Am 31.Dezember 2016 nahm Marek Janowski mit Beethovens Neunter seinen Abschied als langjähriger Chefdirigent des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin. Mit diesem Ensemble hatte er im Berliner Mu- sikleben deutliche Akzente gesetzt; so hat Janowski die Opern von Richard Wagner konzertant aufgeführt – mit einem handverlesenen Sängerensem- ble, und, da ohne szenisches Geschehen, gänzlich auf die Musik konzentriert.
Am 23. Dezember 2016 ließ er darauf Engelbert Humperdincks Märchen- oper Hänsel und Gretel folgen, erneut in einer konzertanten Vorstellung, deren Mitschnitt nun bei Pentatone veröffentlicht wurde. Das bunte Bild auf dem Cover aber täuscht - denn Janowski ging es leider mitnichten um eine reizvoll-magische Kinder-Weihnachtsoper. Auch wenn der Kinderchor der Staatsoper Unter den Linden, geleitet von Vinzenz Weissenburger, wunderbar gesungen hat. Aber diese Vorstellung war wohl eher für ein ergrautes Publikum bestimmt, das die Magie vor allem in der engen Verbindung zwischen Humperdinck und Richard Wagner sah.
Denn Janowski stellte diese Verknüpfung in den Vordergrund; er spürte den Wagner-Anklängen feinsinnig nach. Und er fand eine Menge Stellen, wo man es wagnern lassen kann - so massiv war mir das noch nie aufgefallen, und es ist die Frage, ob dies wirklich musikalisch derart zentral ist.
Denn im Gegenzug ließ der Dirigent dafür so manches zurückstehen, was Humperdinck ausgemacht hätte. Bei aller Inspiration durch das Erlebnis Bayreuth - aber ist er nicht doch deutlich mehr als nur ein Wagner-Epi- gone? So gab es also, auf den Tag genau 123 Jahre nach der Uraufführung durch die Staatskapelle Weimar unter Richard Strauss, in der Philhar- monie mit dem trefflich musizierenden Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin ein Kinderstuben-Weihfestspiel: „Reisbrei! Reisbrei!“ statt „Rhein- gold! Rheingold!“
Der Live-Mitschnitt bietet reichlich Drama; man höre nur die Auftritte von Ricarda Merbeth als verzweifelte Mutter und Albert Dohmen als angesäuselter Vater. Großes Kino! doch leider versteht man bei Frau Merbeth kaum ein Wort. Der Text aber ist nun einmal Bestandteil des Gesamtkunstwerkes Oper, daran ist nicht zu rütteln.
Alexandra Steiner als Gretel und Katrin Wundsam als Hänsel hält man beim Anhören vom Timbre her für eine vertauschte Besetzung – und zu Kindern im Grundschulalter passen diese vibratoreichen, hubraumstarken Stimmen gleich gar nicht. So mangelt es den Szenen der Kinder an Verspieltheit und an Charme, wallalaweia. Auch bei diesen Sängerinnen lässt zudem die Textverständlichkeit erheblich zu wünschen übrig.
Als Sandmännchen ist Annika Gerhards zu hören, und Alexandra Hutton als Taumännchen. Die Partie der Knusperhexe gestaltet Christian Elsner – und er übernimmt diese Aufgabe mit Hingabe. Der Tenor hat hörbar Spaß an dem so gar nicht netten Treiben der Rosine Leckermaul, und so kann sich beim dritten Akt endlich auch ein Zuhörer amüsieren, der Wagner womöglich weniger wonniglich findet. Das ist unter dem Strich allerdings enttäuschend; insgesamt finde ich diesen Live-Mitschnitt so gar nicht zauberhaft. Schade!
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Sonntag, 10. Dezember 2017
Mittwoch, 10. Juli 2013
Wagner: Parsifal (Pentatone Classics)
Die letzte Oper von Richard Wagner hat es in sich: Eigentlich geschieht fast nichts, und das vier Stunden lang. Dabei treten Figuren auf, die alle einen Knacks weg ha- ben – mindestens. Da ist der Grals- könig Amfortas, in dessen Monolo- ge aus gutem Grund mehrfach die Musik Klingsors einbricht. Da ist der Ritter Gurnemanz, zuständig eher für die praktischen Dinge, eine Mutter der Kompanie ohne Sinn für Transzendentes – und trotzdem hat ausgerechnet er die umfangreichste Partie in dieser Oper.
