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Dienstag, 31. Dezember 2019

Clara Schumann and her Family (MDG)

Eine ganz besondere CD hat die Pianistin Ira Maria Witoschynskyj im Gedenken an eine berühmte Kollegin bei Dabringhaus und Grimm veröffentlicht: Mit ihrem Aufnahme- projekt erkundete sie das familiäre Umfeld von Clara Schumann, der bedeutendsten Pianistin des 19. Jahrhunderts, deren 200. Geburtstag in diesem Jahr von der Musikwelt gefeiert wurde. 
Clara Schumann (1819 bis 1896) war eine Ausnahmekünstlerin, die sich nicht so recht in das biedermeierliche Bild von Familie einfügen lässt. Denn mit ihrem Klavierspiel ernährte sie ihre Familie, den komponierenden Gatten Robert oftmals inklusive – Konzertreisen also statt Kinder, Küche, Kirche. Und zunehmend wird auch ihr eigenes Schaffen geschätzt. 
Diese CD, entstanden anlässlich des 100. Todestages von Clara Schumann 1996, gilt dennoch dem familiären Umkreis der Musikerin. Denn dort gibt es noch immer einiges zu entdecken; Ira Maria Witoschynskyj hat das Programm dafür gemeinsam mit dem Musikwissenschaftler Joachim Draheim mit großer Sorgfalt vorbereitet und begeistert fast durchweg mit Ersteinspielungen. 
Die Werke von Robert und Clara Schumann, Johannes Brahms und Claras Halbbruder Woldemar Bargiel (1828 bis 1897) ergeben ein ungemein erhellendes Bild ihrer kompositorischen Kompetenz und der künstlerischen Atmosphäre im engsten Kreis ihrer Familie. Clara Schumann tritt uns darin nicht nur als Virtuosin, Komponistin, Arrangeurin und als Assistentin Robert Schumanns, sondern auch als Widmungsempfängerin, Schwester, Freundin, Ehefrau und Mutter entgegen. Hinreißend, voller Überraschungen, und obendrein exquisit gespielt. Brava!

Donnerstag, 21. November 2019

Madame Schumann - Ragna Schirmer (Berlin Classics)

