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Montag, 22. August 2016

Mozart: Le nozze di Figaro (Deutsche Grammophon)

Bei der Deutschen Grammophon ist nun die vierte Aufnahme der von Rolando Villazón und Yannick Nézet-Séguin initiierten Mozart-Opern-Reihe erschienen – sieben sind ins- gesamt geplant. Nach Don Giovanni, Così fan tutte und Die Entführung aus dem Serail ist nun Le Nozze di Figaro zu hören, aufgezeichnet im Juli 2015 in Kooperation mit dem Festspielhaus Baden-Baden. 
Die Oper wurde konzertant, in italie- nischer Sprache, ungekürzt und in der von Mozart vorgegebenen Abfolge aufgeführt; somit erklingt Le nozze di Figaro auch im Mitschnitt in voller Länge. Auf den drei CD gibt es daher einiges zu entdecken; Rolando Villazón beispielsweise, der den Musikmei- ster Basilio singt, ist hier mit der Arie In quegli anni in cui val poco zu erleben, die üblicherweise gestrichen wird. Was er aus der eher peinlichen Erzählung macht, das ist schon große Komödie. 
Sonya Yoncheva übernahm wohl recht kurzfristig anstelle von Diana Damrau die Rolle der Gräfin. Die Leidenschaft, mit der sie ihre Figur ausstattet, überrascht beinahe ein wenig – und ihre Technik ist eine Offenbarung, jede Phrase ein Genuss. Fabelhaft ist auch Christiane Karg in der Partie der Susanna; keck und beweglich in den Rezitativen, schlank und silbrig in den Arien. Man fragt sich allerdings einmal mehr, was sie an diesem Figaro findet, den Luca Pisaroni hier ziemlich rauhbeinig auftreten lässt. Dafür gestaltet Thomas Hampson seinen Grafen Almaviva enorm differenziert; man spürt seine Liebe zum Liedgesang. Allein die Koloraturen wollen ihm nicht recht gelingen. Klanglich sind sich Herr und Diener verblüffend ähnlich. 
Als Cherubino ist Angela Brower zu hören, als Marcellina Anne Sofie von Otter, als Bartolo Maurizio Muraro, als Barbarina Regula Mühlemann, als Richter Don Curzio Jean-Paul Fouchécourt und als Gärtner Antonio Philippe Sly. Ein besonderes Lob verdient hat das Vocalensemble Rastatt, das die Chorpassagen hinreißend interpretiert. 
Die Instrumentalisten können leider nicht ebenso überzeugen. Das Chamber Orchestra of Europe lässt unter der Leitung von Yannick Nézet-Séguin in der Ouvertüre die Sektkorken knallen – doch Rasanz allein ersetzt noch keine Raffinesse. Das zeigt sich auch im weiteren Verlauf des Abends, wo das Orchester zwar historisch informiert, aber insgesamt doch sehr brav aufspielt. Man freut sich auf prickelnden Champagner, doch dann gibt's lauwarmen Schaumwein. Eine Referenzaufnahme ist das nicht; schade. 

Dienstag, 18. August 2015

Mozart: Die Entführung aus dem Serail (Deutsche Grammophon)

„Bei Mozart ist man immer Teil des Ganzen, wie ein Instrument, das seinen Part hat, aber ohne die Partner nicht existieren kann“, so äußerte sich Rolando Villazón kürzlich in einem Interview. Der Tenor beschäftigt sich seit einigen Jahren intensiv mit den Opern und Arien von Wolfgang Amadeus Mozart. In dem Langzeitprojekt erarbeitet er sich alle großen Tenorpartien des Kompo- nisten. Was in Salzburg mit Il re pastore und Lucio Silla begann, das findet seine Fortsetzung mittlerweile mit konzertanten Aufführungen im Festspielhaus Baden-Baden. Auf CD erschienen sind bereits Don Giovanni und Cosi fan tutte; nun folgte Die Entführung aus dem Serail
Einmal mehr musiziert das Chamber Orchestra of Europe unter Yannick Nézet-Séguin – und erneut erweist sich dieses Orchester als ein Glücksgriff; es spielt brillant, und folgt sensibel jedem Wink seines Dirigenten. Die Chöre singt mit Schwung das Vocalensemble Rastatt. Diana Damrau und Anna Prohaska überzeugen als Konstanze und Blonde. Man kann hier zwei ziemlich moderne junge Damen erleben: Prohaska gestaltet ihre Zofe sehr überzeugend, mit Leidenschaft und einer Durchsetzungsfähigkeit, die alles Unglück auf Distanz hält. Franz-Josef Selig gibt einen köstlich komischen Osmin; dem Fräuleinwunder, das ihm eigentlich als Sklavin geschenkt wurde, ist dieser Palastaufseher nicht gewachsen. Damraus grandioser Koloratursopran wirkt mitunter schon fast dramatisch; sie macht das Ringen der entführten Konstanze hörbar, die schwer zu kämpfen hat, dem Bassa Selim zu widerstehen. Den spricht Thomas Quasthoff, gekonnt und sehr kultiviert, doch mit seinen Drohungen weit weniger überzeugend als in seinem Werben. Das nimmt der Figur leider eine Dimension. Den Belmonte singt Rolando Villazón, seinen Diener Pedrillo der junge Tenor Paul Schweinester. Trotz aller Tonmeisterkunst: Nicht jeder Ton ist Gold, der da glänzen sollte. Dennoch gefällt mir die Einspielung, weil sie so wunderbar theatralisch ist. Die Handlung ist hier nicht nur Vorwand für einige der schönsten Arien der Opernhistorie; die Beteiligten gestalten insbesondere auch die Dialoge und Ensembles mit enormer Spielfreude, was tatsächlich hörbar ist. Bravi!

