Liebesbotschaften in Musik zu „verpacken“, das fanden die Romantiker offenbar besonders reizvoll. Ragna Schirmer hat auf dieser CD einige Beispiele dafür zusammengetragen, wie diese spezielle Form der Kommunikation funktionierte. Die Pianistin hatte bereits ihre Diplomarbeit über die Bezüge in den Werken Clara und Robert Schumanns geschrieben.
Anlässlich des 175. Hochzeitstages des wohl bekanntesten Musiker- paares der Romantik – die Schu- manns heirateten am 12. September 1840, einen Tag vor Claras 21. Geburtstag – veröffentlichte sie ihr neues Album „Liebe in Variationen“. Um diese Eheschließung hatte das junge Paar lange ringen müssen. Claras Vater Friedrich Wieck war bekanntlich mit der Beziehung gar nicht einverstanden; als er feststellte, dass sich seine Tochter und sein Klavierschüler verliebt hatten, setzte er alles daran, das Paar zu trennen und jeglichen Kontakt zu unterbinden.
In ihrer Musik aber teilten sich die beiden mit, das war nicht zu verhin- dern. So hatte Clara schon 1833 über ein Thema Robert Schumanns ihre Romance variée op. 3, komponiert, die sie ihrem späteren Ehemann widmete. Ausgehend von diesem Werk, zitierte sich das Paar auch in zwei weiteren Musikstücken: In seinen Impromptus über eine Romanze von Clara Wieck op. 5, die Robert Schumann im selben Jahr schrieb, verwendete er das Thema ebenfalls. 1850 überarbeitete er dieses Werk zu einer zweiten Fassung. 1853 ließ dann Clara Schumann das Thema aus ihrer Jugend erneut erklingen, und zwar in ihren Variationen für das Pianoforte op. 20 – eine Liebesbotschaft an ihren Mann, der zu diesem Zeitpunkt gerade eingestehen musste, dass er auf dem Posten des städtischen Musikdirektors in Düsseldorf gescheitert war.
„Dass sich der Kreis der Zitierenden nun um einen weiteren Komponisten erweitert, hat mich als Künstlerin besonders gereizt, und ich wollte die vier Werke unbedingt nebeneinanderstellen“, schreibt Ragna Schirmer im Beiheft zu ihrer CD: „1854, also ein Jahr nach den Variationen op. 20 von Clara Schumann, schreibt Johannes Brahms nicht nur Variationen über dasselbe Thema aus dem Albumblatt von Robert Schumann, sondern er fügt – ebenso in einer Mittelstimme – das Romanzenthema in einer nachträglich eingefügten Variation ein. (..) Zusätzlich gibt sich Brahms sogar dem von Schumann vorgestellten Buchstabenspiel hin, indem er einige Variationen mit ,B' für Brahms und einige mit ,Kr' für Kreisler unterzeichnet. Für mich gehören die Variationen op. 9 zu den persön- lichsten und innigsten Werken von Johannes Brahms.“ Als Brahms diese Musik schrieb, befand sich Robert Schumann allerdings bereits in der Nervenheilanstalt in Bonn-Endenich. Er beschäftigte sich intensiv mit diesem Werk, wie man seinen Briefen entnehmen kann, aber er erkannte die Zitate nicht mehr.
„Es ist mir als Pianistin ein Herzensbedürfnis, diese vier so besonders miteinander verwandten und leider selten gespielten Werke vorzu- stellen“, unterstreicht Schirmer. „Die Überlegung, dass für diese Liebesbotschaften gerade die Zwischentöne, die Mittelstimmen, eine exponierte Rolle spielen, brachte mich auf den Gedanken, ein historisches Instrument zu wählen. Zu Schumanns Zeiten klangen Klaviere und Flügel sehr viel kompakter, die Mittellage war voller als Diskant und Bass, und so war die Polyphonie breitgefächert hörbar.“ Die Pianistin entschied sich daher für einen Blüthner-Flügel aus dem Jahre 1856, der sich im Original- zustand befindet. „Man kann also davon ausgehen, dass das Klang- spektrum dieses Instruments dem entspricht, was Clara, Robert und Johannes gehört haben“, meint Ragna Schirmer. Auch die leichtgängige Mechanik habe es ihr erleichtert, sich der Spielweise jener Jahre anzu- nähern.
