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Sonntag, 27. Juni 2021

Cole Porter - A Celebration (SWR Music)

 

Diesen Komponisten zu feiern, ist zweifellos eine hervorragende Idee. Doch was heißt Komponist – Cole Albert Porter (1891 bis 1964) war ein Multitalent. Notfalls schrieb er seine Lieder komplett selbst. Und was für Lieder! 

Wann immer ich diese CD in den Player lege, geht die Sonne auf, und der Tag beginnt zu swingen; wer diese Melodien anhören kann, ohne gute Laune zu bekommen, der muss fürwahr aus Holz sein. Porters Melodien beeindrucken mit Leichtigkeit, Eleganz und Drive. Viele seiner Songs wurden zu Evergreens, und seine Texte sind ebenfalls eine Klasse für sich. 

Auch die Sänger schätzen diese Lieder – so hat Ella Fitzgerald Cole Porter gleich zwei Alben gewidmet. Louis Armstrong und Frank Sinatra haben seine Songs ebenfalls gern gesungen. Etliche Melodien von Cole Porter wurden zu Jazz-Klassikern. Kann eine klassisch ausgebildete Sopranistin diesen Repertoireschätzen gerecht werden? 

Juliane Banse gelingt dies wunderbar. Die Sängerin macht kleine Opernrollen daraus, und gestaltet diese mit hörbarem Vergnügen – ironisch, munter swingend, mitunter auch energisch, und Banse kann durchaus auch lasziv. 

Der Arrangeur, Komponist, Chorleiter und Kirchenmusiker Lars J. Lange hat die Melodien des Amerikaners liebevoll und mit Witz für Orchester arrangiert. Und die Deutsche Radio Philharmonie, dirigiert von Dorian Wilson, musiziert mit  Leidenschaft. Bravi! 


Mittwoch, 7. Oktober 2020

Baltikum (SWR Music)

 

Auf musikalische Entdeckungsreise begibt sich das SWR Vokalensemble unter Leitung von Marcus Creed. Der Chor hat in der Vergangenheit bereits, von Amerika über Russland bis Japan, eine ganze Reihe unterschiedlicher Musikkulturen erkundet. 

Die baltischen Länder sind ein lohnendes Ziel, denn sie haben eine grandiose Chortradition, und auch heute noch unglaublich viele sehr gute Chöre. Was also zeichnet zeitgenössische Chormusik aus dem Baltikum aus? Das SWR Vokalensemble präsentiert Werke vorwiegend jüngerer Komponisten aus Estland, Lettland und Litauen. Hierzulande bekannt ist Arvo Pärt, der auf der CD mit Ja ma kuulsin hääle den Schlusspunkt setzt. 

Zu hören sind außerdem Kompositionen von Maija Einfelde, Rytis Mažulis, Pēteris Vasks, Veljo Tormis, Andris Dzenītis und Justė Janulytė. Die ausgewählten Stücke sind durchweg höchst anspruchsvoll, und musikalisch ausgesprochen individuell gestaltet. Sie zeichnen sich aber dadurch aus, dass sie allesamt den Chor und seinen ganz besonderen Klang in den Mittelpunkt stellen. Das SWR Vokalensemble zeigt einmal mehr seine Flexibilität, und bezaubert mit einer enormen Palette an Klangfarben. 


Samstag, 28. Dezember 2019

Les Vendredis (SWR Music)

