöre Georg Poplutz, Evangelist, und Joachim Streckfuß, Petrus, sowie die Bassisten Thilo Dahlmann, Jesus, und Raimonds Spogis, Pilatus/Hohepriester. Mit Ausnahme von Streckfuß singen sie auch im Chor der Kölner Akademie, der bei dieser Aufnahme als Doppelquartett agiert – schlank, beweglich, ausdrucksstark und zugleich mit ausreichender Klangfülle. Unter Leitung von Michael Alexander Willens musiziert zudem das Orchester der Kölner Akademie. Und selbst wenn die Arien und die Rahmenchöre mitunter nach Graun klingen und ihre Texte für heutige Ohren etwas schwächeln - sie sind so knapp bemessen, kurz und kompakt, dass man darüber ganz gut hinweghören kann. Auch bei Bach ist schließlich nicht jede Textzeile die reine Poesie. In jedem Falle ist diese Matthäuspassion tatsächlich eine Entdeckung; sie macht sehr neugierig auf die anderen Werke Rolles. Seine Musik würde man gern auch im Konzert wieder hören. 

Sonntag, 30. Dezember 2012

Durante: Neapolitan Christmas II (cpo)

Kantaten und Motetten zur Weih- nacht haben auch in Neapel Tradition. Zu den wichtigsten Kirchenkomponisten, die jemals in der Stadt am Fuße des Vesuvs wirkten, gehörte Francesco Durante (1684 bis 1755). Er war zugleich einer der führenden Musikpädagogen seiner Zeit. Zu seinen Schülern gehörten unter anderem Giovanni Paisiello, Giovanni Battista Pergolesi, Niccolò Piccinni - und viele andere. Obwohl Durante selbst nie eine Oper geschrieben hat, erscheint die lange Liste seiner Schüler beinahe wie das Who's who der neapolitanischen Oper.
Durante aber hat unbeirrt die Tradition der römischen Kirchenmusik in der Nachfolge Palestrinas weitergeführt. Seine Werke wurden in ganz Europa geschätzt. Sie erklangen in den Kathedralen der Nieder- lande ebenso wie in Böhmen oder am Dresdner Hof. Selbst Johann Sebastian Bach kopierte sich die Noten einer Messe des Komponisten. Aus unerfindlichen Gründen aber ist die Musik  Durantes dann in Vergessenheit geraten. 
Wer sich auf die Suche nach seinen Manuskripten begibt, der wird durchaus Überraschungen erleben. Die Kölner Akademie, geleitet von Michael Alexander Willens, hatte bereits im vergangenen Jahr auf einer gelungenen CD einige seiner Werke vorgestellt. In diesem Jahr haben die Musiker weitere Stücke herausgesucht, die ebenfalls einen Bezug zum Weihnachtsfest haben. 
Das hat sich erneut gelohnt. Denn Durante beherrscht zwar die Konventionen, aber er verlässt sie auch sehr gern, und erzielt damit überwältigende Effekte. Man höre nur Cito Pastores, eine reizvolle Motette für vier Singstimmen, Streicher und Continuo-Orgel mit einem umwerfenden Eingangschor. Die Kölner Akademie musiziert schwungvoll, und erneut ist auch die Sängerriege, die an dieser Aufnahme mitgewirkt hat, sehr ordentlich besetzt. Zu hören sind Monica Piccinini, Christina Kühne, Ursula Eittinger, Alberto ter Doest und Thilo Dahlmann. Eine sehr gelungene weihnachtliche Festmusik - bravi! 

Sonntag, 19. Dezember 2010

Mattheson: Das größte Kind (cpo)

Johann Mattheson (1681 bis 1764), heute vor allem bekannt als ein bedeutender Musiktheoretiker der Barockzeit, nahm 1715 das Amt Musikdirektors am Hambur- ger Dom an. Zwar war es schlecht bezahlt, aber es brachte dem streitbaren Musikpublizisten den Status eines Canonicus minor am Domkapitel und somit einige Freiheiten ein, weil das Domkapitel nicht der städtischen Gerichts- barkeit unterstand. Auch war der Aufwand, den diese Tätigkeit mit sich brachte, nicht allzu groß - nur an sechs Tagen pro Jahr hatte im Dom Figuralmusik zu erklingen, und genau dafür war der Musikdi- rektor verantwortlich.1728 musste Mattheson dieses Amt allerdings wieder aufgeben, weil er kaum noch etwas hörte; für den Rest seines Lebens blieb er taub.
In den Werken, die Mattheson als Domkantor schuf, versuchte er, einen theatralischen, stark von der Oper beeinflussten Stil durchzu- setzen. Für die Aufführungen engagierte er Sänger und vor allem Sängerinnen von der Hamburger Oper - was zunächst einen hand- festen Skandal verursachte, bald aber offensichtlich akzeptiert wurde. Für den Nachmittagsgottesdienst am zweiten Weihnachtstage, also am 27. Dezember, komponierte Mattheson 1720 Das Gröste Kind, in einem Oratorio auf Weynacht musicalisch vorgestellet - ein zwei- teiliges, üppig instrumentiertes Oratorium, das im Stall zu Bethlehem nach der Geburt Christi spielt. Dieses prachtvolle Werk, das mit seinen virtuosen Arien auch den Sängern allerhand abfordert, liegt nun auf CD vor. 
Die Einspielung ist ringsum gelungen. Es singen Susanne Rydén und Nele Gramß, Sopran, Anna Schmid und Melissa Hegney, Alt, Gerd Türk und Ulrich Cordes, Tenor sowie Wolf Matthias Friedrich und Thilo Dahlmann, Bass, und dazu musiziert die Kölner Akademie unter Michael Alexander Willens - und zwar mit so viel Temperament und Spielfreude, dass es trotz der angestaubten Texte das reine Vergnü- gen ist, dieses Werk anzuhören. Bravi!