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Samstag, 27. Juni 2020

Brahms (Sony)

Mit Chormusik hat sich Johannes Brahms (1833 bis 1897) zeitlebens beschäftigt. Er hat selbst sehr verschiedene Chöre geleitet, und eine Vielzahl von weltlichen und geistlichen Chorwerken komponiert. 
Die Mitglieder des Rundfunkchores Berlin schätzen diese Kompositionen sehr. Gijs Leenaars, Chefdirigent und künstlerischer Leiter, freut sich darüber, dass nun mit dieser CD einen Herzenswunsch des Ensembles verwirklicht wurde. Das Album hat ein interessantes Konzept: „Ich finde, eine große Stärke des Rundfunkchores Berlin ist seine Wandlungsfähigkeit“, so der Chorleiter, „sowohl als großes Instrument für Chorsinfonik, bei der die richtige Balance zwischen Orchester und Vokalstimmen eine Herausforderung darstellt, als auch für die A-cappella-Arbeit, bei der die eigene fein trainierte Klangvorstellung sehr wichtig ist.“ 
Brahms fordert beides – und die Profis aus Berlin haben für diese CD ein Programm zusammengestellt, das den ganzen Reichtum seines Schaffens auf allerhöchstem Niveau präsentiert. Es beginnt mit dem Schicksalslied op. 54, einer der bedeutendsten Kompositionen für Chor und Orchester von Johannes Brahms, gefolgt von der A-cappella-Motette Warum ist das Licht gegeben dem Mühseligen op. 74 Nr. 1. Zu hören sind auch die Nänie op. 82 für gemischten Chor und Orchester, die Drei Gesänge op. 42 für sechsstimmigen Chor a cappella, Es tönt ein voller Harfenklang op. 17 Nr. 1 für dreistimmigen Frauenchor, Horn und Harfe sowie das Geistliche Lied op. 30 für gemischten Chor und Streichorchester in einem Arrangement von Sir John Gardiner. 
Die meisten dieser Stücke sind selten zu hören, weil Laienchöre damit heutzutage üblicherweise heillos überfordert wären. Umso mehr freut man sich über die farben- und nuancenreiche Interpretation dieser Pretiosen der Chorliteratur durch den Berliner Rundfunkchor; das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin übernimmt den Orchesterpart. Exzellent!

Donnerstag, 17. Dezember 2015

Respighi: Lauda per la Natività del Signore (Carus)

Weihnachtliche Musik aus dem
20. Jahrhundert erklingt auf dieser CD mit dem Rundfunkchor Berlin. Hauptwerk dieser Einspielung ist der Lobgesang Lauda per la Natività del Signore von Ottorino Respighi. Klangprächtige Chorpassagen und Soli wechseln; zu hören sind neben den Chorsängern die koreanische Sopranistin Yeree Suh, Kristine Larissa Funkhauser, Mezzosopran, und der Tenor Krystian Adam, sowie das Polyphonia Ensemble Berlin und zwei Pianisten, deren Namen aller- dings nicht zu erfahren sind. Dieses fromme Werk aus den 20er Jahren, inspiriert von „Alter“ Musik, das Anklänge an gregorianische Gesänge mit impressionistischen Klängen kombiniert, dann wieder Formen aus Renaissance und Barock aufgreift, um sie aus dem Geist der Moderne zu spiegeln, wird dirigiert von Maris Sirmais. 

Begleitet wird Respighis Werk durch einige Kompositionen, die man mittlerweile fast als Klassiker der Moderne bezeichnen könnte: Die CD beginnt mit Es ist ein Ros entsprungen in der Version von Sven-David Sandström (*1942), die den berühmten Chorsatz von Michael Praetorius in einen Strom von Tönen und Akkorden einbettet – ein Effekt, als würde man ein vertrautes Bild durch eine Milchglasscheibe betrachten. Auch Maria durch ein Dornwald ging in einer Komposition von Heinrich Kaminski (11886 bis 1946) und Nun komm, der Heiden Heiland in der spannungs- vollen Fassung von Günter Raphael (1903 bis 1960) singt der Rundfunk- chor Berlin, dirigiert von Nicolas Fink. Zu hören sind zudem O magnum mysterium, das Erfolgswerk von Morten Lauridsen (*1943), und die wundervollen Quatre motets pour le temps de Noël von Francis Poulenc (1899 bis 1963). 