Mitrofan Petrowitsch Beljajew (1836 bis 1904), Sohn und Erbe eines reichen Holzhändlers, war nicht nur ein erfolgreicher Kaufmann, sondern auch ein großer Musikfreund und Mäzen. Um Musik russischer Kompo- nisten zu publizieren, gründete er 1885 sogar einen Musikverlag in Leipzig. 
Immer freitags gab es bei Beljajew für den Freundeskreis ein Hauskonzert sowie Essen und Trinken. Der Hausherr selbst wirkte im Streichquartett mit – er spielte ausgezeichnet Bratsche. Neben Klassikern der Gattung, wie den Streichquartetten von Haydn oder Mozart, erklang dort natürlich regelmäßig auch ganz neue Musik. Die Komponisten des Beljajew-Kreises, wie Nikolai Rimski-Korsakow, Alexander Borodin, Alexander Glasunow, Anatoli Ljadow, Nikolai Sokolow oder der Pianist Felix Blumenfeld, schrieben sogar Musikstücke dafür. 
Immer wieder veröffentlichte Beljajew ihre Werke in seinem Verlag. So publizierte er 1899 in zwei Heften eine Kollektion von Musikstücken der bedeutenden russischen Komponisten für Streichquartett. Sie erhielt den Titel „Les Vendredis“, nach den berühmten Freitags-Konzerten des Verlegers. 
Das Szymanowski Quartett hat nun eine Auswahl aus dieser wichtigen Sammlung eingespielt. Mit Staunen folgt man den kunstvollen Miniaturen, die nicht nur musikhistorisch außerordentlich bedeutsam sind, sondern auch wirklich zauberhafte Musik. Das Szymanowski Quartett musiziert mit Leidenschaft und technischer Perfektion. Mit schönem, beseelten Ton bringt das Ensemble insbesondere auch die lyrischen Momente dieser Kompositionen wunderbar zur Geltung. Unbedingt anhören, es lohnt sich!

Montag, 7. Januar 2019

Fritz Wunderlich - Lieder (SWR Music)

Der SWR hat in seine Archive gegriffen, und in dieser 3-CD-Box zahlreiche Aufnahmen zusammen- gestellt, die Fritz Wunderlich als Liedersänger zeigen. So enthält die Kollektion jene legendäre Live-Aufnahme von Robert Schumanns Dichterliebe, aufgezeichnet auf den Schwetzinger Festspielen 1965, die das enorme Gestaltungsvermögen des Tenors in beeindruckender Weise dokumentiert. Dazu hat freilich auch sein Klavierbegleiter Hubert Giesen mit beigetragen, der eine Klasse für sich ist – und der mit Wunderlich intensiv zu arbeiten pflegte. So kamen jene feinen Nuancen zustande, die bis heute begeistern. 
Mit Hubert Giesen hat Fritz Wunderlich auch eine großartige Interpretation von Franz Schuberts Liederzyklus Die schöne Müllerin eingespielt, und dazu einige weitere Lieder von Schubert und Ludwig van Beethoven. Außerdem finden sich in dieser Kollektion Lieder von Johannes Brahms, Hugo Wolf und Richard Strauss; am Klavier begleiten dabei Josef Müller-Mayen und Rolf Reinhardt den Sänger. Insgesamt bietet diese Edition einen Überblick über Wunderlichs Liedgesang, von den Anfängen bis kurz vor seinem viel zu frühen, tragischen Tod. Faszinierend! 

Sonntag, 3. Dezember 2017

Koechlin: Oeuvres orchestrales (SWR Music)

Die Musik von Charles Koechlin (1867 bis 1950) ist hierzulande wenig bekannt. Zum hundertfünfzigsten Geburtstag des Komponisten – der am 27. November 1867 in Paris das Licht der Welt erblickte, aber seine Wurzeln im Elsass hatte – sind nun bei SWR Music in zwei Boxen jeweils sieben CD alle Koechlin-Produktio- nen des Senders erschienen. 
Als Zugabe gibt es jeweils ein umfangreiches Beiheft. Es enthält einen detailreichen Aufsatz von Otfrid Nies, der einen Überblick über Leben und Schaffen des Komponisten bietet. Nies setzt sich seit viele Jahren dafür ein, diesem Zeitgenossen von Debussy und Ravel mehr Beachtung zu verschaffen. Er hat dazu 1984 in Kassel das „Archiv Charles Koechlin“ gegründet, das mittlerweile über eine beeindruckende Kollektion an Dokumenten verfügt. 

