Mit der Johannespassion komplet- tiert der Dresdner Kammerchor unter Hans-Christoph Rademann seine Einspielung der drei Passionen von Heinrich Schütz. Die zentrale Gestalt in diesem A-Cappella-Werk ist der Evangelist, der die Passionserzählung rezitierend vorträgt, oftmals im Wechselgesang mit dem Sänger, der den Part des Jesus gestaltet. Auch dieser hat an musikalischen Mitteln kaum mehr zur Verfügung als eine Art Psalmodie. Als Solisten sind in diesen Partien Jan Kobow und Harry van der Kamp zu hören; sie singen schlicht, ganz auf den Text bezogen, und ausdrucksstark.
Der Chor eröffnet und beschließt die Passion; aus ihm treten die Soliloquenten hervor, wie Pilatus, Petrus sowie die Knechte und die Magd des Hohepriesters. Ihm obliegen aber vor allem auch die zumeist kurzen Turbae-Chöre. Schütz gestaltete sie kantig und dramatisch: Die Meinungsführer schreien los, und die anderen stimmen ein. Hier hat der Dresdner Kammerchor einen starken Auftritt. Mit seinem beeindruckend homogenen Chorklang und seiner konsequenten Orientierung am Sprachgestus gelingt ihm eine Interpretation, die dauerhaft Maßstäbe setzt.
Die Einspielung erhielt vollkommen zu Recht den Jahrespreis der Deutschen Schallplattenkritik. Ergänzt wird das Programm durch zwei Erstaufnahmen – eine Vertonung der Deutschen Litanei Martin Luthers und die Abensmahlsmotette Unser Herr Jesus Christus in der Nacht, da er verraten ward – sowie den Evangeliendialog Ach Herr, du Sohn Davids. Dabei werden die Sänger durch Lee Santana, Theorbe, Frauke Hess, Violone, und Ludger Rémy, Orgelpositiv, begleitet.
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Mittwoch, 28. März 2018
Donnerstag, 14. September 2017
John Potter: Secret History - Sacred Music by Josquin and Victoria (ECM)
Josquin Desprez (um 1450 bis 1521) wird jeder Musikwissenschaftler in der Renaissance verorten, Tomas Luis de Victoria (um 1548 bis 1611) wohl eher im Frühbarock. Der eine wirkte in Frankreich, der andere in Spanien; beide waren zeitweise auch in Rom tätig.
Ob der Spanier die Werke seines berühmten französischen Kollegen kannte – viele davon waren im Druck erschienen, und sie waren in ganz Europa verbreitet –, lässt sich heute nicht mehr feststellen. John Potter aber meint, dass man Musikgeschich- te nicht als nur Abfolge von Kompositionen und unter dem Aspekt der Suche nach der originalen Gestalt eines Werkes schreiben sollte.
Mindestens ebenso interessant findet der Sänger den Blick auf die Rezeptionsgeschichte von Musikstücken – und mit dieser CD bietet er dafür gleich ein Beispiel. Es ist eine spannende Erkenntnis, dass Kompositionen, die man heutzutage als reine Vokalmusik anzusehen geneigt ist, seinerzeit durchaus auch auf Instrumenten gespielt wurden. In diesem Zusammenhang hat sich John Potter den sogenannten „Sekundär- quellen“ zugewandt – „which actually represent the music as it was known and loved by musicians who felt the composers to be kindred spirits long after their deaths“, schreibt der Sänger im Beiheft.
So finden sich Kompositionen von Desprez und de Victoria erstaunlicher- weise in den Tabulaturen vieler europäischer Lautenisten, und auch Musiker, die Vihuela spielten – eine Art Gitarre, die aber wie eine Laute gestimmt war –, besaßen Abschriften dieser Messen und Motetten.
