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Donnerstag, 9. September 2021

Freundliches Glücke, süßeste Liebe (Resonando)

 

Weltliche Lieder und Duette aus dem 17. Jahrhundert tragen Nuria Rial und Jan Börner auf dieser CD vor. Das Programm ist erlesen, abwechslungsreich und dramaturgisch sorgsam durchdacht. Natürlich geht es um die Liebe, und wie in einer Oper folgen auf die einführende Sinfonia bald allerlei Zweifel, Verwicklungen und Missverständnisse – was sich bis zur Verzweiflung steigern und dann zum guten Schluss in eitel Wohlgefallen auflösen lässt. 

Die Gesangsstücke stammen, mit einer Ausnahme, von Philipp Heinrich Erlebach (1657 bis 1714), Hofkapellmeister im thüringischen Rudolstadt, und Adam Krieger (1634 bis 1666), Hoforganist in Dresden. Die beiden Barockkomponisten verstanden sich bestens darauf, mit einer scheinbar schlichten Melodie ein Universum an Gefühlen zu erfassen. 

Sopranistin Nuria Rial und Altus Jan Börner präsentieren diese kleinen musikalischen Kabinettstückchen aufs Schönste, unterstützt durch den Geigenconsort Il Profondo sowie Josías Rodríguez Gándara, Erzlaute und Johannes Keller, Cembalo. Dieser musiziert auf einem Instrument von Matthias Griewisch, nach einem Original aus der berühmten Ruckers-Werkstatt, das nicht nachträglich umgebaut worden ist. Und das macht sich beim Klang recht deutlich bemerkbar. 

So erweist sich diese CD gleich doppelt als Entdeckung, denn die Musiker heben eben nicht nur Repertoireschätze. Hochinteressant – wer sich dafür aber nicht interessiert, dem bietet diese Einspielung einfach rundum Hörvergnügen. Bravi! 



Samstag, 6. Februar 2016

Karneval anno dazumal (Berlin Classics)

„Karneval anno dazumal“ hat das Ensemble Concerto Köln bei ihrem Kinderkonzert im Jahre 2012 gefeiert. Dabei nehmen die Musiker große und kleine Jecken mit auf eine historische Reise nach Venedig, Paris und Dresden. Zu hören sind die Sinfonia aus der eigens für den Karneval komponierten Oper Il Bajazet von Antonio Vivaldi, Auszüge aus Le Carnaval de Venise, einem opéra-ballet von André Campra, das den venezianischen Karneval einst auch in Paris zum Ereignis werden ließ, sowie diverse Charakterstücke von Georg Philipp Telemann, hier, quasi im Karnevalszug, zugeordnet dem Wagen der Komödianten, dem Wagen der Athleten, dem Wagen der Magier und Hexen sowie dem Wagen der Wassergötter. 
Den Kehraus gestaltet der Komponist und Arrangeur Matthias Stötzel, der kölsche Karnevalsmelodien und barocke Klänge gekonnt verknüpft und dem bewegten Treiben einen Schlusspunkt setzt. Durch das Programm führen der Kabarettist Erwin Grosche und seine Tochter Lisa. Mit ihren launigen kleinen Geschichten sorgen sie für heitere Stimmung – nicht nur im Saal, auch vor den Lautsprechern. 

Donnerstag, 31. Dezember 2015

Mr. Handel's Trumpeters (Raumklang)

