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Dienstag, 28. Dezember 2021

None but the Brave - Maximilian Ehrhardt (Carpe Diem)


Mit diesem Album erweist Maximilian Ehrhardt einem berühmten Kollegen seine Referenz: John Parry (1710 bis 1782) gilt als Vater der neueren walisischen Harfentradition. 

Der blinde Musiker, der seit seiner Kindheit die Harfe spielte, kam als Angestellter eines Adligen aus Wales nach London. Dort erwarb er sich aufgrund seiner Virtuosität bald großes Ansehen. In seinen Konzertprogrammen kombinierte er bekannte Lieder mit Werken seiner Zeitgenossen. 

Er war auch als Lehrer hochgeschätzt, und er ließ etliche Stücke, die er selbst spielte, drucken. Maximilian Ehrhardt, stets auf der Suche nach Harfenmusik, die in Vergessenheit geraten ist, hat sich mit diesen Notendrucken befasst. In der walisischen Nationalbibliothek in Aberystwyth studierte er zudem die drei ältesten Manuskripte mit Harfenmusik. 

Auch mit der jahrhundertealten walisischen Harfentradition hat sich Ehrhardt intensiv beschäftigt. Man lese nur seinen Aufsatz im Beiheft - wirklich beeindruckend, denn die Harfe ist das Nationalinstrument von Wales, und sie ist dort offenbar schon zu Zeiten der Römer erklungen. 

Im Ergebnis dieser gründlichen Studien entstand diese CD – stilecht eingespielt auf einer walisischen Tripelharfe. Hoch interessant und dazu hinreißend klangschön. Faszinierend! 

Dienstag, 12. September 2017

En El Amor (Carpe Diem)

Eine Frauenstimme, ein Serpent, und dazu Becken- und Trommelklänge – „En El Amor“ ist eine ganz und gar ungewöhnliche CD. Nataša Mirković hat sie gemeinsam mit den bekannten Jazz-Musikern Michel Godard und Jarrod Cagwin eingespielt. 
Die Sängerin, die aus Bosnien stammt, beschäftigt sich auf diesem Album mit sephardischen Volksliedern. Dieses musikalische Erbe, das sie in ihrer Kindheit auf dem Balkan kennengelernt hat, hat seine Wurzeln eigentlich auf der iberischen Halbinsel. Die Juden dort, die diese Lieder gesungen haben, haben sich nach ihrer Vertreibung im 15. Jahrhundert in Nordafrika sowie im Orient und auf dem Balkan niedergelassen. Wer sich also wundert und glaubt, spanische Texte zu hören, der irrt keineswegs. 
Diese alten Melodien haben die Musiker in einen experimentellen Kontext gestellt. Zum neuen Klanggewand gehört neben den urtümlichen Tönen des Serpents und des Schlagwerkes auch der Raum, der hier tatsächlich wahrnehmbar ist: Entstanden ist diese Aufnahme in drei stillen, kalten Februarnächten in der alten Synagoge zu St. Pölten. 

Mittwoch, 11. Januar 2017

Reusner: Lute Music (Carpe Diem)

„Diese Stücke sind nicht für großes Bühnenlicht und darstellerisches Virtuosentum geschrieben“, schreibt Toyohiko Satoh über die Neuen Lauten-Früchte des Esaias Reusner (1636 bis 1679). In seinem ersten Lautenbuch, Delitiae Testudinis Oder Erfreuliche Lauten-Lust, veröffent- licht 1667, seien die Kompositionen wesentlich komplexer, repräsentati- ver. Warum Reusner dann bei seinen Neuen Lauten-Früchten, erschienen 1676, „mit einem Minimum an Noten bzw. Klängen nach einem Maximum von Ausdruck suchte“, wissen wir nicht. 
Toyohiko Satoh verweist aber darauf, dass Reusner Zeitgenosse eines bedeutenden Haiku-Dichters war – Matsuo Bashō (1644 bis 1694) gehört zu den großen Meistern jener traditionellen japanischen Gedichte, die sich ebenfalls durch Knappheit und Prägnanz auszeichnen. 
Reusner war der Sohn eines Lautenisten. Über seinen Lebensweg ist erstaunlich viel herauszufinden; er wirkte als Lautenist an verschiedenen Höfen, bevor er dann 1674 zum Kammerlautenisten des Brandenburger Kurfürsten Friedrich Wilhelm ernannt wurde. Möglicherweise sind diese kurzen und sehr klaren Stücke am Hofe des Großen Kurfürsten entstanden. 
Wie bei allen seinen Aufnahmen, spiegelt Toyohiko Satoh auch hier die Ideen des Komponisten an der japanischen Kultur. Er begreift das Musi- zieren als eine Form der Meditation; der Lautenist spielt nicht, um zu beeindrucken, er spürt den Tönen nach und lässt sie in Ruhe wirken. Diese Gelassenheit und Abgeklärtheit bekommt der Musik von Esaias Reusner ganz ausgezeichnet – eine herausragende Aufnahme, die ich nicht nur Freunden der Lautenmusik empfehlen möchte. 