In diesem Jahr feiert die Musikwelt den 200. Geburtstag von Clara Schumann (1819 bis 1896). Ausgebildet wurde sie von ihrem Vater Friedrick Wieck, der sich mit Leidenschaft für sein Wunderkind einsetzte; ihr Debüt gab Clara als Neunjährige im Leipziger Gewandhaus. Sie komponierte auch schon früh, und wurde, da war sie gerade einmal 18 Jahre alt, in Wien zur kaiserlich-königlichen Kammer-Virtuosin ernannt. 
Robert Schumann lernte Clara Wieck schon im Kindesalter kennen. Dass sie sich dann in ihn verliebte, war ihrem Vater gar nicht recht. 1837 verlobte sich das Paar, doch erst 1840 gelang es den beiden, über das Gericht die Genehmigung zur Eheschließung zu erhalten. 
Wie es dann im Hause Schumann zuging, das kann man aus dem Ehetagebuch erfahren, das das Paar führte; es wurde mittlerweile veröffentlicht. Konflikte gab es jedenfalls genug, denn Clara dachte gar nicht daran, sich mit einem Dasein als Hausfrau und Mutter zu bescheiden. Auch mit Blick auf die Finanzen der Familie nahm sie schon bald das Konzertieren wieder auf. 
Clara Schumann galt schon in jungen Jahren als Klaviervirtuosin; ihre Zeitgenossen schätzten sie ebenso sehr wie etwa Sigismund Thalberg oder Franz Liszt. Ihre Konzertreisen führten sie quer durch Europa, wobei sie oftmals gemeinsam mit Kollegen musizierte. So spielte sie hunderte Konzerte zusammen mit dem Geiger Joseph Joachim. Reine Klavierabende hingegen waren damals eher unüblich. 
Mit dem Leben und Schaffen der Künstlerin, die letzten Endes bis ins hohe Alter als Berufsmusikerin tätig war, hat sich kaum jemand ähnlich intensiv auseinandergesetzt wie Ragna Schirmer. So hat die Hallenser Pianistin mit der Staatskapelle Halle unter Leitung von Ariane Matiakh das Klavierkonzert a-Moll op. 7, das Clara als 15jährige komponiert hat, und das 4. Klavierkonzert von Ludwig van Beethoven eingespielt, das Clara mehr als 50mal in Konzerten vorgetragen hat, und zu dem sie eigene Kadenzen verfasste. 
Was Clara Schumann in ihren Konzerten gespielt hat, das lässt sich vielfach noch heute nachvollziehen. Denn die Musikerin hat im Laufe ihres Lebens mehr als 1.300 Programmzettel zusammengetragen, auf denen ihre Konzert dokumentiert sind. Diese Sammlung hat Ragna Schirmer im Schumannhaus Zwickau angesehen - „voller Bewunderung, wie viele großartige Werke Sie in Ihrem Leben studiert und zur Aufführung gebracht haben“, so schreibt sie in einem Brief ihre Gedanken nieder. Zum 200. Geburtstag widmete die Pianistin der berühmten Kollegin dann ein ganz besonderes Projekt: Sie spielte einige ihrer Konzertprogramme nach. 
So waren Clara und ihr Mann Robert Schumann im Jahre 1847 zu Gast bei einer Matinee im Berliner Salon von Fanny Hensel. Neben zwei Liedern, eines von Robert Schumann und eines von der Gastgeberin, erklangen dort die Uraufführungen des Klavierquartetts op. 47 von Robert und des Klaviertrios op. 17 von Clara Schumann. Dieses Programm, das einen direkten Vergleich der Kompositionen der beiden Eheleute gestattet, ist im ersten Teil dieser Einspielung zu hören. Musizierpartner von Ragna Schirmer sind hier die Sopranistin Nora Friedrichs sowie Iason Keramidis, Violine, Julien Heichelbech, Viola, und Benedict Klöckner, Violoncello. 
„Der zweite Silberling wiederholt Ihren letzten reinen Klavierabend, erklungen in den Assembly Rooms in St. Leonards-on-Sea, England“, wendet sich Ragna Schirmer in ihrem Brief an Clara Schumann. „Ein unglaubliches Programm, wie ich finde! Wissen Sie noch, wie Sie sich fühlten? Sie hatten Schmerzen in den Händen und präsentierten dennoch dem Publikum all die schönen Stücke, die Ihr Leben begleiteten. Sie schenkten den Zuhörern sogar Ihre improvisierten Überleitungen zwischen einigen Werken, an denen ich mich bescheiden auch versuche, indem ich mir solche von einem Kollegen komponieren ließ, der die Improvisations-Studien Ihres Vaters und Ihre Aufzeichnungen über das Präludieren verglich und einflocht. So sind Ihre Konzerte heute noch lebendig.“ 
Von Schumanns Kinderszenen über einzelne Werke von Beethoven, Scarlatti, Händel, Gluck, Chopin und Mendelssohn reicht dieses Programm, das Ragna Schirmer versiert und wunderbar nuancenreich vorstellt. Dazu bietet das Beiheft umfangreiche, mit ebenso großer Sorgfalt zusammengestellte Info-Texte. Ohne Zweifel ist dies der wichtigste musikalische Beitrag zum Clara-Schumann-Jahr. 

Mittwoch, 12. Dezember 2018

Stille und Nacht (Oehms Classics)

Ein Nachtrag sei gestattet aus dem vergangenen Jahr: Der Salzburger Bariton Rafael Fingerlos, aufge- wachsen in der Stille-Nacht-Gemeinde Mariapfarr im Lungau, und sein Klavierpartner Sascha El Mouissi haben ein ausgesprochen originelles Programm rings um die Begriffe „Stille“ und „Nacht“ zusammengestellt. Es erklingen Lieder von Robert Fürstenthal, Richard Strauss, dem Ehepaar Schumann, Johannes Brahms, Carl Bohm und Franz Schubert – wobei es eher die weniger populären Werke sind, die Fingerlos und El Mouissi ausgewählt haben. 
Dabei ist ihnen sogar eine Weltersteinspielung gelungen – Rudolf Polsterers Lied Die Zeit steht still markiert die Schwelle vom ziemlich weltlichen ersten Teil zum Schlusssegment, das dann mit den Vater-unser-Liedern von Peter Cornelius und dem bekannten Die Könige aus den Weihnachtsliedern des Komponisten ins geistliche Repertoire wechselt. 
Klarer Höhepunkt der CD: Das nunmehr 200 Jahre alte Lied Stille Nacht von Joseph Mohr und Franz Xaver Gruber, in Originalfassung für zwei Männerstimmen und Gitarre. Sie wird gespielt von David Bader, und Tenor Bernhard Berchtold singt gemeinsam mit Rafael Fingerlos die heimliche Weihnachtshymne Österreichs mit allen sechs Strophen – hinreißend, anrührend, ganz schlicht. 

