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Mittwoch, 28. März 2018

Schütz: Johannespassion (Carus)

Mit der Johannespassion komplet- tiert der Dresdner Kammerchor unter Hans-Christoph Rademann seine Einspielung der drei Passionen von Heinrich Schütz. Die zentrale Gestalt in diesem A-Cappella-Werk ist der Evangelist, der die Passionserzählung rezitierend vorträgt, oftmals im Wechselgesang mit dem Sänger, der den Part des Jesus gestaltet. Auch dieser hat an musikalischen Mitteln kaum mehr zur Verfügung als eine Art Psalmodie. Als Solisten sind in diesen Partien Jan Kobow und Harry van der Kamp zu hören; sie singen schlicht, ganz auf den Text bezogen, und ausdrucksstark. 
Der Chor eröffnet und beschließt die Passion; aus ihm treten die Soliloquenten hervor, wie Pilatus, Petrus sowie die Knechte und die Magd des Hohepriesters. Ihm obliegen aber vor allem auch die zumeist kurzen Turbae-Chöre. Schütz gestaltete sie kantig und dramatisch: Die Meinungsführer schreien los, und die anderen stimmen ein. Hier hat der Dresdner Kammerchor einen starken Auftritt. Mit seinem beeindruckend homogenen Chorklang und seiner konsequenten Orientierung am Sprachgestus gelingt ihm eine Interpretation, die dauerhaft Maßstäbe setzt. 
Die Einspielung erhielt vollkommen zu Recht den Jahrespreis der Deutschen Schallplattenkritik. Ergänzt wird das Programm durch zwei Erstaufnahmen – eine Vertonung der Deutschen Litanei Martin Luthers und die Abensmahlsmotette Unser Herr Jesus Christus in der Nacht, da er verraten ward – sowie den Evangeliendialog Ach Herr, du Sohn Davids. Dabei werden die Sänger durch Lee Santana, Theorbe, Frauke Hess, Violone, und Ludger Rémy, Orgelpositiv, begleitet. 

Mittwoch, 29. Mai 2013

Platti / Vivaldi: Six Sonatas for Violoncello and Basso continuo (Oehms Classics)

Zum 250. Todestag von Giovanni Benedetto Platti (1697 bis 1763) setzt Sebastian Hess nun seine Edition der Werke des Musikers bei Oehms Classics fort. Er kam aus Italien nach Franken, weil der Fürstbischof seiner Residenz durchaus etwas Glanz verleihen wollte. In einem Brief vom 23. Mai 1722 berichtete Johann Philipp Franz von Schönborn seinem Bruder, er habe „neue leuthe aus Italien“ für seine Hofkapelle gewonnen. Unter ihnen war auch der „Houboist“ Platti; er war der einzige dieser Musiker, der bis an sein Lebensende im Dienst der Fürstbischöfe von Würzburg bleiben sollte. 
Die Schönborn-Brüder waren fasziniert von der italienischen Musik, die sie bei Studienaufenthalten in Rom kennengelernt hatten. Und sie waren beide selbst versierte Musiker. Der Bischof spielte die Violine, Rudolf Franz Erwein von Schönborn, Herr über die nahegelegene Grafschaft Wiesentheid, musizierte auf dem Violoncello. Platti wurde offenbar bald zum musikalischen Berater und Hauskomponisten des Grafen. Mehr als 60 seiner Werke sind in der Musikaliensammlung Rudolf Franz Erweins überliefert, zumeist Stücke für Violoncello.
Für diese CD hat Hess drei Sonaten mit Basso continuo ausgewählt. Ergänzt wurde das Programm um drei Suonate per Violoncello solo von Antonio Vivaldi, die sich ebenfalls in der Notenbibliothek des Grafen fanden. Auf der dritten CD der Reihe musiziert der Cellist erneut gemeinsam mit dem Lautenisten Axel Wolff. Die Einspielung, die in Koproduktion mit BR Klassik entstanden ist, wurde im August 2012 in der St. Jacobus Kirche in Großlangheim aufgezeichnet.

Freitag, 15. März 2013

Komm, süßes Kreuz (Coviello)

Die ganze Farbenpracht barocker Gambenmusik präsentieren Frauke Hess und ihre Mitstreiter auf dieser CD. Im Mittelpunkt der Einspielung steht der sogenannte Stylus Phan- tasticus, eine musikalische Form, die zunächst in der Orgelmusik außerhalb der eigentlichen Liturgie aus der Improvisation entstanden ist, und bald auch auf andere Instrumente übertragen wurde.
Die Viola da gamba erfreute sich im späten 17. Jahrhundert in der Kammermusik großer Beliebtheit. Und so nutzten nicht nur berühmte Gambenvirtuosen „die allerfreieste und ungebundenste Setz-, Sing- und Spiel-Art“ - so nannte Johann Mattheson 1739 den Stylus Phan- tasticus - um ihr Instrument gekonnt zu präsentieren.
Auf dieser CD erklingen einige Werke, die zeigen, wie die Gambe in dieser innovativen Spielart der Barockmusik verwendet wurde. Philipp Heinrich Erlebach (1657 bis 1714) beispielsweise, Hofkapell- meister im Hause Schwarzburg-Rudolstadt, veröffentlichte 1694
VI Sonate à Violino e Viola da Gamba col suo Basso Continuo. In der dritten Sonate aus dieser Sammlung, die hier erklingt, tritt die Gambe in einen Dialog mit der in Skordatur gestimmten Violine. So ergibt sich eine klanglich reizvolle Triosonate.

