Klarinettist Rolf Weber und die Pianistin Kazue Tsuzuki sind ein eingespieltes Team. Sie musizieren nicht nur gemeinsam in Gassen- hauer-Trio München, sie haben zusammen auch bereits eine CD mit romantischen Raritäten eingespielt. Nun ist bei Ambitus ihre zweite CD erschienen – mit vier ausgesprochen hörenswerten Fantasien zu Motiven aus Opern, und einer Sonate.
Die Namen der Komponisten der ausgewählten Werke werden wahrscheinlich nur wenigen Spezialisten bekannt sein – die Melodien, die sie als Grundlage nutzten, sind aber dafür umso vertrauter. So verwendete der grandiose Klarinettenvirtuose Iwan Müller (1784 bis 1854) Cavantinen aus populären Opern von Gioacchino Rossini. Domenico Mirco (1820 bis 1866), Spross einer berühmten Klarinettisten- dynastie, schrieb seine Fantasie über Rossinis Oper Mosè in Egitto, und Donato Lovreglio (1841 bis 1907) schuf eine Fantasie über Verdis La Traviata. Den Reigen beschließt Giacomo Setccioli (1868 bis 1925) mit einer Sonate, zu der der Komponist durch ein stimmungsvolles Gedicht inspiriert wurde.
Auch wenn die Solisten aus der Schweiz und aus Japan stammen, und nun in München wirken – Weber als Soloklarinettist im Orchester des Staats- theaters am Gärtnerplatz, Tsuzuki als Pianistin und als Lehrbeauftragte an der Musikhochschule – zeigen sie hier jedoch jede Menge italienisches Temperament. Weber entlockt seiner Klarinette zudem Töne, die sind so farbenreich und so seidenweich, auch in der Höhe, niemals unkontrolliert schrill oder gepresst – es ist der absolute Traumklang! Diese CD möchte man immer wieder anhören. Bravi!
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Donnerstag, 12. November 2015
Sonntag, 20. Juli 2014
Orgel-Improvisationen mit Wolfgang Seifen (Ambitus)
Die Orgelimprovisation ist eine große Kunst, und Wolfgang Seifen gehört in diesem Metier ohne Zweifel zu den ausgewiesenen Experten. Die vorliegende CD enthält den Mitschnitt eines Konzertes, dass der Berliner Or- ganist im Dom St. Nikolai Greifs- wald zum Abschluss eines Impro- visationskurses gegeben hat.
Dabei verweist Seifen auf drei be- deutende Epochen der Orgelmusik - die deutsche Orgelromantik, den Barock und die französische Orgelsinfonik. Zugleich stellt er den Zuhörern die klanglichen Möglichkeiten der Buchholz-Jehmlich-Orgel vor. Auch die Aufzeichnung eines solchen Konzertes ist aber eine Kunst – und in Sachen Aufnahmequalität bleiben leider in erhebli- chem Umfang Wünsche offen. Schade.
Dabei verweist Seifen auf drei be- deutende Epochen der Orgelmusik - die deutsche Orgelromantik, den Barock und die französische Orgelsinfonik. Zugleich stellt er den Zuhörern die klanglichen Möglichkeiten der Buchholz-Jehmlich-Orgel vor. Auch die Aufzeichnung eines solchen Konzertes ist aber eine Kunst – und in Sachen Aufnahmequalität bleiben leider in erhebli- chem Umfang Wünsche offen. Schade.
Dienstag, 29. April 2014
Jauchzt, alle Lande (Ambitus)
Vier Werke hat Organist Wieland Hofmann für diese CD ausgewählt. Sie stammen durchweg von Komponisten, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts geboren wurden: Im Schaffen von Hermann Grabner (1886 bis 1969), Johann Nepomuk David (1895 bis 1977), Gerard Bunk (1888 bis 1958) und Friedrich Klose (1862 bis 1942) wird deutlich, welch großen Einfluss auf die spätroman- tische Orgelmusik Max Reger und die Leipziger Schule, aber auch der österreichische Komponist Anton Bruckner hatte. Mehr noch als Wagner, Liszt und die französischen Meister haben diese beiden Vorbilder eine ganze Generation von Kirchenmusikern geprägt. Die Aufnahme zeigt aber auch, wie unterschiedlich Musiker diese Ein- flüsse verarbeitet haben. Das macht sie überaus spannend. Hofmann musiziert an der Kuhn-Orgel der Kirche St. Martin in Nürnberg; bei zwei Stücken wird der Klang der Orgel zudem durch Blechbläser ergänzt, was eine interessante Klangfarbe einbringt – zu hören ist das Blechbläserensemble der Bamberger Symphoniker unter Leitung von Till Fabian Weser.