Mittwoch, 29. April 2015

Carl Philipp Emanuel Bach: Magnificat (Brilliant Classics)

Zwei ältere Aufnahmen von Werken Carl Philipp Emanuel Bachs (1714
bis 1788) wurden bei Brilliant Classics wieder veröffentlicht. 
Das Magnificat in D-Dur Wq 215 erklingt als Mitschnitt von einem Konzert anlässlich des 200. Todestages des Komponisten mit den Solisten Venceslava Hrubá-Freiberger, Barbara Bornemann, Peter Schreier und Olaf Bär sowie dem Rundfunk- chor Berlin. Aufgezeichnet wurde es im Dezember 1988 im Schauspiel- haus Berlin. 
Carl Philipp Emanuel Bach hat das Magnificat 1749 komponiert; es wird spekuliert, ob er es geschrieben hat, um sich den Leipziger Stadträten als Nachfolger seines Vaters in der Position des Thomaskantors zu empfehlen, oder möglicherweise auch für eine Bewerbung als Hofkapellmeister bei Prinzessin Anna Amalia von Preußen, der jüngsten Schwester Friedrichs des Großen. Sie war musikalisch sehr versiert, gilt aber als konservativ. Uraufgeführt jedenfalls wurde das Werk noch vor dem Ableben Johann Sebastian Bachs in der Leipziger Thomaskiche. 
Komplettiert wird die CD durch eine sehr schöne Studioeinspielung der Sinfonien in G-Dur Wq 173 und 180, aufgenommen 1989. Das Kammerorchester Carl Philipp Emanuel Bach unter seinem Gründer und Leiter Hartmut Haenchen macht hier seinem Namenspatron alle Ehre.

Sonntag, 15. September 2013

Morgenlicht - Kirchenlieder & Choräle (Deutsche Grammophon)

Kirchenlieder und Choräle prä- sentiert der Rundfunkchor Berlin mit seinem ersten Exklusivalbum bei dem Label Deutsche Gram- mophon. Dieses Programm reicht von Jesu, meine Freude in dem berühmten Chorsatz aus der Feder Johann Sebastian Bachs bis zu Laudate omnes gentes in der Taizé-Version und von Ein feste Burg ist unser Gott, dem Inbegriff des protestantischen Gemein- deliedes, bis hin zu Morning has broken, hier als Morgenlicht leuchtet in einem sehr gelungenen Arrangement von John Rutter. 
„Das Wunderbare an diesen Liedern ist: Sie sind so schlicht, dass jeder sie singen kann, dabei aber nicht simpel; sie sind so eingängig, dass sie sofort im Gedächtnis bleiben, aber nicht billig“, begeistert sich Simon Halsey, der Chefdirigent des Chores für dieses Repertoire, das ihm seit seiner Kindheit lieb und vertraut ist. „Die Texte thematisieren die wichtigen Feiertage, die unseren Jahresablauf gliedern, finden Worte für die zentralen Abschnitte im Leben eines jeden Menschen, für den Gewinn oder Verlust eines geliebten Wesens bei der Taufe, Hochzeit oder Beerdigung. Sie berühren deshalb so tief, weil sie Gefühle ansprechen, die wir alle kennen: überwältigen- de Freude, Trauer und Angst. Diese Gefühle sind manchmal so groß, dass wir ihnen mit diesen Liedern Raum schaffen und uns damit in Gottes Hände geben wollen.“ 
Musikalisch ist die Einspielung anspruchsvoll. Die CD bietet zudem einen ausgewogenen Mix zwischen Tradition und Moderne. So wurden die beiden Arrangements von Bewahre uns Gott und Ich lobe meinen Gott eigens für dieses Album neu geschrieben. Der Rund- funkchor singt kraftvoll und professionell; allerdings betont die Aufnahme mitunter für meinen Geschmack zu sehr den Kunstgesang. Hörenswert begleitet werden die Sängerinnen und Sänger von der Harfenistin Maria Todtenhaupt und KMD Jörg Strodthoff. Es ist die letzte CD-Einspielung des engagierten Kirchenmusikers, der zuletzt als Kantor und Organist an der Auenkirche Berlin-Wilmersdorf tätig war und im Juni 2013 im Alter von nur 53 Jahren einer schweren Erkrankung erlegen ist. 