Freitag, 26. Februar 2016

Liebe in Variationen - Ragna Schirmer (Berlin Classics)

Liebesbotschaften in Musik zu „verpacken“, das fanden die Romantiker offenbar besonders reizvoll. Ragna Schirmer hat auf dieser CD einige Beispiele dafür zusammengetragen, wie diese spezielle Form der Kommunikation funktionierte. Die Pianistin hatte bereits ihre Diplomarbeit über die Bezüge in den Werken Clara und Robert Schumanns geschrieben. 
Anlässlich des 175. Hochzeitstages des wohl bekanntesten Musiker- paares der Romantik – die Schu- manns heirateten am 12. September 1840, einen Tag vor Claras 21. Geburtstag – veröffentlichte sie ihr neues Album „Liebe in Variationen“. Um diese Eheschließung hatte das junge Paar lange ringen müssen. Claras Vater Friedrich Wieck war bekanntlich mit der Beziehung gar nicht einverstanden; als er feststellte, dass sich seine Tochter und sein Klavierschüler verliebt hatten, setzte er alles daran, das Paar zu trennen und jeglichen Kontakt zu unterbinden. 
In ihrer Musik aber teilten sich die beiden mit, das war nicht zu verhin- dern. So hatte Clara schon 1833 über ein Thema Robert Schumanns ihre Romance variée op. 3, komponiert, die sie ihrem späteren Ehemann widmete. Ausgehend von diesem Werk, zitierte sich das Paar auch in zwei weiteren Musikstücken: In seinen Impromptus über eine Romanze von Clara Wieck op. 5, die Robert Schumann im selben Jahr schrieb, verwendete er das Thema ebenfalls. 1850 überarbeitete er dieses Werk zu einer zweiten Fassung. 1853 ließ dann Clara Schumann das Thema aus ihrer Jugend erneut erklingen, und zwar in ihren Variationen für das Pianoforte op. 20 – eine Liebesbotschaft an ihren Mann, der zu diesem Zeitpunkt gerade eingestehen musste, dass er auf dem Posten des städtischen Musikdirektors in Düsseldorf gescheitert war. 
„Dass sich der Kreis der Zitierenden nun um einen weiteren Komponisten erweitert, hat mich als Künstlerin besonders gereizt, und ich wollte die vier Werke unbedingt nebeneinanderstellen“, schreibt Ragna Schirmer im Beiheft zu ihrer CD: 1854, also ein Jahr nach den Variationen op. 20 von Clara Schumann, schreibt Johannes Brahms nicht nur Variationen über dasselbe Thema aus dem Albumblatt von Robert Schumann, sondern er fügt – ebenso in einer Mittelstimme – das Romanzenthema in einer nachträglich eingefügten Variation ein. (..) Zusätzlich gibt sich Brahms sogar dem von Schumann vorgestellten Buchstabenspiel hin, indem er einige Variationen mit ,B' für Brahms und einige mit ,Kr' für Kreisler unterzeichnet. Für mich gehören die Variationen op. 9 zu den persön- lichsten und innigsten Werken von Johannes Brahms.“ Als Brahms diese Musik schrieb, befand sich Robert Schumann allerdings bereits in der Nervenheilanstalt in Bonn-Endenich. Er beschäftigte sich intensiv mit diesem Werk, wie man seinen Briefen entnehmen kann, aber er erkannte die Zitate nicht mehr. 
„Es ist mir als Pianistin ein Herzensbedürfnis, diese vier so besonders miteinander verwandten und leider selten gespielten Werke vorzu- stellen“, unterstreicht Schirmer. „Die Überlegung, dass für diese Liebesbotschaften gerade die Zwischentöne, die Mittelstimmen, eine exponierte Rolle spielen, brachte mich auf den Gedanken, ein historisches Instrument zu wählen. Zu Schumanns Zeiten klangen Klaviere und Flügel sehr viel kompakter, die Mittellage war voller als Diskant und Bass, und so war die Polyphonie breitgefächert hörbar.“ Die Pianistin entschied sich daher für einen Blüthner-Flügel aus dem Jahre 1856, der sich im Original- zustand befindet. „Man kann also davon ausgehen, dass das Klang- spektrum dieses Instruments dem entspricht, was Clara, Robert und Johannes gehört haben“, meint Ragna Schirmer. Auch die leichtgängige Mechanik habe es ihr erleichtert, sich der Spielweise jener Jahre anzu- nähern. 
Die Pianistin hat alle Stücke mit Sorgfalt und sehr individuell ausgearbei- tet. Ragna Schirmer musiziert differenziert, farbenreich und mit wunderbar kultiviertem Anschlag. Jeder Ton sitzt. Und vielleicht gelingt es der Musikerin tatsächlich, die vier Werke zumindest ein wenig von ihrem Mauerblümchen-Dasein zu erlösen. Insbesondere die Brahms-Variationen sind tatsächlich ein starkes Stück; für mich sind sie der klare Favorit in diesem Zitate-Kleeblatt. Erinnert die frühe Romance von Clara Wieck noch stark an die gängige Virtuosenliteratur jener Zeit, so wirken die Variatio- nen op. 20 kraftvoll, souverän und kühn. Unwillkürlich fragt man sich: Wieviel Zeit mag Clara, mit ihren vielen Kindern, dem Haushalt und ihren Klavierschülern, wohl zum Komponieren gehabt haben?

