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Samstag, 15. Mai 2021

Piano Lessons - Christoph Eschenbach (Deutsche Grammophon)


 Einen großen Musiker erkennt man oft daran, dass er auch scheinbar simple Stücke mit derselben Sorgfalt spielt wie die Virtuosenliteratur. Ein Beispiel dafür bietet diese faszinierende Box, in der auf 16 CD so ziemlich alles zu hören ist, was ein Klavierschüler üblicherweise im Unterricht übt. 

Die Box enthält zahlreiche Klassiker der Klavierpädagogik, von Ferdinand Beyers Vorschule im Klavierspiel über Johann Sebastian Bachs Inventionen, Wolfgang Amadeus Mozarts Sonata facile bis hin zu Ludwig van Beethovens berühmter Mondscheinsonate oder den Liedern ohne Worte von Felix Mendelssohn Bartholdy. 

Burgmüller, Czerny, Clementi, Diabelli – Christoph Eschenbach zeigt mit seinen Interpretationen, dass selbst Etüden und Sonatinen sehr viel Spaß machen können. Der Pianist, heute Chefdirigent des Berliner Konzerthausorchesters, hat diese Kollektion Mitte der 1970er Jahre eingespielt. Sie war bisher aber nur als Japan-Import erhältlich. 

Umso mehr freut man sich darüber, dass diese liebevollen Interpretationen nun für jedermann verfügbar sind. Die Sammlung bietet Musikfreunden fast 17 Stunden Hörvergnügen, und allen Klavierschülern vielfältige Anregungen – denn sämtliche Noten sind über die bekannte Noten-App Tomplay Sheet Music zugänglich, und als Bonus liegt der Box ein Zugangscode bei. Super! 


Samstag, 15. Juni 2019

Czerny: Piano Concerto in D minor (Naxos)

Auch mit dieser CD setzt sich Rosemary Tuck für die Wiederentdeckung des Schaffens von Carl Czerny (1791 bis 1857) ein. In Wien, wo Czerny zur Welt kam, gab es seinerzeit – so berichtet die australische Pianistin im Geleitwort zu dieser Aufnahme – dreimal mehr Klavierlehrer als Ärzte.  
In dieser musikalischen Atmosphäre wuchs Carl Czerny auf, und schon als Zehnjähriger beeindruckte er Ludwig van Beethoven mit seinem Klavierspiel derart, dass ihn dieser als Schüler annahm. Die beiden Musiker blieben lebenslang befreundet. Czerny wirkte als Solist bei den Uraufführungen von zwei Klavierkonzerten seines Lehrers, und er fertigte auch die Klavierfassungen zu Orchesterwerken Beethovens an. 
In späteren Jahren zog Czerny das Komponieren und Unterrichten der Virtuosenlaufbahn vor. Zu seinen Schülern gehören unter anderem Beethovens Neffe, sowie der junge Franz Liszt und Sigismund Thalberg. Bekannt ist Czerny heute in erster Linie als Autor von Unterrichtswerken und gefälligen Stücken für die Hausmusik. 
Im Fun-Zeitalter freilich hat kaum noch ein Klavierschüler Lust, sich durch die Schule der Geläufigkeit hindurchzuackern. Dabei waren die Lehrwerke Czernys einst hoch geschätzt, wie uns ein Brief verrät, den Johannes Brahms 1878 an Clara Schumann schrieb: „Die große Pianoforteschule von Czerny ist wohl der Mühe wert, durchgelesen zu werden.  (..) Der Fingersatz bei Czerny ist höchst sehr zu beachten, überhaupt meine ich, man dürfe heute mehr Respekt vor dem tüchtigen Mann haben.“ 
Czerny schrieb aber nicht nur unkomplizierte Musik, die gut klingt und gut in der Hand liegt. Er hat auch eine ganze Reihe von „seriösen“ Werken komponiert – die aber technisch ziemlich hohe Anforderungen an den Pianisten stellen. Und deshalb sind Czernys Klavierkonzerte musikalische Raritäten, die man live fast nie zu hören bekommt. 
Rosemary Tuck hat für Naxos schon etliche dieser Werke eingespielt. Auf dieser CD erklingen Czernys Erstes Klavierkonzert in d-moll und das stimmungsvolle Introduktion, Variationen und Finale über den Jägerchor aus Webers Oper Euryanthe op. 60 – beides in Weltersteinspielung – und das temperamentvolle Introduzione e Rondo Brillant op. 233, ein geistreiches Bravourstück. 
Die Pianistin musiziert gemeinsam mit dem English Chamber Orchestra unter Leitung von Richard Bonynge; sie spielt virtuos, mit einer atemberaubenden Technik. Ihr Anschlag ist unglaublich differenziert. Eine beeindruckende Aufnahme, die unser Bild von der Wiener Klassik höchst schätzenswert ergänzt. 

