Wiederentdeckung einer älteren Aufnahme, die ich persönlich hoch schätze: Capriccio hat eine Interpretation von Brahms Ein deutsches Requiem wieder veröffentlicht, die Herbert Kegel 1985 mit dem damaligen Rundfunkchor und Rundfunk-Sinfonieorchester Leipzig eingespielt hat. Solisten waren Mari Anne Häggander und Siegfried Lorenz.
Es ist dies eine kantige, schwermütige, mitunter auch schroffe Interpretation; zu Brahms' Werk aber passt diese Lesart in ihrer Konsequenz ausgezeichnet. Die beiden Leipziger Ensembles haben unter der Leitung ihres langjährigen Chefdirigenten eine grandiose Einspielung erarbeitet, die wohl für alle Zeit Maßstäbe setzt. Für den Kapellmeister freilich, der hier im Zenit seines Schaffens zu erleben ist, war es eine bittere Zeit: 1985 wurde Herbert Kegel in Dresden, gegen seinen Willen und seine Ambitionen, in Rente geschickt. Fünf Jahre später schied er aus dem Leben.
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Sonntag, 30. Juni 2019
Sonntag, 3. Februar 2019
Herbert Kegel (Capriccio)
Den Dirigenten Herbert Kegel (1920 bis 1990) ehrt eine Sammelbox des Labels Capriccio. Er war ein Schüler von Karl Böhm, und wurde 1949 Chorleiter und Kapellmeister beim Sender Leipzig. 1953 wurde Kegel dann Chefdirigent des Leipziger Rundfunk-Sinfonieorchesters.
Mit „seinem“ Orchester widmete er sich vor allem der zeitgenössischen Musik. Er bereitete sich akribisch vor, und verlangte auch von den Musikern und Sängern Präzision. Seine Proben – sie konnten durchaus zehn Stunden und mehr dauern – sind eine Legende; für die Musizierenden waren sie sicherlich vor allem eine Tortur. Doch seine Aufnahmen zeigen, warum die Künstler diese Strapazen auf sich nahmen: „Oft hat man den Eindruck – selbst bei Stücken, die man schon viele Male gehört hat und daher zu kennen glaubt – als hätte man jahrelang durch eine Milchglasscheibe geblickt und Kegels Interpretation habe den Schmierfilm vom Glas entfernt, sodass man nun ganz neue Details wahrnimmt, die man so noch nie zuvor gehört hatte“, beschreibt Rainer Aschemeier in seinem Geleitwort diesen Effekt. Die Orff-Einspielungen Kegels beispielsweise sind Ereignisse, ebenso seine Interpretationen der Mahler-Sinfonien.
1977 wurde Kegel Chefdirigent der Dresdner Philharmonie. Das war ein großer Fehler, denn seine Ausflüge in die Moderne waren bei dem konservativen Dresdner Publikum nicht willkommen. Im Elbtal wollte man die Klassiker hören – und so erklingt auch auf diesen acht CD in erster Linie Beethoven. Neben den neun Sinfonien erklingen das Tripelkonzert – mit Peter Rösel, Klavier, Christian Funke, Violine und Jürnjakob Timm, Violoncello – und die Chorfantasie. Dazu gibt es eine CD mit allerlei kurzen Stücken, von Gluck über Glinka bis hin zu Sibelius. Komplettiert wird die Box durch Kegels legendäre Aufnahme des Brahms-Requiems aus dem Jahre 1985. Hier dirigiert er noch einmal „seine“ Leipziger Klangkörper.
Im gleichen Jahr wurde Kegel in den Ruhestand verabschiedet. Es war zunächst ein Unruhestand, mit zahlreichen Projekten. Doch während man ihn in Japan verehrte und schätzte, verlor Kegel in der Heimat immer mehr an Bedeutung. Zur Wendezeit war der Dirigent dann nur noch ein Rentner – und tief depressiv. Im November 1990 wählte er den Freitod, was damals wenig interessierte. Seine Aufnahmen aber werden nun schrittweise wieder zugänglich. Auch diese CD-Box zeigt, wie wertvoll Herbert Kegels Arbeit war.