Da ist Klingsor, der eigentlich auch gern einer der Gralsritter wäre, aber es nicht werden darf, denn er hat sich entmannt, um nicht in Versuchung zu geraten. Er wird abgewiesen, weil die Ritter darin nicht Konsequenz, sondern einen Mangel an Charakterstärke sehen.
Daraufhin wendet er sich der Magie zu, und in seinem Zauberreich sündigt prompt Amfortas – was ihm die Wunde einbringt, um die sich in dieser Oper alles dreht.
Zu Klingsors Personal gehört auch Kundry, eine der peinlichsten Frauengestalten der Musikgeschichte überhaupt, und – abgesehen von den Zaubermädchen Klingsors sowie der Mutter des Titelhelden, die aber nur in Erzählungen präsent ist – die einzige weibliche Gestalt in dieser Oper. Parsifal selbst mordet sich fröhlich durch seine Tage. Das beginnt mit dem Schwan, den er im heiligen Tempelbezirk abschießt, und endet ganz sicher nicht damit, dass er Klingsor samt seiner Zauberwelt in Schutt und Asche legt. Das eigentliche Wunder an dieser Oper ist Wagners Musik, die es fertigbringt, dass wir all diesen seltsamen Mumpitz ertragen – und berührt sind, anstatt laut loszulachen.
Wagners Parsifal ist ohne Zweifel eine Herausforderung für ein En- semble. Marek Janowski hatte das „Bühnenweihfestspiel“ – so nannte Wagner sein Werk – in seinem Wagner-Zyklus mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin gleich an zweite Stelle gesetzt. Und der Live-Mitschnitt der konzertanten Aufführung vom 8. April 2011 ist wirk- lich ein Erlebnis.
Es ist erklärtermaßen die Absicht Janowskis, Wagners Werke dem Publikum ohne Kompromisse, allein auf die Musik konzentriert, zu vermitteln. Beim Berliner Parsifal ist ihm das gelungen. Die Inter- pretation, die ziemlich nüchtern beginnt, entwickelt zunehmend Sog und Magie. Die Besetzung passt. Zu hören sind Jewgeni Nikitin als Amfortas, Dimitri Iwaschenko als Titurel, Franz-Josef Selig als Gurnemanz, Christian Elsner als – ganz hervorragender – Parsifal, Eike Wilm-Schulte als Klingsor und Michelle DeYoung als Kundry. Doch auch die Gralsritter, Knappen und Blumenmädchen sind ausgezeichnet gesungen. Der eigentliche Star des Abends aber war einmal mehr der Rundfunkchor Berlin. So kraftvoll und präzise dürften die Chöre der Gralsritter selten erklungen sein. All das macht diese vier CD unbedingt hörenswert – meine Empfehlung!
Da ist Klingsor, der eigentlich auch gern einer der Gralsritter wäre, aber es nicht werden darf, denn er hat sich entmannt, um nicht in Versuchung zu geraten. Er wird abgewiesen, weil die Ritter darin nicht Konsequenz, sondern einen Mangel an Charakterstärke sehen.
Daraufhin wendet er sich der Magie zu, und in seinem Zauberreich sündigt prompt Amfortas – was ihm die Wunde einbringt, um die sich in dieser Oper alles dreht.
Zu Klingsors Personal gehört auch Kundry, eine der peinlichsten Frauengestalten der Musikgeschichte überhaupt, und – abgesehen von den Zaubermädchen Klingsors sowie der Mutter des Titelhelden, die aber nur in Erzählungen präsent ist – die einzige weibliche Gestalt in dieser Oper. Parsifal selbst mordet sich fröhlich durch seine Tage. Das beginnt mit dem Schwan, den er im heiligen Tempelbezirk abschießt, und endet ganz sicher nicht damit, dass er Klingsor samt seiner Zauberwelt in Schutt und Asche legt. Das eigentliche Wunder an dieser Oper ist Wagners Musik, die es fertigbringt, dass wir all diesen seltsamen Mumpitz ertragen – und berührt sind, anstatt laut loszulachen.
Wagners Parsifal ist ohne Zweifel eine Herausforderung für ein En- semble. Marek Janowski hatte das „Bühnenweihfestspiel“ – so nannte Wagner sein Werk – in seinem Wagner-Zyklus mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin gleich an zweite Stelle gesetzt. Und der Live-Mitschnitt der konzertanten Aufführung vom 8. April 2011 ist wirk- lich ein Erlebnis.