Mittwoch, 10. Juli 2013

Wagner: Parsifal (Pentatone Classics)

Die letzte Oper von Richard Wagner hat es in sich: Eigentlich geschieht fast nichts, und das vier Stunden lang. Dabei treten Figuren auf, die alle einen Knacks weg ha- ben – mindestens. Da ist der Grals- könig Amfortas, in dessen Monolo- ge aus gutem Grund mehrfach die Musik Klingsors einbricht. Da ist der Ritter Gurnemanz, zuständig eher für die praktischen Dinge, eine Mutter der Kompanie ohne Sinn für Transzendentes – und trotzdem hat ausgerechnet er die umfangreichste Partie in dieser Oper. 
Da ist Klingsor, der eigentlich auch gern einer der Gralsritter wäre, aber es nicht werden darf, denn er hat sich entmannt, um nicht in Versuchung zu geraten. Er wird abgewiesen, weil die Ritter darin nicht Konsequenz, sondern einen Mangel an Charakterstärke sehen. 
Daraufhin wendet er sich der Magie zu, und in seinem Zauberreich sündigt prompt Amfortas – was ihm die Wunde einbringt, um die sich in dieser Oper alles dreht. 
Zu Klingsors Personal gehört auch Kundry, eine der peinlichsten Frauengestalten der Musikgeschichte überhaupt, und – abgesehen von den Zaubermädchen Klingsors sowie der Mutter des Titelhelden, die aber nur in Erzählungen präsent ist – die einzige weibliche Gestalt in dieser Oper. Parsifal selbst mordet sich fröhlich durch seine Tage. Das beginnt mit dem Schwan, den er im heiligen Tempelbezirk abschießt, und endet ganz sicher nicht damit, dass er Klingsor samt seiner Zauberwelt in Schutt und Asche legt. Das eigentliche Wunder an dieser Oper ist Wagners Musik, die es fertigbringt, dass wir all diesen seltsamen Mumpitz ertragen – und berührt sind, anstatt laut loszulachen. 
Wagners Parsifal ist ohne Zweifel eine Herausforderung für ein En- semble. Marek Janowski hatte das „Bühnenweihfestspiel“ – so nannte Wagner sein Werk – in seinem Wagner-Zyklus mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin gleich an zweite Stelle gesetzt. Und der Live-Mitschnitt der konzertanten Aufführung vom 8. April 2011 ist wirk- lich ein Erlebnis. 
Es ist erklärtermaßen die Absicht Janowskis, Wagners Werke dem Publikum ohne Kompromisse, allein auf die Musik konzentriert, zu vermitteln. Beim Berliner Parsifal ist ihm das gelungen. Die Inter- pretation, die ziemlich nüchtern beginnt, entwickelt zunehmend Sog und Magie. Die Besetzung passt. Zu hören sind Jewgeni Nikitin als Amfortas, Dimitri Iwaschenko als Titurel, Franz-Josef Selig als Gurnemanz, Christian Elsner als – ganz hervorragender – Parsifal, Eike Wilm-Schulte als Klingsor und Michelle DeYoung als Kundry. Doch auch die Gralsritter, Knappen und Blumenmädchen sind ausgezeichnet gesungen. Der eigentliche Star des Abends aber war einmal mehr der Rundfunkchor Berlin. So kraftvoll und präzise dürften die Chöre der Gralsritter selten erklungen sein. All das macht diese vier CD unbedingt hörenswert – meine Empfehlung! 