August Kühnel (1645 bis um 1700), im Dienst beim Landgrafen von Hessen-Kassel, gehörte zu den berühmten Gambenvirtuosen jener Zeit. In Kassel erschienen 1698 seine Sonate o Partite ad una o due Viola da Gamba con il Basso Continuo; die ersten sechs dieser Werke sind für zwei Gamben geschrieben, ansonsten erklingt das Instrument solistisch. Auch enthält der Band anspruchsvolle und weniger schwierige Stücke, was uns einen Hinweis darauf gibt, dass der Landgraf wohl selbst die Viola da gamba gespielt hat. Zwei Sonaten aus dieser Sammlung sind auf dieser CD zu hören.
Über das Leben von Johann Michael Kühnel ist wenig zu erfahren; es wird vermutet, dass er als Lautenist und Gambist in Potsdam, Weimar und Dresden gewirkt hat. Die CD stellt ein Concerto vor, in dem die Gambe gemeinsam mit der Laute zum Basso continuo konzertiert - eine rare, aber sehr aparte Kombination.
Auch Dieterich Buxtehude (1637 bis 1707) schrieb Kammermusik, in der er die Gambe einsetzte. So gehören zwei Bände mit je VII Sonate à due, Violino et Viola da Gamba con Cembalo zu den wenigen Werken des Komponisten, die zu seinen Lebzeiten gedruckt wurden. Bereits der erste Band war so gefragt, dass der Verleger die Druckkosten für den zweiten übernahm. Die Sonata IV aus dieser Sammlung, die 1696 in Hamburg erschienen ist, gehört mit ihrer kunstvollen Verknüpfung von Stylus Phantasticus und Kontrapunkt zu den schönsten auf dieser CD. 
Johann Sebastian Bach verwendet die Viola da gamba in seiner Matthäuspassion, beispielsweise in Ja! Freilich will in uns das Fleisch und Blut/Komm, süßes Kreuz. Dort übernimmt sie einen Solopart, der den des Sängers beinahe zur Nebensache werden lässt - und wohl auch zu den schwierigsten der gesamten Gambenliteratur gehört. Bassbariton Dominik Wörner antwortet auf diese instrumentale Brillanz mit Theatralik - mein Fall ist das nicht. Aber ansonsten ist die CD mit der Gambistin Frauke Hess, Josh Cheatham an der zweiten Gambe sowie am Violone, Veronika Skuplik, Violine, Andreas Arend, Chitarrone und Barocklaute, und Torsten Johann an Orgel und Cem- balo sehr gelungen und stimmungsvoll.

Samstag, 9. März 2013

Solosonaten und Trios von Leopold Mozart (Oehms Classics)