Montag, 29. Juli 2013
Musica Imperiale - "Des Kaisers Ohrenschmaus" (Ambitus)
Hofkapellen, zumal an den bedeu- tenden
europäischen Höfen, hatten in der Frühen Neuzeit enorme Be- deutung
für die Pflege des Reper- toires – und für die Verbreitung
musikalischer Innovationen.
So holte Kaiser Ferdinand II. Musiker aus
Italien nach Wien. Seine Hofkapellmeister Giovanni Priuli und
Giovanni Valentini, bestens ausgebildet in Venedig, brachten nicht
nur handwerkliche Bravour, sondern auch die damals moderne
Musizierweise von dort mit.
Das 2002 gegründete Ensemble Capella
Caesarea, das sich kühn mit diesem Namen in die Nachfolge der Wiener
Hofkapelle stellt, präsen- tiert auf der vorliegenden CD Musik aus
jener Zeit. Die ausgewählten Werke machen die allmähliche
Emanzipation der Instrumente hörbar. In den Noten steht nicht länger
per canto oder Cornetto ò Violino; die Stimmen berücksichtigen
zunehmend die technischen Möglichkeiten und den Klangcharakter des
verfügbaren Instrumen- tariums.
Allerdings schöpfen die Musiker der
Capella Caesarea die ganze bunte Palette an Klangfarben nur selten
aus. So wirken die Werke von Marco Antonio Ferro, Antonio Bertali,
Giovanni Battista Buonamente und Giovanni Valentini oft eher wie mit
dem breiten Pinsel gestrichen. Weniger ist, was die Besetzung bei
derart alter Musik angeht, offenbar oftmals mehr – und man wünscht
sich zudem nicht nur mehr klang- liche, sondern auch mehr dynamische
Differenzierung. Schade.
Montag, 1. Oktober 2012
Stölzel: Kammermusik (Ambitus)
Man sollte sich von diesem un- glaublich hässlichen Cover nicht abschrecken lassen - die Musiker des Ensembles Neobarock stellen auf dieser CD grandiose Musik vor, die unbedingt anhörenswert ist. Volker Möller, Maren Ries, Ariane Spiegel und Fritz Siebert laden ein zur Wiederentdeckung eines Komponisten, der selbst Insidern kaum noch ein Begriff ist.
Dabei wurde Gottfried Heinrich Stölzel (1690 bis 1749) zu Leb- zeiten weithin sehr geschätzt. Bach führte Kirchenkantaten des Komponisten in Leipzig auf, und auch seine Frau Anna Magdalena notierte in ihrem Notenbüchlein eines seiner Stücke: Bist du bei mir, geh ich mit Freuden stammt aus Stölzels Oper Diomedes oder Die triumphirende Unschuld, 1718 in Bayreuth uraufgeführt.
Gottfried Heinrich Stölzel stammte aus dem Erzgebirge. Der Sohn eines Lehrers und Organisten aus Grünstädtel lernte zunächst am Gymnasium Rutheneum in Gera. Dort konnte er die musikalische Ausbildung, die er im Elternhaus begonnen hatte, fortsetzen und durch eine intensive Beschäftigung mit Literatur ergänzen. 1707 ging Stölzel zum Studium nach Leipzig; doch statt der Theologie trieb ihn wohl auch dort die Musik um. So wirkte er im Collegium musicum mit, das damals von Georg Melchior Hoffmann geleitet wurde. Dieser unterstützte Stölzel auch bei seinen ersten Versuchen, sich als Kom- ponist einen Namen zu machen.