Sonntag, 30. Juni 2013

Wagner: Tristan und Isolde (Pentatone)

Die Musik und nur die Musik steht im Mittelpunkt des konzertanten Wagner-Zyklus, den das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin und Ma- rek Janowski im November 2010 mit der Oper Der fliegende Hollän- der begonnen haben. Der Dirigent ist ganz Herr des Geschehens; er muss sich nicht mit „fachfremden“ Ideen herumplagen, wie denen eines Regisseurs. Aber es lastet damit auch die Verantwortung für das Gelingen der Einspielung sehr weitgehend auf seinen Schultern. 
Das kann gutgehen – muss es aber nicht, wie der Mitschnitt der konzertanten Aufführung von Wagners Oper Tristan und Isolde vom 27. März 2012 zeigt. Es ist bislang die schwächste Aufnahme des Berliner Wagner-Zyklus. 
Zwar steht Janowski für dieses Projekt die internationale Wagner-Sängerelite zur Verfügung. Doch Stephen Gould als Tristan, das ist für meine Ohren ein Totalausfall. Einen solchen Umgang mit einer Partie habe ich selbst in der tiefsten sächsischen Provinz jahrzehntelang nicht mehr erlebt. 
Außerordentlich spannend besetzt sind hingegen die Isolde und die Brangäne. Nina Stemme ist eine grandiose Isolde – kein unbedarftes Königstöchterlein, sondern ziemlich handfest, und voll Leidenschaft. Ihr Sopran klingt dunkler, erfahrener, emotionaler als die Stimme ihrer Vertrauten Brangäne, die hier mit einem schlanken, hellen Timbre überrascht. Die südafrikanische Mezzosopranistin Michelle Breedts zeigt in dieser Rolle zudem, dass Wagners Wurzeln im Belcanto zu finden sind – und wie! Die beiden Damen singen zu hören, das ist ein Erlebnis. Auch Kwangchul Youn als Marke und Johan Reuter als Kurwenal sind große Klasse. 
Rundfunkchor und Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin agieren mit gewohnter Präzision. Allerdings hat Janowski mit Wagners Musik diesmal so seine Probleme. Wer Klangrausch sucht und knisternde Erotik, der wird sich verwundert die Augen reiben. Denn hier wird im Detail wunderschön, aber oft auch verblüffend zügig und seltsam steif musiziert. Janowski setzt auf Struktur statt auf Glut. Spannung kann sich so nicht aufbauen. 

Sonntag, 16. September 2012

Wagner: Die Meistersinger von Nürnberg (Pentatone)