Montag, 13. März 2017

Czerny: Organ Music (Naxos)

Orgelmusik von Carl Czerny (1791 bis 1857)? Der Komponist und Klavier- pädagoge, der der Nachwelt vor allem durch seine Etüdenbände („Schule der Geläufigkeit“) in Erinnerung geblie- ben ist, war selbst offenbar nicht nur ein ausgezeichneter Pianist, sondern auch ein Organist, der sich hören lassen konnte. 
Seine Orgelwerke sind wahrschein- lich im Zusammenhang mit einer Reise nach England im Jahre 1837 entstanden. Dort musizierte Czerny nicht nur im Kensington Palace für die zukünftige Queen Victoria. Er scheint auch viele Kollegen getroffen zu haben – Preludio e Fuga per Organo e Pedale obbligato op. 607 jedenfalls widmete er George Elvey, dem Organisten der Queen an der St. Georgskapelle in Windsor. Die Twenty Short Voluntaries for Organ with Obbligato Pedal op. 698 wurden mit einer Widmung an den Londoner Organisten William Crathern gedruckt, und die Twelve Introductory or Intermeditate Voluntaries op. 627 sind James Windsor gewidmet, Organist in Bath. 
Publiziert wurden diese Werke übrigens nahezu zeitgleich 1840/41 in Frankreich, Deutschland und in Großbritannien, wo der Musikverleger Robert Cock Czernys Orgelmusik druckte. Was die Instrumente betrifft, so scheint sich die englische Orgellandschaft in jenen Jahren entscheidend entwickelt zu haben: Während Felix Mendelssohn Bartholdy 1829 noch das Fehlen eines Pedals, wie es auf dem Kontinent üblich war, beklagte, scheint dies 20 Jahre später nicht mehr problematisch zu sein. 
Der obligate Pedalpart von Czernys Werken jedenfalls erfordert einiges an Kunstfertigkeit; Präludium und Fuge zeugen zudem davon, dass ihr Komponist Bachs Musik mit Sorgfalt studiert hat. Besonders interessant aber sind die harmonischen Wendungen, mit denen Czerny immer wieder überrascht. Auch wenn es „kleine“ Orgelstücke sind, die als Vorspiel, Nachspiel oder aber auch kurzes Zwischenspiel während des Gottes- dienstes dienen sollen, so sind es doch musikalische Juwelen mit etlichen funkelnden Facetten – der Komponist, der immerhin ein Schüler Beetho- vens war, konnte eben doch sehr viel mehr als nur Meterware. 
Iain Quinn, promovierter Musikhistoriker und Orgellehrer an an der Florida State University, hat Orgelmusik von Carl Czerny in Notenausga- ben wiederveröffentlicht, und einige wichtige Werke nun bei Naxos eingespielt. Damit macht er nicht nur auf diese hörenswerten Stücke aufmerksam, er ermöglicht es zugleich interessierten Organisten, sie in ihr Repertoire aufzunehmen. Vorbildlich! 