Samstag, 2. August 2014

Clara & Robert Schumann - Romanzen (Ars Produktion)

„Deine Fantasiestücke für Piano und Clarinette (op. 73) gefallen mir ungemein“, so schrieb Fer- dinand David, der Konzertmeister des Leipziger Gewandhaus- orchesters, 1850 an seinen Freund Robert Schumann, „warum machst Du nichts für Geige und Clavier? Es fehlt so sehr an was gescheidtem Neuen, und ich wüßte niemanden, der es besser könnte als Du.“ 
Knapp zwei Jahre später war Schumanns erste Violinsonate vollendet, wenige Wochen darauf die zweite. Es folgte dann noch eine dritte, die Schumann aus der legendären F.A.E.-Sonate entwickelte. Auch die Fantasiestücke existieren in einer Fassung für Klavier und Violine, ebenso wie die Drei Romanzen für Oboe und Klavier – Georg Hamann, Violine/Viola, und die junge Pianistin Beata Beck haben auf einer Doppel-CD bei Ars Produktion Schumacher sämtliche Werke der Schumanns für Violine und Klavier zusammengetragen, nebst den Märchenbildern für Klavier und Viola. 
„Es ist ein Schumann nach dem anderen gekommen“, berichtet Beata Beck über dieses Projekt. „Nach den ,Märchenbildern' haben wir die 1. Sonate in a-Moll gespielt. Anschließend noch die ,Fantasiestücke' und dann kam das Schumann-Jahr 2010.“ Mit einem Schumann-Abend der beiden Musiker, in dessen Gefolge dann diese Aufnahmen entstanden sind. 
Ergänzt haben sie das Programm durch das einzige Werk für Violine und Klavier, das von Clara Schumann überliefert ist – die Drei Ro- manzen op. 22. Es ist unüberhörbar, dass sie von einer Klaviervir- tuosin geschrieben worden sind; auch wenn die Komponistin anson- sten offenbar bemüht war, sich stilistisch ihrem Ehemann anzu- nähern. Hamann und Beck musizieren gekonnt, aus der romantischen Tradition heraus, die sie aber aus moderner Perspektive befragen. Im Musizieren finden der Hochschullehrer und seine Studentin zu einer faszinierenden Harmonie zusammen. Beeindruckend! 

Sonntag, 3. Februar 2013

Träumend wandle ich bei Tag (Oehms Classics)

Der junge Tenor Maximilian Schmitt ist nicht nur ein begehrter Opernsolist. Mit dieser CD bestätigt er auch seinen Ruf als erstklassiger Konzertsänger. Mit seiner wunder- bar unangestrengten, leuchtenden und warm timbrierten Stimme kann er begeistern - und gestalten. Denn Schmitt erweist sich als ein großartiger Geschichtenerzähler. Er stellt den Text an die erste Stelle - und seziert dann gemeinsam mit dem Pianisten Gerold Huber die musikalische Struktur. Das Ergeb- nis ist verblüffend. Diese Interpretation wirkt, als wären die Lieder gerade eben entstanden - taufrisch, und ohne jene Manierismen, die man schon hundertfach gehört hat. In Huber hat Schmitt einen kon- genialen Begleiter, der nicht einfach seinen Part abarbeitet, sondern hörbar macht, dass die Musik eben doch oft schlauer ist als das Wort. Die Texte von Heinrich Heine, die Clara und Robert Schumann ver- tont haben, sind mit ihrer Ironie dafür ein dankbares Studienobjekt.

Dienstag, 6. November 2012

The circle of Robert Schumann Vol. 2 (Capriccio)