Mit „seinem“ Orchester widmete er sich vor allem der zeitgenössischen Musik. Er bereitete sich akribisch vor, und verlangte auch von den Musikern und Sängern Präzision. Seine Proben – sie konnten durchaus zehn Stunden und mehr dauern – sind eine Legende; für die Musizierenden waren sie sicherlich vor allem eine Tortur. Doch seine Aufnahmen zeigen, warum die Künstler diese Strapazen auf sich nahmen: „Oft hat man den Eindruck – selbst bei Stücken, die man schon viele Male gehört hat und daher zu kennen glaubt – als hätte man jahrelang durch eine Milchglasscheibe geblickt und Kegels Interpretation habe den Schmierfilm vom Glas entfernt, sodass man nun ganz neue Details wahrnimmt, die man so noch nie zuvor gehört hatte“, beschreibt Rainer Aschemeier in seinem Geleitwort diesen Effekt. Die Orff-Einspielungen Kegels beispielsweise sind Ereignisse, ebenso seine Interpretationen der Mahler-Sinfonien.
1977 wurde Kegel Chefdirigent der Dresdner Philharmonie. Das war ein großer Fehler, denn seine Ausflüge in die Moderne waren bei dem konservativen Dresdner Publikum nicht willkommen. Im Elbtal wollte man die Klassiker hören – und so erklingt auch auf diesen acht CD in erster Linie Beethoven. Neben den neun Sinfonien erklingen das Tripelkonzert – mit Peter Rösel, Klavier, Christian Funke, Violine und Jürnjakob Timm, Violoncello – und die Chorfantasie. Dazu gibt es eine CD mit allerlei kurzen Stücken, von Gluck über Glinka bis hin zu Sibelius. Komplettiert wird die Box durch Kegels legendäre Aufnahme des Brahms-Requiems aus dem Jahre 1985. Hier dirigiert er noch einmal „seine“ Leipziger Klangkörper.
Im gleichen Jahr wurde Kegel in den Ruhestand verabschiedet. Es war zunächst ein Unruhestand, mit zahlreichen Projekten. Doch während man ihn in Japan verehrte und schätzte, verlor Kegel in der Heimat immer mehr an Bedeutung. Zur Wendezeit war der Dirigent dann nur noch ein Rentner – und tief depressiv. Im November 1990 wählte er den Freitod, was damals wenig interessierte. Seine Aufnahmen aber werden nun schrittweise wieder zugänglich. Auch diese CD-Box zeigt, wie wertvoll Herbert Kegels Arbeit war.
Samstag, 16. April 2011
Mendelssohn: Elias (Ambitus)
"Noch niemals ist ein Stück von mir bei der ersten Aufführung so vortrefflich gegangen und von den Musikern und den Zuhörern so begeistert aufgenommen worden wie dieses Oratorium", berichtet Felix Mendelssohn Bartholdy nach der Uraufführung des Elias in einem Brief aus Birmingham sei- nem Bruder Paul. "Es war gleich bei der ersten Probe in London zu sehen, daß sie es gern mochten und gern sangen und spielten (...) Wärst Du nur dabei gewesen! Die ganze dritthalb Stunden, die es dauerte, war der große Saal mit seinen 2000 Menschen und das große Orchester alles so vollkommen auf einen Punkt (...) gespannt, daß von den Zuhörern nicht das leise- ste Geräusch zu hören war, und daß ich mit den ungeheuren Orche- ster- und Chor- und Orgelmassen vorwärts und rückwärts gehen konnte, wie ich nur wollte."
Das Werk um den Propheten, der es sich zur Lebensaufgabe gemacht hat, die wankelmütigen Kinder Israels zu Gott zu führen, ist gewaltig in seiner Dramatik. Doch es hat auch lyrische Passagen, wie das Doppelquartett Denn er hat seinen Engeln befohlen, oder das Terzett der Engel. Gothart Stier, der das Oratorium 1996 mit dem Montever- di-Chor Hamburg und dem Philharmonischen Staatsorchester Halle/Saale in der Leipziger Thomaskirche aufgeführt hat - der Mit- schnitt erschien nun bei Ambitus -, lässt seinen Elias nicht einfach poltern und schnauben. Der Bariton Siegfried Lorenz zeichnet viel- mehr ein sehr differenziertes Bild dieser Figur, die den toten Knaben auferweckt, um die Witwe zum Glauben zu führen - und wenig später das Volk dazu aufruft, die Baalspriester abzuschlachten.