Montag, 17. Oktober 2016

Czerny: Grand Concerto in A minor (Naxos)

„Hr. Czerny gehört ohne allen Zweifel unter die Componisten, die einem grossen Theile des musikali- schen Publicums ausnehmend gefallen“, so urteilte Wilhelm Fink 1828 in der Allgemeinen Musikali- schen Zeitung. „Aehnliches haben wir an Rossini erlebt, und in der That, beyde gleichen sich nicht we- nig; man könnte behaupten: Czerny ist unter den Clavier-Componisten eben das, was Rossini unter den Opern-Componisten ist.“ 
Über den Lebensweg und das Werk des Beethoven-Schülers Carl Czerny (1791 bis 1857) wurde in diesem Blog schon ausführlich berichtet. Er zog es vor, zu unterrichten, statt sich als Virtuose zu präsentieren. Nicht nur seine Etüden, sondern vor allem auch seine Konzertstücke verschafften ihm und seinen Verlegern ein Vermögen. Die Pianistin Rosemary Tuck stellt auf dieser CD, mit dem English Chamber Orchestra unter Richard Bonynge, drei seiner komplexeren Werke vor. 
Als Überraschung erweist sich das Grand Notturno Brillant op. 95 – hinter vordergründiger Virtuosität wird, gänzlich unerwartet, mitunter eine gehörige Portion Melancholie hörbar. Das Grand Concerto a-Moll op. 214 gilt als eines der ersten romantischen Konzerte überhaupt. Auch dieses Werk verlangt dem Solisten allerhand ab; Tuck musiziert es kraftvoll und mit großer Geste. Zum Finale erklingen die Variations de Concert sur la Marche des Grecs de l'Opéra Le Siège de Corinthe de Rossini op. 138 – handwerklich solide gearbeitet, und so originell wie eine Wand aus schicken roten Klinkern; ein Virtuosenstück, wie es damals viele gegeben hat. Aber eindrucksvoll ist die erforderliche Fingerfertigkeit in jedem Falle. 

Mittwoch, 10. Februar 2016

Nami plays Diabelli Variations (Genuin)

Antonio Diabelli war nicht nur als Komponist, sondern vor allem auch als Musikverleger sehr erfolgreich. 1819 bat er 50 Komponisten, sich an einem Sammelwerk zu beteiligen. Dazu schickte er ihnen einen kleinen Walzer, den er selbst komponiert hatte – und auf dem Blatt befanden sich dann weiter leere Notenzeilen, auf denen die lieben Kollegen eine Variation notieren sollten – nicht zu umfangreich bitte, denn in der Edition, die Diabelli plante, sollten alle Beteiligten angemessen vertreten sein. 
Wie die Geschichte ausgegangen ist, das weiß jeder Musikfreund: Ludwig van Beethoven nutzte das harmlose Walzerchen, um eines jener späten Werke zu schreiben, die umfangreich geraten sind und als sperrig und komplex gelten. 
Die japanische Pianistin Nami Ejiri hat sich mit Diabelli und seinen Variationen sorgsam auseinandergesetzt. Auf ihrer CD erklingen sowohl ausgewählte Beiträge aus den 50 Variationen über eine Walzer von Anton Diabelli als auch Beethovens Beitrag – die 33 Veränderungen über einen Walzer von Anton Diabelli, op. 120. Sie sind 1824, kurioserweise ein Jahr vor Diabellis Kollektion, im Druck erschienen. 
Aus den 50 Variationen hat Nami Ejiri acht ausgewählt, die sie nebst dem Thema und der Coda von Carl Czerny vorträgt. Den Reigen eröffnet auch die Variation von Carl Czerny; es folgen zwei berühmte Pianisten, Johann Nepomuk Hummel und Friedrich Wilhelm Kalkbrenner, mit ihren Beiträgen. Franz Liszt, der ebenfalls eine Variation geschrieben hat, war 1819 acht Jahre alt, als Wunderkind bereits aufgefallen, und was er zu Papier gebracht hat, das lässt staunen. Danach sind noch Variationen von Ignaz Moscheles, Joseph Kerzkowsky, Mozarts Sohn Franz Xaver und Franz Schubert zu hören. 
Dieser Einstimmung folgt dann Beethovens monumentales Opus. Nami Ejiri spielt sie ebenso feinfühlig wie virtuos. Allerdings macht sie daraus kein pianistisches Glaubensbekenntnis; sie scheint eher Brendels Diktum zu folgen, der in den 33 Veränderungen in erster Linie ein „Kompendium musikalischer Komik“ sah. Wer dieser Sichtweise folgt, der wird entdecken, dass Beethoven durchaus Humor hatte, und dazu Sinn für musikalische Knalleffekte. Lustvoll zelebriert Nami Ejiri dieses Vexierspiel mit seinen Zitaten, Parodien und brillanten Effekten – ein Wirbel an Spielfreude, der mir großes Vergnügen bereitet hat. Sehr gelungen! 