Mit Sorgfalt zusammengestellt: höchst informatives Beiheft 

Otfried Nies und Robert Orledge, ebenfalls ein ausgewiesener Koechlin-Experte, haben dann ausführliche Anmerkungen zu den einzelnen Werken hinzugefügt. Diese werden gelegentlich durch Kommentare der beteiligten Musiker ergänzt. Außerdem sind die Texte sämtlicher Vokalwerke zu finden, und Kurzbiographien der Mitwirkenden – und all das auf Deutsch, Französisch und Englisch. Und als Zugabe gibt es obendrein noch Photographien von Koechlin. Soviel Sorgfalt ist selten; desto mehr ist der SWR zu loben, der diesen Aufwand treibt, um den Jubilar zu ehren und dem Musikfreund den Zugang zu seinem eigenwilligen Werk zu erleichtern. 
Charles Koechlin, obgleich mit Musik aufgewachsen, wollte eigentlich Ingenieur werden. Doch dann erkrankte er schwer an Tuberkulose, und musste seine Lebenspläne ändern. Er wandte sich der Musik zu, und studierte am Conservatoire, zunächst bei Jules Massenet, und dann bei Gabriel Fauré. Aber auch die Musik von Claude Debussy schätzte Koechlin sehr: „Il suffit parfois d'une seule mesure chez un génial confrère, pour nous ouvrir la porte sur des jardins enchantés, où nous pourrons très bien cueillir d'autres fleurs que les siennes“, so beschrieb er in seinen Memoiren die Inspiration, die er durch dessen Stück Mandoline erfuhr. 
Das Werk von Charles Koechlin ist umfangreich, und umfasst nahezu alle Gattungen mit Ausnahme von Opern, Oratorien und anderer geistlicher Chormusik. Ein besonderes Faible hatte der Komponist für das Orchestrieren; diese Gabe nutzten auch seine Kollegen gern, so dass er beispielsweise Faurés Musik zu Pelléas et Mélisande oder Debussys Ballettmusik Khamma orchestrierte. Seine Erfahrungen in diesem Bereich gab er in dem vierbändigen Traité de l'orchestration weiter. 
Schon im Jahre 2001 startete der SWR das Koechlin-Projekt; dabei arbeiteten der Stuttgarter Rundfunksender mit seinem Radio-Sinfonie- orchester, Dirigent Heinz Holliger und Otfrid Nies mit dem Archiv Charles Koechlin eng zusammen. Die beiden CD-Boxen zeigen, wie viele Facetten Koechlins Werk hat. Da wäre zunächst die Kammermusik, auf vier CD zusammengefasst – wobei der Komponist die Bläser offenbar sehr schätzte, insbesondere Klarinette und Flöten. Doch auch für Streichinstru- mente hat er etliche Werke geschrieben. 

Koechlins magische Musik - oder: Fronarbeit im Zaubergarten  

Entstanden sind die Aufnahmen im Laufe vieler Jahre. Auch die Liste der Mitwirkenden ist lang; sie reicht von Dirk Altmann, Klarinette, über Peter Bruns, Violoncello, bis hin zu Peter Thalheimer, Flöte. Die meisten Interpreten sind Mitglieder des Radio-Sinfonieorchesters Stuttgart und haben sich über viele Jahre mit dem Werk Koechlins beschäftigt. 
Die Klavierwerke, auf drei CD, hat Michael Korstick eingespielt. Der Pianist wurde durch eine CD auf die Musik Koechlins aufmerksam: „Gleich mit den ersten Akkorden öffnete sich ein fremdartiger Zaubergarten voller süchtig machender Farben und Düfte“, berichtet er. Korstick fragte beim Archiv nach – und bekam von Otfried Nies ein Notenpaket. „Allerdings sind die feinsinnigen und farbigen, eine große innere Ruhe ausstrahlenden Klavierschöpfungen Koechlins für den Pianisten eine harte Nuss“, stellt Korstick fest. „Der stark orchestral konzipierte Satz kümmert sich nicht im geringsten um das mit zwei Händen Machbare, wirkt mit seinen extrem aufgefächerten Akkorden über weite Strecken wie das Particell eines Orchesterwerks, welches vom Pianisten erst in einem ,Griffplan' eingerichtet werden muss und zudem noch ganz eigene, hoch differenzierte Pedaltechniken erforderlich macht.“ 
Die Veröffentlichung mit den Orchesterwerken Koechlins enthält zahlreiche Weltersteinspielungen. Sie bietet einen breiten Überblick über Koechlins Schaffen, von den frühen Orchesterliedern über orchestrierte Werke anderer Komponisten bis hin zu seinen klanggewaltigen und üppig besetzten Spätwerken. 
Koechlins Musikstücke beziehen sich oftmals auf Außermusikalisches, wie Literatur oder Filme. Am ehesten bekannt sind wohl seine Musikstücke zum Dschungelbuch von Rudyard Kipling, wie Chanson de nuit dans la jungle, Le Chant de Kala Nag oder Les Bandar-Log. Auf sieben CD erklingen die von 2000 bis 2012 aufgenommenen und veröffentlichten Produktionen des Radio-Sinfonieorchesters Stuttgart unter Heinz Holliger sowie La Méditation de Purun Bhagat, ebenfalls ein Dschungelbuch-Stück. 