Den Spuren berühmter Kollegen folgt Johann Plietzsch mit seinem Barocktrompeten Ensemble Berlin: Die dritte CD des Ensembles bei dem Label Raumklang ist den Trompetern gewidmet, die im 17. und 18. Jahr- hundert am englischen Hof musi- zierten. Das Instrument hatte stets eine wesentliche Rolle in der höfischen Repräsentation: „Als Attribut der Macht verkörperte sie all das, was die Regenten waren oder sein wollten: Kraftvoll, mächtig und unermesslich reich!“, schreibt Plietzsch in einer umfangreichen Einführung im Beiheft. 
In England allerdings erlangte die Trompete erst zum Ende des 17. Jahr- hunderts tatsächlich Bedeutung. Und so beginnt diese CD mit Henry Purcell (1659 bis 1695), der Trompetenmusik nach italienischem Vorbild für Oberhoftrompeter Mathias Shore und sein 16köpfiges Ensemble schrieb. Natürlich dürfen auch die Werke von Georg Friedrich Händel (1685 bis 1759) nicht fehlen – die er für Musiker wie William Bull, Mathias, William und John Shore, vor allem aber für Valentine Snow (um 1700 bis 1770) komponierte. Dieser Musiker war „Mr. Handel's Trumpe- ter“, und er war seinerzeit offenbar ausgesprochen populär. 
Das Barocktrompeten Ensemble Berlin präsentiert zudem Musik wenig bekannter Komponisten, wie eine Royal Trumpet Suite des Londoner Klavierlehrers Gottfried Keller, und Bühnenmusiken von John Shore, Nicola Mattheis und Jeremiah Clarke. Es ist ein abwechslungsreiches Programm, in dem die Klänge der acht virtuos geblasenen Barocktrompe- ten nebst Pauken und Basso continuo immer wieder durch „leise“ Musik- stücke ergänzt werden, in denen Orgel oder auch Laute Akzente setzen. Gratulation, diese CD ist wirklich sehr gelungen!

Samstag, 31. Oktober 2015

Tierisch Barock (Tyxart)

Immer wieder gern gehört: Barockmusik, die Tierstimmen kunstvoll imitiert. Ähnlich wie in der Malerei, wo Stillleben in Mode kamen, die dem kundigen Auge wesentlich mehr boten als nur ein Abbild geschickt arrangierter Dinge, nutzten auch Komponisten die tierischen Lautäußerungen höchst doppelbödig. Zum einen ermöglichen sie virtuose Stücke, mitunter auch äußerst komische. Zum anderen führten aber auch die Tiere oftmals eine Doppelexistenz in einer mythischen Welt, die sich uns heute nur dann erschließt, wenn wir uns intensiv mit jener Zeit und ihren Ideen beschäftigen. 
Das muss man aber nicht; man kann die Musikstücke auch einfach genießen. Nel Dolce – Das Kölner Barockensemble hat dafür eine Auswahl repräsentativer barocker Werke zusammengestellt und bei Tyxart eingespielt. Sie reichen von Tarquinio Merula (1595 bis 1665) über Heinrich Ignaz Franz Biber (1644 bis 1704), der eine ganze Sonata quasi in den Lustgarten verlegt, bis hin zur Katzenfuge von Domenico Scarlatti (1685 bis 1757). Zu hören sind beispielsweise Nachtigall, Kuckuck und Distelfink, diverse Hühner und Hähne sowie ein frecher Frosch. Stephanie Buyken, Blockflöte, Olga Piskorz, Violine, Harm Meiners, Violoncello und Luca Quintavalle, Cembalo, werden dabei klangvoll unterstützt durch Philipp Wagner, Blockflöte und Oboe. Und wer schon immer wissen wollte, wie man auch eine Schildkröte, einen Pelikan oder aber ein lahmes Pferdchen mit musikalischen Mitteln schildern kann, der sollte sich diese CD nicht entgehen lassen. 

Samstag, 10. Oktober 2015

Hamburger Ratsmusik - Wach auf mein Geist (K&K)

Deutsche geistliche Lieder und
Arien
sowie Instrumentalmusik des 17. Jahrhunderts erklangen im Jahre 2006 bei einem Konzerts der Ham- burger Ratsmusik mit dem Sänger Klaus Mertens im Kloster Maulbronn. Die großen geistlichen Liedsamm- lungen, die damals entstanden, waren nicht zum Vortrag im Gottes- dienst oder gar auf dem Konzertpo- dium, sondern ausschließlich für die häusliche Andacht bestimmt. Es war dies eine bewegte Zeit, in der um den rechten Glauben noch immer heftig gestritten wurde; nach dem Dreißig- jährigen Krieg, der Entbehrungen, Not, Gewalt und Gefahr mit sich brachte, beschworen Adel und Bürgertum traditionelle Werte. 