Mittwoch, 6. Januar 2016

Czerny: String Quartets (Capriccio)

Neben dem strahlenden Ruhm Ludwig van Beethovens erschienen über eine lange Zeit andere Kompo- nisten des 19. Jahrhunderts blass und unbedeutend. Schumann, Schubert, Brahms wurden wahrgenommen als Nachkommen, die mit dem Erbe des Titans rangen. Erst allmählich stellt nun die Wissenschaft fest, dass neben Beethovens Sonne noch etliche weitere Sterne durchaus am Leuchten sind – und so werden langsam, langsam einige Komponisten der Beethoven-Zeit wiederentdeckt. 
Einer von ihnen ist Carl Czerny (1791 bis 1857), der im Alter von zehn Jahren Beethovens Schüler wurde und bis zu Beethovens Tod dessen enger Vertrauter blieb. Der Nachwelt ist er als Autor von Unterrichtswerken sowie als Klavierpädagoge von Rang im Gedächtnis geblieben. Zu seinen Schülern gehörten Franz Liszt und Theodor Leschetitzky, und seine Etüden gelten heute noch als vorbildlich. 
Obwohl er ein exzellenter Pianist war, mied er die Selbstinszenierung als Virtuose – mit dem Unterricht sowie mit Vortragsstücken im brillanten Stil, die er für Verlage anfertigte, verdiente er ohnehin ein Vermögen. Und so unterließ er alles, was seinen ausgezeichneten Ruf beschädigen könnte. Aus diesem Grunde veröffentlichte er auch etliche wirklich bedeutende Werke nicht. In der Schublade blieben beispielweise seine Kirchenwerke, viele Sinfonien und die Streichquartette – und dieses Material ist bis heute noch nicht editorisch erschlossen; die Forschung vermutet mittlerweile, dass Czerny mindestens 20, vielleicht sogar doppelt so viele Streichquar- tette geschaffen haben könnte. 
Umso erfreulicher ist es, dass inzwischen einige dieser Werke in Konzerten wieder vorgestellt worden sind. So hat das Sheridan Ensemble 2007 in Berlin einige Streichquartette Czernys gespielt. Vier dieser Werke, zwei davon in Weltersteinspielung, sind nun auf einer Doppel-CD bei Capriccio erschienen. Es sind Musikstücke von bedeutendem Format und großer musikalischer Eigenständigkeit. Czerny weiß seine Mittel höchst ein- drucksvoll und ausdrucksstark einzusetzen. Insofern wäre es sehr zu begrüßen, wenn seine „ernsthafte“ Musik nun endlich aus dem Archivschlaf erweckt und ediert werden könnte. All den Anregern und Hinweisgebern um Anton Kuerti und Dr. Heinz von Loesch, die die Musiker dazu animiert haben, in die alten Noten zu schauen, kann man nur dankbar sein. Und wenn die anderen unveröffentlichten Werke Carl Czernys ein ähnliches Gewicht haben, dann ist da noch Erstaunliches zu entdecken und zu erwarten.

Mittwoch, 25. November 2015

Czerny: Bel Canto Concertante (Naxos)