Das Quartett der Solisten wird vervollständigt durch Stephanie Stiller, Sopran, Annette Markert, Alt und Martin Petzold, Tenor. Dazu ge- sellen sich jede Menge Sänger aus dem Monteverdi-Chor Hamburg, der generell sehr versiert und professionell agiert. So wird es mög- lich, selbst die großen Volksszenen wie die Anrufung Baals nicht schlicht laut, sondern hochdramatisch zu gestalten. Stier legt hörbar wert auf Zwischentöne, und ermöglicht so Entdeckungen. Das macht diese Aufnahme außerordentlich spannend.
Das Werk um den Propheten, der es sich zur Lebensaufgabe gemacht hat, die wankelmütigen Kinder Israels zu Gott zu führen, ist gewaltig in seiner Dramatik. Doch es hat auch lyrische Passagen, wie das Doppelquartett Denn er hat seinen Engeln befohlen, oder das Terzett der Engel. Gothart Stier, der das Oratorium 1996 mit dem Montever- di-Chor Hamburg und dem Philharmonischen Staatsorchester Halle/Saale in der Leipziger Thomaskirche aufgeführt hat - der Mit- schnitt erschien nun bei Ambitus -, lässt seinen Elias nicht einfach poltern und schnauben. Der Bariton Siegfried Lorenz zeichnet viel- mehr ein sehr differenziertes Bild dieser Figur, die den toten Knaben auferweckt, um die Witwe zum Glauben zu führen - und wenig später das Volk dazu aufruft, die Baalspriester abzuschlachten.
Das Quartett der Solisten wird vervollständigt durch Stephanie Stiller, Sopran, Annette Markert, Alt und Martin Petzold, Tenor. Dazu ge- sellen sich jede Menge Sänger aus dem Monteverdi-Chor Hamburg, der generell sehr versiert und professionell agiert. So wird es mög- lich, selbst die großen Volksszenen wie die Anrufung Baals nicht schlicht laut, sondern hochdramatisch zu gestalten. Stier legt hörbar wert auf Zwischentöne, und ermöglicht so Entdeckungen. Das macht diese Aufnahme außerordentlich spannend.
Dienstag, 14. Juli 2009
Bach: Weltliche Kantaten (Berlin Classics)
Und noch ein Schatz aus der wohlgefüllten Reserve des früheren VEB Deutsche Schallplatten: 8 CD mit den weltlichen Kantaten Bachs - ebenfalls meine besondere Empfehlung. Denn eine bessere Besetzung, als hier von Peter Schreier dirigiert wird, kann man sich kaum vorstellen. Gesangssolisten wie Edith Mathis, Arleen Augér, Peter Schreier, Theo Adam oder Siegfried Lorenz. Dazu die Berliner Solisten, ein vielfach ausgezeichneter Kammerchor, der aus zwölf Mitgliedern des Rundfunkchores Berlin bestand, von Dietrich Knothe geleitet wurde, und leider die Wiedervereinigung nicht überlebte. Und schließlich das Kammerorchester Berlin - mit Instrumentalsolisten, die zu den besten Musikern des Landes gehörten. Die Qualität der Aufnahme hält, was diese Namensliste verspricht.
Bach: Geistliche Kantaten (Berlin Classics)
Ein Auswahl Bach-Kantaten aus dem reichen Fundus des VEB Deutsche Schallplatten - die nach wie vor zum Besten gehört, was auf dem Markt zu bekommen ist. Das liegt nicht zuletzt an der erstklassigen Besetzung. Es musizieren Solisten wie Arleen Augér, Siegfried Lorenz oder Peter Schreier, gemeinsam mit dem Thomanerchor Leipzig in seiner Blütezeit unter Hans-Joachim Rotzsch und dem Neuen Bachischen Collegium Musicum. Diese Sammlung dokumentiert das hohe Niveau, auf dem das Erbe des Thomaskantors von seinen Amtsnachfolgern seinerzeit an der Pleiße gepflegt wurde. Leider nur elf CD - zu DDR-Zeiten gab's keine Gesamtaufnahme...
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