Die Geigerin Gudrun Schaumann widmet sich erneut dem Umfeld von Robert Schumann. Für diese beiden CD hat sie neben Werken des Komponisten und seiner Frau Clara auch einige attraktive Stücke herausgesucht, die im Kreis der Freunde, Schüler und Kollegen Schumanns entstanden sind.
So entstand 1853 die sogenannte F.A.E.-Sonate - für die neben Schumann, der Intermezzo und Finale beisteuerte, auch Albert Dietrich und Johannes Brahms Sätze schrieben. Dieses Werk war ein musikalischer Spaß für den Geiger Joseph Joachim, der erraten sollte, von wem welcher Satz stammt.
Im Zusammenhang habe ich das Werk noch nie gehört; üblicherweise erklingen die beiden Sätze von Schumann. Gudrun Schaumann wiede- rum spielt auf dieser CD gemeinsam mit Wolfgang Brunner am Ham- merflügel die beiden Teile, die von Dietrich und Brahms stammen.
Theodor Kirchner gehörte zu den Schülern Schumanns in Leipzig. Er studierte aber nur ein halbes Jahr lang am Konservatorium, und ging dann als Organist nach Winterthur. Von 1883 bis 1890 unterrichtete Kirchner am Konservatorium in Dresden. Während dieser Jahre entstanden die wunderbaren, ausdrucksstarken Stücke Romanze und Schlummerlied für Violine und Klavier op. 63 sowie die 12 Phantasie- stücke op. 90, die auf dieser CD in Weltersteinspielung zu hören sind. Als Weltersteinspielung erweist sich auch die Sonate für Violine und Klavier e-Moll von Carl Reinecke, der 1860 das Amt des Gewand- hauskapellmeisters übernahm und das Orchester 35 Jahre lang leitete.
Schaumann und Brunner haben für diese Werke gleich drei Hammer- flügel aus der Sammlung von Gerd Hecher, Wien, ausgewählt, deren Klang ihnen besonders passend erschien. Für die Stücke von Clara und Robert Schumann haben die Musiker ein Instrument des Wiener Klavierbauers Johann Baptist Streicher aus dem Jahre 1836 ausge- sucht. Dieser Hammerflügel ist auch bei Brahms' Regenlied op. 59
Nr. 3 zu hören.

Ein weiteres Instrument Streichers, allerdings von 1870 und im Klang erstaunlich verschieden von dem älteren Exemplar, spielt Brunner bei den Werken von Albert Dietrich und Carl Reinecke. Brahms' Satz aus der F.A.E.-Sonate sowie sämtliche Kompositionen Theodor Kirchners erklingen auf einem Hammerflügel von Carl Rönisch, Dresden 1872. Schaumann spielt eine Stradivari aus dem Jahre 1731 mit Darmsaiten und mit einem Tourte-Bogen von 1790.
Die Kombination aus Geige und Hammerflügel sowie die Rückbesin- nung auf die ruhigeren Tempi der Schumann-Ära prägen diese Auf- nahmen ganz entscheidend. Der Hammerflügel ermöglicht es der Violin-Solistin, dem Klang nachzuspüren, ihn zu formen und sich, wo sinnvoll, auch zurückzunehmen bis in wirkliches Piano. Durchhörbarkeit und Gemüt, wie Schumann es immer wieder pries, stehen diesen Stücken weit besser zu Gesicht als Hochgeschwindigkeit und aufgesetzte Virtuosität. So ist Schaumanns und Brunners historisch informierte Interpretation in jeder Hinsicht ein Gewinn. 

Samstag, 15. Januar 2011

Schumann - Philippe Graffin (Onyx)

Das Cellokonzert in a-Moll op. 129 von Robert Schumann ist sehr bekannt; weit weniger bekannt ist, dass der Komponist selbst es auch für Violine bearbeitete. Diese Version widmete er seinem Freund Joseph Joachim. 1851, ein Jahr später, schrieb er in schneller Folge zwei Violinsonaten: "Die erste Violinsonate hat mir nicht gefallen", so Schumann, "da habe ich denn noch eine zweite gemacht, die hoffentlich besser geraten ist." 
Der französische Geiger Philippe Graffin hat für Onyx diese Werke eingespielt, das "Violinkonzert" gemeinsam mit der Deutschen Radio Philharmonie Saarbrücken Kaiserslautern unter Christoph Poppen - ich konnte mich auch bei mehrmaligem Anhören nicht dafür begei- stern. Das liegt zum einen daran, dass bereits Schumann die Violin- version wesentlich schwächer, süßlicher geraten ist das das Cello-Original. Wird dann noch "schön" musiziert, wie in diesem Falle, dann kann das nicht mehr überzeugen. 
Weit besser gefallen mir die 3 Romanzen für Violine und Klavier op. 22 von Clara Schumann, die Graffin gemeinsam mit Pianistin Claire Désert ziemlich temperamentvoll nimmt, statt "romantisch" in Spitzendeckchenmanier. Das gilt auch für die Violinsonate Nr. 2 d-Moll op. 121 von Robert Schumann, wo den beiden eine hinreißend intensive Interpretation gelingt. 