1710 wurde in Breslau Stölzels erste Oper Narcissus aufgeführt. Wei- tere Aufträge folgten; die Höfe in Gera und in Zeitz bemühten sich um den jungen Musiker. Doch der wollte noch keine Hofkapellmeister- stelle. Stölzel zog es nach Italien, nach Venedig, Florenz und Rom. Sein Aufenthalt dort brachte ihm nicht nur einen Zuwachs an musi- kalischen Fertigkeiten, sondern auch jede Menge neue Kontakte - und Renommée: 1717 wurde Stölzel nach Bayreuth eingeladen, wo er die Kirchenmusik für die Feierlichkeiten zum 200. Jubiläum der Refor- mation lieferte. Im Anschluss daran wirkte er ein gutes Jahr lang als Leiter der Hofkapelle und Musiklehrer am Gymnasium in Gera.
1719 ging Stölzel nach Gotha, wo er bis an sein Lebensende Hofkapell- meister blieb. Er hat das Musikleben in der thüringischen Residenz mit Sicherheit stark geprägt. Auch für den Sondershäuser Hof kom- ponierte Stölzel. Und wenn man die Werke hört, die das Ensemble Neobarock auf dieser CD vorstellt, dann wird man einmal mehr dar- über staunen, was für großartige Meister doch diese kleinen mittel- deutschen Höfe damals aufbieten konnten.
Stölzel muss ein gigantisches Werk erschaffen haben. Neben zahlrei- chen Orchester- und Kammermusikwerken schrieb er Passionen, Oratorien, Messen und Motetten. Eine ganze Anzahl seiner Kirchen- kantaten - wahrscheinlich waren es einst zwölf komplette Kantaten- jahrgänge - fand sich vor Jahren in einem Verschlag in der Schloss- kirche zu Sondershausen und wird heute dort im Archiv aufbewahrt. Von knapp 20 Opern kennt man zumindest die Titel. Und auch eine ganze Anzahl weltlicher Kantaten scheint Stölzel komponiert zu haben. Über die Hälfte seiner Werke gilt als verloren.
Das ist in der Tat ein Verlust, wie diese CD belegt. Leider gibt das Beiheft keine Auskunft darüber, welche Quellen die Musiker genutzt haben - doch die Mehrheit dieser Sonaten und Quadros dürfte gut
250 Jahre Archivschlaf hinter sich haben und hier in Ersteinspielung erklingen. Der Musikfreund wird sich wünschen, dass diese Stölzel-Aufnahmen bald ergänzt werden. Denn der Komponist vereint den gelehrten Stil, wie wir ihn von Bach kennen und schätzen, Experi- mentierlust und galante Geläufigkeit. Das muss durchaus kein Widerspruch sein, wie man beim Anhören dieser CD bald erfreut feststellen wird. Mehr davon! und besten Dank an die engagierten jungen Musiker für diese Ausgrabung.
Dabei wurde Gottfried Heinrich Stölzel (1690 bis 1749) zu Leb- zeiten weithin sehr geschätzt. Bach führte Kirchenkantaten des Komponisten in Leipzig auf, und auch seine Frau Anna Magdalena notierte in ihrem Notenbüchlein eines seiner Stücke: Bist du bei mir, geh ich mit Freuden stammt aus Stölzels Oper Diomedes oder Die triumphirende Unschuld, 1718 in Bayreuth uraufgeführt.
Gottfried Heinrich Stölzel stammte aus dem Erzgebirge. Der Sohn eines Lehrers und Organisten aus Grünstädtel lernte zunächst am Gymnasium Rutheneum in Gera. Dort konnte er die musikalische Ausbildung, die er im Elternhaus begonnen hatte, fortsetzen und durch eine intensive Beschäftigung mit Literatur ergänzen. 1707 ging Stölzel zum Studium nach Leipzig; doch statt der Theologie trieb ihn wohl auch dort die Musik um. So wirkte er im Collegium musicum mit, das damals von Georg Melchior Hoffmann geleitet wurde. Dieser unterstützte Stölzel auch bei seinen ersten Versuchen, sich als Kom- ponist einen Namen zu machen.