Samstag, 20. Juli 2013

Portraits - The Clarinet Album; Ottensamer (Deutsche Grammophon)

Kann es sein, dass viele Menschen heutzutage besser sehen als hören können? Im Februar 2013 nahm die Deutsche Grammophon Andreas Ottensamer exklusiv unter Vertrag – als ersten Solo-Klarinettisten überhaupt. Natürlich beherrscht der Österreicher sein Instrument exzellent, er ist schließlich Solo-Klarinettist bei den Berliner Phil- harmonikern.
Doch um zu einem Debütalbum bei einem Major zu kommen, sollte man offenbar zusätzlich jung und attraktiv sein – und nichts dagegen haben, auch so beworben zu werden. Hervorragende Klarinettisten gibt es etliche. Was also zeichnet den Musiker Ottensamer aus?
Da wäre ganz sicher seine Experimentierlust zu nennen. Ottensamer spielt nicht nur Klarinettenkonzerte – neben Klassikern von Spohr und Cimarosa ist hier auch ein interessantes Stück von Aaron Copland zu hören –, er präsentiert auch Musikstücke, die ursprünglich für ganz andere Instrumente entstanden sind. Drei Arrangements dafür hat ihm sein Jugendfreund Stephan Koncz geschrieben, der als Cellist bei den Berliner Philharmonikern musiziert.
Das hat Konsequenzen: „Dieses Album stellt den Interpreten vor die Herausforderung, zwischen verschiedenen Stilen und Spieltechniken zu wechseln“, erläutert Ottensamer; „gleichzeitig habe ich aber großen Wert darauf gelegt, immer meine persönliche Interpretation und meinen Klang zu bewahren.“ Der ist in der Tat ziemlich eigen, denn Ottensamer spielt eine Wiener Klarinette, die eine weitere Bohrung hat als deutsche Instru- mente – und das macht ihren Klang wärmer, dunkler und voluminöser. The Rotterdam Philharmonic Orchestra begleitet ihn unter der Leitung von Yannik Nézet-Séguin.

Sonntag, 15. Juli 2012

Mozart: Don Giovanni (Deutsche Grammophon)

Rolando Villazón singt Mozart - und wie! Nie zuvor habe ich die Partie des Don Ottavio nobler ge- hört, stolzer und männlicher. So, wie Villazón sie singt, erweist sie sich als Gegenentwurf zur wüsten Vitalität des Don Giovanni, der seinen Status offenbar nur dazu einsetzt, Weiber zu vernaschen. Dabei bedeutet ihm die Liste alles, und das Erlebnis längst nichts mehr. Ildebrando d'Arcangelo stimmt die ihm auferlegten Balz- gesänge mit einer Gleichgültigkeit und Eiseskälte an, die die finale Höllenfahrt des Don Giovanni nur zu plausibel werden lassen. Mit einem grandiosen Solistenensemble startete das Festspielhaus Baden-Baden 2011 in einen Mozart-Zyklus, den die Deutsche Grammophon auch in den kommenden Jahren auf CD dokumentieren wird.
Leporello, hier gesungen von Luca Pisaroni, bewundert zwar seinen Herren, grenzt sich jedoch mehr und mehr von ihm ab. Pisaronis Bassbariton ist so geschmeidig und präsent wie die Figur. Neben diesem Diener wirkt der Herr mitunter, pardon, wie ein zwar viriler, aber schon etwas räudiger Straßenköter neben einem gut gepflegten Rassehund. Nun ja. Möglicherweise fasziniert ja gerade das die Da- menwelt.