Donnerstag, 4. November 2010

Musik für Viola d'amore (Genuin)

Weil man sie als "altmodisch" empfand, wurden irgendwann im letzten Drittel des 18. Jahrhun- derts Notenbestände der Dresdner Hofkapelle in einem Schrank in der Katholischen Hofkirche verstaut. Sie stammen wohl zum größten Teil aus dem Nachlass des Konzert- meisters Johann Georg Pisendel (1687 bis 1755). Hundert Jahre später wurden die Schätze im "Schranck No:II" wiederentdeckt und in Bestände integriert, die heute zur Sächsischen Landes- und Universitätsbibliothek Dresden gehören. 
Auch manche Musikinstrumente sind aus der Mode geraten und aus dem Konzertleben verschwunden. Ein derartiges vergessenes Instru- ment ist die Viola d'amore. Bach hat sie eingesetzt; auch Leopold Mozart kannte sie: „Es ist eine besondere Art der Geigen, die, sonder- lich bey der Abendstille, recht lieblich klinget“,  schrieb er in seiner Violinschule.
Der Hamburger Komponist und Musikschriftsteller Johann Matthe- son preist das Instrument in Das neu-eröffneten Orchestre (1713) mit den Worten: „Die verliebte Viola d’Amore, Gall. Viole d’Amour, führet den lieben Nahmen mit der That, und will viel languissantes und tendres ausdrücken (...) Ihr Klang ist argentin oder silbern, dabey überaus angenehm und lieblich.“ Sie ist länger und breiter als die Bratsche, ähnelt in ihrer Gestalt eher einer Gambe, und verfügt üblicherweise über fünf bis sieben Spielsaiten. Dazu kommen meist noch Resonanzsaiten.
Anne Schumann und Klaus Voigt, klassisch ausgebildet auf Violine und Viola, haben dieses historische Instrument für sich entdeckt. Anne Schumann gab eine Stelle im Gewandhausorchester Leipzig auf, um sich ganz der Barockgeige widmen zu können. Doch der Traum von den Silberklängen der Viola d'amore ließ sie nicht los. Und diese Faszination wollten die beiden mit anderen Menschen teilen: "Angefangen hat alles damit, dass zwei Viola d'amore-Spieler be- schlossen haben, in Standesamt und Kirche ihrer Verbundenheit mit einem lauten Ja Ausdruck zu verleihen. Heiraten normale Menschen, tauschen sie Ringe als Zeichen der Verbundenheit. Ist das Hobby eines Hochzeitspaares die Viola d'amore, muss man mit kapriziösen Ideen rechnen", witzelt Schumann. Und so haben die Musiker zu ihrer Hochzeit Geld für eine CD-Produktion gesammelt - und damit bringen sie nicht nur diese raren Instrumente, sondern - mit einer Ausnahme süddeutscher Provenienz - auch Raritäten aus dem besagten Schrank II wieder zum Klingen. 
Im Beiheft zu dieser CD berichten sie von ihren Erfahrungen mit den spröden Schönheiten mit den Charakterköpfen. Eine Viola d'amore zu spielen, das scheint wohl gar nicht so einfach zu sein - was nicht nur an den geringen Abständen zwischen den Saiten liegt, sondern in erster Linie wohl an dem Labyrinth aus Resonanzen, das für dieses Instrument typisch ist. "Eine Viola d'amore vereint die wohl- klingende Tiefe einer Bratsche mit der virtuosen Höhe einer Geige. Die dicken, dunkel klingenden unteren Saiten eignen sich besonders für das Spielen einer Basslinie, die oberen dünnen für das Singen einer Melodie", begeistert sich Schumann. "Beim Spielen auf zwei Instrumenten entstehen reizvolle Abwechslungen zwischen Melodie und Bass. Außerdem kommt dabei das Phänomen der Resonanz besonders stark zur Wirkung. Die vielen Saiten beider Instrumente bringen sich gegensaitig zum Schwingen. Mich fasziniert Klang, dieses Suchen nach Harmonietönen und Resonanz. Für mich ist Klang die Seele der Musik." 
Aus dem reichen Dresdner Notenfundus wählten Schumann und Voigt Werke, die es ihnen gestatten, die betörende Klangpracht der Viola d'amore in voller Breite zur Entfaltung zu bringen. Teilweise sind die Autoren der Werke nicht bekannt; teilweise sind sie so unbekannt, dass selbst Experten kaum mehr als ihren Namen kennen. Entdeckungen sind es durchweg, und sie werden hier mit Engagement und auch mit Sachkenntnis und Einfühlungsvermögen vorgestellt. Das gilt nicht nur für die beiden Solisten, sondern ebenso für Alison McGillivray, Violoncello, Petra Burmann, Theorbe und Barockgitarre und Sebastian Knebel, Cembalo. Diese Einspielung ist grandios. Für mich gehört sie zu den Überraschungen des Jahres. Und sie wird hoffentlich mit Preisen überschüttet werden, und so auch außerhalb von Expertenkreisen die verdiente Aufmerksamkeit finden. Es ist allerdings ein Skandal, dass Musiker von solchem Format eine solche Produktion selbst finanzieren müssen.