1710 wurde in Breslau Stölzels erste Oper Narcissus aufgeführt. Wei- tere Aufträge folgten; die Höfe in Gera und in Zeitz bemühten sich um den jungen Musiker. Doch der wollte noch keine Hofkapellmeister- stelle. Stölzel zog es nach Italien, nach Venedig, Florenz und Rom. Sein Aufenthalt dort brachte ihm nicht nur einen Zuwachs an musi- kalischen Fertigkeiten, sondern auch jede Menge neue Kontakte - und Renommée: 1717 wurde Stölzel nach Bayreuth eingeladen, wo er die Kirchenmusik für die Feierlichkeiten zum 200. Jubiläum der Refor- mation lieferte. Im Anschluss daran wirkte er ein gutes Jahr lang als Leiter der Hofkapelle und Musiklehrer am Gymnasium in Gera.
1719 ging Stölzel nach Gotha, wo er bis an sein Lebensende Hofkapell- meister blieb. Er hat das Musikleben in der thüringischen Residenz mit Sicherheit stark geprägt. Auch für den Sondershäuser Hof kom- ponierte Stölzel. Und wenn man die Werke hört, die das Ensemble Neobarock auf dieser CD vorstellt, dann wird man einmal mehr dar- über staunen, was für großartige Meister doch diese kleinen mittel- deutschen Höfe damals aufbieten konnten.
Stölzel muss ein gigantisches Werk erschaffen haben. Neben zahlrei- chen Orchester- und Kammermusikwerken schrieb er Passionen, Oratorien, Messen und Motetten. Eine ganze Anzahl seiner Kirchen- kantaten - wahrscheinlich waren es einst zwölf komplette Kantaten- jahrgänge - fand sich vor Jahren in einem Verschlag in der Schloss- kirche zu Sondershausen und wird heute dort im Archiv aufbewahrt. Von knapp 20 Opern kennt man zumindest die Titel. Und auch eine ganze Anzahl weltlicher Kantaten scheint Stölzel komponiert zu haben. Über die Hälfte seiner Werke gilt als verloren.
Das ist in der Tat ein Verlust, wie diese CD belegt. Leider gibt das Beiheft keine Auskunft darüber, welche Quellen die Musiker genutzt haben - doch die Mehrheit dieser Sonaten und Quadros dürfte gut
250 Jahre Archivschlaf hinter sich haben und hier in Ersteinspielung erklingen. Der Musikfreund wird sich wünschen, dass diese Stölzel-Aufnahmen bald ergänzt werden. Denn der Komponist vereint den gelehrten Stil, wie wir ihn von Bach kennen und schätzen, Experi- mentierlust und galante Geläufigkeit. Das muss durchaus kein Widerspruch sein, wie man beim Anhören dieser CD bald erfreut feststellen wird. Mehr davon! und besten Dank an die engagierten jungen Musiker für diese Ausgrabung.
Samstag, 27. August 2011
Kolbinger: Fagott-Kammermusik (Ambitus)
Karl Kolbinger, Jahrgang 1921, gehörte viele Jahre zu den führen- den Fagottisten weltweit, und hat als Professor an der Hochschule für Musik in München Generationen von Instrumentalisten ausgebildet. Seine besondere Liebe gilt der Kammermusik, insbesondere für Holzbläser.
Auf dieser CD hat Musikerkollege Karl Nagel zusammen mit seiner Frau Julia Nagel-Santarius und seinen Schülern Julius Reger, Se- bastian Hägele, Leonhard Hauske sowie Dong Hwon Lee einige Werke von Karl Kolbinger eingespielt - und zwar ausschließlich auf Fagotten. Den Namen des Ensembles, fagotti parlandi, darf man dabei durchaus als Programm sehen. Denn diese Blasinstrumente plappern, kichern, erzählen, schwadronieren, diskutieren und klagen drauflos, dass man sich verwundert die Augen reibt.