Dienstag, 9. August 2016

van Eyck: Engels Liedt (Carpe Diem)

Dass diese CD entstanden ist, ver- danken wir einem Zufall: „Am Abend des zweiten Aufnahmetages zu der Kammermusik-CD ,John come kiss me now' (..) übte ich für mich allein in der Kirche, in der die Aufnahme stattfand, auf der Blockflöte für den kommenden Tag. Jonas, der Produ- zent der CD, räumte noch einige Kabel auf, dann war es ganz still“, berichtet Gerald Stempfel. „Irgend- wann machte ich eine Pause, um mir Tee zu kochen. Jonas stand noch immer gedankenverloren vor der Kirche. Als er mich kommen sah, sagte er, dass, als er mich üben hörte, ihm die Idee zu einer van Eyck-Auf- nahme gekommen war – er hatte vor seinem inneren Ohr die Lachrymae-Variationen (..) gehört.“ 
Der Fluyten Lust-hof des Jacob van Eyck (um 1590 bis 1657) gehört für Stempfel zu den zentralen Werken, die ihn von Kindesbeinen an motiviert haben und ihn darin bestärkt haben, dass es seine Berufung ist, Blockflöte zu spielen. So kam es, dass nach dem Abschluss der Kammermusik-Auf- nahmen in einer einzigen Nacht spontan diese Einspielung aufgezeichnet worden ist. Sie transportiert, wie kaum eine andere CD des Labels von Jonas Niederstadt, über die reine Musik hinaus auch die besondere Atmosphäre, die Aura jener Sommernacht in der Klosterkirche Auhausen. Man hört sogar die Glocke schlagen. 
Jacob van Eyck, von Geburt an blind, war ein berühmter Glockenspieler und ein gesuchter Glockenexperte. Er lebte im niederländischen Utrecht. Auch als Flötenvirtuose erfreute er sich größter Beliebtheit, so dass ihm 1649 die Stadt sogar die Bezüge erhöhte – unter der Bedingung, dass er gelegentlich auf dem Janskerkhof, dem alten Utrechter Friedhof, für die Passanten musizieren solle. Im Fluyten Lust-hof, der bis dato größten Sammlung von Musik für ein Soloinstrument überhaupt, sind etliche seiner Werke veröffentlicht worden. 
Gerald Stempfel stellt auf dieser CD nicht nur bedeutende Werke aus dem Fluyten Lust-hof vor; er zeigt auch, wie unterschiedlich Blockflöten klingen können – und das nicht nur, weil er Instrumente in verschiedenen Stimmlagen verwendet, vom Garkleinflötlein über Sopran- und Altblock- flöte bis hin zu Tenorblockflöten. Auch ein Gemshorn – das ist eine Flöte, die aus einem Kuh-Horn gefertigt wird – sowie eine Einhandflöte sind zu hören. Etliche dieser Instrumente hat Stempfel selbst angefertigt. 
Sein Flötenspiel ist hochvirtuos, und Umgang mit van Eycks Musik ist sehr persönlich und individuell. Die Werke des Meisters sind Gerald Stempfel offenbar so präsent, dass man den Eindruck hat, diese Variationen entstehen gerade jetzt, als Improvisationen beim Spielen. Und dann schlägt die Glocke zur Mitternacht – mehr Intensität geht wirklich nicht. 

Mittwoch, 25. Mai 2016

Toyohiko Satoh - De Visée (Carpe Diem)

In Robert de Visée hat Toyohiko Satoh einen Seelenverwandten erkannt. Der Portugiese stammte aus einer Kleinstadt in der Nähe von Coimbra, und er ging nach Paris, um als Musiker am französischen Hof Karriere zu machen. Schon bald sang und musizierte de Visée in Versailles; er veröffentlichte Gitarrenmusik, die er dem König widmete, und er spielte Gitarre, Laute und Theorbe.
1719 wurde er schließlich Gitarren- lehrer des Sonnenkönigs. Doch schon 1721, nach dem Tode seiner Frau, gab er dieses Amt auf. Satoh vermutet, er könnte sich in seine Heimatstadt Viseu zurückgezogen und dort, ähnlich einem Zen-Meister, das Spiel auf der französischen Laute gepflegt haben. 