Vitali Kowaljow singt einen Komtur, der die gespenstische Statue auch akustisch erlebbar werden lässt. Konstantin Wolff glaubt man den Bauern-Bräutigam Masetto. Mit glockenreiner Stimme zeichnet Mojca Erdmann ihm zur Seite die Zerlina - ein Bräutchen, das sich in sein Schicksal fügt und die Männer zu nehmen sowie sich zu wehren weiß, bei aller Unschuld erstaunlich durchsetzungsfähig. 
Diana Damrau singt die Donna Anna. Diese Partie passt sehr gut zu ihrer Stimme. Die Koloraturen blitzen, und auch die Verstörtheit der jungen Frau, die in ihrem eigenen Hause überfallen wird, gestaltet sie mit großer Intensität. Die Szene, in der sie den Mörder ihres Vaters an der Stimme erkennt, ist für mich der absolute Höhepunkt dieser Aufnahme.  
Die Donna Elvira der Joyce DiDonato ist schier rasend vor Liebe und Wut. Wie eine Furie verfolgt sie den Mann, der sie verführt hat und nun gar nicht daran denkt, mit ihr vor den Altar zu treten. 
Doch noch viel beeindruckender als Arien und Rezitative sind bei dieser Aufnahme die Ensembles. Sie sind durchweg mit großer Sorg- falt abgestimmt, und es erweist sich zudem, dass all die Stars stimm- lich faszinierend miteinander harmonieren. Wie sie sich zurück- nehmen und gemeinsam musizieren, dem Dirigenten Yannick Nézet-Séguin folgend, da lauscht man wirklich gern. Den Begeisterungs- stürmen mancher Kritikerkollegen, die in Nézet-Séguin ein absolutes Ausnahmetalent erkannt haben wollen, kann ich mich allerdings nicht anschließen. Was er mit dem Mahler Chamber Orchestra hören lässt, das unterscheidet sich nicht grundsätzlich von dem, was man auch an so manchem deutschen Opernhaus unter solider Leitung erleben könnte. 

Donnerstag, 20. Mai 2010

Brahms: A German Requiem (LPO)

Brahms' "Ein deutsches Requiem" in einer bemerkenswerten Ein- spielung. Über die musikalischen Qualitäten des London Philhar- monic Orchestra and Choir zu schreiben, das hieße wohl Eulen nach Athen tragen. Aber über diese Aufnahme ist durchaus etwas zu berichten.
Denn Dirigent Yannick Nézet-Séguin liest "seinen" Brahms höchst konsequent: Er nimmt das Werk ganz erstaunlich langsam und dynamisch außerordentlich differenziert - und baut so enorme Spannung auf. Er beginnt im Pianissimo, und steigert dann, bis zum Fortissimo im zweiten Satz (Denn alles Fleisch, es ist wie Gras). Das Orchester ist phantastisch. So wie hier habe ich eine Pauke noch nie gehört, da wird jeder Schlag auf den Punkt präzis und in höchst unterschiedlicher Lautstärke placiert. Hier ist wirklich jeder Akzent durchdacht, und jede einzelne musikalische Phrase wird sorgsam gestaltet. Auch der Chor bewältigt seinen Part höchst souverän; er hat in jeder Situation ausreichend Reserven. Und die Solisten Elizabeth Watts und Stéphane Degout singen solide. Kurz und gut: Diese Aufnahme kann empfohlen werden.

Sonntag, 21. Februar 2010

Fantasy - A night at the opera; Emmanuel Pahud (EMI Classics)

Diese CD sollte wohl besser
"A flute at the opera" über- schrieben werden. Denn sie bringt eine lange Reihe nur Insidern vertraute, halsbrecherische Opernparaphrasen für dieses Instrument. 
Bearbeitungen von populären Opernpartien für Flöte waren ausgesprochen beliebt. Sie dienten zwei sehr verschiedenen Zwecken - und waren dementsprechend auch extrem unterschiedlich angelegt. Da war die brave Paraphrase für die Hausmusik - klangschön, aber mit einiger Übung vom Laien gut zu spielen. Und da gab es jene Bearbeitungen, die Flötisten eigens dafür geschaffen haben, um dem Publikum anhand von Melodien, die jedermann vertraut waren, ihre Virtuosität sowie die Klangschönheit des eigenen Tones vorzuführen. Solche Stücke, gern "Fantaisie brillante sur..." genannt, erkunden die Möglichkeiten des Instrumentes, und gehen oft bis an die Grenzen der Spielbarkeit. Die Blütezeit dieser Art von Literatur war ohne Zweifel das 19. Jahr- hundert. Doch diese Stücke sind für jeden Flötisten noch heute eine Herausforderung.
Emmanuel Pahud spielt auf der vorliegenden CD zum einen Glucks Selige Geister, wie einen Gruß aus der Zeit vor Theobald Boehm. Und er zeigt, was die Virtuosengeneration, der Boehms Ringklappenflöte erstmals zur Verfügung stand, mit dem Instrument anzufangen wusste. Ihren Stil imitieren auch die beiden jüngeren Bearbeitungen. Wir erleben Stücke aus Verdis Opern La Traviata und Rigoletto, aus Bizets Carmen, Mozarts Zauberflöte, von Webers Freischütz sowie die Arie des Lenski aus Tschaikowskis Eugen Onegin. Bei einigen Stücken spielt Pahud gemeinsam mit Juliette Hurel; es begleitet - und das darf man hier durchaus als Kompliment lesen - das Rotterdam Philhar- monic Orchestra unter Yannick Nézet-Séguin.