Die Klänge jener Zeit rekonstruiert Potter auf dieser CD gemeinsam mit Trio Mediaeval-Sängerin Anna Maria Friman und den exzellenten Vihuela-Virtuosen Ariel Abramovich, Jacob Heringman und Lee Santana. In einigen Stücken ist zudem Hille Perl mit ihrer Viola da gamba zu hören.
Das klangschöne Album, produziert von Manfred Eicher, wurde im Kloster St. Gerold in den österreichischen Bergen aufgezeichnet, wo Potter bereits zuvor Stücke für Officium und andere Alben mit dem Hilliard Ensemble und mit dem Dowland Project eingespielt hat.
Ob der Spanier die Werke seines berühmten französischen Kollegen kannte – viele davon waren im Druck erschienen, und sie waren in ganz Europa verbreitet –, lässt sich heute nicht mehr feststellen. John Potter aber meint, dass man Musikgeschich- te nicht als nur Abfolge von Kompositionen und unter dem Aspekt der Suche nach der originalen Gestalt eines Werkes schreiben sollte.
Mindestens ebenso interessant findet der Sänger den Blick auf die Rezeptionsgeschichte von Musikstücken – und mit dieser CD bietet er dafür gleich ein Beispiel. Es ist eine spannende Erkenntnis, dass Kompositionen, die man heutzutage als reine Vokalmusik anzusehen geneigt ist, seinerzeit durchaus auch auf Instrumenten gespielt wurden. In diesem Zusammenhang hat sich John Potter den sogenannten „Sekundär- quellen“ zugewandt – „which actually represent the music as it was known and loved by musicians who felt the composers to be kindred spirits long after their deaths“, schreibt der Sänger im Beiheft.
So finden sich Kompositionen von Desprez und de Victoria erstaunlicher- weise in den Tabulaturen vieler europäischer Lautenisten, und auch Musiker, die Vihuela spielten – eine Art Gitarre, die aber wie eine Laute gestimmt war –, besaßen Abschriften dieser Messen und Motetten.
Die Klänge jener Zeit rekonstruiert Potter auf dieser CD gemeinsam mit Trio Mediaeval-Sängerin Anna Maria Friman und den exzellenten Vihuela-Virtuosen Ariel Abramovich, Jacob Heringman und Lee Santana. In einigen Stücken ist zudem Hille Perl mit ihrer Viola da gamba zu hören.
Das klangschöne Album, produziert von Manfred Eicher, wurde im Kloster St. Gerold in den österreichischen Bergen aufgezeichnet, wo Potter bereits zuvor Stücke für Officium und andere Alben mit dem Hilliard Ensemble und mit dem Dowland Project eingespielt hat.
Samstag, 30. März 2013
Schütz: Lukaspassion & Die Sieben Worte; Rademann (Carus)
Ein illustres Ensemble versammel- te sich im April 2012 in der Stadt- kirche zu Radeberg, um bedeuten- de Werke von Heinrich Schütz (1585 bis 1672) einzuspielen: Mit Die Sieben Worte Jesu am Kreuz, der Lukaspassion sowie der Welt- ersteinspielung des Geistlichen Konzertes Erbarm dich mein, o Herre Gott setzt der Dresdner Kammerchor unter Leitung von Hans-Christoph Rademann die Gesamteinspielung der Werke des Komponisten mit der nunmehr sechsten CD fort. Die exzellenten Chorsänger, aus deren Reihen auch ein großer Teil der solistischen Partien besetzt werden konnte, wurden ergänzt durch Ulrike Hofbauer, Sopran, und Jan Kobow, Tenor. Den Instrumentalpart übernahmen The Sirius Viols - ein Gambenensemble um Hille Perl - sowie Lee Santana, Theorbe, und Ludger Rémy, Orgel. Die Qualitäten dieser Musiker zu rühmen, das hieße Eulen nach Athen tragen.