Mit dieser Aufnahme stellt Satoh erst kürzlich entdeckte Werke des letzten renommierten französischen Lautenisten vor. Er spielt sie als Meditatio- nen; jeder Ton ist hier bewusst gesetzt. So erhält die Musik eine innere Ruhe, die sehr beeindruckt. Toyohiko Satoh musiziert auf einer originalen Laute von Laurentius Greiff, gebaut in Nürnberg im Jahre 1610 – was ebenfalls zur besonderen Atmosphäre dieser Einspielung beiträgt. 

Montag, 30. November 2015

Style fantastique (Carpe diem)

Giovanni Antonio Pandolfi Mealli (1624 bis um 1687) wuchs in Venedig auf. Nach dem Tode seines Vaters war seine Mutter dorthin gezogen, weil einer ihrer Söhne aus erster Ehe als Kastrat am Markusdom sang. Über seine Jugend und seine Ausbil- dung kann man nur Vermutungen anstellen; gesichert ist aber, dass Pandolfi Mealli 1660 in Innsbruck als Mitglied der Hofkapelle benannt wird. Sein Dienstherr, Erzherzog Ferdinand Karl, begeisterte sich vor allem für das Musiktheater. Er ließ 1654 das erste freistehende Opernhaus im deutschsprachigen Raum errichten und unterhielt ein weithin angesehenes Ensemble. 
Nach dem Tode des Herzogs 1662 endete diese Blütezeit. Auch Pandolfi verließ Innsbruck; 1669 war er erster Violinist an der Kathedrale von Messina. 1675 erstach der Musiker dort bei einem Streit einen Sänger mit dessen eigenem Schwert und musste fliehen. Über Frankreich reiste er nach Spanien. 1678 wurde er in Madrid als Geiger in der Cappella Reale della Corte angestellt. Mindestens fünf seiner Werke sind im Druck erschienen; allerdings sind nur drei davon erhalten – die Sonaten op. 3 und op. 4 von 1660 sowie die Sonate messinesi, veröffentlicht 1669 in Rom. 
Daraus erfahren wir, dass Pandolfi Mealli ein exzellenter Geiger gewesen sein muss. Denn die Sonaten aus seinen Innsbrucker Jahren sind irrwitzig schwierig, und dazu ausgesprochen kapriziös; ein Musikwissenschaftler sah darin sogar das „Zeugnis einer Zeit der Entartung“. Wenn man aber mehr über den stylus phantasticus weiß, wird man diese Musik eher als eine Ergebnis eines Experimentes betrachten, das Kreativität und Virtuo- sität Freiraum gibt; gleich neben der Improvisation, aber noch weniger durch Regeln gebunden. Mittlerweile kann man sich auch über die ersten Einspielungen der Sonaten Pandolfi Meallis freuen – und diese hier ist ein ganz besonderes Juwel, denn William Dongois spielt die Sonate a violino solo per chiesa e camera, opera III, auf dem Zink. Dieses Blasinstrument war noch zur Zeit Heinrich Schütz' in Europa weit verbreitet. Die Griff- lochtrompete, zumeist aus Holz gefertigt, stand in dem Ruf, die mensch- liche Stimme besonders gut imitieren zu können. Sie war allerdings schwierig zu erlernen, und kam aus der Mode, nachdem an den Höfen längst ein anderes Instrument Einzug gehalten hatte: Um 1650 wurde der Zink durch die Violine abgelöst. 
Dongois hat den Sonaten noch drei Werke Johann Jacob Frobergers (1616 bis 1667) zur Seite gestellt. Sie ergänzen das Programm vortrefflich. Über das Spiel des Franzosen kann man nur staunen. Denn er lässt diese höchst anspruchsvolle Musik so klingen, als wäre sie für den Zink geschrieben worden. Im Ensemble Le Concert Brisé musiziert Dongois zusammen mit Carsten Lohff, Cembalo und Orgel, und Éric Bellocq, Laute und Theorbe. Zu hören ist übrigens das originale Rückers-Cembalo des Musée d'art et d'histoire de Neuchâtel von 1632; es wurde 1745, wahrscheinlich durch den Pariser Instrumentenbauer Blanchet, erweitert. 
Le Concert Brisé hat sich zudem für eine Live-Aufnahme entschieden, und für die Produktion dieser CD drei Konzerte mitgeschnitten. Liest man die Begründung, die die Musiker im Beiheft formuliert haben, dann ist diese Entscheidung absolut nachvollziehbar – zumal sie in diesem Falle der Qualität der Aufnahme eher zugute kommt. Denn diese Musik lebt auch vom Augenblick, von der Inspiration, und vom Dialog mit dem Publikum. 
Dongois erweist sich als ein herausragender Zink-Virtuose; nirgends gibt es einen Wackler oder gar einen unsauberen Ton. Er spielt weich und sanglich, elegant und mit enormen Spannungsbögen, immer dezent und subtil. Le Concert Brisé musiziert mit faszinierender Leichtigkeit, und auch die „leisen“ Instrumente Cembalo und Laute sind im Zusammenspiel stets gut zu hören. Das ist ohne Zweifel eine der besten Aufnahmen des Jahres aus dem Bereich der „Alten“ Musik. Bravi! und: Unbedingt anhören!! 