Josef-Stefan Kindler, der gemeinsam mit Andreas Otto Grimminger über das Label KuK Konzerte dokumentiert, begeistert sich im Beiheft zu dieser CD für das geistliche Lied jener Tage, und findet sein Anliegen durchaus aktuell: „In äusserst ansprechender, ja edler Weise verführt und die Aufführung der Hamburger Ratsmusik zu einem Blick auf jene Werte, die heute mehr und mehr durch die vielfältigen Einflüsse unserer Umwelt ihre Berechtigung zu verlieren scheinen. Berührend, und vielleicht daher beruhigend, erfährt man beim Hören der Aufführung von Werten wie Anmut, Demut und Edelmut – welche dazumal den gleichen Stellenwert wie heutzutage Effizienz, Effektivität und Leistung einnahmen. Für mich persönlich eines der schönsten und ansprechendsten kammermusika- lischen Konzerte innerhalb der Edition.“ 
Klaus Mertens hat in diesem Programm Werke vorgetragen aus den Hun- dert ahnmutig und sonderbar Geistlichen Arien von Christoph Bernhard, gedruckt 1694 in Dresden, sowie aus den Himmlischen Liedern des Ham- burger Ratsmusikers Johann Schop nach Texten des großen Barockpoeten Johann Rist, publiziert 1641/42 in Lüneburg. Dabei begleiteten den Sänger Simone Eckert, Viola da gamba, und Ulrich Wedemeier, ein Spezialist für historische Gitarren und Lauteninstrumente. 
Die beiden Musiker haben das Programm zudem durch Instrumentalwerke aus jener Zeit bereichert. Sie harmonieren ausgezeichnet mit dem Gesang des Bassbaritons, der im Bereich der „Alten“ Musik zu Recht sehr gefragt ist. Mertens gestaltet die nur scheinbar schlichten Lieder wunderbar; es muss in der Tat ein beeindruckendes Konzert im Kloster Maulbronn gewesen sein. Etwas von dem besonderen Flair jenes Abend vermittelt auch diese CD. Meine Empfehlung! 

Sonntag, 26. Juli 2015

La Dresda galante (Klanglogo)

Zwei sächsische Herrscher haben die Residenzstadt Dresden geprägt bis zum heutigen Tage: Friedrich August I. (1670 bis 1733), bekannt als August der Starke, orientierte sich am französischen Vorbild. Sein Sohn Friedrich August II. (1696 bis 1763) liebte die Kunst und Musik Italiens, die er auf seiner Kavalierstour kennengelernt hatte. Auf dieser Reise in den Jahren 1615/16 begleiteten ihn Dresdner Hofmusiker, und so lautete das Motto seiner Regierungszeit auch in der Hofkapelle „Venedig statt Versailles“. 
Musik aus jenem sagenhaften Augusteischen Zeitalter hat das Zürcher Barockorchester für diese CD zusammengetragen. Werke von Antonio Vivaldi, Johann Adolf Hasse, Wilhelm Friedemann Bach, Giovanni Alberto Ristori und Johann David Heinichen erklingen, wobei die Instrumentalisten von der Sopranistin Miriam Feuersinger unterstützt werden. Mit ihrer klaren Stimme kann die Sängerin herrliche weite Bögen gestalten; Koloraturen liegen ihr weniger. Die zwölf „Alte“-Musik-Spezialisten um Konzertmeisterin Renate Steinmann und den Cembalisten Jermaine Sprosse musizieren gekonnt und farbenreich. 

Samstag, 25. Juli 2015

L'Arte dei Piffari (Pan Classics)