Es ist erklärtermaßen die Absicht Janowskis, Wagners Werke dem Publikum ohne Kompromisse, allein auf die Musik konzentriert, zu vermitteln. Beim Berliner Parsifal ist ihm das gelungen. Die Inter- pretation, die ziemlich nüchtern beginnt, entwickelt zunehmend Sog und Magie. Die Besetzung passt. Zu hören sind Jewgeni Nikitin als Amfortas, Dimitri Iwaschenko als Titurel, Franz-Josef Selig als Gurnemanz, Christian Elsner als – ganz hervorragender – Parsifal, Eike Wilm-Schulte als Klingsor und Michelle DeYoung als Kundry. Doch auch die Gralsritter, Knappen und Blumenmädchen sind ausgezeichnet gesungen. Der eigentliche Star des Abends aber war einmal mehr der Rundfunkchor Berlin. So kraftvoll und präzise dürften die Chöre der Gralsritter selten erklungen sein. All das macht diese vier CD unbedingt hörenswert – meine Empfehlung!
Sonntag, 30. Juni 2013
Wagner: Tristan und Isolde (Pentatone)
Die Musik und nur die Musik steht im Mittelpunkt des konzertanten Wagner-Zyklus, den das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin und Ma- rek Janowski im November 2010 mit der Oper Der fliegende Hollän- der begonnen haben. Der Dirigent ist ganz Herr des Geschehens; er muss sich nicht mit „fachfremden“ Ideen herumplagen, wie denen eines Regisseurs. Aber es lastet damit auch die Verantwortung für das Gelingen der Einspielung sehr weitgehend auf seinen Schultern.
Das kann gutgehen – muss es aber nicht, wie der Mitschnitt der konzertanten Aufführung von Wagners Oper Tristan und Isolde vom 27. März 2012 zeigt. Es ist bislang die schwächste Aufnahme des Berliner Wagner-Zyklus.
Zwar steht Janowski für dieses Projekt die internationale Wagner-Sängerelite zur Verfügung. Doch Stephen Gould als Tristan, das ist für meine Ohren ein Totalausfall. Einen solchen Umgang mit einer Partie habe ich selbst in der tiefsten sächsischen Provinz jahrzehntelang nicht mehr erlebt.
Außerordentlich spannend besetzt sind hingegen die Isolde und die Brangäne. Nina Stemme ist eine grandiose Isolde – kein unbedarftes Königstöchterlein, sondern ziemlich handfest, und voll Leidenschaft. Ihr Sopran klingt dunkler, erfahrener, emotionaler als die Stimme ihrer Vertrauten Brangäne, die hier mit einem schlanken, hellen Timbre überrascht. Die südafrikanische Mezzosopranistin Michelle Breedts zeigt in dieser Rolle zudem, dass Wagners Wurzeln im Belcanto zu finden sind – und wie! Die beiden Damen singen zu hören, das ist ein Erlebnis. Auch Kwangchul Youn als Marke und Johan Reuter als Kurwenal sind große Klasse.
Rundfunkchor und Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin agieren mit gewohnter Präzision. Allerdings hat Janowski mit Wagners Musik diesmal so seine Probleme. Wer Klangrausch sucht und knisternde Erotik, der wird sich verwundert die Augen reiben. Denn hier wird im Detail wunderschön, aber oft auch verblüffend zügig und seltsam steif musiziert. Janowski setzt auf Struktur statt auf Glut. Spannung kann sich so nicht aufbauen.
Das kann gutgehen – muss es aber nicht, wie der Mitschnitt der konzertanten Aufführung von Wagners Oper Tristan und Isolde vom 27. März 2012 zeigt. Es ist bislang die schwächste Aufnahme des Berliner Wagner-Zyklus.
Zwar steht Janowski für dieses Projekt die internationale Wagner-Sängerelite zur Verfügung. Doch Stephen Gould als Tristan, das ist für meine Ohren ein Totalausfall. Einen solchen Umgang mit einer Partie habe ich selbst in der tiefsten sächsischen Provinz jahrzehntelang nicht mehr erlebt.
Außerordentlich spannend besetzt sind hingegen die Isolde und die Brangäne. Nina Stemme ist eine grandiose Isolde – kein unbedarftes Königstöchterlein, sondern ziemlich handfest, und voll Leidenschaft. Ihr Sopran klingt dunkler, erfahrener, emotionaler als die Stimme ihrer Vertrauten Brangäne, die hier mit einem schlanken, hellen Timbre überrascht. Die südafrikanische Mezzosopranistin Michelle Breedts zeigt in dieser Rolle zudem, dass Wagners Wurzeln im Belcanto zu finden sind – und wie! Die beiden Damen singen zu hören, das ist ein Erlebnis. Auch Kwangchul Youn als Marke und Johan Reuter als Kurwenal sind große Klasse.