Freitag, 31. Juli 2015

Bach & Weiss - Lute Music (Carpe Diem)

Toyohiko Satoh hat bei Carpe Diem Records eine neue CD mit Lauten- musik von Johann Sebastian Bach und Silvius Leopold Weiss veröffent- licht. Der japanische Lautenist musiziert mit größter Sorgsamkeit – und auf einem ganz besonderen Instrument: Satoh spielt eine Laute, die 1611 in Ingolstadt von Laurentius Greiff angefertigt und 1673 in eine elfchörige Laute französischer Bauart umgebaut wurde. 
Wer sie im Laufe der Jahrhunderte gespielt hat, das ist zwar nicht bekannt, meint der Musiker. Doch die Musiker, in deren Besitz diese Laute war, haben sie ganz entscheidend geprägt: „A luthier builds an instrument, but it is the performer who makes it into a masterpiece by infusing it with a soul“, erklärt Satoh. „Plenty of souls of past lutenists dwell in this Greiff, and those lutenists made it a masterpiece. I believe it that I can come closer to the spiritual state og nothingness (= infinity) if I am in sympathy with those souls.“ 
Satoh führt in seinem Spiel europäische Brillanz und fernöstliches Denken zusammen: „Bach's music demands not only a high level of technique but also a high level of spirituality. Young players, including myself in my early days, tend to play only with abundant enthusiasm, so der Laute- nistOnly when I turned 70 did I realize that the greater spirituality the music contains, the more necessary it becomes for the performer to expose his natural self to the music, something that I strived for in this recording.“ Sein Musizieren beeindruckt durch Ausdruck und eine Intensität, die ich so nie zuvor gehört habe. Phänomenal – unbedingt anhören!

Freitag, 30. Januar 2015

Paganini: La Lanterna magica (Carpe Diem)

„La sua musica da camera ci parla della sua anima appassionata e bruciante eppure semplice ad un tempo; della stretta relazione tra la musica popolare ed il belcanto italiano che permea ogni sua pagina; del piccolo mondo in cui era nato, della sua Genova con le strade strettissime incastrate tra i monti ed il mare“, begeistert sich Rosario Conte für die Kammermusik von Niccolò Paganini. Auf dieser CD hat der Gitarrist gemeinsam mit der japanischen Geigerin Keiko Yamaguchi eine Auswahl davon eingespielt; mit Ausnahme des Cantabile op. 17 stammen die Werke allesamt aus dem Centone di Sonate per Violino e Chitarra
Es ist spürbar, dass diese Musik – obwohl sie keineswegs trivial daher- kommt – nicht für das Konzertpodium komponiert worden ist, sondern eher zum privaten Gebrauch, für das Musizieren unter Freunden, im heimischen Salon. Yamaguchi spielt auf einer Violine von Nicolas Lupot, entstanden 1822 in Paris. Dieses Instrument überrascht mit einem sehr eigenen Klangspektrum – es ist nicht der strahlende, brillante Virtuosen- ton, den man bei Paganini üblicherweise im Ohr hat, er wirkt vielmehr eher gedeckt, dunkel, erdig. Zum Klang von Contes Gitarre, über die man leider im Beiheft nichts erfährt, passt dies aber gut. Die beiden Musiker erzeugen eine intensive, sehr intime Atmosphäre. Ihr Zusammenspiel wirkt harmonisch und natürlich. Mein Urteil über diese CD: Sehr gelungen! 

Donnerstag, 6. Dezember 2012

On a cold winter's day (Carpe diem)

Weihnachtslieder von den briti- schen Inseln hat die österreichi- sche Early Music Band Quadriga Consort auf dieser CD zusammen- getragen. Das Beiheft verweist zudem auf diverse Weihnachts- bräuche, die auf dem Festland zumeist unbekannt sind. 
"Das Faszinierende an der tradi- tionellen Musik der Britischen Inseln sind die eingängigen, aber trotzdem komplexen und immer von Emotion geleiteten Melodien", begeistert sich Nikolaus Newerkla, der die Stücke für das Quadriga Consort arrangiert. "Aber auch die schnörkellos prägnanten Texte sind wirklich fesselnd. Stücke in keltischer Sprache sind außerdem ein von Alte-Musik-Ensembles bisher noch überhaupt nicht erar- beitetes Feld." Elisabeth Kaplan, Angelika Huemer, Karin Silldorff, Dominika Teufel, Peter Trefflinger, Laurenz Schiffermüller und Nikolaus Newerkla erfreuen mit hinreißenden Versionen englischer, irischer und schottischer Weihnachtslieder, stilsicher und mit Temperament vorgetragen. Wer sich für Carols interessiert, und Musik von den Inseln schätzt, der sollte sich diese CD unbedingt zulegen - es lohnt sich!

