„Bei Mozart ist man immer Teil des Ganzen, wie ein Instrument, das seinen Part hat, aber ohne die Partner nicht existieren kann“, so äußerte sich Rolando Villazón kürzlich in einem Interview. Der Tenor beschäftigt sich seit einigen Jahren intensiv mit den Opern und Arien von Wolfgang Amadeus Mozart. In dem Langzeitprojekt erarbeitet er sich alle großen Tenorpartien des Kompo- nisten. Was in Salzburg mit Il re pastore und Lucio Silla begann, das findet seine Fortsetzung mittlerweile mit konzertanten Aufführungen im Festspielhaus Baden-Baden. Auf CD erschienen sind bereits Don Giovanni und Cosi fan tutte; nun folgte Die Entführung aus dem Serail.
Einmal mehr musiziert das Chamber Orchestra of Europe unter Yannick Nézet-Séguin – und erneut erweist sich dieses Orchester als ein Glücksgriff; es spielt brillant, und folgt sensibel jedem Wink seines Dirigenten. Die Chöre singt mit Schwung das Vocalensemble Rastatt. Diana Damrau und Anna Prohaska überzeugen als Konstanze und Blonde. Man kann hier zwei ziemlich moderne junge Damen erleben: Prohaska gestaltet ihre Zofe sehr überzeugend, mit Leidenschaft und einer Durchsetzungsfähigkeit, die alles Unglück auf Distanz hält. Franz-Josef Selig gibt einen köstlich komischen Osmin; dem Fräuleinwunder, das ihm eigentlich als Sklavin geschenkt wurde, ist dieser Palastaufseher nicht gewachsen. Damraus grandioser Koloratursopran wirkt mitunter schon fast dramatisch; sie macht das Ringen der entführten Konstanze hörbar, die schwer zu kämpfen hat, dem Bassa Selim zu widerstehen. Den spricht Thomas Quasthoff, gekonnt und sehr kultiviert, doch mit seinen Drohungen weit weniger überzeugend als in seinem Werben. Das nimmt der Figur leider eine Dimension. Den Belmonte singt Rolando Villazón, seinen Diener Pedrillo der junge Tenor Paul Schweinester. Trotz aller Tonmeisterkunst: Nicht jeder Ton ist Gold, der da glänzen sollte. Dennoch gefällt mir die Einspielung, weil sie so wunderbar theatralisch ist. Die Handlung ist hier nicht nur Vorwand für einige der schönsten Arien der Opernhistorie; die Beteiligten gestalten insbesondere auch die Dialoge und Ensembles mit enormer Spielfreude, was tatsächlich hörbar ist. Bravi!
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Dienstag, 18. August 2015
Mittwoch, 10. Juli 2013
Wagner: Parsifal (Pentatone Classics)
Die letzte Oper von Richard Wagner hat es in sich: Eigentlich geschieht fast nichts, und das vier Stunden lang. Dabei treten Figuren auf, die alle einen Knacks weg ha- ben – mindestens. Da ist der Grals- könig Amfortas, in dessen Monolo- ge aus gutem Grund mehrfach die Musik Klingsors einbricht. Da ist der Ritter Gurnemanz, zuständig eher für die praktischen Dinge, eine Mutter der Kompanie ohne Sinn für Transzendentes – und trotzdem hat ausgerechnet er die umfangreichste Partie in dieser Oper.
Da ist Klingsor, der eigentlich auch gern einer der Gralsritter wäre, aber es nicht werden darf, denn er hat sich entmannt, um nicht in Versuchung zu geraten. Er wird abgewiesen, weil die Ritter darin nicht Konsequenz, sondern einen Mangel an Charakterstärke sehen.
Daraufhin wendet er sich der Magie zu, und in seinem Zauberreich sündigt prompt Amfortas – was ihm die Wunde einbringt, um die sich in dieser Oper alles dreht.
Zu Klingsors Personal gehört auch Kundry, eine der peinlichsten Frauengestalten der Musikgeschichte überhaupt, und – abgesehen von den Zaubermädchen Klingsors sowie der Mutter des Titelhelden, die aber nur in Erzählungen präsent ist – die einzige weibliche Gestalt in dieser Oper. Parsifal selbst mordet sich fröhlich durch seine Tage. Das beginnt mit dem Schwan, den er im heiligen Tempelbezirk abschießt, und endet ganz sicher nicht damit, dass er Klingsor samt seiner Zauberwelt in Schutt und Asche legt. Das eigentliche Wunder an dieser Oper ist Wagners Musik, die es fertigbringt, dass wir all diesen seltsamen Mumpitz ertragen – und berührt sind, anstatt laut loszulachen.
Wagners Parsifal ist ohne Zweifel eine Herausforderung für ein En- semble. Marek Janowski hatte das „Bühnenweihfestspiel“ – so nannte Wagner sein Werk – in seinem Wagner-Zyklus mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin gleich an zweite Stelle gesetzt. Und der Live-Mitschnitt der konzertanten Aufführung vom 8. April 2011 ist wirk- lich ein Erlebnis.