Rundfunkchor und Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin agieren mit gewohnter Präzision. Allerdings hat Janowski mit Wagners Musik diesmal so seine Probleme. Wer Klangrausch sucht und knisternde Erotik, der wird sich verwundert die Augen reiben. Denn hier wird im Detail wunderschön, aber oft auch verblüffend zügig und seltsam steif musiziert. Janowski setzt auf Struktur statt auf Glut. Spannung kann sich so nicht aufbauen.
Sonntag, 16. September 2012
Wagner: Die Meistersinger von Nürnberg (Pentatone)
Marek Janowski und das Rund- funk-Sinfonieorchester Berlin (RSB) setzen den konzertanten Wagner-Zyklus mit zehn bedeu- tenden Bühnenwerken fort. Bei Pentatone sind vor einiger Zeit Die Meistersinger von Nürnberg er- schienen. Es handelt sich um den Livemitschnitt der Aufführung vom 3. Juni 2011 - und man muss sagen: Da ist dem Ensemble ein großer Wurf gelungen.
Das beginnt bei der wirklich erst- klassigen Besetzung, bis hinein in die kleinste Nebenrolle. Albert Dohmen ist ein grandioser Hans Sachs, doch selbst für den Nacht- wächter fand sich mit Matti Salminen ein großartiger Solist. Eigentlich müsste man hier die ganze Sängerriege preisen, die an dieser Aufnah- me mitgewirkt hat. Doch wer die Meistersinger kennt, der weiß um die Länge der Namensliste. So seien hier stellvertretend noch Robert Dean Smith als Ritter Walther von Stolzing benannt, der mit seinem Tenor das Ensemble angemessen überstrahlt, Edith Haller und Michelle Breedt als Eva und Magdalena. Erfreulich ist zudem, dass Dietrich Henschel den Sixtus Beckmesser ziemlich ernsthaft singt, und es weitgehend der Musik überlässt, aufzuzeigen, wie komisch dieser Stadtschreiber ist. Im deutschen Stadttheater wird diese Rolle bedauerlicherweise oft zur Knallcharge - hier kann man erleben, wieviel Potential sie eigentlich hat.
Großartig sind auch die Chöre, die der Rundfunkchor Berlin, bestens präpariert durch Chorleiter Eberhard Friedrich, kraftvoll und lustvoll zelebriert. Und Marek Janowski ist auf dem besten Wege, mit dem RSB eine Legende zu erschaffen. Statt die Ohren mit Geheimnis- gewaber und Klangmulm zuzukleistern, erfreut dieser Dirigent durch Strukturen; an die Seite der Leitmotive stellt Janowski die Klangrede - was sich bei dieser Oper geradezu anbietet. Köstlich gelingt so die Szene vor Sachs' Werkstatt, wo Eva erst versucht, den Meister auszu- horchen, dann auf Walther trifft, wo Beckmesser sein Ständchen leiert - ständig gestört von den Hammerschlägen des Schusters - und schließlich die Prügelei losbricht, wohl nicht so ganz zufällig, wie die Musik verrät. Das alles wird phänomenal differenziert umgesetzt; man fühlt sich manchmal beinahe wie in einem Hörspiel. So lebendig war Wagner selten zu hören. Auf die Aufführung des gesamten kompletten Ring des Nibelungen in der Saison 2012/13, zum 200. Geburtstag Richard Wagners, darf man sich schon freuen. Janowski hat den Ring in den 80er Jahren bereits einmal mit der Staatskapelle Dresden ein- gespielt. Diese Version gilt bis heute als Referenzaufnahme.
Das beginnt bei der wirklich erst- klassigen Besetzung, bis hinein in die kleinste Nebenrolle. Albert Dohmen ist ein grandioser Hans Sachs, doch selbst für den Nacht- wächter fand sich mit Matti Salminen ein großartiger Solist. Eigentlich müsste man hier die ganze Sängerriege preisen, die an dieser Aufnah- me mitgewirkt hat. Doch wer die Meistersinger kennt, der weiß um die Länge der Namensliste. So seien hier stellvertretend noch Robert Dean Smith als Ritter Walther von Stolzing benannt, der mit seinem Tenor das Ensemble angemessen überstrahlt, Edith Haller und Michelle Breedt als Eva und Magdalena. Erfreulich ist zudem, dass Dietrich Henschel den Sixtus Beckmesser ziemlich ernsthaft singt, und es weitgehend der Musik überlässt, aufzuzeigen, wie komisch dieser Stadtschreiber ist. Im deutschen Stadttheater wird diese Rolle bedauerlicherweise oft zur Knallcharge - hier kann man erleben, wieviel Potential sie eigentlich hat.