Sonntag, 12. November 2017

Fritz Wunderlich - Operetten-Arien (SWR Music)

Fritz Wunderlich (1930 bis 1966) war nicht nur in stimmlicher Hinsicht ein Ausnahme-Sänger. Auch das Repertoire des Tenors überrascht immer wieder, denn es reichte vom Schlager bis zu Heinrich Schütz, und von den großen Opernpartien bis hin zu den beliebten Operettenhits. Egal, was Wunderlich sang – er sang immer mit Seele, und seine Musikalität machte noch aus der banalsten Melodie ein Ereignis. 
Auf dieser Doppel-CD nun hat der SWR aus seinen Archiven Aufnahmen von Operetten-Arien zusammengetragen, aus einem Zeitraum, der bis in den November 1965 reicht. Da war Wunderlich längst als Opernsänger berühmt. Doch die Sorgfalt, mit der er – zumeist mit dem Rundfunkorchester des Südwestfunks Kaisernlautern und dem genialen Emmerich Smola – die guten alten Operettenmelodien gestaltet, rührt noch heute an. 
Man kann diese alten Einspielungen wirklich genießen, zumal sie beim SWR durch die Tonmeisterin Gabriele Starke und den Ingenieur Boris Kellenbenz umsichtig aufgearbeitet und remastert wurden. Wunderbar! 

Freitag, 27. Oktober 2017

Henryk Szeryng plays Nardini, Vieuxtemps, Ravel, Schumann (Hänssler Classic)

Noch einmal eine CD, auf der Henryk Szeryng zu hören ist – und was für ein Programm! Der Geiger hat diese Aufnahmen in den Jahren 1955 und 1957 im Baden-Badener Musikstudio mit dem Sinfonieorchester des SWR unter seinem legendären Leiter Hans Rosbaud eingespielt. Der Hörer darf sich über das e-Moll-Konzert von Pietro Nardini (1722 bis 1793) freuen, das hier in romantischer Bearbeitung erklingt. Darauf folgen das Violinkonzert Nr. 4 in d-Moll op. 31 von Henri Vieuxtemps (1820 bis 1881), und die ausgesprochen virtuose Konzert-Rhapsodie Tzigane von Maurice Ravel (1875 bis 1937). 
Abschließend ist das Violinkonzert in d-Moll von Robert Schumann (1810 bis 1856) zu hören, für das sich Szeryng sehr eingesetzt hat. „Ich kenne die Bedenken gegen dieses Stück“, meinte der Geiger einst, „aber ich billige sie nicht. Man sagt, es sei spröd und undankbar für den Solisten. Ich gebe zu, dass es nicht so geigerisch ist wie andere Konzerte, und dass auch die Instrumentierung nicht immer ganz glücklich ist. Aber es hat wunder- bare Melodien. (..) Wenn das musikalische Material gut ist, dann sollte man einem Komponisten auch einmal dadurch huldigen, dass man seine Schwächen verdeckt.“ 
Technische Schwierigkeiten scheint Szeryng so gar nicht zu kennen. Sein Spiel ist stets makellos, dabei stark im Ausdruck, und sein Geigenton ist kraftvoll, klar und strahlend. Diese alten Aufnahmen aus dem SWR-Archiv, sorgfältig digital überarbeitet, sind wirklich vom ersten bis zum letzten Takt ein Genuss. 