Der Zink war ein typisches Instru- ment der Stadtpfeifer. Auch wenn er aus Holz oder aus Elfenbein besteht und Grifflöcher hatte – geblasen wurde er wie eine Trompete. Seine Blütezeit erlebte dieses historische Musikinstrument im 17. Jahrhundert. Die ersten Zinken im 15. Jahrhundert waren wahrscheinlich kleine Instru- mente in Sopranlage. Sie wurden als Oberstimme im Posaunen-Ensemble benötigt – denn die Posaune, ein weiteres wichtiges Instrument der Stadtpfeifer, erklingt typischerweise in Alt- oder Tenorlage oder sogar noch tiefer. Mit dem Aufkommen „echter“ konzertanter Instrumentalmusik verloren Zink und Posaune allerdings ihre Bedeutung; der Adel und somit auch die Bürgerschaft, die den Adel imitierte, bevorzugte Saiten- und Streichinstrumente. 
Auf dieser CD lässt das Ensemble Ventosum die vergessene Kunst der frühbarocken Musiker wieder aufleben. Die exzellenten Bläser spielen italienische Musik aus der Zeit von um 1580 bis 1700. Die ausgewählten Werke, beispielsweise das Maria Stabat ad monumentum von Andrea Gabrieli (1532/33 bis 1585) für Zink solo, oder aber Sinfonia & Gagliarda à cinque von Salomone Rossi (um 1570 bis 1630) verdeutlichen das hohe Niveau, auf dem damals in den Metropolen Italiens musiziert wurde. Zu hören ist auch O doctor optime von Giovanni Bassano (um 1558 bis 1617), jenem Instrumentalisten, für den vermutlich Giovanni Gabrieli seine virtuosen Zink-Partien schrieb. Bassanos „Ricercate, passagi et cadentie“ ist für alle, die sich für die Musizierpraxis des ausgehenden 16. Jahrhun- derts interessieren, eine wichtige musikhistorische Quelle. Eine ähnliche Abhandlung veröffentlichte sein Vorgänger im Amt des Leiters der Musikschule am Markusdom, Girolamo dalla Casa (gestorben 1601), der hier auf der CD vertreten ist mit einem prächtigen Jubilate Deo à sei. Die Liste der Komponisten liest sich ohnehin wie ein Who's who der italieni- schen Musik jener Epoche, von Palestrina bis Neri und von Marenzio bis Perti. Das Programm ist klanglich erstaunlich abwechslungsreich, und musiziert wird grandios. Meine unbedingte Empfehlung! 

Freitag, 26. Dezember 2014

Es sol claro y luciente (K&K)

Die mit Abstand fröhlichste CD zu Weihnachten ist bei dem Label K&K erschienen. Sie gibt Zeugnis von der Verschmelzung indianischer Tradition mit der spanischen und portugiesischen katholischen Liturgie in Südamerika. Missionare haben seinerzeit die Weihnachtslieder aus ihrer Heimat dem musikalischen Umfeld angepasst, das sie in den Gemeinden vorgefunden haben. Wie sich das anhört, demonstriert hier die Grupo Canto Coral. 
Das argentinische Ensemble hat sich auf die Erschließung dieses Erbes spezialisiert. Deshalb gehören dazu nicht nur diverse Chöre, die von Néstor Andrenacci geleitet werden, sondern auch ein Notenverlag. 2002 war die Grupo Canto Coral zu Gast im Kloster Maulbronn. Das Konzert wurde durch Josef-Stefan Kindler und Andreas Otto Grimminger aufgezeichnet. Die Musik klingt wie eine Mischung aus Indio-Kapelle und barocker Pastorale. So heiter sollte man Weihnachten auch hierzulande feiern.

Freitag, 4. April 2014

Gloria Dresdensis (cpo)