Marek Janowski und das Rund- funk-Sinfonieorchester Berlin (RSB) setzen den konzertanten Wagner-Zyklus mit zehn bedeu- tenden Bühnenwerken fort. Bei Pentatone sind vor einiger Zeit Die Meistersinger von Nürnberg er- schienen. Es handelt sich um den Livemitschnitt der Aufführung vom 3. Juni 2011 - und man muss sagen: Da ist dem Ensemble ein großer Wurf gelungen. 
Das beginnt bei der wirklich erst- klassigen Besetzung, bis hinein in die kleinste Nebenrolle. Albert Dohmen ist ein grandioser Hans Sachs, doch selbst für den Nacht- wächter fand sich mit Matti Salminen ein großartiger Solist. Eigentlich müsste man hier die ganze Sängerriege preisen, die an dieser Aufnah- me mitgewirkt hat. Doch wer die Meistersinger kennt, der weiß um die Länge der Namensliste. So seien hier stellvertretend noch Robert Dean Smith als Ritter Walther von Stolzing benannt, der mit seinem Tenor das Ensemble angemessen überstrahlt, Edith Haller und Michelle Breedt als Eva und Magdalena. Erfreulich ist zudem, dass Dietrich Henschel den Sixtus Beckmesser ziemlich ernsthaft singt, und es weitgehend der Musik überlässt, aufzuzeigen, wie komisch dieser Stadtschreiber ist. Im deutschen Stadttheater wird diese Rolle bedauerlicherweise oft zur Knallcharge - hier kann man erleben, wieviel Potential sie eigentlich hat. 
Großartig sind auch die Chöre, die der Rundfunkchor Berlin, bestens präpariert durch Chorleiter Eberhard Friedrich, kraftvoll und lustvoll zelebriert. Und Marek Janowski ist auf dem besten Wege, mit dem RSB eine Legende zu erschaffen. Statt die Ohren mit Geheimnis- gewaber und Klangmulm zuzukleistern, erfreut dieser Dirigent durch Strukturen; an die Seite der Leitmotive stellt Janowski die Klangrede - was sich bei dieser Oper geradezu anbietet. Köstlich gelingt so die Szene vor Sachs' Werkstatt, wo Eva erst versucht, den Meister auszu- horchen, dann auf Walther trifft, wo Beckmesser sein Ständchen leiert - ständig gestört von den Hammerschlägen des Schusters - und schließlich die Prügelei losbricht, wohl nicht so ganz zufällig, wie die Musik verrät. Das alles wird phänomenal differenziert umgesetzt; man fühlt sich manchmal beinahe wie in einem Hörspiel. So lebendig war Wagner selten zu hören. Auf die Aufführung des gesamten kompletten Ring des Nibelungen in der Saison 2012/13, zum 200. Geburtstag Richard Wagners, darf man sich schon freuen. Janowski hat den Ring in den 80er Jahren bereits einmal mit der Staatskapelle Dresden ein- gespielt. Diese Version gilt bis heute als Referenzaufnahme. 

Mittwoch, 6. Juni 2012

Wagner: Der fliegende Holländer (Pentatone)

Einen konzertanten Wagner-Zyklus haben das Rundfunk-Sinfonie- orchester Berlin und Marek Ja- nowski vor zwei Jahren mit der Oper Der fliegende Holländer be- gonnen. Der Mitschnitt der konzer- tanten Aufführung vom 13. No- vember 2010 ist mittlerweile bei Pentatone Classics erschienen.
Der Dirigent hat bereits einen Ring mit der Staatskapelle Dresden eingespielt, der viel Lob erhielt - und auch viel Bedauern, weil hier und da ein Sänger nicht ganz so perfekt passte. Für den Berliner Wagner-Zyklus hingegen steht Janowski die internationale Wagner-Sängerelite zur Verfügung. Und weil auf eine szenische Deutung verzichtet wird, konzentriert sich diese Aufführung allein auf die Musik. 

Das hat Vorteile. So wird die Kontemplation des Zuhörers nicht durch schnöde Bühnengeräusche gestört. Und der Dirigent ist ganz Herr der Interpretation; er muss sich nicht mit beispielsweise einem Regisseur abstimmen, der möglicherweise Figuren und Situationen ganz anders anlegen möchte. Hier zählt die Partitur - und nur die Partitur. Nie zuvor hat man beispielsweise eine Senta und einen Holländer gehört, die im großen Duett, im zweiten Akt, derart aneinander vorbeisingen. Das hat Format. Und musiziert wird durchweg großartig, das Orche- ster folgt Janowski mit einer Hingabe, die sich auszahlt. 
Die Sänger sind ganz überwiegend exzellent, allen voran Matti Salmi- nen, der seinen Daland als braven Familienvater singt, durch und durch bieder, und auf Sicherheit und Wohlstand bedacht. Während er die Schätze des Holländers betrachtet und ihm von seiner Tochter schwärmt, kommt ihm gar nicht in den Sinn, dass er sie soeben ver- schachtert wie eine Ware. 
Albert Dohmen als Holländer hat die notwendige Tiefe und Leiden- schaft; Überdruss und Verzweiflung nimmt man ihm ab. Das gilt übrigens auch für den Jäger Erik, der hier von dem Tenor Robert Dean Smith kraftvoll männlich gezeigt wird und nicht als softer Jammerlappen, wie auf der Bühne nur zu oft zu erleben. Gegen das Traumbild aber kommt der Freund aus Kindertagen nicht an, und so scheitert sein Versuch, um seine Liebe zu kämpfen. 
Ricarda Merbeth singt die Senta; in der Spinnstube kann sie überzeu- gen, aber in den großen Ensembles hat die Stimme ihre Grenzen hörbar erreicht - und der Text, bei Wagner stets im Zentrum der Interpretation, wird vollkommen unverständlich. Schade. Gern lauscht man hingegen Silvia Hablowetz als Amme Mary und Steve Davislim als Steuermann. Diese beiden "kleinen" Partien sind absolut stimmig besetzt. 
Der eigentliche Star dieser Aufführung aber ist der Rundfunkchor Berlin, geleitet von Eberhard Friedrich. Die Chöre sind eine Wucht - und das ist eine Stärke dieser Aufnahme, denn einen derart großen Chor dieser Qualität können selbst bedeutende Opernhäuser übli- cherweise nicht bieten. 
Die Schwächen der Aufnahme? Nun, Wagners Holländer ist für die Bühne geschrieben. Seine Musik ist durch und durch szenisch. Und es ist doch zu spüren, dass aufgrund der konzertanten Aufführungs- situation die Intensität nicht das Niveau erreicht, das man von einem Opernabend erhofft. Das aber macht den eigentlichen Zauber einer solchen Aufnahme aus. Insofern kann ich die grenzenlose Begeiste- rung einiger Kritikerkollegen nicht wirklich teilen. 

