Posts mit dem Label Hofstetter werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Hofstetter werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Dienstag, 24. November 2020

Care Pupille - Samuel Marino (Orfeo)

 


Ein neuer Star betritt die Opernbühne: Samuel Mariño ist ein Stimmphänomen. Auf dieser CD präsentiert der junge venezolanische Sopranist Arien von Georg Friedrich Händel und dem frühen Christoph Willibald Gluck. Und sein Gesang lässt erahnen, wieso die Stimmakrobatik der Kastraten einst das Publikum derart fasziniert hat. 

Mariño beeindruckt durch technische Perfektion, eine unglaubliche Atemführung, absolut mühelos wirkende Koloraturen, eine sagenhafte Höhe und eine Ausdrucksstärke, die selbst den Hörer am Lautsprecher mitreißt. Mariños Gesang ist berückend. Seine Stimme hat, ganz besonders im Mezza voce und im Piano, eine Klarheit, Reinheit und auch Zartheit, der man sich nicht entziehen kann. Dennoch hat sein Vortrag Biss und wirkt ausgesprochen maskulin. 

In der mittlerweile langen Riege der Herren, die sich für die hohe Stimmlage entschieden haben, ist Mariños Stimmklang einzigartig. In seinem Programm auf dieser CD zeigt der junge Sopranist sowohl Virtuosität, Leidenschaft und Kraft als auch seine Fähigkeit zu Pathos und Kantilene. 

Mit seinem Gesang gestaltet er die unterschiedlichsten Figuren eindrücklich, und das Händelfestspielorchester Halle/Saale unter Leitung von Michael Hofstetter bietet dem Solisten dafür einen wunderbar farbigen orchestralen Rahmen. Hingewiesen sei zudem darauf, dass die Gluck-Arien durchweg in Weltersteinspielung erklingen. Phänomenal! 


Donnerstag, 23. Juni 2016

Saint-Saens - Lalo - Martin (Oehms Classics)

Zwei renommierte Musiker präsentieren ein rein französisches Programm. Den Cellisten Wen-Sinn Yang und den Dirigenten Michael Hofstetter eint offenbar die Lust an Entdeckungen ebenso wie die Vorliebe für schnörkelloses Auf-den-Punkt-Musizieren. Der Solist hat mit dem Philharmonischen Orchester Gießen, das Hofstetter derzeit als Generalmusikdirektor leitet, roman- tisches Repertoire erkundet – und dabei Interessantes aufgespürt. 
Auf das berühmte Cellokonzert Nr. 1 a-Moll op. 33 von Camille Saint-Saëns (1835 bis 1921) folgt die Ballade für Cello und Orchester von Frank Martin (1890 bis 1974). Der Pfarrerssohn stammt aus Genf, er ist einer der bekanntesten Schweizer Komponisten. Seine ausdrucksstarke Ballade wird vom Violoncello dominiert; das Stück erscheint im Mittelteil geradezu dramatisch, doch dann endet es rundum harmonisch. Édouard Lalo (1823 bis 1892) ist in Lille geboren. Seine Familie kommt aus Spanien. Und als sein „wahres musikalisches Heimatland“ betrachtete Lalo Deutschland; er engagierte sich sehr dafür, das Publikum für die Werke der deutschen Romantik zu begeistern. In seinem Cellokonzert d-Moll hat all dies Spuren hinterlassen. Man hört Gitarrenklänge und spanische Leidenschaft, Melodien, die auch von Schumann stammen könnten – und im letzten Satz wird dann getanzt. 
Wen-Sinn Yang erweist sich einmal mehr als ein großartiger Cellist; technisch ist er jeder Herausforderung gewachsen. Und er gestaltet mit noblem Ton und mit Temperament, aber ohne Zuckerguss und ohne überzogenes Pathos. Damit liegt er hörbar auf einer Linie mit Hofstetter. Bravi! 