Die Hofkapelle der sächsischen Kurfürsten gehörte im 18. Jahr- hundert zu den besten Orchestern Europas. Lang ist die Liste der Virtuosen, die in Dresden damals wirkten. Zeitgenossen begeistern sich insbesondere auch für die Präzision und Eleganz, mit der am sächsischen Hofe musiziert wurde. 
Was die Musiker einst spielten, das lässt sich noch heute nachvoll- ziehen. Denn eine Vielzahl von Notenmanuskripten aus jener Zeit wurde in dem legendären „Schranck No: II.“ aufgefunden, wo sie nach dem Siebenjährigen Krieg verstaut und für gut hundert Jahre vergessen worden waren. 
Diese Notenhandschriften befinden sich heute in den Beständen der Sächsischen Landes- und Universitätsbibliothek. Man kann sie alle im Internet anschauen. Doch erst allmählich werden sie auch durch Musiker wieder zum Klingen erweckt. Zu den Ensembles, die sich um dieses historische Repertoire bemühen, gehört das Dresdner Barockorchester. Es wurde 1991 durch Absolventen der Dresdner Musikhochschule gegründet. Sie musizieren auf barocken Instru- menten im Sinne der historischen Aufführungspraxis und engagieren sich für die Wiederentdeckung vergessener Werke aus der Sammlung der Dresdner Hofkapelle. 
Einige dieser musikalischen Schätze stellt das Dresdner Barockorche- ster nun auf einer CD vor, die bei cpo erschienen ist. Darunter sind eine Ouvertürensuite von Johann Friedrich Fasch (1688 bis 1758), eine Ouvertüre von Georg Friedrich Händel (1685 bis 1759) und eine Sinfonia von Johann Adolph Hasse (1699 bis 1738). Die ausgewählten Stücke belegen eindrucksvoll das Werken des Geigers Johann Georg Pisendel (1687 bis 1755), der in Dresden als Konzertmeister wirkte, und mit sehr vielen Kollegen in regem Austausch stand. Er besorgte interessante Noten und richtete sie dann für die Aufführung ein. Die Aufnahme belegt eindrucksvoll, dass er nicht nur ein herausragender Musiker, sondern auch ein versierter Komponist und stilistisch sehr flexibel war. 
Das Dresdner Barockorchester musiziert mit Leidenschaft und Grazie. Die Tanzsätze erklingen beschwingt, doch auch höfischen Pomp zelebrieren die Musiker mit Hingabe. Wer eine schöne Aufnahme mit spätbarocken Raritäten genießen möchte – hier ist die Gelegenheit dazu. Unbedingt anhören! 

Sonntag, 9. Dezember 2012

Himmels-Lieder (Christophorus)

"Ich fürchte keinen Tod auf Erden, / und stirbet doch kein Christe nicht, / Was soll mit angst und bange werden, / wenn mir der Tod das Herze bricht. / Im Sterben geht das Leben an, / das mir kein Tod nicht nehmen kann." Geradezu trotzig klingt ein solches Bekennt- nis, zu Papier gebracht am Ende des 17. Jahrhunderts. Denn der Dreißigjährige Krieg hatte Land und Leute gezeichnet - und auch in der Musik seine Spuren hinter- lassen. Selbst die fürstlichen Haushalte mussten sich einschränken, weil die verwüsteten Ländereien keine Erträge mehr erwirtschafteten. Die Kassen waren leer. So waren auch zahlreiche Hofkapellen ver- kleinert oder ganz entlassen worden. Es sollte Jahrzehnte dauern, bis sich die von den Söldnern verheerten Regionen wieder erholten. 
Franz Vitzthum hat für diese CD Lieder und Kantaten ausgewählt, die ganz überwiegend in jener Nachkriegszeit entstanden sind, und menschliches Leid vor Gott bringen. Das vermittelte, in allem Elend, zumindest einen gewissen Trost, weshalb Vitzthum diese Werke auch nicht als Klagegesänge, sondern als Himmels-Lieder bezeichnet. 
Der Countertenor, der aus der Operpfalz stammt, begann seine mu- sikalische Ausbildung bei den Regensburger Domspatzen. Er studierte dann Gesang bei Kai Wessel an der Musikhochschule Köln. Auf dieser CD ist er gemeinsam mit dem Capricornus Consort Basel zu hören, das sich als versiertes Barock-Ensemble erweist. Vitzthum verfügt über eine zwar kleine, aber ausgesprochen klangschöne Stimme, die aus den Tiefen mühelos bis in die Mezzolage reicht. Der Countertenor singt fokussiert, intonationssicher und zeigt sich jeder Koloratur sowie jeder noch so ausgefallenen Auszierung gewachsen. 
Auch sind die Werke, die er gemeinsam mit dem Capricornus Consort auf dieser CD vorstellt, fast durchweg Raritäten. Sie stammen von Komponisten wie dem Rudolstädter Kapellmeister Philipp Heinrich Erlebach (1657 bis 1714), dem Zittauer Musikdirektor und Organisten Johann Krieger (1652 bis 1735), dem Eilenburger Organisten Johann Hildebrand (1614 bis 1684) und von Johann August Kobelius (1674 bis 1731), der im Dienste der Herzöge von Sachsen-Weißenfels stand, zuletzt als Landrentmeister und Capelldirector in der Nebenresidenz Sangerhausen. Seine Werke müssen sämtlich als verloren gelten - bis auf eine einzige Kantate, die Vitzthum hier vorstellt. 