Und da wir gerade bei Carl Czerny (1791 bis 1857) waren – auch einige Klaviervariationen des Beethoven-Schülers sind jüngst erschienen, in Weltersteinspielungen bei Naxos. Dass diese Werke bislang in Aufnahmen nicht erhältlich waren, wird nicht verwundern, denn Czerny gilt als Vielschreiber, der sein Genie dem schnöden Mammon verkauft hat: „Hrn. Czerny kann man nicht einholen, mit aller kritischen Schnelligkeit“, giftete einst Robert Schumann in seiner Neuen Zeitschrift für Musik. „Hätte ich Feinde, nichts als solche Musik gäbʼ ich ihnen zu hören, sie zu vernichten.“ 
Schumann, der eigentlich selbst Pianist werden wollte, aber dann diese Pläne aufgeben musste, weil er die notwendige Fingerfertigkeit eben nicht erlangen konnte, warf Czerny vor, dass es seiner Musik an Poesie mangele. Dieses Urteil schrieben spätere Generationen ungeprüft fort – und so erfolgt derzeit, durch die Initiative einiger Musikwissenschaftler, erstmals eine Sichtung und Neubewertung seines umfangreichen Werkes. 
Selbst dort, wo Czerny für seine Verleger populäre Melodien in gefällige Arrangements gebracht hat – die er selbst nicht als ernstzunehmende Werke ansah – muss man aber seine Brillanz bewundern. Vier Beispiele dafür, wie der Komponist Themen aus aktuellen Opern in Virtuosenmusik umgesetzt hat, stellt die australische Pianistin Rosemary Tuck auf dieser CD gemeinsam mit dem English Chamber Orchestra vor. Es dirigiert Richard Bonynge, ein ausgewiesener Opernfachmann. 
Zu hören sind Variationen auf der Grundlage von Melodien aus den Opern Norma und Il Pirata von Vincenco Bellini, aus Aubers Fra Diavolo und aus Gli Arabi nelle Gallie von Giovanni Pacini. Czerny nutzt die Themen, die damals dem Publikum vertraut waren, eher als Vorwand, um ein aberwitziges Feuerwerk an Figurationen zu zünden. Tuck macht deutlich, dass man an diesen Stücken, die eher zur Demonstration von Virtuosität als  zum ausdrucksstarken Zusammenspiel entstanden sind, durchaus sein Vergnügen haben kann. Natürlich sind es Zirkusnummern – aber es ist Artistik auf höchstem Niveau, der man den Respekt nicht versagen kann. Bravi! 

Czerny: Music for Flute and Piano (Naxos)

Carl Czerny (1791 bis 1857) war ein exzellenter Pianist. Den ersten Unterricht erhielt er bei seinem Vater, der sich als Klavierlehrer aus großer Armut emporgearbeitet hat. Im Alter von neun Jahren spielte Carl Czerny Ludwig van Beethoven vor, und wurde dessen Schüler. Er studierte zudem bei Muzio Clementi, Antonio Salieri und Johann Nepomuk Hummel. 
Bei der Wiener Erstaufführung von Beethovens fünftem Klavierkonzert („Emperor“) spielte Czerny den Klavierpart. Dennoch trat er relativ selten als Solist in Konzerten in Erscheinung, weil er der Meinung war, dass ihm die dazu notwendige Ausstrahlung fehle – und Lust darauf, dem Publikum eine Show zu bieten, hatte er auch nicht. Sein Geld verdiente er daher, sehr erfolgreich, als Klavierpädagoge. Zu seinen Schülern gehörten unter anderem Franz Liszt und Sigismund Thalberg. Außerdem komponierte Czerny mehr als tausend Werke; fast jedem Klavierschüler sind noch heute seine Etüden („Schule der Geläufigkeit“) vertraut. 
Weniger bekannt ist, dass Carl Czerny auch „richtige“ Musik geschrieben hat – Kirchenmusik, Sinfonien und Klavierkonzerte sowie Kammermusik. Eine kleine Auswahl daraus präsentieren der Flötist Kazunori Seo und der Pianist Makoto Ueno. Die beiden japanischen Musiker spielen die Trois Rondeaux faciles et brillans pour Pianoforte et Flute (ou Violon) concer- tans sur des motifs favoris de Rossini & Bellini op. 374, Introduzione, Variazioni e Finale op. 80, das Rondoletto concertant for Piano, Flute and Cello ad lib. op. 149 und das Duo concertant pour Piano-Forte et Flûte in G major op. 129. Dabei handelt es sich um anspruchsvolle Unter- haltungsmusik; die Bühne, auf der solche Werke seinerzeit erklungen sind, dürfte der Salon gewesen sein. 
Czerny setzt sowohl die Flöte als auch das Klavier effektvoll in Szene; die beiden Solisten spielen exzellent aufeinander abgestimmt, und zeigen im Dialog, dass diese aparte Musik durchaus einen Platz im Repertoire verdient hätte. Allerdings würde man sich wünschen, dass der Flötenton von Kazunori Seo noch runder und farbenreicher wird, besonders in der Höhe. Trotz zahlreicher Auszeichnungen und Preise bei Wettbewerben – der Solist ist technisch zweifelsohne gut, aber bei Klang und Ausdruck gibt es noch Reserven. 