Großartig sind auch die Chöre, die der Rundfunkchor Berlin, bestens präpariert durch Chorleiter Eberhard Friedrich, kraftvoll und lustvoll zelebriert. Und Marek Janowski ist auf dem besten Wege, mit dem RSB eine Legende zu erschaffen. Statt die Ohren mit Geheimnis- gewaber und Klangmulm zuzukleistern, erfreut dieser Dirigent durch Strukturen; an die Seite der Leitmotive stellt Janowski die Klangrede - was sich bei dieser Oper geradezu anbietet. Köstlich gelingt so die Szene vor Sachs' Werkstatt, wo Eva erst versucht, den Meister auszu- horchen, dann auf Walther trifft, wo Beckmesser sein Ständchen leiert - ständig gestört von den Hammerschlägen des Schusters - und schließlich die Prügelei losbricht, wohl nicht so ganz zufällig, wie die Musik verrät. Das alles wird phänomenal differenziert umgesetzt; man fühlt sich manchmal beinahe wie in einem Hörspiel. So lebendig war Wagner selten zu hören. Auf die Aufführung des gesamten kompletten Ring des Nibelungen in der Saison 2012/13, zum 200. Geburtstag Richard Wagners, darf man sich schon freuen. Janowski hat den Ring in den 80er Jahren bereits einmal mit der Staatskapelle Dresden ein- gespielt. Diese Version gilt bis heute als Referenzaufnahme.
Mittwoch, 6. Juni 2012
Wagner: Der fliegende Holländer (Pentatone)
Einen konzertanten Wagner-Zyklus haben das Rundfunk-Sinfonie- orchester Berlin und Marek Ja- nowski vor zwei Jahren mit der Oper Der fliegende Holländer be- gonnen. Der Mitschnitt der konzer- tanten Aufführung vom 13. No- vember 2010 ist mittlerweile bei Pentatone Classics erschienen.
Der Dirigent hat bereits einen Ring mit der Staatskapelle Dresden eingespielt, der viel Lob erhielt - und auch viel Bedauern, weil hier und da ein Sänger nicht ganz so perfekt passte. Für den Berliner Wagner-Zyklus hingegen steht Janowski die internationale Wagner-Sängerelite zur Verfügung. Und weil auf eine szenische Deutung verzichtet wird, konzentriert sich diese Aufführung allein auf die Musik.
Das hat Vorteile. So wird die Kontemplation des Zuhörers nicht durch schnöde Bühnengeräusche gestört. Und der Dirigent ist ganz Herr der Interpretation; er muss sich nicht mit beispielsweise einem Regisseur abstimmen, der möglicherweise Figuren und Situationen ganz anders anlegen möchte. Hier zählt die Partitur - und nur die Partitur. Nie zuvor hat man beispielsweise eine Senta und einen Holländer gehört, die im großen Duett, im zweiten Akt, derart aneinander vorbeisingen. Das hat Format. Und musiziert wird durchweg großartig, das Orche- ster folgt Janowski mit einer Hingabe, die sich auszahlt.
Die Sänger sind ganz überwiegend exzellent, allen voran Matti Salmi- nen, der seinen Daland als braven Familienvater singt, durch und durch bieder, und auf Sicherheit und Wohlstand bedacht. Während er die Schätze des Holländers betrachtet und ihm von seiner Tochter schwärmt, kommt ihm gar nicht in den Sinn, dass er sie soeben ver- schachtert wie eine Ware.
Albert Dohmen als Holländer hat die notwendige Tiefe und Leiden- schaft; Überdruss und Verzweiflung nimmt man ihm ab. Das gilt übrigens auch für den Jäger Erik, der hier von dem Tenor Robert Dean Smith kraftvoll männlich gezeigt wird und nicht als softer Jammerlappen, wie auf der Bühne nur zu oft zu erleben. Gegen das Traumbild aber kommt der Freund aus Kindertagen nicht an, und so scheitert sein Versuch, um seine Liebe zu kämpfen.