Kolbingers Werke sind für dieses Ensemble wie geschaffen. Er selbst beschreibt das exemplarisch für den dritten Satz seiner Münchner Miniaturen: "Schon wieder Föhn! Der berühmte Föhn in München, von dem man Kopfweh bekommt. Einerseits ist's schön, das Wetter, die Melodie aber dann kommen diese stechenden Kopfschmerzen..." Tolle Musik, großartige gespielt - wer ein Faible für das Fagott hat, der wird diese CD lieben.
Auf dieser CD hat Musikerkollege Karl Nagel zusammen mit seiner Frau Julia Nagel-Santarius und seinen Schülern Julius Reger, Se- bastian Hägele, Leonhard Hauske sowie Dong Hwon Lee einige Werke von Karl Kolbinger eingespielt - und zwar ausschließlich auf Fagotten. Den Namen des Ensembles, fagotti parlandi, darf man dabei durchaus als Programm sehen. Denn diese Blasinstrumente plappern, kichern, erzählen, schwadronieren, diskutieren und klagen drauflos, dass man sich verwundert die Augen reibt.
Kolbingers Werke sind für dieses Ensemble wie geschaffen. Er selbst beschreibt das exemplarisch für den dritten Satz seiner Münchner Miniaturen: "Schon wieder Föhn! Der berühmte Föhn in München, von dem man Kopfweh bekommt. Einerseits ist's schön, das Wetter, die Melodie aber dann kommen diese stechenden Kopfschmerzen..." Tolle Musik, großartige gespielt - wer ein Faible für das Fagott hat, der wird diese CD lieben.
Sonntag, 26. Juni 2011
Schirokkos Telemann (Ambitus)
„Neuentdeckte Geistliche Arien“, steht als Untertitel wie ein Motto über dieser CD. Sie befinden sich in dem Manuskript Etliche Geistliche Arien, TWV 10:13 bis 10:20, aus der Staatsbibliothek Hamburg – acht Stück sind es also, und sie sind sämtlich auf dieser CD zu finden. Die Musiker des Ensembles Schirokko um Rachel Harris haben sie um Telemanns Violinkonzert in a-Moll sowie durch passende Cho- ralstrophen ergänzt, die instru- mentaliter vorgetragen werden. An einer Stelle grüßt mit der großartigen Arp-Schnitger-Orgel, gespielt durch Martin Böcker, sogar der Ort, an dem diese Aufnahme aufge- zeichnet wurde – die Kirche Ss. Cosmae et Damiani Stade. Diese Werke Telemanns waren lang verschollen; sie lagen als "Beute- kunst" in St. Petersburg, und wurden erst 1992 in die Bestände der Staatsbibliothek Hamburg zurückgeführt. Die Texte der Arien sind im Beiheft – anders als auf der CD, die einer musikalischen Logik folgt – in ihrer korrekten Reihenfolge abgedruckt. Sie mahnen, ganz im Stile der Zeit ihrer Entstehung, zu einem Gott gefälligen Leben und drohen Sündern die entsprechenden Strafen an.
Das liest sich heute gewöhnungsbedürftig; und so fühlte sich Rachel Harris, die Gründerin und Leiterin des Ensembles Schirokko Hamburg, dazu herausgefordert, sie im Beiheft durch einen Essay über das Glück und den Müßiggang zu begleiten. Ob dieser Aufsatz tiefer geht als Telemanns Texte, das freilich mag jeder selbst ent- scheiden.
Die Arien jedenfalls sind hörenswert, und Sopranistin Tanya Aspelmeier singt mit geschmeidiger, fokussierter, schlanker Stimme, was man ebenfalls mit Vergnügen anhört. Ihre Textverständlichkeit freilich könnte besser sein, was jedoch bei diesen Stücken wenig ins Gewicht fällt. Die Musiker des Ensembles Schirokko zeigen sich engagiert, und sie überzeugen mit Witz und Spielfreude. Bravi!
Das liest sich heute gewöhnungsbedürftig; und so fühlte sich Rachel Harris, die Gründerin und Leiterin des Ensembles Schirokko Hamburg, dazu herausgefordert, sie im Beiheft durch einen Essay über das Glück und den Müßiggang zu begleiten. Ob dieser Aufsatz tiefer geht als Telemanns Texte, das freilich mag jeder selbst ent- scheiden.