Sonntag, 5. Mai 2013

Hasse reloaded - Valer Barna-Sabadus (Oehms Classics)

Mit dieser CD tritt Countertenor Valer Barna-Sabadus gegen das Kritikerurteil an, die höfische Musik des 18. Jahrhunderts sei gekünstelt und verstaubt. "Mit Johann Adolph Hasse habe ich einen noch zu Lebzeiten hoch- verehrten Komponisten gewählt, der heutzutage allerdings zu Unrecht in Vergessenheit geraten ist", schreibt der junge Sänger im Beiheft. "Seine Musik wieder zu entdecken, reizte mich vor allem wegen der spannungsreichen Verbindung von Händelscher Dramatik und der instrumentalen Virtuosität eines Vivaldi."
So wirkte Barna-Sabadus bei der Wiederentdeckung von Hasses Oper Didone abbandonata am Münchner Prinzregententheater mit. Aus dieser Produktion, die hier im Blog bereits vorgestellt wurde, ging auch sein Debüt-Album hervor. Darauf sind noch einmal die ebenso virtuosen wie ausdrucksstarken Arien, die Hasse für die Figur des Iarba (und für Venturo Rocchetti, erster Soprankastrat der Dresdner Hofoper) komponiert hat, zu hören. Zusätzlich singt der Countertenor die Solokantate La Gelosia, die Hasse 1762 für den Wiener Hof ge- schrieben hat, sowie eine Einlage-Arie, verfasst von Porpora 1734 in London für ein Pasticcio zu Hasses Oper Artaserse. Gesungen hat diese "Koffer-Arie" damals der berühmte Farinelli. 
Valer Barna-Sabadus überzeugt durch seinen frische, bewegliche und gut geführte Stimme, die durch eine fundierte Tiefe, vor allem aber durch eine unglaubliche Höhe begeistert. Der Sänger wird einmal mehr versiert von der Hofkapelle München unter Michael Hofstetter begleitet. 

Mittwoch, 17. April 2013

Hasse: Didone abbandonata (Naxos)

Johann Adolph Hasse (1699 bis 1783) schrieb Didone abbando- nata 1742 anlässlich des Geburts- tages des polnischen Königs und sächsischen Kurfürsten August III. Die Oper erzählt die Geschichte der Didone, der verwitweten Königin von Karthago, die, von Enea ver- lassen und von dem afrikanischen König Iarba bedrängt, letztendlich in den Tod geht.
Das Werk ist insofern eine Rarität, als es auf das lieto fine, das für die Opera seria doch recht typisch ist, verzichtet - Textdichter Pietro Metastasio wagte sich hier einmal an einen tragischen Schluss. 
Hasse war mit dem Dichter eng befreundet, und vertonte etliche seiner Libretti. Die beiden Künstler hatten sich in Italien kennen- und schätzengelernt, wo Hasse, der Sohn eines Organisten aus Bergedorf bei Hamburg, von 1722 bis 1725 bei Nicola Porpora und Alessandro Scarlatti seine musikalische Ausbildung vervollständigte. In Neapel begann dann Hasses Karriere als Opernkomponist, die ihn schließlich als Hofkapellmeister nach Dresden führte. In Neapel heiratete Hasse auch die Sängerin Faustina Bordoni.
Für diese Sopranistin, die in ganz Europa gefeiert wurde, komponierte Hasse die Partie der Didone - es ist also eine schwierige Aufgabe, die die junge Sängerin Theresa Holzhauser achtbar meistert. Valer Barna-Sabadus ist in der Rolle des Iarba zu hören. Der junge Countertenor hat die halsbrecherischen Koloraturen des afrikanischen Königs bereits auf seiner Solo-CD "Hasse reloaded" vorgetragen - hier singt er sie noch einmal, live, ebenso souverän und nun ergänzt auch um die Rezitative. Wie er in seiner letzten Arie buchstäblich in den Trümmern steht, siegreich, und doch statt eines Triumphgesanges ein Klagelied anstimmt, das ist großes Kino.
Die Partie des Enea übernahm Flavio Ferri-Benedetti, ebenfalls ein Countertenor.  Dieser Held wird durch Hasses Musik entblättert, er erweist sich als ein Feigling und als eitler Gockel; der Sänger macht dies auch hörbar. Selene, die Schwester Didones, singt Magdalena Hinterdobler. Araspe, den Vertrauten Iarbas, singt Maria Celeng. Und als Osmida, Didones machtgieriger General, der zu Iarba überläuft, ist der Bariton Andreas Burkhart zu hören.
Lautes Gepolter erinnert den Zuschauer daran, dass es sich bei dieser Aufnahme um einen Live-Mitschnitt handelt. Die Inszenierung dürfte, wenn man die Bühnengeräusche recht interpretiert, wohl ziemlich bewegungsintensiv gewesen sein. Den Opernfreund wird das nicht weiter stören, denn Didone abbandonata war gut 240 Jahre lang überhaupt nicht auf der Bühne präsent. Und es war eine Hochschul- aufführung der Bayerischen Theaterakademie August Everding 2011 im Prinzregententheater München, der wir die Wiederentdeckung dieses Werkes verdanken. Insofern sind kleine Schwächen einiger Sänger absolut zu entschuldigen. 
Begleitet werden die jungen Gesangssolisten durch die Hofkapelle München unter der Leitung von Michael Hofstetter. Den Einsatz des Orchesters kann man nicht genug loben - nicht nur, weil es phantas- tisch spielt. Rüdiger Lotter, der Konzertmeister dieses Ensembles, hatte die Oper aufgespürt, und die Hasse-Gesellschaft München war dabei behilflich, das Notenmaterial nach der Handschrift, die sich in Venedig befindet, für eine Aufführung verfügbar zu machen. Besten Dank dafür - und vielleicht inspiriert diese Einspielung ja dazu, auch die anderen Opern Hasses auf die eine oder andere Bühne zu bringen. Das wäre wirklich wünschenswert. 