Dienstag, 28. August 2012

Du angenehme Nachtigall (Carus)

Blockflöten vom Sopranino bis zum Subkontrabass sind, wenn man das schreiben darf, die eigentlichen Helden dieser CD. In der Musik der Barockzeit wurden sie verwendet, um bukolische Szenerien zu zeichnen, und sanfte Affekte auszudrücken - Liebe, Sehnsucht, milde Trauer. Das Collegium "Flauto e voce" führt hier vor, dass die Komponisten Flöten auch gerne benutzten, um Vogelgesang zu imitieren. 
Dabei trat zunehmend auch die Traversflöte auf den Plan, die schließlich die Blockflöten verdrängte. Dass dies ein Verlust war, wird jeder bestätigen, der diese CD angehört hat. Denn das Gezwitscher des Sopraninos und der sanfte, warme Klang seiner größeren Geschwister unterscheiden sich doch recht deutlich vom silbrigen, klaren, mitunter sogar metallisch scharfen Sound der Böhm-Flöte, die dann ihrerseits die Traversflöte abgelöst hat und heute dominiert. 
Glücklicherweise hat die Beschäftigung mit historischer Aufführungs- praxis die Blockflöte vom Nimbus des Kinderinstrumentes befreit. Es gibt wieder Blockflötenvirtuosen. Mitunter spielen sie, wie hier Peter Thalheimer und Eva Praetorius, auch die Traversflöte. Gemeinsam mit den Blockflötistinnen Claudia Lange, Daniela Holweg und Moni- que Michel demonstrieren sie hier, wie reizvoll ein gut aufeinander abgestimmtes Flöten-Ensemble klingen kann. Komplettiert wird diese Besetzung gelegentlich noch durch den Generalbass; dieser Part wird übernommen von Verena Kronseder, Viola da gamba, Bernward Lohr, Cembalo, und Johannes Vogt, Theorbe. 
Die Komponisten des Barock liebten das Spiel mit Affekten und Klang- farben. So überrascht auch diese CD mit ungemein abwechslungs- reichen Stücken - Susan Eitrich, Sopran, und Ute Kreidler, Mezzo- sopran, werden durch die unterschiedlichsten Instrumente begleitet. Vom "klassischen" Altblockflötenpaar über Quartett und Quintett bis hin zu regelrechten Solopartien im Dialog mit der Singstimme sind etliche Varianten vertreten. Reinhard Keiser beispielsweise kombi- nierte in Kleine Vöglein, eure Scherze aus seiner Oper Arsinoe Sopran und vier Altblockflöten. Jean-Baptiste Lully ließ das Air Tout ce que j'attaque se rend in seinem Ballet de cour Le Triomphe de l'Amour für Sopran durch die gerade erst entwickelte Traversflöte sowie drei tiefe Blockflöten begleiten. Und Michel Pignolet de Monteclair setzte in seinem Opéra-Ballet Les Festes de l'été einen Mezzosopran gemein- sam mit Sopranino- und Sopranblockflöte ein - und mit einer Travers- flöte, die er für die Bassstimme nutzte. Mit solchen Klangeffekten geht es munter weiter. So wird beim Hörer garantiert keine Langeweile aufkommen - und die gelungene Interpretation lässt die Laune weiter steigen. Gratulation an alle Beteiligten - dies ist mit Sicherheit das spannendste Konzeptalbum des Jahres! 

Montag, 2. Juli 2012

Gulyás Csilla - Baroque (Hungaroton)

Bearbeitungen bekannter Werke für Harfe solo - das ist eine Spezialität der ungarischen Harfenistin Csilla Gulyás. Auf dieser CD ist sie mit Hits aus der Barockzeit zu hören. Die Arrangements sind klug durch- dacht; sie nutzen die Klangeffekte, die das Instrument gestattet. Die Solistin musiziert zudem schwung- voll und virtuos. Mit einem Wort: Hinreißend! Wer die Harfe schätzt, der wird diese CD lieben. 