Die Arien jedenfalls sind hörenswert, und Sopranistin Tanya Aspelmeier singt mit geschmeidiger, fokussierter, schlanker Stimme, was man ebenfalls mit Vergnügen anhört. Ihre Textverständlichkeit freilich könnte besser sein, was jedoch bei diesen Stücken wenig ins Gewicht fällt. Die Musiker des Ensembles Schirokko zeigen sich engagiert, und sie überzeugen mit Witz und Spielfreude. Bravi!
Samstag, 16. April 2011
Mendelssohn: Elias (Ambitus)
"Noch niemals ist ein Stück von mir bei der ersten Aufführung so vortrefflich gegangen und von den Musikern und den Zuhörern so begeistert aufgenommen worden wie dieses Oratorium", berichtet Felix Mendelssohn Bartholdy nach der Uraufführung des Elias in einem Brief aus Birmingham sei- nem Bruder Paul. "Es war gleich bei der ersten Probe in London zu sehen, daß sie es gern mochten und gern sangen und spielten (...) Wärst Du nur dabei gewesen! Die ganze dritthalb Stunden, die es dauerte, war der große Saal mit seinen 2000 Menschen und das große Orchester alles so vollkommen auf einen Punkt (...) gespannt, daß von den Zuhörern nicht das leise- ste Geräusch zu hören war, und daß ich mit den ungeheuren Orche- ster- und Chor- und Orgelmassen vorwärts und rückwärts gehen konnte, wie ich nur wollte."
Das Werk um den Propheten, der es sich zur Lebensaufgabe gemacht hat, die wankelmütigen Kinder Israels zu Gott zu führen, ist gewaltig in seiner Dramatik. Doch es hat auch lyrische Passagen, wie das Doppelquartett Denn er hat seinen Engeln befohlen, oder das Terzett der Engel. Gothart Stier, der das Oratorium 1996 mit dem Montever- di-Chor Hamburg und dem Philharmonischen Staatsorchester Halle/Saale in der Leipziger Thomaskirche aufgeführt hat - der Mit- schnitt erschien nun bei Ambitus -, lässt seinen Elias nicht einfach poltern und schnauben. Der Bariton Siegfried Lorenz zeichnet viel- mehr ein sehr differenziertes Bild dieser Figur, die den toten Knaben auferweckt, um die Witwe zum Glauben zu führen - und wenig später das Volk dazu aufruft, die Baalspriester abzuschlachten.
Das Quartett der Solisten wird vervollständigt durch Stephanie Stiller, Sopran, Annette Markert, Alt und Martin Petzold, Tenor. Dazu ge- sellen sich jede Menge Sänger aus dem Monteverdi-Chor Hamburg, der generell sehr versiert und professionell agiert. So wird es mög- lich, selbst die großen Volksszenen wie die Anrufung Baals nicht schlicht laut, sondern hochdramatisch zu gestalten. Stier legt hörbar wert auf Zwischentöne, und ermöglicht so Entdeckungen. Das macht diese Aufnahme außerordentlich spannend.
Das Werk um den Propheten, der es sich zur Lebensaufgabe gemacht hat, die wankelmütigen Kinder Israels zu Gott zu führen, ist gewaltig in seiner Dramatik. Doch es hat auch lyrische Passagen, wie das Doppelquartett Denn er hat seinen Engeln befohlen, oder das Terzett der Engel. Gothart Stier, der das Oratorium 1996 mit dem Montever- di-Chor Hamburg und dem Philharmonischen Staatsorchester Halle/Saale in der Leipziger Thomaskirche aufgeführt hat - der Mit- schnitt erschien nun bei Ambitus -, lässt seinen Elias nicht einfach poltern und schnauben. Der Bariton Siegfried Lorenz zeichnet viel- mehr ein sehr differenziertes Bild dieser Figur, die den toten Knaben auferweckt, um die Witwe zum Glauben zu führen - und wenig später das Volk dazu aufruft, die Baalspriester abzuschlachten.