Dienstag, 5. September 2017

Henryk Szeryng plays Vivaldi & Mozart (SWR Music)

Wer diese Aufnahmen angehört hat, der fragt sich, warum Henryk Szeryng (1918 bis 1988) – zu Lebzeiten ebenso berühmt wie etwa Jascha Heifetz, David Oistrach oder Yehudi Menuhin – heute nur noch Experten bekannt ist. Dass der Nachruhm dieses exzellenten Geigers lang nicht an den seiner Kollegen heranreicht, ist mit der Qualität seines Spiels jedenfalls nicht zu erklären.
Szeryng kam in Warschau zur Welt, und erhielt ersten Musikunterricht von seiner Mutter. Das Geigenspiel erlernte er bei dem Auer-Schüler Moritz Frenkel. Als er acht Jahre alt war, hörte Bronislaw Huberman den Knaben und schickte ihn zur weiteren Ausbildung nach Berlin zu Carl Flesch, dem renommiertesten Violin- pädagogen jener Zeit. 
1933 übersiedelte die Familie nach Paris, wo Szeryng zunächst an der Sorbonne studierte, und dann ab 1936 am Conservatoire. Dann kam der Krieg – und Szeryng, der etliche Sprachen beherrschte, trat als Dolmetscher und Verbindungsoffizier von General Sikorski in den Dienst der polnischen Exilregierung. Er spielte für die alliierten Truppen – unter anderem auch in Mexiko. Dieses Land faszinierte den Musiker, und so nahm Szeryng nach Kriegsende eine Professur an der Universität von Mexico City an. 1946 wurde er mexikanischer Staatsbürger. 
Und er hätte wohl dort bis ans Ende seiner Tage Studierende unterrichtet. Doch dann hörte er 1954 ein Konzert von Artur Rubinstein, und bedankte sich bei dem Pianisten für dieses Erlebnis. Dieser wiederum fragte, als höflicher Mensch, ob er denn auch ein Instrument spiele. Was Szeryng gleich am nächsten Tag unter Beweis stellte – er kam ins Hotel, und spielte Rubinstein vor. 
Diese Begegnung wurde zum Beginn einer großen Musikerfreundschaft, und zum Ausgangspunkt von Szeryngs internationaler Karriere, die ihn sehr bald weltweit in die bedeutenden Konzertsäle führte. Auf dieser CD ist er gemeinsam mit dem Südwestdeutschen Kammerorchester aus Pforzheim zu hören, das er in diesem Konzertmitschnitt vom 07. Dezem- ber 1969 als Solist zugleich geleitet hat. 
Die Eleganz seines Vortrages und sein strahlender, nobler Ton sind einzigartig. Vivaldis Vier Jahreszeiten gestaltet Szeryng überraschend modern; er setzt auf klare Strukturen und oftmals schroffe Gegensätze. Das Ensemble unterstützt den Solisten dabei auf das Beste; es folgt auch seinen eigenwilligen, aber in ihrer Wirkung beeindruckenden Temponuancierungen. Für mich ist diese Aufnahme der Vier Jahreszeiten mit Szeryngs herrlichem Geigenton eine der schönsten überhaupt – und das will bei diesem extrem häufig eingespielten Werk schon etwas besagen. 
Bei Mozarts Violinkonzert Nr. 5 A-Dur KV 219 kommt Szeryngs brillante Technik ebenfalls bestens zur Geltung. Dennoch wählte er auch grundsätzlich Tempi, die nicht die flinken Finger des Solisten in den Vordergrund stellen, sondern die innere Logik des jeweiligen Stückes. Unbedingt anhören, das lohnt sich! 

Dienstag, 8. August 2017

Jutta Hipp: Lost Tapes - The German Recordings (SWR Jazzhaus)

Jutta Hipp (1925 bis 2003) war ein Jazz-Phänomen. Schon als Teenager in Leipzig spielte sie Jazz, im Krieg, verbotenerweise. Drei Jahre lang studierte sie an der Kunsthochschule. 1946 ging sie dann in den Westen, wo sie in diversen Jazzbands musizierte. So spielte sie in der Combo von Hans Koller, die auch Dizzy Gillespie begleitete. Mit Emil Mangelsdorff, Joki Freund, Hans Kresse und Karl Scanner bildete sie das Jutta Hipp Quintett. Sie spielte auf Festivals, spielte Platten ein und ging auf Tourneen. Wo immer sie auftrat, wurde die Musikerin gefeiert. 
Als ihr Leonard Feather eine Karriere in den USA versprach, brach sie 1955 auf nach New York. Dort wurde sie von dem berühmten Label Blue Note Records unter Vertrag genommen, und war zunächst sehr erfolgreich – doch schon 1956 endete diese Glückssträhne. Hipp überwarf sich mit Feather, und zog sich in die kleinen Klubs zurück. Geld war so nicht zu verdienen; 1958 nahm sie daher einen Job als Näherin an. 
In ihrer Freizeit malte Jutta Hipp, sie fotografierte auch, schrieb Gedichte und zeichnete Karikaturen. Klavier hat sie nie wieder gespielt, und auch nach Deutschland kehrte sie nie zurück. Die vorliegende CD enthält Aufnahmen, die noch in Deutschland entstanden sind – 1952 in Koblenz, 1953 in Baden-Baden, und 1955 in Stuttgart. Jutta Hipp ist hier zu erleben als eine sensible, versierte und auch sehr eigenwillige Jazz-Pianistin – welch ein Verlust! 