Sonntag, 26. September 2010

Elfrun Gabriel - Schumann, Liszt, Mendelssohn, Chopin (Querstand)

Nomen est omen - das wussten schon die alten Römer. Ob die Eltern seinerzeit, als sie ihrem Kind diesen Namen gaben, ans Klavier- spiel gedacht hatten, das freilich darf bezweifelt werden. Die reiche böhmische Musiktradition aber wurde Elfrun Gabriel faktisch in die Wiege gelegt; schon früh entschied sie sich für das Klavier. Im Alter von 14 Jahren gab sie ihre ersten Konzerte. Sie studierte bei  Hugo Steurer und Amadeus Webersinke sowie bei Karl-Heinz Kämmerling, Pawel Serebrjakow in St. Peters- burg und Halina Czerny-Stefanska in Krakow. 
Die Leipziger Pianistin widmete sich vor allem der romantischen Literatur, aber auch Debussy und Elgar, Prokofjew, Schostakowitsch und Tschaikowski, Bach und Mozart finden sich immer wieder in ihren Programmen. Sie galt als ausgesprochene Chopin-Spezialistin, und es ist tragisch, dass sie ausgerechnet die beiden Programme, die sie zum Chopin-Gedenkjahr 2010 vorbereitet hatte, nicht mehr im Konzert vorstellen konnte. Sie sollten von Chopin weg und so wieder zu ihm hin führen, historische Bezüge ausloten, um seinen Aufenthalt in Leipzig kreisend. Im Dezember 2009 hatte Elfrun Gabriel die dafür vorgesehenen Werke vorab im Studio eingespielt; die CD erscheint nun als ihr Vermächtnis. 
1835 lernte Chopin in Leipzig Clara Wieck und Robert Schumann kennen, vermittelt durch Felix Mendelssohn Bartholdy. Elfrun Gabriel wählte vier der acht Fantasiestücke op. 12 von Robert Schumann aus, kontrastiert anschließend mit der Étude Nr. 2 Es-Dur von Franz Liszt - einem Stück aus den sechs Grande Études de Paganini, die der Klaviervirtuose Clara Schumann gewidmet hat. Auch klanglich ist der Unterschied erstaunlich. Während sie den Schumannschen Ideen eher zurückhaltend nachspürte, setzte Gabriel bei Liszt ganz auf orchestrale Klangwucht - eine Überraschung im ansonsten subtil ausbalancierten Umfeld. 
Mit Vogel als Prophet zeigte die Pianistin erneut, wie fein austariert ihr Anschlag und wie präzise ihr Zugriff auf Klangfarben war. Und als besonderes Schmankerl spielte sie die Widmung aus Schumanns Liederzyklus Myrten op. 25, eines der schönsten Liebeslieder über- haupt, für Klavier arrangiert von Clara Schumann, die auf der CD mit einer der drei Romanzen op. 11 zu hören ist. 
Aus dem reichen Schaffen Mendelssohns hat Gabriel zwei Lieder ohne Worte ausgewählt. Und natürlich erklingen auch Werke des Jubilars Frédéric Chopin - Berceuse Des-Dur op. 57, Grande Valse As-Dur
op. 42, Nocturne 13 c-Moll op. 48/1, Fantasie-Impromptu cis-Moll op. 66 und Nocturne 19 e-Moll op. 72/1. "Zeitgenossen Chopins be- richten, dass Chopin leise, mit transparentem Anschlag und dabei farbig spielte. Mein Anliegen ist es, diesem Ideal möglichst nahe zu kommen", so die Pianistin. Sie bezaubert durch ihren ätherischen, nuancenreichen und zugleich glasklaren Vortrag. Anmut, Leichtigkeit und Eleganz kennzeichnen ihr Spiel, doch auch am großen, dramati- schen Auftritt hatte sie hörbar Vergnügen.
Anlässlich des Requiems für Elfrun Gabriel sagte Prof. Dr. Werner Merten: "Sie war als außergewöhnliche Pianistin eine ganz große Persönlichkeit im Sinne dessen, was ihr einstiger Lehrer, der welt- berühmte Klavierpädagoge Karl-Heinz Kämmerling, erst kürzlich ausgeführt hat: ,Es geht aber immer um die Frage, was ich mit der Musik ausdrücken will. Die Verbindung von einem Ton zum nächsten hat enorme Bedeutung. Was zwischen den Klängen geschieht, ist das Wesentliche.'" Diese Laudatio beschreibt die besondere Qualität ihres Klavierspiels vielleicht am besten.