Montag, 22. Oktober 2012

Harry Our King - Music for King Henry VIII Tudor (Carpe Diem)

Henry Tudor, Earl of Richmond, Oberhaupt des Hauses Lancaster, besiegte 1485 in der Schlacht von Bosworth König Richard III. Er war der letzte König von England, der den Thron  im Kampf errang. Henry VII. heiratete Elisabeth of York, und beendete damit den sogenannten Rosenkrieg zwischen den Häusern York und Lancaster.
Er schmiedete eine Vielzahl von politischen Allianzen mit dem Ziel, Ruhe und Stabilität zu stiften, und lebte ansonsten ziemlich unspektakulär. Das lässt sich von seinem Sohn Henry, der 1509 im Alter von 18 Jahren den Thron bestieg, nicht unbedingt sagen. Sein erster Lehrer war der Hofpoet John Skel- ton, und auch sonst erhielt er Unterricht im Geiste der Renaissance. So lernte er nicht nur reiten, kämpfen und beten, sondern er wurde auch in diversen Sprachen, Geschichte, Musik und Poesie unter- wiesen.
Somit bekam England einen König, der fließend Latein und Franzö- sisch sprach, der mit Gelehrten korrespondierte, wie mit Erasmus von Rotterdam, und der dichtete und komponierte. Er soll aber auch im Ringkampf geübt gewesen sein, ein exzellenter Bogenschütze und ein leidenschaftlicher Turnierkämpfer, der als Sieger aus vielen Tjosten hervorging. Als er dann älter wurde, wechselte die Frauen ziemlich häufig - und weil der Papst seine erste Ehe nicht scheiden wollte, führte er kurzerhand die Anglikanische Kirche ein, zu deren Oberhaupt er sich selbst ernannte. Damit ging er in die Geschichte ein.
Diese CD zeigt, wie ihn Musik durch sein Leben begleitete. Katharina Bäuml hat sich mit dem Ensemble Capella de la Torre auf die Spuren- suche begeben, gemeinsam mit dem Tenor Charles Daniels. Die Quellenlage freilich ist nicht gerade üppig. Zwar beschäftigte Henry an seinem Hof eine große Anzahl Sänger und Instrumentalisten. Doch sind aus seiner Herrschaftszeit nur wenige Handschriften überliefert, die Auskunft über das Repertoire geben, das zu seiner Zeit erklang. Eines davon ist das Henry VIII's Manuscript, aus dem die meisten Werke stammen, die die Musiker vorstellen. Und das machen sie sehr versiert - hier sind Spezialisten am Werke, denen man gern lauscht. Meine Empfehlung! 

Sonntag, 24. Juni 2012

Piccinini: Works for Archlute (Carpe Diem)

Die Familie Piccinini aus dem ita- lienischen Bologna hat im 16. und 17. Jahrhundert eine ganze Reihe große Lautenisten hervorgebracht. Sowohl Vater Leonardo Maria Piccinini als auch mindestens drei seiner Söhne - Alessandro, Girola- mo und Filippo - spielten dieses Instrument. Auch Alessandros Sohn, der wie der Großvater Leo- nardo Maria hieß, sah darin seine Berufung. 
Rosario Conte, ohne Zweifel einer der führenden Lautenisten der Gegenwart, zeigt sich sehr fasziniert von ihren Werken. Der Hörer kann dies bald nachvollziehen, denn diese Musik zeichnet sich einerseits durch spannende harmonische Wendungen und schöne Melodien aus. Andererseits sind auch die einzelnen Stimmen mit größter Sorgfalt ausgearbeitet. Conte spielt virtuos, und vollzieht so die musikalischen Dialoge nach, die die Piccinini einst entworfen haben. Bezaubernde Musik, die gelegentlich noch Formen aus der Renaissance zitiert, ausdrucksstark und unver- wechselbar. Wer gern Lautenmusik hört, der sollte sich diese CD un- bedingt zulegen - es lohnt sich! 