Samstag, 1. April 2017

Fritz Wunderlich Schlager aus den 50ern / Festliche Arien (SWR Music)

Fritz Wunderlich war ein Phänomen. Im Beiheft zu dieser CD kann man erfahren, dass der Tenor in Kindheit und Jugend eine harte Schule erlebte. Denn schon als Kind musizierte er gemeinsam mit seiner Mutter und seiner Schwester – um Geld zu verdienen; der Vater war mit einer Gastwirtschaft gescheitert und hatte sich das Leben genommen, als Fritz fünf Jahre alt war. 
„Ich habe mein Studiengeld bei der Tanzmusik verdient“, berichtete der Sänger später in einem Interview. „Ich hab also Jazz gemacht, ich habe Trompete geblasen, ich habe Akkordeon gespielt, ich habe Jazz gesungen, nachts, am nächsten Morgen bin ich zum Studium gegangen und habe alte Arien gesungen.“ 
Schon 1953 holte Willi Stech Wunderlich erstmals ins Studio des Südwest- funks, wo innerhalb weniger Jahre etliche Aufnahmen mit dem Sänger entstanden. Solche alten Schätze hat der SWR nun aus den Tonarchiven geholt und sorgsam remastert, so dass sie heutigen Ansprüchen genügen. Auf dieser Doppel-CD kann man Fritz Wunderlich nun also als Schlager- sänger und mitunter sogar als Trompeter hören. Die Schlager aus den 50er und 60er Jahren allerdings haben musikalisch ein etwas anderes Kaliber, als man das heute gewohnt ist; sie sind nahe Verwandte der Operettenlieder, und dieses Genre ist für Sänger alles andere als einfach – auch wenn es dann letztendlich in der Vorstellung mühelos klingen muss. 
Wie er in jenen frühen Jahren die „alten Arien“ gesungen hat, das belegt eine weitere CD mit Aufnahmen, die zwischen 1955 und 1959 entstanden sind. Zu hören sind Rezitative sowie eine Arie aus Bachs Weihnachts- oratorium, aufgezeichnet bei einer Aufführung 1955 in der Stuttgarter Markuskirche, zwei Weihnachtsmotetten von Heinrich Schütz und zwei Kantaten von Dieterich Buxtehunde und Georg Philipp Telemann sowie Ausschnitte aus Händels Messias. Dieser Mitschnitt von 1959 macht deutlich, welch rasante Entwicklung der Sänger innerhalb weniger Jahre genommen hat: Die Stimme gereift, die Technik exzellent, und der Vortrag zunehmend differenzierter. 
Zehn Folgen soll die Wunderlich-CD-Serie einmal umfassen, und alle Bereiche seines Wirkens – von Schlagern und Operetten, über „Alte“ Musik bis hin zu Werken des 20. Jahrhunderts. Man darf sehr gespannt sein auf die Entdeckungen, die da noch kommen werden. 

Dienstag, 27. Dezember 2016

Himmelslieder (SWR Music)