Samstag, 12. Februar 2011

Humperdinck: Königskinder (Crystal Classics)

Schon bei den ersten Takten, die selbstverständlich - es handelt sich um eine der sechs Märchenopern von Engelbert Humperdinck (1854 bis 1921) - dahergewagnert kommen, wird es jedermann klar, dass diese Geschichte nicht glücklich enden wird wie Hänsel und Gretel, das wohl berühmteste musikalische Weihnachtsmärchen des deutschen Stadttheaters.
Die Handlung der Königskinder ist eher ein Stück für den Psychoana- lytiker als eine Geschichte, die man Kindern erzählen kann: Tief im Wald lebt ein junges Mädchen bei einer Hexe, die sich als seine Großmutter ausgibt, und die "Trulle" als Gänsemagd und Mädchen für alles fleißig schaffen lässt. Weil sie ihre Sehnsucht nach anderen Menschen äußert, bannt sie die Alte mit einem Zauber, so dass sie den Wald nicht verlassen kann, und lässt sie zudem ein giftiges Brot backen, das nicht verdirbt.
Als die Hexe in den Wald geht, um "Pilze und Würzlein" zu suchen, trifft ein Königssohn, der sich im Wald verirrt hat, auf die Gänsemagd. Bei allerlei neckischen Spielchen zerreißt ihr Kränzlein - Freud lässt grüßen - und er gibt ihr eine Krone dafür. Doch dann kann sie sich vom Bann nicht befreien; der Königssohn zieht allein weiter. Und die Hexe sperrt die Trulle ein. 
Da kommen ein Spielmann, ein Holzhacker und ein Besenbinder des Weges. Sie erzählen der Hexe, dass der König gestorben ist, und dass die Leute nun nach einem neuen König suchen. Außerdem verraten sie der Gänsemagd, wer ihre Eltern waren - und diese fasst Mut, und bricht mit dem Spielmann auf, den Königssohn zu suchen. 
Zur Mittagsstunde trifft die Gänsemagd in der Stadt Hellabrunn ein, die sich bereits rüstet, um den König zu empfangen. Dieser soll, so hat es die Hexe prophezeit, eben mit dem Schlag der Mittagsglocke das Stadttor passieren. Sie begegnet dem Königssohn, der sich zwischen- zeitlich als Schweinehirt verdingt hatte, um Erfahrungen zu sammeln, und sie präsentieren sich den Bürgern als das neue Herrscherpaar. Doch diese finden das gar nicht lustig, und jagen die beiden davon. 
Das Finale ist entsprechend gruslig. Die Jahreszeit: Winter. Der Ort: Das frühere Hexenhaus, in dem nun der Spielmann haust, der miss- handelt und aus der Stadt verjagt wurde, weil er sich als Fürsprech für das junge Paar eingesetzt hat. Die Hütte haben die Bürger demoliert, und die Hexe verbrannt. Nun kommen ihre Kinder mit Holzhacker und Besenbinder, um ihn zurückzuholen, weil es ohne Lieder gar zu langweilig ist. Doch zuvor soll er mit den Kindern das Königspaar suchen. Holzhacker und Besenbinder bleiben in der Hütte zurück. Als der Königssohn dort anklopft, und um Essen und Trinken für seine kranke Gefährtin bittet, weisen sie ihn ab. Als er die Krone zerbricht, um Nahrung zu kaufen, geben sie ihm, was sie in der Hütte gefunden haben: Das vergiftete Brot der Hexe. 
Königskinder wurde 2008 von Deutschlandradio Kultur im Großen Saal der Philharmonie Berlin aufgenommen. Zu hören sind unter anderem Juliane Banse als Gänsemagd, Gabriele Schnaut als Hexe, Klaus Florian Vogt als Königssohn, Christian Gerhaher als Spielmann, sowie Andreas Hörl und Stephan Rügamer als Holzhacker und Besenbinder. Es singen der Rundfunkchor Berlin und der Berliner Mädchenchor. Es spielt das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin, es dirigiert Ingo Metzmacher. Und der nimmt Humperdincks traurige Geschichte kristallklar, kein bisschen romantisch überzuckert und verklärt - was ihre Brutalität offen zutage treten lässt. 
Anders als sein großes Vorbild setzte Humperdinck nicht systema- tisch auf Leitmotive, die Personen, Beziehungen oder Handlungen zugeordnet sind. Er setzt eher auf harmonisch-atmosphärische Bezüge, zitiert hier und da ziemlich offen Wagner, und verwendet sehr viel Sorgfalt auf die stilistische Trennung der Spielräume und auf die Gestaltung der zeitlichen Abfolge. Kein Happy End, keine grandiosen Arien. Kein Wunder, dass dieses Stück auf dem Spielplan der Theater und Opernhäuser heute nicht mehr zu finden ist. Hört man die Musik, wird man freilich sagen: Schade drum.  