Samstag, 12. Oktober 2013

Hexameron (MDG)

Hexameron heißt ein Variations- werk, das auf Anregung Franz Liszts entstanden ist, und zu dem bedeutende Virtuosen seiner Zeit jeweils eine Variation beigesteuert haben: Eingebettet in musikali- sches Material von Liszt, erklingen Variations de Bravoure sur la Marche des Puritains de Vincenco Bellini von Frederic Chopin, Sigismund Thalberg, Johann Peter Pixis, Henri Herz und Carl Czerny. Der Wettstreit der Tastenlöwen, für den dieses brillante Stück wohl gedacht war, ist dann allerdings nie verwirklicht worden. 
Nun haben ein Mentor sowie fünf Pianisten am Beginn ihrer Laufbahn das Werk bei Dabringhaus & Grimm eingespielt. „Ich war eingeladen zu einem denkwürdigen Konzert mit jungen Künstlern aus Deutsch- land, Frankreich, Japan, Österreich und Spanien zur gemeinschaft- lichen Aufführung des Hexameron – und habe unmittelbar darauf alles daran gesetzt, dieses Ereignis für die Platte zu dokumentieren“, berichtet Werner Dabringhaus. 
Johann Blanchard, Leon Buche, Carlos Goicoechea, Caroline Sorieux, Kanako Yoshikane und Claudius Tanski, Professor am Salzburger Mozarteum, teilen sich in das Werk – und zeigen dabei, wie sehr unterschiedlich diese Virtuosenmusik gespielt werden kann. Von einem Wett-Konzertieren kann auch hier keine Rede sein; jeder Hörer wird wahrscheinlich andere Favoriten finden. „Es geht hier nicht um Dominanz, sondern um Vielfalt auf hohem Niveau“, schreibt Dabringhaus im Beiheft. „Danach strebt nicht nur die Musik, sondern dies ist gesellschaftliches Überlebenskonzept für die Zukunft!“ Ein kluges Wort, das man nur unterstreichen kann. 

Freitag, 19. Oktober 2012

Serenade for Dieter Klöcker (MDG)