Sonntag, 5. Februar 2012

Verdi: Il Trovatore (Oehms Classics)

Dieser Troubador ist ein Live-Mitschnitt von den Ludwigsburger Schlossfestspielen aus dem Jahre 2009 - und eine Überraschung. Denn wer bei Verdi verschreckt an zu laute Orchester, knödelnde Te- nöre und die Spitzentöne mühsam emporstemmende Primadonnen denkt, der wird erfreut feststellen, dass die Schwaben offenbar Geschmack haben. Denn sie haben auf diese geradezu klassischen Zutaten der Stadttheater-Verdi-Inszenierung verzichtet.
Allein die Besetzungsliste macht neugierig auf diese Aufnahme. Und in der Tat wird der Opernfreund schnell feststellen, dass dieser Trovatore jenen legendären Einspielungen, die man gemeinhin als Referenzaufnahmen behält, durchaus zur Seite gestellt werden kann. Simone Kermes ist eine atemberaubende Leonora. Sie singt diese Partie mit engelsgleicher Leichtigkeit, da kann nicht einmal die Callas mithalten. Kermes macht allein durch ihren Gesang verständlich, warum diese Hofdame der Prinzessin von Aragón von Männern derart umworben wird - und das Kloster wählt, als sie annehmen muss, dass Manrico, den sie liebt, im Kampf umgekommen ist. Luna vorzuheucheln, dass sie ihm gehören wird, um Manrico die Flucht zu ermöglichen, das ist für diese ätherische Gestalt ein unerhörter Schritt. 
Herbert Lippert singt den Manrico mit Strahlkraft und mit einer beeindruckenden Pianokultur, Miljenko Turk seinen Widersacher, den Grafen Luna, geschmeidig und energisch - und so, dass man auch ihm glaubt, dass er verliebt ist. Das hat man so noch nicht gehört. Yvonne Naef als Zigeunerin Azucena und vermeintliche Mutter Manricos ist vielleicht die konventionellste Stimme dieser konzertan- ten Aufführung. Doch auch sie vermag es, die Geheimnisse dieser zutiefst traumatisierten Frau glaubhaft werden zu lassen. Den Ferran- do singt Josef Wagner. 
Vergleicht man diese Aufnahme mit der bisher meiner Ansicht nach unerreichten Einspielung mit Joan Sutherland und Marilyn Horne sowie Pavarotti, Wixell und Ghiaurov, und dem National Philhar- monic Orchestra unter Richard Bonynge, so fällt sofort auf, dass die ältere Aufnahme deutlich zäher wirkt - und lauter. 
Michael Hofstetter lässt Orchester und Chor der Ludwigsburger Schlossfestspiele zwar energisch, aber dabei schlank und durchhör- bar musizieren. Statt Klangbrei gibt's Klangfarben, sorgfältig heraus- gearbeitet, und Tempi, die verblüffen. Mitunter hat man den Ein- druck, dass die Zeit stillsteht - so am Beginn von Lunas Arie Il balen del suo sorriso - dafür geht es aber ansonsten oft irrwitzig schnell voran. 
Hofstetter setzt auf die Phrasierung statt auf einen Handlungsbogen, der in dieser Oper ohnehin nicht so recht funktioniert. Daraus erge- ben sich atemberaubend intensive Momente. So hört man während Azucenas großer Erzählung im Orchester jene Kämpfe wüten, die die Zigeunerin in ihrem Inneren austrägt - und die sie erneut verleugnet, als sie Manrico bestätigt, er sei ihr Sohn. 
Hofstetter zeigt Verdi in der Tradition Donizettis und Bellinis. Er verweist auf musikalische Strukturen, und fordert seinen Sängern ein Differenzierungsvermögen ab, mit dem sogenannte "dramatische" Stimmen wahrscheinlich überfordert gewesen wären. Nicht Dynamik entscheidet, meint Hofstetter, sondern sängerische Intelligenz und Geläufigkeit. Das Ergebnis ist grandios - Verdi für das 21. Jahrhun- dert; und davon möchte man noch viel mehr hören. 