Die Weihnachtslieder auf dieser CD führen den Hörer quer durch Europa. There is no rose und Verbum Patris humanatur sind Beispiele für alte britische Carols; entstanden sind sie im 15. Jahrhundert. Texte aus dem Mittelalter verwendete auch Benjamin Britten (1913 bis 1976), als er A Cere- mony of Carols schrieb. Die Frauen- stimmen des SWR Vokalensembles Stuttgart werden hier durch Maria Stange, Harfe, begleitet (die brillant spielt!); ansonsten sind auf dieser CD ausschließlich A-cappella-Komposi- tionen zu hören. 
Auch der estnische Komponist Arvo Pärt (*1935) ist mit einem Zyklus vertreten, der an mittelalterliche Gesänge anknüpft: In der Vesper der sieben letzten Tage vor dem Heiligen Abend wird der kommende Messias mit den sogenannten O-Antiphonen angerufen. Sie beginnen jeweils mit einer der sieben Anreden, die dem Alten Testament gemäß die Propheten für den Messias gebraucht haben, rühmen sein zukünftiges Wirken und enden mit dem Ruf: „Veni!“„Komm!“ Arvo Pärt hat, in seiner unnach- ahmlichen Weise, die bildhaften Texte dieser Sieben Magnificat-Anti-phonen in Musik umgesetzt, der man sich nicht entziehen kann. 
Francis Poulenc (1899 bis 1963) nutzte für seine Quatre motets pour le temps de noël ebenfalls alte Texte in Kirchenlatein, aber er dachte sie gänzlich französisch – in Melodie, Rhythmus und Betonung. Dazu setzte er auf eine spannungsvolle Harmonik; die vier Motetten bezaubern durch mystische Tiefe und durch ihren Reichtum an Klangfarben. 
Diesen drei bedeutenden weihnachtlichen Chorzyklen hat Chorleiter Marcus Creed noch einige weitere Weihnachtslieder beigesellt. Drei Weihnachtliche Liedsätze von Heinrich Kaminski (1886 bis 1946) erscheinen zunächst ziemlich konventionell, doch bei genauerem Hinhören fällt bald auf, dass ihre Schlichtheit und Anmut ausgesprochen kunstvoll erschaffen worden ist. Sie verbinden Kontrapunktik der alten Schule mit romantischer Harmonik. Für Kirchenchöre, die auf Qualität schauen und trotzdem einmal etwas Neueres singen wollen, ein echter Geheimtipp! 
Die CD endet mit Es ist ein Ros entsprungen in einer Fassung, die den altbekannten Chorsatz von Michael Praetorius (1571 bis 1621) in einen neuen Rahmen stellt: Der schwedische Komponist Jan Sandström lässt das Original stark verlangsamt erklingen, umhüllt von einem Summchor. Eine interesssante und sehr skandinavische Variante. 
Das SWR Vokalensemble unter Leitung von Marcus Creed findet zu jedem dieser sehr unterschiedlichen Werke einen Zugang. Gesungen wird stilsicher, kraftvoll und lebendig. Die Sängerinnen und Sänger agieren ausgesprochen souverän sowie mit Engagement und Freude. Bravi! 

Donnerstag, 8. Dezember 2016

Paganini: Violin Concertos 1 & 2 (SWR Music)

Das Werk von Niccolò Paganini hat Salvatore Accardo, geboren 1941 in Turin, schon früh fasziniert: Bereits als 13jähriger spielte der Geiger, ein Schüler von Luigi d'Ambrosio und Yvonne Astruc, öffentlich die 24 Capricci op. 1 – und zwar alle. Im Laufe seiner Karriere hat Accardo dann auch sämtliche Violinkonzerte Paganinis im Konzert gespielt, und mehrfach eingespielt, inklusive der rekonstruierten. 
Im Hans-Rosbaud-Studio Baden-Baden sind einige Aufnahmen entstanden, die nun nach einem digitalen Remastering der SWR-Originalbänder aus den Jahren 1961 bis 1970 auf CD veröffentlicht worden sind. Zu hören sind das Violinkonzert Nr. 1 D-Dur op. 6, die Caprice a-Moll op. 1 Nr. 24, die Variationen über God Save the King, mit Maria Bergmann am Klavier, und das Violin- konzert Nr. 2 h-Moll op. 7, bekannt als La Campanella. Die Orchester- introduktion im Kopfsatz des ersten Konzertes wurde sehr stark gekürzt; das war damals nicht unüblich, zumal Paganini seinen Orchestersatz bewusst einfach gehalten hatte. Insofern hält sich der Verlust in Grenzen. Das damalige Sinfonieorchester des Südwestfunks in Baden-Baden wurde von Ernest Bour geleitet, einem Dirigenten, der offenbar akkurates Musi- zieren mit einer großen Portion Eleganz zu verbinden wusste.