Johann Andreas Stein (1728 bis 1792) gehörte zu den führenden Instrumentenbauern seiner Zeit. Der Sohn eines Orgelbauers absolvierte seine Ausbildung bei Johann Andreas und Johann Heinrich Silbermann in Straßburg. Nach seiner Lehr- und Wanderzeit ließ er sich schließlich in Augsburg nieder. Dort gab es keinen Orgel- baumeister, und so hatte Stein gut zu tun. 
Dennoch beschäftigte sich der Instrumentenbauer auch mit dem Hammerklavier. Es war damals eine Innovation, und so fand Stein bald eine Lösung, die für das junge Instrument eine deutliche Verbesserung bedeutete: Er entwickelte die Prellmechanik weiter zur Prellzungenmechanik, die einen präziseren Anschlag ermöglichte. Leopold Mozart hatte 1763 den Klavierbauer 1763 aufgesucht, und "ein artiges Clavierl vom H. Stein in Augspurg gekauft, welches uns wegen dem exercitio auf der Reise grosse Dienste tut", schrieb er in einem Brief. 
1777, auf seiner Reise nach Paris, besuchte Wolfgang Amadeus Mo- zart den Klavierbauer. Er war von den Instrumenten sehr angetan, und spielte sie auch. Gekauft allerdings hat Mozart junior nie einen Hammerflügel aus dem Hause Stein; er bevorzugte die Instrumente des Wiener Instrumentenbauers Anton Walter, deren Mechanik noch moderner war und dem Solisten ein schnelleres Repetieren ermög- lichte. 
Als Stein 1992 starb, übernahmen sein Sohn und seine Tochter Anna-Maria gemeinsam die Werkstatt. Zwei Jahre später verlegten sie den Betrieb nach Wien. Daraus gingen zwei Werkstätten hervor: Matthäus Andreas Stein firmierte unter André Stein, und betreute unter anderem Beethovens Instrumente. Nannette baute zusammen mit ihrem Mann Johann Andreas Streicher Klaviere, die sich ebenfalls eines hervorragenden Rufes erfreuten. 
Von den Hammerflügeln, die Stein gebaut hat, sind nur wenige erhalten - ungefähr 15 Stück sollen es sein, und einen davon hat die Stadt Augsburg in ihrem Besitz. Er stammt aus dem Jahre 1785 und befindet sich im Augsburger Mozarthaus. Dieses Instrument spielt Christine Schornsheim, eine überaus renommierte Spezialistin für historische Tasteninstrumente und Professorin an der Münchner Musikhochschule, bei dieser Aufnahme. Was für ein Klang! Es ist ganz eindeutig kein Cembalo mehr, aber auch noch kein Klavier, wie wir das heute kennen. 
Schornsheim spielt, wie könnte es anders sein, an diesem Instrument die Solo-Sonaten für Hammerflügel von Leopold Mozart (1719 bis 1787). Ob diese Werke wie Steins Reiseflügel die Familie Mozart 1763 auf ihre große Konzertreise durch Westeuropa begleitete, wo der siebenjährige Wolfgang und seine Schwester dem Adel und gutsituier- ten bürgerlichen Musikliebhabern aufspielten, das kann nur vermutet werden. 
Christine Schornsheim gestaltet diese Sonaten sehr überlegt und gediegen. Auch bei den Triosonaten Leopold Mozarts gelingt es der Musikerin gemeinsam mit Rüdiger Lotter an der Violine und Sebastian Hess am Barock-Violoncello, jeden einzelnen Takt mit Leben zu erfüllen. Das ist gar nicht so einfach, denn diese Werke, die hier in Weltersteinspielung erklingen, erinnern eher an eine Klavier- sonate mit begleitender Violine, den Bass verstärkt durch das Violoncello - und mitunter hat man den Eindruck, dass es sich um Unterrichtswerke handelt. Die endlosen Wiederholungen so zu gestalten, dass sich der Hörer trotzdem keine Sekunde langweilt, das ist wahrlich große Kunst. 

Donnerstag, 4. Oktober 2012

Platti: Sonatas for Violoncello, Violin & Basso continuo (Oehms Classics)

Giovanni Benedetto Platti (1697 bis 1763) stand als oboista im Dienst der Fürstbischöfe von Würzburg. Der Musiker stammte aus Padua, und er verbrachte in seiner Jugend einige Jahre in Ve- nedig. 1722 ging er nach Würz- burg. Denn Fürstbischof Johann Philipp Franz von Schönborn wollte für seine Residenz zumin- dest einen Schimmer vom Glanz der italienischen Musik, die er in Rom kennen und schätzen gelernt hatte. Der Bischof spielte selbst die Violine. Sein Bruder Rudolf Franz Erwein von Schönborn, Herr über die Grafschaft Wiesentheid, hatte das Violoncello für sich entdeckt. Und Platti, durch den Nachfolger des Fürstbischofs wohl nicht sehr beansprucht, fungierte bald schon als der musikalische Berater und Hauskomponist des Grafen. 
Er scheint auch mit Streichinstrumenten bestens vertraut gewesen zu sein. Das jedenfalls verraten seine Kompositionen. Mehr als 60 seiner Werke sind in der Musikbibliothek Rudolf Franz Erweins überliefert, zumeist Stücke für Violoncello - Sonaten mit Basso continuo, Concer- ti con Violoncello obligato oder auch Triosonaten, in denen das Violoncello als zweites Melodieinstrument in Erscheinung tritt. 
Der Cellist Sebastian Hess hat einige dieser Stücke nun gemeinsam mit dem Barockgeiger Rüdiger Lotter und Florian Birsak, der sich auf historische Tasteninstrumente spezialisiert hat, bei Oehms Classics eingespielt. Damit setzt er die Erkundung dieser musikalischen Rari- täten fort; eine weitere CD mit sechs Sonaten für Violoncello und Basso continuo aus der Feder von Platti ist bereits bei dem Label erschienen. 
Die Auseinandersetzung mit den alten Handschriften lohnt sich. Denn der Komponist hatte durchaus sehr eigenständige Ideen, die er für Rudolf Franz Erwein zu Papier brachte. So erscheint dieser Blick in die Kinderstube der Violoncello-Literatur außerordentlich spannend. Ganz abgesehen davon, dass die Dialoge zwischen Geige und Cello, kommentiert vom Hammerflügel, offenbar auch Spielfreude bereiten. Da noch etliche Manuskripte in der Wiesentheider Sammlung schlum- mern, darf man sich auf die Fortsetzung bereits freuen.