Samstag, 12. Mai 2012

Lute Music of the Netherlands (Carpe Diem)

Anthony Bailes gehört zu den Alt- meistern des Lautenspiels. Auf dieser CD spürt er der Lautenmusik aus den Niederlanden nach. Da gibt es in der Tat einiges zu entdecken, denn das Instrument war dort sehr beliebt, und erfreute sich einer lang anhaltenden Blütezeit. 
Dennoch ist von den Musikern, die im 16. Jahrhundert für die Laute komponierten, oftmals nicht einmal der Name bekannt. Und die Werke sind häufig eher zufällig überliefert. So hat der Theologe Adriaan Joriszoon Smout schon als Student begonnen, Lautenmusik zusammenzutragen. Das Ergebnis dieser Sammelleidenschaft, Thysius Lautenbuch, benannt nach sei- nem späteren Besitzer Joan Thijs, enthält auf 521 Seiten 907 Lauten- stücke, die meisten davon anonym. Bailes hat sechs davon für diese CD ausgewählt. 
In Antwerpen scheint es besonders viele gute Lautenisten gegeben zu haben. So gab Emanuel Adriaenssen (um 1554 bis 1604) drei wichtige Lautenbücher heraus. Aus dem ersten, Pratum Musicum, stellt Bailes drei Werke vor. Allerdings gingen nach der Eroberung der Stadt durch die Spanier 1585 auch viele Musiker ins Exil. So musizierte Gregorio Huwet (vor 1550 bis um 1610) unter anderem an den Höfen in Wolfenbüttel und in Kassel. Dort wirkte zur gleichen Zeit auch John Dowland, was den Niederländer offenbar inspiriert hat, wie seine beiden Fantasien belegen, die auf dieser CD zu hören sind. 
Auch Joachim van den Hove (1567 bis 1620) wanderte aus Antwer- pen aus, er ging nach Leiden, und veröffentlichte dort drei umfang- reiche Sammlungen mit Lautenmusik. Bailes hat daraus einige Werke zusammengestellt, und darüber hinaus noch etliche Raritäten er- gänzt, die als Manuskripte in Hamburg und Berlin überliefert sind. Besonders beeindruckend ist van den Hoves reich verzierte Version der berühmten Lachrimae Pavane von John Dowland. Das ist zugleich ein herausragendes Beispiel dafür, wie gut schon damals die Virtuosen über das Schaffen ihrer Kollegen informiert waren. 
Auch attraktive Märkte sprachen sich offenbar herum. Der Franzose Nicolas Vallet  (um 1583 bis nach 1644) beispielweise ließ sich um 1610 in Amsterdam nieder, und wirkte dort erfolgreich als Musiker und Musikpädagoge. Er gab nicht nur Lauten- sondern auch Tanz- unterricht, und veröffentlichte sechs Sammlungen mit Lautenmusik. Auch aus seinem Werk wählte Bailes vier Stücke für diese CD aus. 
Der Lautenist beherrscht sein Instrument virtuos. Er gestaltet sehr schön, durchdacht und strukturiert. Es ist eine Freude, Bailes' Spiel anzuhören - diese CD gehört zu den besten Einspielungen von Lautenmusik, die mir jemals in den Player gekommen sind. Meine Empfehlung!  

Freitag, 15. Oktober 2010

Si me llaman (Carpe Diem)

Baldassare Castiglione schrieb in seinem Buch "Il libro del Cortegia- no" - "Der Hofmann", auf spanisch: "El Cortesano" - einem Buch zur Erziehung des Renaissance- menschen - neben vielen anderen klugen Dingen, dass ein guter Vor- trag aus Worten Wunder erschaffen kann. Diesen Satz erwählten sich Countertenor José Hernández-Pastor und Ariel Abramovich, Gi- tarre/Lauten/Vihuela zur Maxime: Die Musiker, die sich beim Studium an der Schola Cantorum Basilensis kennenlernten, treten seit 1998 gemeinsam auf - und sie haben sich den Namen "El Cortesano" gegeben.
Hernández-Pastor und Abramovich engagieren sich für die Musik des sogenannten "goldenen spanischen Zeitalters". Mit ihrer zweiten CD
Si me llaman
präsentieren sie in Weltersteinspielung das Libro de mú- sica de vihuela von Diego Pisador, veröffentlicht 1552 in Salamanca.
Der Mayordomo und Vihuelaspieler notierte darin nicht nur seine eigenen Lied- und Instrumentalkompositionen, sondern auch Werke anderer europäischer Komponisten seiner Zeit. So enthält das Buch wohl eine große Anzahl der bekanntesten und beliebtesten Lieder der spanischen Renaissance, und zugleich dokumentiert es Pisadors ganz persönlichen Musikgeschmack.
Wenn ich das Beiheft richtig verstehe, dann haben die beiden Musiker den größten Teil der Werke, die in dieser Sammlung zusammengefasst sind, für die vorliegende CD eingespielt. Die meisten dieser Lieder sind Villancicos; außerdem gibt es Romances, Balladen also, die Ge- schichten erzählen, Villanescas , Liedsätze nach italienischer Tradi- tion, sowie einige Solostücke für die Vihuela. 
Dabei handelt es sich um einen Vorgänger der Klassikgitarre, der klanglich eher der Laute ähnelt, und nach dem 16. Jahrhundert aus dem Musikleben so vollständig verschwunden war, dass Experten heute darüber streiten, ob weltweit noch zwei oder drei originale Exemplare erhalten sind. 
Das ist durchaus ein Verlust, wie die dem Zuhörer bald klar wird: José Hernández-Pastor und Ariel Abramovich bezaubern durch ihren durchdachten, aber poetisch verklärten Vortrag. Wer Musik für Countertenor liebt, wird dieser CD und der weichen, klaren, gut ge- führten Stimme von Hernández-Pastor ohnehin verfallen.