Einmal mehr lässt das von Rademann geleitete Ensemble Schütz' musikalische Predigten in berückender Eindringlichkeit und Aus- gewogenheit erklingen. Allerdings gerät, zumal in der Lukaspassion, so mancher solistische Beitrag dabei für meinen Geschmack zu stark in die Nähe des Operngesangs. Dort wünscht man sich, dass sich die Mitwirkenden etwas zurücknehmen. Emotionen werden direkt durch Schütz' Musik vermittelt, sie müssen nicht zusätzlich durch den Sänger beim Zuhörer erzeugt werden.
Einmal mehr lässt das von Rademann geleitete Ensemble Schütz' musikalische Predigten in berückender Eindringlichkeit und Aus- gewogenheit erklingen. Allerdings gerät, zumal in der Lukaspassion, so mancher solistische Beitrag dabei für meinen Geschmack zu stark in die Nähe des Operngesangs. Dort wünscht man sich, dass sich die Mitwirkenden etwas zurücknehmen. Emotionen werden direkt durch Schütz' Musik vermittelt, sie müssen nicht zusätzlich durch den Sänger beim Zuhörer erzeugt werden.
Samstag, 10. Dezember 2011
Verleih uns Frieden gnädiglich (Deutsche Harmonia Mundi)
"Ein neues Bedürfnis nach Besin- nung und Einhalten scheint in großen Teilen der Bevölkerung die Folge eines kulturellen Unbeha- gens zu sein: Man kann nicht wirklich dem Tempo der Zeit standhalten, immer läuft man hinter den Entwicklungen der Gesellschaft her", stellt Hille Perl fest. Mit ihrem Weihnachtsalbum, das sie "Für die Kinder" produziert hat, geht sie zurück auf die ganz alten Weihnachtslieder. "Wir er- zählen den Kindern und Enkeln von unserer Zeit als Kinder und Enkel - und natürlich singen wir mit ihnen die alten Lieder - versuchen dem akustischen Jingle-Bells-Terrorismus der Einkaufsstraßen zu ent- kommen und irgendetwas von unserer wahrhaft großartigen musi- kalischen Tradition zu vermitteln; etwas, das gleichzeitig komplex und einfach ist, das vor Schönheit und Klarheit strahlen kann, ohne platt zu sein: wo aus Kindertagen bekannte Melodien zum Mit- summen einladen und doch in kontrapunktischer Abwechslung das Ohr erfreuen", so die Musikerin.
Sie hat sehr viel Sorgfalt auf die Vorbereitung und Zusammenstellung dieser CD verwendet. Es ist ein wundervolles, ruhiges Album gewor- den - ich finde, es ist eine der schönsten Neuerscheinungen zum Fest in diesem Jahr. Im Zentrum steht die eindringliche Bitte um Frieden - die auch gleich mehrfach vorgetragen wird, in unterschiedlicher musikalischer Gestalt. "Auf der Suche nach der Engelsstimme, die mir für diese CD im Kopf klang, traf ich auf Anna Maria Friman - ein kur- zer Zweifel, ob Annas nicht komplett lupenreines Deutsch womög- lich meine preußisch-lutherische Erwartungshaltung trüben könne, wurde binnen Minuten hinweggefegt. Ihre klare, unschuldige und doch reife Stimme und ihre unbestechliche Persönlichkeit warfen mich um", meint Perl. "Im Nachhinein ist mir klar, dass alle echten Engel einen leicht schwedischen Akzent haben müssen - egal, in welcher Sprache sie uns singen." Dem hat auch die Rezensentin tat- sächlich nichts hinzuzufügen.
Hille Perl, Gambe, und ihr Lebensgefährte Lee Santana, Lauten- instrumente, spielen gemeinsam mit den Sirius Viols. Sie, so die Musikerin, "haben mit mir zusammen die musikalische Detailarbeit gemacht, die Verflechtungen der Choräle mitgestaltet, die Strophen ausgewählt, so ist unser aller Herzblut hineingeflossen, auf dass wir ein friedliches Weihnachten/Chanukka/Solstice/Zuckerfest oder was auch sonst feiern mögen, mit Ihnen allen."