Die Pianistin hat alle Stücke mit Sorgfalt und sehr individuell ausgearbei- tet. Ragna Schirmer musiziert differenziert, farbenreich und mit wunderbar kultiviertem Anschlag. Jeder Ton sitzt. Und vielleicht gelingt es der Musikerin tatsächlich, die vier Werke zumindest ein wenig von ihrem Mauerblümchen-Dasein zu erlösen. Insbesondere die Brahms-Variationen sind tatsächlich ein starkes Stück; für mich sind sie der klare Favorit in diesem Zitate-Kleeblatt. Erinnert die frühe Romance von Clara Wieck noch stark an die gängige Virtuosenliteratur jener Zeit, so wirken die Variatio- nen op. 20 kraftvoll, souverän und kühn. Unwillkürlich fragt man sich: Wieviel Zeit mag Clara, mit ihren vielen Kindern, dem Haushalt und ihren Klavierschülern, wohl zum Komponieren gehabt haben?
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Freitag, 26. Februar 2016
Donnerstag, 27. März 2014
Inspired by the Freemasons (Genuin)
Spuren, die Freimaurer in der Musik hinterlassen haben, sind das Thema einer interessanten CD mit Cellistin Katja Zakotnik und Piani- stin Naila Alvarenga-Lahmann. Bekannt ist, dass Joseph Haydn sowie Leopold und Wolfgang Amadeus Mozart Mitglieder in Wiener Freimaurerlogen waren. Als Ludwig van Beethoven nach Wien kam, hatte der Kaiser die Freimaurerei bereits verboten. Die beiden Musikerinnen lassen Melodien aus Mozarts Freimaurer-Oper Die Zauberflöte erklingen – in Variationen, die Beethoven komponiert hat.
Johann Nepomuk Hummel war ein Schüler Mozarts. Er heiratete Elisabeth Röckel, eine enge Freundin Beethovens; Trauzeuge war Antonio Salieri. Auch Hummel hat hörenswerte Variationen für Violoncello und Klavier geschrieben; es ist nicht nachvollziehbar, warum seine Werke im Konzertleben heute kaum noch eine Rolle spielen.
Francesco Gemiani kam zu einer Zeit nach England, als die Freimau- rerei dort gerade Fuß fasste. Er war Gründungsmitglied einer kleinen, kulturell engagierten Loge, und ist auf dieser CD mit einer Sonate vertreten. Ein Freimaurer war auch Jean Sibelius. Die beiden Musikerinnen stellen die Vier Stücke op. 78 vor, ursprünglich für Violine und Klavier entstanden – und gar nicht düster.
Johann Nepomuk Hummel war ein Schüler Mozarts. Er heiratete Elisabeth Röckel, eine enge Freundin Beethovens; Trauzeuge war Antonio Salieri. Auch Hummel hat hörenswerte Variationen für Violoncello und Klavier geschrieben; es ist nicht nachvollziehbar, warum seine Werke im Konzertleben heute kaum noch eine Rolle spielen.
Francesco Gemiani kam zu einer Zeit nach England, als die Freimau- rerei dort gerade Fuß fasste. Er war Gründungsmitglied einer kleinen, kulturell engagierten Loge, und ist auf dieser CD mit einer Sonate vertreten. Ein Freimaurer war auch Jean Sibelius. Die beiden Musikerinnen stellen die Vier Stücke op. 78 vor, ursprünglich für Violine und Klavier entstanden – und gar nicht düster.
Dienstag, 25. Januar 2011
Beethoven: Past & Present (Dorian)
Ein überaus interessantes Experi- ment wagen Lambert Orkis, Kla- vier, und David Hardy, Violon- cello: Sie spielen die kompletten Variationen und Sonaten Beet- hovens für Klavier und Violoncello ein. Nun ist das allein noch kein spektakuläres Projekt. Doch auf den vier CD erklingt dieses Programm gleich zweimal - und da wird es aufregend.