Das Quartett der Solisten wird vervollständigt durch Stephanie Stiller, Sopran, Annette Markert, Alt und Martin Petzold, Tenor. Dazu ge- sellen sich jede Menge Sänger aus dem Monteverdi-Chor Hamburg, der generell sehr versiert und professionell agiert. So wird es mög- lich, selbst die großen Volksszenen wie die Anrufung Baals nicht schlicht laut, sondern hochdramatisch zu gestalten. Stier legt hörbar wert auf Zwischentöne, und ermöglicht so Entdeckungen. Das macht diese Aufnahme außerordentlich spannend.
Mittwoch, 29. Dezember 2010
Borodin, Brahms: Cello-Sonaten (Ambitus)
Obwohl er eigentlich Mediziner und Professor für Chemie war, gehörte Alexander Borodin (1833 bis 1887) zu den führenden Köpfen des "Mächtigen Häufleins" - jener St. Petersburger Komponisten- gruppe, die eine von westeuropä- ischen Einflüssen freie, national eigenständige russische Musik schaffen wollte. Seine Sonate für Violoncello und Klavier h-Moll entstand wahrscheinlich in Hei- delberg, wo Borodin 1860 als Chemiker forschte. Das Werk ist in einer Handschrift überliefert, die nach der Exposition des dritten Satzes abbricht. Der Violinist und Komponist Michael Goldstein hat die Sonate vollendet und 1982 veröffentlicht.
Borodin, der selbst ein guter Cellist und mit den Möglichkeiten des Instrumentes daher bestens vertraut war, beginnt den ersten Satz mit einem Bach-Zitat. Bach bleibt auch Kern dieser Musik, die aber dennoch unverkennbar russisch-romantisch ist - jedenfalls in den beiden ersten Sätzen. Der dritte Satz ist moderner; außerdem hält Goldstein das Pathos, mit dem der Satz beginnt, nicht lange durch. So endet das Werk geradezu heiter, und hochvirtuos dazu. Das Leipziger Max-Reger-Duo - Hans-Georg Jaroslawski, Violoncello und Ulrich Urban, Klavier - musiziert, dass es eine Freude ist. Die beiden Solisten beeindrucken durch ihr exzellentes Zusammenspiel ebenso wie mit ihrem Sinn für musikalische Strukturen.
Jaroslawski, ein Schüler des legendären Friedemann Erben, und Urban, Professor für Klavier an der Hochschule für Musik Leipzig, zeigen auch anschließend bei der Sonate für Klavier und Violoncello F-Dur op. 99 von Johannes Brahms (1833 bis 1897), dass es durchaus vorteilhaft sein kann, wenn Musiker über einen langen Zeitraum regelmäßig gemeinsam konzertieren. Denn dieses Werk, das Brahms 1886 komponierte, fordert den Cellisten mit einem enorm schwieri- gen Part, den Pianisten mit einem Paradebeispiel für Brahms Neigung zum "vollgriffigen", orchestral angelegten Klaviersatz - und den Hörer aufgrund seiner Komplexität. In dieser Einspielung allerdings kann man das Werk genießen. Diese CD gehört für mich zu den besten Kammermusik-Aufnahmen des Jahres 2010. Unbedingt anhören!
Sonntag, 21. November 2010
Suites & Correspondances (Ambitus)
Die Komponisten Johann Sebastian Bach und Francois Couperin sollen einen Briefwechsel über Methoden der Cembalo-Ausbildung und über unterschiedliche Möglichkeiten, Instrumente zu stimmen, unter- halten haben. Madame Couperin gewann den Fachsimpeleien der Männer eine ganz eigene, prakti- sche Seite ab, so heißt es: Sie soll mit Bachs Briefen ihre Marmela- dengläser abgedeckt haben.