Eigentlich wollte Dieter Klöcker Archäologe werden. Doch dann zeigte ihm sein Klarinettenlehrer Karl Kroll, dass man auch als Musiker Entdeckungen machen kann. Denn Kroll war vor dem Ersten Weltkrieg Soloklarinettist des St. Petersburger Hoforchesters gewesen - und steckte mit seiner Begeisterung für die Pretiosen, die er dort in der Bibliothek vorge- funden hatte, auch seinen Schüler an.
Bereits bei seinem Musikstudium in Detmold bei Jost Michaels begann Klöcker, sich für die Kammermusik zu engagieren. Doch der Detmolder Bläserkreis, mit dem Klöcker seine ersten Konzertreisen und Rundfunkaufnahmen absolvierte, zerstreute sich nach dem Examen seiner Mitglieder. Aus den Augen verloren haben sich die Bläser aber nicht; gemeinsamen Auftritten als "Rheinisches Bläsersextett" folgte 1965 die Gründung des Ensembles Consortium Classicum. Das klang nicht nur eleganter - es ließ auch Raum für gemischte Besetzungen, beispielsweise mit Streichern und Klavier.
1968 beschloss Klöcker, die Anstellung im Orchester aufzugeben, um sich ganz der Kammermusik und seiner Solistenkarriere zu widmen. Er ging in Archiven und Musikbibliotheken auf die Suche - und fand dort Musik, die das Publikum entzückte. Wenn Namen wie Cannabich, Lachner oder Hummel heute dem Musikfreund wieder präsent sind, so ist das nicht zuletzt sein Verdienst. Schallplatteneditionen zu Themenkomplexen wie Bayerns Schlösser und Residenzen, Haydn - seine Freunde und Schüler oder Mozart - Original und Fälschung geben Zeugnis von seiner Entdeckerfreude. So ist Klöcker, obwohl er doch Musiker geworden ist, dennoch so manche Ausgrabung gelungen.
Seit 1986 erschienen die Aufnahmen von Dieter Klöcker und dem Consortium Classicum bei Dabringhaus und Grimm. Am 21. Mai 2011, kurz nach seinem 75. Geburtstag, ist der Musiker gestorben. MDG ehrt das Andenken dieses virtuosen Klarinettisten, hochgeschätzten Lehrers und akribischen Forschers nun mit einer Auswahl aus dem umfangreichen Fundus seiner Aufnahmen.
Die Edition beginnt mit den Bläserquartetten von Gioacchino Rossini, aberwitzig virtuosen Stücken, die wirken, als wären sie für das Con- sortium Classicum geschrieben. Noch immer hört man, wieviel Ver- gnügen Wolfgang Dünschede, Flöte, Dieter Klöcker an der Klarinette, Klaus Wallendorf, Horn und  Karl-Otto Hartmann am Fagott mit diesen brillanten Werken hatten. Dieses Feuerwerk an Musizierlust und Esprit war die erste Gesamteinspielung dieser Werke überhaupt – und das Debüt des Ensembles bei MDG.
Klöcker verdanken wir die Wiederentdeckung von großartiger Musik lange vergessener Komponisten, aber auch den Zugang zu berühmten Meisterwerken in zeitgenössischen Arrangements. Ohne seine beharrliche Suche nach solchen Raritäten würden die zauberhaften Serenaden von Johann Nepomuk Hummel und Ignaz Pleyel sowie die Kammermusik von Carl Czerny wohl noch immer im Archivstaub vor sich hin schlummern. Die interessanten Bearbeitungen für Klarinette und Streichtrio von Vincent Gambaro nach Streichquartetten von Joseph Haydn wären ebenso unbekannt geblieben wie ihr Autor. Und natürlich stellte Klöcker auch neben Mozarts berühmte Sinfonia concertante KV 297b zwei Überraschungen.
Ergänzt wird die Sieben-CD-Box durch die Portrait-CD des Consor- tium Classicum aus dem Jahre 1993, die ebenfalls das außerordent- lich breite Repertoire dieses Ensembles präsentiert. Musiziert wird stets auf allerhöchstem Niveau. Jede dieser Aufnahmen ist gelungen, und die Angabe "Vol. 1" auf der Box lässt darauf hoffen, dass weitere folgen werden. 

Donnerstag, 26. Januar 2012

Czerny: Piano Sonatas; Jones (Nimbus Records)

Carl Czerny (1791 bis 1857) war der Sohn eines tschechischen Oboisten, Organisten, Sängers und Klavierlehrers. Er wuchs in Wien auf, und sein Vater begann, ihn im Klavierspiel zu unterrichten, als er drei Jahre alt war. Mit sieben Jah- ren begann Carl, zu komponieren, und obendrein spielte er ziemlich gut Geige. Das führte dazu, dass sein Geigenlehrer Wenzel Krump- holz das Wunderkind schließlich Beethoven vorstellte - der den Zehnjährigen als Schüler annahm. 
Bei der Uraufführung von Beethovens fünftem Klavierkonzert 1811 in Leipzig spielte Carl Czerny den Solopart. Er komplettierte seine Aus- bildung bei Muzio Clementi, Johann Nepomuk Hummel und Antonio Salieri. Dennoch begeisterte er sich weniger für das Konzertpodium als vielmehr für das Unterrichten. Zu seinen Schülern gehörte beispielsweise Franz Liszt, der Czerny später die Etudes d'exécution transcendante widmete. 
Obwohl Carl Czerny mehr als tausend Werke komponierte, sind vor allem seine Etüdensammlungen bis heute populär geblieben. Mit einer Gesamteinspielung der Klaviersonaten des Komponisten macht der britische Pianist Martin Jones deutlich, dass dies ein Verlust ist. Denn klar strukturiert vorgetragen, erweisen sich Czernys Klavier- werke als  wirkungsvolle, ziemlich beeindruckende Stücke - originell, immer wieder überraschend, und mitunter sogar brillant. Dabei er- scheint Czerny keineswegs, wie von einigen Musikhistorikern behaup- tet, als Beethoven-Epigone. Oftmals wartet er mit musikalischen Ideen auf, die man eher von den Romantikern erwarten würde. Jones zeigt, dass Czernys Werke interessant sind, und dass sich die Beschäf- tigung damit durchaus lohnt. Eine Entdeckung, die Lust darauf macht, auch Werke von anderen Komponisten kennenzulernen, die im Schatten Beethovens aus dem Blick entschwunden und schließlich in Vergessenheit geraten sind. 