Sonntag, 26. Dezember 2010

E.T.A. Hoffmann: Liebe und Eifersucht (cpo)

Ernst Theodor Wilhelm Hoffmann, geboren 1776 in Königsberg, stammte aus einer Juristen- dynastie. Und selbstverständlich wurde auch er Jurist. Hoffmann war aber vielseitig begabt: Dieser preußische Beamte malte, ver- diente ein ordentliches Zubrot als Schriftsteller, und komponierte. Napoleon mochte er keinen Treu- eid leisten; statt dessen ging er ans Theater und war auch als Kapell- meister tätig - nicht sonderlich erfolgreich freilich, so dass er nach dem Sieg Preußens gern in den Staatsdienst zurückkehrte. 
Fast hätte seine spitze Feder Hoffmann noch ein Disziplinarverfahren eingetragen. Doch dann erkrankte der Herr Kammergerichtsrat schwer und starb 1822 - an einer Atemlähmung als Folge einer fortgeschrittenen Syphilis. Seine literarischen Figuren, wie Kater Murr, Pate Droßelmeier, Kapellmeister Kreisler oder Archivarius Lindhorst, sichern ihm für alle Zeit einen Platz im Herzen von Freunden phantastisch-satirischer Geschichten.
Sein musikalisches Schaffen hingegen vermag nicht ganz so begei- stern. Das gilt auch für eine spektakuläre Wiederentdeckung: Liebe und Eifersucht, ein Singspiel in drei Akten AV 33, das Hoffmann 1807 komponierte, nachdem er Calderón de la Barcas La banda y flor in der Übersetzung von August Wilhelm Schlegel gelesen hatte. Die Handlung erinnert ein bisschen an Mozarts Gärtnerin aus Liebe, doch ist Die Schärpe und die Blume lang nicht so dramatisch wie die Geschichte der Marchesa Onesti, die als Gärtnerin Sandrina in die Fremde zieht, um ihren Grafen Belfiore aufzuspüren, obwohl der sie zuvor beinahe umgebracht hätte - und die Musik ist deutlich schwächer.
Vor zwei Jahren haben die Ludwigsburger Schlossfestspiele in Kooperation mit dem Staatstheater am Gärtnerplatz München Liebe und Eifersucht uraufgeführt. Das Orchester der Ludwigsburger Schlossfestspiele auf Originalklanginstrumenten, so das Beiheft, unter Michael Hofstetter musiziert farbenreich. Doch das zeigt die Schwächen des Werkes nur um so deutlicher: Hier werden jede Menge Emotionen behauptet - die Musik aber weiß davon wenig. Man kann verstehen, warum kein Theater seinerzeit das Stück bringen mochte, denn schon bald langweilt man sich furchtbar. Getrappel und Chargieren der Darsteller verstärken noch den Eindruck, nur die Tonspur zu einem ohnehin wenig aufregenden Film zu erleben. Ein Abend ist lang. Und drei ambitionierte Finali, frei nach Mozart, machen noch keine Oper.

Dienstag, 16. November 2010

Hasse: Sanctus Petrus et Sancta Maria Magdalena (Oehms Classics)