Sonntag, 5. September 2010

Ayumi - Baroque Lute Duets (Carpe Diem)

"Es gibt nicht viele Aufnahmen von Barocklautenduos", schreibt Toyohiko Satoh im Beiheft zu dieser CD. Das liege u.a. an der modernen Besaitung mit metall- umsponnenen Nylonsaiten: "Die Basssaiten der Laute haben mit dieser Bespannung eine viel zu lange Ausklingzeit, was spätestens bei zwei Lauten zu einem uner- träglichen Durcheinander im Bass- bereich führt." Toyohiko Satoh und seine Tochter Miki spielen daher auf Darmsaiten.
Ohnehin scheint die Literatur, die für diese Besetzung zu finden ist, nicht gerade üppig bemessen zu sein. Satoh stellt fest, dass mit dem Wechsel von der Renaissance- zur Barocklaute französischer Stimmung im 17. Jahrhundert die Duette verschwinden, und erst im 18. Jahrhundert wieder in nennenswerter Anzahl erscheinen. "Für unser Repertoire sind aber nur wenige dieser Werke geeignet, da viele von ihnen nicht vollständig erhalten sind, andere zu viele Fehler enthalten, und meinem Empfinden nach nicht alle dieser Werke von hoher musikalischer Qualität sind", schätzt der Lautenist ein. 
Bei der Auswahl der Werke für diese CD hat er daher geradezu krimi- nalistischen Spürsinn entwickelt. Die Manuskripte der vier Lauten- duette befinden sich in London, Brüssel, Moskau und Warschau; oftmals sind sie zudem unvollständig. So ist zu einer Suite in d-Moll, die zumindest in Teilen von Sylvius Leopold Weiss stammen soll, nur eine Tabulaturstimme bekannt. Die andere hat Satoh rekonstruiert. Vollständig überliefert ist hingegen das Duetto in G-Dur von dem- selben Komponisten - ein ausnehmend hübsches Werk, in dem beide Partner vom Komponisten gleich behandelt werden. 
Über einen Komponisten namens Corigniani fanden sich keinerlei biographische Informationen - und Satoh vermutet, dass es sich um das Pseudonym eines deutschen Musikers handelt. Die CD enthält aus seiner Feder ein anmutiges und trotz der tiefen Lage auch erstaunlich klangvolles Concerto in B-Dur. Bei einem weiteren Werk ist die Spurensuche einfacher, denn der Autor selbst hilft dabei: Partie Polonaise en B / ij Traituite de C / A Deux Luths Pour Le Premiere / Faite á 2 violes et La Basse / Par L'Autheur Msr Melante - was, in anderer Reihenfolge, den Namen "Teleman" offenbart. Drei Sätze der Partie Polonaise erklingen zum Abschluss dieser CD; Telemann schrieb sie für Gambe, und so ergibt sich auch hier eine gewisse Beeinträchtigung durch die tiefe, nicht unbedingt lautengerechte Lage. 
Der Zuhörer, so er denn nicht gerade selbst Lautenist ist, wird sich dadurch vermutlich wenig beeindruckt zeigen. Denn es sind durch- weg charmante, musikalisch teilweise auch sehr anspruchsvolle Werke, die Satoh hier mit seiner Tochter gekonnt vorstellt. Bravi!