Montag, 14. Juni 2010

Sehnsuchtswalzer - Herbert Schuch (Oehms Classics)

Erst Schumann, dann Czerny, dann Schubert, abschließend Weber - was für eine Kombination! Im Beiheft begründet Herbert Schuch diese Zusammenstellung, und was er dazu sagt, erscheint sehr schlüssig: "Es ist erstaunlich, wie Weber hier den Typus des Chopin- schen Konzertwalzers vorweg- nimmt. Dieses Werk ist für mich ein Wunder! Zugleich gibt es Walzer von Schubert, in denen ich bereits Schumann zu hören meine. Mich hat also auch interessiert, woher Schumann und seine Idee des Tanzes kommen. In diesem Sinne ist die zweite CD als eine Art Anhang zu sehen."
1833 komponierte Schumann Variationen über einen Walzer Franz Schuberts, der als Trauer- oder auch als Sehnsuchtswalzer bekannt wurde. Der junge Komponist schwärmte für Schuberts Musik - was vielleicht auch mit an den jungen Damen gelegen haben könnte, die ihn auf die Werke des Wieners aufmerksam gemacht hatten. 
"Edelsteine ziehen Geistesfunken aus, sagt man; es haben sich unter ihm viel musikalische Namen begeben, die ich ‚Scenen’ nennen will", schrieb Schumann an Henriette Voigt. "Eigentlich sind’s Liebeslilien, die der Sehnsuchtswalzer zusammenhält. Die Zueignung verdient und schätzt nur eine Asdurseele, mithin eine, die Ihnen gliche, mithin Sie allein, meine theure Freundinn." 
Allein der Zyklus blieb unvollendet - Schumann gründete seine Neue Zeitschrift für Musik, verlobte sich mit  Ernestine von Fricken, und komponierte Carnaval op.9, dessen Scenen nicht ohne Grund im Marche des Davidsbündler contre les Philistins kulminieren. Wie ein Echo aus der Vergangenheit eröffnet die Einleitung des abgebroche- nen Versuches in Sachen Sehnsuchtswalzer nun diese Charakter- studien. 
Schuch spielt das Sehnsuchtswalzer-Fragment nach einer Edition von Andreas Boyde. "Ich habe mir erlaubt, die eine oder andere Wieder- holung einzufügen, weil ich den Eindruck hatte, dass diese Stücke (...) sonst allzu kurz geraten", meint der Pianist. Und zwischen die Variationen und Carnaval schiebt er die Papillons op.2 und die Intermezzi op.4, die im gleichen Zeitraum und aus demselben musi- kalischen Ideenfundus entstanden sind, wie Schumanns Skizzen- bücher belegen. 
Auf den Carnaval folgt dann Carl Czerny. Seine Variationen über den beliebten Wiener Trauer-Walzer von Franz Schubert op. 12 sind ein typisches Virtuosenstück. Schuch spielt es leicht und mit viel Charme, sehr differenziert und nicht nur auf Effekt bedacht. Dennoch bleibt der Kontrast zum Romantiker Schumann frappierend. "Hätte ich Feinde, nichts als solche Musik gäbe ich ihnen zu hören, sie zu vernichten", ätzte Schumann einst gegen den gefeierten Pianisten, Komponisten und Musikpädagogen. Beim Publikum freilich kam Czerny ausgezeichnet an; als er 1857 starb, war er ein reicher Mann. 
Schuch setzt in seiner Interpretation durchaus eigene Akzente, die man jedoch gut nachvollziehen kann. Er spielt sehr überlegt, tech- nisch brillant, mit Geist und Witz und mit einem beeindruckenden Sinn für Klangfarben. Diese Doppel-CD gehört für mich daher zu den wenigen herausragenden Inseln aus dem großen Meer der Schumann-Veröffentlichungen im Jubiläumsjahr.