Denn wenn die Musiker beim ersten Mal durchgängig "moderne" Instrumente verwenden - es erklingen der übliche Steinway, allerdings ein Modell C aus Hamburg, mit dem etwas dezenteren "europäischen" Sound, sowie ein Cello von Carlo Giuseppe Testore, erbaut in Mailand 1694, aber ausgestattet mit den neuzeitlichen Stahlsaiten - so ist das Cello bei der Wiederholung des Programmes mit Darmsaiten versehen. Und es sind gleich drei Klaviere zu hören, die sich klanglich erheblich unterscheiden. So erklingt ein Fortepiano der Washingtoner Klavierbauer Thomas und Barbara Wolf nach Jean-Louis Dulcken, München um 1788, ein weiteres Instrument derselben Werkstatt nach einem Fortepiano von Nanette Streicher, Wien, ca. 1814-1820, und ein Fortepiano von R. J. Regier, Freeport, nach Wiener Vorbildern um 1830. Orkis nennt das Instrument scherzhaft einen "Grafendorfer", weil es die Stärken der Fortepianos von Conrad Graf und Ignaz Bösendorfer kombiniert.
An diesen Aufnahmen lässt sich die rasante Entwicklung des Klavier- baues zur damaligen Zeit akustisch nachvollziehen. Das macht die Aufnahme außerordentlich spannend. Wirkt die Dulcken-Kopie noch fast wie ein Cembalo, so ist der "Grafendorfer" trotz seines Holzrah- mens und seiner lederbezogenen Hämmerchen klanglich und von seinen gestalterischen Möglichkeiten dem "europäischen" Steinway schon erstaunlich nahe.
Die beiden Musiker aber sind mit der modernen Version hörbar am glücklichsten. Und warum sie fürs Foto auf den zerfledderten und verstreuten Noten herumtrampeln müssen, das bleibt dann vollends das Geheimnis des Labels.
Denn wenn die Musiker beim ersten Mal durchgängig "moderne" Instrumente verwenden - es erklingen der übliche Steinway, allerdings ein Modell C aus Hamburg, mit dem etwas dezenteren "europäischen" Sound, sowie ein Cello von Carlo Giuseppe Testore, erbaut in Mailand 1694, aber ausgestattet mit den neuzeitlichen Stahlsaiten - so ist das Cello bei der Wiederholung des Programmes mit Darmsaiten versehen. Und es sind gleich drei Klaviere zu hören, die sich klanglich erheblich unterscheiden. So erklingt ein Fortepiano der Washingtoner Klavierbauer Thomas und Barbara Wolf nach Jean-Louis Dulcken, München um 1788, ein weiteres Instrument derselben Werkstatt nach einem Fortepiano von Nanette Streicher, Wien, ca. 1814-1820, und ein Fortepiano von R. J. Regier, Freeport, nach Wiener Vorbildern um 1830. Orkis nennt das Instrument scherzhaft einen "Grafendorfer", weil es die Stärken der Fortepianos von Conrad Graf und Ignaz Bösendorfer kombiniert.
An diesen Aufnahmen lässt sich die rasante Entwicklung des Klavier- baues zur damaligen Zeit akustisch nachvollziehen. Das macht die Aufnahme außerordentlich spannend. Wirkt die Dulcken-Kopie noch fast wie ein Cembalo, so ist der "Grafendorfer" trotz seines Holzrah- mens und seiner lederbezogenen Hämmerchen klanglich und von seinen gestalterischen Möglichkeiten dem "europäischen" Steinway schon erstaunlich nahe.
Die beiden Musiker aber sind mit der modernen Version hörbar am glücklichsten. Und warum sie fürs Foto auf den zerfledderten und verstreuten Noten herumtrampeln müssen, das bleibt dann vollends das Geheimnis des Labels.
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