Sonntag, 27. Mai 2012

Duetti (Virgin Classics)

Solokantaten und Kammerduette, Kantaten für zwei Singstimmen, erfreuten sich zur Zeit des Barock höchster Beliebtheit. Sie gaben den Sängerstars jener Zeit die Möglich- keit, ihre Virtuosität vorzuführen - und zugleich erfreute sich ein sachkundiges Publikum an den ge- lungenen Melodien und komplexen musikalischen Strukturen, die die Komponisten einsetzten, um emotionale Ausnahmezustände in Klang umzusetzen. 
Das Ergebnis: Traumhaft schöne Musik, wie diese CD zeigt, für die William Christie zwei der derzeit weltbesten Countertenöre gewinnen konnte: Philippe Jaroussky, mit einer eher hell timbrierten, hohen Stimme, und Max Emanuel Cencic, der seine Karriere einst als Knabensopran bei den Wiener Sängerkna- ben startete, heute aber eher Mezzosopran singt. Seine Stimme ist voluminöser als die seines Kollegen, und klingt zudem etwas dunkler, gedeckter. 
So ergänzen sich die beiden Sänger wunderbar, wenn sie gemeinsam duetti da camera von Giovanni Bononcini, Duettkantaten von Bene- detto Marcello oder Alessandro Scarlatti wieder zum Klingen bringen, die man sonst sehr selten hört. Und natürlich ist jeder Sänger auch mit einer Solokantate zu erleben. Begleitet werden die Solisten durch einige Musiker des Ensembles Les Arts Florissants. 

Mittwoch, 16. Mai 2012

Café - Orient meets Okzident (Berlin Classics)

1669 brachte Soliman Aga, der Gesandte von Sultan Mohammed IV., den Kaffee nach Paris. Adel und Großbürgertum waren faszi- niert, und schon bald begeisterten sie sich nicht nur für den "Türken- trank", sondern auch für das Inte- rieur seines Stadthauses. Madame de Pompadour ließ sich in den Klei- dern einer Haremsdame malen. Europas Eliten feierten Kostüm- feste im türkischen Stil. 
Einzig die Österreicher waren von der Türkenmode nicht hingerissen. Die Erinnerung an die Feldzüge der Türken, die 1529 zum ersten Male Wien belagert hatten, war noch präsent. Und 1683 standen die Truppen des Osmanischen Reiches schon wieder vor den Toren der Stadt. 
Als sie nach der zweiten Belagerung Wiens abzogen, blieben unter an- derem Säcke mit Kaffee zurück. Die Bürger hielten den Inhalt zu- nächst, so wird berichtet, für Kamelfutter. Ein Kundschafter freilich konnte bald das Rätsel lüften - und sicherte sich das Privileg, "solches orientalisches Getränck auf 20 Jahr allein zu verkauffen". 
Beeindruckt zeigten sich die Wiener aber von der türkischen Heeres- musik. Johann Joseph Fux imitierte sie in seiner Suite Turcaria - eine musikalische Beschreibung der Belagerung Wiens durch die Türken anno 1683. Und viele andere Komponisten waren davon ebenfalls sehr angetan. 
Wie die fremdartigen Klänge in die europäische Musik integriert wur- den, das demonstriert das Pera Ensemble auf dieser CD - und macht sich einen Spaß daraus, die Musiktraditionen des Morgen- und des Abendlandes zu vermischen. So mogeln die Musiker in die Schau- spielmusik, die Jean-Baptiste Lully für Molières Komödie Le bourgeois gentilhomme komponiert hat, ein Stück von Ali Ufki (1610 bis 1675). Der Organist, der ursprünglich Wojciech Bobowsky hieß, stammte aus einer Breslauer Hugenottenfamilie und wurde von den Tataren nach Istanbul verschleppt. Er konvertierte zum Islam, und wirkte am Hofe des Sultans als Dolmetscher und Musiker.  Zu hören sind auf dieser CD sowohl europäische Werke, teilweise gespielt auf orientalischen Instrumenten, als auch "original" türkische Musik. Es singen Yaprak Sayar, Sopran, und Countertenor Valer Barna-Saba- dus.