Montag, 6. September 2010

The Circle of Robert Schumann (Capriccio)

Dass Robert Schumann mit zahl- reichen Musikern seiner Zeit bekannt und mit etlichen auch eng befreundet war, ist kein Geheimnis. Wie weit aber diese Beziehungen reichten, das erstaunt bei näherer Überlegung dann doch. So begeg- nete er in seinen Leipziger Jahren, nicht zuletzt in seiner Funktion als Musikkritiker, sämtlichen bedeu- tenden Geigern seiner Zeit - von Henry Vieuxtemps bis Charles Li- pinski, dem er Carnaval widmete.
Ferdinand David, der Konzert- meister des Gewandhausorchesters, ging bei den Schumanns ein und aus. 1850 schrieb er an den Komponisten: "Deine Fantasiestücke für Piano und Clarinette gefallen mir ungemein; warum machst Du nichts für Geige und Clavier? es fehlt so sehr an etwas gescheidtem Neuen, und ich wüßte niemand, der es besser könnte als Du." Und in der Tat schuf Schumann 1851 zwei Violinsonaten - die erste, die Sonate in a-Moll op. 105, wurde 1852 in Leipzig von David uraufge- führt; die zweite, die Große Sonate d-Moll op. 121, ist ihm gewidmet. Joseph Joachim spielte sie 1853 in Düsseldorf zum ersten Male vor Publikum.
Auch die dritte, die sogenannte F.A.E-Sonate a-Moll für Violine und Klavier aus dem Jahre 1853 bringt die vorliegende Doppel-CD. Sie ist ein Kuriosum, wie die Widmung belegt: "In Erwartung des verehrten und geliebten Freundes Joseph Joachim schrieben diese Sonate Robert Schumann, Johannes Brahms, Albert Dietrich." Die drei Töne F, A und E spielen darin die Hauptrolle - sie stehen für "Frei, aber einsam", das Motto des Junggesellen Joachim. Schumann ersetzte unmittelbar nach der Freundesgaudi kurzerhand die beiden Sätze seiner Kollegen durch eigene Kreationen - kühn, hochvirtuos (da ohne Rücksicht auf die technischen Möglichkeiten der Violine), und enorm spannungsvoll.
Die drei Romanzen op. 94 entstanden 1849, eigentlich für Oboe und Klavier. Doch schon zum Weihnachtsfest spielte Clara Schumann sie gemeinsam mit dem Dresdner Geiger Franz Schubert; es existiert zudem eine Fassung für Klarinette. 
Auch Joseph Joachim komponierte; allerdings war der Violinvirtuose derart selbstkritisch, dass er kaum eines seiner Werke gelten lassen wollte. Unter den wenigen Stücken, die er veröffentlichte, ist eine Romanze C-Dur für Violine und Klavier - ein reizendes Salonstück. Selbst Clara Schumann trug etwas bei: Im Juli 1853 komponierte sie Drei Romanzen op. 22 für Violine und Klavier - eines von lediglich zwei Kammermusikwerken aus ihrer Feder, gewidmet dem lang- jährigen Kammermusikpartner Joseph Joachim. 
Und noch ein weiterer Musikus gehörte quasi zur Familie: Woldemar Bargiel, der Halbruder von Clara Schumann, der Sohn der ersten Ehefrau Friedrich Wiecks, Marianne Tromlitz, aus ihrer zweiten Ehe mit dem Klavier- und Gesangslehrer Adolph Bargiel. Er studierte am Leipziger Konservatorium, unterrichtete später in Köln, Rotterdam und Berlin, und gehörte zu den angesehendsten Kompositionslehrern Europas. Auf der vorliegenden Doppel-CD ist er mit der Sonate f-Moll für Klavier und Violine op. 10, entstanden 1854, vertreten. Sie ist, soviel sei hier verraten, in ihrer Dramatik, ihrem Pathos und ihrer Klangfülle eines der stärksten Stücke dieser Einspielung, und es spricht für die große Sorgfalt, mit der Gudrun Schaumann, Violine, und Christoph Hammer, Klavier, die Werke dafür ausgewählt haben. Denn Bargiels Sonate ist aus dem Konzertleben verschwunden; es ist sehr verdienstvoll, dass die beiden Musiker sie hier nun wieder- entdeckt haben. 
Auch im Klangbild bemühen sich die Musiker um Originalität. Schaumann spielt eine Stradivari aus dem Jahre 1731 mit Darm- saiten. Hammer begleitet sie an einem historischen Hammerflügel von Johann Baptist Streicher, Wien, 1836. Das hat seine Reize, nimmt den Musikern aber zugleich auch Chancen zur Differenzierung; nicht umsonst haben sich Instrumente weiterentwickelt.