Diese CD, von Oehms Classics kürzlich vorgelegt, gehört eigent- lich in die Tage vor dem Osterfest. Johann Adolf Hasse (1699 bis 1783), Dresdner Hofkapellmeister zur Zeit Augusts des Starken, ver- tonte in seinem Oratorium einen fiktiven Dialog, der die Gefühle von Petrus, Maria Magdalena, Maria, der Mutter des Jüngers Jakobus, Maria Salome, Mutter der Jünger Johannes und Jakobus, und Joseph von Arimatäa angesichts des Kreuzestodes Jesu offenbart. 
Gesungen wurden seinerzeit alle Partien von Frauenstimmen, beglei- tet von Streichern und Continuo. Denn dieses Werk ist für das Ospe- dale degl'Incurabili in Venedig entstanden, an dem Hasse nachweis- lich einige Jahre lang als maestro di cappella tätig war. In der Lagu- nenstadt gab es vier derartige Einrichtungen, die zu Hasses Zeiten bereits Internate waren, an denen Mädchen vor allem auch musika- lisch ausgebildet wurden. Ihre Darbietungen waren weithin berühmt. So berichtete Johann Wolfgang von Goethe 1786 über ein Konzert in der Kirche der Mendicanti: "Die Frauenzimmer führten ein Oratorium hinter dem Gitter auf, die Kirche war voll Zuhörer, die Musik sehr schön, und herrliche Stimmen."
Auch Hasse hat derartige Werke komponiert. Da in der Passionszeit keine Opern aufgeführt werden durften, hörten die Venezianer statt dessen Oratorien. Oftmals verknüpften sie einen Psalm wie das Miserere mit einer vorangestellten Handlung - Hasses Werk ist ein ausgezeichnetes Beispiel dafür. Und die Solistinnen müssen ziemlich gut gesungen haben, denn die Partien, die er für seine Schützlinge schrieb, sind keineswegs einfach. 
Die Struktur des Oratoriums erscheint unkonventionell; Hasse löst sich aus der Abfolge von Rezitativ und Arie, und sucht nach anderen Formen, die die Textaussage besser transportieren. So beginnt das Oratorium mit einer raffinierten Sinfonia, die in ein kunstvoll ausge- arbeitetes Accompagnato-Rezitativ übergeht, in der Petrus um Jesus weint und sein eigenes Versagen beklagt. Ein großes Terzett steht im Mittelpunkt des Werkes. Es vereint die Klage der drei Marien - wobei sie eigentlich nur wenig gemeinsam singen; solistische Abschnitte und Ritornelle haben weitaus größeren Raum. Ein umfangreiches Duett singen zudem Maria Magdalena und Petrus. Es ist ein Stück der Trauer und der Klage, das zum Miserere hinführt. Doch zuvor tritt Joseph von Arimatäa ein und erinnert die Trauernden daran, dass Jesus begraben werden muss. Seine virtuose Arie verweist zudem auf den Opfertod Jesu als Voraussetzung für das ewige Leben. 
Doch die Frauen zögern noch, zum Kreuz zurückzukehren - zumal Petrus nicht mit ihnen gehen kann. Er bittet sie schließlich, Psalm 51 mit ihm zu sprechen - was das Stichwort für den Chor ist. Im Miserere konzentriert Hasse abschließend die ganze Pracht der venezianischen Kirchenmusiktradition - und führt sie weiter; manche Abschnitte erinnern bereits an Mozart. 
Die vorliegende Aufnahme entstand im November 2008 im Rahmen der Ludwigsburger Schlossfestspiele. Zu hören sind Chor und Orchester dieses Musikfestivals unter Michael Hofstetter. Für die Besetzung der Solopartien wurde eine ebenso salomonische wie klangvolle Lösung gefunden: Die drei Marien werden von Kirsten Blaise und Heidrun Kordes, Sopran, sowie Vivica Genaux - mit einem wundervollen dunkel timbrierten Mezzosopran - gesungen. Petrus singt der junge Schweizer Countertenor Terry Wey, den Joseph Jacek Laszczkowski, ein polnischer Sänger, der sowohl als lyrischer Tenor als auch als Sopran auftreten kann. Diese Stimmen harmonieren sehr gut miteinander, und so erweist sich diese Einspielung als Dokument eines musikalischen Ereignisses, das nicht nur Hasse-Fans begeistern wird. Bravi!

Sonntag, 28. Juni 2009

Schweitzer/Wieland: Alceste (Berlin Classics)

Ein lang vergessenes Werk wurde in Weimar anlässlich der Wiedereröffnung der Herzogin Anna Amalia Bibliothek aufgeführt: Die "Alceste", mit einem Text von Christoph Martin Wieland und Musik von Anton Schweitzer, seinerzeit ein erfolgreicher Komponist. Simone Schneider, Cyndia Sieden, Christoph Genz und Josef Wagner wagen sich an die höllisch schwierigen Partien dieses Kammerspiels, unterstützt vom Kammerchor Michaelstein und dem Concerto Köln unter Michael Hofstetter. Musiziert wird mit Bravour, daran gibt es nichts auszusetzen. Doch lediglich dem Engagement der Künstler ist es zu danken, wenn man beim Hören dieses schier endlosen Opus' nicht in den Schlaf sinkt. Ich glaube nicht, dass diese Oper außerhalb musealer Schutzräume ein Publikum finden wird - manche Werke sind auch zu Recht im Staub der Jahrhunderte versunken.