Freitag, 11. Mai 2012

La sacqueboute (Flora)

"Il faut que j'avoüe que la pre- mière fois que j'oüis sonner de la sacqueboute, j'admirai presque autant l'addresse de cellui qui s'en servoit que l'artifice de cellui qui l'a inventée; j'acoit que sans diffi- culté l'inventeur mérite beaucoup plus de loüange", schrieb Pierre Trichet 1640 in seinem Traité des instruments de musique. Die Zug- vorrichtung gab dem Instrument, zumindest im Französischen, Spanischen und Englischen, mögli- cherweise seinen Namen. Denn wer die Posaune spielt, der muss in der Tat nicht nur blasen, sondern auch ziehen und drücken - sac- quer und bouter, im Landsknechtjargon
Im 16. Jahrhundert eroberte das Blasinstrument ganz Europa. Die Posaune erklang in der Kirche ebenso wie im Theater, im Ballsaal ebenso wie im Militärorchester. In Venedig erklang sie gemeinsam mit dem Zink in den Werken von Giovanni Gabrieli, Claudio Monte- verdi oder Heinrich Schütz. Welche Virtuosität die Posaunisten zu Beginn des 17. Jahrhunderts erreichten, davon berichtet diese CD, die einige extrem anspruchsvolle Werke aus jener Zeit mit Stücken kombiniert, die die typischen Klangfarben der Posaune alter Mensur und der Krummzinken besonders gut zur Geltung bringen. 
Das Ensemble Les Sacqueboutiers aus Toulouse musiziert gemeinsam mit Michel Becquet, einem renommierten Posaunisten und Sacque- boutier, der nach vielen Berufsjahren als Soloposaunist heute die Abteilung Blechblasinstrumente am Conservatoire National Supé- rieur de Musique in Lyon leitet. Eine wunderschöne CD, die allen Freunden historischer Bläserklänge wärmstens empfohlen wird. 

Montag, 24. Oktober 2011

Musica Sacra - Die Zeit (K & K)

"O Ewigkeit, du machst mir bang. / O ewig, ewig ist zu lang, / hier gilt fürwahr kein Scherzen: / Drumb wenn ich diesen lange Nacht / zusampt der großen Pein betracht, / erschreck ich recht von Herzen. / Nichts ist zu finden weit und breit / so schrecklich als die Ewigkeit." So reimte einst der Wedeler Pastor Johann Rist - und brachte die Bedenken seiner Zeit- genossen in Liedform. Das Thema Zeit hatte für die Menschen des Barock, die offenbar extrem auf eine geordnete Welt fixiert waren, eine Bedeutung, die wir uns heute kaum noch vorstellen können. 
Sopranistin Dorothee Mields und die Hamburger Ratsmusik haben im Juni 2010 bei einem Konzert im Kloster Maulbronn einige Werke aus dem 17. und 18. Jahrhundert vorgestellt, die belegen, wie seinerzeit Hoffnung und Zukunft, Beharrlichkeit und Vergänglichkeit besungen wurden. Das Programm wurde von der Gambistin Simone Eckert konzipiert - und es beeindruckt, weil es einerseits wenig bekannte Werke zusammenfasst, andererseits aber auch allen Beteiligten die Gelegenheit bietet, ihr Können zu demonstrieren. Das gilt für die renommierte Sängerin, die mit ihrem klaren, schlank geführten Sopran zu überzeugen weiß, ebenso wie für Michael Fuerst am Cem- balo, Ulrich Wedemeier, Theorbe, und für Simone Eckert, Viola da gamba. Die Musiker sind im Umgang mit barocker Rhetorik versiert; der Abend muss wirklich grandios gewesen sein. Es ist daher schön, dass Josef-Stefan Kindler und Andreas Otto Grimminger auch dieses Klosterkonzert auf CD dokumentiert haben.