Sie hat sehr viel Sorgfalt auf die Vorbereitung und Zusammenstellung dieser CD verwendet. Es ist ein wundervolles, ruhiges Album gewor- den - ich finde, es ist eine der schönsten Neuerscheinungen zum Fest in diesem Jahr. Im Zentrum steht die eindringliche Bitte um Frieden - die auch gleich mehrfach vorgetragen wird, in unterschiedlicher musikalischer Gestalt. "Auf der Suche nach der Engelsstimme, die mir für diese CD im Kopf klang, traf ich auf Anna Maria Friman - ein kur- zer Zweifel, ob Annas nicht komplett lupenreines Deutsch womög- lich meine preußisch-lutherische Erwartungshaltung trüben könne, wurde binnen Minuten hinweggefegt. Ihre klare, unschuldige und doch reife Stimme und ihre unbestechliche Persönlichkeit warfen mich um", meint Perl. "Im Nachhinein ist mir klar, dass alle echten Engel einen leicht schwedischen Akzent haben müssen - egal, in welcher Sprache sie uns singen." Dem hat auch die Rezensentin tat- sächlich nichts hinzuzufügen.
Hille Perl, Gambe, und ihr Lebensgefährte Lee Santana, Lauten- instrumente, spielen gemeinsam mit den Sirius Viols. Sie, so die Musikerin, "haben mit mir zusammen die musikalische Detailarbeit gemacht, die Verflechtungen der Choräle mitgestaltet, die Strophen ausgewählt, so ist unser aller Herzblut hineingeflossen, auf dass wir ein friedliches Weihnachten/Chanukka/Solstice/Zuckerfest oder was auch sonst feiern mögen, mit Ihnen allen."
Sonntag, 15. August 2010
Cradle of Conceits (Carpe diem)
Wer eine richtig schöne Lauten-CD hören möchte, dem sei "Cradle of Conceits" wärmstens empfohlen. Lee Santana hat eigentlich klassi- sche Gitarre studiert, sich dann aber zunehmend der sogenannten "Alten" Musik zugewandt - und dem Lautenspiel verschrieben. Seit 1984 lebt und arbeitet der Ameri- kaner als freiberuflicher Lautenist und Komponist in Deutschland.
Die vorliegende CD ist das Ergeb- nis seiner Auseinandersetzung mit dem Werk Anthony Holbornes (um 1545 bis 1602). Eingespielt hat er sie in der kleinen mittelalterlichen Feldsteinkirche St. Firminus in Dötlingen, Landkreis Oldenburg.
Dabei legte er einerseits viel Wert auf Authentizität. Er verwendet eine Renaissancelaute von Knut Sint, eine Diskantlaute von Matthias Wagner und Basslaute von Renatus Lechner, sämtlich mit Darmsaiten bespannt. Es erklingen zudem ein Kleines Zitterlein des Meißner Gitarrenbauers Steffen Milbradt sowie Bandora und Zister von Peter Forrester. Die Zistern sind mit Metallsaiten versehen, und die Bando- ra mit Bronzesaiten aus spezieller, historischer Legierung. All seine Instrumente sind mitteltönig gestimmt, was zu dieser Musik wunder- bar passt.
Es steht andererseits zu vermuten, dass sich Lee Santana bei der Interpretation von Holbornes Werken einige Freiheiten genommen hat. Denn diese Einspielung ist erklärtermaßen auch seine sehr persönliche Auseinandersetzung mit der Musik und dem Geist des elisabethanischen Zeitalters. So vermittelt der Lautenist mit seinem Spiel eine Ahnung von der klanglichen Vielfalt, der Verspieltheit und musikalischen Variabilität der damaligen Tanz- und Hofmusik. Diese CD führt nicht ins Museum, sondern sie zeigt eine höchst lebendige, stimmungsvolle und mitunter auch launige Auffassung von Lauten- musik. Bravo!
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