Es ist erklärtermaßen die Absicht Janowskis, Wagners Werke dem Publikum ohne Kompromisse, allein auf die Musik konzentriert, zu vermitteln. Beim Berliner Parsifal ist ihm das gelungen. Die Inter- pretation, die ziemlich nüchtern beginnt, entwickelt zunehmend Sog und Magie. Die Besetzung passt. Zu hören sind Jewgeni Nikitin als Amfortas, Dimitri Iwaschenko als Titurel, Franz-Josef Selig als Gurnemanz, Christian Elsner als – ganz hervorragender – Parsifal, Eike Wilm-Schulte als Klingsor und Michelle DeYoung als Kundry. Doch auch die Gralsritter, Knappen und Blumenmädchen sind ausgezeichnet gesungen. Der eigentliche Star des Abends aber war einmal mehr der Rundfunkchor Berlin. So kraftvoll und präzise dürften die Chöre der Gralsritter selten erklungen sein. All das macht diese vier CD unbedingt hörenswert – meine Empfehlung!
Da ist Klingsor, der eigentlich auch gern einer der Gralsritter wäre, aber es nicht werden darf, denn er hat sich entmannt, um nicht in Versuchung zu geraten. Er wird abgewiesen, weil die Ritter darin nicht Konsequenz, sondern einen Mangel an Charakterstärke sehen.
Daraufhin wendet er sich der Magie zu, und in seinem Zauberreich sündigt prompt Amfortas – was ihm die Wunde einbringt, um die sich in dieser Oper alles dreht.
Zu Klingsors Personal gehört auch Kundry, eine der peinlichsten Frauengestalten der Musikgeschichte überhaupt, und – abgesehen von den Zaubermädchen Klingsors sowie der Mutter des Titelhelden, die aber nur in Erzählungen präsent ist – die einzige weibliche Gestalt in dieser Oper. Parsifal selbst mordet sich fröhlich durch seine Tage. Das beginnt mit dem Schwan, den er im heiligen Tempelbezirk abschießt, und endet ganz sicher nicht damit, dass er Klingsor samt seiner Zauberwelt in Schutt und Asche legt. Das eigentliche Wunder an dieser Oper ist Wagners Musik, die es fertigbringt, dass wir all diesen seltsamen Mumpitz ertragen – und berührt sind, anstatt laut loszulachen.
Wagners Parsifal ist ohne Zweifel eine Herausforderung für ein En- semble. Marek Janowski hatte das „Bühnenweihfestspiel“ – so nannte Wagner sein Werk – in seinem Wagner-Zyklus mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin gleich an zweite Stelle gesetzt. Und der Live-Mitschnitt der konzertanten Aufführung vom 8. April 2011 ist wirk- lich ein Erlebnis.
Es ist erklärtermaßen die Absicht Janowskis, Wagners Werke dem Publikum ohne Kompromisse, allein auf die Musik konzentriert, zu vermitteln. Beim Berliner Parsifal ist ihm das gelungen. Die Inter- pretation, die ziemlich nüchtern beginnt, entwickelt zunehmend Sog und Magie. Die Besetzung passt. Zu hören sind Jewgeni Nikitin als Amfortas, Dimitri Iwaschenko als Titurel, Franz-Josef Selig als Gurnemanz, Christian Elsner als – ganz hervorragender – Parsifal, Eike Wilm-Schulte als Klingsor und Michelle DeYoung als Kundry. Doch auch die Gralsritter, Knappen und Blumenmädchen sind ausgezeichnet gesungen. Der eigentliche Star des Abends aber war einmal mehr der Rundfunkchor Berlin. So kraftvoll und präzise dürften die Chöre der Gralsritter selten erklungen sein. All das macht diese vier CD unbedingt hörenswert – meine Empfehlung!
Samstag, 13. März 2010
Bach: Messe in h-Moll (Berlin Classics)
Die Schlafwagen-Version von Bachs Hoher Messe. Um Miss- verständnissen vorzubeugen: Ich habe nichts dagegen, wenn sich ein Dirigent entschließt, das Tempo zurückzunehmen. Man muss das Kyrie durchaus nicht im Galopp absolvieren, auch wenn das derzeit weithin üblich zu sein scheint. Das gilt ebenso für alles, was danach kommt. Aber ich wünsche mir dennoch eine gewisse Spannung und Phrasierung. Was ich hier ertragen muss, ist musikalischer Brei, lauwarm und zähflüssig. Das hat Bach nicht verdient.
Die Aufnahme verblüfft insofern, weil eigentlich alle Mitwirkenden renommierte Spezialisten für Alte Musik sind; und Dirigent René Jacobs hat wahrlich viele hochinteressante Aufführungen geleitet. Aber eine solche Interpretation wie die vorliegende war auch im Jahr ihrer Entstehung, 1992, nicht akzeptabel.
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