Diese Geschichte, die die Idee zum Cover dieser CD lieferte, mag er- funden sein. In jedem Falle aber kannte sich Bach in der französi- schen Musik bestens aus. Er hatte Gelegenheit, Werke französischer Komponisten zu hören, er kopierte auch selbst derartige Werke, und er begegnete französischen Virtuosen, wie dem Flötisten Pierre Gabriel Buffardin, der mehr als 30 Jahre lang am Hofe des sächsi- schen Kurfürsten angestellt war. Es wird vermutet, dass Bach für diesen Musiker Flötensonaten schrieb. Und die Französischen Suiten sollen möglicherweise eine Antwort auf Cembalokompositionen Couperins sein, die Englischen Suiten eine Reaktion auf Werke von Francois Dieupart, dessen Sechs Suiten für Cembalo sich Bach in seiner Weimarer Zeit abgeschrieben hatte - und der ab 1704 in England lebte.
Genaueres werden wir wohl nicht mehr erfahren; gewisse Analogien aber sind in der Tat augenfällig. Insofern ist das Programm dieser CD, das Werke Bachs neben jene von Dieupart, Robert de Visée und Couperin stellt, in jedem Falle eine clevere Idee. Über die Qualität des Spiels aber von La luth enchantée - Marion Fermé, Blockflöten, Anna Kowalska, Laute und Barockgitarre und Anton Birula, Laute und Theorbe - lässt sich hier wenig berichten. Denn die Aufnahme ist derart hallig, dass darunter alle Stücke leiden. So wirkt der Vortrag unpräzise, und eine dynamische Differenzierung lassen diese Klang- verhältnisse gleich gar nicht zu - schade!
Donnerstag, 24. Juni 2010
Schirokkos Seereisen (Ambitus)
Das Schirokko Ensemble Hamburg lädt ein zu einer Expedition ganz besonderer Art. Denn diese See- reise beginnt keineswegs im Hafen, sondern vielmehr im Anfang aller Dinge, mit der Schöpfung. Dann bevölkert sich die Erde allmählich, wenn man den Musikern folgt - wobei erstaunlich viel geflattert und gezwitschert wird.
Das anfängliche Chaos lichtet sich zunehmend; der Zuhörer wird Zeuge eines Sturmes, der das Meer aufwühlt, doch letztendlich ästhetisch gebändigt und in zwar virtuose, aber dennoch sanfte Blockflötenklänge gewandelt wird. Die Seereise endet, was dann doch etwas verblüfft, mit Telemanns Ouvertüre in C-Dur Wassermusik. Hamburger Ebb' und Flut.
Das anfängliche Chaos lichtet sich zunehmend; der Zuhörer wird Zeuge eines Sturmes, der das Meer aufwühlt, doch letztendlich ästhetisch gebändigt und in zwar virtuose, aber dennoch sanfte Blockflötenklänge gewandelt wird. Die Seereise endet, was dann doch etwas verblüfft, mit Telemanns Ouvertüre in C-Dur Wassermusik. Hamburger Ebb' und Flut.
Die CD hält für ihre Hörer zwei Überraschungen parat. Sie startet mit einem Cluster, der sämtliche Töne der Anfangstonart in sich vereint - Jean-Féry Rebel beginnt so sein Werk Les Éléments, speziell den ersten Satz, Le Chaos. Aus dieser Simphonie Nouvelle erklingen dann noch mehr Stücke, allerdings mehr oder minder wild vermischt mit einigen anderen Werken des Komponisten sowie mit einzelnen Sätzen aus Vivaldis Distelfink-Flötenkonzert.
Die zweite Überraschung ist Fransisco Valls Composición enarmóni- ca para instrumentos de arco, ein Stück aus seiner Mapa Armónico Práctico (1742), das mit Viertelton-Intervallen arbeitet. Sein sanfter, vierstimmiger Kontrapunkt versetzt den Hörer in eine Art Schwebe- zustand; verblüfft stellt man fest, dass diese ungewohnten, aber durchaus harmonischen Klänge schwer zu fassen sind. Es bleibt der Eindruck, dass die Melodien ruhig, aber unaufhaltsam davonfließen. Faszinierend.
Leider hinterlassen die Musiker abseits dieser Entdeckungen wenig Eindruck. Die bekannten Werke hat man alle schon irgendwo besser gehört; hier bleibt vieles vage. Saubere Töne spielen heutzutage eigentlich alle. Aber wer Barockmusik vorträgt, der benötigt auch eine gewisse Portion Esprit, und Mut zur Theatralik.
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