Montag, 23. August 2010

Une larme - Rosario Conte (Carpe diem)

Rosario Conte, Spezialist für histo- rische Zupfinstrumente, wendet sich mit dieser CD einem großen Gitarristen der Barockzeit zu: Francesco Corbetta, geboren 1615 in Pavia, veröffentlichte mit 24 Jahren seine ersten Gitarren- kompositionen. Nach ausgiebigen Konzertreisen durch ganz Europa wirkte er zunächst am Hofe Ludwigs XIV. in Paris. Dort kam er in Kontakt zu Charles II., der in Frankreich im Exil lebte und die Gitarre sehr geschätzt haben soll.
Nach seiner Krönung, der Wiederherstellung des englischen Hofes und der Rückkehr der Königs ging auch Corbetta nach England, ohne aber den engen Kontakt zum Hof der Könige von Frankreich abreißen zu lassen. Ludwig gestattete es dem Virtuosen, eine Sammlung mit seinen Werken zu veröffentlichen - und sie dem König von England zu widmen. Sämtliche Stücke Corbettas, die Conte für diese CD einge- spielt hat, entstammen La Guitarre Royale (1671).
Drei Jahre später legte der Gitarrist ein weiteres Werk mit demselben Titel vor - dieses allerdings war dem Sonnenkönig gewidmet, desses Gitarrenlehrer Corbetta war. Als er 1681 in Paris starb, erhielt Robert de Visée dieses Amt. In seinem ersten Buch, dem Livre de Guitarra (1682), erweist dieser seinem Vorgänger mit einer Allemande Tombeau de Monsieur Francisque musikalische Reverenz. Auch dieses Werk, dem ein Prélude vorangestellt ist, hat Conte für die vorliegende CD ausgewählt.
Une larme ist rundum gelungen. Wer schöne Musik hören will, der wird von betörenden Klängen verzaubert. Und wer sich für Barock- gitarre interessiert, der kann hier erfahren, was mit einem solchen Instrument alles anzufangen ist - wenn man es virtuos spielen kann. So reizt Corbetta beispielsweise im Tombeau de Madame D'Orleans die technischen Möglichkeiten der Gitarre in faszinierender Art und Weise aus und lässt so ganz erstaunliche Klangwelten entstehen. Das ist grandios, das muss man einfach gehört haben.
Conte  erfasst die Stücke aus jener fernen Zeit nicht nur vom Noten- bild her, sondern auch in ihrem Geist. "Die Musik Corbettas vereint Zartheit des Stils, große Kenntnis des Instruments und Tiefe der Sprache; in dieser Musik schwingt stets auf dem Grunde die Stille mit in den zarten Klängen der Gitarre - Klänge, mit denen die Stille einen immerwährenden Dialog führt", schreibt der Gitarrist. "Nach dem Ende der letzten Note erobert sie sich ihren Platz zurück, ganz so wie es der Tod mit unserem Leben macht."

Sonntag, 15. August 2010

Cradle of Conceits (Carpe diem)

Wer eine richtig schöne Lauten-CD hören möchte, dem sei "Cradle of Conceits" wärmstens empfohlen. Lee Santana hat eigentlich klassi- sche Gitarre studiert, sich dann aber zunehmend der sogenannten "Alten" Musik zugewandt - und dem Lautenspiel verschrieben. Seit 1984 lebt und arbeitet der Ameri- kaner als freiberuflicher Lautenist und Komponist in Deutschland.
 Die vorliegende CD ist das Ergeb- nis seiner Auseinandersetzung mit dem Werk Anthony Holbornes (um 1545 bis 1602). Eingespielt hat er sie in der kleinen mittelalterlichen Feldsteinkirche St. Firminus in  Dötlingen, Landkreis Oldenburg. 
Dabei legte er einerseits viel Wert auf Authentizität. Er verwendet eine Renaissancelaute von Knut Sint, eine Diskantlaute von Matthias Wagner und Basslaute von Renatus Lechner, sämtlich mit Darmsaiten bespannt. Es erklingen zudem ein Kleines Zitterlein des Meißner Gitarrenbauers Steffen Milbradt sowie Bandora und Zister von Peter Forrester. Die Zistern sind mit Metallsaiten versehen, und die Bando- ra mit Bronzesaiten aus spezieller, historischer Legierung. All seine Instrumente sind mitteltönig gestimmt, was zu dieser Musik wunder- bar passt.
Es steht andererseits zu vermuten, dass sich Lee Santana bei der Interpretation von Holbornes Werken einige Freiheiten genommen hat. Denn diese Einspielung ist erklärtermaßen auch seine sehr persönliche Auseinandersetzung mit der Musik und dem Geist des elisabethanischen Zeitalters. So vermittelt der Lautenist mit seinem Spiel eine Ahnung von der klanglichen Vielfalt, der Verspieltheit und musikalischen Variabilität der damaligen Tanz- und Hofmusik. Diese CD führt nicht ins Museum, sondern sie zeigt eine höchst lebendige, stimmungsvolle und mitunter auch launige Auffassung von Lauten- musik. Bravo!