Donnerstag, 18. März 2010

Wagner: Parsifal (Berlin Classics)

Eine Runde alter Männer, in Ritualen und Formeln erstarrt - ein Schelm, wer Arges dabei denkt! und hoher Respekt vor dem Dirigenten Herbert Kegel, der 1975 in der DDR diese Einspielung von Wagners Bühnenweihfestspiel durchgesetzt hat. Den Ideologen des DDR-Regimes freilich war Wagners Parsifal aus ganz anderen Gründen suspekt. Die ganze Geschichte um den Gral, das Blut, Amfortas, Kundry und Klingsor und die Erlösung wird bis heute nur zu gern mit Blick auf Wagners antisemitische Schriften inter- pretiert. Die Experten streiten darüber gern und heftig.
Kegel hält sich aus solchen Debatten heraus - oder auch nicht, denn schon die Entscheidung für eben dieses Stück ist ja bereits durchaus ein Zeichen. So entschloss sich der Dirigent, Wagners Oper in ihrer Nähe zur Musik des 20. Jahrhunderts zu erkunden. 
Das Ergebnis ist noch heute hörenswert - und das nicht nur aufgrund der erstklassigen Besetzung. Genannt seien hier nur Theo Adam als Amfortas, Ulrik Cold als Gurnemanz, René Kollo als Parsifal, Gisela Schröter als Kundry, die Rundfunkchöre Berlin und Leipzig, der Thomanerchor sowie das Rundfunk-Sinfonie-Orchester Leipzig. Kegel meidet jegliches Pathos - und zeigt uns Wagners Werk in einer Leichtigkeit und Transparenz, die diesem Stoff derart perfekt entspricht, dass man sich diese historische Aufnahme noch heute gern anhört.