Ricarda Merbeth singt die Senta; in der Spinnstube kann sie überzeu- gen, aber in den großen Ensembles hat die Stimme ihre Grenzen hörbar erreicht - und der Text, bei Wagner stets im Zentrum der Interpretation, wird vollkommen unverständlich. Schade. Gern lauscht man hingegen Silvia Hablowetz als Amme Mary und Steve Davislim als Steuermann. Diese beiden "kleinen" Partien sind absolut stimmig besetzt.
Der eigentliche Star dieser Aufführung aber ist der Rundfunkchor Berlin, geleitet von Eberhard Friedrich. Die Chöre sind eine Wucht - und das ist eine Stärke dieser Aufnahme, denn einen derart großen Chor dieser Qualität können selbst bedeutende Opernhäuser übli- cherweise nicht bieten.
Die Schwächen der Aufnahme? Nun, Wagners Holländer ist für die Bühne geschrieben. Seine Musik ist durch und durch szenisch. Und es ist doch zu spüren, dass aufgrund der konzertanten Aufführungs- situation die Intensität nicht das Niveau erreicht, das man von einem Opernabend erhofft. Das aber macht den eigentlichen Zauber einer solchen Aufnahme aus. Insofern kann ich die grenzenlose Begeiste- rung einiger Kritikerkollegen nicht wirklich teilen.
Der Dirigent hat bereits einen Ring mit der Staatskapelle Dresden eingespielt, der viel Lob erhielt - und auch viel Bedauern, weil hier und da ein Sänger nicht ganz so perfekt passte. Für den Berliner Wagner-Zyklus hingegen steht Janowski die internationale Wagner-Sängerelite zur Verfügung. Und weil auf eine szenische Deutung verzichtet wird, konzentriert sich diese Aufführung allein auf die Musik.
Das hat Vorteile. So wird die Kontemplation des Zuhörers nicht durch schnöde Bühnengeräusche gestört. Und der Dirigent ist ganz Herr der Interpretation; er muss sich nicht mit beispielsweise einem Regisseur abstimmen, der möglicherweise Figuren und Situationen ganz anders anlegen möchte. Hier zählt die Partitur - und nur die Partitur. Nie zuvor hat man beispielsweise eine Senta und einen Holländer gehört, die im großen Duett, im zweiten Akt, derart aneinander vorbeisingen. Das hat Format. Und musiziert wird durchweg großartig, das Orche- ster folgt Janowski mit einer Hingabe, die sich auszahlt.
Die Sänger sind ganz überwiegend exzellent, allen voran Matti Salmi- nen, der seinen Daland als braven Familienvater singt, durch und durch bieder, und auf Sicherheit und Wohlstand bedacht. Während er die Schätze des Holländers betrachtet und ihm von seiner Tochter schwärmt, kommt ihm gar nicht in den Sinn, dass er sie soeben ver- schachtert wie eine Ware.
Albert Dohmen als Holländer hat die notwendige Tiefe und Leiden- schaft; Überdruss und Verzweiflung nimmt man ihm ab. Das gilt übrigens auch für den Jäger Erik, der hier von dem Tenor Robert Dean Smith kraftvoll männlich gezeigt wird und nicht als softer Jammerlappen, wie auf der Bühne nur zu oft zu erleben. Gegen das Traumbild aber kommt der Freund aus Kindertagen nicht an, und so scheitert sein Versuch, um seine Liebe zu kämpfen.
Ricarda Merbeth singt die Senta; in der Spinnstube kann sie überzeu- gen, aber in den großen Ensembles hat die Stimme ihre Grenzen hörbar erreicht - und der Text, bei Wagner stets im Zentrum der Interpretation, wird vollkommen unverständlich. Schade. Gern lauscht man hingegen Silvia Hablowetz als Amme Mary und Steve Davislim als Steuermann. Diese beiden "kleinen" Partien sind absolut stimmig besetzt.
Der eigentliche Star dieser Aufführung aber ist der Rundfunkchor Berlin, geleitet von Eberhard Friedrich. Die Chöre sind eine Wucht - und das ist eine Stärke dieser Aufnahme, denn einen derart großen Chor dieser Qualität können selbst bedeutende Opernhäuser übli- cherweise nicht bieten.
Die Schwächen der Aufnahme? Nun, Wagners Holländer ist für die Bühne geschrieben. Seine Musik ist durch und durch szenisch. Und es ist doch zu spüren, dass aufgrund der konzertanten Aufführungs- situation die Intensität nicht das Niveau erreicht, das man von einem Opernabend erhofft. Das aber macht den eigentlichen Zauber einer solchen Aufnahme aus. Insofern kann ich die grenzenlose Begeiste- rung einiger Kritikerkollegen nicht wirklich teilen.
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